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An den Grenzen des Geistes (II) December 8, 2012 | 02:02 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Nach einiger Verzögerungen können wir nun einige weitere Beträge der Berliner Améry-Tagung vom 17. November 2012 dokumentieren. Es handelt sich um zwei Vorträge des zweiten Podiums, das einen philosophischen Schwerpunkt hatte, sowie um den Abschlussvortrag der Améry-Biografin Irene Heidelberger-Leonard, die viele Motive der Tagung noch einmal aufgreift und einige neue Aspekte anspricht. Das Literatur-Podium wurde nicht aufgezeichnet. Es ist nach Aussage der VeranstalterInnen allerdings ein Tagungsband geplant, in dem alle Beiträge schriftlich dokumentiert werden.

Podium 2: Philosophie im Spannungsfeld von Erfahrung und Abstraktion

Gerhard Scheit, Folter und Vernichtung. Jean Amérys immanente Kritik an der Philosophie Jean-Paul Sartres

Deborah Hartmann, »Was mir anliegt, das ist die Beschreibung der subjektiven Verfassung des Opfers.« Jean Améry, Theodor W. Adorno und das Jude-Sein nach Auschwitz

Deborah Hartmann, Studium der Politikwissenschaft und Geschichte in Wien, seit 2007 Pädagogische Mitarbeiterin der International School for Holocaust Studies Yad Vashem, lebt seit 2011 in Berlin und repräsentiert die pädagogische Abteilung Yad Vashems in den deutschsprachigen Ländern. [via]

Festvortrag:
Irene Heidelberger-Leonard, Was bleibt? – Jean Améry zum 100. Geburtstag

Vom Festvortrag gibt es auf Youtube eine Videoaufzeichnung mit mäßiger Klangqualität.

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An den Grenzen des Geistes (I) November 21, 2012 | 10:09 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Am 17. November veranstaltete der Arbeitsbereich Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen der FU Berlin eine kleine, aber gut besuchte Konferenz über Jean Améry. Unterstützt durch die VeranstalterInnen sowie die Tontechniker vor Ort und mit freundlicher Einwilligung der ReferentInnen habe ich einige der Vorträge aufgezeichnet. Hier erfolgt nun zunächst die Dokumentation des Eröffnungspodiums. Es stand unter dem Titel: »…daß das Wort nicht verstumme«: Was bedeutet »Moralisierung der Geschichte«?

Sich durch dieses und andere Podien ziehende Fragen bezogen sich auf Amérys Erfahrungen als Opfer von Folter und als Shoahüberlebender, sowie auf sein Verhältnis zu Sartre, Adorno, Hannah Arendt und zum Zionismus.

Die Beiträge sind auch auf Archive.org hinterlegt. Der zweite Teil der Dokumentation liegt mittlerweile auch vor.

Hermann Haarmann und Birte Hewera: Begrüßung und Einführung


    Download: via AArchiv, via RS (0:10 h, 4 MB)

Birte Hewera: Die »Wahrheit der Untat« – Jean Amérys Ressentiments


    Download: via AArchiv, via RS (0:27 h, 13 MB)

Miriam Mettler: Unversöhnlichkeit und Utopie – der Begriff der Heimat bei Adorno und Améry


    Download: via AArchiv, via RS (0:21 h, 10 MB)

Christoph Hesse: »Einen ewigen Namen will ich ihnen geben…« Claude Lanzmanns Film Shoah


    Download: via AArchiv, via RS (0:18 h, 8 MB)

An den Grenzen des Geistes.
Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry
17. November 2012, 10.00 bis 18.30 Uhr, Eintritt frei
Akademie der Künste, Clubräume, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Jean Améry

Hans Mayer alias Jean Améry, der sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren als Essayist, Publizist und Schriftsteller einen Namen machen konnte, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach Belgien fliehen. Dort schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. 1943 wurde er von der Gestapo als politischer Gegner verhaftet und anschließend im belgischen Auffanglager Breendonk von SS-Männern gefoltert. Es folgte seine Deportation nach Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von den Engländern befreit wurde. Die Erfahrungen von Folter und KZ blieben für immer der unhintergehbare Ausgangspunkt für sein Denken.
Über die Tagung

Das Berliner Symposion nimmt Jean Amérys 100. Geburtstag zum Anlass, die Diskussion um Person und Werk Jean Amérys weiter voranzutreiben und diesem Kommentator und Kritiker der Zeitgeschichte das ihm gebührende wissenschaftliche und politische Interesse zuteil werden zu lassen. Die Tagung möchte den moralischen, politischen, philosophischen und ästhetischen Aspekten im Werk Amérys nachspüren. In einem interdisziplinären Zugriff auf seine literarischen, philosophischen und publizistischen Arbeiten soll erörtert werden, inwieweit sie sich als kritische Interventionen in einer breiteren politischen Öffentlichkeit heute noch bewähren können.

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Veranstaltungsreihe “Erinnern, Vergessen, Verdrängen – Deutsches Erinnern an die Shoah” November 12, 2012 | 09:24 pm

Veranstaltungsreihe "Erinnern, Vergessen, Verdrängen - Deutsches Erinnern an die Shoah":

Am kommenden Freitag, den 16. November, startet die Veranstaltungsreihe “Erinnern, Vergessen, Verdrängen - Deutsches Erinnern an die Shoah” mit einem Vortrag von Rainer Hirt (FH Jena) zur Geschichte der deutschen “Erinnerungskultur”. Zeit: 19.30 Uhr, Hörsaal 9 am Campus Carl-Zeiss-Straße, Jena. Weitere Informationen dazu gibt es auf dem die Reihe begleitenden Blog sowie der Facebook-Seite.

