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Ohne Courage gegenüber Antisemitismus April 17, 2017 | 10:00 am

In Berlin wird ein 14-jähriger jüdischer Junge monatelang von muslimischen Mitschülern antisemitisch angegriffen. Trotz eindringlicher Hinweise seiner Eltern zieht die Schulleitung keine Konsequenzen, weshalb der Jugendliche die Schule schließlich verlässt. Die Eltern gehen an die Öffentlichkeit, was andere Mütter und Väter in Rage versetzt – weil sie um das Image der Bildungseinrichtung fürchten, die sich als antirassistisch versteht. Das Opfer interessiert sie dabei weniger.

Das Problem fängt im Grunde genommen schon bei der Begrifflichkeit an. »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« heißt ein staatlich gefördertes Projekt, dem in Deutschland über 2.300 Schulen angehören, die sich »gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt wenden«. So steht es jedenfalls auf der Internetseite des Netzwerks. Bekämpft werden soll auch der Antisemitismus. Was die Initiative und die an ihr beteiligten Schulen darunter verstehen, wird allerdings nicht so richtig klar. Im Wesentlichen subsummiert man ihn einfach unter den Rassismus und sieht in ihm lediglich eine Diskriminierungsform von vielen – so, als handelte es sich nicht um eine eigenständige, irrationale, mörderische Ideologie, die aus den Juden das »Anti-Volk« macht, das sich die Welt unterwerfen und die Völker gegeneinander in den Krieg hetzen will und deshalb zur Rettung der Menschheit vernichtet werden muss. Antisemitismus scheint für »Schule ohne Rassismus« zudem etwas zu sein, das eigentlich nur bei Neonazis in nennenswertem Ausmaß anzutreffen ist und dessen moderne Formen wie der Hass auf Israel überdies gar nicht als antisemitisch wahrgenommen werden.

Wenn dann eine Schule, die sich an diesem Projekt beteiligt, wegen antijüdischer Vorfälle in die Schlagzeilen gerät und damit nicht vernünftig umgehen kann, zeigt sich die politische Beschränktheit dieser Initiative. So wie unlängst in Berlin-Schöneberg, wo ein 14-jähriger jüdischer Schüler die Friedenauer Gemeinschaftsschule verließ, nachdem er dort monatelang beschimpft, beleidigt, bedroht, getreten, geschlagen und gedemütigt worden war – weil er Jude ist. Die Täter waren Mitschüler, die allerdings keine Verbindungen zu deutschen Rechtsradikalen pflegten, sondern aus türkischen und arabischen Familien stammen. Die Eltern des Jungen hatten bei der Schulleitung interveniert und, nachdem diese keine nennenswerten Konsequenzen zog, ihren Sohn schließlich von der Schule genommen. Als der Fall daraufhin in die Medien kam, empörten sich zehn Mütter und Väter in einem Leserbrief an den Tagesspiegel – allerdings nicht über das antisemitische Mobbing gegen den jüdischen Schüler, sondern über die angeblich rufschädigende Berichterstattung der Zeitung über die Schule.

Schließlich sei diese Einrichtung – an der drei Viertel der Schüler einen Migrationshintergrund haben – »äußerst engagiert«, überzeuge mit einem »innovativen Schulkonzept« und verfüge über Pädagogen, die »fantastische Arbeit« leisteten. Angesichts dessen, so muss man diese Eloge wohl verstehen, hat antisemitisch motivierte Gewalt gegen einen 14-Jährigen lediglich eine Randnotiz zu sein. Noch befremdlicher wird es, wenn man liest, wie die Eltern sich diese Gewalt erklären. »Seit Jahrzehnten existiert im Nahen Osten ein nicht enden wollender Konflikt zwischen Arabern und Juden«, schreiben sie, und »eine Stadt wie Berlin, in der Menschen beider Religionen und Kulturen« lebten, könne »vor den Auswüchsen internationaler Konflikte, wie des Nahostkonflikts, nicht verschont bleiben«. Eine Schule mit einer Schülerschaft, die sich aus vielen Nationen zusammensetze, könne schlechterdings nicht »davor gefeit sein, dass es zu religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern kommt«.

