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Kunst, Spektakel & Revolution N°5 April 4, 2017 | 05:13 pm

Beiträge zur Kritik der Gewalt

Wir haben immer wieder die Vortragsmitschnitte aus der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution dokumentiert. Seit einiger Zeit haben im Rahmen dieses Formats keine Vorträge stattgefunden – trotzdem ist im letzten Jahr eine weitere Ausgabe des gleichnamigen Magazins erschienen, die sich schwerpunktmäßig um einen kritischen Begriff von Gewalt bemüht hat. Um diese Ausgabe herum sind einige Radiobeiträge entstanden, die wir im Folgenden dokumentieren.

1.) Nachrichten aus dem beschädigten Leben

Das Sendungsformat „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ bei Radio Corax hat die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorgestellt, wobei einer der Mitherausgeber zu Wort kommt. Es wird allgemein über das Thema Gewalt gesprochen.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:24 min; 21,4 MB)

2.) Dem Schmerz ein Menschenopfer

Im Rahmen einer Gemeinschaftssendung von FSK und Radio Corax hat die KSR-Autorin Susann Offenmüller ein Interview zu ihrem Text »Dem Schmerz ein Menschenopfer – Die Gewalt im Begriff der Postmoderne« gegeben. Sie geht dabei insbesondere mit einem psychoanalytischen Blick auf die Gewalt im Subjektivierungsprozess ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:30 min; 18,5 MB)

3.) Missverständnisse über Kulturindustrie

In der gleichen Radiosendung hat auch Jakob Hayner ein Interview gegeben. Er hat in der KSR N°5 über „Missverständnisse über Kulturindustrie“ gesprochen. Er kontextualisiert den Begriff der Kulturindustrie innerhalb der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer und grenzt ihn von anderen Begriffen ab, etwa von dem der Massenkultur.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:05 min; 17,9 MB)

4.) Wutpilger-Streifzüge: Zur Kritik der Gewalt

In einer Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge im Dezember 2016 wurde ein längeres Feature gesendet, das auf der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution basiert. Es kommen darin Roger Behrens, Jakob Hayner, Susann Offenmüller und Lukas Holfeld zu Wort. Unter anderem enthält es Auszüge aus einem Mitschnitt einer Heftvorstellung in Hamburg. Das zugrundeliegende Interview mit Jakob Hayner bezog sich auf eine weitere Publikation zu einem ähnlichen Thema: „Grenzsteine – Beiträge zur Kritik der Gewalt“ (Edition Text und Kritik). Es enthält außerdem Passagen aus der Ausgabe 63/2015 der wertkritischen Zeitschrift „Streifzüge“, die sich ebenfalls dem Thema Gewalt gewidmet hat.

    Download: via Mediafire (mp3; 1 h; 96,1 MB)

5.) Wutpilger-Streifzüge: Destruction of RSG-6

Die JanNovemberuar/2016-Ausgabe von Wutpilger-Streifzüge hat sich ebenfalls der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution gewidmet. Sie enthält einen Vortrag von Lukas Holfeld über die Ausstellung „Destruction of RSG-6″, die im Jahr 1963 von der Situationistischen Internationale in Odense (DK) organisiert wurde. Der Vortrag ist eine Einführung in die Theorie der Situationisten (mit einem Fokus auf deren Verhältnis zur Kunst), schildert Aspekte des kalten Krieges und beschreibt die genannte Ausstellung.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 1:30 h; 144 MB)

6.) KSR-Heftvorstellung in Berlin

Am 24.07.2016 wurde die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Berlin im Laidak vorgestellt. Im Vortrag sprechen Julian Kuppe und ein Redaktionsmitglied, das den im Heft enthaltenen Beitrag von Olga Montseny vorstellt. Julian Kuppe umkreist in seinem Vortrag, wie im Spätkapitalismus bzw. in der Postmoderne Identität und Subjektivität prekär werden und was dies für Gesellschaftskritik und Psychoanalyse für Folgen hat. Der andere Vortrag geht ausgehend von den Hamburger Gefahrengebieten darauf ein, wie der Ausnahmezustand zunehmend ein normaler Bestandteil von Ordnungspolitik wird.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 1:04:47 h; 88,9 MB)

Wer darüber hinaus weiter hören möchte – die Homepage von Kunst, Spektakel & Revolution enthält auch ein ausführliches Archiv mit Audiodateien, die im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe und dem Magazin stehen.

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Syrien zwischen Bürgerkrieg, Glaubenskrieg des ISIS und kurdischer Autonomiebestrebung August 22, 2014 | 03:09 pm

Wer sich mit der weltpolitischen Katastrophe des syrischen Bürgerkriegs auseinandersetzen möchte, dem seien zum Einstieg folgende Audiomitschnitte empfohlen:

1.) Syrien – Katastrophe ohne Ende?

Auf Einladung der Antifaschistischen Initiative Freiburg hat Thomas von der Osten-Sacken (u.a. Autor von Jungle-World und Aktivist bei WADI) einen allgemeinen Überblick über die Zustände in Syrien gegeben. Dabei hat er relativ viele Aspekte berührt, u.a.: Vorgeschichte und Verlauf des Bürgerkriegs; Flucht aus Syrien; das Versagen der UN; Syrien im Kontext des „arabischen Frühlings“; die geopolitischen Beziehungen, die in den Konflikt hineinspielen und ihn bestimmen; die ethno-religiösen Spaltungslinien innerhalb Syriens; die „Islamisierung“ des Konflikts und eine mehr oder wenige pessimistische Aussicht. Zuletzt betont er einerseits, dass es durchaus Initiativen in Syrien gibt, denen Solidarität zu gelten hat und andererseits, dass mit dem syrischen Bürgerkrieg die bisherigen Erklärungsmuster zum Nahen Osten ihre Gültigkeit verloren haben.

Vor drei Jah­ren war die Hoff­nung groß: Plötz­lich fan­den sich Teile der ara­bi­schen Ge­sell­schaft nicht mehr mit den au­to­ri­tä­ren Re­gi­men im Nahen Osten zu­sam­men, um Is­ra­el-​ und USA-​Fah­nen zu ver­bren­nen, son­dern rich­te­ten ihren Zorn gegen die ei­ge­nen Herr­scher*innen. Es roch nach Auf­bruch. Lang­jäh­ri­ge Dik­ta­to­ren wur­den ge­stürzt, so in Tu­ne­si­en, Ägyp­ten und Li­by­en. Auch in Sy­ri­en schien es einem blut­rüns­ti­gen Hen­ker end­lich an den Kra­gen zu gehen. Doch das As­sad-​Re­gime hält sich bis heute mit un­vor­stell­ba­rer Bru­ta­li­tät an der Macht, die Men­schen lei­den unter einem furcht­ba­ren Bür­ger­krieg, dem nicht nur Zehn­tau­sen­de aus der Zi­vil­be­völ­ke­rung zum Opfer fal­len, son­dern der auch un­zäh­li­ge Is­la­mist*innen ins Land lockt. Wäh­rend Russ­land, der Iran und die Hiz­bol­lah das Assad Re­gime mit Geld, Waf­fen und Kämp­fern stützt, lässt der Wes­ten die de­mo­kra­ti­sche Op­po­si­ti­on im Stich.

Der Über­blick fällt zu­neh­mend schwer. Wer sind und was wol­len die ver­schie­de­nen Ak­teur*innen? Wer kämpft gegen wen? Wel­che in­ter­na­tio­na­len In­ter­es­sen tref­fen in dem Kon­flikt auf­ein­an­der? Wie ist das Agie­ren Russ­lands, des Iran, der USA ein­zu­schät­zen? Wel­che Be­deu­tung hat das alles für Is­ra­el? Haben die Men­schen in Sy­ri­en noch Aus­sicht auf den Sturz des Re­gimes? Und ist über­haupt noch etwas üb­rig­ge­blie­ben vom „ara­bi­schen Früh­ling“? Ist die Hoff­nung auf mehr De­mo­kra­tie und Eman­zi­pa­ti­on in Sy­ri­en und der ara­bi­schen Welt ver­geb­lich?

Tho­mas von der Os­ten-​Sa­cken ist Ge­schäfts­füh­rer der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Wadi e.V. und als sol­cher seit über 20 Jah­ren re­gel­mä­ßig im Nahen Osten un­ter­wegs. Au­ßer­dem ist er frei­er Pu­bli­zist und schreibt u.a. für die Jung­le World und die Welt. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 57.9 MB; 1:06:34 h) | via Archive.org (ogg; 31 MB)

2.) ISIS, Islamismus, der Irak und Syrien

Im Rahmen ihrer Antifa-Kneipe hat sich die Antifaschistische Initiative Freiburg am 30.06.2014 mit dem Islamismus im Allgemeinen und dem Islamischen Staat (ISIS bzw. IS) im Besonderen beschäftigt. Zur Kritik des politischen Islam hat ein Mitglied der Initiative ein Input-Referat gehalten, das folgende Aspekte beinhaltete: Betonung des modern-antimodernen Charakters der islamistischen Ideologie; Unterscheidung Islam und Islamismus; die unterschiedlichen Konfessionen des Islam; Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Islamismus und Faschismus; ein historischer Abriss der Entwicklung des Islamismus und des arabischen Nationalismus; zentrale Eigenschaften der islamistischen Ideologie; der Unterschied zwischen rechter und linker Islamismuskritik.