Weiter geht es dann mit diesen Veranstaltungen:

23. November 2012. Sonja Witte - „Nationales Vergangenheitsrecycling - Die postnazistische Allianz der Generationen im deutschen Kollektiv”. Zeit: 18 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 7.

‚Aufarbeitung deutscher Geschichte’ verbindet immer wieder als moralischer Bezugspunkt nationale Ideologie mit der Idee einer Versöhnung der Generationen. Die Referenz auf die deutschen Verbrechen, auf Auschwitz, ist dabei zentral. Neben die fortwährende Stilisierung der Deutschen als Opfer tritt seit den 90ern die Integration von Auschwitz in die kulturindustrielle deutsche Erinnerungsarbeit als gesellschaftlichem ,Kitt‘, in der die Nation – und zwar mittlerweile ohne die Shoah abzuspalten – zum kollektiven Objekt der Identifizierung wird. Die neue scheinbare Unbefangenheit im Umgang mit der Geschichte, in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der eigenen Großeltern, der Wunsch, bei der Weltmeisterschaft auch einmal „schwarz-rot-geil“ zu sein, macht die dritte TäterInnengeneration zum Protagonisten des postnazistischen Nationalgefühls. Der Vortrag stellt die von der Gruppe kittkritik in dem Sammelband „Deutschlandwunder –Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ (erschienen 2007 im Ventil-Verlag) entwickelten Thesen zur Verknüpfung der gegenwärtigen kulturindustriellen Anpassung und Umwandlung von Elementen des Nationalsozialismus mit subjektiven unbewussten Wünschen und Abwehrstrategien im Verhältnis zwischen Tätergeneration, Kindern und Enkeln anhand von Film- und Musikbeispielen dar.

27. November 2012. Philipp Schweizer - „Eine materialistische Theorie der Geschichte – Walter Benjamins Griff nach der Notbremse und Adornos Versuch die Ursachen der Vergangenheit zumindest nachträglich zu beseitigen“. Zeit: 19 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Noch vor 50 Jahren schienen die Fronten klar: die Erinnerung an den Nationalsozialismus richtete sich nicht nur gegen das Schweigen der eigenen Väter und Onkel, sondern auch das er gesamten deutschen Öffentlichkeit. Diese wollte lieber auf eine große Zukunft Deutschlands hinarbeiten und dazu einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, anstatt sich mit der Erinnerung an die abzugeben die im Namen Deutschlands und seiner Zukunft ermordet wurden. Vor diesem Hintergrund schien jedes Erinnern ein Angriff auf den emsigen Wiederaufbau und die Ruhe und Ordnung zu sein – kurz war praktische Subversion. Wie aber steht es um die subversiven Potentiale von Erinnerung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Zeiten in denen sich eine Breite Erinnerungskultur etabliert hat und sogar Gedenkverstaltungen zur Befreiung von Auschwitz oder zum Ende des Nationalsozialismus in Bundestag und -rat mit Zitaten Theodor W. Adornos eröffnet werden? Der Vortrag vergegenwärtigt zunächst die Überlegungen der Kritischen Theorie zu Erinnerung und Geschichte, indem die Überlegungen aus Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) und Theodor W. Adornos Vortrag „Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1960) vorgestellt werden, um in Anschluss an diese eine materialistische Theorie der Geschichte zu umreißen.

07. Dezember 2012. Christian Schneider - „Trauer als Metapher deutscher Erinnerungspolitik – Besichtigung eines ideologisierten Affekts“. Zeit: 19 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Spätestens mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäckers am 8. Mai 1985 wurde die Verknüpfung von Erinnerung, Trauer und Verantwortung zentraler Bestanteil deutscher Erinnerungspolitik. Trauer ist jedoch nicht moralisch postulierbar, sondern ein spontaner kreatürlicher Akt. Der Vortrag geht anhand der Rede von Weizäckers, der Opferidentifizierung der 68’er und der Debatte um das Holocaustmahnmal der These nach, dass der Begriff „Erinnerung“ im Kontext von NS und Shoah fetischisiert und de facto verzerrt wird und dass die die im deutschen Erinnern allgegenwärtige Rede von der Trauer um die Opfer der Shoah, die Trauer um ihren humanistischen Gehalt bringt.

09. Dezember 2012. Exkursion – Mittelbau Dora

weitere Infos gibt es bislang nur auf der Seite zum dazugehörigen “Facebook-Event

