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Zur Moral in der Literatur September 14, 2014 | 07:43 am

Diffizile Sache. Es scheint zumindest in dem, was man im weitesten Sinne als die Moderne bezeichnen kann, durchaus ein gewisser Konsens zu bestehen, dass Kunst nicht moralisieren soll. Man muss nicht Nabokov anführen, aber als Markstein ist er so gut wie jeder andere. Und doch moralisiert Nabokov, natürlich, tut das auch geschickt und, das scheint […]

Die »klassische deutsche Philosophie« und die kritische Theorie der Gesellschaft July 26, 2013 | 12:44 pm

Aspekte der materialistischen Auseinandersetzung mit Kant und Hegel

Die Systemphilosophie Hegels stellt als Abschluss der durch Kant eingeleiteten transzendental-idealistischen Bewegung zweifellos einen Wendepunkt der europäischen Philosophie dar. Aus dem Zusammenbruch der Hegel-Schule traten Materialisten mit Anspruch hervor, mit der so genannten klassischen deutschen Philosophie die Philosophie überhaupt zu beerben, sie revolutionär zu verwirklichen und in gesellschaftsverändernde Praxis aufzuheben.

Die folgenden Vorträge kreisen unter verschiedenen Gesichtspunkten, allerdings leider strikt androzentrisch, um die Frage, ob Hegel das letzte Wort der Philosophie gesprochen oder aber eher eine problematische Tendenz des Kantischen »Kritizismus« auf die Spitze getrieben hat, welche die materialistische Gesellschaftskritik spätestens im 20. Jahrhundert nötigte, zu Kant zurückzukehren, um über ihn und Hegel gleichermaßen hinauszugelangen.

1. Andreas Arndt, Die Hegel-Kritik des frühen Marx.

Andreas Arndt ist Professor der Philosophie an der theologischen Fakultät der Berliner Humboldtuni und ein Hegelianer vor dem Herrn. Der vorliegende Kurzvortrag stammt von der Konferenz »La réalisation de la philosophie à l’époque du Vormärz« (Paris, Februar 2012, Videodokumentation hier) und behandelt leider (fast) nur den jungen Marx. Arndt konzentriert sich auf Marxens Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie und stellt auch heraus, worin Marx selbst in seinen materialen Arbeiten Hegelianer geblieben ist. Allerdings bricht er an einer Stelle ab, an der eine materialistische Wendung Not täte: Dass Marx kategoriale Bestimmungen der Hegelschen Logik im Kapital bzw. aufs Kapital anwenden kann, ist m. E. dadurch bedingt, dass das Kapital bereits in Hegels Kategorien steckt.

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2. Alfred Schmidt, Gegenwartsprobleme in der materialistischen Erkenntnistheorie. Besonders hörenswert

Auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs sprach der vor etwa einem Jahr verstorbene Horkheimerschüler, Adornoassistent und spätere Philosophieprofessor Alfred Schmidt 1970 (!) in Wien über materialistische Erkenntnistheorie. Er skizziert in seinem noch heute hörenswerten Vortrag u.a. die Auseinandersetzung Marxens mit der theoretischen Philosophie Hegels. Marx und Engels verwarfen Hegels identitätsphilosophischen Ansatz, hielten aber an seiner Kritik am Kantischen »Ding an sich« fest. Diese »prekäre« Konstellation materialistischer Erkenntnistheorie und die Frage, warum auch der Materialismus nicht (im Gefolge Hegels) völlig ohne erkenntnistheoretische Erwägungen auskommt, beleuchtet Schmidt eingehend.

3. Paul Mentz, Philosophie im Angesicht der Verzweiflung. Adornos negative Philosophie der Moral.

Moralphilosophie scheint für radikale Gesellschaftskritik kein Anliegen ersten Ranges zu sein, möchte sie doch nicht an die Einzelnen appellieren, sie mögen ihr Verhalten ändern, sondern sie anstacheln zum Umsturz jener fetischistisch objektivierten Verhältnisse, in denen sie geknechtete (usw.) Wesen sind. Und doch sah Adorno sich veranlasst, Moralphilosophie nicht allein als Gegenstand, sondern auch als Medium oder Bestandteil seiner kritischen Theorie der Gesellschaft zu behandeln. Paul Mentz (Rote Ruhr Uni) zeichnet in seinem am 3. Juli 2013 bei der ISF in Freiburg gehaltenen Vortrag Adornos Auseinandersetzung mit Kants Individualethik und Hegels Theorie der Sittlichkeit nach.

