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Tarantinos Rachephantasien für die Opfer April 17, 2017 | 02:08 pm

2009 schrieb Peter Ehlent unter dem Titel „Bowling for Hitler“ in Prodomo #12 eine Rezension des Tarantino-Films „Inglorious Basterds“. Da Missverständnisse nicht altern, erfolgt hier nach einer verspäteten Erstlektüre des Films ein Widerspruch.

Ehlent konnte dem Film wenig abgewinnen:
„Verpackt in ein wenig Western-Nostalgie – neben dem Skalpieren erinnert auch die Formation der Basterds in diesem Setting an einen Indianer-Hinterhalt im Wilden Westen – wird hier in wenigen Bildern ein Counter-Holocaust inszeniert. Die jüdischen Soldaten der USA führen einen Vernichtungskrieg gegen die Deutschen und werden diesen damit gleich gemacht. Während dabei mit den Assoziationen der Zuschauer gerechnet und deshalb auf eine Einblendung von KZ-Bildern zum Vergleich verzichtet werden kann, wird die barbarische Gleichheit in der Schlussszene im brennenden Kino noch einmal bildlich expliziert. […] Die Botschaft des Films ist, dass es Nazis braucht, um Nazis zu besiegen, bzw. der Gegner der Nazis notwendig selbst zu einem wird.“

Für die Filmanalyse eines Autorenfilms ist die Einordnung in das Gesamtwerk erforderlich. 2009 war Tarantinos Arbeit am Thema der Rache schon sichtbar. In „Kill Bill“ (2004) lässt er eine komatöse Frau just beim Erscheinen ihres Vergewaltigers aufwachen und ihren Rachefeldzug beginnen. „Death Proof“ (2007)  zeigte die empörte Rache freier Frauen an einem sadistischen, fetischistischen Verfolger. Mit „Django Unchained“ (2012) und dem durchweg pessimistischen „The Hateful 8“ (2015) wurde Rache unmissverständlich zum Hauptthema seines Schaffens. Tarantino gibt in seinen Rachephantasien Opfern von Diskriminierung ihre Würde zurück. Die fiktive Gewalt stört das von den Tätern in Gang gesetzte und von tatsachentreuen Dokumentationen fortgeschriebene Spektakel der Angst, versucht den Terror einmal auf jene zurückzuwerfen, die ihn verursachen. Dass solche Therapie erlittene Beschädigungen nicht zurücknimmt, unterstreicht Tarantino mit seinen ambivalenten Helden. Sie sind keine Heroen, aber sie werden gerade nicht „wie Nazis“, sondern sie werfen die Aggression der Verfolger auf diese zurück. Nazis verbrannten Frauen und Kinder, Greise und Behinderte, wehrlose Männer und auch einige wenige bewaffnete Männer. Die „Basterds“ hingegen verfolgen, skalpieren und quälen ausschließlich überzeugte Nazis und Soldaten. Kurioserweise sieht Ehlent dennoch die Möglichkeit einer revisionistischen Lesart: Deutsche könnten die vermeintliche Gleichsetzung im Film als wohltuende Erleichterung erfahren und ihre „Version“ herauslesen.

„Bei Inglourious Basterds kommt ein solcher Bruch innerhalb des filmischen Rahmens höchstens ansatzweise durch die bereits erwähnten Einblendungen vor, so dass das postmoderne Prinzip, nach dem sich jeder seine eigene Wahrheit bastelt, voll durchschlagen kann.“

Tarantino macht keinen politischen Praxisvorschlag, er hat kein Lesartenkabinett, sondern arbeitet im Symbolischen, in dem solche Phantasien ausgesprochen werden – während jedem klar ist, dass sie Phantasien sind. In der filmischen Realität ist die Aggression der jüdischen „Basterds“ ausschließlich Reaktion, ihr Ziel der Verursacher. Ihre Aggression wird nicht verschoben auf Schwächere – Sadismus verbleibt in seiner ambivalenten, rationalen Form, die ihn in einer dem Ich feindseligen Welt zu einem für das Überleben unverzichtbaren Medium macht.

Den Anspruch bürgerlicher Therapie, die Arbeitsfähigkeit als Maß der Dinge zu setzen, und mittels der Auslöschung von sadistischen, antisozialen Impulsen eine „Reparatur“ zu suggerieren, die das Fortleben von Gesellschaft als Primat hat, widerruft Tarantino in seinen Rupturen. Sein Therapievorschlag fordert nicht die Reproduktion von Gesellschaft, sondern die Rehabilitierung der Idee des Individuums durch den rettenden Sadismus. Die Blutfeste geben einer verdrängten Aggression Symbole, reißt sie aus dem Status der passiven (Auto-)Aggression und feiern die Imagination von Rache als letzte Krücke der beschädigten Individualität.

Inmitten der Ohnmacht von ödipalen Ängsten, sexuellen Zurichtungen, Sklaverei und Faschismus wird Störung nur durch Zer-Störung möglich. Wie der Patient in der Psychoanalyse den Augenblick als heilsam erfährt, in dem er seiner tödlichen Wut auf den vorher idealisierten oder als unantastbar gefürchteten Vater oder Mutter Worte verleiht, so will Tarantino Opfergruppen (Frauen, Schwarze,  Juden) Symbole geben, die mit Bildern aussprechen, was vorher tabuiert war. Die Vergewaltiger zu vergewaltigen, die Nazis in Räume einzusperren und zu verbrennen, die Verfolger verfolgen. Den Tabuierungsdruck setzt Ehlents plumpe Gleichsetzung von Rachephantasie und Realität nur fort.

Das aber unterscheidet diesen Sadismus der Rache von dem der Täter: er ist Aufstand gegen erlittene Herrschaft, nicht Treten nach unten. Dafür, dass diesen Aufstand intrapsychisch jeder vollziehen kann, bedarf Tarantino regelrecht der ironisch gebrochenen Helden. Die Rachephantasie zuzulassen bedeutet, den unrealistischen Ich-Idealen eine Absage zu erteilen. Auch hier missversteht Ehlent Tarantino gründlich:

„Man kann Tarantino jedoch nicht nachsagen, dass die unterschiedliche Zielsetzung von Amerikanern und Deutschen den antiamerikanischen Charakter seines Films in Frage stellen würde, schaffen es doch am Ende nicht die durchweg als Volltrottel dargestellten Amerikaner, die Nazis zu besiegen, sondern der deutsche Überläufer, der nach dem Scheitern der Basterds ihren Plan doch noch vollendet. […] Die Basterds hingegen, die als primitive Wilde anfangs noch erfolgreich ihren Auftrag erledigen, geben im Finale die Lachnummern ab“

Das Finale ist ebensowenig eine Lachnummer wie die realen Attentate Georg Elsers oder Claus Stauffenbergs gescheiterte drei Versuche, Hitler zu töten. Wie oft Widerstand zu Improvisation greifen musste, wie oft die wenigen gelungenen Akte eine Kette von Glücksfällen und absurden, mitunter wenig genialen Einfällen waren, wie oft Aktionen scheiterten an nicht minder „lächerlichen“ Fehlern entspricht der Realität. Lächerlich wäre, sämtliche Helden als intakte Ich-Ideale mit einigen Kratzern siegreich aus dem Flammenmeer steigen zu lassen. Widerstand war unprofessionell, unorganisiert und mitunter lächerlich.

Gänzlich absurd ist die Gleichsetzung Ehlents des jüdischen Selbstmordattentates im Film mit dem palästinensischen:
„Aber spätestens mit der Einblendung der Sprengstoffgürtel, mit denen die Basterds als Selbstmordattentäter den Anschlag auf das Kino ausführen wollen, ist der Verweis auf Israel im Film gegeben.“

Hier wird wie in der Kritik des Selbstmordattentates häufig der Fall nicht mehr differenziert zwischen dem Selbstopfer für die Freiheit Anderer und dem Selbstopfer für die Etablierung eines Todeskultes. Das Selbstmordattentat hat Vorläufer in der antiken jüdischen Mythologie als Mittel des Freiheitskampfes und es setzt sich durch die Jahrtausende als militärische Option fort. Im Überlebenskrieg Israels von 1948 gab es jüdische Selbstmordeinheiten, die bewusst in aussichtslosen Situationen kämpften und sich lieber mit Granaten in die Luft sprengten, als sich zu ergeben. Wenn Tarantino ein fiktives Selbstmordkommando auf die gesamte NS-Elite einschließlich Adolf Hitlers ansetzt, so ist das gewiss keine Gleichsetzung mit den arabischen Terroristen, die sich in einem israelischen Bus voller Schulkinder in die Luft sprengen.

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Gegen Erinnerungskultur January 27, 2017 | 05:43 pm

Gemütlich soll das Gedenken sein: Schülerinnen und Schüler schickt man einmal im Leben in eine Gedenkstätten, damit sie keine Nazis werden. Sie sollen dann in der Woche darauf wieder ihre Tests über die Leiden des jungen Werther und Wahrscheinlichkeitsrechnung absolvieren und nicht etwa traumatisiert, depressiv und überfordert reagieren. Dass sich in solcher Lehrplanmäßigkeit der Aufklärung Abwehr einstellt, ist erwartbar. Das Stelenfeld wird zum Skateboardfahren oder Jonglieren verwendet, manche wagen gar zu lachen, wieder andere tanzten „I will survive“ und auch Pokemons gab es 2016 vor Ort zu fangen. Shahak Shapira nannte das wenig ehrfürchtige Verhalten „Yolocaust“ und hinterlegte Selfies vor den Stelen in Berlin mit Bildern von Leichenbergen und Erschießungsgräben.

Leider fällt er damit nur die Strategie der Abspaltung herein, deren Ausdruck bereits die Schaffung von einigen wenigen Gedenkstätten war, mit denen man sich die Aufklärung in der Fläche ersparen wollte.
Grundsatz jeder Aufklärung ist die Erkenntnis, dass dieses gesamte Land ein Stelenfeld ist. Dazu immerhin haben Stolpersteine beigetragen, die freilich noch nichts über die Dimensionen des Holocaust im Osten verraten. Die offenkundig arisierten Häuser und Wohnungen hinter den Stolpersteinen werden weiter an Studierende vermietet, zu rekordträchtigen Renditen. Am Bahnhof von Marburg liest man die Namen der von Gleis 5 deportierten Juden – ein Anfang, den die glorifizierenden Kriegerdenkmäler im Hinterland konterkarieren. Die Fläche der niedergebrannten Synagoge war lange ein Refugium für Obdachlose und Junkies. Nun hat die Stadt Marburg dort ein schönes Rosenbeet mit Sitzbänken angelegt. Wenn man irgendeinen Jahrmarkt feiert, dann wird die praktischerweise sehr zentral in der Innenstadt gelegene Freifläche auch mal kurz für Schaubuden freigegeben.

Die rituelle Empörung über die angeblich erodierende „Erinnerungskultur“ von Jugendlichen an Gedenkstätten ist nichts als neurotische Verschiebungsleistung. Nie war es besser. Wie viele Familienschnappschüsse wurden vor arisierten Möbeln und Wanduhren gemacht? Detlev Claussen und Henryk M. Broder legten gegen solches ritualisierte und umschlagende Bedenken Protest ein, der mehr denn je gilt. Das falsche Gedenken ist die Grundlage des sekundären Antisemitismus. Typisch dafür ist die kopfschüttelnde Haltung einer jener Deutschen, die von der US-Armee zu den gerade befreiten KZ gezwungen wurden: „Was haben diese Leute wohl verbrochen, dass man ihnen das antun musste.“

Den psychologischen Prozess beschrieben Wolfgang Hegener, Elisabeth Brainin, Vera Ligeti und Samy Teicher als eine Unfähigkeit zu reifer Trauer, als manische Schuldbearbeitung. Es geht eben um Verdrängung, und nicht um „Geschmacklosigkeit“ oder „Takt“. Den Geschmack der Öfen hat Paul Celan als „schwarze Milch der Frühe“ beschrieben. Wie soll man sich dazu angemessen verhalten? Die Fehlleistungen, die fröhlichen Selfies, sind erträglicher als das routinierte, stilbewusste Kopfschütteln und das konsequenzlose Betroffensein. Der Selfie kann „primary naivety“ sein oder auch die durchbrechende Erleichterung, davongekommen zu sein. Sie lachen halt, aber lachen sie wirklich über die Opfer?

Jene, die sich mit gelegentlichen, artigen Schweigeminuten im Bundestag vor dem gesellschaftlichen Bild eines Demozids an massenweise verhungerten, verdursteten, ertrunkenen, verelendeten und vergewaltigten Flüchtenden ablichten lassen, geben vor, was in Deutschland „Umgang mit dem Holocaust“ heißt: harmonistisches Einfügen des angenehm fernen, vergangenen Schreckens in stumpfes Weitermachen. Der Holocaust soll gerade nicht „umgehen“, das Gespenst soll gebannt werden in den Ritualorten. Die Stelen und Schautafeln retten aber keine lebenden Juden vor der Hamas – das erledigen die international verhassten israelischen Checkpoints.

Die Frontlinien des Antisemitismus auf Deutschland und seine Gedenkstätten zu beschränken ist so antiquiert wie verharmlosend. „Antideutsch“ sein, ist nur Flucht vor den wahren Dimensionen. Wenn Aufklärung an Bildern ihren Ausgang nimmt, darf man sie gerade deshalb nicht auf Orte beschränken, sondern sie wäre in Wort und Schrift auch in die arabischen, russischen, südafrikanischen, süd- und nordamerikanischen und britischen Medien zu tragen.

Virtuelle Projekte wie deathcamp.org, das US Holocaust Memorial Museum
und Yad Vashem sind allerdings nicht nur schlecht gestaltet, sie lassen Besuchern alle Wahl, das unangenehme auszusparen, auf Unbekanntes gar nicht erst zu stoßen. So bleiben Filme, darunter Resnais „Nuit et brouillard„, oder Bildbände wie „Der gelbe Stern“ die verlässlichste Quelle des Zorns, der privaten, von sozialer Erwünschtheit oder Lerndruck nicht in Gegenreaktionen gepressten Empathie. Solange die bruchlose Fortführung des genozidalen Projektes der Nazis durch die arabischen Nazis und Islamisten aber ausgespart wird, hilft alle Aufklärung über den Nationalsozialismus erfahrungsgemäß gar nichts. Die Trennung von Geschichte, die man den Jugendlichen vorwirft, hat eine Ursache in der Trennung des Holocausts vom Zeitgeschehen, in der Weigerung, den arabischen Antisemitismus ernst zu nehmen. Die Rede vom Gedenken, von Erinnerungskultur, zielt gleichsam auf diese Trennung ab, man solle Vergangenes nur nicht vergessen. Als wäre man nicht jeden Tag mittendrin.

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Why Merkel really is wrong about Trump November 10, 2016 | 01:57 pm

After Trumps victory, which propelled political science into a considerable methodological crisis, Angela Merkel congratulated Trump raising an exhorting finger.

“Germany and America are connected by values of democracy, freedom and respect for the law and the dignity of man, independent of origin, skin color, religion, gender, sexual orientation or political views,” she said in a statement, adding: “I offer the next President of the United States close cooperation on the basis of these values.” (NYT)

Following an old pattern of routine antipatriotism of the left, most critiques of her snotnosed approach were pointing at history, not at the presence. Merkel „as a German“ should shut up, especially on November 9th. But wouldn’t it be a huge progress, if Germany had indeed turned into a true bulwark of anti-fascism, wagin war on genocidal regimes, and now teaching a USA gone proto-fascist? The problem is not Angela Merkel being a German chancellor, but her hypocrisy, her double standards, her likeness of Trump.

While being celebrated by the New York Times as some sort of modern Mother Therese, the real Merkel acts as a the benign face of the proto-genocidal European policy. Since the 1990’s she has been taking part in shaping and planning the conservative agenda towards refugees. Only for a very short time of her reign and only under tremendous public pressure she has finally agreed to allow for the unavoidable and only legal option: not pushing back some hundreds of thousand refugees coming through Austria, Italy and Hungary. At that time, any other measure would have been a gross violation of many human rights, it would have been simply illegal or unfeasible. Adhering to the „Drittstaatenregelung“ would have crashed the relations with Italy, Greece and Spain and it would not have reduced the total number of refugees.

But as soon as public sympathy for refugees waned, as soon as the number „one million“ loomed, as soon as some criminal offenders attacked some women in cologne, Merkel hastily dropped any support for refugees. Hungary and Bulgaria shut their borders with barbed wire and Merkel condoned. Boats kept capsizing, killing thousands in the past months, but Europeans got used to it – again. The flow of refugees has ceased, especially after the deal with Turkey. There is no way left into Europe than boats to Italy. But still the New York Times treats Merkel like a saint, „letting the refugees in“ – a forged picture, playing in the hands of the Trumpist and Putinist right-wing competitors of Merkel, the CSU, the AFD and PEGIDA.

Merkels policy has not only returned to what it has been for years – a cynical decimation campaign, a death race through the mediterranean imposed on any asylum seeker. Underhand it also aggravated the status of asylum seekers, pushing back refugees even to Afghanistan, deporting even traumatized and suicidal patients, pushing back Roma. Her party-associate Horst Seehofer, representing the extremist fringe of the Bavarian conservatives, keeps insisting on a limit, the „Obergrenze“. This is just another term for being prepared to commit outright genocide against refugees, once a certain number is reached – i.e. letting undetermined numbers starve in the desert or drowning them in the Mediterranean sea, as it has been the accepted standard of european policy for decades. Most conservatives in Europe set the bar of this limit at „some thousand“ humans seeking asylum, others imagine, they could take some hundred or no refugees at all and many dream of getting rid even of their immigrant citizens.

If some conclude that Trumps victory will boost Europes lunatic fringe, they paint a rosy past indeed. The opposite is true: Trump is the effect of decades of surging right-wing movements in Europe and the intellectual and diplomatic agony of the European Union. There is no reason to blame future efforts of fascist parties on Trump and „the Americans“. Europe didn’t want to intervene, it didn’t want the refugees,it didn’t want effective development aid. All it wanted and got, was a wall around Europe and fat profits from exploiting nature and labour in countries beyond that wall. Now everyone blames Trump for outlandish claims: a wall, deportations, letting others pay for wars – in short: the essence of European policy in the past.

Merkel and her even more extremist party associates like Seehofer, are in no way different from Trump once refugees are concerned. They lie, they promise economic growth to Europes southern countries, they can’t stop climate change and they haven’t reduced their ecological footprint – Germany is still importing more than half of its wood and most of its paper, the European biofuel-boom has ravaged Indonesias rainforests for palmoil. There is a wall around Europe. And like the US, right-wing extremists patrol the borders hunting refugees in sadistic joy. In most of his issues Trump has learned from Europe that such policies are accepted nowadays, not the other way round.

As Germanys neighbor Hungary turns fascist, Merkel is bereft of any plan to reeducate Hungarian „conservatives“, she might not even see any need for that. Australia, waging a total war against refugees for years now, is charged of torture and maltreatment of the few refugees it keeps in concentration camps for the deterrence. Merkel never questioned cooperation with Australia. She never questioned cooperation with Saudi-Arabia, despite some occasional critical statements.

The coming eight years will be a nightmare for minorities in the USA. Trumps agenda is proto-fascist. To his followers he promises nothing less than armed pogroms against immigrants, LBGT and finally democrats, while under a clear neoliberal agenda distributing wealth from the bottom to the top. He might not be able to fulfill all of his plans, but he was elected for promising them. That would be half as bad, if he had not experienced democratic leaders like Merkel getting away with drowning refugees for decades, and then being hailed just for not outright murdering those few who managed to reach Germanys border.

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Der kalkulierte Skandal November 7, 2016 | 09:40 am

Talkshows sind nicht mit mit Aufklärung zu versöhnen. Ihre Form reduziert jedes Argument zum Geschwätz, jeder entfaltete Gedanke, jedes Material wird schon auf die Meinung der eingeladenen „Positionen“ reduziert. Noch die sechsstündigen Monologe Castros und Chavez‘ enthielten mehr kritisches Potential als diese telemedialen Inszenierungen von Demokratie, die sich nicht scheuen würden, Nazis und KZ-Opfer in einen Raum zu setzen.

Kalt wechselt Anne Will daher beim paraten Stichwort vom Opfer des Islamismus, dem sie nicht einmal ein „das tut mir leid“ zum Abschluss sagen kann, zur Täterin, die in der szenetypischen Codierung zum heroischen Kampf aufruft – freilich sagt sie den prospektiven Heldinnen, dass ihre „Zivilcourage“ kein Zuckerschlecken wie in der gewärmten Stube wird, wohl wissend, dass die Rekrutinnen sich gerade deshalb einschreiben.

Die Islamistin konnte nur gewinnen. Der größte Fehler von Moderatoren ist es, eine verächtliche Person öffentlich vorzuführen, sie mit einer hier auch noch männlichen Übermacht zu konfrontieren. Dieser Overkill produziert Underdogs, denen Mitleid und Sympathien zukommen. Das wusste die Moderation. Sie hat das aber in Kauf genommen, um kulturindustrielle Quote zu machen. So verkehrte sich alles in Gegenaufklärung. Die parallel laufende Dokumentation von Al-Jazeera über die Tuareg in Mali und Niger belegt trotz der Inszenierungen der Jeep-Shows von Wüstenkämpfern, dass das deutsche Fernsehen durchaus aus eigenem Antrieb eine kultürliche Entscheidung zur Verdummung trifft und dass eine andere Aufklärung auch im Bestehenden möglich wäre.

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Anton und die Mädchen – eine Kritik March 22, 2016 | 06:38 pm

„Anton und die Mädchen“ ist eine im Kinderbuchsegment populäre Geschichte, die sowohl als Pixie-Buch als auch als Animation publiziert wurde. Die Geschichte folgt Anton, der mit seinem Spielzeugauto, seinem Eimer und seiner Schaufel auf den Spielplatz kommt und um die Aufmerksamkeit von zwei Mädchen im Sandkasten buhlt. Die beachten seine rituellen Werbeversuche nicht. Er wird „sauer“ und baut ein „Haus“ aus einem Stuhl und seiner Schaufel. Er fällt um und fängt an zu weinen. In der Animation heißt es nun:
„Jetzt gucken die Mädchen. Anton kriegt einen Keks. Anton darf mitspielen. Anton hat es gut.“

Feminist Bookshelf findet es gut, dass die Geschichte Machismus kritisiert. Mädchen aber buhlen in diesem Alter noch genauso um Aufmerksamkeit und zwar nicht von anderen Kindern, sondern von Erwachsenen. Streit gibt es eher um Autos (und andere Spielsachen) als dass diese selbst zum Mittel werden.

Die Szene ist ein klassischer Infantilismus: Ein Verhalten von Erwachsenen wird auf Kinder projiziert. Das ist legitim, solange der Adressat auch Erwachsene sind. Wenn der Adressat aber das Kind selbst sein soll, ist es überfordert, weil das Szenario nicht seiner Lebenswelt entspricht.
Die Botschaft an Mädchen ist, traditionellem Rollenverständnis von weiblicher Kooperationskompetenz und Emotionalität zu entsprechen: Mädchen interessieren sich nicht für Autos, auch nicht für Jungen mit Autos, sondern für das gemeinsame Bauen von Sandburgen und für das Trösten (und Ernähren) von Jungen.

Fataler noch ist die Botschaft an das männliche Kind. Es lernt, dass es die Aufmerksamkeit nicht durch Verhalten, sondern durch Selbstverletzung gewinnen kann. Es lernt auch, dass man, wenn man sich wehgetan hat, einen Keks erhält, anstatt in den Arm genommen und gestreichelt zu werden, wie das Kinder oft auch anderen Kindern gewähren. „Anton hat es gut“ – so wird nicht eine spezifische, außerordentliche und daher zu Recht für Aufmerksamkeit sorgende Handlung belohnt, sondern das mitmachen an sich, das Angepasstsein.

Die Geschichte von „Anton und den Mädchen“ kann auch als Versuch von Eltern verstanden werden, ihr eigenes Verhalten zu rationalisieren. Kinder im Alter von 3-6 Jahren haben kaum ein Problem damit, wenn andere Kinder, insbesondere gegengeschlechtliche, nicht „gucken“. Sie suchen noch nach Anerkennung durch Erwachsene. Diese verhalten sich dabei oft wie die stereotypen Mädchen: Sie achten nicht darauf, ignorieren. Erst wenn das Kind weint, wird gesorgt, im schlechtesten Fall nur mit einem „Keks“.

Das schlechte Fazit der Geschichte: kleine Jungen sollen sich dafür schämen, dass größere Jungen und erwachsene Männer sich infantil verhalten, mit großen Autos und Mutproben um die Aufmerksamkeit gleichaltriger Geschlechtspartnerinnen buhlen.

Ein Buch, das mit dem Problem von Aufmerksamkeit und Ignoranz souveräner umgeht und auf wechselseitige Reifung hinarbeitet, ist „Pass auf, Willi Wiberg!“. Willi Wiberg wird von seinem Vater alleine erzogen. Der sitzt am liebsten hinter Zeitung und Fernseher. Willi bastelt also alleine mit dem Werkzeugkasten. Der Vater ist auf seine Schutzfunktion konzentriert: „Nimm nicht die Säge, Willi!“ mahnt er immer wieder hinter seiner Zeitung. Als Willi sich mit dem Hammer auf den Daumen haut, zuzelt er selbst daran und verheimlicht das – eine nicht ganz unrealistische Reaktion, die noch nicht die Erziehung zur Härte kommuniziert, sondern Selbstfürsorge.
Weil er aber den Vater zum Spielen animieren will, erfindet er ein fiktives Bedrohungsszenario („Hilfe Papa, ein Löwe, ich brauche die Säge, um mich aus meinem Hubschrauber herauszusägen!“). Darauf reagiert der auf die bedrohliche Säge fixierte Vater. In einem Akt der Versöhnung steigt er mit in den Hubschrauber und sie entrinnen dem Löwen – und damit auch der potentiellen Selbstverletzung, die von „Anton und die Mädchen“ empfohlen wird.

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In Katzengewittern July 11, 2015 | 10:30 am

Über den »Animismus der Kritischen Theorie«.

Hinlänglich durchs Feuilleton gereicht wurde das Bestiarium Adornos: die Gazellengiraffe Gretel, das Mammut Max, die mütterliche Nilfpferdstute und er selbst als Nilpferdkönig Archibald. Indem Adorno seine Nächsten in Tiere verwandelte, würdigte er in ihnen das von böse gewordener Zivilisation noch nicht Verwüstete. Diese romantische Ader ist nicht Lapsus, sondern Kern Kritischer Theorie. Sie wird an entscheidenden Stellen animistisch und dieser Animismus läuft dem Gestus der »Ausrottung des Animismus« durch den »Anthropomorphismus« der Aufklärung zuwider.

Weiterlesen unter:
http://versorgerin.stwst.at/artikel/jun-8-2015-1347/katzengewittern

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Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie. May 19, 2015 | 08:32 am

Artikel als PDF via Portal Ideengeschichte:
www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/pi-nip/publikationen/buecher/voelk_kritischetheorie_riedel.pdf

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Schmalziger Antisemitismus – Mit National Geographic bei den jüdischen Warlords December 2, 2014 | 11:34 am

Adorno beobachtete in seinen medienwissenschaftlichen Studien, dass Journals wie Psychologiemagazine analog zum sekundären Okkultismus einen „mild terror“ erzeugen, der dann ebenso sachte besänftigt werden kann durch ein kultiviertes Bescheidwissen. Was gesehen wurde, was bekannt ist, wird schon als kontrollierbar erfahren. Ein „Kenn’ ich“ ist schon so viel wert wie ein „kann ich“.

Die National Geographic muss sich natürlich in regelmäßigen Abständen auch politischen Themen widmen, um ihrer Kundschaft dieses Gefühl der Beherrschung von kompliziertem zu vermitteln. Die fragt sich auf dem Titelbild: „Drei Weltreligionen entstanden im vorderen Orient. Wieso eigentlich?“

Ja genau. Wieso eigentlich. In zwei Wörtern ist der mild terror des Nichtwissens hergestellt. Zwei Beiträge zu Israel enthält dann die Ausgabe vom Dezember 2014, nach denen man dann bescheid weiß. Auf dem Niveau der Titelfrage erklärt ein fett gedrucktes Schmuckzitat:

„Religion fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Menschen Verstand haben und Furcht vor dem, was sie nicht verstehen.“

Offenbar nahm man sich diesen Satz zu Herzen und befragte einen Theologen, Wolfgang Zwickel. Der erklärt nun nicht, warum in einem Industrieland wie Deutschland auf ein Institut für Psychoanalyse zehn Theologieinstitute kommen, sondern warum Menschen angefangen haben, an Götter zu glauben. Und weil am Anfang alles einfach ist, ist auch der Glaube des Anfangs „ein sehr einfacher Götterglaube“.

Der entwickelt sich dann rasch fort zu einem Konflikt zwischen einem Fruchtbarkeitsgott (Baal) und einem Kriegsgott (Isra-El). Da geht es dann ein paar Zeilen durch die Archäologie bis zum König David, an dessen Bild der Theologe „ein paar historische Korrekturen“ anbringt:

„Ich vergleiche ihn gerne mit Saddam Hussein. Er war eine Art Warlord, der eine erfahrene, man könnte auch sagen abgebrühte Gruppe von Haudegen und Desperados um sich sammelte und den zerstrittenen Clans mit eiserner Faust seinen Willen aufzwang.“ (54)

Der Satz steht dann auch noch mal als fettes Readbaiting-Zitat in der Mitte der Seite. Dass Zwickel diesen Vergleich „gerne“ vollzieht, sagt viel über halbverdrängte Faszination an einem solchen Warlord aus, mehr aber noch über abgeschmackte Vergleiche. Zwar schätzt heute ein Gutteil der europäischen Durchschnittsbürger an Saddam Hussein, dass unter ihm „alles besser war“, wie auch Putin, Castro, und Assad ihre Freunde finden. Gadaffis Sozialsystemen trauern bald mehr Menschen nach als er zu Lebzeiten Freunde hatte. Aber auch ohne tieferes Wissen um die baathistische „republic of fear“ zu haben, in der hunderttausende Menschen ums Leben gebracht wurden, gilt der Vergleich mit Saddam Hussein doch denen mit Restvernunft als einer mit dem Inbegriff des Bösen. Man erfährt nicht so genau, was die 400-600 Kämpfer Davids außer einer erzwungenen Einigung, von der es in der Geschichte tausende gibt, noch verbrochen haben sollen, das sie in die Nähe des Massenmörders Saddam Hussein treten lässt. Aber es geht ja nun nicht um Information, sondern um Sensation, eine Sprache in Bildern, die „die Menschen“ verstehen.

El, der Kriegsgott (es wird noch einmal betont, „Isra-el“), tritt nun in Konkurrenz zu Davids Privatgott, Jahwe, der ein regelrechter Vampirgott zu sein scheint.

„Mit der Machterweiterung des Königs wächst auch Jahwes Macht. Er saugt die Fähigkeiten anderer Götter auf und zieht immer mehr von ihren Kompetenzen an sich.“ (54)

 Im Zuge seiner Machterweiterung auch als neuer Kriegsgott wird der heraufziehende Monotheismus aggressiv gegen seine Konkurrenz, und Zwickel erklärt: „Man kann diese religiöse Richtung beinahe als fundamentalistisch beschreiben.“

 Nun kann man das nicht nur beinahe, sondern ohne weiteres. Suggeriert wird aber, dass es Verbote gäbe, die einen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus hier unterbinden würden – in Wahrheit hat man lediglich keinen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus. Man assoziiert einfach frei. Ohne Begriffe, im Stande der sekundären Bilder, steht die Assoziationskette: Judentum – Kriegsgott – Saddam Hussein – Fundamentalismus.

Ausschließlich spricht man pathisch kalt über Israel, über Juden. Etwas „Seltsames“ (und nicht Schreckliches) geschieht. Babylon überfällt Israel. Kurioserweise verlieren Juden nicht ihren „Glauben an Jahwe, der als Kriegsgott ja mindestens ebenso versagt hatte wie Baal als Wettergott.“ (55) Da wird auch der NatGeo der Theologe zu heikel und man fand das Nächstgelegene, einen Religionswissenschaftler, der aber auch das Christentum in Schutz nimmt und das Judentum hier zur Ausnahme, nämlich einer völlig realitätsfremden Religion erklärt:

„Das ist eine erstaunliche weltgeschichtliche Ausnahme“, sagt Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler in Berlin. „In der Regel wird die alte Religion nach einer schweren militärischen Niederlage entwertet, die Menschen verlassen ihre alten Götter und übernehmen die offenbar überlegenen Gottheiten der Sieger, oder sie bilden Mischformen.“ (55)

Als hätte nicht jeder christliche Märtyrer den Heiligenkult genährt, als hätten die militärischen Siege über die Islamisten deren Glauben geschwächt und als hätte nicht die Magie (wie Frazer, Mauss und Levy-Bruhl noch lehrten) trotz ihrer Niederlagen gegen die Realität überlebt. Einen ganz „anderen Weg“ als alle anderen Religionen findet das Judentum:

„Der Gedanke, dass Gott sein Volk für dessen Ungehorsam bestraft, hat seinen Ursprung im babylonischen Exil und durchzieht das jüdische Denken bis zum Holocaust.“ (55)

 Nicht gesagt wird, dass die umgebenden Religionen diesen Gedanken, dass die Juden am ihnen zugefügten Leid selbst schuld seien, in weitaus größerem Maße hegen als die sehr wenigen jüdischen Rabbiner, die tatsächlich den Holocaust als Strafe für eigene Sünden interpretieren. Vom Antisemitismus liest man ohnehin nichts, wenn es in der NatGeo um Weltreligionen geht.

Jüdische Elite vs. Jesus

 Großaufnahme Masada: „Der jüdische Elitarismus förderte die Sehnsucht nach einem Heiland wie Christus.“ (57)

Die jüdischen Eliten kommen nun im babylonischen Exil, so NatGeo, auf eine geniale Idee:

„Die Schriftgelehrten frisieren die Geschichte. Da man das Wort Gottes ja nicht plötzlich erfinden kann, müssen die Autoren die von ihnen erwünschten Worte Jahwes zurückdatieren und früheren Propheten in den Mund legen.“ (58)

Da ist nun die erste und einzige Religion, die das Wort Gottes „plötzlich erfindet“. Mehr noch, eine Religion, die das Leben ihrer Bürger regelt: „Jetzt wird nicht mehr gefragt: „Wer sind wir?“, sondern verordnet, wer man zu sein hat.“ (58)

„Damit ist ein religiöses Korsett für rechtgläubige Juden geschaffen, das so eng sitzt und so stabil ist, dass es ihnen für Hunderte von Jahren überall auf der Welt Halt und Haltung gibt und die Kultur des „Schtetls“ ermöglicht.“ (59)

Obwohl Unterdrückte, verarmte Ghettobewohner und Schtetl-Bauern und Handwerker in Osteuropa durch das „Korsett“ stabilisiert wurden, schließt NatGeo auf einmal:

„Besonders praktisch aber ist dieses Korsett nicht. Nur eine kleine Elite kann es sich leisten, in ihm zu leben. Für einen einfachen Handwerker oder Tagelöhner dürfte es unmöglich seinn, alle 248 Gebote und 365 Verbote einzuhalten, die der jüdische Verhaltenskodex Talmud auflistet […]“. (59)

 „Ein weiterer Mangel: Die Religion ist ethnisch festgelegt und exklusiv.“ (59)

Diesen Mangel beklagen die anderen Religionen nun seit zweieinhalb Jahrtausenden, was gerade der Grund ist, dass NatGeo das Ressentiment tradiert, im Interesse des Kunden. Die unpraktische Religion der Eliten nämlich brachte Jesus von Nazareth hervor, der „keinerlei Einhaltung von Vorschriften“ verlange, aber trotzdem „an die vorbabylonische Frömmigkeit“ anknüpft. (59)

Ob es nun eine Vorschrift ist, das eigene Auge auszureißen und wegzuwerfen, oder sich, so Matthäus – ein christlicher Schriftgelehrter, der Geschichte auch mal frisiert – das Bein abzuhacken, wenn es einen ärgere – geschenkt. Die eigentliche Botschaft „des Nazareners“ laute: „Kehrt euren Sinn um! Denkt nach!“ (60) Und darauf sind tausend Jahre jüdischer elitärer Theologie eben einfach noch nicht gekommen.

Natürlich geht es auch um Liebe, die „eine Botschaft von revolutionärer Wucht“ „in eine Welt scharfer sozialer Gegensätze zwischen Klassen und Rassen“ wirft. „Nicht nur der Elitarismus des Judentums plagt das Volk“, auch die Römer. Daher breitet sich angeblich Jesu Botschaft „aus wie ein Buschfeuer“. Das stimmt zwar nicht, das Urchristentum war marginal und fand erst spät größere Anhängerzahlen – vor allem unter Nichtjuden. Aber man hat ja wieder den Theologen gefragt und der ist nun in seinem Element, er ist vor Ort im heiligen Land zu Jesu Zeit. Er sieht, wie sich eine „revolutionäre, junge Lehre“ mit einem „neuen Menschenbild“ (eigentlich entstammen alle humanistischen Zitate der jüdischen Orthodoxie) ausbreitet „wie ein Buschfeuer“.

 „Die Priester der Christen lassen sich nicht bezahlen wie die der antiken Tempel, sie bestechen ihren Gott nicht mit teuren Opfergaben wie die Jerusalemer Priester, sondern vertrauen seiner Liebe. Die Christen halten zusammen wie Familien und kümmern sich um Arme, Schwache, Kranke. Da ist eine völlig neue Verheißung spürbar, die Kraft eines Gottes, der liebt und Liebe erweckt. Kein Wunder, dass die christlichen Gemeinden stürmisch expandieren.“ (61)

Für die Entstehung des Islam gibt er ähnliche Gründe an: Die Menschen sind arm, die heidnischen Götter ungerecht, erdbeben und Naturkatastrophen erschüttern den Glauben der Menschen. Das Leid erzeugt Nachfrage, allein das Angebot, es fehlt: „Der christliche Gott aber ist unbekannt […]“. (62) Hätte man den schon gehabt, man hätte den Islam nicht erfinden müssen.

Den mag der Theologe nun doch irgendwo gern:

„Der Islam hat sich keineswegs mit Feuer und Schwert durchgesetzt, sondern im Laufe einer langen und sehr friedlichen Inkulturation.“ (63)

Kein Lektor fragt sich offenbar bei NatGeo, warum Zwickel die islamische Expansion, die noch Mohammed auf die arabische Halbinsel ausdehnen konnte, als „sehr friedliche Inkulturation“ werten kann, aber in David einen antiken „Saddam Hussein“ wertet. Das ist nicht nur dick aufgetragen oder schlecht abstrakt, das ist pathisch projiziert.

„Gesegnet. Besetzt. Verflucht.“

Hat man nun schon den schmalzigen christlichen Antisemitismus reproduziert, der im Judentum eine baathistische fundamentalistische abergläubische Elitenreligion sieht, kann man auch über das moderne Israel erst recht schreiben, was der Kundschaft lustig ist.

Man geht mit einem jüdischen Archäologen mit und der ist „zersauster Intellektueller mit den wässrig blauen Augen eines Träumers und Jude.“ Der Autor muss offenbar die Augenfarbe blau notieren, dann aber ein wässrig hinterherschieben. Das verweist auf ganz vielschichtige Konnotationen, von denen kaum eine zu einem positiven Resultat führen dürfte.

Als Ausgleich zu diesem „zersausten Träumer“ mit nicht ganz echten blauen Augen nimmt der noch einen palästinensischen „Freund und Fotograf“ mit, der keine wässrigen Augen hat, sondern ein „unermüdlicher Wanderführer“ ist. Der träumende Jude, Goren, arbeitet nun an einem Klär- und Bewässerungsprojekt, von dem Palästinenser und Israelis profitieren sollen. Allein: „Er scheint so unmöglich, so naiv, Gorens Traum.“ Immerhin gibt es hier ja schon „2500 Generationen der Verzweiflungen, Niederlagen, Glaubenskrisen.“ (71)

Man würde von dem Lektorat der NatGeo zumindest erwarten, dass man die Zahl der Generationen kennt, die in ein Jahrtausend passen. Es sind etwa 33-60, je nach Reproduktionsalter (33-15). Nimmt man, wie bei großen ontologischen Geschichtsentwürfen beliebt, die neolithische Revolution vor 10.000 Jahren zum Ausgangspunkt der endlosen Litanei, die nur jüdische Träumer beenden wollen, so wären es immer noch nur 600 Generationen. Aber es geht ja auch gar zu munter zu, als Epigone Karl Mays durchs wilde Israel und Palästina zu wandern, man zischt vom Instantkaffee zu den vor zwei Millionen Jahren aus Afrika einwandernden Flusspferdjägern und wieder zurück zum Wüstenregen, der nichts anderes macht als „klitschnass“ und den Lastesel „triefend“. Zwangsläufig kommt man an Checkpoints und weil man schon vier Seiten in nichts anderem als Klischee-Bildern gesprochen hat, kommt auch hier noch eine flache Metapher:

 „Die politische Landkarte des Territoriums sieht wie ein Röntgenbild aus: ein krankes Herz, marmoriert, gefleckt, verklumpt, ausgehöhlt.“ (81)

Das „Territorium“ (die Indianer grüßen) ist nicht nur ein Herz, ein krankes, sondern klein:

„Gerade mal doppelt so groß wie Luxemburg, aber bevölkert mit 2,7 Millionen Menschen – das besetzte Westjordanland.“ (81)

Die Fläche des Westjordanlandes beträgt 5800 m², das ist tatsächlich etwa doppelt so viel wie Luxemburg, das nur 550000 Einwohner hat, dafür aber 45,3% Ausländer beherbergt, im Westjordanland würde man sagen, Siedler.

Es ist aber mehr als 15-mal so viel wie München, das bei 310,71 km² ganzen 1,4 Millionen Einwohnern die allerprächtigsten Lebensbedingungen bietet. Freilich prozentual nur halb so vielen Ausländern wie Luxemburg und nur 9700 Juden.

Im Westjordanland aber eine Vielzahl von Zonen (exakt drei, A, B und C) und weil man unbedingt zu Fuß durch Naturschutzgebiete, Checkpoints und die judäische Wüste will, bricht man „in Betlehem (zurück in Zone A) erschöpft zusammen.“ Araber und Juden nehmen übrigens gern auch den Bus oder das Auto und bis in die Hochzeit des PLO-Terrors konnten Araber auch noch ungehindert nach Tel Aviv an den Strand zum Baden fahren.

Der Archäologe begegnet bei einer solchen erschöpfenden Höllentour auch Haredim, die tanzen und feiern und da liegt die Frage nahe: „Dieses gottesfürchtige Volk – ist es durchgedreht?“ Immerhin, ganz so wild wird man es nicht treiben:

 „Nein. Die Sache ist die: Nachdem ich die alten Horizonte Afrikas hinter mir gelassen habe, stehe ich nun an einer komplexen Wegkreuzung der Welt, wo die Landschaft sich liest wie ein Sakrament, in einem Labyrinth widerhallender Religionen namens Naher Osten. Der sonderbare Eifer in Bnei Berak ist ein Fest der Freude, des Überlebens: Purim.“ (85)

Immerhin so viel erfährt man über die verrückten Juden an der Wegkreuzung der Welt, mit denen man dann doch feiern kann, dass sie vor 2500 Jahren einen Genozid durch die Perser verhinderten. Es endet die archäologische Pilgerfahrt mit seichtem Abgesang, der irgendwie alles assoziiert und kennt, die wildesten geschichtlichen Verbindungen ahnt, Bilder fantasiert und dann exakt so religiös wird wie man es vorher schon war:

„Das war die einzige Theologie der Wanderung. Der Beduine. Die Menschen in dem Hotel. Die Straße, die sie trennte und verband.“ (85)

 Die Verbindung, man könnte sagen, Synthese, ist der zweite Bestandteil der Kulturindustrie. Nicht nur muss der „mild terror“ in jedem zugleich und doch spezifisch präsent sein, auch müssen die Lösungen so formuliert sein, dass sie sowohl auf jeden einzelnen als auch auf jeden von ihnen passen. So geht es in der Astrologie und so geht es beim Infotainment von NatGeo.

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Sieben Leben (Seven Pounds) – Der fürsorgliche Staat und die Organspende January 21, 2014 | 02:23 pm

In “Sieben Leben” spielt Will Smith einen Mann, Tim Thomas, der einen Unfall verschuldet hat und dabei seine Frau tötete. Daraus entsteht ein interessanter sexueller Fetischismus: Er beginnt eigene Organteile zu spenden, vorgeblich, um seine Schuld zu tilgen. Am Ende erfolgt sein Suizid – interessanterweise mit einer tödlich giftigen Würfelqualle im Eisbad. So bleiben seine Organe unversehrt und alle von ihm begünstigten Personen erhalten ihren Körperteil vererbt – die vom Tod bedrohte Geliebte sein rettendes Herz. Er schafft es auf diese Weise, körperlich in sieben Personen einzudringen, gleichsam als Widerruf seiner eigenen Geburt. Die vermeintlichen Schützlinge, in Wahrheit seine Opfer, können sich gegen diesen Übergriff nicht wehren – sie haben keine Wahl. Die “Bedeutungslosigkeit” oder totale Ersetzbarkeit, größte Furcht des Narzissten Tim Thomas, ist durch das Spektakel seines Suizids gebannt.

Der technisch erwartbar glänzende Film führt vor, was geschehen kann, wenn Organspender sich ihre Empfänger aussuchen können und dürfen. Die Empfänger werden von Tim Thomas einem raffinierten Auswahlverfahren unterzogen, ihr Leben überwacht und auf Schwachstellen getestet. Wer andere ausnutzt oder in den Worten von Tim Thomas “ein Arschloch ist”, erhält kein Organ.

Solche berechnende “Vernunft” erzeugt die Suggestion eines fürsorglichen Überwachungsstaates. Tim Thomas manipuliert durch seine Organgeschenke die Empfänger, bis sie seinen moralischen Idealvorstellungen folgen und ihm sogar dabei helfen Gesetze zu übertreten. Sein eigener Bruder erhält eine Lungenhälfte von ihm, dafür stiehlt er ihm dessen Ausweis vom Finanzamt und gibt sich fortan als sein Bruder aus. Der wird abgewimmelt, als er aufbegehrt:  “Hast du etwas mitgenommen, als du letztesmal hier warst?” (Den Ausweis) “Nein, ich habe sogar etwas dagelassen!” (Seine Lungenhälfte).