13. Dezember 2012. Magnus Klaue - „Bürgerliche Kälte“ Zur Aporie historischen Eingedenkens in der Kritischen Theorie. Zeit: 19.30 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Daß die „Dialektik der Aufklärung“ an ihren „schwärzesten Stellen“ vor der „These der Gegenaufklärung“ resigniere, daß der Schrecken sich nicht abschaffen lasse, und zu einer negativen Geschichtsmetaphysik zu gerinnen drohe, hat bereits Jürgen Habermas 1963 festgestellt. Es war sein Entrebillet ins Racket der Nachlaßverweser des Erbes von Horkheimer, Benjamin und Adorno, das seinen Aufstieg zum Chefphilosophen der neudeutschen Zivilgesellschaft ermöglichte. Doch auch bei Leuten, die keiner Sympathie mit Habermas verdächtig sind, ist die Behauptung populär, dass die „Dialektik der Aufklärung“ und die „Negative Dialektik“ durch ihre Hypostasierung der negativen Totalität des Geschichtsprozesses jede empathische Identifikation mit „den Opfern“ unmöglich machten, ja die Differenz zwischen Tätern und Opfern gar nicht mehr denken könnten. Gegenüber diesem verschämten Abschied von der Kritischen Theorie, der sich neuerdings auf Jean Améry beruft, soll der Vortrag zeigen, daß die Verweigerung einer gefühligen Identifikation mit den Opfern der Shoah und die „kalte“ Vernachlässigung des empirischen Einzelschicksals bei Adorno sich selbst als Konsequenz historischen Eingedenkens angesichts eines Menschheitsverbrechens verstehen lassen, das den Begriff des „Einzelschicksals“ bis ins Innerste fragwürdig gemacht hat. Gerade deshalb hat die frühe Kritische Theorie vom Opfergedenken einen verbindlicheren Begriff als die seither entstandene nationale Gendenkkultur, die „die Opfer“ nicht empathisch genug betrauern kann, um umso gründlicher zu vergessen, woran sie erinnern und wozu zu sie auffordern.

100 Jahre Jean Améry October 31, 2012 | 06:42 pm

Vor hundert Jahren, am 31. Oktober 1912 wurde Jean Améry als Hans Chaim Mayer in Wien geboren. Der politische Essayist und Schriftsteller, von den Nazis als Jude und Widerstandskämpfer verfolgt, interniert, gefoltert, wählte 1978 den Freitod. Die folgenden Beiträge, welche teilweise aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, teilweise aus den freien Radios stammen, erinnern an Améry, an seine leidvolle Biographie ebenso wie an sein leidenschaftlich-engagiertes Schreiben nach 1945.

1. 100 Jahre Jean Améry: Die Unmöglichkeit weiterzumachen.

Roger Behrens geht u.a. Amérys Kritik des linken Antisemitismus und seiner Auseinandersetzung mit Philosophie und Literatur nach.

Jean Améry wurde im April 1945 von den Engländern aus Bergen-Belsen befreit – nach zwei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz.
Der Schriftsteller polemisierte in den folgenden Jahren gegen alle diejenigen, die die existenzielle Bedeutung des Staates Israels nicht sehen wollten. Denn das Bestehen dieses Staates, so Améry, sei nur vor dem Hintergrund der Katastrophe Auschwitz und der darin enthaltenen Möglichkeit eines zweiten Auschwitz zu sehen. Améry hatte sich selbst immer als der Linken zugehörig betrachtet. Die Ignoranz gegenüber der andauernden Bedrohung Israels und der zunehmende und nur schlecht als „Antizionismus“ verhüllte Antisemitismus ausgerechnet innerhalb der Linken ließen ihn jedoch schließlich an dieser Linken verzweifeln. Wir hören Roger Behrens über Améry, der am (heutigen) Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre.

2. Vom Leben nach der Folter. Erinnerung an Jean Améry

Von Astrid Nettling

Dass die Folter das fürchterlichste Ereignis sei, das ein Mensch sich bewahren könne – dieses kompromisslose Urteil stammt von Jean Améry, dem belgischen Schriftsteller österreichischer Herkunft. Nach seinen qualvollen Erfahrungen als KZ Häftling während der Zeit des Nationalsozialismus stellte er immer wieder fest, in der Welt nicht mehr heimisch werden zu können.

    Download: via DLF | via RS (0:29 h, 14 MB) | Text

3. DRS 2 Reflexe: Jean Améry, Modernist aus Leidenschaft

Der österreichische Schriftsteller Jean Améry (1912-1978) verkörperte einen Typus von Intellektuellen, wie es ihn heute kaum noch gibt. Der gebürtige Wiener war ein blendender Stilist und ein kritischer Analytiker der Zeitläufe.

Er war von der französischen Aufklärung und vom Existenzialismus Sartres geprägt, ein wacher, sensibler und nervöser Geist, der über Foucault und den Strukturalismus ebenso glänzend zu schreiben vermochte wie über seine Erfahrungen als KZ-Häftling in Auschwitz und die moralischen Aspekte des Freitods.

Zum 100. Geburtstag, am 31. Oktober 2012, erinnert Günter Kaindlstorfer an den bedeutenden Schriftsteller und stellt die Frage nach Amérys Aktualität. [via]

    Download: via DRS | via RS (0:30 h, 14 MB)

4. ZDF: Zeugen des Jahrhunderts

Zuletzt ein Gespräch, das Ingo Hermann mit Améry kurz vor dessen Tod im Sommer 1978 geführt hat. Es kreist u.a. um das Thema politische Gewalt. Die Aufzeichnung ist leider unvollständig.

    Download: video (mp4, 158 MB), audio (mp3, 0:49 h, 20 MB)
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Lorettas Leselampe September 19, 2012 | 08:39 am

Sie gehört zu den anspruchsvollsten Sendungen der deutschsprachigen freien Radios. Seit Mitte der 1990er Jahre werden unter ihrem Licht Veröffentlichungen besprochen, die von den Hörern und Hörerinnen sonst potentiell nicht wahrgenommen werden würden. Immer wieder gelang es mit ihr Positionierungen aufzuzeigen und Scheuklappen zu lüften. Ihre klare Position gegen den Antisemitismus in der Linken und ihre Vorliebe für die Kritische Theorie, hoben sich angenehm von vielen anderen Produktionen der freien Radios ab. Auch weil sich die Produktionsbedingungen für sie in den letzten Jahren verschlechtert haben (die Redaktion verkleinerte sich und die verbliebenen Mitglieder verteilen sich auf unterschiedliche Städte), soll sie im Folgenden gewürdigt werden: Lorettas Leselampe vom Freien Sender Kombinat Hamburg.