    Download: via AArchiv (mp3; 51.5 MB; 39:03 min) | via Archive.org (ogg; 41.3 MB)

Lars Stern (u.a. aktiv bei Adopt a Revolution und Syrian Freedom) hat dann einen Vortrag über die islamistische Terror-Miliz „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ gehalten. Er referierte über folgende Punkte: Arabischer Frühling zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und islamistischer Radikalisierung; Entstehungsgeschichte von ISI im Kontext der Baath-Diktatur Saddam Husseins und in der Zeit nach dessen Sturz; Beteiligung und ethnisch-politisch-religiöse Stellung von ISIS im syrischen Bürgerkrieg; von der al-Nusra-Front zum ISIS; jüngste Vorstöße von ISIS; Ziele und militärischer Charakter von ISIS; Wer unterstützt ISIS und wie finanziert sich ISIS?; Bedingungen der Entstehung von ISIS; Was tun gegen ISIS – wen unterstützen?

Das er­klär­te Ziel der is­la­mis­ti­schen Ter­ror­grup­pe ISIS, wel­che sich 2011 in Sy­ri­en grün­de­te, ist die Er­rich­tung eines Kha­li­fats, wel­ches sich von Bag­dad über Je­ru­sa­lem bis ins heu­ti­ge Sy­ri­en er­stre­cken soll. Nun las­sen sie ihren Wor­ten Taten fol­gen und er­obern weite Teile des ira­ki­schen Staats­ge­bie­tes . Die an­gren­zen­den au­to­no­men kur­di­schen Ge­bie­te sind von der In­va­si­on noch nicht di­rekt be­trof­fen, aber die kur­di­sche Miliz nutz­te das ent­ste­hen­de Macht­va­ku­um und be­setz­te die wich­ti­ge Öl­stadt Kir­kurk.

Als fun­da­men­ta­ler Geg­ner die­ser sun­ni­ti­schen Kämp­fer*innen ge­riert sich das Re­gime im Iran. Wäh­rend in Sy­ri­en des­sen Hand­lan­ger Assad ISIS weit­ge­hend ver­schont, um sich auf den Kampf gegen die Freie Sy­ri­sche Armee zu kon­zen­trie­ren, stre­ben die Mul­lahs aus Te­he­ran im Irak eine Ein­heits­front, be­ste­hend aus der ira­ki­schen Armee, dem Iran und den USA, gegen ISIS an.
Die USA sind die­sem Vor­schlag nicht völ­lig ab­ge­neigt, auch an­de­re west­li­che Staa­ten wie Groß­bri­tan­ni­en nä­hern sich dem ira­ni­schen Re­gime wie­der an. Das Stre­ben nach ato­ma­rer Be­waff­nung und die damit immer wie­der ver­bun­de­nen Aus­lö­schungs­dro­hun­gen gegen Is­ra­el schei­nen ver­ges­sen zu sein.

Der Kon­flikt in Sy­ri­en zieht seine Krei­se. In Bel­gi­en wur­den bei dem schlimms­ten an­ti­se­mi­ti­schen An­schlag seit Lan­gem in einem jü­di­schen Mu­se­um drei Men­schen er­schos­sen. Der Täter ist der Grup­pe ISIS zu­zu­rech­nen. Doch was ist die is­la­mis­ti­sche Ideo­lo­gie, wel­che sol­che Grup­pen her­vor­bringt, und warum ist sie ent­stan­den? Was haben wir als ra­di­ka­le Linke ihr ent­ge­gen­zu­set­zen? Wie geht der Kon­flikt in Nahen Osten wei­ter, was wol­len die Ak­teur*innen und wel­che Kon­se­quen­zen hat dies für den Krieg in Sy­ri­en?

Am Mon­tag, den 30.6., um 20 Uhr wird im White Rab­bit un­se­re erste An­ti­faknei­pe statt­fin­den. Auf der Grund­la­ge un­se­rer Stel­lung­nah­me zum Auf­tritt von Pier­re Vogel in Frei­burg wird es von uns ein kur­zes In­put­re­fe­rat über Is­la­mis­mus geben, da­nach spricht Lars Stern vom Netz­werk Sy­ri­an Free­dom zur ak­tu­el­len Si­tua­ti­on. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 114.4 MB; 45:32 min) | via Archive.org (ogg; 35.4 MB)

3. Revolution in Rojava – Der kurdische Norden Syriens zwischen Krieg und Rätedemokratie

Während es sich zumindest herumgesprochen hat, dass es im Zuge des syrischen Bürgerkriegs zur Konstitution mehrerer autonomer kurdischer Gebiete kam, ist hingegen kaum bekannt, wie sich das gesellschaftliche Leben in diesen Regionen gestaltet. Nicht nur, dass es in diesen Gebieten keinen Bürgerkrieg gibt, die Angriffe der ISIS-Einheiten zurückgeschlagen werden können und sogar kurdische Einheiten aus Syrien den irakischen Kurden bei der Zurückschlagung der ISIS-Angriffe zur Hilfe kommen – in „Westkurdistan“ gibt es zudem rätedemokratische Bestrebungen. Über diese Bestrebungen, die schon vor Ausbruch des Bürgerkriegs begonnnen haben und dann im Zuge des Zusammenbruchs des syrischen Staats das Machtvakuum nutzen konnten, hat Ercan Ayboga (u.a. aktiv bei Tatort Kurdistan) am 21.08.2014 auf Einladung des DGB-Bildungswerks Thüringen in der [L50] einen Vortrag gehalten. Der Vortrag basiert vorwiegend auf einem Bericht von einer Reise, die Ayboga im März 2014 zusammen mit GenossInnen nach Rojava unternommen hat und er schildert vor allem die politische Struktur der kurdischen Autonomie in Syrien. Der Vortrag orientiert sich relativ stark an einer Bilderpräsentation, die uns nicht vorliegt – ich hoffe, man kann dem Vortrag dennoch gut folgen. In der Diskussion geht es dann auch noch einmal um den Charakter von ISIS.

Als der Aufstand und kurze Zeit später der mörderische Krieg in Syrien begann, entschieden sich die KurdInnen für einen Dritten Weg. Im Norden Syriens bzw. in Westkurdistan (Rojava) bauten sie erst in allen Orten Rätestrukturen und Selbtverteidigungskräfte auf. Als der Krieg sie erreichte, befreiten sie ab 2012 ihre Regionen von den Truppen Assads. Genauso halten sie Distanz zur islamistisch-nationalistischen Opposition.

Seitdem wird die Gesellschaft in radikal-demokratischer Weise neu strukturiert. Heute hat fast jeder Strassenzug und jedes Dorf seine Kommune, die das politische, soziale und kulturelle Leben in kollektiver Art organisiert. Die Frauen sind bei der darauf aufbauenden Rätestruktur ganz vorne mit dabei. Anfang 2014 haben sie gemeinsam mit den zahlreichen ethnischen und Religionsgruppen in den drei Regionen von Rojava Cizîre, Kobanî und Efrin die „Demokratische Autonomie“ ausgerufen.

Wie funktioniert das politische, soziale und wirtschaftliche Leben heute in Rojava? Welche Herausforderungen gibt es beim Aufbauprozess; auch angesichts der Angriffe von ISIS und anderer Kräfte und des Embargos durch die Türkei, den ISIS und die kurdische Regionalregierung im Nordirak? Welche politische Perspektive steckt hinter der Selbstverwaltung fern von Nationalstaat und Patriarchat? Welche positiven Folgen kann Rojava auf Syrien und den Mittleren Osten haben? Welche Auswirkungen haben die neuesten ISIS Eroberungen im Irak auf Rojava?

Ercan Ayboga von der Delegation der Kampagne „TATORT Kurdistan“, die in Rojava die selbstorganisierten Strukturen in Rojava im Mai 2014 besuchte, berichtet von den Verhältnissen und Entwicklungen rund um Rojava. [via]

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 82.7 MB; 1:30:21 h) | Diskussion (mp3; 37.5 MB; 40:58 min)
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»Stell dich nicht so an!« May 13, 2013 | 11:08 pm

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Der Spaltenzentimeter, Statistik und historische Kurzsichtigkeit March 4, 2012 | 06:45 pm

In seinem Buch “Gewalt” (welches hier sicher noch ausführlicher besprochen wird) erwähnt Steven Pinker eine witzige Methode, wie man sich in einer Notlage, historische Ereignisse vernünftig in Relation zu setzen, auch behelfen kann. Pinker vertritt in seinem Buch die These, dass Gewalt im Laufe des Zivilisationsprozesses massiv abgenommen habe. Unter vielen anderen Hinweisen und Belegen erwähnt er die Methode des Historikers Rein Taagepera, um die so genannte “historische Kurzsichtigkeit” deutlich zu machen: Er hat einfach mit dem Lineal gemessen, wieviele cm in einem (oder auch anderen) Geschichtsalmanachen über jeweilige Zeitperioden im Vergleich geschrieben wurden. Das Ergebnis verblüfft nicht wirklich – klar, je länger eine Zeit zurück liegt, umso weniger wissen wir davon -, aber dass es so deutlich ist, wie in der Grafik zu sehen, überrascht dann doch (man beachte: es ist sogar eine logarithmische Skala; 1, 10, 100 sind optisch gleichwertig):

Quelle: Steven Pinker, Gewalt, S 304, erste deutsche Ausgabe 2011

Was hat das jetzt mit EsoWatch zu tun? Einiges – ist doch die Frage, ob es immer mehr irrationalen Unfug gibt oder ob wir ihn nur verstärkt wahrnehmen, eigentlich die gleiche. Man muss in der Beurteilung allgemeiner Trends sehr vorsichtig sein: es lauern diverse psychologische Fallen, die ein jeder kennt, aber trotzdem nicht dagegen gefeit ist. Nachrichten sind immer Berichte über Außergewöhliches oder Unerfreuliches; dass alles normal verlaufen ist, ist keine Nachricht. Gleichzeitig werden solche Nachrichten aber immer mehr – es gibt kaum mehr Hürden für die Relevanz einer Nachricht. So kann man schnell zu der subjektiven Ansicht kommen, alles werde immer schlimmer.

