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Keine Zeit zum Denken June 4, 2017 | 07:38 pm

Die Produktion esoterischer Ratgeberliteratur beschreibt der „Lebenscoach“ Elias Fischer, mit deutlichen Worten. In seinem Werk „Mein Leben 2014“, in dem ansonsten über ein „Wechseln der Matrix“ und „inneren Frieden“ aufgeklärt wird, heißt es: „Ich habe dieses Buch in einem halben Jahr runter getippt. Es geht ziemlich flott, da ich keine Zeit mit Nachdenken und Korrigieren verbringe. Es flutscht einfach.“ Der Autor dieser Zeilen wurde beim Lesen dieses Machwerks nicht nur mit den Produktionsbedingungen der Esoterik konfrontiert, sondern stieß auf Vor-, Feind- und Rollenbilder, mit denen sich Fischer „im Namen der Liebe“ auseinandersetzt. Er nutzt das Mittel der Reproduktion, um uralte Mythen zu beleben – und ausführliche Anleitungen zu vermitteln, die seiner Vorstellung von „göttlichem Sex“ entsprechen.

Von Rudolf Steiner bis Forrest Gump

Warum sollte der selbsternannte „Lehrer für Selbstverwirklichung“ denken? Schließlich lassen sich doch Texte tippen, bis ein Tagebuch vorhanden ist, das im Eigenverlag erscheint. Dort beruft sich der Referent, der verzweifelten Menschen „Persönlichkeitsentwicklung, Heilung und Spiritualität“ verspricht, auf eine andere Größe der dauerhaften Denkverweigerung. Die Ideen Rudolf Steiners haben es dem jungen Coach angetan. Das Idol der Waldorfschulen habe „in seiner Lehre gute Ansätze gebracht, die mir auch gefallen“. Tatsächlich bezieht sich Fischer, der in Berlin lebt, in seinem Buch nicht nur auf den völkischen Pädagogen. Er berichtet außerdem von einem Vortrag, den er an einer anthroposophischen Institution in Stuttgart hielt, die sich ebenfalls auf Steiner beruft.

Tagebuch eines deutschen Esoterikers

Die Inhalte seiner Vorträge, die in Form eines Tagebuches vorliegen, dürfte anthroposophischen Gläubigen gefallen. So möchte Fischer „nicht ausschließen, dass es karmische Hintergründe für die Lebenssituation von armen Menschen gibt“. Ähnliche Vorstellungen, die Hunger, Leid und Tod zum kosmischen Plan bagatellisieren, existieren in anthroposophischen Milieus. Für Fischer scheinen konstruiert-karmische Zusammenhänge für das Elend der Menschen verantwortlich, was an Vorstellungen anthroposophischer Vordenker erinnert. Auf Facebook teilt der Vordenker passende Worte von Osho, Zitate von Goethe oder Aphorismen von Forrest Gump. Weiteres Vorbild scheint Rüdiger Dahlke, der vor „Chemtrails“ warnt und sich für die „Neue Germanische Medizin“ erwärmt. Der Coach begeistert sich derweil für die esoterische „Blume des Lebens“, die in der Fantasie vom „Tempelraum“ eine zentrale Rolle einnimmt. 

Erste Erfahrungen mit diesem Symbol sammelte Fischer auf einer der Esoterik-Messen, bei denen Scharlatane mit ihren Produkten hausieren gehen: „Ich setzte mich auf den Stuhl und die Frau hielt das Symbol aus Metall über mich. Ich spürte einen Strom an Energie, der durch meinen Scheitel floss. Das war für mich Beweis genug, dass das Ding funktioniert. Also habe ich mir gleich eines gekauft.“ Als „Medium für Informationen“, vertritt Fischer nun bezeichnende Positionen. Dieses „Wissen“ erlangt er aus Quellen wie „Webseiten, Blogs, Filmen, Tieren“. Bei einem „Lupinienkaffee“, „zwei Cappucinos“ oder einer „Maracuja-Schorle“ stellt Fischer jede Reflexion ein: Danach „komme ich gerade so richtig in Flow und höre auch auf zu denken„, freut sich der Autor in einer von zahlreichen Selbstbeschreibungen.