Wie der Elternbrief den Antisemitismus reproduziert

Zunächst einmal stellt sich die Frage, was ein pubertierender jüdischer Jugendlicher aus einem deutsch-britischen Elternhaus überhaupt mit dem »Nahostkonflikt« zu tun haben soll. Die Antwort lautet schlicht und ergreifend: nichts. Juden überall auf der Welt mit der israelischen Politik zu identifizieren und sie dafür verbal und körperlich anzugreifen, folgt einer antisemitischen Logik. Und diese wird bereits geteilt, wenn man sie nicht als solche begreift, sondern bloß für einen »Auswuchs des Nahostkonflikts« hält und damit rationalisiert. Darüber hinaus ist schon die Verwendung des Wortes »Konflikt« eine Banalisierung der Wirklichkeit, schließlich geht es der arabischen Seite um nicht weniger als die Vernichtung Israels und seiner jüdischen Bewohner, was mal ganz offen auch so benannt und mal als »Befreiung Palästinas« – von den Juden nämlich – verbrämt wird.

Eine weitere Verharmlosung des Antisemitismus steckt in der Behauptung, bei den Attacken auf den Schüler handle es sich um »religiös motivierte Auseinandersetzungen«. Zum einen führt das Wort »Auseinandersetzung«, ähnlich wie der Begriff »Nahostkonflikt«, völlig in die Irre, weil es nicht zwischen den Angreifern und dem Angegriffenen, zwischen den Tätern und dem Opfer unterscheidet, sondern sie auf die gleiche Stufe stellt. Das einzige »Vergehen« des gemobbten Schülers bestand aber darin, jüdisch zu sein, was einer seiner Peiniger auch sehr deutlich machte, als er sagte: »Du bist Jude, und ich bin Muslim. Wir können nicht befreundet sein.« Denn alle Juden seien Mörder und außerdem geldgierig. Zum anderen liegt keine religiöse Motivation vor: Der jüdische Schüler hatte sich nicht abfällig über den Islam geäußert, und die Angriffe gegen ihn zielten nicht auf seine Religion, sondern hatten einen klaren politischen Hintergrund.

Die Eltern, die den Leserbrief verantworten, haben einen antisemitischen Angriff also zu einem simplen Streit verniedlicht, an dem beide Seiten gleichermaßen schuld gewesen sein sollen. Sie sorgen sich nicht so sehr um das Wohlbefinden des attackierten Jugendlichen, sondern fürchten vor allem, »dass die Schule in ein völlig falsches Licht gerückt und der Ruf, den sie sich gerade hart erkämpft, zunichte gemacht wird«. Eine bemerkenswerte Prioritätensetzung. Dem Tagesspiegel unterstellen die Mütter und Väter, »dem bildungsbürgerlichen Trend der Abschottung vor dem vermeintlich Anderen, dem Fremden« Vorschub zu leisten und »Wasser auf die Mühlen« derjenigen zu gießen, »die den Islam fürchten oder gar islamfeindliche Tendenzen verfolgen«. Wer den Antisemitismus muslimischer Schüler als solchen benennt, schürt also Rassismus und beabsichtigt die Zerstörung eines vorbildlichen multikulturellen Projekts. So viel Verkehrung der Realität ist schon beachtlich.

Ideologisch motivierte Irrtümer

Dass das Kleinreden des islamisch grundierten Hasses auf Juden mit dem Konzept »Schule ohne Rassismus« jedoch durchaus zusammengeht, zeigt auch ein Interview, das die FAZ mit der Leiterin des Netzwerks, Sanem Kleff, geführt hat. Kleff sagt darin, man müsse nach Vorfällen wie in Berlin stets fragen: »Wer sind die Kinder, die sich antisemitisch äußern? Kommen sie aus einer Region im Nahen Osten oder sind emotional mit einer solchen Region verbunden? Oder gibt es ganz andere Gründe für ihr Verhalten?« Das legt nahe, dass die Herkunft aus dem Nahen Osten oder eine emotionale Verbundenheit mit ihm den Antisemitismus der Betreffenden harmloser oder verständlicher erscheinen lassen soll. Solche Haltungen fügen sich allerdings in die linke, antirassistische Sicht auf den jüdischen Staat ein, die sich durch den ideologisch motivierten Irrglauben auszeichnet, dass es sich bei Israel um ein rassistisches und kolonialistisches Land handelt, das die Araber knechtet und deshalb selbst am weltweiten Antisemitismus schuld ist.