Ankündigungstext:

Eine Moralphilosophie, die den eigenen Anspruch, moralisch zu sein nicht preisgeben will, muß auf die Verstrickung von herrschender Praxis und herrschender Unfreiheit reflektieren, und dabei festhalten, daß “nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles.” Angesichts der fortschreitenden Geschichte der Herrschaft und des Leidens läßt sich kein positiver Standpunkt der Moralphilosophie ausmachen, denn selbst “was der Mensch an sich sein soll”, läßt sich nicht sagen, da er immer nur das ist, “was er war: er wird an den Felsen seiner Vergangenheit geschmiedet.” Wie ein freier Mensch wäre, läßt sich nicht antizipieren, so daß keine moralischen Prinzipien aus der inneren Verfaßtheit des Menschen abgeleitet werden können. Adornos negative Moralphilosophie ist keine ethische Konzeption, sondern Kritik sowohl der Moralphilosophie als auch der Herrschaft und des Leidens, die, gerade weil sie auf die Unfreiheit reflektiert, zugleich auf die Realisierung von Freiheit insistiert, ohne diese positiv zu bestimmen. – Es spricht Paul Mentz (Dortmund), Autor u.a. von „Moralphilosophie im Stande der Unfreiheit – Adornos negative Moralphilosophie“ (Berlin 2012).

4. Literaturempfehlungen

1. Fragen die Erkennbarkeit der Natur betreffend, werden in Karl Heinz Haags Der Fortschritt in der Philosophie diskutiert, wobei Kant als ambivalenter Denker Gegenstand der Kritik wird ebenso wie Einspruchsinstanz gegen Hegel, den Neukantianismus, den Positivismus, ja gar gegen die materialistische Metaphysik Lenins und der marxistischen Orthodoxie. Das etwa 200 Seiten lange Plädoyer für eine negative Metaphysik, welche die Natur nicht in dem aufgehen lässt, was an ihr erkennbar ist, und die nicht von der historisch-gesellschaftlichen Vermitteltheit der Erkenntnis absieht, enthält auch ein Kapitel über Marx, in dem herausgearbeitet wird, dass dieser mit dem Begriff der immanenten Form von Naturdingen an einem Kerngedanken negativer Metaphysik festhält. Meines Erachtens überaus lesenswert, auch wenn die Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte meist nur immanent-argumentativ ohne Rückbezug der behandelten Theorien auf gesellschaftliche Realität erfolgt.

2. Um Ideologiekritik an Kant und Hegel, die eine feministische Dimension nicht ausspart, bemüht sich Daniel Späth in einer Reihe von Ausgaben der EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. Kürzlich erschien der erste Teil zu Hegel.

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An den Grenzen des Geistes (I) November 21, 2012 | 10:09 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Am 17. November veranstaltete der Arbeitsbereich Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen der FU Berlin eine kleine, aber gut besuchte Konferenz über Jean Améry. Unterstützt durch die VeranstalterInnen sowie die Tontechniker vor Ort und mit freundlicher Einwilligung der ReferentInnen habe ich einige der Vorträge aufgezeichnet. Hier erfolgt nun zunächst die Dokumentation des Eröffnungspodiums. Es stand unter dem Titel: »…daß das Wort nicht verstumme«: Was bedeutet »Moralisierung der Geschichte«?

Sich durch dieses und andere Podien ziehende Fragen bezogen sich auf Amérys Erfahrungen als Opfer von Folter und als Shoahüberlebender, sowie auf sein Verhältnis zu Sartre, Adorno, Hannah Arendt und zum Zionismus.

Die Beiträge sind auch auf Archive.org hinterlegt. Der zweite Teil der Dokumentation liegt mittlerweile auch vor.