Die Gefahr, welche dieses Diagramm anschaulich darstellt, ist folgende: Es erfolgt eine Verzerrung in der Wahrnehmung, sozusagen in der Schärfe der Auflösung der Ereignisse. Ist heutzutage eine Revolution in Libyen etwas, das mit Sicherheit in die Geschichte eingeht, war es ein ähnliches Ereignis vor 4000 Jahren vielleicht nicht, vielleicht gab es viel Schlimmeres, das den Fokus beanspruchte – und ohne sich dieses Problems der Wahrnehmung bewusst zu sein, kommt man leicht zu Fehlschlüssen. Z.B. dass früher alles viel friedlicher war.

Mit dem Internet stehen wir hier vor einer im Prinzip ähnlichen Problematik – ist es wirklich anders geworden, oder nehmen wir nur anders wahr? Gemeinerweise gibt es darauf keine eindeutige Antwort im Sinne von “entweder – oder”, sondern es wird immer ein “sowohl als auch” sein. Regelkreise, die sich gegenseitig verstärken, Wahrnehmung, die dezidierter wird, und alles zusammen gibt im besten Falle eine Tendenz. Umso erfreulicher, wenn man mit einem vergleichsweise simplen Werkzeug wie einem Lineal an so eine komplexe Fragestellung heran gehen kann und dadurch an Erkenntnis gewinnt. Fehlt noch ein Lineal für das Web  ;)

 

 

Appeasement January 14, 2012 | 09:37 am

»Die USA haben die rote Linie überschritten«, titelt Carsten Luther auf Zeit Online und man fragt sich, wo dieser Mensch überall rote Linien vermutet. Offensichtlich nicht im Iran, das sagt er ja ausdrücklich, denn das bisschen Mit-Vernichtung-Drohen, Bombenbauen, Demonstranten-Foltern, das geht schon irgendwie alles klar, denkt er sich wohl.
Für genauso unbedenklich hält er wahrscheinlich die militärische Blockade ziviler Schifffahrtsrouten. Da würde wahrscheinlich ganz doll gelacht und gesungen, wenn mal ein Schiff vorbei will ohne Bordgeschütze. Irrerweise ist das aber gar nicht so, im Gegenteil: wenn den Propagandisten und Akteuren der Barbarei schon in den eigenen Landesgrenzen freie Hand gewährt wird, dann hört erst Recht bei der aktiven Bedrohung außerhalb dieser Grenzen die Geduld auf, denn das Regime in Teheran selbst ist eine rote Linie.
Die Antwort auf eine militärische Drohung kann niemals Appeasement sein, zumal angesichts der vollkommenen Rücksichtslosigkeit ebendiesen Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Vielmehr gilt es, den Rest der Welt vor dieser Bedrohung zu schützen. Das ist dann kein »Muskelspiel«, sondern schlicht eine rationale Reaktion auf eine irrationale Gefahr. Stattdessen schlägt Carsten Luther uns vor (nein, nicht Sanktionen), mehr Gesprächsangebote an die Verbrecher zu senden, welche den Iran terrorisieren. Das ist einerseits zwar ziemlich zynisch, hat aber den Vorteil, dass die deutsche Wirtschaft weiterhin Überwachungstechnik und Autos in den Iran exportieren darf.
Davon hat dann jeder was. Außer den Menschen, die in die Fänge der Mullahs geraten.

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Zecken und Blutsauger December 8, 2011 | 07:08 pm

Gemäß dem Schreiben müsse davon ausgegangen werden, dass „noch zwei weitere Briefbomben verschickt worden sein könnten“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung weiter. In dem Schreiben war demnach die Rede von drei geplanten Explosionen „gegen Banken, Bankiers, Zecken und Blutsauger“. Das LKA geht daher davon aus, dass noch zwei weitere Briefbomben verschickt worden sein könnten.
zeit.de

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Ein Fall für die Psychiatrie December 1, 2011 | 12:22 pm

Das medizinische Gutachten über Anders Breivik liegt nun vor und kommt zu der Schlussfolgerung, die hier schon vorsichtig vermutet wurde: Der Mann ist krank, nicht politisch indoktriniert.

Leygraf: Die Theorie, dass seine Taten einen internationalen rechtsextremen Hintergrund haben, ist damit nicht mehr zu halten. Es handelt sich um die individuelle Krankheit eines Menschen. Das bedeutet auf der anderen Seite aber nicht, dass Rechtsextremismus nicht mehr gefährlich wäre. Aber das, was er geschrieben hat, wird man in erster Linie unter dem Aspekt seiner Krankheit bewerten müssen.

ZEIT ONLINE: In Breiviks krankem Weltbild waren die Morde an Unschuldigen offenbar gerechtfertigt. Was unterscheidet ihn von religiös motivierten Fundamentalisten? Könnten sie auch als unzurechnungsfähig gelten?

Leygraf: Nein, weil ein religiös motivierter Akt nicht durch eine wahnhafte Erkrankung ausgelöst wird. Aus psychiatrischer Sicht besitzen religiös motivierte Fundamentalisten eine sogenannte überweltliche Idee. Zu solchen Ideen kann ein Mensch im Unterschied zum Wahn kritischen Abstand gewinnen. Das hat nichts mit einer Krankheit zu tun. Zudem gehört zu der Diagnose paranoide Schizophrenie nicht nur der Wahn. Es gibt immer auch andere Symptome wie eine Störung der Affektivität oder der zwischenmenschlichen Kontaktfähigkeit. Die von außen absurd erscheinende Überzeugung macht nicht die Krankheit aus.

das ganze Interview mit dem Professor für Psychiatrie, Norbert Leygraf

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„Deutschland? Weißt du doch nich!“ November 29, 2011 | 10:34 pm

2012 – Fliegen bis Dresden Geschichte ist!
Gemeinsamer Aufruf der Bündnisse
Dresden Häuserfrei und X-tausendmal leer

1945 ist es uns erstmalig gelungen, Europas größte Barockausstellung durch Flächenbombardements zu beenden. Grundlage unseres Erfolges war die Länderübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Luftwaffen der beteiligten Staaten sowie einigen anderen Organisationen und Einzelpersonen. Mit unserer klaren Ankündigung, die größte Barockausstellung der Welt zu beenden, haben wir gemeinsam den Raum des symbolischen Protestes verlassen. Die Entschlossenheit tausender Piloten, sich mit den Mitteln des militärischen Gehorsams der schnöden Barockbauten zu entledigen, hat die Operation zu einem Erfolg werden lassen.

Für 2012 hat die Stadt Dresden angekündigt, mehrere Veranstaltungen zum Jahrestag der allierten Luftangriffe auf Dresden durchzuführen. Seit Jahren versucht Dresden die eigene Bombardierung für die Zwecke der Stadt zu instrumentalisieren und an bestehende Mythen und die Gedenkkultur anzuknüpfen. Wir werden nicht akzeptieren, dass die Stadt Dresden die Geschichte verdreht und die eigentlichen Helden, die Piloten der allierten Streitkräfte, verhöhnt werden.

Wir sind uns bewusst, dass sich Dresden seine „Prachtbauten“ nicht einfach nehmen lassen wird. Deshalb werden wir uns 2012 wieder durch Aktionen des militärischen Gehorsams mit Flächenbombardements auf uns aufmerksam machen. Dieses Ziel eint uns über alle sozialen, politischen oder kulturellen Unterschiede hinweg. Von uns wird dabei eine Eskalation ausgehen. Wir sind solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, Dresden wieder zu enturbanisieren, seiner Prachtgebäude zu entreissen und damit auch ein klares Zeichen gegen Gentrifizierung zu setzen.

Wir werden uns weiterhin bei Versuchen der Gegenwehr solidarisch zueinander verhalten. Wir stellen uns gegen jeden Versuch, Flächenbombardements als „extremistisch“ zu bezeichnen.
2012 werden wir Dresden gemeinsam bombardieren – bunt und lautstark, kreativ und entschlossen!

Nie wieder Dresden! Feuer frei!

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Imagine There’s No Deutschland September 13, 2011 | 11:38 am