Alan Posener hat Recht, wenn er in der Welt feststellt: »Die Schüler und Schülerinnen, die anhand von Schulungsheften lernen, sich ein Opfernarrativ zuzulegen, das unangenehme Wahrheiten wie den arabischen Sklavenhandel, die Pogrome gegen Juden in Palästina und den Völkermord an den Armeniern ausblendet; die den Holocaust als Ereignis der fernen Geschichte und den Rassismus allein als Problem des Gastlands kennenlernen, spüren das schlechte Gewissen ihrer Lehrer und nutzen es aus. Sie spüren auch, dass sie in Sachen Israel oft auf ein klammheimliches Einverständnis setzen können. Hier liegt der Kern des Problems.« In eine ähnliche Richtung geht die Stellungnahme des grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der sowohl den zögerlichen Umgang der Friedenauer Schulleitung mit den antisemitischen Angriffen als auch den Leserbrief der Eltern kritisierte, in dem der Antisemitismus nicht nur nicht erkannt, sondern sogar reproduziert worden sei. Beck forderte demgegenüber, sämtliche Formen von Feindschaft gegen Juden zu bekämpfen – und damit auch die von Muslimen und Linken.

Das aber scheint in »Schulen ohne Rassismus« nicht vorgesehen zu sein. Der unter Muslimen geradezu endemische Antisemitismus ist bestenfalls ein Randthema, oft wird er geleugnet, wegdefiniert oder mit Verständnis bedacht – selbst wenn, wie an der Gemeinschaftsschule Friedenau, ein Schüler derart unter ihm zu leiden hat, dass seine Eltern keine andere Wahl sehen, als ihr Kind von der Schule zu holen, weil die Schulleitung nicht genügend unternimmt. Wenn sich andere Väter und Mütter dann auch noch mehr um das Image der Schule sorgen als um die seelische und körperliche Unversehrtheit eines gemobbten jüdischen Jugendlichen, ist das Elend perfekt. So viel übrigens auch zum Thema »Schule mit Courage«, das als programmatischer Anspruch ja ebenfalls ein Bestandteil des Projektes ist.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.


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Der falsche Hase von Ratekau March 31, 2011 | 10:50 am

Steinzeitwochen-Projektwoche an der César-Klein-Schule in Ratekau: Der Steinzeitanimateur betäubt ein Kaninchen mit dem Hammer, schneidet ihm die Kehle auf, zerlegt es (hoffentlich) fachgerecht, legt es auf den Grill und serviert es den heulenden Fünftklässlern. Eine (zugegebenermaßen nicht sehr steinzeitliche) Unterschriftensammlung der Schüler haben die Teamleiter abgelehnt und in den Lübecker Nachrichten erläutert: »Wir haben diese Form der Petition zurückgewiesen. Man kann ja auch keine Unterschriften gegen eine Mathe-Arbeit vorlegen.« Da haben sie fast recht. Vorlegen kann man zwar so einiges, abgesehen von einem Entschuldigungsschreiben der Eltern hilft aber kaum was. Und da diese gar nicht erst informiert wurden, wäre sogar die allseits beliebte Fälschung einigermaßen unglaubwürdig gewesen.

Die Spielregeln, nach denen Elternschaft und Staat das Wohl der lieben Kleinen verhandeln, interessiert in diesem Fall allerdings nur am Rande. Spannender ist die verbreitete Sorge, jemand könnte ernsthaft glauben, das schmackhafte Fleisch käme aus dem Supermarkt und nicht aus dem eigens getöteten Körper eines Tieres. Wie fast jeder Schwachsinn hat auch dieser etwas richtiges an sich: Die Entfremdung als ein erfreuliche Errungenschaft der Moderne abzufeiern, führt nicht zur Wahrheit. Das Schnitzel scheidet der Metzger aus dem Schwein, das Telefon kleben eifrige Kinderhände in Übersee zusammen und selbst die neue Marxausgabe wird vom Proletarier und seinem Leimerdingsi gebastelt. Wer das nicht gerade verdrängt oder verdrängen muss, weiß das auch.

Was der Steinzeitanimateur und seine vermutlich verbeamteten Auftraggeber vermitteln wollten, ist nicht eine Information, sondern ein Bewusstsein. (Übrigens nicht für den Kaninchenknecht, der mühsam mit dem Hammer zuschlagen muss, sondern für das Gemetzel und dessen vermeintliche Natürlichkeit.) Die Methode ist zumindest sonderbar: Die Kinder hatten das Kaninchen vor dessen Schlachtung noch einmal streicheln dürfen. “Das war so etwas wie Abschiednehmen. Die Kinder sagten ,Tschüs, liebes Kaninchen und danke, dass wir dich essen dürfen‘“, erinnert sich der Landwirt, der das Tier tötete. Dem Tier erst einen Verstand anzudichten, der mit Dankbarkeit für den Tötungs- und Verzehrungsakt etwas anzufangen wüsste, ist in Form einer Aufklärungsaktion fragwürdig, ihm direkt im Anschluss den Gar auszumachen, hingegen barbarisch. Eine solche Dialektik von Nutz- und Kuscheltier ist nicht neu, hat sicher ideologische Tradition und lässt sich vielleicht sogar leichter rechtfertigen als die Ware aus dem Kühlregal.