Hermann Haarmann und Birte Hewera: Begrüßung und Einführung


    Download: via AArchiv, via RS (0:10 h, 4 MB)

Birte Hewera: Die »Wahrheit der Untat« – Jean Amérys Ressentiments


    Download: via AArchiv, via RS (0:27 h, 13 MB)

Miriam Mettler: Unversöhnlichkeit und Utopie – der Begriff der Heimat bei Adorno und Améry


    Download: via AArchiv, via RS (0:21 h, 10 MB)

Christoph Hesse: »Einen ewigen Namen will ich ihnen geben…« Claude Lanzmanns Film Shoah


    Download: via AArchiv, via RS (0:18 h, 8 MB)

An den Grenzen des Geistes.
Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry
17. November 2012, 10.00 bis 18.30 Uhr, Eintritt frei
Akademie der Künste, Clubräume, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Jean Améry

Hans Mayer alias Jean Améry, der sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren als Essayist, Publizist und Schriftsteller einen Namen machen konnte, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach Belgien fliehen. Dort schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. 1943 wurde er von der Gestapo als politischer Gegner verhaftet und anschließend im belgischen Auffanglager Breendonk von SS-Männern gefoltert. Es folgte seine Deportation nach Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von den Engländern befreit wurde. Die Erfahrungen von Folter und KZ blieben für immer der unhintergehbare Ausgangspunkt für sein Denken.
Über die Tagung

Das Berliner Symposion nimmt Jean Amérys 100. Geburtstag zum Anlass, die Diskussion um Person und Werk Jean Amérys weiter voranzutreiben und diesem Kommentator und Kritiker der Zeitgeschichte das ihm gebührende wissenschaftliche und politische Interesse zuteil werden zu lassen. Die Tagung möchte den moralischen, politischen, philosophischen und ästhetischen Aspekten im Werk Amérys nachspüren. In einem interdisziplinären Zugriff auf seine literarischen, philosophischen und publizistischen Arbeiten soll erörtert werden, inwieweit sie sich als kritische Interventionen in einer breiteren politischen Öffentlichkeit heute noch bewähren können.

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Moral und Interesse November 15, 2011 | 07:48 pm

Sachzwang FM hat mal wieder einen GSP-Vortrag gesendet:

Hübscher Aufklärungs- und Agitationsvortrag von Rolf Röhrig zum Thema »Die Moral und ihre Werte«. Sehr allgemeinverständlich wird zunächst die Funktion des Moralisierens in der bürgerlichen Gesellschaft entlarvt, bevor en detail die Tugenden des Fleißes, der Sparsamkeit, der Bescheidenheit, der Ehrlichkeit, des Altruismus und der Höflichkeit untersucht werden. [FRN]

Download: via AArchiv | via MF (2 h, 43 MB)

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Wer hat Angst vorm Weltuntergang? May 9, 2011 | 10:32 pm


SALEM – Till The World Ends von le-pere-de-colombe


Zwischen Libertinage und selbstverschuldeter Käfighaltung February 11, 2011 | 05:04 pm

Nachfolgender Artikel erschien in einer gekürzten Fassung in der aktuellen Ausgabe der Wiener ÖH-Zeitung Unique. Die vorliegende Version wurde – dem besseren Verständnis halber – leicht überarbeitet.

Im folgenden geht es um die BDSM-Szene, die Möglichkeiten, welche mit ihr verknüpft sind, aber auch um die Beschränkungen, die sie sich allein durch das Wesen ihrer selbst wieder auferlegt.

In seinem Machwerk zur Pathologisierung unterschiedlichster Spielarten von Sexualität, der „Psychopathia sexualis“, hatte Richard von Krafft-Ebing 1886 dem französischen Libertin Marquis de Sade sowie dem österreichischen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch die zweifelhafte Ehre zuteil kommen lassen, als Namensgeber für die beiden „Perversionen“ Sadismus und Masochismus herhalten zu dürfen. Gut hundert Jahre später, nachdem Ansätze zur Pathologisierung sowie die mediale Berichterstattung im Kontext des Sadomasochismus über das gesamte 20. Jahrhundert die obskursten Blüten getrieben hatten, kristallisierte sich – sicher auch unter dem Einfluss der Schwulen- und Lesbenbewegung der 70er und 80er Jahre – eine neue, aktive Szene heraus, BDSM war geboren.