Ansprachen eines esoterischen „Alpha-Männchens“

Fischers Gesellschaftsvorstellungen gehen mit eindeutigen Klischees einher. Der „Außenseiter“ klagt nicht nur von „jungen Rowdies“, die des Nachts Alkohol konsumieren, sondern betreibt eine Selbstinszenierung als „Öko“, die durch Abgrenzung gegen Innovationen der kapitalistischen Moderne entsteht. Aus diesem Grund fürchtet der esoterische Autor Smartphones, die die „perfektesten Mechanismen“ zur Ablenkung der Menschen seien. Landschaft erscheint ihm derweil als „kraftvoll, göttlich, märchenhaft“. Die „Stadtmenschen“, bedauert Fischer, „entfernen sich von der Natur, vom Natürlichen, von ihrer Quelle (…) und dem großen Ganzen – Mutter Erde“.

Fischer überzeugen derweil meditierende Esoteriker, denen er zugute hält, dass sie „nicht so vollprogrammiert mit Gedanken“ seien, „die einen ständig vom Sein abhalten“. Er ängstigt sich dafür vor Kliniken, die ihn nicht überzeugen, weil Patienten „ein paar Pillen“ und eine Fixierung erhalten. Statt Pillen zu schmeißen, müssten Menschen „die spirituelle Ebene in unserem Leben zulassen“, fordert der esoterische Texter. Viele Phrasen, die mit konkreten Vorstellungen einhergehen. So konstruiert Fischer eine geschlechtliche Unterdrückung, von der mittlerweile Männer (!) betroffen seien. Frauen sollten daher zu ihrer „weiblichen Urkraft“ zurückfinden. Vorbild sind „Hexen, die eine wunderbare Anbindung an die Natur und das Heilwissen haben“, während andere Frauen den Zorn des Autors erregen.

Grundsätzlich scheint Fischer viele Personen zu fürchten, die weiblich sind. Er schreibt über Erlebnisse in WG-Küchen, die ihn belasten: „Ein weiterer Grund, warum ich aus der Küche raus wollte, ist das Feld der Frauen“, urteilt der Autor. „Ich bin der einzige Mann da drin und bekomme permanent die Energie von 5 Mädels ab“, klagt der Coach. Der Esoteriker befürchtet „weibliche Energie“ aufzunehmen, wenn er sich „zu lange“ unter Frauen aufhalten würde. Durch Gedichte offenbart Fischer unterdessen einen Blick auf Frauen, denen er „wankende Entscheidungen“, „weiblichen Mechanismen“ und „unbewussten Tests“ vorwirft. Warnungen vor dem angeblichen Wesen der Frauen sind wichtiger Teil der Inhalte, die der deutsche Esoteriker vertritt.

Angst vor Frauen, denen er bestimmte Eigenschaften andichtet, geht bei Fischer mit einem äußerst positiven Blick auf Männer einher, die er – wie ein ordinärer PickUp-Artist – als Eroberer inszeniert: „Das Männliche ist das Extrovertierte, was wir ja schon am Geschlecht erkennen können“, doziert der Coach in seinem Tagebuch: „Das Männliche will nach vorne stoßen, erobern und Ziele erreichen“. Es ist der angebliche „Alpha-Mann“, dem sich Fischer verpflichtet fühlt. Dieser sähe Frauen „nur als weitere, schöne Zutat“, lobt der Esoteriker. Elias Fischer verweist auf vermeintliche Fakten, durch die er seine Vorstellungen vom Geschlecht belegen will.

Tatsächlich behandelt der esoterische Texter typische Mythen, die in patriarchalen Gesellschaften kursieren: „Frauen haben einen ganz anderen Blick als Männer. Männer mussten früher jagen, somit ist ihr Auge darauf trainiert, ein Ziel in der Ferne zu erkennen. Frauen waren viel in der Höhle und haben Beeren gesammelt, deshalb haben sie einen Rundumblick.“ Archaische Vorstellungen über uralte Gesellschaften und über seine „männliche ‚Kriegerenergie'“ scheinen Grundlage, um eine gewisse Strategie zu verfolgen, die in der Gegenwart gültig ist. Für ihn sei es durchaus in Ordnung, schreibt Fischer, Frauen am Fahrradschloss anzusprechen, um den Moment der Ablenkung zu nutzen: „Während sie dann ewig an ihrem Fahrradschloss rumbasteln, ist das im Prinzip nur eine Einladung für dich, in Kontakt zu gehen. Auch wenn sie dich währenddessen nicht angucken.“

Weibliche Personen, die sich Wissen aneignen, sind für den Esoteriker lediglich Gegenstand von plumpen Einordnungen. In seinem Tagebuch berichtet Fischer nicht nur über seine Erlebnisse mit minderjährigen Mädchen, die er esoterische Turnübungen vollziehen lässt, sondern auch über eine Begegnung mit einer volljährigen Studentin, die mathematische Formeln lernt. Der überaus bezeichnende Kommentar des Esoterikers verdeutlicht, dass er die Aneignung von Wissen durch Frauen ablehnt. In Fischers Welt haben solche Menschen eine andere Aufgabe, die mit seinen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ zusammenhängt: „Mensch, Mädel. schmeiß den Dreck weg und versau Dir nicht deine Weiblichkeit“, appelliert der esoterische „Alpha-Mann“.

Feind- und Vorbilder eines Esoterikers

Auf den mehr als 350 Seiten, die ein Tagebuch ergeben, outet sich Fischer nicht nur als esoterischer Guru, der gewisse Rollenbilder propagiert. Er konstruiert Feindbilder, die diesem Weltbild entsprechen. So sind es „Medien“ und „das ganze Zeug der Pharmaindustrie“, die der Schreiber des Tagebuches kritisiert. Diese seien für „Verstopfungen in Körper und Geist“ verantwortlich, behauptet Fischer. Er bezieht sich dabei auf den esoterischen Bestsellerautor Eckhart Tolle, der mit seinem „Leitfaden zum spirituellen Erwachen“ eine zeitgenössische Ausformung deutscher Esoterik produzierte, die überaus populär ist. Eine weitere Quelle ist der industrielle Antisemit Henry Ford, den Fischer ebenfalls zitiert.

Es ist die Moderne, die den Zorn des esoterischen Texters erregen: Medien und pharmazeutische Medizin der „Elite“ sorgen für „Verstopfungen“. Solche Einordnungen untermalt Fischer mit Beschreibungen, die einiges über dessen Einordnungen der Welt verraten. Die Erde sei lediglich ein „Versuchsplanet“ von „Dualitäten“. Die menschliche Existenz nur ein „Spiel“. Deutschland besäße wiederum sogenannte „Eier“, die die Vereinigten Staaten von Amerika vor einiger Zeit in Besitz nahmen. Die Entwicklung beschreibt Fischer mit allerlei anti-amerikanischen Bildnissen. Der Tagebuchautor hält fest:

„Dein Haus darf nicht rot gestrichen werden, weil das die Autofahrer zu sehr ablenkt, nur mit Sondergenehmigung der Bundeskanzlerin. Aber die muss dabei auch erst nach USA telefonieren und erfragen, ob sie das den deutschen Bürger gestatten darf. Ja, ja, die USA haben Deutschland so sehr an den Eiern, dass Deutschland eigentlich nur ein Lakai ist.“ 

Leser_innen mögen die deutsch-esoterischen Position erkennen, die die Vereinigten Staaten von Amerika zum Feind hat. Solche Inhalte ergänzt der Vordenker durch Rezepte für Rohkostburger, Gedanken über Mitfahrgelegenheiten sowie unkritische Verweise auf Praktiken der Psycho-Sekte Tamara. Auf diese „Lebensgemeinschaft“ bezog sich schon die esoterische Gestalt Otto Mühl, dessen Fans sich durch Latzhose und Kurzhaarschnitt uniformierten. Eine Uniform wird durch Fischer, dessen Einordnung von Frauen an den österreichischen Guru erinnert, zumindest in seinem Tagebuch nicht empfohlen.