I. Neues, altes Deutschland
Mit dem Fall der Mauer und der „Wiedervereinigung“ wurde das Ende der Nach­kriegsära eingeleitet. Eine der sichtbarsten Folgen von Nationalsozialismus und Auschwitz – die deutsche Teilung – wurde aufgehoben, die aus dem alliierten Sieg folgende geopolitische Schwächung Deutschlands beendet. Vorbei waren die Zeiten, in denen ein „Bundesrepublik” voran-​ oder ein „Demokratische Republik” nachgesetzt werden musste. Ohne die alliierte Aufsicht brach ungehemmt her­vor, was ohnehin nie ganz besiegt oder aufgearbeitet war: Pogrome in Hoyerswer­da, Mannheim und Rostock-​Lichtenhagen, Brandanschläge in Mölln, Lübeck und Solingen sprachen eine deutliche Sprache der deutschen Einheit – die mehrheit­lich als völkische, im Blut liegende, verstanden wurde. Bereits der Begriff der „Wieder”-​Vereinigung macht das deutlich: Er unterstellt, es sei zusammenge­kommen, was schon immer zugesammengehört habe – und dessen Teilung uner­träglich sei. Was da durch die schlichte Annexion der DDR vereinigt wurde, ein Deutschland in diesen Grenzen, hatte es jedoch vorher nie gegeben. Am ehesten entspricht es noch den Grenzen der Weimarer Republik und des „Dritten Rei­ches” bis zum „Anschluss” Österreichs. Weite Teile des heutigen Polens gehörten 1918 wie 1937 ebenfalls noch zu „Deutschland” – ein noch bis heute geäußerter Anspruch. Plakativ zeigte er sich 1991 an der Wiederaufnahme des bis zum Kriegsende gültigen Namens „Mitteldeutscher Rundfunk” für den in Leipzig sit­zenden Sender: Eine faktische Nicht-​Anerkennung der Oder-​Neiße-​Grenze. Diese musste bei den Verhandlungen zur „Wieder“-​Vereinigung von Polen unter massi­vem Widerstand der deutschen Regierung erstritten werden.
Die sich in dieser Klarheit offenbarenden volksgemeinschaftlichen Kontinuitäten in Denken und Handeln der Deutschen im Jahre 1989 markierten eine Zäsur, der sich linke Kritik stellen musste. Spätestens jetzt hätten auch die letzten Lin­ken einsehen müssen, dass eine radikale Kritik an nationaler Vergemeinschaf­tung auf rassistischer Grundlage und an der Relativierung von Auschwitz nötig war. Denn das völkische Denken war gesamtgesellschaftlicher Konsens, was sich unter anderem in der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl zeigte, die im „Asylkompromiss“ von CDU, CSU, FDP und der SPD-​Opposition mit verein­ten Kräften beschlossen wurde. In den Angriffen auf die als fremd Markierten setzte der deutsche Mob auf der Straße durch, was später im Bundestag in Geset­zesform gegossen wurde: „Wir sind ein Volk“.
Eine weitere Zäsur stellte die 1998 von der rot-​grünen Bundesregierung eingelei­tete „Berliner Republik” dar. Das Bild der Nation wandelte sich. Seit dem „Som­mermärchen“ 2006 präsentieren Medien wie Politiker_innen stolz die vielen „Mi­grant_innen“, die in den deutschen Fußball-​Nationalteams spielen. Und tatsäch­lich gibt es konkrete Veränderungen im Staatsbürgerschaftsrecht, Samy Deluxe findet Deutschland mittlerweile ganz knorke und in jeder Deutschland-​Werbung werden people of colour inszeniert. Allerdings wird die völkische Vorstellung der Nation auf mehreren Ebenen fortgesetzt: Für die, die da ganz happy das „moder­ne Deutschland“ propagieren, gelten die Özils, Kadiras und Jones ja gerade nicht als „normale Deutsche“, sondern sind – reduziert auf ihren „Migrationshinter­grund“ – nur die Aushängeschilder der vermeintlichen Modernisierung. Für den Mob und die Medien sind sie gerade gut genug, wenn sie Tore schiessen, gleichzei­tig wird aber ganz genau hingeschaut, ob „die“ auch die Nationalhymne mitsin­gen und sich auch gegen die Türkei richtig ins Zeug legen. Die Integrationsdebat­te des letzten Jahres hat gezeigt, dass mittlerweile auch CDU-​Poliker_innen mehr „gezielte“ Einwanderung fordern. Sie haben erkannt, dass es besser ist, den völkischen Nationalismus nicht offen zu formulieren, und dass Immigration öko­nomisch unausweichlich ist. Doch auch wenn dies bedeutet, dass es für einen Menschen etwa aus Pakistan mit technischer Ausbildung evtl. einfacher wird, einen Aufenthaltsstatus zu bekommen, vielleicht sogar einen deutschen Pass, wird ihn_sie die Frage, wo er_sie denn „eigentlich herkommt“, ein Leben lang be­gleiten. Eine Frage, die auch fällt, wenn es sich um die Kinder bereits Eingewan­derter handelt. Es bleibt dabei: Richtig deutsch ist, wer von Deutschen ab­stammt.
Seit der Berliner Republik findet auch eine offensive Umkehr in der Erinnerungs­politik statt. Die zuvor noch abgewehrte Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen wurde institutionalisiert. Was früher beschwiegen wurde, legiti­miert heute unter ständigem Gerede von „Verantwortung“ deutsche Politik. Die Vergangenheit wird nicht mehr geleugnet, stattdessen deren „Aufarbeitung” in den Vordergrund gestellt. Während die Deutschen sich zuvor mittels Schweigen einer ernsthaften Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte entzogen, tun sie es heute durch die Guidoknoppisierung der Geschichte und das Geschwätz von „deutschen Opfern“ in Dresden. Diese Pseudoreflexion wird dabei noch zum mora­lischen Alleinstellungsmerkmal aufgewertet: Ausgerechnet mit den deutschen Verbrechen begründete der grüne Außenminister Joschka Fischer den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr gegen das in diesem Jahrhundert bereits zum dritten Mal von Deutschen attackierte Serbien. Auschwitz und seine „Aufarbei­tung” verkommen somit zur ideologischen Rechtfertigung für Deutschland, seine Interessen im Ausland auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen.
Heute ist Deutschland wieder Global Player, Exportweltmeister und die Füh­rungsmacht in Europa. Selbstbewusst wird mittlerweile ein ständiger Sitz im UN-​Sicherheitsrat gefordert, in dem Gremium also, das als Reaktion auf die deut­schen Angriffskriege gegründet worden war. Nach den USA hat die Bundeswehr die meisten Soldat_innen auf dem Erdball verteilt, Deutschland ist weltweit drittgrößter Rüstungsexporteur. Daran wird auch die Krise nichts ändern. Am Entwurf der europäischen Krisenreaktion ist Deutschland federführend beteiligt, sie folgt somit insbesondere deutschen Wünschen. Hier wirken ideologische wie wirtschaftliche Interessen zusammen: „Old Europe“ soll als Gegenmacht zu den USA in Stellung gebracht und gleichzeitig der Euro-​Raum im Sinne deutscher Tu­genden zu Fleiß und Sparsamkeit angehalten werden – und nebenbei sollen alle EU-​Staaten ordentlich deutsche Produkte importieren. Dies geschieht zu Lasten der „Pleite-​Griechen”, denen, begleitet von einer Hetzkampagne gegen „faule Südländer”, ein beispielloses Sparprogramm diktiert wird, ohne dass die Auswir­kungen deutscher Niedriglohn-​ und Handelspolitik auf die anderen EU-​Staaten ins Visier geraten.
Eine heutige Kritik an Deutschland muss etwas zu dieser spezifischen deutschen Situation zu sagen haben. Wenn sie den hiesigen Verhältnissen angemessen sein soll, muss sie die Kritik eines Nationalismus beinhalten, der sich in Deutschland immer völkisch formierte und sich notwendig auf Auschwitz beziehen muss.

II. Deutscher Sonderweg
Auschwitz, der industrielle Massenmord, war mehr als der bis heute gern postu­lierte „Betriebsunfall”. Bereits im Kaiserreich proklamierten die Deutschen einen Sonderweg, der sich sowohl gegen die aufklärerischen Entwicklungen in Frankreich als auch gegen das „rückschrittliche“, zaristische Russland abzugren­zen suchte. Dem stellten sie das Konstrukt einer deutschen Kultur und eine Ideolo­gie von Gehorsam, Treue und Hingabe an die Gemeinschaft entgegen. Gerüstet mit diesen „Tugenden“ und der Vorstellung, die Welt solle am „deutschen Wesen“ genesen, wurden der Kolonialismus und die Mobilmachung für den Ers­ten Weltkrieg untermauert.
Selbstverständlich gibt es keinen „normalen” Weg in die kapitalistische Moder­ne, auch die Entwicklung der „westlichen” Gesellschaften war blutig, gewaltvoll und mörderisch. Jedoch bleibt die immer wiederkehrende Frage, warum keine andere Nation versuchte, sich der Widersprüche der gesellschaftlichen Moderni­sierung durch die restlose, industriell betriebene Vernichtung der europäischen Jüdinnen_Juden, Sinti und Roma zu entledigen. Der deutsche Sonderweg und die deutsche Ideologie zeichnen sich bis heute durch eine aufklärungsfeindliche und autoritätshörige Gesinnung aus, welche auf die besondere politisch-​ideologi­sche sowie ökonomische Entwicklung im Verlauf der deutschen Staatsgründung zurückzuführen ist. Im Gegensatz zu anderen Staaten blieb die bürgerliche Revo­lution in Deutschland aus – dem in den deutschen Staaten immer schon schwa­chen Bürgertum gelang es nie, über den Ständestaat zu triumphieren, das deut­sche Volk konstituierte sich nie als politischer Souverän, sondern immer als Blutsgemeinschaft. Die späte Staatsgründung ging nicht als revolutionärer Pro­zess, sondern als großmachtpolitische Reichsgründung vonstatten. Gleichzeitig gelang eine rasante ökonomische Modernisierung und Transformation im Sinne der Kapitalakkumulation. Den daraus entstehenden sozialen Verwerfungen wurde in Deutschland in dieser autoritär-​völkischen Tradition mit der Schlie­ßung der Volksgemeinschaft als Form einer reaktionären Modernisierung begeg­net.
Wer behauptet, Deutschland habe nie einen Sonderweg beschritten oder ihn mitt­lerweile verlassen, kommt nicht drumherum, Auschwitz und seine Wurzeln im völkischen Nationalismus zu leugnen, zu verharmlosen oder zu relativieren.