Hinter dem Kürzel BDSM verbirgt sich: Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism; also eine Vielzahl von unterschiedlichsten sexuellen Spielrichtungen. Durch diese neue und umfangreiche Namensgebung wollte die junge Szene den Vorurteilen über SM begegnen, mit denen sie sich alltäglich konfrontiert sah. Denn mediale Inszenierungen, wie etwa jene des Managers in Führungsposition, der sich nach getaner Arbeit von einer Peitschen schwingenden Domina traktieren lässt, geisterten damals genauso wie heute durch die Öffentlichkeit. Es waren derartige immer wiederkehrende mediale Szenarien, eine Gesellschaft, die jede obskure zur Schau Stellung der „Perversen“ die Tristesse des eigenen Schlafzimmer verdrängen ließ, sowie eine Psychiatrie, welche Sadomasochismus größtenteils nur als Krankheitsbild wahrnehmen wollte, die die unterschiedlichsten Protagonisten einer von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Sexualität schließlich unter dem Dach einer eigenen Szene vereinten.

Reizendes Vertagswerk und ungebundene Fesslungen

Aber zunächst zurück zu den Beiden Namenspaten nach Krafft-Ebing, also zurück zu Sacher-Masoch und de Sade. Den Marquis hatte Krafft-Ebing auf Grund seines freizügigen Lebensstils sowie seines schriftstellerischen Werkes, in welchem die Protagonisten sich durchaus gerne einmal an dem Leiden ihrer Opfer erfreuen, zum Vorzeigesadisten auserkoren. Dass die heutige BDSM-Szene sich in ihrer Masse von de Sade, welchen sie vor allem als Pornografen wahrnimmt, distanziert, sollte hier aber nicht irritieren, zu sehr stehen die von de Sade beschriebenen Orgien ohne Hemmung und Rücksichtnahme, die mitunter in einem bestialischen Blutbad enden – siehe etwa „die 120 Tage von Sodom“ – in einem klaren Gegensatz zu der auf Vertrauen und gegenseitige Achtung bauenden Szene.
Ganz im Gegensatz zu de Sade kann Sacher-Masoch als ein bürgerlicher Autor par excellence betrachtet werden. In seiner 1870 erschienenen Novelle „Venus im Pelz“ steht der Protagonist in einem vertraglich festgelegten masochistischen Verhältnis zu seiner Geliebten. Es stehen sich also zwei bürgerliche Subjekte gegenüber, die ihre sexuelle Beziehung untereinander per Vertragswerk regeln. Es verwundert daher nicht, dass solche Arten von Verträgen sich auch heutzutage noch unter BDSMlern einer gewissen Beliebtheit erfreuen. So wenig, wie sich das ökonomische Grundsystem während der letzten 140 Jahre verändert hat, scheint auch das Bedürfnis, selbst seine intimsten Beziehungen noch vertraglich festzulegen, konstant geblieben zu sein. Die größte BDSM-Internet-Plattform im deutschsprachigen Raum, die sogenannte „Sklavenzentrale“, bietet Interessierten eigens hierfür – per digitalem „Sklavenvertragsgenerator“1 – die Möglichkeit an, die unvergleichlich schöne Sphäre des Warentausches noch mehr in das eigene Sexualleben zu integrieren, als sie dort ohnehin schon ihr Unwesen treibt. In solchen Verträgen können dann nicht nur die diversen sexuellen Aktivitäten, sondern auch das Verhalten am Arbeitsplatz oder die finanzielle Situation unter den Vertragspartnern geregelt werden. Das mag nun auf den ersten Blick recht drastisch erscheinen, wird aber – wenn es denn in seiner Vollkommenheit überhaupt genutzt wird – als Teil des erotischen Rollenspiels betrachtet, welches zum einen juristisch keinen Bestand hat und zum anderen jederzeit per „Safeword“, also durch einen vorher festgelegten Code, zum Abbruch gebracht werden kann. Parallel zu dieser detaillierten, schriftlich festgehaltenen Form des Vertragsschlusses unter Sexualpartnern, die nur von einem Bruchteil der Szene genutzt wird, hat sich innerhalb der gesamten Szene eine allgemein gültige, informelle Vertragsform etabliert: unter dem Motto „safe, sane and consensual“ gilt seit den 90ern, dass BDSM nur auf freiwilliger Basis, unter gegenseitigem Einverständnis und innerhalb von sicheren Grenzen praktiziert wird.
Das ist dann aber auch die einzige Prämisse, welcher sich wohl die ganze BDSM-Community verbunden fühlt. Die sexuellen Interessen der Szene sind dagegen extrem ausdifferenziert und reichen von einfachen Fesselspielen bis zur kompletten Auslieferung des eigenen Körpers an Dritte. Gerade diese große Breite von Praktiken, welche mittlerweile zu dem Gesamtgebilde BDSM zählen, machen ein wesentliches Potential dieser Szene aus, die klassischen Grenzen der Sexualität zu überschreiten und dabei Perspektiven jenseits der gängigen Fixierung auf primäre Geschlechtsmerkmale zu erschließen.
BDSM-Parties zeichnen sich folglich in ihrer Mehrzahl durch sehr offene Konzepte aus, was zu einer ständigen Vermischung der unterschiedlichsten Sexualpraktiken, aber auch der Geschlechterpräferenzen führt. Im Gegensatz zu den klassischen Sexparties in Swingerclubs gibt es nämlich innerhalb der BDSM-Szene nur eine sehr begrenzte Anzahl von Parties, welche sich ausschließlich an ein heterosexuelles Publikum wenden.2 So gibt es einzig bei einigen Themenparties, wie etwa solchen die sich an Dominique Aury’s „Geschichte der O“ orientieren, klare heterosexuelle Konstellationen und Vorgaben.
Wie sich anhand solcher Parties bereits erahnen lässt, machen viele Rollenspiele, welche innerhalb der Szene praktiziert werden, Sexualität auch unabhängig von der eigenen Zweierbeziehung, die auch innerhalb der BDSM-Szene das Kernstück des Beziehungslebens ausmacht, erfahr- und genießbar.