Wir dokumentieren einige – weitere werden folgen – Besprechungen aus den letzten Jahren, die deutlich machen, dass es eine Vielzahl von Büchern (Filmen und Hörbüchern) gibt, deren Erscheinungsdatum kaum eine Rolle spielen.

Fortschrittliches jüdisches Denken und der neue Antisemitismus (Alvin H Rosenfeld)
Über eine Broschüre die für jeden und jede interessant sein sollte, wenn Sie ihre politischen Argumente schärfen möchte, die Alvin H. Rosenfeld im Ölbaum-Verlag veröffentlichte. Rosenfeld wurde bekannt mit Büchern zur literarischen Auseinandersetzung mit der Shoah.

    Download: via AArchiv (mp3; 19:20 min; 26,6 MB)

Zum Werk Alexander Kluges
Aus Anlass der Veröffentlichung sämtlicher (bis dahin erschienener) Filme Alexander Kluges bei Zweitausendeins wird über dessen Werk mit Hilfe von Hörbeispielen diskutiert.

    Download: via AArchiv (mp3; 26:19 min; 35,0 MB)

Dossier K. (Imre Kertesz)
2006 veröffentlichte Imre Kertesz mit Dossier K. seine Autobiografie. Es ist eine Selbstbefragung im Dienste ästhetischer und historischer Wahrhaftigkeit, ein Dialog, den der Autor mit sich selbst führt. Das bei Rowohlt verlegte Buch wird von Olaf Kistenmacher rezensiert. Ole Frahm liest die Besprechung.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:10 min; 18,1 MB)

Die Ästhetik des Widerstands (Peter Weiss)
Eines der wichtigsten Bücher über das historische Scheitern der Linken als Hörbuch.

    Download: via AArchiv (mp3; 18:55 min; 26,0 MB)

Hubert Fichte: Hörwerke
22 Jahre umschließen die – bei Zweitausendeins veröffentlichten – Hörwerke Hubert Fichtes: Die knapp 18 Stunden ermöglichen einen guten Zugang zum OEuvre Fichtes.

    Download: via AArchiv (mp3; 15:32 min; 26,0 MB)

Zur Aktualität Hubert Fichtes
2007 gab Jan-Frederik Bandel den Tagungsband Fichte Texte und Kontexte heraus. Es geht um Fichte als Pop-Autor und seinen Rang als literarischer Ethnologe. Vorgestellt werden Texte aus allen Schaffensperioden, darunter ungedruckte oder erst kürzlich veröffentlichte.

    Download: via AArchiv (mp3; 15:17 min; 21,0 MB)

Das Archiv brennt (Georges Didi-Huberman)
Das Archiv ist kein neutraler Ort. Im Gegenteil, er ist umkämpft. Immer wieder wurde im Laufe der Geschichte zerstört – und diese Zerstörungen sicherten eine bestimmte, danach herrschende Geschichtsschreibung. Georges Didi-Huberman, der 2007 eine Reflexion zur Überlieferung des Holocaust verfasste, trauert nicht um das Archiv, sondern um die Toten, von denen in keinem der Archive Zeugnis abgelegt werden konnte.

    Download: via AArchiv (mp3; 9:42 min; 13,3 MB)

Briefwechsel: Adorno-Kracauer
Die, zwischen 1923 und 1966 geschriebenen, Briefe zwischen Adorno und Kracauer geben vor allem einen Einblick in deren Privatleben. Stefan Müller-Doohm erschien der Band als unverzichtbares Hilfsmittel der biografischen und werkgeschichtlichen Adorno- und Kracauerforschung.

    Download: via AArchiv (mp3; 43:55 min; 60,3 MB)

Literarischer Antisemitismus
Nach welchen Kriterien kann Antisemitismus in literarischen Texten analysiert werden? Dieser Fragen gingen Literaturwissenschaftler, Soziologen und Historiker während eines Kongresses an der Universität Bielefeld nach. Das Buch Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz dokumentiert die dort vorgetragenen zwanzig Beiträge. Die Aufnahme beginnt mit der Eröffnungsrede von Mitherausgeber Klaus-Michael Bogdal.

    Download: via AArchiv (mp3; 16:54 min; 23,3 MB)

Zum Erbe des Marxschen Werkes
Eine Sendung aus dem Jahr 2007 nahm eine Tagung in Hamburg (zum 140. Jahrestag des Erscheinens der Erstausgabe des ersten Bandes des Kapitals) als Anlass für eine Auseinandersetzung mit dem Erbe des Marxschen Werkes. Dabei richtet sich der Blick auch auf künstlerische Produktionen (Rimini Protokoll).

    Download: via AArchiv (mp3; 50:02 min; 68,7 MB)

Über Annemarie Schwarzenbach
Gespräch aus dem Jahr 2006 mit Sabine Rohlf über die damals kaum bekannte Autorin Annemarie Schwarzenbach – anlässlich der Veröffentlichung des von Rohlf 2005 herausgegebenen Buches Annemarie Schwarzenbach. Analysen und Erstdrucke.

    Download: via AArchiv (mp3; 19:05 min; 26,2 MB)

Über Ilse Aichinger
Die 175. Ausgabe der Zeitschrift Text und Kritik wurde einer der wichtigsten AutorInnen der Nachkriegszeit, die nach der Erfahrung des Holocaust nach einer Sprache suchte, gewidmet: Ilse Aichinger.

    Download: via AArchiv (mp3; 8:29 min; 11,7 MB)

Zur Rezeption der Situationistischen Internationalen
Immer wieder liegen auf dem Tisch der Leselampe Bücher zur Situationistischen Internationalen. 2007 wurde die Rezeption der S.I anhand des Archplus+-Heftes 183 kritisiert.

    Download: via AArchiv (mp3; 12:23 min; 17,0 MB)

Drei weitere Besprechungen zur S.I (McKenzie Wark: 50 Years of Recuperation of the Situationist International. Raoul Vaneigem: Handbuch zur Lebenskunst der jungen Generationen. Roberto Ohrt (Hg.): Beginn einer Epoche.) finden sich hier.

    Download: via FRN (mp3; 35:33 min)

Vorwärts und viel vergessen. Beiträge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen
Ein Buch über die (Miss-)Erfolge politischer Bewegungen und die Fallstricke einer Ausein­andersetzung mit der Geschichte der radikalen, undogmatischen Linken. Unter anderem mit Beiträgen von Serhat Karakayali und Stephan Grigat, wird der Band, der auf eine Tagung in Bremen zurückgeht, von Leselampe Redakteurin Dagmar Brunow empfohlen.

    Download: via AArchiv (mp3; 11:29 min; 15,8 MB)

Die Ikone
Mehrere Buchveröffentlichungen boten im Jahr 2008 Anlass zur Reflexion über die Form der Warenförmigkeit des Bildes Che Guevaras: Eine Comic-Biografie von Alberto Breccia, Ernesto Breccia und Hector Oesterheld / Kuba – Bilder einer Revolution / und ein kitschiges Earbook.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:11 min; 18,1 MB)
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This Moment Will Last: Letter From Sol LeWitt to Eva Hesse January 20, 2012 | 11:48 pm

This Moment Will Last: Letter From Sol LeWitt to Eva Hesse:

Dear Eva,

It will be almost a month since you wrote to me and you have possibly forgotten your state of mind (I doubt it though). You seem the same as always, and being you, hate every minute of it. Don’t! Learn to say “Fuck You” to the world once in a while. You have every right to. Just stop thinking, worrying, looking over your shoulder wondering, doubting, fearing, hurting, hoping for some easy way out, struggling, grasping, confusing, itchin, scratching, mumbling, bumbling, grumbling, humbling, stumbling, numbling, rumbling, gambling, tumbling, scumbling, scrambling, hitching, hatching, bitching, moaning, groaning, honing, boning, horse-shitting, hair-splitting, nit-picking, piss-trickling, nose sticking, ass-gouging, eyeball-poking, finger-pointing, alleyway-sneaking, long waiting, small stepping, evil-eyeing, back-scratching, searching, perching, besmirching, grinding, grinding, grinding away at yourself. Stop it and just DO!
 
From your description, and from what I know of your previous work and you [sic] ability; the work you are doing sounds very good “Drawing-clean-clear but crazy like machines, larger and bolder… real nonsense.” That sounds fine, wonderful – real nonsense. Do more. More nonsensical, more crazy, more machines, more breasts, penises, cunts, whatever – make them abound with nonsense. Try and tickle something inside you, your “weird humor.” You belong in the most secret part of you. Don’t worry about cool, make your own uncool. Make your own, your own world. If you fear, make it work for you – draw & paint your fear and anxiety. And stop worrying about big, deep things such as “to decide on a purpose and way of life, a consistant [sic] approach to even some impossible end or even an imagined end” You must practice being stupid, dumb, unthinking, empty. Then you will be able to DO!

I have much confidence in you and even though you are tormenting yourself, the work you do is very good. Try to do some BAD work – the worst you can think of and see what happens but mainly relax and let everything go to hell – you are not responsible for the world – you are only responsible for your work – so DO IT. And don’t think that your work has to conform to any preconceived form, idea or flavor. It can be anything you want it to be. But if life would be easier for you if you stopped working – then stop. Don’t punish yourself. However, I think that it is so deeply engrained in you that it would be easier to DO!

It seems I do understand your attitude somewhat, anyway, because I go through a similar process every so often. I have an “Agonizing Reappraisal” of my work and change everything as much as possible = and hate everything I’ve done, and try to do something entirely different and better. Maybe that kind of process is necessary to me, pushing me on and on. The feeling that I can do better than that shit I just did. Maybe you need your agony to accomplish what you do. And maybe it goads you on to do better. But it is very painful I know. It would be better if you had the confidence just to do the stuff and not even think about it. Can’t you leave the “world” and “ART” alone and also quit fondling your ego. I know that you (or anyone) can only work so much and the rest of the time you are left with your thoughts. But when you work or before your work you have to empty you [sic] mind and concentrate on what you are doing. After you do something it is done and that’s that. After a while you can see some are better than others but also you can see what direction you are going. I’m sure you know all that. You also must know that you don’t have to justify your work – not even to yourself. Well, you know I admire your work greatly and can’t understand why you are so bothered by it. But you can see the next ones and I can’t. You also must believe in your ability. I think you do. So try the most outrageous things you can – shock yourself. You have at your power the ability to do anything.

I would like to see your work and will have to be content to wait until Aug or Sept. I have seen photos of some of Tom’s new things at Lucy’s. They are impressive – especially the ones with the more rigorous form: the simpler ones. I guess he’ll send some more later on. Let me know how the shows are going and that kind of stuff.

My work had changed since you left and it is much better. I will be having a show May 4 -9 at the Daniels Gallery 17 E 64yh St (where Emmerich was), I wish you could be there. Much love to you both.

Sol

Ein Appell an das Selbstbild einer Frau, einer Frau in der Kunst, einer Tochter in Zerrüttung, einem jüdischen Kind, das vor den Nazis/Deutschen geflohen ist, deren Familie ermordet wurde, deren Mutter die Zustände nicht aushält und Hand an sich legt.

Das Hörspiel “Alles, aber anders” von Ulrike Haage nach Aufzeichnungen von Eva Hesse kann hier gefunden werden.

Micha Brumlik/Karol Sauerland (Hg.) »Umdeuten, verschweigen, erinnern« August 7, 2011 | 08:58 pm

Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa

Die Rezeptionsgeschichte des Holocaust in Hinblick auf die aktive Beteiligung der Zivilbevölkerung an der Verfolgung, Deportation und Vernichtung der europäischen Juden in den heute post-sowjetischen Ländern hat eigentlich erst in den letzten Jahren nennenswert eingesetzt. Vor der Wende 1989/1990 sorgte die sowjetische Regierung für eine schwerpunktmäßig, politische Opferdarstellung. Geehrt wurden die »Widerstandskämpfer gegen den Faschismus«. Die Opfer der antisemitischen und rassistischen Mordbrennerei gerieten dabei bewusst in den Hintergrund. Diese Darstellungsweise, die die Geschichte des eigenen Landes und deren Bevölkerung in der Regel als Opfergeschichte schrieb – in vielen ehemaligen Ostblockstaaten gar als eine zweifache –, kam dem Wunsch des Großteils der Bevölkerung nach einer reinen Gewissensweste entgegen. Ein Wunsch, der auch nach dem Ende des Realsozialismus fortbestand, sich politisch wieder etablieren und so die Gedächtniskultur bis heute mitprägen konnten.

Micha Brumlik, seit 2000 Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hat nun gemeinsam mit dem polnischen Germanisten und Philosophen Karol Sauerland, der als Professor für deutsche Literaturwissenschaft und Ästhetik an den Universitäten Warschau und Thorn lehrt, einen Sammelband herausgegeben, der es sich zur Aufgabe macht, eine Darstellung der verschiedenen Wege und Strategien der Aufarbeitung des Holocaust in den Ländern Osteuropas zu leisten.

»Osteuropa«, dies sei zu Beginn gesagt, muss in dem Band allerdings auf einige seiner gemeinhin in diesen geographisch-politischen Raum gezählten Länder verzichten, nimmt Polen mit fünf von insgesamt elf Beiträgen doch einen Schwerpunkt ein. Neben der DDR werden in ausführlicher Form nur noch Litauen, Rumänien und die Sowjetunion beleuchtet.

Diese Beschränkung, ebenso wie die etwas unglückliche Tatsache, dass es den Aufsätzen z.T. an Aktualität mangelt,1 gleichen Brumlik und Sauerland allerdings durch ein, den einzelnen Beiträgen als Einführung vorangestelltes Gespräch aus, in dem sie einen weiten Bogen über alle ehemaligen europäischen Sowjetstaaten spannen und die Aufarbeitung des Stalinismus als unabdingbar für ein noch zu schaffendes europäisches Bewusstsein in Hinblick auf den Nationalsozialismus bewerten. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, insbesondere mit der Kollaboration der Bevölkerung an Verfolgung, Deportation und Vernichtung wurde den postrealsozialistischen Staaten und Gesellschaften nach der Wende vom Westen quasi aufgedrängt. Ein eigenes Bedürfnis nach Aufklärung bestand größtenteils nicht. So verhalte sich z.B. Ungarn – als Verbündeter Deutschlands zweifelsohne mitverantwortlich für entscheidende Anteile am Holocaust – dem Werk Imre Kertész‘ gegenüber ignorant, nehme es deutlich weniger zur Kenntnis als seine westlichen Nachbarländer und hätte ihm vermutlich den Nobelpreis nicht verliehen.

Insbesondere in den baltischen Staaten, wie auch Joachim Tauber in seinem Beitrag über Litauen deutlich macht, bediente man sich gerne der Methode der Gegenüberstellung und Aufrechnung von Täter‑ und Opferschaft, von »Hitlererbe versus Stalinerbe«. Den Juden wurde eine Mitschuld an der Brutalität der sowjetischen Besatzung gegeben, die Einsicht einer aktiven Beteiligung der Bevölkerung am Holocaust bestenfalls von der offiziellen politischen Seite her betrieben. Der vor drei Jahren erfolgte Versuch der litauischen Regierung, jüdische Partisanen im Zusammenhang mit dem Massaker von Koniuchy als angebliche Vaterlandsverräter anzuklagen, lässt allerdings auch an diesem (außen‑)politischen Willen zweifeln.