III. Deutsche Arbeit
Die Tradition der deutschen Obrigkeitshörigkeit wurzelt in einer spezifischen Vor­stellung von Arbeit, welche sich auch im „autoritären Charakter“ findet. Das deutsche Arbeitsethos wurde seit der Reformation entscheidend durch die Über­zeugung geprägt, dass Arbeit an sich von moralischem Wert, also Selbstzweck sei, und so das arbeitende Subjekt in die Gesellschaft integriere. Im Calvinismus Englands hingegen definiert sich Arbeit vor allem über ihren Output, also über das gefertigte Produkt sowie den produzierten Tauschwert. Der Zwang zur Arbeit wurde nur in den deutschen Staaten zu einem positiv besetzten und selbst aufer­legten Drang, tätig zu sein. Für alle als „Nicht-​Arbeitende“ oder als „Zigeuner“ Stigmatisierten gab es keinen Platz, sie wurden als Gefahr für die Gesellschaft verfolgt. Die größte Bedrohung jedoch sah schon Martin Luther in „den Juden“, die vor allem mit der abstrakten Zirkulationssphäre assoziiert und als Wucherer zum raffenden Negativ der schaffenden deutschen Arbeiter_innen stilisiert wur­den.
Die deutsche Ideologie der Arbeit versteht diese nicht als notwendige Naturber­herrschung und matierelle Existenzsicherung, sondern als Beitrag der Einzelnen zum Wohle des Volkes. Partikularinteressen werden als egoistische Schädigung der nationalen Gemeinschaft geächtet. Im Kapitalismus generiert sich Arbeit als „Vergegenständlichung vermittelter gesellschaftlicher Beziehungen“ (Moishe Postone), wird jedoch nicht als solche erkannt. Vielmehr gehen die arbeitenden Subjekte davon aus, einem schöpferischen Prozess nachzugehen. Eigentlicher Zweck der Lohnarbeit ist jedoch die Schaffung von Mehrwert durch die Verausga­bung abstrakt menschlicher Arbeit. Die verschleierte Entfremdung von der eige­nen Arbeitskraft manifestiert sich im Ressentiment gegen den abstrakten Teil des Produktionsprozesses, welchem wiederum im Stereotyp des „raffenden Juden“ ein Gesicht gegeben wird. Diese Vorstellung kulminierte im Nationalso­zialismus in der Gegenüberstellung von „Arier” und „Jude”. Antikapitalismus in seiner deutschesten Variante versuchte, Entfremdung und Klassenspaltung ein für alle mal in der Volksgemeinschaft aufzulösen: An Stelle einer dialektischen Kritik von Wert und Ware trat die „Endlösung der Judenfrage”.
Als im Mai 1945 dem Vernichtungswahn durch die alliierten Streitkräfte ein Ende gesetzt wurde, hatten die Deutschen sechs Millionen Jüdinnen_Juden, eine halbe Million Sinti und Roma sowie unzählige andere „Volksfeinde” ermordet. Und als wäre nichts gewesen, gingen sie zurück an die Arbeit. Diese funktionierte weiter als scheinbar vorpolitische Größe, an der sie sich aufrichten konnten. So wurde in Westdeutschland die Erinnerung an Deportationen und Massenvernich­tung durch die lebhaften Bilder eifriger Trümmerfrauen und den Stolz auf das „Wirtschaftswunder” ersetzt: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wol­len.“ (Franz-​Josef Strauß, 1969) Dabei wird der immense Vorteil unterschlagen, den deutsche Firmen aus Zwangsarbeit und „Arisierungen“ zogen. Auch die groß­zügige Unterstützung durch die Allierten und der Erlass der deutschen Kriegs­schulden Anfang der Fünziger Jahre – motiviert durch den beginnenden Kalten Krieg – sowie die weitgehende Ablehnung sogenannter „Entschädigungszahlun­gen“ an ehemalige Zwangsarbeiter_innen und Opfer der Deutschen Arisierungs-​ und Vernichtungspolitik spielen in der deutschen Erinnerung keine Rolle.
Die Vorstellung von Gesellschaft als einig für die Gemeinschaft arbeitendes Volk besteht fort, Arbeit bleibt in Deutschland Dreh- und Angelpunkt gesellschaftli­cher Integration. Während Arbeitslose in Frankreich mehr Geld fordern, schrei­en sie hierzulande nach Arbeitsplätzen. Denn „Vollbeschäftigung” wird nicht als Drohung empfunden, sondern ist immer noch ein gern gesehenes Wahlverspre­chen. Im Ein-​Euro-​Job zeigt sich die ganze Sinnentleertheit deutscher Arbeit. Oft wird hier nicht einmal Mehrwert erzeugt, sondern bloß der Zwang zu Arbeiten dort durch den Staat aufrechterhalten, wo der Markt nicht mehr greift. In Deutschland ist gesellschaftliche Teilhabe immer an Lohnarbeit gebunden, nicht als Selbsterhaltung, sondern als Dienst an der Nation.

IV. Gedenken und Postnazismus
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden – geplant von SA und weiteren Teilen der NSDAP, ausgeführt von „ganz normalen Deutschen” – im ge­samten Reich Synagogen in Brand gesteckt, Jüdinnen_Juden misshandelt, einge­sperrt und ermordet. Was hier in der kollektiven Raserei in Erscheinung trat, vollzog sich später in den Gaskammern der Konzentrationslager und den Erschie­ßungsaktionen der Einsatzgruppen. Akribisch versuchten die Deutschen noch die letzten Jüdinnen_Juden aufzuspüren und zu ermorden. Diesem Vorgehen kann keine ökonomische Ratio untergejubelt werden, Motivation war einzig der Wunsch nach vollständiger Vernichtung. Genau hier zeigt sich der Umschlag der instrumentellen Vernunft, das Scheitern an der nicht mehr mit ihr verbun­denen Humanität. Die Aufklärung und ihr Wissen wurden nicht zur Befreiung der Menschen aus ihrem Joch, sondern zur Vernichtung der „Gegenrasse” ge­nutzt. Durch Beteiligung, Zustimmung und Unterstützung dieser antisemiti­schen Raserei bekundete die übergroße Mehrheit der Deutschen Geschlossenheit und Einverständnis mit der massenhaften Vernichtung von Jüdinnen_Juden, als deren Auftakt dieses Pogrom zu fassen ist. Nicht zufällig wurde eben nicht der zunächst angedachte 9. November 1989 als Jahrestag des Mauerfalls zum „Tag der deutschen Einheit” erwählt. Die Jubelarien des neuen Deutschland sollten nicht durch seine fünfzig Jahre zurückliegende Geschichte bedroht werden.
Doch von solcherart Augenwischerei sollte sich keine_r verwirren lassen: Die deutsche Volksgemeinschaft, dieser kollektive Zusammenschluss, der sich in sei­ner Einheit permanent vom „Gegenvolk” bedroht fühlt, hat mit der militäri­schen Niederlage 1945 keineswegs ein Ende gefunden. Mit dem Begriff des Postna­zismus wird die Tatsache gefasst, dass mit der militärischen Niederlage 1945 zwar das Morden endete, die viel beschworene „Stunde Null” aber nie eintrat. Vielmehr haben die nachnationalsozialistischen Demokratien in Deutschland und Österreich Struktur-​ und Ideologieelemente des Nationalsozialismus modifi­ziert in sich aufgenommen. Die Kontinuität, die sich am augenfälligsten in der Vernichtungspolitik der Nationalsozialist_innen als Basis des heutigen Massen­wohlstandes ausdrückt, bestimmt bis heute den Umgang mit der Nation. Der An­tisemitismus wurde durch die offizielle Tabuisierung zeitweilig in den psychi­schen Untergrund gedrängt, verschwunden ist er aber nicht.
Ein Bruch existiert also nur in der Bildung von Tabus, der Abdrängung von offen antisemitischen Aussagen in eine Kommunikationslatenz. Unter deren Druck entwickelte sich eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Antisemitismus sich wandeln musste, aber nicht verschwand. Vielmehr gab es bereits 1950 massiven Protest gegen die Rückerstattung jüdischen Eigentums, ein Zeichen für den Wunsch, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu vergessen und die mit ihnen verbundenen Gefühle verschwinden zu lassen. Die zentrale Bedingung für letzte­res war die Verdrängung der Vergangenheit insgesamt, insbesondere aber die der Geschichte der Opfer der deutschen Verbrechen. Die solcherart Vergemein­schafteten agierten gegen jede Bedrohung dieses Status Quo, der ihnen die Mög­lichkeit zur weiteren Identifizierung mit Deutschland bot, gegen Mahner_innen und Überlebende. So steckte in der „kollektive[n] Gewalt der Abwehr des gesam­ten Schuldzusammenhangs“ (Theodor W. Adorno) ein Antisemitismus, der die einstigen Opfer vergessen wollte oder verhöhnte.
Die nach Auschwitz für immer zerstörte positive Identifikation mit deutsch-​natio­naler Identität zu restaurieren und die kollektiv-​narzisstischen Beschädigungen zu überwinden, ist das Ziel der Täter_innengesellschaft. So wird Auschwitz mitt­lerweile in alle Welt exportiert, indem über dortige Grausamkeiten vergleichend berichtet wird. In Jugoslawien wird es direkt bekämpft, in Dresden mit den alli­ierten Bombardements gleichgesetzt.
Aus Täter_innen werden Opfer und Geläuterte, überall ist von „bewältigter Ver­gangenheit” und dem „kollektiven Lernen” der deutschen Gesellschaft zu hören. Diese Beschwörungen sind zum ritualisierten Element des neueren Erinnerungs­diskurses geworden. So wird gerade durch die Etablierung des Erinnerns an Auschwitz Abwehr provoziert. Zwischen der Ablehnung selbstkritischer Ausein­andersetzung und der Äußerung von Vorurteilen besteht ein Zusammenhang, das Unbearbeitete bricht sich immer wieder Bahn in reformulierten Ressenti­ments gegen Erinnernde und Jüdinnen_Juden. Das vorherige kollektive Schwei­gen über die deutsche Schuld wurde von einer Beredsamkeit über den Nationalso­zialismus, die „deutschen Diktaturen” und die „Vertreibungen” abgelöst. Die immer präsente Bedeutung der Vergangenheit wurde nachhaltig in die Öffent­lichkeit gerückt. Dabei führen die intensivierten Vergangenheitsdiskurse jedoch keineswegs zu mehr Aufklärung, sondern begünstigen auch die teils subtilen, teils unverhüllten Abwehrformen. Die Abwehr kann heute Auschwitz gerade als ihre Stärke darstellen, muss sich nicht mehr daran vorbei stehlen. Deutschland soll als „Aufarbeitungsweltmeister“ besonders sein, da es aus Auschwitz gelernt hat. Auf der anderen Seite wird versucht, sich als normal darzustellen, damit sich wieder ungehemmt positiv auf Deutschland bezogen werden kann. Es wird ein Wandel im Verständnis der Nation hin zum Verfassungspatriotismus „wie überall sonst” behauptet. Dieses „überall sonst”, womit in der Regel andere euro­päischen Staaten gemeint sind, ist dabei zumeist reine Projektion. Der Irrsinn der Normalität ist eben kein Wunsch nach Gleichartigkeit zu „überall sonst“, son­dern wünscht sich die bruchlose Identifikation mit Deutschland.
Bereits durch das Beanspruchen der europäischen Normalität für die deutsche Geschichte wird Auschwitz in Europa verteilt. Und darüber hinaus. Denn bereits die Existenz Israels erinnert an die deutschen Verbrechen. Durch die Täter_in­nen-​Opfer-​Umkehr, die zum Kitten des Bruches mit Deutschland nach 1945 not­wendig ist, werden Jüdinnen_Juden kollektiv als „Tätervolk“ imaginiert. Auf sie wird das eigene schlechte kollektive Gewissen projiziert, da sie der erwünsch­ten Normalität im Wege stehen. So wird die Politik Israels mit der des Nationalso­zialismus parallelisiert, wie sich zum Beispiel bei den reflexhaften Vergleichen der Situation im Gazastreifen mit der im Warschauer Ghetto zeigt. Israel er­scheint so als projektives Zerrbild eines „staatlich kollektivierten Juden”. In Deutschland, wo sich der Antisemitismus an die gesellschaftlichen Bedingungen nach der Niederlage anpassen musste, war es die Linke, die jenen nach dem Sechstagekrieg 1967 als Antizionismus reformulierte und ihn damit wieder sa­lonfähig machte. So kann es auch nicht verwundern, dass der einzige von allen Parteien gestützte Bundestagsbeschluss der aktuellen Legislaturperiode ausge­rechnet der von der Partei „Die Linke“ eingebrachte Antrag ist, der Israel nach der Erstürmung der ersten „Gazaflotille“ verurteilte.