Seine Opfer sucht er als vermeintlicher freundlicher Beamter vom Finanzamt auf, konfrontiert sie mit Intimissima wie Arztbriefen und abgehörten Telefongesprächen, die er von der Empfängerin seiner Leberhälfte erhält, er bricht in Wohnungen ein – und jedesmal ist seine “Hilfe” erfolgreich. Einer misshandelten Mutter von zwei Kindern schenkt er sein Elternhaus am Meer, glücklich spielt die vaterlose Familie am Strand. Seine große Liebe findet er in einer verschuldeten kinderlosen Herzpatientin – die sich in ihn trotz aller Übergriffe verliebt.

Dieser eiskalte narzisstische Fetischismus wird vom Film nicht kritisch ad absurdum geführt oder durch Überzeichnung ironisiert, sondern durchweg honoriert und idealisiert. Ein konsequent dialektisch angelegter kritischer Film hätte Tim Thomas Größenwahn wenigstens punktuell scheitern lassen oder die posthume Aggression der Opfer offen gelegt. Das Aggressive in den übergriffigen Handlungen wird zwar angedeutet – so beschuldigt ihn die Herzpatientin, ihren vegetarischen Hund “vergiften” zu wollen, nachdem er diesem ungefragt ein Stück Fleisch füttert. Die tatsächliche Aggression aber, den Suizid, präsentiert der Film als durchaus respektable und gelungene Lösung von realer Schuld.

Für dieses Wohlwollen kann der Film auf tief inkulturierte christliche Mythologie bauen. Das christliche Selbstopfer befreit in der Filmlogik erfolgreich von realer Sünde. Die Geliebte mit seinem schlagenden Herzen blickt in der Schlussszene gerührt in seine Augenhornhaut, die ein blinder Klavierspieler erhalten hat, der Kindern kostenlosen Klavierunterricht anbot.

Solche mühsam angewärmte, in Wahrheit kalt berechnende Projektion entspricht der ökonomisierten Vorstellung der christlichen Kleinbürger von der Organspende. Die sehen verständlicherweise und ganz rationell nicht ein, warum Raucher oder Trinker ein Spenderorgan erhalten sollen – in der Fortführung ist es dann nur logisch, dass auch anders schuldhafte Menschen nicht erlöst werden.

Hatte das Christentum einst mit der abstrakten Erbsünde noch die Versöhnung mit eigener Sündhaftigkeit durch das deligierte, abstrakte Selbstopfer angeboten und darin auch den konkreten Sünder selbst erlösen wollen, wird es hier auf sich selbst zurückgeführt im banalen Tauschakt Leben gegen Leben. Sieben verschuldete Leben werden durch sieben gerettete Leben bezahlt, individuelle konkrete Sünde durch das das individuelle konkrete Opfer. Der Sünder muss im hier und jetzt büßen und wird nicht mehr im Diesseits erlöst.

Solches Opfer streicht Individualität und Besonderes durch – ein zerstörtes Leben ist eben nicht durch ein anderes austauschbar. Gerettet wird lediglich der Narzisst, der sein Opfer mit der Befreiung von Schuldgefühlen und dem Spektakel der Grandiosität gratifiziert.  Dass ein solches Modell erhebliche Attraktivität ausstrahlen dürfte und in systematisch vom Alltag denarzissierten Menschen die narzisstische Sehnsucht nach dem sinnvollen, sozial nützlichen Tod verstärkt wird von professionellen Rezensenten in medienkompetenter Manier zur Teenage-Suicide-Hysterie verharmlost.

Am Ende behält Tim Thomas recht – daran lässt der Film keinen Zweifel. Die moralischen Einwände einiger Protagonisten erreichen nie den Rang eines Argumentes, sie werden zum kleinkarierten, legalistischen Spießertum verurteilt, dem es an Einsicht in die Größe des angelegten Planes mangele. Der Ausnahmezustand des versagenden Herzens rechtfertigt selbst die übergriffigen Marotten des Tim Thomas als harmlose. tolerable neurotische Nebeneffekte – dabei sind sie der Kern der Motivation, nicht Begleiterscheinung.

Dass Will Smith, der aus dem Stereotyp des schwarzen Clowns (“Wild wild West”, “Men in Black”, “Independence Day”) erfolgreich ausgebrochen ist, sich nun für solche autoritäre Propaganda hergibt, kann weder aus Restschulden beim Finanzamt noch aus seiner mutmaßlichen Sympathie für Scientology erklärt werden. Vielmehr ist der Film Exponat einer viel tieferen und gründlicheren Wendung des Systems Hollywoods zum modernisierten Evangelikalismus.

In “I am Legend”, einer ungleich genialeren narzisstischen Projektion, opferte sich Will Smith schon einmal – für ein Serum, das einer christlichen Sekte überreicht wird und diese zur Heilung von Zombievampiren ermächtigt, während die säkulare Wissenschaft das Virus erst durch Krebsheilung erzeugte. Aber auch andere Darstellerfilme, deren Absatz über den Hauptdarsteller sich garantiert, setzen immer häufiger auf pfingstkirchliche Dämonologien und das narzisstische Selbstopfer.

Es trennt Nollywood und Hollywood bisweilen nur noch die Qualität der Effekte und die psychologische Raffiniertheit der Szenarien. Ob “Priest” oder “Der letzte Tempelritter” oder “Duell der Magier”: stets wimmelt es von Dämonen und Regressionen zu neoplatonistischen Ritualen, die vom katholischen Ballast befreit, demokratisiert und technologisiert werden – meist noch im Auftrag von wohlwollenden Geheimorganisationen.

Der Plan des Organspenders und der Plan von überdauernden Tempelrittern, Geheimkulten und Zirkeln sind ins Positive verkehrte Verschwörungstheorien, Wunschprojektionen vom sinnvollen Verlauf von Geschichte, von erfolgreicher Organisation gegen das Zeitgeschehen, von erfolgreicher Tradition, von wohlwollender Autorität. Panoptische Überwachung und emotionale Manipulation erscheint plötzlich nicht nur erträglich, sondern notwendig, mitunter trickreich. Wenn es der gerechten Verteilung von knappen Organen dient, ist das Private schutzlos: überschießende Kontrollwünsche angesichts der eigenen Sterblichkeit und der Abhängigkeit von den gefürchteten Ärzten.

Neues von der Arbeitsfront: Der 0,15 Liter-Arbeiter von Erasco April 29, 2013 | 12:52 pm

Das kapitalistische Glücksversprechen kommt mitunter in der Werbung zur größten Ehrlichkeit:

Wer täglich alles [sic!] gibt, hat auch eine kleine [sic!] Pause verdient. Mit Erasco Heisse Tasse. Die schmeckt und gibt neuen [sic!] Schwung. So viel Zeit muss sein.

Wer bei soviel Zeit und Schwung noch Kraft hat, “kräftig” umzurühren, der wird mit 0,15 l “Inhalt” für “alles” entschädigt, das er gegeben hat. Und der “neue” Schwung maximiert sein Verwertungspotential.

“Guten Appetit!”

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Glamour und Bergpredigt – Käßmann, die Lichtbringerin April 27, 2013 | 12:48 pm

Margot Käßmann schreibt in einer Art Wort zum Sonntag unter dem drohenden Titel “Wir Weltverbesserer” (Die Zeit 2013/17: 66):

Ich blicke anders hin, habe die Bergpredigt im Sinn, die ganz andere Prioritäten setzt als Ruhm und Glamour.

Den sie selbst genießt. Nun muss man das pflichtgemäße Volksbetüttern einer Berufspredigerin nicht in den Rang der Kritikfähigkeit heben. Es lässt sich an der Predigt Käßmanns aber doch etwas Akutes ablesen. Zunächst erhebt sich natürlich Einspruch gegen diesen Satz: Glanz und Glamour, das ist exakt der Gestus der Bergpredigt. Vor seinen Fans steigt Jesus auf die Bühne, also den Berg, gibt den Fans ein fettes Feedback: Er spricht sie allesamt selig, denn das ist im Eintrittspreis inbegriffen. Und dann wirds blutig im Moshpit:

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. 29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.

Was passiert aber, wenn man das Augenausreißen befolgt? Man kommt zumindest in veritable aporetische Großküchen des Luzifers:

22 Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. 23 Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!

5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Käßman wollte nun sicher nicht theologisch die Bergpredigt diskutieren, sondern sie agiert hier ganz als Handlangerin des Kapitals: Den austauschbaren und unbedeutenden Anhängseln der Produktionsverhältnisse hämmert sie noch einmal ein, dass es gut ist, unbedeutend zu sein, dass sie in Wahrheit selig seien und nicht die Reichen und Berühmten.

Zu Geld sind diejenigen, die Jesus nachfolgten, nicht gekommen. In den Seligpreisungen steht auch nicht, dass Geld glücklich macht.

Eine faux frais, war doch der Protestantismus bekannt dafür, als Erwerbsethik das Wohlgefallen Gottes im Reichtum abzubilden. Wenn sie nun Josef Ackermann scheinheilig als Negativbeispiel hinstellt, weil der mit 2 Millionen Jahresgehalt nicht zufrieden ist, dann lügt sie sich über den gesamten Protestantismus hinweg, der den Reichen eben jenen Reichtum als Zeichen göttlicher Zuwendung definierte, während er als Pietismus den Armen traditionsgemäß die Lust als Sünde austrieb. Die Lüge wird um so durchsichtiger, als sie einen reichen Bischof, also einen Katholiken, in den USA anführt, dessen Jahresgehalt 3 Millionen Dollar gewesen sei. Diese Summe wird sie mit dem unter dem Artikel angepriesenen Büchlein für 17,99 rasch beisammen haben. Aber wer will so kleinlich sein, das ist unabhängig von ihrem eigenen Einkommen Kulturkampf. Kulturkampf aber gerade zum Wohlgefallen der kapitalistischen Reproduktion:

Du kannst aus der Spirale der Dauererschöpfung ausbrechen und der Last der Erwartungen entgegenkommen. Halte an, entschleunige, überlege neu, was du mit deinem Leben anfangen willst. Das ist gut für dich und für die, mit denen du lebst.

Wie die Astrologiespalten hat Käßmann hier gewiss nicht das Prekariat als Adressat, sondern das bürokratische Kleinbürgertum. In der Wette auf dieses Publikum kann sie sich auch erlauben, das Prekariat zu verhöhnen, das eben die Wahl zur “Entschleunigung” gar nicht hat oder für diese mit Elendsverwaltung in Arbeitsagenturen verachtet und bestraft wird. Von Streik und Klassenkampf will sie partout nicht sprechen. Jeder ist sein eigener Ausbeuter, gottgegeben das Klassenverhältnis:

Der Bauplan der Welt leitet sich ab aus der Hoffnung auf ein Miteinander von Starken und Schwachen.

Dazu passt dann auch die süffisant empfohlene Politik mit dem Einkaufskorb, die nur jene noch ausüben können, die vom Ausbeutungsverhältnis schon privilegiert wurden und nun mit Porsche Cayenne vor dem Aldi stehen. Vom Leben bleibt das Sterben:

Sterbende sind kein Tabu, und der Tod ist kein hoffnungsloser Fall – wagen wir, darüber zu reden. Wie will ich sterben? Wie können Sterbende in Würde begleitet werden? Das sind Themen, denen wir nicht ausweichen dürfen.

Käßmann schlägt aus dem Tod noch Sinn, natürlich nicht ohne auf die kirchliche Industrie mit dem Bestseller Tod zu schielen. Nachdem sich die Frage nach dem “ob” offenbar schon erledigt hat, wird das “wie” angeblich zur Wahl – als würde jemand freiwillig die Wahl treffen, allein und elend in einem heruntergewirtschafteten Hospital zum Rhytmus der eisernen Lunge zu verrecken. Wenn die Kirchen das Leben schon nicht geben können, und an den Verhältnissen nicht rütteln, so bleibt ihnen nur der Tod. Oder die Liebe? Die sieht bei Käßmann so aus:

Liebe ist nicht statisch. Wer sich darauf einläßt, macht sich verletzbar. Aber es lohnt sich, in sie zu investieren, damit wir das Gewebe stärken, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Da geht es um Familie, Ehe und Partnerschaft, aber auch um Vertrauen und Freundschaft. 

Investmentfonds Liebe zur Erhaltung der harmonistisch vergifteten Gesellschaft, der religiös vertuschten Ausbeutungsverhältnisse. Was sagt eigentlich die Bergpredigt zur Ehe?

Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

Just so charming, isn’t it. Der Kitt, den Käßmann abliefert, ist für die Produktionsverhältnisse gedacht, nicht für die Individuen. Die sollen am Recht nicht rütteln und doch die errungene Freiheit verteidigen.

Es gibt kein “Die” und “Wir”, sondern nur “Uns” in unserem Land, unserer Welt. Hier können wir in einer Vielfalt von Kulturen und Religionen leben, wenn wir das Recht achten und die errungene Freiheit verteidigen.

Das ist so konformistisch und nicht einmal eine Revolte, das spottet jeder aufrichtigen katholischen Befreiungstheologie. Selbst Käßmanns Anhänger klagen offenbar über die offensichtlichen Widersprüche ihres affirmativen Gerechtigkeitskonzepts:

Bei einem Vortrag über Gerechtigkeit fragte mich ein Zuhörer: “Frau Käßmann, seit 30 Jahren engagiere ich mich jetzt, aber irgendwie wird alles immer schlimmer. Woher soll man denn die Hoffnung nehmen, dass es besser wird?”

Und was gibt ihr die Käßmann? Durchhalteparolen mit Prophet Elia: Der Weg ist lang und so weiter. Und aber auch ein wenig Konsum als Ersatz für das verlorene Glück:

Ja, es gibt Ermüdung, weil wir alle nicht mal eben schnell die Welt retten werden. Wir brauchen Zeiten für uns selbst, in denen wir Kraft schöpfen.

Reproduktionszwang vergiftet Muße zur Freizeit. Und was hat Käßmann den Verwalteten anzubieten?

Im Glauben, im Gottesdienst, beim Pilgern und Schweigen können wir Kraftquellen erschließen. Wir dürfen uns auch Gutes tun!

Wo noch Widerständigkeit in den Menschen überlebte, werden sie hier komplett zur Batterie zugerichtet, in der irgendwelche verborgenen Ressourcen noch “erschlossen” und vernutzt werden sollen. Das ist noch nicht der Gipfel, der Gipfel der Ekelhaftigkeit ist es, diese in Selbstausbeutung Erschöpften noch einmal in die kirchlichen Pilgerindustrie zu hetzen und ihre letzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen kontrollieren und ausbeuten zu wollen und das dann als “sich Gutes tun” zu verkaufen wie der Kaffee, der die meisten doch viel eher bei der Arbeit hält als ihnen die idyllischen Ruhepausen der Cappucino-Werbung zu gönnen.

Was Käßmann in jeder Faser ausschließt, ist Widerstand.

Zum Frieden gehört der Mut, Konflikte gewaltfrei zu lösen – im persönlichen Umfeld wie in internationalen Konflikten. Waffen sind keine Lösung, sondern das Problem. In den Seligpreisungen entwirft Jesus eine Kontrastgesellschaft, die für uns Provokation und Leitfaden sein kann, auch im politischen Handeln.

Das sagt ein Nachkomme einer Gesellschaft, die nur durch Waffengewalt aufgehalten werden konnte. Solcher Pazifismus nach dem Nationalsozialismus ist die Befürwortung des Nationalsozialismus, der zynische Spott über die sich für “unsere Freiheit” opfernden alliierten Soldaten, denen man hier noch zurät, sie hätten noch mehr Wangen hinhalten und noch mehr Menschen ins Gas schicken lassen sollen. Den aggressiv-pazifistischen Deutschen lässt sie ein Lichtlein tragen, als wüsste sie nicht genau, wer in der biblischen Mythologie der Lichtträger ist:

Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Käßmann zündet hier wohl eher ihr kleines Lichtlein an, um gewaltig über die schlechten Werke hinwegzublenden. Wer bezeichnete bekanntermaßen sich und die arischen Deutschen in der Geschichte als “Lichtbringer” im Kampf gegen “lichtscheues Gesindel”? Man kann dieser “Lichtbringerin” jedenfalls nur ihr eigenes Kraut empfehlen:

Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!

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Workshop “Kritisch-Theoretische Filmanalyse” in Marburg, 4./5.5. April 27, 2013 | 10:03 am

Institut für Soziologie, Seminarraum 1 (00.003), Ketzerbach 11, Marburg
Der hypnotische Charakter des Filmes, seine sedierende Wirkung, haben zuerst seine treuesten Konsumenten, die Filmwissenschaften, erfasst: Sie idealisieren ihren Forschungsgegenstand häufiger als sie ihn in Frage stellen und in ihren Analysen ist es ganz demodée, das gesellschaftliche Verhältnis dieses Mediums als Ganzes kritisch zu erfassen und zu betrachten. Stets ist von neuen subversiven Schöpfungen die Rede, mit denen der Film endgültig gerettet werden soll zur Avantgarde, zur basisdemokratischen offenen Form, zur Kritik – und stets kommt nichts aus der Kritik heraus, als die selbsterteilte Erlaubnis an den Intellektuellen, dem Film zu Forschungszwecken zu frönen. Nerdtum offeriert dabei noch den Anschein eines sicheren Bodens, von dem aus sich über Filme reden ließe: Die positivistische Anhäufung von offensichtlichen oder irrelevanten Fakten. „Hermeneutische“ filmanalytische Verfahren streichen hingegen gerade die im positivistischen Moment noch aufscheinende gesellschaftliche Gebrochenheit durch und behaupten ein zuallermeist positives Sinnganzes des Films, dem sich dann durch Introspektion auf die Schliche kommen ließe. Filme werden zu harmlosen, jeweils vereinzelten „Erzählungen“. Und selbst die Psychoanalyse weiß heute häufig nichts Besseres mehr anzurichten, als die von Psychoanalytikern extra für Psychoanalytiker ausgestreuten Konflikte und Rätsel noch einmal nachzuerzählen und dem Film oder dem Filmheld die Diagnose als Arztbrief auszustellen. Da aber an der Beliebtheit des Filmes nichts zu rütteln ist, wird keine dieser Veranstaltungen dem Filmpublikum vorhalten, wie und wozu es manipuliert wird.Kritische Theorie stört diese Party und wird daher mit der stärksten Waffe akademischer Zensur bekämpft: Dem Vorwurf des metaphysischen, schlimmer noch: „veralteten“ Elitismus, des Vorurteils. Was Adorno, Kracauer, Benjamin tatsächlich über Film und Kulturindustrie zu sagen hatten, mitunter an verzweifelten Hoffnungen an ihn herantrugen, zergeht in einer selektiven Zitation, in systematischen Missverständnissen und in der hämischen Aufrechnung, dass ja ausgerechnet Theodor W. Adorno mit Gretel Adorno die Tierklinik-Soap „Daktari“ seriell konsumierte oder gar ins Kino ging.

Der Workshop soll gegen diese Tendenzen Film-Konsumenten die Kritische Theorie des Filmes näher bringen, ihnen ermöglichen, spezifische Muster in Frage zu stellen. Wie verlängert sich in Filmen Gesellschaft in die Individuen hinein, was am Medium Film machte es zur dominanten Form von Ideologietransport. Im Allgemeinen bleibt das Besondere des individuellen Films, im weiteren Verlauf die Genres, die jeweilige gesellschaftliche Entfaltung als Genre von erheblicher Relevanz. So stehen einige der neueren und nicht so neuen Phänomene auf dem Prüfstand: Der indigene Film, Trash, Crowdfunding, neuere Kunstfilmkonzepte. So viel Avantgardismus dem spezifischen Produkt auch eingeflößt werden konnte, innerhalb des kulturindustriellen Systems bleiben sie Werbung für den nächsten Film oder für den Film als gesellschaftliche Institution. Anhand einiger ausgewählter Filmanalysen eher fortschrittlicherer Filme werden starre Stile der Stereotypisierung bestimmt, die auch diese Genres immer nur ansatzweise aufgehoben haben: Rassismus, Sexismus, Disziplinierung, Desaster Therapy, Tough Baby, Damsel in Distress, Success Story, Final Girl, Assessment Center, Instrumentelle Psychoanalyse, Antisemitisches Gelächter.Am Samstag den 4.5. und Sonntag den 5.5. treffen wir uns im Seminarraum 1 (00.003) im Institut für Soziologie (Ketzerbach 11) jeweils um Punkt 10 Uhr. PUNKT zehn Uhr. Am Samstag geht es mit Pausen bis 18:00, um 19:00 bieten wir eine gemeinsame Filmlektüre an. Am Sonntag wird die Veranstaltung um 13:00 zum Mittagessen sich auflösen. Veranstaltungsort:

Eigene Referate sind möglich nach Voranmeldung. Wir bitten darum, bis zur Veranstaltung folgende Filme nach Möglichkeit OMU gesehen zu haben:

https://www.facebook.com/events/597624490265622/

– First Blood (aka Rambo I)
– The Green Mile
– Apocalypse Now Redux
– Pans Labyrinth
– Atarnarjuat the Fast Runner (Livestream möglich)
– Top Gun
– The Happening
– I hired a Contract Killer
– Die Entdeckung der Currywurst
– 4 Minuten
– The Master (Nigeria. Gekürzte Version: http://www.youtube.com/watch?v=0KqesD2JU88&wide=1)

Ein PDF-Reader geht den Teilnehmern zu. Die Quellenangaben der OBLIGATORISCHEN TEXTE sind:
– Kulturindustrie. In: Dialektik der Aufklärung, Adorno/Horkheimer. Fischer Verlag.
– Das Spektakel des Anderen. In: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4: Stuart Hall. Argument Verlag.
– „Dreams are made like this“ – Hortense Powdermaker and the Hollywood Film Industry. Jill B.R. Cherneff. Via JSTOR.
-„Damsel in Distress“: https://www.youtube.com/watch?v=X6p5AZp7r_Q

Weiter empfohlen für die intensive Einarbeitung:

– Alles falsch: Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie. Braunstein, Dittmann, Klasen (Hg.) 2012. Verbrecher Verlag
– Adorno. The Culture Industry. Selected Essays on Mass Culture. Bernstein (Hg) 1991. Routledge.

– Part IV: Hollywood. In: Stranger and Friend. The Way of an Anthropologist. Hortense Powdermaker. W.W. Norton & Company.

Eine Veranstaltung der Aktiven Fachschaft Soziologie Marburg
(http://www.fachschaft-soziologie-marburg.de/)

Um an der Veranstaltung teilzunehmen, bitten wir um Anmeldung unter: filmworkshop.fssoziologie@gmail.com

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Der ewige Trauma March 30, 2013 | 12:25 pm

Der Spiegel ließ in der Ausgabe 8/2013 eine tendenziöse Rezension der israelischen Dokumentation “The Gatekeepers” mit einem Zitat eines ehemaligen israelischen Shin-Bet-Chefs einleiten: “Wir sind ein grausames Volk geworden.” Das klingt in Deutschland, dem Land der Ritualmordlegenden, gleich doppelt fetzig: ein Kronzeugenzitat mit israelischem Persilschein und allem Geheimdienst-Pipapo.

Fürs neue Cover (13/2013) genierte dann wirklich nichts mehr. “Das ewige Trauma – Der Krieg und die Deutschen”. Ein mitleidserweckend zersauster Soldat blickt uns klagend an, hinter ihm ein Flüchtlingsstrom und, Kitsch komm raus, das Brandenburger Tor, um wirklich sicherzustellen, dass hier Deutsche nach Deutschland fliehen und nicht etwa Juden nach Shanghai. In der unteren Bildhälfte dann Farbe: Ein Foto, das aus der Ferne betrachtet vormarschierende GI-s zeigen könnte, ein Blick ins Heft legt aber nahe, dass es Bundeswehrsoldaten in Afghanistan sind. “Verwundete Nation” titelt ein Beitrag im Heft: “Immer wieder arbeiten die Deutschen das Trauma der NS- und Kriegszeit neu auf – und bleiben eine verwundete Nation. Der Psychiater Hartmut Radebolt analysiert das “Erschrecken über uns selbst”.” Dann noch einmal: “Die Wunde der Vergangenheit” als Schlagzeile.

Was soll aber am Trauma ewig sein in einem Land, dem Franz Josef Strauss 1969 versicherte: “Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Ausschwitz nichts mehr hören zu wollen?” Zur selben Zeit, in dem der erste und einzige Aufstand gegen die ungebrochene nazistische Hegemonie in der Demokratie von ein paar tausend pubertierenden StudentInnen organisiert werden musste? Ein aktueller FAZ-Leserbrief beklagt, dass vor allem Deutsche Opfer der Nazis gewesen seien, eine Verwandte sei als Krankenschwester an die Front versetzt worden, weil sie gegen Euthanasie war. Wenn das so massenhaft so war, dann wundert doch die friedliche Stille und Eintracht sehr, in der Deutschland über 20 Jahre lang wieder aufgebaut wurde. Nota bene, damals waren weite Teile beispielsweise des hessischen Landtags in der NSDAP gewesen, inklusive Justizministerium, weite Teile der Bürokratie wurden niemals entnazifiziert, Grundstein für den späteren Erfolg der nationalsozialistischen Terrorwelle. Paradox war: Schuld im eigentlichen psychologischen Sinn empfanden fast ausschließlich Opfer und jene, die gescheitert waren in ihren mal verzweifelten, mal dilletantischen Versuchen des Widerstandes. Hätte Strauss gewonnen und wären die pubertierenden Studierenden nicht irgendwann doch erwachsen und mitunter erschreckend kompromissbereit geworden, man könnte noch viel ungestörter die traditionelle deutsche Wundversorgung betreiben: Kriegerehrenmäler, Kameradentreffen, SS-Vereinsabende.

Überlebende Altnazis und Opfer heute wissen genau, was sie mit dem “ewigen Trauma” assoziieren sollen: den NS-Propagandafilm “Der ewige Jude”. Und genau auf diese den meisten wohl eher unbewusste Assoziation baut der Spiegel-Titel: Das “ewige”, weil narzisstische Trauma ist den Deutschen “der ewige Jude”, jene Juden, die als Überlebende und Nachkommen an die Verbrechen, zumindest aber an Feigheit, Mitmachen, Zusehen erinnern.

Im Spiegel heißt es auch nicht “Die Deutschen und der Krieg”. Das würde Kriegsschuld suggerieren. “Der Krieg” ist vorangestellt, um die Suggestion von etwas äußerlichem, abstrakten zu bewahren, das unter anderem eben auch über die Deutschen gekommen sei und von dem sie sich immer noch nicht erholt hätten. Die beschworene Wunde erscheint nun nicht bedrohlich, weil sie die paradoxesten Reaktionen inklusive für alle möglichen Minderheiten bedrohlichen Wiederholungszwang zeitigt, sondern weil sie angeblich heute die gebotene Effizienz der Bundeswehr blockiert, die ausnahmsweise Demokratie und Freiheit verteidigen sollen. Dieser Effizienzverlust durch nationales Trauma schadet also wiederum nur: den Deutschen.

Das neueste Cover ist sicher kein Testballon und keine Aberration. Der Spiegel ist spätestens seit der Augstein-Affäre auf Trotz-Kurs und muss sich in jeder Ausgabe seiner neuen, selbsterteilten Definitionsmacht über den Antisemitismus vergewissern. Das Cover ist Ausdruck eines kühlen, marktorientierten Opportunismus, der mit viel bewährtem Schmalz und ins Detail berechneter und erprobter Manipulation die bestehende Popularität einer Fernsehserie ausbeutet. Die explizite Botschaft, dass man sich offenbar für gar nichts mehr schämen muss und damit ökonomisch (und militärisch) Erfolg haben wird, das vereint Spiegel und Strauss. Verwandt ist das allemal mit der Auslöschung jedweden rationalen und irrationalen moralischen Bedenkens durch den berüchtigten nationalsozialistischen “Anstand”: Dass man wie Himmler die Erschießungsgräben besichtigt und hinterher meint, “anständig” geblieben zu sein, was für Himmler bekanntermaßen bedeutete, ein paar Schwindelanfällen wegen der vielen Leichen getrotzt zu haben.

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„Ausgerechnet Sex“ – Deutsche Ideologie zum Anfassen March 27, 2013 | 09:28 pm

Ein deutscher Film, so lautet das Gesetz, bedarf entweder eines Mörders oder eines Eigenheims, das gegen ökonomische Kalamitäten verteidigt werden muss. In „Ausgerechnet Sex“ darf das Häuschen dann auch mal eine millionenschwere Villa in Münchens Speckgürtel sein. Die gesetzlich vorgeschriebenen zwei Kinder, natürlich gemischgeschlechtlich und mindestens ansehnlich, verlieren tragischerweise den lieben Vater.

Die Mutter sieht sich vor fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestellt, um den Kindern die Privatschule und das Designertraum-Schlösschen zu erhalten: Soll sie ein paar edle Vasen, Gemälde und die Dunstabzugshaube verkaufen, um die irrsinnigen Schulden von 84,000 Euro zu bezahlen? Oder überwindet sie ihre Prüderie und führt die Pornofirma des Gatten weiter, der seinen sauren Broterwerb vor ihr verheimlichte? Müssen gar die Kinder ins Elend der öffentlichen bayrischen Schulen abrutschen? Die logischste Alternative, das fürstliche Anwesen zu verkaufen und sich auf einer Karibikinsel zur Ruhe zu setzen, steht natürlich nicht zur Debatte – die arme reiche Frau hat das sich selbst zeugende Kapital zu neuem Elan zu motivieren und muss dafür ihre Verklemmung überwinden.

Die Verklemmung besteht nur oberflächlich in antiquierten Vorstellungen von einer Einheit von Liebe und Sex, die sie daran hindern, entspannt bei Pornoproduktionen zuzusehen. Für den Produktionsprozess ist sie so überflüssig wie sonst nur der europäische Adel. Als Legitimationsplattform für die Herrschaft dient die „Familie“, zu der die Belegschaft mutiert. „In meiner Firma wird niemand ausgebeutet“ protzt die Chefin mit der Luxus-Villa. Sogar die Oma putzt in dem „Familienbetrieb“ und ist ganz versöhnt mit dem Klassenunterschied innerhalb der Familie.

Die Erbin will sich des Produktionsprozesses inklusive Schwiegermutter bemächtigen und träumt von ökologisch korrekten Pornos mit künstlerisch-amourösem Wert, sprich: Mehrwert. Der Geschmack des knallharten Marktes droht sich dann auch nach Fehlschlägen durchzusetzen, würde die Unternehmerin nicht doch ihre einzige Leistung liefern: eine Marktlücke entdecken. Die besteht in den sexuellen Wünschen von anderen, noch reicheren Frauen. Deren angehäuftes Kapital kann gar nicht mehr selbsttätig vershoppt werden, so dass ein eigener Privatporno mit dem galanten „Roy das Rohr“ interessantes Ersatzbedürfnis wird. Die geniale Managerin „erfindet“ den „Freundschaftspreis“ von 1500 Euro für ein komplettes Filmchen. Was da nach den Produktionskosten noch für die Darsteller bleibt, spottet wahrscheinlich noch dem durchschnittlichen Prostituiertenlohn. Immerhin: Bei der ersten Konsumentin ist „alles noch ganz knackig“.

Unter dem sozialen Druck von Moralaposteln (und vor allem aus ästhetischen Skrupeln) wird so aus der Pornofirma, in der vormals Befreundete und verheiratete Schönheiten vor der Kamera Sex hatten, ein Edelbordell, in dem die Darsteller fortan Privatpornos für reiche Scheidungsanwältinnen drehen müssen. Das wird abgefeiert als Rettung der Firma, als moralisch integrer Fortschritt, als Zugeständnis an die Puritaner an der Privatschule und als privatfamiliäre Versöhnung mit der eventuell doch zu freizügigen, renitenten Tochter und dem überkeuschen Sohn.

Natürlich handelt die Leiterin im Interesse der Angestellten. Geldprobleme hat natürlich nicht nur die Unternehmerin, aber sie hat die drastischsten. Das ist Krisenbewältigung a lá Deutschland, mit ein paar halbgezeigten Brüsten und Lederröckchen verziert. Da darf zwangsliberal dann auch der seit neuestem für den deutschen Film obligatorische Transvestit auftreten – wie immer nur, wenn er körperlich schwach ist und beim Joggen ohnmächtig wird. Natürlich gibt es auch einen fahrradbehelmten Spießer, der Pornos verabscheut und seinen Kredit zurückfordert. Und es gibt einen schmierigen Jung-Regisseur, der einem Schneewittchen von 17-Jähriger nachsteigt und die Filmproduzentin ganz abscheulich erpresst – was die darüber furchtbar Empörte natürlich nicht davon abhält, ihre KundInnen gleich Dutzendweise mit den produzierten Privatpornos zu erpressen. Das alles ist so flach wie ein Papier, aber raffinierte Ideologie.

„Ausgerechnet Sex“ ist der nicht mehr ganz neue Versuch, das Adelsdrama zu renovieren. Das hineingeschleuste Marktprojekt ist gar nicht unzeitgemäß: Neben der ganzen deutschen Ideologie wird die reiche Frau als Freierin hoffähig gemacht. Die traditionelle ökonomische Rolle des Mannes, der sein überschüssiges Kapital im Puff ausgeben darf und soll, wird von zwei Seiten in die Zange genommen:

Zuerst wird sichergestellt, dass hier wirklich alles freiwillig und nicht etwa aufgrund ökonomischer Zwänge geschieht, die für weibliche Prostitution wie für jede Lohnarbeit typisch sind. Alle Pornodarsteller und –darstellerinnen arbeiten natürlich aus purem Spaß an der Freude, Arbeit ist Lust oder Show.

Nachdem die neobourgeoisen Frauen ihre vom 50-er-Jahre-Patriarchat angefressene ökonomische Position endlich revolutioniert haben, wird ihnen angeraten, ihre Sexualität zu liberalisieren, nach dem Modell der Männer zu verfahren, und ebenfalls auf die sexuellen Unkosten zu kommen, die der Arbeitsprozess und der Rückstand echter gesellschaftlicher Liberalität mit sich bringt – das alles natürlich ohne den Ludergeruch eines gewöhnlichen Bordells, hier ist pornographischer Sex käuflich, privat und politisch korrekt. Unmoralisch daran ist die perfide Leugnung von Ausbeutung in der Produktion, die hier noch larmoyant zum Leid und Wehe der Firmeneignerin umgelogen wird, mit der dann alle Beteiligten noch sich identifizieren dürfen.

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“Verbrennt sie alle!” – “Hänsel und Gretel: Hexenjäger” als zynische Exploitation February 26, 2013 | 12:26 pm

“”Hansel & Gretel: Witch Hunters” has a lock on No. 1 at the box office with an expected opening of about $30 million, according to people who have seen pre-release audience surveys.” (LA-Times)

Das Märchen von Hänsel und Gretel wurde mitsamt einigen anderen von den Alliierten nach dem Krieg verboten. Es stand unter Verdacht, die Fixierung der Deutschen auf die Verbrennung von vermeintlichen Bösewichtern aus der vor allem in Deutschland grassierenden Hexenjagd des 16. und 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein konserviert zu haben. In den Öfen von Auschwitz kehre nur zu deutlich das Märchenmotiv wieder, das Faible der Nazis für romatische Märchen war evident. Die temporäte Identifikation mit den Hexen als vermeintliche germanische Urreligion vollzog der Okkultist Himmler, er wollte den Juden die Hexenjagden unterschieben und arbeitete dabei schon selbst am monströsen Autodafé, dem Holocaust. Ob Juden nun zu Hexen oder Hexenjägern oder beidem gleichzeitig erklärt wurden, der Kontext der Hexenjagden ist für den Nationalsozialismus erheblich. Spätestens in den 1950-ern wurde aber schon wieder munter das Volkslied gesungen von Hänsel und Gretel, die die böse Hexe in den Ofen stoßen: “Die Hexe musste braten, die Kinder gehn nach Haus.” Dazu wird dann oft noch ein Kindergartentheater aufgeführt, in dem die Hexe dann jämmerlich kreischen muss zum Beifall der Kleinen. Wenn Kinder Märchen brauchen, dann sicher nicht dieses.

Der Splatter-Kracher aus dem Hause Paramount Pictures langweilt nicht nur durch flache folienhafte Durchführungen bekannter Genre-Elemente – das ist schon hinreichend dem Trailer zu entnehmen, der als eigenständiger Kurzfilm gelten kann. Dass Splatter auch reflektiert, spannend, ironisch, lustig und politisch sein kann, beweist Tarantino mit “Django unchained”. “Hänsel und Gretel” aber entbehrt jeden Schuldgefühls, jeder Reflexion auf irgendeine Problematik, jeden Intellekts.  Wenn da Hänsel vom Leder zieht: “Ich aber sage: Verbrennt sie alle!” dann sollte dieser gezielt installierte pseudoironische Radikalismus Angst erzeugen. Dieser Film meint exakt das, was er sagt. Das Böse wird hier vollständig rein dargestellt, eine Technik, die extremsten unreflektiertesten Sadismus erlaubt und überaus anfällig ist für Rassisierungen. Das Problem ist nun, dass dieses hier im Film vorgestellte Böse nicht auf einer symbolischen Ebene stattfindet.

Hexenjäger in unterschiedlichen Stufen der Grauamkeit sind Realität in weiten Teilen der Erde. Sie werden unter anderem inspiriert von Filmen. Zwar wird zwangsläufig eine Trennung im durchschnittlichen afrikanischen Publikum vollzogen: westlichen Special-effects wird eine andere Botschaft zugeteilt als den afrikanisierten, die als dokumentarisches Abbild der okkulten Vorgänge gelten. Dennoch ist die Wirkung eines solchen Filmes auf ein zutiefst hexengläubiges Publikum abzusehen, wie es ja auch in den pfingstkirchlichen und volkstümlichen Teilen der westlichen Religionsangehörigen millionenfach präsent ist.

In Nordghana berichtete mir eine Frau, wie man ihr eine Nadel längs in den Finger trieb, um von ihr ein Geständnis zu erwirken. Andere wurden mit Dornen oder Lastwagenkeilriemen ausgepeitscht, man zerschmetterte ihre Fußgelenke mit Steinen oder Hämmern. Wenn ein westliches Publikum heute johlend sich über visualisierte Gewalt an “Hexen” aufreizt und eine gänzlich unreflektierte Werbesprache das auch noch überall als Kurzweil anpreist, dann widert das an in einem unbeschreiblichen Maße.

“Hänsel und Gretel” ist offensichtlich nicht nur faschistoid in seinen unironischen Rechtfertigungsmustern von Gewalt, den kalten Identifikationen mit Steampunk-Waffentechnik, die schon das nachgeordnete Computerspiel andeuten. Das ohne jeden echten Witz stattfindende Abfeiern der Gewalt gegen ein böses mythologisches Konstrukt ist im Kern ein nationalsozialistisches. Die unbewussten Nazis weltweit werden mindestens beim Konsum des Trailers im Geiste “Hexe” und “Jude” gleichsetzen und die Botschaft “Verbrennt sie alle!” mit nach Hause nehmen. Den besonders eifrigen Exekutoren bietet man schon “Spiele” an, in denen Kinder vor herbeifliegenden Hexen geschützt werden sollen. Das verkrampfte Understatement, man glaube ja sicher heute nicht mehr an so etwas, und deshalb dürfe man ja wohl noch gerade so etwas mimetisch nachspielen, ist schon die Schlussstrichmentalität des Postnazismus.

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“Blut muss fließen – Undercover unter Nazis” – Filmkritik February 13, 2013 | 02:44 pm

Ein ausverkaufter Cineplex-Saal: Das Interesse ist groß an der investigativen Recherche Thomas Kubans unter der Regie Peter Ohlendorfs. Der unbestritten pädagogisch wertvolle Film wurde für die Verhältnisse passabel durchgeführt, weist aber auch einige unnötige narzisstische Überhöhungen und Ungereimtheiten auf.

Das Projekt wird als einzigartige Pionierleistung vorgestellt. Hier entsteht der Verdacht, ob das nicht als sehr bewusster Affront gegen die Antifas inszeniert wird. Die nämlich wird mit keinem Wort erwähnt, obwohl sie seit Jahrzehnten die einzige gesellschaftliche Kraft darstellt, die nennenswert engagiert brisantes Material zum Neonazismus zusammengetragen hat: unter erheblichem Risiko, nicht nur von Nazis, sondern auch von der Polizei und von Staatsanwälten verfolgt zu werden. Professionelle Antifaschisten werden daher nur ein müdes Lächeln für den behaupteten “Neuigkeitswert” der Beobachtungen übrig haben. Kuban lässt sich immerhin dazu herab, drei antifaschistische Hacker zu interviewen und ihm ist gerade da die konsequente Anonymisierung in Bild und Ton und Inhalt hoch anzurechnen: das ist selten im medialen Betrieb. Auch ein antifaschistischer Rechtsrock-Plattensammler kommt zu Wort, einige andere Experten. Was es aber bedeutet, in den national befreiten Zonen tatsächlich Antifa-Arbeit zu leisten, das verschweigt der Film in seiner Selbstglorifizierung des vermeintlich notwendigen Undercover-Einsatzes.

Stärke und Inhalt der neonazistischen Bewegung sind seit Jahrzehnten bekannt und beobachtet, sie meldet sich selbst zu Wort in Wort und Bild und brüstet sich online auf allen Foren mit entsprechenden Veranstaltungen, Filmchen von Wehrsportübungen, Happy Slappings und Flash-Mobs. Sie sind längst vom Exotismus des Dokutainments entdeckt worden. Die Konspirativität eines harten Kerns zu durchdringen erfordert zweifellos riskantes und nervenaufreibendes Engagement. Hier stellt sich die Frage, ob Kuban im Verschweigen der krypto-ethnographischen Methodologie nicht Nachahmer mit falschen Erwartungen füttert. Im Film erscheint er problemlos als ewiger Vereinzelter, der weder Konversationen unternehmen muss, noch sich an den kollektiven Hitlergrüßen beteiligt. Anscheinend kann man nach ein paar Hürden recht problemlos ohne je mit Fragen belästigt zu werden auf Rechtsrockkonzerte gehen. Es mag sein, dass das Buch zum Film hier mehr Auskunft gibt.

Gesellschaftliche Entstehungsfaktoren des Nazismus schrumpfen im Film auf Krise und Musik zusammen. Die Krise hätte soziale Institutionen im Osten erodiert und diese Musik würde nun mal jede Botschaft ins Gehirn hämmern können. Dass dieser “Rock” so sehr zieht dürfte eher umgekehrt erklärbar sein: Solche Musik richtet ihre Radikalität nach den Inhalten und kein Nazi-Metal-Hörer kann behaupten, er hätte bei so einer Musik ein zartes Liebeslied als Inhalt vermutet. Nach kulturindustriell prämanipulierten Bedürfnissen nach konformistischen Revolten fragt der Film aber nicht, lediglich an einer Stelle demontiert er seine Hauptthese, als Nazis zu Discomusik Polonaise tanzen. Der Dub des Nationalsozialismus dröhnt nicht nur im Nazi-Metal, er swingt zu Volksliedchen und den Jamben eines Günther Grass, er kann zu den Klängen der Tagesschau rappen wie auch zu den jazzigen Rhytmen einer Truther-Ska-Band.

Wahlweise wird vom Film auch die Untätigkeit von Polizei und Innenministerium kritisiert – zu Recht, aber zu kurz. Denn auszugehen ist längst nicht mehr nur von Unwissenheit, sondern von Unterwanderung – die Kuban für Norditalien und Ungarn sehr viel deutlicher anspricht. Das Überdauern des Nazismus in deutschen Institutionen ist für Ministerien, für Bundeswehr und Polizei und für den Verfassungsschutz hinlänglich erforscht worden. Was für eine Massenwirkung die Straflosigkeit des grauenvollsten Massenmordes in der Menschheitsgeschichte hat, die fortgesetzte Straflosigkeit seiner Verherrlichung lässt sich schwer darstellen. Zu zahlreich sind die Facetten dieser Straflosigkeit, als dass man sie auf den Hitlergruß reduzieren könnte. Nur eine kleine Faser des Ganzen ist etwa, dass eine rotgrün regierte “Universitätsstadt” wie Marburg an kriegsverherrlichenden Kriegerdenkmälern jedes Jahr opulente Kränze ablegen lässt.

Krise, so erklärt Ohlendorf am Ende im Publikumsgespräch, sei eben ausgelöst durch Nadelstreifen-Anzugsträger, die Investmentbanker, dafür erhält er dann auch Applaus. An allem schuld sind also die Investmentbanker. Man könnte da einiges über strukturellen Antisemitismus räsonieren, es reicht aber schon darauf zu verweisen, dass Neonazi-Szenen im baden-württembergischen Wohlstandsbauch Europas fett werden. Das erklärt sich nicht aus schlechter Infrastruktur oder Plattenbauten. Hier wie dort sind Altnazis das Standbein, eine beinharte Tradition nationalsozialistischer Gesinnung IN den Institutionen und nicht abseits davon.

Wesentlich relevanter aber dürfte das größte vom Film verschwiegene Moment des modernen Nazismus sein: der Hass auf Israel. In eben den Schulen, die den Film nun zur Aufklärung bestellen, kursieren Schulbücher, in denen Geschichtsfälschungen ein kollektives antisemitisches Grundressentiment gegen Israel unterfüttern, gestützt vom common sense in Tageszeitungen und Fernsehen. Im Film gezeigt wird ein archaischer, noch fast vorchristlicher Antisemitismus der Barbaren, die aus unbestimmten Gründen etwas gegen Juden haben wollen. Dieses genozidale Ressentiment hält sich aber in ideologische Netzen auf, deren Hauptfäden die gesellschaftlich respektierliche antiisraelische Hetze sind, die ewigen dümmlichen Konkretisierungen von vermeintlichen Krisenauslösern, der eklatante Antipsychologismus, die von Tätern bereinigten Filmchen über den Nazismus, die generelle Verdummung im Zeichen kulturindustriellen Massenbetrugs.

Das letzte kritikable Moment: Suggeriert wird eine Überbewertung des Islamismus durch den Verfassungsschutzbericht und durch Journalisten. Gerade hier könnte der Film gründlicher arbeiten und herausstellen, welche Finanzierungsnetzwerke von Neonazis und Islamisten geteilt werden, wo ideologische und personelle Überschneidungen bestehen, wo die Trainingslager geteilt werden – stattdessen entsteht doch der Eindruck des Ausspielens. Das ist insofern Unfug, als Norwegens und Schwedens Juden nicht wegen der dort ansässigen Hardcore-Naziszene das Land weitgehend verlassen haben, sondern wegen dem flächendeckenden Bündnis von sozialdemokratischem und islamischem Antisemitismus.

Wenn insbesondere junge Leute in diesem Film einmal leibhaftige Blood-and-Honor-Nazis sehen, verabscheuen und als Bedrohung erkennen lernen, so ist das schon ein Fortschritt. Leider entsteht im Film doch der Eindruck einer klar begrenzbaren kriminologischen, polizeilichen und zivilgesellschaftlichen Herausforderung. Das suggeriert der Film vor allem am Beispiel Kirtorfs. Dort sei eine nazistische Szene durch die hartnäckige Arbeit einiger weniger Aktivisten ausgetrocknet worden. Das bürgerliche Engagement war unbestritten bemerkenswert. Aber auch hier wird geschwiegen von der Antifa-Arbeit, die öffentlich Druck machte, die 2004 noch vor dem Eingreifen von Polizei und Bürgern in Kirtorf, Gladenbach und Marburg Demonstrationen organisierte – von denen eine in Kirtorf verboten wurde.

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Die beschützte Frau February 1, 2013 | 04:37 pm

Oskar Graf, der 1933 dagegen protestierte, dass seine Bücher bei der Bücherverbrennung von den Nazis übersehen wurden, und für den 1934 eine separate Bücherverbrennung nachträglich organisiert wurde, jener aufrechte Oskar Maria Graf hatte viel zu sagen über gescheiterte und erfolgreiche Annäherungsversuche. In seinem “Bayrischen Dekameron” findet sich auch jene Geschichte von der Heirat vom hochchristlichen Schlemmer-Wastl und der nicht minder frommen Rehbinder-Traudl.

Schon das ganze Heiratmachen ging sehr hart zwischen dem Wastl und der Traudl. Der alte Schlemmer mußte mit seinem Sohn hinübergehen nach Boling und bei Rehbinder die Rede vorbringen. Der Wastl stand dabei, sagte nicht gick und nicht gack, schier so wie mit einer vollen Hose. Die Traudl hockte bei ihrer Mutter auf der Bank, die Augen niedergeschlagen, die Hände ineinander auf ihrem Schoß, und schließlich fing sie das Flennen an. Eine rechte Umständlichkeit war es. Der Schlemmer wurde zuletzt ärgerlich und sagte: “No, nachha müaßt’s hoit it heiratn, wennd’s enk oi zwoa schaamts.”

In der doch noch stattfindenden Hochzeitsnacht wird den beiden dann doch die Frömmigkeit zu arg:

Jetzt stieg’s den zweien erst recht in den Sinn, wie sündhaftig das sei, Mannbild und Weiberts nachts allein in einer Eh’kammer. Dem Wastl kam vor lauter Verlegenheit ein Drang an, so gewaltig, daß ihm ein lauter Wind hinterrücks rauskam. […]

Der Wastl schwang sich auf und gab seiner jungen Bäuerin ein Bussel. Sie röchelte und stöhnte fast weinerlich: “Wa-wastl! Wa-stei!” Wenngleich aber jetzt Sündhaftigkeit und Heiligmäßigkeit unter dem Wastl seiner Brust hart kämpften und die erste schon halbwegs die Oberhand gewann, er raffte seine ganze Bravheit zusammen. “Trau-au-dei!” stotterte er wieder und wieder heraus, ganz windelweich. Auf das hin erfaßte die Traudl doch ein arges Mitleid und sie legte sich ins Bett. Der Wastl fiel ihr schier nach, tapsig und dalgert wie eine einhaxerte Henne. “Trau-au-dei!” flennte er fast: “A-a Bussei, Trau-au-dei!” Und – gut ist’s, wenn ein Mensch Mitleid im Herzen hat – also sagte halt die Traudl, weil sie so was schon einmal gelesen hatte: “Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein, Wastl.”

Das Bayrische, eine der Einwanderung psychoanalytischer Begriffe ganz unverdächtige Sprache, hat neben solchen recht katholischen Verklemmungen eine der syntagmatisch kürzesten Möglichkeiten kreiert, Konsensualität zwischen prospektiven Sexualpartnern herzustellen: “Mogst?”. Die Antwort schwankte dann je nach Situation zwischen einer saftigen “Watschn”, einem “Di Brenzsoiza werd I grod no zum Fensterln hoin!”, einem “I daad scho gern meng!” und einem “Gscherter Hamme, lass hoit aus aa, wenn uns no oana sigt!” Bisweilen lautete die Antwort auch “Aba heirotn muaßt mi fei scho aa, göi!” – was in der Literatur meist als sicherste Methode gilt, den Verführer in die Flucht zu schlagen.

Seine Geschichten gestaltet Graf mit einem psychologischen Feingeschick aus, das genau um die vielen Zwänge weiß, die Männern und Frauen ihre Lust wahlweise verleiden oder sie in Gewalt am Anderen umschlagen lassen, das aber auch die lustbejahende, einvernehmliche Lösung als überlegene präsentiert, am schönsten noch in seiner Geschichte von Wally und ihren 16 Liebhabern, dem “Theodor-Verein”. Die promiskuöse Kellnerin weiß sich gegen die Anfeindungen von den Ehefrauen der Liebhaber resolut zu verteidigen:

“A so a Loadsau… A so a Dreckfetzn!” haben die entrüsteten Weiber von Aching über die Wally geschimpft. Die hingegen hat sich gar nicht versteckt und kühn ist sie jeden Tag mit dem Kinderwagerl durch die Straßen gefahren. “Ös?” hat sie zur bissigen Reblechnerin gesagt: “Ös?…? Ös derhoits ja net amoi oa Mannbild, aba bei mir kinna zwanzge kemma, nacha bin i oiwai noch ganz!”

Graf denunziert Sexualfeindschaft und ihr Resultat, die sexuelle Gewalt, was sein Dekameron zu einer wahrhaft Freud’schen Lektüre macht. Der beschrieb in seiner Schrift “Zur Einführung des Narzißmus” das Problem der Verliebtheit in weitaus gewählteren Worten als Graf:

Die volle Objektliebe nach dem Anlehnungstypus ist eigentlich für den Mann charakteristisch. Sie zeigt die auffällige Sexualüberschätzung, welche wohl dem ursprünglichen Narzißmus des Kindes entstammt, und somit einer Übertragung desselben auf das Sexualobjekt entspricht. Diese Sexualüberschätzung gestattet die Entstehung des eigentümlichen, an neurotischen Zwang mahnenden Zustandes der Verliebtheit, der sich so auf eine Verarmung des Ichs an Libido zugunsten des Objektes zurückführt.

Im Gegensatz dazu typisiert er einen klassisch weiblichen Verlauf:

Hier scheint mit der Pubertätsentwicklung durch die Ausbildung der bis dahin latenten weiblichen Sexualorgane eine Steigerung des ursprünglichen Narzißmus aufzutreten, welche der Gestaltung einer ordentlichen, mit Sexualüberschätzung ausgestatteten Objektliebe ungünstig ist. Es stellt sich  besonders im Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben, strenggenommen, nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis geht auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt.

Freud führt diese offenbar von Nietzsche inspirierte Beobachtung fort:

Es erscheint nämlich deutlich erkennbar, daß der Narzißmus einer Person eine große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche sich des vollen Ausmaßes ihres eigenen Narzißmus begeben haben und in der Werbung um die Objektliebe befinden; der Reiz des Kindes beruht zum guten Teil auf dessen Narzißmus, seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit, ebenso wie die Reize gewisser Tiere, die sich um uns nicht zu kümmern scheinen, wie der Katzen und der großen raubtiere, ja selbst der große Verbrecher und der Humorist zwingen in der poetischen Darstellung unser Interesse durch die narzißtische Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Verkleinernde von ihm fernzuhalten wissen.

Es ist so, als beneideten wir sie um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben haben. Dem großen Reiz des narzißtischen Weibes fehlt aber die Kehrseite nicht; ein guter Teil der Unbefriedigung des verliebten Mannes, der Zweifel an der Liebe des Weibes, der Klagen über die Rätsel im Wesen desselben hat in dieser Inkongruenz der Objektwahltypen seine Wurzeln.

Freud betont im Anschluß explizit, ihm liege “jede Herabsetzung des Weibes” fern, er verweist zudem auf die vielen Frauen, die nach dem “männlichen Typus” lieben “und auch die dazugehörige Sexualüberschätzung entfalten.”

Eine Herabsetzung von Frauen und ihrer sexuellen Freiheit findet indes statt, wenn heute Bettina Wulff in jener für den Puritanismus typischen lüsternen Prüderie eine mögliche Vergangenheit als Prostituierte nachgetragen wird, wenn eine hübsche Politikerin in einer Partei als Prostituierte beschimpft wird, weil sie Annäherungsversuche abgeschlagen hat, wenn Prostituierte sich von barbusigen Femen-Aktivistinnen in Hamburg erzählen lassen müssen: „Prostitution is genocide“ (1, 2, 3);  generell, wenn Prostitution verboten wird und damit eine spezifische Möglichkeitsform weiblicher Arbeit und Lust durchgestrichen wird. Die Frau hat sich nicht freiwillig mit so vielen Männern abzugeben, sie muss narzisstisch rein sein, ihre aktiven Anteile werden abgespalten und als aggressive und destruktive dem Mann zugeteilt – dieses reaktionäre Denkmodell hat an Macht selbst in Frankreich gewonnen, das Prostitution abzuschaffen gedenkt, wie auch in Schweden unter dem Druck eines zutiefst puritanischen Feminismus.

Die wesensverwandte Empörung über eine SMS eines Politikers an eine Journalistin mit dem Inhalt “Ich vermisse deine Nähe” mokiert sich vor allem darüber, dass männliche Politiker immer noch sexuelle Wesen sind, die es mitunter wagen, eine nicht normierte Konstellation zu denken: eine Liaison zwischen junger Frau und älterem Herrn. Wo man zumeist männliche Gesichter auf Wahlplakaten wählen soll, ist die Anmaßung anscheinend unzulässig, dass man sich mit so einem Gesicht eventuell doch sich einen Reiz auf die junge, schöne Frau einbilden dürfe, die auf dem Plakat gegenüber irgendein mineralisiertes Wunderwasser oder eine unerschwingliche Reise nach Fernost feilbietet.

Das ins Private eingewanderte Tauschprinzip fordert Ideale, die sich primär an Filmen herausgebildet haben: Der attraktive Mann verdient durch seinen Heroismus hindurch eine attraktive, passiv wartende Frau. Wer dieses Verhältnis zu überwinden versucht, gerade eben nicht sich reduzieren lässt auf sein Alter und seinen verbrauchten Körper, wer es also zumindest einmal versucht, zuletzt noch mithilfe von Geld oder der Macht auf das libidinös besetzte Objekt einzuschmeicheln, zieht sich den Hass jener zu, die weder Macht noch Geld haben. Wenn man selbst schon erfolglos ist mit allenfalls aus schlechten Journals dahergestammelten Sprüchen, so darf der Alte den Versuch gar nicht erst wagen. Man wertet seine Offerte innerhalb des Tauschprinzips als unverschämtes Angebot, nicht nur weil es ein Angebot ist, sondern weil es Billigkeit unterstellt, einen geringen Wert der Ware, die sich so leicht haben ließe und für so einen geringen Gegenwert: ein schlechtes Kompliment, einen alternden Körper. Wie oft in Verführungsgeschichten überhaupt nicht der Inhalt, sondern die Überwindung zählt, davon sprechen Teenagerlieben Bände, in denen Kommunikation häufig ganz ausfällt und Konsensualität eben körperlich ausgelotet wird nach dem Ideal der fließenden Brünnlein:

Ja, winken mit den Äugelein,
Und treten auf den Fuß;
‘s ist eine in der Stube drin,
Die meine werden muß,
‘s ist eine in der Stube drin,
Ju, ja, Stube drin,
Die meine werden muß.

Pubertierende zeigen auch häufiger ein ambivalentes Abwehrverhalten: Sie brüsten sich dann im Freundeskreis mit Zahl und Absurdität der abgeschlagenen Annäherungsversuche, zelebrieren aber dadurch auch die Lust, die aus einer eventuellen Einigung entstehen hätte können, sie steigern ihren eigenen Marktwert als begehrte Objekte. Ein solches Leiden an Attraktivität tendiert zur Inszenierung, wo es nicht mehr nach der Psychologie der als ewige Angreifer empfundenen Männer, nach den Zurichtungen fragt, die diese erfahren haben könnten, dass sie nicht ihren weiblichen Objekten sich als Gleiche nähern können und stattdessen zwischen masochistischer Selbstaufgabe und Herrschsucht oszillieren.

Im Rückzug begriffen sind Vorstellungen von Frauen, die sich mit deftigen Worten und Gesten und notfalls mit der Heugabel schon zu verteidigen wissen wie jene bayrischen Dirndlträgerinnen aus Grafs Geschichten, die allerdings das häufige Scheitern solcher Abwehr und somit die Vergewaltigung nicht verschweigen. Anstatt nun wenigstens den Ansatz der Selbstverteidigung fortzuführen, wo diese zu scheitern droht, treten gemäß Hollywoods reaktionärem Frauenbild Schutzmächte auf, die bedrohte Frauen an ihre Wehrlosigkeit erinnern mehr, als dass sie ihnen eine Waffe anbieten.

Die Frauen gerade so klein und unsicher halten, wie sie unter dem Druck männlicher Herrschaft geworden sind, das ist die Strategie auch des Islamismus und des konservativen Ehrbegriffs. Hilfsangebote schlagen in Paternalismus um, wenn von der aggressiven Lösung geschwiegen wird, wenn ein Kultus des Beschützens, des Stellvertretens entsteht, der letztlich doch wieder die schwache, beschützte Frau zum Ideal hat und überdies ein entsexualisiertes Frauenbild zur Norm erhebt: Wenn also solche “Wohlfühlräume” entstehen, in denen Sexualität nur als jene von allen unangenehmen Verklemmtheiten und Missverständnissen gereinigte Prinzessinen- und Prinzenwahl idealisiert wird, die sie nicht ist. Oder eben, was wahrscheinlicher ist, Räume, in denen Sexualität bequemerweise gleich durchgestrichen wird durch die Drohung, dass jede noch so verbale und vorsichtige Annäherung als “Sexismus” gelten kann, wenn die oder der schöne Unbekannte das so “definiert”. Selbst das letzte Resort der Kommunikation von Lust, der Blick, wird so zum passiven Anstieren, zur ewig Vorlust bleibenden, vergafften, voyeristischen Konsumption dessen, was man ohnehin nicht haben kann, das Abbild wird wenigstens ohne Tausch und Strafe eingesogen, dafür aber in Permanenz, zum Leidwesen der fernen weiblichen oder seltener männlichen Schönheiten.

Der zelebrierte Schock darüber, von einer unbekannten Person wegen der eigenen Schönheit geliebt zu werden, überhaupt sexuell attraktiv zu sein, scheint doch sehr aus dem Innersten der Gesellschaft zu entspringen. Im Kern ist er schon die Abwehr einer zutiefst bedrohlich gewordenen Sexualität. Dass Männer (oder im Ressentiment seltener Frauen) “nur” Sex wollen würden, ist Herabwürdigung der Sexualität zum niedrigen Motiv. Schon die Enttäuschung darüber, überhaupt aus einem bestimmten Grund geliebt zu werden, und nicht ganz ohne jeden Grund, folgt dem Ideal der christlichen narzisstischen Erfüllung par excellence. Dass Brüderle einer Frau wie ein tapsiger Bauer in Grafs Geschichten das Kompliment macht, “ein Dirndl ausfüllen” zu können, weckt Neid und zugleich die Wut derer, die eigentlich permanent auf den gleichen Reiz ansprechen, ihn aber unterdrücken. So unappetitlich dann die Zusammenrottungen der Möchtegerne sind, die in Brüderle ein Opfer einer ewig trügerischen Weiblichkeit sehen, deren Misstrauen gegen eine jahrhundertealte Kultur der Ausbeutung und Verzerrung ihrer Sexualität gerade in den dunklen Ecken der Arbeitsplätze gestellt sei, deren Sensorium für die noch zu deutlich spürbare Drohung in der Anmache auf Übersensibilität verweise, so widerlich sind die Karikaturen über Brüderle. In ihnen tritt jenes Lachen auf, das Adorno das “antisemitische Gelächter” nannte: Das Tabuierte äfft man lustvoll nach, gleichzeitig desinfiziert man es durch Identifikation mit der versagenden Instanz.


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“Wissenschaftsbetrug” und System August 7, 2012 | 08:45 pm

Ein Gesetzesvorschlag der deutschen Hochschulen will Ghostwriter und Nutznießer mit 2 Jahren Gefängnis bedrohen. Interessant ist der projektive Charakter des Gesetzesvorstoßes. “Wissenschaftsbetrug” soll das neue Verbrechen heißen. Die Begründung dafür lautet:

“Ghostwriter bringen die akademischen Grade und die Hochschulen, die sie verleihen, in Verruf”, sagte Verbandspräsident Bernhard Kempen. Das gehe zulasten der “großen Mehrzahl der Akademiker, die ihre akademischen Grade rechtmäßig durch Leistung erworben haben”.

Darin trotz noch ganz überkommener Stolz auf. Die Leistung der “rechtmäßig” erworbenen Grade besteht in den Geisteswissenschaften meistens aus jahrelanger unentlohnter Arbeit. Bei einer durchschnittlichen Promotionsdauer von 5 Jahren beträgt die Förderungshöchstdauer 3 Jahre, in seltenen Fällen wird ein halbes Jahr Abschlußstipendium gewährt, sofern man nicht ohnehin schon qua Interdisziplinarität durch institutionelle Netze fällt. Kinder, Krankheit oder Komplexität und Arbeitsaufwand von Themen werden in aller Regel nicht berücksichtigt. Die Promotionsförderung ist ein weitgehend arbeitsrechtsfreier Raum, es gibt keinen gewerkschaftlichen Vertretungsanspruch, keine Arbeitgeberbeiträge. Man gilt als “Selbstständiger”, ist aber von der Steuer befreit. Mit einem Nettolohn von 800 Euro nach Krankenkasse bewegt man sich mit 30 Jahren hochqualifiziert an der Armutsgrenze. Die Förderung ist gar nicht selten noch an unbotsmäßige Ausbeutung geknüpft, in der Lehre, Forschung für Betreuer, editorische Aufgaben, administrative Aufgaben (Tagungen organisieren, Werbeträger gestalten) abverlangt werden, selbstverständlich im höchsten Interesse der Promovenden und seines Lebenslaufes.

Mit dem Wettbewerb um Exzellenzcluster wird auch jede Promovendengruppe selbst zum Investment, das für die blinde Reproduktion des Status quo immer exotischere repräsentative Werbeträger erarbeiten soll: Konferenzen, Workshops, Exkursionen, Tagungen, Publikationen, etc. Das alles entsteht nicht aus der gerechtfertigten, logischen Konsistenz eines Forschungsthemas heraus, sondern wegen des Tauschwerts dieser doch meist äußerlich bleibenden Veranstaltungen. Forschung ist daher heute in weiten Teilen Kulturindustrie und wie bei jener bedarf es gar keiner eigenen Ideologie sondern nur der immerwährenden Wiederholung des Bestehenden, das als stummer Zwang der Verhältnisse naturhaften Charakter annimmt.

Jede Hochschule und Stiftung, die ein Promotionsstipendium oder eine rechtlich etwas besser gestellte Promotionsstelle vergibt, rechnet bewusst damit, dass die Förderungsdauer die reale Arbeitszeit unterschreitet und dass sie die Arbeitskraft der Promovenden um diverse Grade in andere Zwecke kanalisieren können. Die Rede von “Stipendien” wiegt Promovenden in einer trügerischen narzisstischen Grandezza und verschleiert ihnen selbst die eigene Ausbeutung. Eine klassische Umkehrung findet statt: Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden vertauscht, der Ausbeuter stellt sich als Wohltäter dar, der Ausgebeutete als Empfänger. Mit einem Quentchen Bildungsadel in spe kann man den Promovenden lange genug bei der Stange halten, in Wahrheit ist er Faktotum: der überwiegende Teil der Forschungsleistungen an Universitäten wird von Promovenden geleistet, danach erwartet sie im besten Falle Lehre und Bürokratie, im weniger guten Fall Arbeitslosigkeit oder Umschulung.

Hochschulen profitieren trotz einiger irrationaler Produktionslücken und noch nicht ganz eingeholter Marktrationalität in erheblichem Maße von ihren Investitionen in die Promovenden. Dass das alles nicht dem bösen Willen der einzelnen Akteure geschuldet ist, dass durch das automatische Subjekt Verschleierungsformen entstehen, ist selbstverständlich. Erwarten sollte man zumindest von Gesellschaftswissenschaftlern heute, dass sie Grundlagen solcher Verschleierungsformen bestimmen und reflektieren können. Die “Rechtmäßigkeit” von Promotionsleistungen in den Dienst zu nehmen, verschleiert, dass diese alles andere als rechtlich verregelt sind und die Hochschulen selbst den größten Teil der Misere zu verantworten haben, in der den Promovenden ihr Thema entweder so äußerlich oder so unbegreiflich wurde, dass sie ihre Arbeit von anderen schreiben lassen und dass sie dann noch damit rechnen dürfen, dass Prüfungskommission und Betreuer davon nichts ahnen werden.

 

 

 

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“Der Krieg schlummert nur” May 10, 2012 | 02:37 pm

Recherchen über den aktuellen Stand der nationalsozialistischen Bewegung lassen sich abkürzen: Gibt man in einer Suchmaschine “8. Mai Feiern” ein, erhält man eine satte Liste von dutzenden nationalsozialistischen Ortsgruppenblogs, die allesamt ihre “Nichtfeierlaune” zum Ausdruck bringen. Allein die Masse dieser pommerschen, greifswälder, saaleländer und wo immer jene sich festgefressen haben, die sich dann näher als Nationalsozialisten, White Prisoners, Heimatschützer, Jungnationalisten und so weiter benennen, allein ihre Präsenz belegt das von Paul Celan geschriebene Zitat im Titel, das aus dem Film “Nacht und Nebel” von Alain Resnais (1955) stammt: “Der Krieg schlummert nur.”

In Deutschland hätte man diesen Film am liebsten verboten und das reicht schon als Grund, ihn hier zu zeigen. Aber was auch immer Hanns Eissler dazu veranlasste, diese mitunter fröhlich querflötende und klarinettierende Musik für diesen Film zu komponieren, ihre Kombination mit den Filmdokumenten leistet die vollständige Destruktion jeder Musik. Eine Szene zeigt ein Lagerorchester, das den in Schnee und Eis zu Tode Gearbeiteten letzte Töne spielen musste. Welche Musik, ist unerheblich, Beethoven oder Wagner – wie auch die Parole von der “Vermitteltheit von Form und Inhalt” sich angesichts der beliebigen Formen von KZ-Architektur – “Alpenhüttenstil, Garagenstil, Pagodenstil” – als widerlegt erwies. Der Inhalt der Form war immer Tod. Wer diesen Tod auf den Tod, dem man entrinnen könnte, also auf das Nichtleben als Äußerstes reduziert, verleugnet die Folter, die ihn mitunter als Erlösung erscheinen ließ, das Grauen, das ihn herbeiführte und das die Überlebenden vergiftete. Einige brachten sich noch Jahrzehnte nach dem Untergang des Hitler’schen Nationalsozialismus um, andere starben in den Wochen nach der Befreiung an den Folgen der Hungerfolter.

Antifaschistische Ortsgruppen mit ihren “Parties” zum 8. und 9. Mai befinden sich bereits in einer spiegelbildlichen Reproduktion der nazistischen Propaganda. Wenn die Nazis nicht feiern, müsse jeder Antifaschist, der etwas auf sich hält, diese Gelegenheit ergreifen, sich ein Bier beim lokalen antifaschistischen Kneipier zu kaufen und irgendwelcher postmoderner Elektro-Marschmusik zu lauschen. Weil der Zynismus dahinter einigen doch aufgefallen ist, verbindet man “Theorie” mit “Praxis” und schaltet Demonstrationen und Kundgebungen vor, die aber auch nur Kundschaft einwerben sollen für den nachgeschalteten Event.

Die Freude der Opfer, der Aliierten hatte alles Recht.

Wenn aber die Antifa QiK heute schreibt: “Der Sieg über Nazideutschland muss überall auf der Welt als ein Sieg für die Menschlichkeit betrachtet werden. Des Weiteren sollte er Menschen den nötigen Mut geben sich gegen real existierendes Unrecht aufzulehnen, da der Sieg zeigt, dass auch noch so großes Leid und Unrecht besiegt werden kann.”

dann ist das identitäre Affirmation, die für jedes Filmscript herhalten könnte. Die rührselige Erkaltung, in der vor lauter gemachtem Mut und Siegesrausch dann “Party” gemacht werden soll, ahmt das Happy End des Katastrophenfilms nach: Hinter dem Helden gehen Städte in Rauch auf, die Rettung der Gattung aber, für die das gerettete heterosexuelle Paar steht, wird gefeiert. Gegen solches Vergessen und Abspalten im Namen des Erinnerns ist Gerhard Polts Bonmot wahr, dass die Deutschen den Krieg gewonnen hätten.

Mehr zur kultivierten Manie des Antifaschismus findet sich unter meinem älteren Beitrag: “Antideutsche Regressionen


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Gerauchtes Gummi March 3, 2012 | 09:34 pm

Erinnerungsspuren aus meiner Kindheit. Am Familien-Kettcar prangte ein Aufkleber am Plastiksitz: zwei rauchende kartoffelförmige aktentaschentragende Wesen, Niko und Tino genannt, blickten grimmig und sehr ausländisch drein und vor ihnen wurde auf irgend eine Weise gewarnt. Derartige Personifikationen bestrafte in der Pubertät die Gegenidentifikation. Mit 12 schlug ich noch die Einladung eines Franzosenkindes aus, das auf einem belgischen Halbtrockenrasen seine Kippe mit mir teilen wollte. Mit 13 blickte ich an einer Bushaltestelle zwei 15-jährigen Rastafareis von der Nachbarschule böse nach, weil diese dem devianten Laster fröhnten. Diese lachten mich erst aus, luden mich später recht nett ein und schon eiferte ich ihnen nach, experimentierte mit Tabakwaren bis ich im Alter von 18 Jahren den Entzug schaffte. Bei der Gelegenheit erinnere ich mich auch an andere Faszinosa der Kindheit, die spät entdeckten Ghostbusters Sammelbildchen (nie konnte ich Bild 156 ergattern), zuckergefüllte Plastik-Muscheln für 5 Pfennige (die zu recht verschwunden sind), jene Ketten aus schwerzerbeißbaren Zuckerperlen und eben Kaugummizigaretten, mit denen man dem angeberischen Habitus der Pubertären nacheifern konnte, ihre Posen und Masken erkundete und mimetisch sich aneignete.

Lange Zeit hielt ich Kaugummi- und Schokoladenzigaretten für extinkt, der Ratio eines überschießenden Kinderschutzes anheim gefallen. Nun habe ich sie wieder im lokalen Dorfladen aufgespürt. Die in Mazedonien produzierten Schachteln der Firma DOK heißen “Baron”, “World”, “Paradise”, “Robinson”. Bei Hitschler pirscht man sich noch näher an das Markenbewusstsein heran: “Best” prahlt eine rot-weiße Schachtel, die unsinnige Bezeichnung “Noir Plus” auf dem Verkaufskarton soll wohl an Schwarzen Krauser und den damit assoziierten Machismo anknüpfen. Kaugummizigaretten seien “der Artikel aus den 80er Jahren”, wirbt DOK, als würden sich Kinder von dieser Retro-Romantik mehr beeindrucken lassen als die Einkäuferinnen. Meine Schachtel “Paradise” verspricht in demselben schwarz gerandeten Kasten, der normalerweise Warnungen vor Raucherbeinen und Impotenz enthält: “Blase in die Kaugummi-Stange und sieh wie der Zauberrauch in die Luft steigt.” Das ist schon unverschämte Unterstellung infantiler Naivität. Als Kind hätte ich mich über Formulierungen wie “Zauberrauch” echauffiert, über jenes professionelle Vorschmatzen, das Adorno in der Minima Moralia ganz richtig mit der Kulturindustrie assoziiert.

Eine naive Ideologiekritik würde unterstellen, dass hinter diesen Produkten die Zigarettenindustrie stecke, die Kinder prägen will. Die Zigarettenindustrie lässt Stewardessen in Flugzeugen “die doppelt starke Marlboro” aus dem duty free shop bewerben, aber von zigarettenförmigen Süßwaren distanziert sie sich recht glaubwürdig. Kaugummizigaretten bedeuten für die Ideologiekritik eine Herausforderung, weil sie eben nicht den direkten Nutzen instrumentell umsetzen, sondern allein über die psychologischen Mechanismen Identifikation und Mimesis sich in ein heute mit Nostalgie angereichertes marktgängiges Produkt umsetzen.

Und weiter erinnert: Vor meinem Rauchkonsum begann eine Phase, in der ich Zigarettenschachteln sammelte und klassifizierte. Ich bildete mir ein, die goldenen Benson&Hedges seien sicherlich exklusiver als die proletarischeren Marlboros und Camels, an den Silberstreifen von Lord-Extra-Filtern meinte ich mit 9 wie ein echter Detektiv auf den ökonomischen Status des Rauchers rückschließen zu können. Zog man an den Klappen der alle hundert Meter aufgestellten Automaten, konnte man einige Millimeter einer Schachtel erblicken, stets begleitete die Hoffnung, eine möge doch einmal durch einen Defekt ganz herausrutschen, wie es die rural legends der Teenager versprachen. Für mich, den 14-jährigen Möchtegern-Punk bedeutete es äußerste Lust, nach dem Einwurf der 5 Mark die häufig klemmenden Ratschen aufzureißen und den Automaten tatsächlich die jahrelang vorenthaltene Ladung, natürlich die freiheitsversprechenden Gaulouises blondes oder die hippen Lucky Strikes, aber niemals die homosexuellen Davidoffs, zu entreißen. An den proletarischen Nachbarskindern, in deren Haushalten Kette geraucht wurde und deren Fensterränder demgemäß von außen so schwärzlich verfärbt waren wie ihre Lungen von innen, bewunderte ich früh deren Spezial-Wissen um rituelle Gepflogenheiten der rauchenden Eltern, den Gebrauch der Aschenbecher, die Neujahrszigarette, die ihnen erlaubt war. Stolz war ich über den ersten riesigen Rauchring, den ich durch einen Zufall im Gegenwind auf einer abgelegenen Wiese erzeugte – leider sah ihn niemand anderes, die Nachbarskinder waren längst auf anderen Schulen, man spielte nicht mehr mit Transformers-Figuren sondern hockte vor Nintendos und Segas. Meine “Paradise”-Kingsize, die ich mir genehmige, erlaubt keine Rauchringe, nur das Hineinpusten erzeugt die Illusion von Qualm. Der Gummi schmeckt rasch abgerieben und nach tranigem Kerzenwachs. Ein kleiner Pegasos fliegt in der linken oberen Ecke eines diagonal durchschnittenen Quadrates herum, vor dem Maul der Schachtel innehaltend. Das Paradis war selbst Kindern schon glaubwürdiger versprochen worden. Immerhin: wenn die Schachtel halb leer ist, stellen sich die Kaumasse-Balken auf ganz possierliche Weise schräg, und wenn man das Papier mitkaut, macht das geschmacklich kaum einen Unterschied. Man bekommt doch noch etwas geboten auf dieser Welt.

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