Ähnlich beschreibt es Mariana Hausleitner im Falle Rumäniens. Zwar wird dort spätestens seit der Gründung des Rumänischen Instituts für Zeitgeschichte 2001 eine offene und unverhaltene Holocaust-Forschung betrieben, gleichzeitig jedoch der Zugang zu wichtigem Archivmaterial verwehrt und ein problematischer Personen‑ und Heldenkult um den einstigen Ministerpräsidenten und Hauptverantwortlichen für den Terror gegen die jüdische Bevölkerung Ion Antonescu gepflegt. Massenmorde und Kriegsverbrechen wie das Pogrom von Jassy 1941, das von rumänischen Sonderheiten ausgeführt wurde und 13.000 jüdische Opfer forderte, werden in diesem Zusammenhang bagatellisiert. So bleibt auch die Deportation und Ermordung von 25.000 Roma – im übrigen angesichts der aktuell betriebenen Diskriminierungspolitik – nach wie vor unerwähnt.

Die ab 1945 erfolgte Ansiedlung von Juden in den ehemaligen deutschen Ostgebieten Polens beleuchtet Frank Golczewski. Neben den ca. 50.000 Überlebenden der Lager und Verstecke kamen ca. 80.000 Juden aus der Sowjetunion nach Niederschlesien. Im Zuge der so genannten »Produktivierung« wollte man mittels verschiedener Sondereinrichtungen, deren letzte 1949 eingestellt wurden, dem Antisemitismus, der sich gegen die »parasitären jüdischen Elemente« richtete, entgegenwirken, indem man die jüdische Sozial‑ und Arbeitsstruktur zu »normalisieren« versuchte. Spätestens mit dem Pogrom von Kielce im Jahre 1946 jedoch wurde die antisemitische Grundstimmung trotz der relativen politischen Freiheit mehr als deutlich, so dass eine Emigrationswelle nach Israel einsetzte. 30.000 Menschen zogen Palästina einer stalinistischen Zukunft vor.

Klaus-Peter Friedrich liefert eine Analyse der Reaktionen auf antijüdische Unruhen im katholischen Wochenblatt »Tygodnik Powszechny«. Dort nahm der Antikommunismus nach 1945 eine bedeutende Stellung ein. Die Juden wurden zwar unmissverständlich als Opfer dargestellt und der damalige wie aktuelle Antisemitismus thematisiert und kritisiert, gleichzeitig wies man auf gelungene Rettungen durch Polen hin. An die Stelle des Stereotyps vom Juden als Feind Polens trat auf längere Sicht das Stereotyp des (katholischen) Polen, der Juden rettet. Im Vergleich zum ansonsten vorherrschenden großen Schweigen muss dies jedoch als erste versucht sachliche zeithistorische Analyse des Judenmords anerkannt werden, so Friedrich.

Neben einer von Dieter Pohl erstellten Zusammenfassung der historischen Forschungen zum Holocaust mitsamt ihrer politischen Instrumentalisierung erhellt der Beitrag Beate Kosmolas die unterschiedlichen Rezeptionen des (jüdischen) Warschauer Ghetto-Aufstandes von April/Mai 1943 und des (polnisch-nationalen) Warschauer Aufstandes von August bis Oktober 1944. Ersterer wurde zum heldenhaften antifaschistischen Volksaufstand umstilisiert, letzterer rückte hingegen völlig in den Hintergrund, galt als beschämende Niederlage gegen die deutschen Besatzungstruppen und wurde in der öffentlichen Darstellung tabuisiert. Kosmola sieht darin vor allem staatliche Manöver, die dem Wunsch des Großteils der Bevölkerung nachkamen, sich selbst als Opfer bzw. Helden zu begreifen. 1970 löste der Kniefall Willy Brandts einige Irritationen im volkspolnischen Establishment aus, da er sich eindeutig auf die jüdische Dimension des Ghetto-Aufstandes bezog, so dass die Leiden der jüdischen Opfer nicht mehr ohne Weiteres zur allgemeinen Katastrophe des polnischen Volkes gerechnet werden konnten.

Vom Umgang in der DDR mit der Literatur über Konzentrationslager und Judenmord und der Rettung des jüdischen Jungen Stefan Jerzy Zweigs berichten Thomas Taterka und Bill Niven. Man bediente sich der Erzählungen – wenn sie denn überhaupt veröffentlicht wurden – ausschließlich zu propagandistischen Zwecken. Drastische Sprachregelungen sorgten z.B. dafür, das Deutsche nicht allgemein schlecht dargestellt wurden, sondern lediglich als »Faschisten« und »Nazis« zu verurteilen waren. Diese wurden ausschließlich mit der BRD in Verbindung gebracht, der aufrechte antifaschistische Widerstandskampf der Arbeiterklasse hingegen der DDR zugeschrieben. Mittels dieser dichotomen Aufspaltung der Gedächtniskultur und Geschichtsschreibung wurde der Holocaust zu einer Erlösungsgeschichte umgewandelt, in der die Vernichtung des jüdischen Volkes nur eine Nebenrolle erhielt.

Im abschließenden Beitrag attestiert Christian Lotz den vor der Wende publizierten Forschungsergebnissen zur nationalsozialistischen Vergangenheit im ostdeutschen Samizdat eine erstaunliche Offenheit und fordert für die Zukunft eine Integration zweier Ebenen: der offiziellen staatlichen Erinnerungspolitik und einer unabhängigen Diskussionskultur in der Öffentlichkeit, um daraus ein differenziertes Gesamtbild entstehen lassen zu können.