V. Deutschland hassen!
Wer am 3. Oktober gegen deutsche Zustände auf die Straße geht – an jenem Tag also, der statt des 9. November als Feiertag gewählt wurde, um nicht mehr über Auschwitz reden zu müssen – muss eine Kritik an dieser deutschen Spezifik for­mulieren. Eine Kritik, die die Besonderheiten Deutschlands nicht zu erkennen vermag, die die Vorgänge in diesem Land lediglich aus der weltweiten Standort­konkurrenz erklären will, greift nicht nur zu kurz – sie geht auch der Ideologie des neuen, geläuterten Deutschland auf den Leim. Schlimmer noch: Eine Ent­schuldung Deutschlands aus den Reihen der radikalen Linken, wo eigentlich die erbittertsten Feinde der Nation stehen müssten, bestätigt dieser Gesellschaft, heute eine unter vielen zu sein. Die deutsche Nation kann nicht nur in ihrer Funktion als Mobilisierung der Bevölkerung im Kampf innerhalb der Weltmarkt­konkurrenz verstanden werden. Denn dadurch werden die Subjekte nur als Na­tionalautomaten verstanden und ohne eigenes intentionales Handeln aus ihrer Eigenverantwortung entlassen. Dabei ist es gerade die dialektische Verwoben­heit von gesellschaftlichen Verhältnissen und ihrem Niederschlag im Individu­um, die im Hinblick auf Auschwitz zu ergründen sind.
Ein konform zur deutschen Vergangenheitsbewältigung gehender Fortschritts­glaube ist also schon deshalb ein Skandal, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse fortexistieren, deren Dynamik die Liaison von Rationalität und Wahn und damit die industriell organisierte Vernichtung ermöglichte. Der deutsche Nationalis­mus hat sich immer wieder gegen die ökonomische Vernunft gestellt, der ihm in­härente Antisemitismus kann nicht berechnet werden.
Die von der deutschen Ideologie formulierten und ausgeführten Ausschlüsse gehen weit über die hinaus, die für die kapitalistische Produktionsweise notwen­dig sind. Nicht nur der über den Sieg an der Ostfront gestellte Betrieb der Ver­nichtungslager bleibt unerklärlich, wenn man sie nicht mitdenkt, sondern auch der deutsche Alltag. Immer noch wird diese Ideologie jeden Tag reproduziert und in der Praxis vollzogen: von den Vertriebenenverbänden, die keinen Frieden mit Polen und Tschechien schließen wollen, von den Antiziganist_innen, die im Juli 2011 in Leverkusen ein von Roma bewohntes Haus anzündeten, von Sachbearbei­ter_innen im Jobcenter, von Fußballkommentator_innen, die von „deutschen Tugenden“ im Sport faseln, von Nazischläger_innen auf der Straße – und von linken Antisemit_innen, die dasselbe hassen wie ihre Nazigroßeltern: die USA und Israel.
Gegen sie alle gilt es, weiterhin die Kritik an den deutschen Verhältnissen zu schärfen und dabei auch jene einzubeziehen, die über eine verflachte Analyse der Verhältnisse und der Nation im Speziellen sowie den Aufruf zur Praxis versu­chen, die „linke Masse“ zu mobilisieren. Solange die Mehrheit der Bevölkerung bis hinein in die radikale Linke weiterhin der deutschen Ideologie anhängt, wird sich eine radikale Kritik notwendig gegen diese richten müssen.

Nie wieder Deutschland – Für den Kommunismus!

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Teilnahmebedingungen. 2011-09-11 14:59:07 September 11, 2011 | 02:59 pm

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Werkzeug August 24, 2011 | 12:18 pm

Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiss ein starkes und gewiss nicht das stärkste. […]
Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben. Ich habe mich einmal mit dem Phänomen beschäftigt, dass gerade benachbarte und einander auch sonst nahestehende Gemeinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten, so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche, Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen »Narzissmus der kleinen Differenzen«, der nicht viel zur Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemeinschaft das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überallhin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen seiner Wirtsvölker erworben; leider haben alle Judengemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeitalter friedlicher und sicherer für seine christlichen Genossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche Folge geworden; den Römern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit nicht fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache des Staates und und der Staat von Religion durchtränkt war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, dass der Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Ergänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt es als begreiflich, dass der Versuch, eine neue kommunistische Kultur in Russland aufzurichten, in der Verfolgung der Bourgeois seine psychologische Unterstützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois ausgerottet haben.
—Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930)

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Deutschland, deine Linken July 28, 2011 | 11:06 am

Auf den ganzen Artikel hab ich gar keine Lust, aber diese Rechnung sagt so ziemlich alles zu denjenigen, die Islamkritik und Islamophobie und antimuslimischen Rassismus ständig synonym verwenden:

Breivik habe sich im Gegenteil die Dschihadisten zum Vorbild genommen, so die wirre Logik. Was will uns Broder, den manche gute Bürger selbst heute noch für einen preiswürdigen Schriftsteller halten, damit sagen? Dass der islamfeindliche Terrorist gewissermaßen ein verkappter Moslem war?

Robert Misik scheint die Möglichkeit einer gemeinsamen Psychopathologie religiös-fanatischer Terroristen nicht einsehen zu wollen. Warum eigentlich?
Wir stellen fest: Breivik ist ein Terrorist, Al-Qaida ist eine Terrororganisation. Sie reden beide ähnlich wirres Zeug. Das ist die »wirre Logik«, um die es hier geht. Und wo wir schon bei Verwirrung sind, spielen wir gleich mal shoot-the-messenger und jubeln sie Broder unter. Wie plusminusalles bei Twitter schon kurzgefasst hat, ergibt sich daraus ein bescheuerter Kurzschluss: Weil ja Broder die Muslime hasse, gleichzeitig Breivik für genauso bekloppt hält wie Al-Qaida, halte er dementsprechend Breivik für einen Moslem! Man muss sich jetzt nochmal das Zitat von oben durchlesen und sich dann klarmachen, dass diese Rechnung nur aufgeht, wenn die Mengen Al-Qaida und Muslime deckungsgleich sind.
Komische Ansichten für einen, der vor der »gut vernetzten islamophoben Bloggosphäre« erzittert.