Auf die Idee aber, dass diese aberwitzige Konstruktion schon einleuchten werde, wenn man sie mal eben so vormache, kann nur kommen, wer sich erst tief genug festgefahren hat in seinem ideologischem Sumpf aus unreflektierter Entfremdung, hilflosen Rechtfertigungsstrategien und dem dringenden Bedürfnis, sich in der halbgaren Restnaturhaftigkeit des Menschen widerspruchsfrei einzurichten.

Mir ist nicht wohl dabei, einem solchen Projekt noch mit Ratschlägen zur Seite zu stehen, aber dennoch: Macht eine eurer »Unterrichtseinheiten«, problematisiert das Mensch-Natur-Verhältnis so gut, wie das mit Fünftklässlern eben geht und fahrt dann auf einen Bauernhof oder in Schlachthaus raus, wenn ihr dafür Anschauungsobjekte benötigen solltet. Das ist der kleine aber feine Unterschied zwischen dem Bambi-Kill und der Vorbereitung eines schmackhaften Wildgelages. Toll ist beides nicht, aber wo das eine nichts als Trauma, Schmerz und Verrohung anzubieten hat, lässt sich auf die andere Weise immerhin dieses Öko-Konsumentenbewusstsein formen, mit dem die Kinder im falschen Ganzen wenigstens was anfangen können (und das ihr vermutlich auch im Sinn hattet).

Nachtrag: Bei SpOn klingt die Geschichte etwas anders – ändern tut das aber nichts.

same procedure December 6, 2009 | 02:26 pm

Fast jeder Jahrgang fast jeden Gymnasiums unterhält eine Kasse für seine Anschaffungen, und muss die irgendwie mit Geld befüllen. Auf meiner alten Schule werden zu diesem Zweck mehr oder weniger lustige Partys ausgerichtet – viele andere machen das wohl auch so. Drum herum gibt es allerlei Diskussion, weil die Feiern erstens extrem wichtig für das soziale Klima der Dorfschule sind und es zweitens ziemlich schnell um ziemlich viel Geld geht.

Ein Klassiker, der scheinbar nicht tot zu kriegen ist, bleibt der Kommerzialisierungsstreit. Die immer gleiche Ausgangssituation: »Bis ganz kurz vor jetzt waren unsere Partys immer irre authentisch und jetzt geht es nur noch ums Geld.« Oder: »Die andere Schule (der andere Jahrgang) da verdient mehr Geld als wir, ist dafür aber nicht so irre authentisch.« Langweilig? Stimmt. Aber es ist trotzdem lustig, diesem Wiedergänger bei der Arbeit zuzugucken. Besonders, wenn er sowas macht:

Gästebuch»Liebe Sonja« box den um. Der taugt nichts.

Geisterhaus, digital September 11, 2009 | 01:37 pm

(Edit: Wie diese eigentlich eher komische Geschichte plötzlich doch noch spannend wurde und warum das Video unten nicht mehr da ist, kann man hier nachlesen.)

Vor sieben oder acht Jahren, als die erste Welle der Killerspiel-Hysterie von Columbine über Erfurt in mein eigenes Provinznest gerollt kam, war einer meiner Freunde über Wochen damit beschäftigt, unsere Schule zu vermessen und abzufotografieren. Er hat Texturen für eine möglichst realitätsnahe Half-Life-Map unserer Schule gesammelt – ein Bedarf, den man einem passionierten Spieler kaum wird erklären müssen, der sich einer Restwelt auf der Suche nach Skandal und Ausnahmezustand aber ganz anders darstellen musste:

»Stets habe ich an einen Mehrspielerlevel, völlig ohne NPCs (Non-Player Characters = vom Programm gesteuerte Charaktere), gedacht – nie hingegen an ein Szenario, in dem man abschießbare Nachbildungen, real existierender Lehrer antrifft. Letztere Idee haben mir allerdings verblüffend viele Mitschüler kundgetan.«

Ich habe diese Map gestern zum ersten mal bespielt und kann die Triphaftigkeit dieser 20 Minuten kaum beschreiben. Anstatt es trotzdem zu versuchen, habe ich mich nun mit dem Designer dieses Geisterhauses verabredet, um seiner Schöpfung einen gemeinsamen Besuch abzustatten und auf dem Spaziergang über dies und das zu sprechen. Den dann traditionsgemäß doch nicht eingehaltenen Termin verkneife ich mir ausnahmsweise mal, einen kleinen Teaser gibt es aber schon: