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Im Niemandsland der Singularität April 24, 2017 | 08:44 am

„Das Gefangenenlager in einer Kleinstadt auf halbem Weg nach Tripolis bietet ein erbärmliches Bild. Bei einer maximalen Aufnahmekapazität für 400 Flüchtlinge sind jetzt nur 43 anwesend, sie kommen aus Ägypten, Guinea, Niger und Nigeria. Als Gruppe waren 39 Nigerianerinnen vor Monaten auf der Suche nach Arbeit aus ihrer Heimat aufgebrochen. An der Mittelmeerküste wurden sie nachts in ein kleines Schlauchboot getrieben, das aber Europa nie erreicht. Die libysche Küstenwache fing es ab und brachte die Frauen in dieses Abschiebelager. Seit einem Monat sind die Frauen hier gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Die kleinen Schlafräume sind verschmutzt, die Matratzen verfilzt, der Boden des Waschraums ist knöcheltief mit Kot und Urin bedeckt. Die Wasserhähne funktionieren nicht und Duschen gibt es keine, ihre Notdurft müssen die Frauen in Eimern verrichten, die dann in diese Lache entleert werden. Für die Körperpflege zweigen sie etwas Trinkwasser ab. Mit einem Durchschnittsalter von 22 Jahren sind die Flüchtlinge jung, aber fast alle haben Beschwerden. Die meisten leiden an infektiöser Haut-Krätze.“ (Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen. Deutsches Ärzteblatt 1114/15, 14.4.2017)

Die abstumpfende Serialität der Meldungen füttert mit Empirie, was Logik zu leisten imstande ist. In der Türkei wird eine 511 Kilometer lange Mauer entlang der syrischen Grenze fertig gestellt. Das ist Teil des Abkommens mit der EU und insbesondere Angela Merkel. Die Mauer soll Menschen vom Überlebenskampf abhalten. Die EU und insbesondere Angela Merkel fühlen sich unschuldig, es gibt keine Proteste, kein Gerichtsverfahren, alles ist rechtsmäßig. Währenddessen werden jene, die die aufreibende, jahrelange Flucht über den Landweg aus Afghanistan überlebt haben, abgeschoben in ein Land, in dem sie auf offener Straße ermordet werden, wenn sie sich öffentlich gegen den Islam oder die Taliban wenden. Auch dafür wird niemand bestraft, Proteste gab es nicht. Im Niemandsland der Flüchtlinge gibt es keine Täter, alle Gewalt ist vermittelt, scheinbar naturhaftes Resultat eines scheinbar abstrakten Prozesses, an dessen Ende man noch davon redet, dass Flüchtlinge freiwillig sich in solche Lager begäben.

Am 23. März 2016 beendete die Organisation Ärzte ohne Grenzen ihre Zusammenarbeit mit dem EU-Hotspot auf der Insel Lesbos. Die Zustände seine untragbar, auf die humanitären Bedürfnisse der Flüchtlinge werde keine Rücksicht genommen.
Berichte aus Flüchtlingslagern sowohl in Deutschland als auch im Drittstaatengürtel legen die Systematik offen. Natürlich sind die Lager stets zu klein geplant, haben meist kein professionelles Personal, lagern mitunter Wachdienste an Private aus, die billiger, aber dafür mit Neonazis durchsetzt sind, was in Ungarn und Griechenland auch bei der Polizei und den Asylentscheidern wahrscheinlich ist.
Die Berichte und Fotos aus den Lagern sind immer gleich: Restriktionen der Bewegungsfreiheit, die Haft gleichkommen, Überbelegung, Müll, Schmutz und Depression, die sich hohen Suizidalitätsraten umsetzt. Wer in die Lager gelangt wurde schon selektiert. Für die Flucht verkauft mancher seine Niere oder eine Schwester oder eine Tochter in die Ehe. Andere verschulden sich lebenslang, nur um aus ihren Höllen zu entkommen. Fast alle Frauen die durch Libyen fliehen werden vergewaltigt, viele kommen noch in der Wüste um, noch mehr sterben in afrikanischen oder syrischen Lagern oder Kriegen, weil sie gar nicht mehr fliehen können.

Jorge Mario Bergoglio nennt die Lager daher konsequent Konzentrationslager. Der Protest gegen solche angebliche „Gleichsetzung“ mit den Vernichtungslagern der Nazis kam erwartbar und mit den üblichen Verkehrungen: Wegen der Vernichtungslager solle man ihre historische Vorstufe, die Konzentrationslager nicht als solche benennen. Dem wertfreien und konsequenzlosen Formelwesen, auf das der Singularitätsbegriff heute zusammengeschrumpft ist steht das Ausbleiben von jeder Konsequenz von polnischen oder bayrischen Katholiken aus der Rede des katholischen Papstes entgegen. 

Und weil gegen die Dezimierung von Flüchtlingen durch Wüste, Meer, Kälte und Suizid, bislang keine Praxis denkbar ist außer sich als Fluchthelfer strafbar zu machen, wird nicht über das Empörende der Zustände diskutiert, das durch jahrzehntelange Wiederholung längst in stumpfe Akzeptanz überging, sondern im Zuge einer neurotischen Verschiebung darüber, ob der katholische Papst etwas Empörendes gesagt oder getan hat: „»Ich halte das nicht für empörend«, sagte der Exekutiv-Vizepräsident des Zusammenschlusses von Überlebenden des KZ Auschwitz, Christoph Heubner, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.“

 

„Never again“ – Singularität und andere pathische Ideologeme

Das „Ähnliche“.

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Gegen Erinnerungskultur January 27, 2017 | 05:43 pm

Gemütlich soll das Gedenken sein: Schülerinnen und Schüler schickt man einmal im Leben in eine Gedenkstätten, damit sie keine Nazis werden. Sie sollen dann in der Woche darauf wieder ihre Tests über die Leiden des jungen Werther und Wahrscheinlichkeitsrechnung absolvieren und nicht etwa traumatisiert, depressiv und überfordert reagieren. Dass sich in solcher Lehrplanmäßigkeit der Aufklärung Abwehr einstellt, ist erwartbar. Das Stelenfeld wird zum Skateboardfahren oder Jonglieren verwendet, manche wagen gar zu lachen, wieder andere tanzten „I will survive“ und auch Pokemons gab es 2016 vor Ort zu fangen. Shahak Shapira nannte das wenig ehrfürchtige Verhalten „Yolocaust“ und hinterlegte Selfies vor den Stelen in Berlin mit Bildern von Leichenbergen und Erschießungsgräben.

Leider fällt er damit nur die Strategie der Abspaltung herein, deren Ausdruck bereits die Schaffung von einigen wenigen Gedenkstätten war, mit denen man sich die Aufklärung in der Fläche ersparen wollte.
Grundsatz jeder Aufklärung ist die Erkenntnis, dass dieses gesamte Land ein Stelenfeld ist. Dazu immerhin haben Stolpersteine beigetragen, die freilich noch nichts über die Dimensionen des Holocaust im Osten verraten. Die offenkundig arisierten Häuser und Wohnungen hinter den Stolpersteinen werden weiter an Studierende vermietet, zu rekordträchtigen Renditen. Am Bahnhof von Marburg liest man die Namen der von Gleis 5 deportierten Juden – ein Anfang, den die glorifizierenden Kriegerdenkmäler im Hinterland konterkarieren. Die Fläche der niedergebrannten Synagoge war lange ein Refugium für Obdachlose und Junkies. Nun hat die Stadt Marburg dort ein schönes Rosenbeet mit Sitzbänken angelegt. Wenn man irgendeinen Jahrmarkt feiert, dann wird die praktischerweise sehr zentral in der Innenstadt gelegene Freifläche auch mal kurz für Schaubuden freigegeben.

Die rituelle Empörung über die angeblich erodierende „Erinnerungskultur“ von Jugendlichen an Gedenkstätten ist nichts als neurotische Verschiebungsleistung. Nie war es besser. Wie viele Familienschnappschüsse wurden vor arisierten Möbeln und Wanduhren gemacht? Detlev Claussen und Henryk M. Broder legten gegen solches ritualisierte und umschlagende Bedenken Protest ein, der mehr denn je gilt. Das falsche Gedenken ist die Grundlage des sekundären Antisemitismus. Typisch dafür ist die kopfschüttelnde Haltung einer jener Deutschen, die von der US-Armee zu den gerade befreiten KZ gezwungen wurden: „Was haben diese Leute wohl verbrochen, dass man ihnen das antun musste.“

Den psychologischen Prozess beschrieben Wolfgang Hegener, Elisabeth Brainin, Vera Ligeti und Samy Teicher als eine Unfähigkeit zu reifer Trauer, als manische Schuldbearbeitung. Es geht eben um Verdrängung, und nicht um „Geschmacklosigkeit“ oder „Takt“. Den Geschmack der Öfen hat Paul Celan als „schwarze Milch der Frühe“ beschrieben. Wie soll man sich dazu angemessen verhalten? Die Fehlleistungen, die fröhlichen Selfies, sind erträglicher als das routinierte, stilbewusste Kopfschütteln und das konsequenzlose Betroffensein. Der Selfie kann „primary naivety“ sein oder auch die durchbrechende Erleichterung, davongekommen zu sein. Sie lachen halt, aber lachen sie wirklich über die Opfer?

Jene, die sich mit gelegentlichen, artigen Schweigeminuten im Bundestag vor dem gesellschaftlichen Bild eines Demozids an massenweise verhungerten, verdursteten, ertrunkenen, verelendeten und vergewaltigten Flüchtenden ablichten lassen, geben vor, was in Deutschland „Umgang mit dem Holocaust“ heißt: harmonistisches Einfügen des angenehm fernen, vergangenen Schreckens in stumpfes Weitermachen. Der Holocaust soll gerade nicht „umgehen“, das Gespenst soll gebannt werden in den Ritualorten. Die Stelen und Schautafeln retten aber keine lebenden Juden vor der Hamas – das erledigen die international verhassten israelischen Checkpoints.

Die Frontlinien des Antisemitismus auf Deutschland und seine Gedenkstätten zu beschränken ist so antiquiert wie verharmlosend. „Antideutsch“ sein, ist nur Flucht vor den wahren Dimensionen. Wenn Aufklärung an Bildern ihren Ausgang nimmt, darf man sie gerade deshalb nicht auf Orte beschränken, sondern sie wäre in Wort und Schrift auch in die arabischen, russischen, südafrikanischen, süd- und nordamerikanischen und britischen Medien zu tragen.

Virtuelle Projekte wie deathcamp.org, das US Holocaust Memorial Museum
und Yad Vashem sind allerdings nicht nur schlecht gestaltet, sie lassen Besuchern alle Wahl, das unangenehme auszusparen, auf Unbekanntes gar nicht erst zu stoßen. So bleiben Filme, darunter Resnais „Nuit et brouillard„, oder Bildbände wie „Der gelbe Stern“ die verlässlichste Quelle des Zorns, der privaten, von sozialer Erwünschtheit oder Lerndruck nicht in Gegenreaktionen gepressten Empathie. Solange die bruchlose Fortführung des genozidalen Projektes der Nazis durch die arabischen Nazis und Islamisten aber ausgespart wird, hilft alle Aufklärung über den Nationalsozialismus erfahrungsgemäß gar nichts. Die Trennung von Geschichte, die man den Jugendlichen vorwirft, hat eine Ursache in der Trennung des Holocausts vom Zeitgeschehen, in der Weigerung, den arabischen Antisemitismus ernst zu nehmen. Die Rede vom Gedenken, von Erinnerungskultur, zielt gleichsam auf diese Trennung ab, man solle Vergangenes nur nicht vergessen. Als wäre man nicht jeden Tag mittendrin.

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Deir ez-Zor January 19, 2017 | 10:41 am

 Nach Meldungen, die sich im Moment nur auf Reuters, Stern, Heise und einigen putinistischen Medien finden, hat der IS Deir ez-Zor eingekesselt, die sechstgrößte Stadt Syriens.
Die Meldungen sind vom 17.1.2017.
http://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-syria-deir-alzor-idUSKBN1501CN
https://www.heise.de/tp/features/Deir-ez-Zor-Ueber-100-000-Bewohner-und-syrische-Armee-vom-IS-eingekesselt-3598933.html
http://www.stern.de/politik/ausland/is-droht-stadt-mit-mehr-als-100-000-zivilisten-einzunehmen-7285930.html

Informationen zum Kampfverlauf in Deir ez-Zor finden sich hier. Wie kaum ein anderer Konflikt wird Syrien in Echtzeit beobachtet und dokumentiert:
https://en.wikipedia.org/wiki/Deir_ez-Zor_clashes_(2011%E2%80%9314)

Eine Offensive des IS im Januar 2016 hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag:
https://en.wikipedia.org/wiki/Deir_ez-Zor_offensive_(January_2016)

Im Februar 2016 warfen UN-Truppen Hilfsgüter über Deir ez-Zor ab:
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syrischer-buergerkrieg-vereinte-nationen-werfen-hilfsgueter-ueber-deir-al-zor-ab-14088984.html

Deir ez-Zor wird vorwiegend von sunnitischen Arabern und einem großen Anteil von Kurden bewohnt. Der IS will in Deir ez-Zor einen sicheren Hafen für Kämpfer aus Irak errichten. Es scheint, als sei die Strategie der Allianz, den Irak zu befreien und Syrien dem „Management“ Assads und Russlands zu überlassen, mit einer vorerst ungeklärten Rolle der kurdischen Gebiete.
Am 22.9.2014 fand der erste Angriff der am 5.9.2014 gegründeten Allianz statt. In der Provinzhauptstadt Rakka wurde ein IS-Hauptquartier zerstört und in der Provinz Deir ez-Zor wurde ein Checkpoint getroffen. Seit zweieinhalb Jahren also führen die mächtigsten Staaten der Welt Krieg gegen eine Guerilla ohne Luftwaffe und mit nicht nennenswertem gepanzerten militärischen Gerät und immer noch droht ein Massaker dort, wo der Angriff begonnen hatte. Nichts an diesen internationalen Institutionen löst noch ein Schutzversprechen (R2P) ein, während die Drohung mit global einsetzbaren Drohnen ein globales sadistisches Über-Ich erschaffen hat. Dass der IS trotz seiner Provokations-Massaker so lange gegen diesen mächtigen, aber für seine Bündnispartner verräterischen Gegner ausgehalten hat, ist bereits sein Sieg.
Deir ez-Zor war übrigens in den Jahren 1915–1916 im Rahmen des Völkermordes an den Armeniern Standort des größten osmanischen Konzentrationslagers für jene, die die Massaker überlebt hatten.

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„Hooligans werden doch auch gekesselt“ – Scheinargumente und was sie sagen wollen January 6, 2017 | 01:52 pm

Die zirkulären Argumente, die im Moment kursieren, und was sie behaupten:

1. „Woher kamen so viele Nordafrikaner nach Köln?“ – Vermutlich aus Köln und Umland. Auch wenn der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Köln laut BPB von 33% (2005) auf 31% (2011) gesunken ist,  sind das immer noch 317.000 Menschen in Köln. Wenn man das Umland dazu nimmt, das zum special event pilgert, könnte man vielleicht auf einmal nicht mehr ganz so erstaunt tun über ein paar hundert nordafrikanisch aussehende Menschen, die in Zügen ankommen, um Silvester zu feiern. Sicher KÖNNTEN sie zu hunderten von Putin bezahlt und geschickt worden sein, sie KÖNNTEN sich auch zu hunderten in Netzwerken verabredet haben ohne dass die Polizei oder die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt – dann wäre aber doch nach den Kontrollen und der „guten Polizeiarbeit“ mittlerweile auch etwas mehr Licht ans Dunkel gebracht worden, etwa Nachrichten auf beschlagnahmten Handys: „Kommt alle wieder zum TG in Köln, Putin zahlt.“ Nichts dergleichen, erneut kein Hinweis auf eine „Verschwörung“.

Was das Argument eigentlich sagen will: „Es sollte doch nicht so viele nordafrikanisch aussehende Menschen in dieser von Juden, Nordafrikanern und Römern gegründeten Stadt geben. Schon gar nicht „hunderte“.“

2. „Die Polizei kontrolliert auch Hooligans!“ – Hooligans sind meist an ihren selbstgewählten Fußballabzeichen klar erkennbar. Einige wenige, besonders auffällige Unruhestifter sind in Hooligankarteien erfasst und erhalten vorab Platzverweise und Hausbesuche. Die Erstellung dieser Hooligankarteien ist ebenso umstritten wie die Erstellung von Punkerkarteien. Ihr gingen nicht eine Schlägerei oder eine Versammlung mit Übergriffen voraus, sondern Jahrzehnte des organisierten Hooliganismus mit mehreren Toten.
Die Menschen in Köln waren aufgrund ihrer nicht selbstgewählten Haut- und Haarfarbe festgesetzt worden, und das ohne dass eine ähnliche Serialität, Traditionalität oder Gravidität der Gefahrenlage wie beim Hooliganismus bestanden hätte. Hooligans schrecken vor spontanen Verbündungen gegen Polizei nicht zurück. Die Polizei hat aber an Silvester 2015 nicht einmal den Versuch unternommen, mit Gewalt einzuschreiten, kein einziger Polizist wurde verletzt. Die Exekutive hatte eine ganze Anzahl anderer, bewährter Möglichkeiten und andere Voraussetzungen als beim Hooliganismus und sie hatte ein Jahr Zeit für die Planung.

Was das Argument eigentlich sagen will: „Nordafrikaner sind Hooligans.“

3. „Man muss eben Racial Profiling machen, wenn Täter eines bestimmten Phänotyps kollektiv agieren.“
Racial Profiling ist klar definiert. Wenn am Bahnhof Gießen über Jahre hinweg gezielt Menschen mit Migrationshintergrund im Zug und am Bahnhof kontrolliert werden, um jene herauszugreifen, die an der Süd-Nord-Route ohne Ticket oder ohne Papiere unterwegs sind, dann ist das Racial Profiling. Wird hingegen nach einem Banküberfall eine schwarze Person mit Rucksack gesucht, so kann durchaus auch einmal eine völlig unschuldige schwarze Person mit Rucksack kontrolliert werden, das ist kein Racial Profiling.
In Köln gab es den Verdacht von kollektiv agierenden Tätergruppen einer bestimmten ethnischer Zugehörigkeit. Das legitimiert dennoch nicht, vor einer überhaupt begangenen oder als Plan nachgewiesenen Tat sämtliche Personen, die dem Phänotyp entsprechen, kollektiv bei Minusgraden festzusetzen.

Was das Argument eigentlich sagen will: „Racial Profiling ist eine super Sache. Gegen Kriminalität braucht man keinen Rechtsstaat.“

4. „Es wurden Übergriffe verhindert, alles in Butter!“ – Hunderte von Menschen wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt mit körperlichen Folgen wie Erkältungen und materiellen Verlusten.
Was das Argument sagen will: „Wo man hobelt, fallen Späne.“

5. „Aber es wurden dadurch Übergriffe verhindert!“ – Das ist nicht belegt. Womöglich verhindert die Einkesselung eines sächsischen Dorfes Brandanschläge. Wenn keiner stattfindet, belegt das nicht, dass einer geplant war und auch nicht, dass einer verhindert wurde. Dazu gehört die Beweispflicht, ein hinreichender Tatverdacht. Die Polizei hat trotz der Kontrollen bislang keinerlei harte Beweise für die mutmaßliche Verschwörung „hunderter nordafrikanisch aussehender Menschen“ erbracht. Eine solche „Verschwörung“ war auch bei den Übergriffen von 2015 nicht belegt – das Fazit der sozialpsychologischen Analyse war ein „broken window“-Effekt: Das Nichteinschreiten der Polizei bei ersten Übergriffen hatte den Mob geweckt. Das logische Resultat wäre gewesen, wie bei gewaltbereiten Demonstrationen einzelne Trupps auf einem Risikogebiet in der Menge zu verteilen, um etwaige Übergriffe sofort zu stoppen und mit Luftüberwachung und Patrouillen eventuelle Kleingruppen in Seitenstraßen zu erfassen.

Was das Argument sagen will: „Die sahen doch schon so aus, als würde ihnen recht geschehen, was man mit ihnen macht!“

Die Polizei hat ausschließlich auf Racial Profiling gesetzt, obwohl es auch bei hartgesottenen Black-Block-Demonstrationen mehrstufige Deeskalationsprogramme gibt, von denen der präventive Kessel eines der rechtlich fragwürdigsten und extremsten ist. Sie hat als erste Legitimation die „Nichtnormalität“ der Präsenz von hunderten nordafrikanisch aussehenden Menschen in einer Stadt mit einem Migrationsanteil von 31% an einem Großereignis vorgetragen. Und als zweite Legitimation die „Grundaggressivität“. Nehmen wir zum Vergleich eine „grundaggressive“ Black-Block-Demonstration oder Nazis, die eine Stunde im Kessel sitzen. Man hätte sicherlich nicht jene erstaunlich friedlichen Bilder aus dem Kölner Kessel. Beide Legitimationsstrategien sprechen dagegen, dass hier tatsächlich eine Bedrohung vorlag, der diese extreme Maßnahme eines Kessels angemessen gewesen wäre.

Die ideologischen Folgen der Akzeptanz der Legitimationsstrategien sind absehbar: Weitere Verhärtung, Erkaltung und Verrohung, die weitere Erosion von Grundrechten insbesondere ausländischer Mitbürger, zuallererst aber die künftige Angst aller nordafrikanisch aussehenden Menschen, Silvester in Großstädten feiern zu wollen.

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Die besondere Widerwärtigkeit December 20, 2016 | 02:11 pm

Wenn der Anschlag in Berlin von einem als Flüchtling getarnten Djihadist begangen wäre, so wäre dies nach der Verlautbarung Merkels „besonders widerwärtig gegenüber den vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind […] und gegenüber den vielen Menschen, die unseren Schutz tatsächlich brauchen und sich um Integration in unser Land bemühen.“

Das ist zunächst eine Projektion und dann eine Drohung. Eine Projektion, weil den Helfern im Moment vor allem die Abschiebungen nach Afghanistan die Luft zum Atmen nehmen. Vor Ekel. Die dreifache Weigerung der repräsentativen Demokratien, Flüchtenden zu helfen, setzt die Maßstäbe für die Skrupellosigkeit des Kommenden. Weder hilft man den Menschen, in ihren Häusern bleiben zu können, noch hilft man ihnen, menschenwürdig daraus zu entfliehen, noch hilft man ihnen irgend angemessen, wenn sie das gegen alle Widerstände geschafft haben. Nun schafft man auch noch jene aus dem Land, die in Afghanistan täglich unter eben jenem widerwärtigen Terror leiden werden. Man hat also schon genug Widerwärtiges zu erdulden als Helfer. Dass sich Merkel, die organisierende Hand solcher Abschiebungen in den Terror, die Architektin des Deals mit der Türkei, wieder einmal als moralische Instanz ankumpelt ist mehr als übergriffig.
Es ist eine drohende Ankündigung. Die Sprache evoziert deutlich einen unheilsschwangeren Futur. Offen bleibt, was denn genau widerwärtig werden wird. „Dann wäre das besonders widerwärtig.“ Natürlich weiß man, dass in einem Rechtsstaat ein Mensch, der Schutz braucht auch ohne sich um Integration zu bemühen und ungeachtet jeder Terroranschläge durch Menschen, mit denen er zufällig die Nationalität teilt, seiner Rechte versichert sein darf.  Dass also niemandem aus Eritrea oder Pakistan der Anschlag dadurch widerwärtiger wird, dass der Täter ein Syrer, Deutscher, Pakistani oder Eritreer ist.

Aber es wird und muss widerwärtig werden. Widerwärtig wie die Verwundbarkeit der Flüchtenden, dass man sie weiter physisch angreifen wird wie man sie ja schon zum Abschuss durch türkische und libysche Grenzwachen freigegeben hat. Wenn der Täter ein Flüchtling ist, wird die Fraktion der Widerwärtigkeit in der CDU/CSU weiter Blut lecken und Abschiebungen nach Syrien oder Eritrea werden ebenso zugelassene Realität wie aktuelle Abschiebungen ins Kriegsland Afghanistan. Und wieder einmal wird es die „Mutter Theresa Europas“, Dr. Angela Merkel, sein, die leider, leider trotz ihrer unangefochtenen Machtposition, nichts gegen solche fortschreitenden Widerwärtigkeiten tun kann.

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Why Merkel really is wrong about Trump November 10, 2016 | 01:57 pm

After Trumps victory, which propelled political science into a considerable methodological crisis, Angela Merkel congratulated Trump raising an exhorting finger.

“Germany and America are connected by values of democracy, freedom and respect for the law and the dignity of man, independent of origin, skin color, religion, gender, sexual orientation or political views,” she said in a statement, adding: “I offer the next President of the United States close cooperation on the basis of these values.” (NYT)

Following an old pattern of routine antipatriotism of the left, most critiques of her snotnosed approach were pointing at history, not at the presence. Merkel „as a German“ should shut up, especially on November 9th. But wouldn’t it be a huge progress, if Germany had indeed turned into a true bulwark of anti-fascism, wagin war on genocidal regimes, and now teaching a USA gone proto-fascist? The problem is not Angela Merkel being a German chancellor, but her hypocrisy, her double standards, her likeness of Trump.

While being celebrated by the New York Times as some sort of modern Mother Therese, the real Merkel acts as a the benign face of the proto-genocidal European policy. Since the 1990’s she has been taking part in shaping and planning the conservative agenda towards refugees. Only for a very short time of her reign and only under tremendous public pressure she has finally agreed to allow for the unavoidable and only legal option: not pushing back some hundreds of thousand refugees coming through Austria, Italy and Hungary. At that time, any other measure would have been a gross violation of many human rights, it would have been simply illegal or unfeasible. Adhering to the „Drittstaatenregelung“ would have crashed the relations with Italy, Greece and Spain and it would not have reduced the total number of refugees.

But as soon as public sympathy for refugees waned, as soon as the number „one million“ loomed, as soon as some criminal offenders attacked some women in cologne, Merkel hastily dropped any support for refugees. Hungary and Bulgaria shut their borders with barbed wire and Merkel condoned. Boats kept capsizing, killing thousands in the past months, but Europeans got used to it – again. The flow of refugees has ceased, especially after the deal with Turkey. There is no way left into Europe than boats to Italy. But still the New York Times treats Merkel like a saint, „letting the refugees in“ – a forged picture, playing in the hands of the Trumpist and Putinist right-wing competitors of Merkel, the CSU, the AFD and PEGIDA.

Merkels policy has not only returned to what it has been for years – a cynical decimation campaign, a death race through the mediterranean imposed on any asylum seeker. Underhand it also aggravated the status of asylum seekers, pushing back refugees even to Afghanistan, deporting even traumatized and suicidal patients, pushing back Roma. Her party-associate Horst Seehofer, representing the extremist fringe of the Bavarian conservatives, keeps insisting on a limit, the „Obergrenze“. This is just another term for being prepared to commit outright genocide against refugees, once a certain number is reached – i.e. letting undetermined numbers starve in the desert or drowning them in the Mediterranean sea, as it has been the accepted standard of european policy for decades. Most conservatives in Europe set the bar of this limit at „some thousand“ humans seeking asylum, others imagine, they could take some hundred or no refugees at all and many dream of getting rid even of their immigrant citizens.

If some conclude that Trumps victory will boost Europes lunatic fringe, they paint a rosy past indeed. The opposite is true: Trump is the effect of decades of surging right-wing movements in Europe and the intellectual and diplomatic agony of the European Union. There is no reason to blame future efforts of fascist parties on Trump and „the Americans“. Europe didn’t want to intervene, it didn’t want the refugees,it didn’t want effective development aid. All it wanted and got, was a wall around Europe and fat profits from exploiting nature and labour in countries beyond that wall. Now everyone blames Trump for outlandish claims: a wall, deportations, letting others pay for wars – in short: the essence of European policy in the past.

Merkel and her even more extremist party associates like Seehofer, are in no way different from Trump once refugees are concerned. They lie, they promise economic growth to Europes southern countries, they can’t stop climate change and they haven’t reduced their ecological footprint – Germany is still importing more than half of its wood and most of its paper, the European biofuel-boom has ravaged Indonesias rainforests for palmoil. There is a wall around Europe. And like the US, right-wing extremists patrol the borders hunting refugees in sadistic joy. In most of his issues Trump has learned from Europe that such policies are accepted nowadays, not the other way round.

As Germanys neighbor Hungary turns fascist, Merkel is bereft of any plan to reeducate Hungarian „conservatives“, she might not even see any need for that. Australia, waging a total war against refugees for years now, is charged of torture and maltreatment of the few refugees it keeps in concentration camps for the deterrence. Merkel never questioned cooperation with Australia. She never questioned cooperation with Saudi-Arabia, despite some occasional critical statements.

The coming eight years will be a nightmare for minorities in the USA. Trumps agenda is proto-fascist. To his followers he promises nothing less than armed pogroms against immigrants, LBGT and finally democrats, while under a clear neoliberal agenda distributing wealth from the bottom to the top. He might not be able to fulfill all of his plans, but he was elected for promising them. That would be half as bad, if he had not experienced democratic leaders like Merkel getting away with drowning refugees for decades, and then being hailed just for not outright murdering those few who managed to reach Germanys border.

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Wurzelgemüse – eine küchenphilosophische Kritik an Habermas June 19, 2016 | 09:50 am

Jürgen Habermas kann man eigentlich nicht nachsagen, die „Dialektik der Aufklärung“ nicht verstanden zu haben. In einem 1985 gelieferten Nachwort der Fischer-Ausgabe sieht er im Schlusswort Versuche, das Werk auf einen Satz zu reduzieren: Aufklärung sei totalitär. Gegen diese „neoromantische Seelenmetaphysik“ lässt er noch Adorno selbst antreten.

„Wem Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit nichts als ein Schwindel sind, den sich die Schwachen zum Schutz vor den Starken ausgedacht haben […], der vermag recht wohl, als Anwalt der Starken, auf den Widerspruch zu deuten, der zwischen jenen vorweg schon verkümmerten Ideen und der Realität gilt. Die Kritik an den Ideologien überschlägt sich. […] Spengler und seinesgleichen sind weniger die Propheten des Zuges, den der Weltgeist nimmt, als seine beflissenen Agenten.“ (Nachwort, DdA: 294)

Habermas wurde mit dem halbierten John W. Kluge-Preis gerade um 0,65 Millionen Euro reicher. Als antiaufklärerische, bürgerliche Ideologie von Wissenschaft ließe sich entlarven, dass solche Preise grundsätzlich an bereits gemachte Männer (meist sind es noch solche) gehen und damit wie in der Exzellenzinitiative den Erfolgreichen weiter belohnen, anstatt Aufklärung in der Masse zu betreiben. Die Heraufwürdigung eines mehr durch Glück als durch Verstand nach oben Gekommenen, bedeutet immer zugleich die Legitimierung aller nach oben Gekommenen als Verständige und die Abwertung aller jener „ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen“ (Marx), die es nicht geschafft haben. Ein solches Ritual stärkt die Suggestion, dass es am Ende doch gerecht zugehe.

Da solche Preise auch Investitionsempfehlungen sind, wo Wissenschaft ausschließlich ein Markt wurde, will ein Interview mit Habermas anlässlich des Preises natürlich den Gebrauchswert seiner Philosophie erkunden. Da wird Habermas gefragt:

Die EU ist in der Flüchtlingskrise gespalten wie lange nicht. Droht die Erosion der Werte und Überzeugungen, die auch Sie in der EU sehen?

Und Habermas antwortet:

„Was passiert, ist die Trennung zwischen Großbritannien sowie einigen osteuropäischen Ländern und dem Kern der Währungsunion. Dieser Konflikt ist zu erwarten. Er hat mit dem Datum des Eintritts zu tun. Die vielen neuen Beitrittsländer aus dem Osten, abgesehen von den großen ökonomischen Unterschieden, die weiterhin bestehen, hatten nicht hinreichend Zeit, einen politisch-mentalen Anpassungsprozess zu durchlaufen, für den wir (in Deutschland) 40 Jahre – 1949 bis 1989 – Zeit hatten. Bei uns hat es lange genug gedauert.

Deutschland und Frankreich, die längst eine viel aktivere Europapolitik mit Perspektive machen müssten, sollten jetzt die Initiative ergreifen und eine Europapolitik entwickeln, in deren Rahmen wir auch Kooperation in der Flüchtlingsfrage erwarten müssen! Man hat die Krise verschlafen. Eines muss ich dazu aber auch sagen: Ich bin seit vielen Jahren nicht so zufrieden gewesen mit unserer Regierung wie seit Ende September. Frau Merkels Satz, „Wenn wir uns jetzt auch noch entschuldigen sollen, wenn wir ein freundliches Gesicht zeigen gegenüber denen, die unsere Hilfe brauchen, dann ist das nicht mehr mein Land „, hat mich ebenso überrascht, wie ich ihn respektabel finde.“

Aufklärung wird zur „politisch-mentalen Anpassung“. Nun ist der Modus gesellschaftlicher Veränderungen eher der der Eruption, der abrupten Revolutionen, die so gar nichts mit schleichender Anpassung zu tun haben, aber dafür sehr viel mit Individuen, die einen Kampf aufnehmen und sich organisieren – gegen die Angepassten.
Habermas‘ Position gegenüber den nicht so ganz Mitgekommenen ist die der paternalistischen Großzügigkeit: Man „hat verschlafen“, es „hat gedauert“, man „hatte nicht hinreichend Zeit“. In diesen Euphemismen wird nicht nur die passiv-aggressive Rolle verleugnet, die Europa gegenüber den Zehntausenden einnimmt, die an seinen Grenzen zugrunde gehen oder in Folter und Sklaverei geraten, sondern es wird auch Europas sehr aktive, sadistische Verfolgung und Diskriminierung von Roma verharmlost, die aus europäischen Ländern des Ostens fliehen müssen, weil sie dort von den „Verwurzelten“ mit einer Mischung aus infernalischen Hass und zynischer Lässigkeit verfolgt werden. Dort ist man sehr gut angepasst an eine Kontinuität des Antiziganismus, den Frankreich und Deutschland seit 1990 genauso verschärften wie Ungarn. Was Merkel als ihr „freundliches Gesicht“ eigenlobt, ist die von ihr seit über zehn Jahren organisierte und verantwortete demozidale Politik der Dezimierung und zynischer Vergrämung von Flüchtlingen. Merkel ist das Gegenteil jener Helfenden, die an den EU-Grenzen in Lampedusa, Kreta, Lesbos, Mellila den Flüchtlingen beistehen, die dafür noch vom Staat mit Schleuserparagraphen und von Faschisten mit Gewalt bedroht werden.

Eine zweite Frage an Habermas verdeutlicht, dass er nicht nur mit dem schlecht getarnten christlichen Rassismus in Europas Mitte seinen Frieden gemacht hat, sondern auch dem Djihadismus das Wort redet.

Peter Scholl-Latour prognostizierte nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001, die großen Konflikte der Zukunft würden religiöser Natur sein. Die Geschichte scheint ihm Recht zu geben, allein wenn man an extremistische Strömungen des Islam denkt. Wie muss man dem begegnen?

„Dies sind im Wesentlichen keine Religionskonflikte, sondern die politischen Konflikte sind religiös definiert. Religiöser Fundamentalismus ist die Reaktion auf Entwurzelungsphänomene, die überhaupt erst in der Moderne induziert worden sind, durch Kolonialismus und post-koloniale Politiken. Infolgedessen ist es etwas naiv zu sagen, das seien Religionskonflikte.“

Die Propaganda des Djihadismus ist der Hass auf jene Moderne, die den koranischen Chauvinismus kränkt. Solcher antimoderne Fundamentalismus reicht zurück bis zu den Almohaden, die der urbanen Hochkultur von Al-Andalus misstrauten. Das djihadistische Propagandem zu affirmieren hieße in dieser Logik auch, die Bürgerrechtsbewegung und den Feminismus für die „Entwurzelung“ der Rassisten und Sexisten in den USA haftbar zu machen. Der imperialistische Djihadismus ist wie bereits der westliche Faschismus eine Kraft, die Menschen in die Flucht treibt, die sie aktiv vor die Wahl zwischen Moderne und Sklaverei stellt.

Religionskritik, die am Material differenzieren gelernt hat, würde sich bereits weigern, von religiösem Fundamentalismus als Kategorie zu sprechen, als seien der hinduistischen Suprematismus, der islamische Chauvinismus und die jüdische Orthodoxie als gemeinsame Schublade zu verhandeln und nicht jeweils am konkreten Gegenstand. Spezifische Religion erfordert spezifische,  sowohl textimmanente als auch mit den Paradoxien des Materials angereicherte Kritik. Kolonialismus ist eine ebenso untaugliche Kategorie. Wenig verbindet die belgische Kautschukbarbarei mit der forcierten Abschaffung der islamischen und indigenen Sklaverei durch die britischen Kolonialherren. Und wenig verbindet noch die naive Sympathie Habermas für Merkel, seine neoromantische Entwurzelungsmetaphysik, mit dem, was er 1985 über die Dialektik der Aufklärung (und Moderne) schrieb.

 

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Geschützt: – an die gruppe – June 10, 2016 | 11:48 am

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Zum Erdrutschsieg der hessischen CDU bei den Kommunalwahlen March 7, 2016 | 06:06 pm

CDU und AFD holten bei den Kommunalwahlen in Hessen 28,2% + 13,2 %. Das sind 41,4% der Wähler, die eine menschenverachtende Asylpolitik wählten. Die CDU Marburg-Biedenkopf versuchte die AFD in der letzten Minute noch rechts zu überholen. Das Titelbild der Parteipostille „Der Kurier“ ziert eine rote Zahl:

„78369 ausländische Tatverdächtige im Jahr 2015 in Hessen. Laut Polizeilicher Statistik des Landes Hessen stieg diese Zahl gegenüber 2014 um 10,363 (von 68.006) an.“

Wer immer nach Deutschland flieht, bricht automatisch ein Gesetzt: man begeht „illegalen Grenzübertritt“.  Mit diesem Gesetz werden Asylsuchende mit bis zu einem Jahr Haft bedroht und finanziell ausgebeutet: Von ihrer ohnehin bescheidenen Grundsicherung müssen sie mitunter über 600 Euro Strafe zahlen, die dann, deutsche Richter sind keine Unmenschen, auch mal auf Raten abgestottert werden können. Das ist zwar rechtlich meist nicht zu halten, weil für asylberechtigte Flüchtende Ausnahmen gelten sollten, aber weil sprachunkundige Flüchtlinge in der Hoffnung auf Asyl den Behörden erst einmal alles recht zu machen versuchen und kaum Anwälte finden, haben Polizisten und Staatsanwälte mit dem § 14 des Aufenthaltsgesetzes einen besonders zynischen Weg gefunden, das Existenzminimum noch einmal kräftig zu dezimieren und ungestraft nachzutreten.

Man kann sich auch sicher sein, dass die CDU die Statistik ordentlich aufblähte durch andere Taten wie Schwarzfahren, Schwarzarbeiten, Beleidigung von Nazis, etc.. Dass man nicht einmal die Zahl der letztlich verurteilten Straftäter wählte, sondern die Zahl der „Verdächtigen“, hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen propagandistischen Grund: Die CDU Marburg-Biedenkopf wollte Ausländer generell „tatverdächtig“ machen, weil ihr im rot-grünen Marburg das friedvolle Miteinander und die doch beachtliche Hilfsbereitschaft einer demokratisch integrierten Gesellschaft unheimlich zu werden schien. Verurteilungen zu vermelden würde signalisieren, dass der Rechtsstaat bereits funktioniert und auf die ständige Überwachungsbereitschaft und das paranoide Verfolgertum der Zivilgesellschaft verzichten könnte.

Damit bis zu den nächsten Wahlen in der Statistik nichts besser wird, hat die CDU vorgesorgt. Voll von kindlichem Zerstörerstolz führt sie auf Seite zwei des „Kurier“ an, zu was ihre Vertreter im Bund in der Lage waren. So wurden mit den Anti-Roma-Gesetzen Albanien, Kosovo und Montenegro pauschal zu sicheren Drittstaaten erklärt, als wäre die antiziganistische Gewalt nicht schon im sicheren Kernland der EU politisches Standardrepertoire. Stolz ist man bei der CDU auch auf den „Abbau von Abschiebungshindernissen“. Tatsächlich gelten psychische Erkrankung und Traumatisierung kaum noch als Grund für die Aussetzung einer „Ausreise“. Abschiebungen wurden generell „erleichtert“, „Sachleistungen in Erstaufnahmeeinrichtungen“ durchgesetzt, Lager (euphemistisch „Ausreisezentren“) für beschleunigte Abschiebungen eingerichtet, der Familiennachzug begrenzt.

Und dann müssen Flüchtende noch die Sprach- und Integrationskurse selbst bezahlen, zu denen sie verpflichtet werden sollen. Aber das reicht der CDU nicht, denn der unschuldige Verfolger hat nie genug. Man beschwert sich deshalb, dass die SPD blockieren würde.
„Von der CDU seit Januar gefordert , mit der SPD so nicht vollständig durchsetzbar.“
„Integrationspflicht“ will die CDU und meint nicht CDU-Wähler, sondern vermutlich dasselbe, wie die Pflicht der Arbeitssuchenden, sich absolut konform für jedwede Sklavenarbeit zur Verfügung zu stellen. Auch „weitgehende Wohnsitzauflagen zur Vermeidung von Ballungen in Großstädten“ findet die CDU offenbar rechtsstaatlich praktikabel und zu den sicheren Drittstaaten sollen recht gern auch Marokko und Algerien „u.a.“ gehören, was in dieser Offenheit recht eigentlich die ganze Welt meint, die doch bitteschön aus dem hessischen Dörfchen bleiben soll. Das Ausland will man im Urlaub in Sri Lanka sehen und nicht vor der eigenen Haustüre.

Natürlich will man ganz klassisch „straffällige Asylbewerber“ schneller und leichter ausweisen, als wäre das nicht schon längst usus. Als hätte man nicht als Regierungspartei des mächtigsten europäischen Landes schon längst tausende noch nicht einmal straffällig gewordene Menschen nach Afghanistan, Iran oder in andere Krisenregionen abgeschoben und Zehntausende weitere straflos in ein nasses Grab im Mittelmeer getrieben, genug an Menschenrechtsverletzungen begangen, um einen afrikanischen Diktator nach Den Haag zu bringen. Und mit Idomeni geht der Weg schon sehr deutlich in Richtung KZ, auch wenn man noch keine offiziellen Gebäude dafür abstellt und 14.000 Menschen mit Tränengas und Knüppeln in den kalten Matsch zurückzwingt, in dem sie offenbar sterben sollen, denn einen anderen Plan lässt die EU nicht erkennen. Dass die CDU ihre Maßnahmen ausschließlich manisch anpreist, anstatt sie depressiv im Stillen vorzunehmen, wie es einem tatsächlich überforderten Land wie Libanon vielleicht noch zustünde, verweist auf ein verdrängtes Bewusstsein von Schuld. Im Land der Zweitlimousinen und 5000-Euro-Grills ahnt noch jeder, dass es ohne weiteres anders ginge, dass mit ein paar wenigen Milliarden die allfälligen Probleme eingehegt werden könnten. So aber wird die Vorlust aufs Pogrom geweckt, das der nach oben offene Maßnahmenkatalog verspricht: Den Abbau noch letzter Schuldgefühle, letzten Mitgefühls und schließlich des Rechtsstaats, der an der Asylfrage erodiert.

Jede Verwunderung über Wahlergebnisse der AFD und der NPD erübrigen sich angesichts einer CDU, die von je darauf abstellt, noch im Angesicht brennender Aufnahmeeinrichtungen die Forderungen des rechten Randes zu erfüllen und die Stimmung zu schüren, die wiederum zu mehr brennenden Aufnahmeeinrichtungen führt. Mit satten 41 % Zustimmung zu ihrer Politik kann die CDU sich auf künftige Verhandlungen mit einer SPD freuen, die intellektuell noch nicht einmal in der Lage zu sein scheint, selbst nur gegen die bösartigsten, vulgärsten Reflexe ihrer eigenen Parteiführung etwas einzuwenden.