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Jungle World 28/11 July 28, 2011 | 08:57 am

Ich weiß, es ist ein bisschen her, aber die Ausgabe fand ich echt super. Hier ein paar dazugehörige, dringende Leseempfehlungen:

—Georg Seesslen schreibt anlässlich des zehnten Todestages von Carlo Giuliani über die Polizeigewalt: »Eine Polizei, die nicht auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit agiert, verteidigt keine demokratische Ordnung, sondern ist Partei in einem latenten Bürgerkrieg.«
Olaf Kistenmacher schreibt im Dossier über den altbekannten Antisemitismus in der deutschen Linken. Kennt man teilweise schon aus einem Vortrag, aber besonders interessant ist der heftige Antizionismus, den die Linken schon in den 20ern kultivierten. Vor allem die damalige Rechnung Jude gleich Zionist spricht in dieser Beziehung Bände.
—Am spannendsten finde ich aber Roger Behrens‘ Artikel über die Gewaltfrage: »Damit verlieren aber die Demonstrationen tendenziell ihren eigentlichen und wesentlichen Sinn innerhalb demokratisch verfasster Gesellschaften: Man kann kaum noch etwas demonstrieren.«

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Der Verrückte und Israel July 26, 2011 | 08:53 am

Zunächst einmal: der Attentäter von Oslo, Anders Breivik, kann nichts anderes als verrückt genannt werden. In einigen Leitartikeln wird das zurückgewiesen, aber bei jemandem, der sich für einen Tempelritter hält, in selbstgebastelten Uniformen auftritt und selbstgeführte Interviews als groteske Pressemappe online stellt, ist kein anderer Schluss möglich.
Die Verwirrung, die sein zusammengeschustertes Weltbild auslöst, erinnert nicht zuletzt wegen des Templerwahns an ein Buch von Umberto Eco; »Das Foucaultsche Pendel«. Er scheint einfach zeitgenössischen Rechtsradikalismus mit altbekannten Verschwörungen kompiliert zu haben, und deswegen wird man ihn auch keinem Lager zuordnen können — auch wenn Passagen diesem oder jenem entnommen sind.
Dabei fällt auch auf, dass er sich anti-muslimisch, pro-amerikanisch und pro-israelisch gibt, was bei manchen die Assoziation zur neuen Rechten wecken mag. Auf schlamassel wird zutreffend beschrieben, wie weit her es bspw. mit der Israelsolidarität ist. Das »Judenproblem« sieht der Attentäter nämlich damit gelöst, dass »nur eine Million [Juden] in Westeuropa« übrig sind.
Das passt gut zu seinem Hass auf den »Multikulturalismus«. Der klingt auch nach der neuen Rechten, Breivik setzt ihn jedoch mit dem »Kulturmarxismus« gleich. Damit befindet er sich, ganz wie mit der Templerverschwörung, im traditionell antisemitischen Fahrwasser des rechtsradikalen Lagers. Für »Kulturmarxisten« hält er nämlich die Soziologen der Frankfurter Schule. Breivik selbst bemüht die Klarstellung nicht, aber dieser Begriff bedient sich der Idee, die »Kulturmarxisten« seien allesamt jüdisch und marxistisch, und hätten seit 1945 den gesellschaftlichen Mainstream mehr und mehr unterwandert, wobei der (im Tagesgeschäft geläufigere) »Multikulturalismus« herausgekommen sei, den der Verrückte mit seinem Massaker zu bekämpfen gedachte.
In der Debatte um die Bedeutung dieser Wahnsinnstat muss also klar sein, dass Breivik sich nicht eines politischen Prototypen bediente, sondern ihm vielmehr der des Verschwörungsideologen zuzuschreiben ist. Der Unterschied zu den anderen Bekloppten, die solch ein Gewäsch lesen, glauben, verbreiten, ist lediglich die unfassbare Konsequenz, die er so vielen Menschen aufgezwungen hat.

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Erst die Hausordnung May 24, 2011 | 01:46 pm

>>Wir haben Fehler gemacht, wir legen ein volles Geständnis ab …Wir sind sachlich gewesen, wir sind gehorsam gewesen, wir sind wirklich unerträglich gewesen… Wir haben uns den Immatrikulationsbestimmungen unterworfen. Wir haben Formulare ausgefüllt, die auszufüllen eine Zumutung war…. Wir haben uns durch schlechte Noten kleinkriegen lassen, wir haben uns durch gute Noten wieder aufmöbeln lassen, wir haben es mit uns machen lassen…. Wir haben in aller Sachlichkeit über den Krieg in Vietnam informiert, obwohl wir erlebt haben, daß wir die unvorstellbarsten Einzelheiten über die amerikanische Politik in Vietnam zitieren können, ohne daß die Phantasie unserer Nachbarn in Gang gekommen wäre, aber daß wir nur einen Rasen betreten zu brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen… Da sind wir auf den Gedanken gekommen, daß wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, daß wir erst die Marschrichtung ändern müssen, bevor wir etwas an den Notstandsgesetzen ändern können, daß wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können. Da haben wir den Einfall gehabt, daß das Betretungsverbot des Rasens, das Änderungsverbot der Marschrichtung, das Veranstaltungsverbot der Baupolizei genau die Verbote sind, mit denen die Herrschenden dafür sorgen, daß die Empörung über die Verbrechen in Vietnam, über die Notstandspsychose, über die vergreiste Universitätsverfassung schön ruhig und wirkungslos bleibt.<<

(Peter Schneider am 5. Mai 1967 vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, via)

Das Problem heißt: Antisemitismus May 19, 2011 | 10:55 am

Der Ansatz ist auch falsch, weil er vorauseilenden Gehorsam erzwingen will. Man kann eine jüdische Symbolik in der Fankurve nicht einfach nur geißeln, weil man Angst vor den Reaktionen hat. Das wäre ein Einknicken vor dem plumpen Antisemitismus und Rassismus, der da versucht wird. In diesem Sinne spielt auch keine Rolle, ob und wie real die jüdische Identität der Amsterdamer Fans ist. Wer hier Maß anlegt, stellt die absurde Behauptung auf, es dürfe sich nur zu Judentum, Zionismus oder Israel bekennen, wer praktizierender Jude ist. Dem ist aber nicht so. Empathie kann jeder. Deshalb legitimiert Philosemitismus auch keinen Antisemitismus. Der Antisemit bleibt Antisemit, auch wenn er nicht mehr offen mit Jüdischem konfrontiert ist. Es ist deshalb besser, ihn zu provozieren, damit sich seine Haltung offenbart.

Ein lesenswerter Artikel des Fußballmagazins 11 Freunde.

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Bin Laden hatte Recht? May 4, 2011 | 09:05 am

Lernen wir grade auf sueddeutsche.de:

Der Al-Qaida-Führer nannte das saudische Königshaus mit seinen Tausenden Ferrari-fahrenden Prinzen „dekadent und korrupt“. Er hatte recht. Er sah im Irak-Krieg nicht die Befreiung von einer Diktatur, sondern den US-Überfall auf einen souveränen Staat. Auch das traf, zumindest in Teilen, die Wirklichkeit. Der Islam-Autodidakt höhnte über die Religionsgelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität, weil sie im Sold des Mubarak-Regimes nach dessen Vorgabe predigten. Vor allem warf er Washington vor, auf Kosten der Palästinenser Nahost-Politik zugunsten Israels zu betreiben. Auch das bleibt richtig, bis heute.

Thomas Avenarius sollte vielleicht einfach sein eigenes El-Kaida-Chapter aufmachen. Dann kann er sich ja Gründe für den Terror Saddam Husseins ausdenken, dessen Souveränität ihm offensichtlich tausendmal wichtiger war als die des jüdischen Staates. Die Fronten hat er ja geklärt.

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Die ursprüngliche Akkumulation December 26, 2010 | 06:02 pm

Vielleicht dachten sich Doktor Indoktrinator und die Redaktion Sachzwang FM, dass diese als »Fest der Liebe« apostrophierte Weihnachtszeit eine gute Gelegenheit bietet, die verdrängte Gewaltgeschichte des Kapitals und seiner Durchsetzung zum Thema einer Sendung zu machen. Die Textgrundlage dazu liefert kein Geringerer als Karl Marx: »Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation«, Kapitel 24 aus dem Kapital Band 1. Zwei Stunden Ausbeutung, Enteignung und Marter zum Jahresende.

Download: Teil 1 via MF (2h, 41 MB)

UPDATE: Teil 2 via MF, enthält zu Beginn Auszüge aus dem Schwarzbuch Kapitalismus von Robert KurzEXIT!«).

UPDATE: Download via Audioarchiv: Teil 1, Teil 2

Politische Gewalt im 20. Jahrhundert September 8, 2010 | 04:46 pm

Eine interessante Reihe zu unterschiedlichsten Formen politischer Gewalt im 20. Jh. hat DRadio Essay & Diskurs gesendet.

  1. Die Dämonen des Terrors

    Das 20. Jahrhundert war das blutigste in der Menschheitsgeschichte. Leider ist die Diskussion über die Ursachen, Manifestationen und Konsequenzen politischer Gewalt allzu oft auf den eigenen Nationalstaat verengt worden. Unsere fünfteilige Serie befasst sich deshalb mit der „politischen Gewalt im 20. Jahrhundert“ in einem europäischen Kontext

    Download via DRadio
  2. „Die größte aller Revolutionen“

    Die deutsche November-Revolution von 1918, die im Vergleich zu den Umbrüchen in anderen Ländern dieser Zeit recht unblutig verlief, gehört zu den zu den umstrittensten Ereignissen der neueren deutschen Geschichte.

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  3. Der Zweite Weltkrieg oder: Gesellschaften im Ausnahmezustand

    In der dritten Folge hören Sie nun einen Essay von Dieter Langewiesche zum Thema „Der Zweite Weltkrieg oder: Gesellschaften im Ausnahmezustand“. Der Autor lehrte bis 2008 mittlere und neuere Geschichte an der Universität Tübingen und war auch Prorektor der neugegründeten Universität Erfurt.

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  4. Das Zeitalter des Völkermordes

    „Wir erleben ein Verbrechen ohne Namen“, beschrieb Winston Churchill 1941 das Morden deutscher Polizeieinheiten in Russland. Ein Verbrechen ohne Namen sollte es nicht lange bleiben: Völkermord. Millionen Menschen fielen im 20. Jahrhundert Genoziden zum Opfer.

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  5. Kolonialkriege – Im Herzen der Finsternis

    In der letzten Folge hören Sie nun einen Essay von Stephan Malinowski zum Thema „Kolonialkriege oder: Im Herz der Finsternis“. Der Autor lehrt seit 2009 deutsche und westeuropäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am University College in Dublin.