Nach der Lektüre möchte man den Herausgebern in ihrer Analyse, dass die Etablierung eines europäischen Gedächtnisraumes wohl noch Jahrzehnte benötigen wird, unzweifelhaft zustimmen – sofern sie angesichts der unterschiedlichen Gedächtnisschichten überhaupt denkbar ist. Zu hoffen bliebe zumindest, dass die Erinnerung und Aufarbeitung des Holocaust nicht von der Bewältigung des Stalinismus überlagert und abgedrängt wird. Der vorliegende Band leistet dazu einen sehr bereichernden Beitrag, der jedoch nur als ein Anfang mit unbedingter Notwendigkeit nach Erweiterung und Aktualisierung gewertet werden kann.

Micha Brumlik/Karol Sauerland (Hg.): Umdeuten, verschweigen, erinnern. Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa. Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 18, Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 2010, 257 S., 29,90 Euro.

Anmerkungen

  1. beispielsweise schließt Andrej Zbikowski mit dem Hinweis auf die Diskussionen um Jan Tomasz Gross‘ Buch »Nachbarn – Geschichte der Vernichtung einer jüdischen Kleinstadt«, in welchem Gross das Massaker von Jedwabne beleuchtet; das 2006 erschienene Buch »Fear: Anti-Semitism in Poland After Auschwitz« bleibt mitsamt den neuesten dadurch in Polen angestoßenen Debatten zwangsläufig unerwähnt

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Dresden gut gestört, Nazis laufen February 14, 2011 | 04:32 pm

Heidefriedhof

Alles ist eins: Coventry - Dresden - Leningrad
Alles ist eins: Coventry – Dresden – Leningrad

Zum ersten Mal gelang es, den Protest gegen die offizielle Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof nicht nur in Form einer Kundgebung auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bekunden, sondern ihn direkt auf den Friedhof zu tragen. Trotz Kontrollen an beiden Eingängen konnte die Polizei nicht verhindern, daß etwa 30 Antifas bis unmittelbar neben die Kranzabwerfer (darunter Ministerpräsident Tillich und NPD- und Kameradschaftsnazis) um 11 Uhr gelangten, dort zwei große Transparente (“Gedenkfrei statt Opfermythos und NS-Relativierung! – Keine Versöhnung mit Deutschland!” und “Licht aus – Destroy the spirit of Dresden!”) entrollten und schließlich auch ein Redebeitrag gehalten wurde.

#13feb #antifa #heidefrieshof #dd on Twitpic
Antifa direkt neben Trauergemeinde mit Nazis

Erst dann fing die Polizei an, die Antifa abzudrängen, angefeuert von Drohrufen der unmittelbar daneben stehenden ca. 50 Kameradschaftsnazis, die zuvor im Pulk auf den Friedhof gelassen worden waren und sich dann unter die “Trauergemeinde” mischten. Während BFEler nun die Antifas auf einem Nebenweg kesselten und erfaßten (Bayerischer BFEler: “Ich hab Zeit, ich werd ja dafür bezahlt.” – Aus dem Kessel: “Wir doch auch.” – Der BFEler (ohne Ironie): “Das ist aber sehr charakterschwach, sich dafür bezahlen zu lassen hier zu stehen.”), konnten die Nazis unbehelligt wieder abziehen.

Nazis nehmen offen teilNazis nehmen offen teil
Der Nazipulk beim Anmarsch zum offiziellen Kranzabwurf

Frauenkirche/Menschenkette

Während einige Antifas versuchten, Lücken in die 17.000-Menschen-Kette zu reißen, und von dort aus in einer Spontandemonstration zur Frauenkirche zu ziehen, stellte dortselbst eine Thüringer Gruppe den Kerzenschriftzug “Shoah” vor dem Haupteingang auf. Die mit Abstand häufigste Frage der Vorübergehenden: “Was heißt das denn?”

#SHOAH Schriftzug vor #Frauenkirche #Dresden #13februar #fb on Twitpic
Ein Wort ins Dresdner Wörterbuch geschrieben

(Später fanden sich eben jene Kerzen unter denen fürs Bürgergedenken wieder und die Buchstaben zusammengeknüllt unter dem Tisch, siehe Foto.)

Blockade Naziaufmarsch & Abend

Etwa 1300 Nazis konnten am Abend mit Fackeln eine stark verkürzte Route vom Hauptbahnhof durch die Reichenbachstraße und zurück laufen. Es gab vereinzelte Blockadeversuche von mehreren Hundert Antifas um den Münchner Platz. Auf der anderen Seite des Bahnhofs stand eine bunte Mischung aus ca. 800 Menschen mit Transparenten wie “Rechtsextremismus schadet Ihrer Gesundheit”. Wie gewohnt war die Stadt randvoll mit Cops, darunter auch viele bekannte Gesichter aus Berlin.

Sowohl vom Glockengeläut um 21.45 Uhr als auch vom erfolgreichen Angriff auf einen Nazitreff in Dresden würde ich selbst gern mehr wissen.

(via kinky) Wo früher (Kulturstaatsminister Neumann würde sagen… October 27, 2010 | 04:39 pm



(via kinky)

Wo früher (Kulturstaatsminister Neumann würde sagen an “schlechten Tagen”) Öfen für die Produktion des Massenmords in Buchenwald und Auschwitz produziert wurden, können heute Utensilien für die Grabgestaltung beim “Igelteam” Maronde’s Garten Paradies (“Grabgestecke mit besonderen Eigenschaften”) und frische Backwaren aus dem Ofen der Bäckerei elmi (“Die Welt gehört dem der sie genießt” oder eher genießen kann, weil nicht-ermordet) erworben werden.

(vgl. haskala)