Vom Spiel mit der Macht und dem Elend mit der Identität

Das Sex fast immer auch ein Spiel mit Macht ist, mit dem sich Ausliefern und Hingeben, wird im sado-masochistischen Sex offen thematisiert, wird von den BDSMlern intensiviert und manipuliert. Die bei vielen sexuellen Handlungen vorhandenen Strukturen von Macht werden hier aus ihrem zumeist impliziten Rahmen genommen, in ein neues Setting überführt und explizit gemacht. Neben all ihren Extremen, von der körperlichen Folter bis zum Spiel mit psychischen Qualen, befreit diese explizit Machung so auch temporär von einem Moment der verinnerlichten, unbewussten Herrschaft, welches das Individuum doch selbst im Sexuellen noch heimsucht. Diese Offenheit, mit der in den Praktiken des BDSM Machtstrukturen erzeugt und bis ins Detail ausgekostet werden, führt daher fast schon zwangsläufig zu einer Reflexion über eben diese Strukturen und so zu einer Sensibilisierung der Beteiligten, was die eigenen Grenzen sowie die Grenzen der Anderen betrifft.
Die machtspezifischen Rollen innerhalb von BDSM-Beziehungen sind dabei zumeist klar definiert. Das Groß der Einsteiger in die BDSM-Szene entscheidet sich recht schnell für eine der beiden geläufigsten Positionen, den dominanten Part (Top, Herrin…) oder den unterwürfigen Gegenpart (Sub, Sklave…). Der Gegensatz und die Einordnung in eines der beiden Rollenmuster führt uns zu dem Elend mit der Identität, dem Elend sich selbst durch eine freiwillige Identitätszuschreibung im libidinösen Gefilde anderen sexuellen Erfahrungen zu entziehen. Denn genauso wie etwa nach der Entscheidung zur Hetero- oder Homosexualität wird die, zumeist in der Adoleszenz gewählte Rolle, in der Regel nicht mehr in Frage gestellt, sondern als gegeben, gar als „natürlich“ übernommen und zum Grundbaustein der weiteren Szeneexistenz gemacht. Dabei wird der intraindividuelle Zusammenhang von Masochismus und Sadismus, den nicht erst die Psychoanalyse offengelegt hat, ausgeblendet und so die Möglichkeit beide sexuellen Spielarten zugleich zum eigenen Lustgewinn heranziehen zu können zu Gunsten eines Labels negiert.
Zwar ist mit den sogenannten Switchern, welche sich je nach Lust und Laune für den devoten oder dominanten Part entscheiden, noch eine dritte, freiere Rolle innerhalb der Szene präsent, aber diese ist wesentlich seltener anzutreffen als die Beiden erst genannten.
Das Dilemma von Kategorisierung und Identität, welches sich hier bei der klaren Unterscheidung der Rollen zeigt, erscheint als prinzipielles Problem der gesamten BDSM-Szene, wenn man sich der Frage widmet, warum die sexuellen Vorlieben eines Individuums überhaupt in das Korsett einer Szene-Struktur gezwungen werden müssen. Gerade ein reges und glückliches Sexualleben sollte doch etwas sein, das sich unabhängig von den Begrenzungen durch Kultur, Ökonomie und Szenezugehörigkeit entfaltet. Statt dessen hat sich aber im Laufe der letzten 20 Jahre die BDSM-Szene zu einer eigenen Subkultur mit wöchentlichen Stammtischen und szeneeigenen Comedyabenden entwickelt.
Man hat sich verfangen irgendwo zwischen eigenen Parties, Internetplattformen, zum Vereinswesen verkommenen Gruppen-Strukturen und einer Gesellschaft, die BDSM noch immer vor allem mit einem verbindet, „dem Perversen“. Dabei wäre es doch so nahe liegend, sich einmal die Fragen zu stellen, warum die da draußen, die mit dem „Blümchensex“ und dem spöttischen Blick, denn auf einen selbst immer wieder nur als „den Perversen“ zu sprechen kommen und woher eigentlich diese Verachtung für all das kommt, was nicht dem bürgerlichen Ideal einer „gesunden“ – soll heißen einer scheinbar nicht bloß auf Reproduktion der eigenen Arbeitskraft sowie die Zeugung von Nachwuchs abzielenden – Sexualität entspricht. Dann nämlich bliebe nur ein Schluss zu ziehen: Das Problem ist die bürgerliche Moral an sich.

Wider die Moral

Aber genau wie die Mehrheit von Aktivisten aus dem Queer-Spektrum strebt auch ein Großteil der gesellschaftspolitisch aktiven BDSM-Szene nicht die Überwindung der bürgerlichen Moral an, sondern fordert einzig deren Ausdehnung auf die für sie relevanten Themengebiete. Durch derlei Forderungen wird allerdings nicht bloß ausgeblendet, dass das gesellschaftliche Verlangen nach „dem Perversen“, durch das man unter zur Hilfenahme der obskursten Projektionen die eigenen Triebhemmungen zu kompensieren sucht, ein immanenter Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist, sonder auch, dass solch sexuelle Freiheiten im Bedarfsfall – der sich gerade in Zeiten kapitalistischer Krisen und gesamtgesellschaftlicher Regression immer leicht finden lässt – schnell wieder zurückgenommen sind. Aber Reflexion in einem solchen Ausmaß, dass sie über die eigene szeneinterne Befindlichkeit hinausgehen könnte, ist in der BDSM-Szene, wie in anderen Subkulturen, freilich auf Grund ihrer Konstitution als identitäre Gemeinschaft zur Freizeitgestaltung, kaum vorhanden.
Es verwundert daher nicht, dass es ausgerechnet der Gesellschaftskritiker de Sade ist, dem die Mehrheit der BDSM-Szene abgeschworen hat. Findet sich doch gerade bei ihm – wie bereits Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ herausgestellt haben – eine fundamentale Kritik an jener bürgerlichen Moral, die bis zum heutigen Tage unser Denken und Handeln bestimmt. Insofern hätte eventuell gerade eine Wiederbelebung de Sades, jenseits einer auf das pornografische Element fixierten Rezeption, das Potential dazu, sowohl innerhalb als auch als außerhalb der BDSM-Szene, eine kritische Auseinandersetzung mit der bürgerlicher Moral zu eröffnen.
Denn einzig eine Überwindung der bürgerlichen Moral, welche bereits durch die Eigentümlichkeiten ihres Wesens mit einer Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise vonstatten gehen müsste, könnte Ausgangspunkt dafür sein, Sexualität jenseits von Stigmatisierungen, gesellschaftlich konstruierten Normen und den Begrenzungen einer Szenestruktur erfahrbar zu machen.

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all pictures by ellen von unwerth

  1. Hier die Links zur Sklavenzentrale und dem Vertragsgenerator.[back]

  2. Im Gegensatz dazu richten sich die BDSM-Parties der Schwulen-Szene zumeist ausschließlich an ein männliches Publikum.[back]


Der Wert und die Werte oder: die Moral in der Kritik January 7, 2011 | 03:49 pm

Gesellschaftskritik darf nicht bloß moralisch sein, möchte sie Radikalität für sich reklamieren. Denn die begriffslose Anklage der schlechten Zustände ist entweder hilflos und idealistisch, schlimmstenfalls aber personalisierend und reaktionär. Darin scheint die sog. radikale Linke sich einig und doch wird über das Verhältnis von Moral und Kritik zurecht gestritten. Hier einige Vorträge zum Thema.

1. Christine Zunke: »Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral«

Dieser Vortrag wurde im November 2010 im Rahmen einer Konferenz der Roten Ruhr Uni zum Thema »Die Moral in der Kritik« gehalten und von der Association Critique dokumentiert. Christine Zunke, Dozentin am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg, versucht sich darin an der Entwicklung eines, bürgerlicher Sittlichkeit entgegengesetzten, gesellschaftskritisch brauchbaren Moralbegriffs. Mit seiner Hilfe kann sie zeigen, warum VertreterInnen einer Herrschaftskritik, die vom (Privat-)Interesse der/des Einzelnen her begründet und an dieses adressiert wird, hinter Marx zurück fallen und zudem ständig Gefahr laufen, autoritär zu werden, wenn sie an die Agitierten deren »eigentliches« oder »objektives Interesse« von außen herantragen. – Abstoßungspunkt ist also der – bei ihr namenlos bleibende – GegenStandpunkt und seine Moralkritik (Beispiele für diese zum Hören finden sich einige), der eine gewisse Verwandtschaft zum ML nachgewiesen werden kann.

    Download: nachbearbeitet via MF (1:03 h, 22 MB), via RRU (59 MB)
    Hören via Soundcloud (59 MB)

Ankündigungstext:

Die Vorstellung einer befreiten Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen nicht unter dem blinden Gesetz der kapitalistischen Ökonomie bloße Mittel zur Verwertung des Werts, sondern Zweck der gesamtgesellschaftlichen Produktion wären, ist eine moralische Vorstellung, die sich nicht über das bloß individuelle Interesse begründen lässt. Denn das individuelle Interesse, meine Bedürfnisse (und die der Menschen, die ich mag) sollen Zweck der gesellschaftlichen Produktion sein, mündet konsequent in einer Vorstellung von Weltherrschaft. Nur in einem modernen Feudalismus mit mir an der Spitze hätte ich exklusiven Zugang zum gesamten Mehrprodukt und meine Bedürfnisse könnten auf höchstem Niveau verlangen und befriedigt werden. Das Interesse, das für die ganze Menschheit einen herrschaftsfreien Zustand fordert, ist dagegen nicht sinnlich, sondern aus reiner Vernunft praktisch begründet – und damit moralisch; dieses moralische Interesse an der Menschheit nannte Immanuel Kant Pflicht. Ich möchte diesen sperrigen Begriff aufnehmen und darstellen, warum die Abschaffung des Kapitalismus eine Pflicht ist, auch wenn sie meinen Interessen (Freizeit, Karriere etc.) entgegensteht.

2. Sachzwang FM zur Kritik der Moral, eine Sendung die ich bisher zu posten vergaß. Sie enthält zunächst einen Vortrag Manfred Dahlmanns (ISF): »Der Wert und die Ideale: (Un-)Moralische Perspektiven« (2002), in dem er sich nicht zuletzt mit Nietzsche und der Existentialphilosophie Heideggers und Sartres auseinandersetzt.
Anschließend verliest Dr. Indoktrinator noch Auszüge aus Horkheimers/Adornos Dialektik der Aufklärung, nämlich aus dem Kapitel »Juliette oder Aufklärung und Moral«.

Ankündigungstext (Dahlmann):

Der sogenannte Materialismusstreit beherrschte die philosophischen Debatten der Linken in den siebziger Jahren. Von den sich als Materialisten bezeichnenden kritisiert wurde ein ‚Idealismus‘, dem die Idiotie unterstellt wurde, er betrachte die Gegenständlichkeit der Natur als bloßes Gedankengebilde. Gar nicht ging es ihnen um das naheliegendste: die Kritik der Ideale im profanen, umgangssprachlichen Sinne. Der Grund dafür ist einfach – waren sie es doch, die damaligen ‚Materialisten‘ also, die die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer reinsten Form (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) zu verwirklichen vorgaben, und legitimierten sie doch auf genau dieser (nicht anders als idealistisch zu nennenden) Grundlage ihre Politik. Alles also wie gehabt: die Linke als die wahren Bürger und somit als Ärzte am Krankenbett einer Welt, die den Glauben an ihre eigenen Ideen längst verloren hatte. Die bürgerliche Rechte redet denn auch seit langem schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, von kaum etwas anderem als vom Verfall der kulturellen Werte (der ihnen dabei gern als Konsequenz des ‚Materialismus‘ gilt) und sieht in ihm die Ursache alles Bösen. Unter Linken und Rechten herrscht ungeachtet aller Animositäten bis auf den heutigen Tage somit der Glaube, wie in der Antike seien es die individuellen Tugenden, und somit das wohlgefällige, am Guten, Wahren, Schönen ausgerichtete Leben eines jeden, die letztlich darüber entschieden, wie es um die Qualität des gesellschaftlichen Ganzen bestellt sei. Wer wollte denn auch bestreiten, daß die Moral in seinem Alltag eine herausragende Rolle spielt (keiner behauptet schließlich von sich, er gefalle sich darin, seinen Freunden und Bekannten als Bösewicht gegenüber zu treten), und was liegt näher, als ins gesellschaftliche Allgemeine unmittelbar zu projizieren, was aus dieser Erfahrung – der, daß man selbst zweifellos nie etwas Böses im Schilde führen könne – unmittelbar folgt: daß es sich bei den anderen um Menschen mit schlechtem Charakter handeln muß, wenn es gesellschaftlich mal nicht so läuft wie man selbst es gerne hätte. Gegen die unvollkommene Verwirklichung der Werte als auch gegen den Werteverfall wird allseits die gleiche Medizin aus dem Arsenal erfolgsorientierten Managements verschrieben: konsequentes, zielgenaues Handeln. Selbst wem es um die Umwertung aller Werte (Nietzsche/Heidegger/Foucault) geht, oder auch, etwas bescheidener, nur um die Wertfreiheit der Wissenschaften (die so zur Verwirklichung allgemein anerkannter, pluralistischer Werte instrumentalisiert werden sollen), der redet immer von den anderen als denjenigen, die die falschen Ideale (oder die richtigen Ideale mit falschen Mitteln) verwirklichen würden, aber nie darüber, worum es jedem Gerede um Moral, Normen, Macht, Zwecksetzungen oder was für einer Praxis und Idealität auch immer in Wirklichkeit einzig geht: die Verwertung des Werts als die im empirischen Subjekt sich konstituierende und in Geld und Kapital inkarnierende gesellschaftliche Synthesis.

    Download via MF:
    In einem Stück (2 h) oder
    zweiteilig (je 1 h): erste Stunde, zweite Stunde

    UPDATE: Der Vortrag Dahlmanns wurde auch in einer Café Critique-Sendung verwendet. Für die Freunde hingrundmusikfreier Referate wahrscheinlich genießbarer: Download via CC, via MF (27 MB, 1 h)

3. Marcus Hawel: »Wieviel Politik verträgt die Moral? – Der schmale Grat zwischen moralischer Überlegenheit und Hypertrophie der Moral.« Siehe FRN.