Weltbilder der Esoterik

Statt Uniformen zu entwerfen, tippte der deutsche Blogger andere Sätze, die eine uralte Feindbildpflege fortführen. Er reproduzierte verschwörungsideologische Vorstellungen, die an Mythen des Antisemitismus erinnern. Fischer raunt über „Mächte, die scheinbar die Welt regieren und steuern“. Dem verschwörungsideologische Übel, das Fischer durch eine Chiffre benennt, setzt der esoterische Texter einen „Weltfrieden“ und „Liebe“ entgegen: „Auch ein Rothschild braucht Liebe“, schreibt der Esoteriker an seine Zielgruppe. Welche Person konkret gemeint ist, bleibt unklar. Eine Einordnung erfolgt durch einen weiteren Satz: „Liebe den ‚Teufel‘ und die Welt wird zum Paradies.“ 

Rothschild als Teufel: Vorstellungen eines deutschen Esoterikers

Die Rothschild-Chiffre findet sich in den vielen Mythen des Antisemitismus. An solche Vorstellungen scheint Fischer anzuknüpfen, wenn er auch andere Antworten findet: „Liebe“, „Weltfrieden“ und „göttlicher Sex“ sind Phrasen dieses deutschen Esoterikers, der eine gewisse Popularität besitzt. Die Vorstellungen des Texters erstrecken sich diesmal auf 355 Seiten: Reaktionäre Zuschreibungen und Ablehnung der Moderne kombiniert Fischer mit Rezepten für Rohkostburger und Tipps für sexuelle Rituale. Ergebnis ist eine Melange, die aus irrationalen Elementen deutscher Ideologie besteht. So entsteht dioe Unterfütterung für die Praxis, die der Texter ansonsten entfaltet.

Über den von Fischer betriebene „LebeBlog“ bietet der Autor den Lesern seine Dienste an. Zwischen 100 und 500 Euro kosten die Seminare, in denen „Praktiken aus Kommunikation, Körperarbeit und Spiritualität“ vermittelt werden. Dass sich sein Geschäft lohnt, scheinen Stellenanzeigen zu beweisen, die Fischer schaltet. Dort sucht der Autor unter anderem einen persönlichen Assistenten, um seine „company to the next level“ zu bringen. Fischer verspricht ein existenzsicherendes Gehalt. Vielleicht ist das Teil der „finanziellen Leichtigkeit“, die der Autor in anderen Machwerken empfiehlt. Von der Lektüre seines Tagebuches kann indes nur abgeraten werden. Wer einen Menschen quälen möchte, kann allerdings gut aus dem Buch vorlesen, das Fischer für 14 Euro im eigenen Onlineshop vertreibt. 

Alle Zitate stammen aus: Elias Fischer: Mein Leben 2014. Erschienen im Selbstverlag. Gedruckt in Ungarn (2015).

Katastrophen-Verklärung I. March 22, 2011 | 01:45 pm

Am 11.03.2011 kam es zu einem verherenden Erdbeben, das einen Tsunami auslöste, welcher Japan verwüstete. Die Folgen sind sicherlich allen Menschen bekannt. Die Ursachen werden von anderen Menschen in Frage gestellt. Für sie sind die Ereignisse keine Naturkatastrophe, sondern von Menschen gemacht. Das antisemitische und revisionistische Internetportal „Polska-Web“ spricht beispielsweise von einem „angeblichem Erdbeben“ und urteilt, dass die Naturkatastrophe „eine reine Erfindung von Behörden, Medien und Politikern“ sei. Ein anderer Verschwörungsfan hoffte auf zehn Minuten Ruhm auf dem Videoportal „Youtube“. Dort machte er die amerikanische Regierung für die Naturkatastrophe verantwortlich, warnte vor dem Jahr 2012 und dem „Wassermannzeitalter“. Seine Theorien stehen stellvertretend für diejenigen, die aus einer Naturkastastophe eine Tat der US-Regierung machen, um ihrem Anti-Amerikanismus freien Lauf zu lassen. Lassen wir also den Verschwörungsfan mit seiner „Haarp“-Theorie zu Wort kommen. Seine anti-amerikanische Hetze wurde bisher von mehr als 9000 Menschen angeklickt:


Engel-Propaganda. January 19, 2011 | 03:34 pm

Die Dezember-Ausgabe der anthroposophischen Szene-Zeitschrift „Erziehungskunst“, die vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ herausgegeben wird, macht den esoterischen Gehalt der Waldorf-Pädagogik wieder einmal mehr als deutlich. Bereits im Editorial wird der Begründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, als „bedeutender Vordenker des 21. Jahrhunderts“ gehuldigt. Jener Rudolf Steiner, der von „Volksgeistern“, „Ätherleibern“ und anderen geistigen „Wesenheiten“ halluzinierte, sei nach wie vor „unverzichtbar“. Als Geist sei Steiner sogar bei der „Geburtstagsfeier“, die im schweizerischen Dornach stattfand, anwesend gewesen, behauptet Mathias Maurer im Editorial.

Im Innern der Zeitschrift geht es dann anthroposophisch zur Sache: „Mit den Engeln leben“, „Alltagsregeln für einen gesunden Lebenstil“ oder „Waldorf-Hochschulen sind ein Kultur-Impuls“ lauten lediglich einige Überschriften der Artikel. In denen geht es natürlich wieder um Rudolf Steiner, den Guru der Waldorfschulen. Henning Köhler bemüht den Guru beispielsweise, um auf angebliche „vorgeburtliche Ereignisse“ hinzuweisen. „Es sei unerlässlich , die Dimension der Ungeborenheit mitzudenken“, schreibt Köhler über diese angebliche „geistige Tatsache“. Kinder seien „auf eine neue Art von spirituellen Impulsen durchdrungen“ und würden bereits vor der Geburt „auf das in unserem Kulturraum (…) vorherrschende geistige und soziale Klima“ eingestimmt werden. Auch hier geht es also um die Wahn-Ideen Rudolf Steiners, der statt den sozialen Bedingungen, denen Individuen unterworfen sind, angebliche „vorgeburtlichen Ereignisse“ bemüht, denen alle Menschen, im Rahmen eines „Inkarnationsprozesses“, unterworfen seien. Aber natürlich kritisiert Köhler auch die Bedingungen mit denen Kinder heute aufwachsen, wenn sie nicht an Waldorfschulen unterrichtet werden. Er warnt unter anderem vor dem staatlichen, „gewöhnlichen Schulleben“ und vor dem unkontrolliertem „Medienkonsum“, die „eine Abstumpfung“ hervorrufen würden. Doch die „Ursachen“ für „Traurigkeit, Ängstlichkeit“ und „Unzufriedenheit“ würden „tiefer liegen“, schließt Köhler, um genau dort zu enden, wo er seinen Text begonnen hat. Diese Dinge seien eben „oft ‚mitgebracht“ aus vorherigen Leben. Es handele sich um einen „vorgeburtlichen Grundkonflikt“ und um die „spirituelle Leere“, denen die „Seelen“ ausgesetzt seien. Dieser angeblichen „Leere“ möchte Köhler einen „Christus-Impuls“ entgegensetzen. Wer sich für die Texte des „Erziehungskunst“-Autoren begeistert, wird eventuell auch die Werbung beachten, die direkt neben dem Artikel zu finden ist. Köhler hat seine Theorien in zwei Büchern ausgebreitet, die im anthroposophischen „Verlag Freies Geistesleben“ erschienen sind und die neben dem Artikel beworben werden.
Der Anthroposoph Walter Rietmüller beschäftigt sich in einem anschließenden Artikel mit der „Situation von Kindheit und Jugend heute“. Malerisch beschreibt Riethmüller die „Herbstzeit im Waldorfkindergarten“: „Kastanien werden gesammelt (…), es wird vom Erzengel Sankt Michael gesungen und erzählt“, begeistert sich der Autor in der „Erziehungskunst“: „Ein viereinhalbjähriges Mädchen“ sei vom „heiligen Michael“ derart indoktriniert worden, dass es „die Lieder auch zu Hause als Spielbegleitung“ intonieren würde. Das Kind sei durch diese anthroposophische, religiöse Erziehung in „einen größeren Zusammenhang“ eingebunden worden, „der bestimmend wirkt“.
Beachtenswert ist ebenfalls die Werbung für einige Kinder-Zeichnungen, die der Anthroposoph Gerd Kellermann sammelte und mit den Gedichten von Ute Heim in Verbindung brachte. „Wenn Engel bunte Kleidung tragen, gibt es keine Fragen, denn sie zeigen die Schönheit der Welt“, heißt es neben einer Kinder-Zeichnung, auf der wohl ein „Engel“ zu sehen sein soll. „Der Engel, das bin ich“ ist ebenfalls im „Verlag Freies Geistesleben“ erschienen und scheint für die Anthroposophen und Anthroposophinnen gemacht, die tatsächlich an „Engel“ und andere Hirngespinste glauben.
Weniger um Engel, dafür umso mehr Jesus Christus, geht es Andrea Unser, die in der „Erziehungskunst“ über die „Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes“ jammern darf. Dem hält die Anthroposophin, den Advenzkranz entgegen: „Das zunehmende Licht kann zum Symbol werden: Jesus, das Licht der Welt, wird geboren“, schreibt die Autorin. Dieses Symol „wärmt und stärkt uns“, behauptet die Autorin, der angesichts dieser Idee sogar „warm ums Herz“ wird. Sie beschreibt des Weiteren die anthroposophischen Weihnachtsspiele, bei denen Kinder als Engel verkleidet werden. „Dabei erleben sie, welche Kraft von den Himmelsboten ausgeht“, behauptet Andrea Unser, die den lesenden Waldorf-Eltern auch noch nahelegt, mit den Kindern die „Heilige Barbara“ zu feiern. Deren Vater habe sich zum christlichen Glauben bekehrt, deshalb sei seine Tochter „ins Gefängnis gesperrt und gefoltert worden“, worauf einige Engel erschienen, die „Barbaras Wunden verbanden“ und sie „heilten“. Mit solchen Fantasy-Storys soll eine „andere Wirklichkeit“, eine „andere Sicht auf die Realität“ vermittelt werden: „Das wird das Leben mit unseren Kindern beleben und bereichern“, schließt Andrea Unser ihren Artikel.
Etwas weltlicher fallen die „Alltagsregeln für einen gesunden Lebenstil“ aus, die Wiebke Kottenkamp für die anthroposophische Engels-Zeitschrift verfasst hat. Sie fordert keinen Engel-Einsatz zur Verklärung der Realität, dafür aber „geregelte Tagesabläufe und Routinen“. Ebenso weltlich fällt der Artikel des Anthroposophen Lorenzo Ravagli aus, der sich ansonsten von „faschistoiden Antifaschisten“ und „rassistoiden Antirassisten“ bedroht fühlt. Der Star-Autor und Redakteur der „Erziehungskunst“, widmet sich verschiedenen Kinder- und Jugendzeitschriften sowie den „Digitalen Welten“.
Für die nächste Engel-Story ist wiederum Johannes Kiersch zuständig, der sich – natürlich – auf Rudolf Steiner beruft. Dessen Texte seien gar „Anleitungen“, mit dem die geneigten Fans des Gurus, ihren und andere Engel erkennen könnten: „Wer so etwas wie die Realität eines ‚Schulgeistes‘ spüren lernt (…) kommt dem Erzengel nahe“, behauptet Kiersch, der auf diese Art und Weise deutlich macht, was für Inhalte an Waldorfschulen vermittelt werden können. Außer einem obskuren „Erzengel“ gibt es allerdings auch noch „Zeitgeister“ und andere Wesenheiten, zumindest in der Waldorf-Welt von Johannes Kiersch. Solche Inhalte sollen allerdings auch an Waldorfschulen vermittelt werden: Selbst „Liberale Eltern, die weltanschaulich nicht festgelegt sind, werden nichts dagegen haben, wenn die Lehrer ihrer Kinder sich auf Suchwege“ nach Engeln, Erzengeln und Zeitgeistern begeben, behauptet Kiersch. Schließlich würden Kinder an Waldorfschulen „gern mit Bildern von Engeln, wie sie aus den alten Mythenkreisen der Menschheit (…) in unserern Lernplanen hineinspielen“ leben, begeistert sich Kiersch an der religiösen Erziehung im anthroposophischen Sinne. Durch die behauptete Existenz von Engeln und anderen Wesenheiten, würden die Kinder „von der banalen Engstirnigkeit der landläufigen Naturwissenschaft geschützt“, die an Waldorfschulen lediglich eine untergeordnete Rolle spielt. Bei all‘ den Wesenheiten, wie „Engeln“, „Erzengeln“ und „Volksgeistern“, mit denen die Schülerinnen und Schüler indoktriniert werden, sollte dieser Umstand allerdings nicht verwundern.
Angehende Lehrerinnen und Lehrer, die den Waldorfschülerinnen und Schülern, von „Engeln“ und anderen Fabelwesen berichten wollen, werden im ausführlichen Anzeigenteil fündig. Das „Rudolf Steiner Institut“ in Kassel bietet dort die Ausbildung zum anthroposophischen Heilpädagogen an. Andere Waldorf-Institutionen suchen Lehrerinnen und Lehrer, schließlich müssen noch mehr Kinder mit den Märchen von „Engeln“ indoktriniert werden. Soviel also für diesen Moment aus der obskuren Welt der Waldorfschulen und ihrem Propaganda-Organ, dem Magazin „Erziehungskunst“.