    Downlaod

Länge je etwa 30 Minuten, 13 MB. Download aller Teile auch via MF.

ABSCHIED VOM KEKSVERKÄUFER – Horst Köhler tritt zurück June 1, 2010 | 04:27 pm

Ein Kommentar [der Redaktion Sachzwang FM] zum gestrigen „überraschenden“ Rücktritt von Horst Köhler. Am Rande: Bezüge zu Roman Herzog, Philipp Jenninger und Oskar Lafontaine. Noch marginaler kommen Wilhelm II, Guido Knopp, Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour, der Freiherr von und zu Guttenberg, Guido Westerwelle und Angela Merkel vor.

9 Minuten

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Skript:

Abschied vom Keksverkäufer

Pseudo-kontroverse Bekenntnisse wie „Ich liebe unser Land“ und propagandistische Formeln wie „Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt“ gehören zum Tagesgeschäft des höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland. Es wäre ein schwieriges Quiz, müßte man solcherlei Gemeinplätze den einzelnen Repräsentanten des Staats über die Jahrzehnte zuordnen. Die beiden zitierten Phrasen stammen zufällig von Horst Köhler.
Köhler, in adäquater, wenn auch nur indirekter Nachfolge des 90er-Jahre-Bundespräsidenten Roman Herzog, der dereinst seine urdeutsche Sucht nach Disziplin mit den Worten untermauert hatte, „durch Deutschland muß ein Ruck gehen“. Derart wilhelminisches Gepolter war Köhlers Sache nicht, der erste Bundespräsident nach rot-grün mußte dieselbe message natürlich zeitgemäßer verpacken: so freundlich wie möglich, so pathetisch wie nötig gilt es heute zu sagen, daß man keine Parteien mehr kennt, sondern nur noch Deutsche.

Der Mann mit dem nicht unsympathischen Keksverkäufergesicht, ein Herzog light. Merkel und Köhler, dieses dream team aus Repräsentanz und Kompetenz war dazu angetan, ausgerechnet in Deutschland einen liberalen Konservatismus mit menschlichem Antlitz zu mimen.

Köhler hat sich – wie seine Vorgänger – in die Geschichte eingeschrieben als Chefideologe von Staats wegen. Im Sommer 2006 war „Deutschland erwache“ nicht mehr der Schlachruf blutrünstiger Stiefelnazis, sondern kam im konformistischen Fußball-Fähnchenkult trotz seines naiven Party-Charakters zu sich. Klarsichtige Kommentatoren wiesen damals auf die bemerkenswert gereizte Penetranz hin, mit der sich die neue deutsche Landestümelei als „unverkrampft“ inszenierte.

Von Anfang an galt der neunte Präsident der Bundesrepublik nicht bloß als volkspädagogischer Berufsrepräsentant, sondern durchaus erfahrener Funktionär nicht zuletzt des IWF – getreu der immer wieder zu hörenden Forderung, „Männern aus der Wirtschaft“ solle der Zugang „zur Politik“ ebenso wie zu Schulen und Hochschulen geebnet werden.
Wachsamkeit war daher geboten, als ausgerechnet ein „Finanzexperte“ ins Amt des höchsten hauptberuflichen Moralisierers gehievt wurde. Wenn nämlich Pro-Kapitalisten moralisch werden, ist das kaum appetitlicher, als wenn das vorgebliche Antikapitalisten tun, die zu denkfaul für analytisches, geschweige denn: dialektisches Denken sind.
Vorhersehbar, daß Köhler – wie ausnahmslos jeder Amtsvorgänger – angetreten war, alljährlich eine wohlfeile Phrasenbastelei mit Wörtern wie „Verantwortung“, „wir alle“, „unbequeme Wahrheiten“, „Zuversicht“, „anständig“, „schwere Zeiten“ und „Gemeinsinn“ anzustellen, nicht ohne Untugenden wie „Gier“, „Schamlosigkeit“ und „Ungerechtigkeit“ anzuprangern. Das wird von seinem Amt als oberster deutscher Pädagoge erwartet, dafür wurde er bezahlt.

Dazu gehörte beizeiten auch, „der Breite der Gesellschaft zu verstehen“ zu geben, „dass ein Land unserer Größe […] wissen muss, dass im Zweifel […] auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“ zu garantieren.

Man muß nicht Gerhard Scheits Studien über den souveränen Staat gelesen haben, um zu wissen, daß die Sphäre des Politischen und damit des Staats natürlich mit wenig anderem als Interessen und profaner Interessenvertretung zu tun hat. Damit ist freilich auch die Rolle der Streitkräfte, des Militärs umrissen. Es galt jedoch hierzulande seit 1945 bis vor kurzem als stänkernd, dies kritisch auszusprechen, als anrüchig, es zu propagieren. Viel lieber lebte man mit der kommoden Selbsttäuschung, Soldaten seien vor allem dazu da, Sandsäcke zu Dämmen aufzuschichten, wenn mal wieder ein Fluß über die Ufer zu treten droht. Wenn jetzt „der höchste Mann im Staat“ eine Debatte darüber anstößt, daß solche Freunde und Helfer dort auch mal mehr als nur humanitär sein dürfen, wo sie es mit schurkischen Gesellen, nämlich echten Piraten, zu tun haben, dann verwundert doch die beleidigte Miene, mit der Köhler auf das bißchen Kritik, die doch abzusehen war, reagiert: Die Masse der Bevölkerung hat doch ohnehin kein Problem mit ihrem Deutschland und seinen olivgrünen Staatsorganen.
Ein Philipp Jenninger mußte 1988 noch zum Rücktritt genötigt werden, weil er – allerdings rhetorisch eher ungelenk – einer Mythenbildung über den Nationalsozialismus vorbeugen wollte, was der Guido Knopp nation mit ihrem Instant-Weltbild natürlich ein Unding ist: Die Ideologie des NS überhaupt erst einmal zur Kenntnis zu nehmen und nicht zur bloßen Diktatur einer dämonischen Herrscherclique umzulügen, das war tatsächlich zu viel. Entsprechend erleichtert atmete man auf, als Jenninger abgetreten war. Ganz anders der Fall Köhlers; sein Rücktritt kann von der politischen Klasse kaum goutiert werden, hat der Ökonom doch höchst funktional die Rolle des väterlichen Anwalts am sogenannten Gemeinwohl gespielt. Was er jetzt über die Funktion der Jungs in oliv ausplauderte, war längst an der Zeit, nach bald 20 Jahren behutsam fortschreitender Militarisierung der Außenpolitik. Seine politischen Weggefährten können daher nicht anders, als den Rücktritt ehrlich zu bedauern – und Köhler hinter vorgehaltener Hand als „dünnhäutig“ oder beleidigte Leberwurst zu schmähen. Schneidigen Typen wie dem Freiherrn von und zu Guttenberg und einem Guido Westerwelle wäre das nicht passiert.
In der Tat, ein Satz wie „Diese Kritik […] läßt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen“ klingt ebenso autoritär wie beleidigt. Das hätte die amtierende Bundeskanzlerin, ansonsten stets gefaßt und sachlich, an dieser Stelle – wie sie, kaum unzufällig, genau beim selben Thema kürzlich bewies – mit einem sogenannten Machtwort weggebügelt: „Ich verbitte mir so etwas“. Daß nämlich jemand die Bundesregierung als Verantwortlichen einer Bombardierung in Afghanistan benennt und kritisiert.

Die Rabiatheit indes, mit der Köhler nun das Zeug hingeschmissen hat, erinnert an die Überraschung, die Oskar Lafontaine 1999 auslöste, als er nach kaum vier Monaten im Amt kein „Superminister“ unter Kanzler Schröder mehr sein mochte. Der auffällige Trotz, der aus solch spektakulären Rückzügen spricht, mag bei Lafontaine gespeist worden sein durch die unangenehme Aussicht, als ranghoher Mittäter des ersten Angriffskriegs der Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte einzugehen. Genau zwei Wochen nach seinem Rücktritt flog wieder deutsches Militär über Jugoslawien.

War es also wirklich nur jene Dünnhäutigkeit und mangelnde Kritikfähigkeit, die Horst Köhler nun zurücktreten ließ? Oder könnte es – in diesen bewegten Zeiten – andere Gründe gegeben haben? Es fällt nicht schwer zu mutmaßen, daß der konturlose Konformist, der sich für streitbar hält, das undankbare Amt des Durchhaltepredigers in der Weltkrise leid war. Eine tiefe monetäre Krise, die sich als Wirtschaftskrise bahnbricht, die wiederum eine fundamentale gesellschaftliche Krise offenbart, die doch allem Unbill ohnehin zugrunde lag, stellt auch ans Herrschaftspersonal härtere Anforderungen. Natürlich weiß so einer, daß es ein ideologischer Quatsch, ja Propaganda ist, den Menschen die Allgegenwart erbärmlicher Sachzwänge als „Herausforderung“ oder gar „Mission“ zu verkaufen; daß es keiner Kreativität bedarf, Zumutungen als „Herausforderungen“ zu camouflieren und die Krise als „Chance“ zu beschwören.
Dennoch haben es ja manche zu wahrer Meisterschaft gebracht in der Profession, das Ernüchternde in gesalbter Weise als jenes pathetisch-Gemeinschaftliche zu verklären, um es den Fängen des kritischen Verstandes zu entreißen. Was einem Herzog (einem Baring und einem Scholl-Latour sowieso) noch tiefere persönliche Befriedigung verschafft hätte: der Bevölkerung glaubhaft „die Spaßgesellschaft“ auszutreiben, sie immer nachdrücklicher darauf einzuschwören, „den Gürtel enger zu schnallen“, verlangt nach härteren Charakterpanzern als einem Keksverkäufer.