(Fast) Alle Zitate stammen aus der „Erziehungskunst“, 12/2010.

Esoterik a la „Orange Vibes“. October 20, 2010 | 01:06 pm

Elektronische Musik vermischt mit Didscheridoos und anderen eher ungewöhnlichen Instrumenten: Das ergibt „Orange Vibes“. „Orange Vibes“ ist ein Seitenprojekt des Musikers Rainer von Vielen, der im Jahr 2005 den „Prostestsong-Contest“, eine linke Castingshow auf den Spuren von „Deutschland sucht den Superstar“, gewann. „Orange Vibes“ macht, das ist die gute Nachricht, elektronische Musik. Dabei beruft sich die Band, das ist die schlechte Nachricht, auf esoterische Ideologie. So spricht die Band zum Beispiel über einen angeblichen Urton – „Hu“ - „den kein Volk und keine Religion als ihr Eigentum beanspruchen kann.“

Die Band zitiert mit diesen Worten den „Guru“ Hazrat Inayat Khan, den Begründer des „Internationalen Sufi-Ordens“. Der „Guru“ ließ sich sich als „göttliche Gegenwart“ und als „geistlichen Meister und rechten Führer“ verehren. Khan und seine Musik-Theorie waren Anfang des letzten Jahrhunderts vor allem in Europa und den USA beliebt. Das esoterisch interessierte Bürgertum, das sich ansonsten für die Theosophie und Anthroposophie begeisterte, fand in den Theorien des „Gurus“ eine ähnliche Ideologie: Auch dort gibt es einen speziellen Einweihungsweg, einen speziellen Gottesdienst und einen „Heilorden“, der sich esoterischen Heilungswegen widmet. Es gehe darum „in ständiger Gegenwart Gottes leben und uns unserer göttlichen Erbschaft bewusst zu werden“. Bis heute erfreuen sich die Theorien des „Gurus“ Khan großer Beliebtheit. So auch bei der Band „Orange Vibes“.

Die Band beruft sich zum Beispiel in ihrem Myspace-Profil auf den „Guru“ Hazrat Inayat Khan. Man wolle „Kultur und Tradition mit moderner Rhymtik“ verbinden, heißt es wiederum auf der Internetseite der Band, die davon ausgeht, dass das eine „positive Energie“ ermöglichen würde, die jeder Mensch „fühlen kann“. Wer sich davon überzeugen möchte, kann die Festivals oder einen der Clubs dieser Republik besuchen. Dort kann mensch sich „Naturtöne“ und den „Hu“-„Urklang“anhören: Eben „Kultur und Tradition“ auf den Spuren des Hazrat Inayat Khan.