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Mit Roberto Blanco zum Persilschein September 1, 2015 | 11:04 am

„Er war Chauffeur und er machte nicht nur an und für sich unter den Leuten, durch die er hindurch musste, den Eindruck, eines Gentleman, sondern er blieb es auch, als sie die ihnen innewohnende Gemeinheit an ihm sich austoben ließen. Denn nicht nur, dass das stereotype Spalier offener Mäuler und gereckter Arme ihn begleitete und der ewige Ruf: „A Näägaa – !“ aus dem Boden sprang und wie festgewurzelt dastand, wenn er mit seinem Automobil vorüberflitzte – wir hörten auch, wenn ein Wachmann den Verkehr aufhielt, Sentenzen, Ratschläge, Verwünschungen wie: „Ge hörst’rr schau drr den schwoazen Murl an!“, „Hörst Murl, wosch di o!“, „Na woart du schwoaza Kinäsa!“, „Jessas, a narrischer Indianer!“, „Aschanti vadächtigaa – !“, „Tepataa – !“, „Stinkataa -!“
Ein Denker hielt sich die Stirn und rief: „Ah – jetzt waß i ollas!“ Was, verriert er nicht. Eine Megäre, deren Säfte in Wallung kamen, rettete sich in einen Lachkrampf, ihren Begleiter fragend: „Hirst, is dr der am ganzen Kirper schwoaz?“ Das Automobil entflieht, und, auf meine Frage, wie ihm das Leben gefalle, antwortet, die Achsel zuckend, dieser Schwarze im reinsten Deutsch: „Ach, die Wiener haben eben keine Kultur.“ Ich beschloß, ihn zu schützen, indem ich künftig das Präveniere spielen und auf jeden Maulaufreißer mit dem Finger zeigen wollte: „A Wienaa – !“ aber es half nichts. Die Neger sind nun einmal in unserer Mitte auffallend, und das Auffallende zieht eine Welt von Wilden, Weibern und Besoffenen an. Der Neger macht sich dadurch auffällig, daß der Weiße unruhig wird.“ (Karl Kraus: Untergang der Welt durch schwarze Magie: 310.)

Der Neurose, aus zwangshaftem Aufbegehren gegen Political Correctness unbedingt „Neger“ sagen dürfen zu wollen dialektisch beigesellt ist die Phantasie, man könne dem rassistischen Ressentiment schon durch Auslöschung der Stereotypie, der Worte, zu Leibe rücken. Huckleberry Finn und Tom Sawyer nennen den entflohenen Sklaven Jim auch mal einen Nigger und Neger, aber sie stehen ihm solidarischer als Fluchthelfer und Schleuser bei als die meisten universitären Antirassisten, die das Wort „Nigger“ schließlich erfolgreich aus dem Werk verdrängt haben. Jim übrigens wird als einziger Charakter im ganzen Buch so positiv dargestellt wie nur der afrikanische „Gentleman“ von Karl Kraus. Der belegte in seiner genialen Studie des zeitgenössischen Rassismus, dass der heute als fortschrittlich geltende Begriff „Schwarzer“ ebenso pejorativ gesetzt werden konnte wie „Neger“, mehr noch, dass auch da allein der Kontext den Ton des Rassismus machte. Ebenso auffällig: Dass das Fremde als soeben differenziertes („Kinäsa“, „Indianer“, „Aschanti“) eben doch wieder zusammen schießt in einem Ressentiment vom Anderen. Bereits „Zehn kleine Negerlein“ ging aus „Ten little Injuns“ hervor wie die sogenannte Negersklaverei aus der Indianersklaverei, die außerhalb B. Travens Meisterwerken fast vollständig aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis verschwunden ist.

 Wenn nun ein Politiker, der noch nicht von Beratern auf Medienkompetenz gebürstet wurde, vom „wunderbaren Neger Roberto Blanco“ schwärmt, so kann man sich sicher sein, dass wirksame Kritik abgelenkt wird vom Skandal um das Wörtchen „Neger“. Der eigentliche Skandal ist, dass PolitikerInnen, die dank ihrer Medienkompetenztrainings niemals Neger vor laufender Kamera sagen würden und nach jeder Flüchtlingskatastrophe pflichtschuldigst ein paar Krokodilstränen für die Abendnachrichten abdrücken, unkritisiert ihre Dezimierungskampagne, die je nach Station 10-30% der Flüchtlinge das Leben kostet, nunmehr seit über 20 Jahren planen, organisieren und durchführen durften.

Dass man es wagt, mit einem „Angebot“ an die Flüchtlinge, die die Dezimierungsinstanzen überlebten, noch die Forderung nach „Fairness“ zu verknüpfen, kurzum, dass man die abgepresste Empathie noch sofort in ein Tauschverhältnis verwandelt und somit schon wieder suggeriert, Deutschland würde etwas verlieren durch das Aufnehmen von Syrern oder Eritreern oder Afghanen und hätte demnach in der schonungslosen Konkurrenz der europäischen Staaten untereinander eine „faire Verteilung“ verdient. Rassistisch ist nicht so sehr, dass Joachim Herrmann von der CSU Roberto Blanco einen „Neger“ nennt, sondern dass die Flüchtlinge aus Afrika „wunderbar“ sein müssen, „Fußballspieler beim FC Bayern“ oder Schlagerstars, damit man seinen Frieden mit ihnen macht. Wenn deutsche Fußballclubs und Musikagenturen den sattesten Profit aus diesen konformistischen Stars schlagen, wird das schon als „Integrationsleistung“ der Deutschen eigengelobt, als wäre es schon außergewöhnlich, sich solchen Stars gegenüber dann – ja auch nicht durchweg – wie ein zivilisierter Mensch zu verhalten und sie nicht gleich im CSU-Stil der „Durchrassung der deutschen Gesellschaft“ zu verdächtigen. Deren Wohlstand nach FJS bekanntermaßen primär dazu berechtigt von Auschwitz nichts mehr hören zu müssen, aber auf gar keinen Fall dazu, das „Sozialamt der Welt“ zu führen. Die offizielle Politik der CSU heute bleibt, über die eigene Überforderung durch „Zuwanderung“ zu jammern:

Es darf aber nicht zu einer Überforderung Deutschlands in der Asyl- und Flüchtlingspolitik kommen. Unerlässlich ist zum einen die politische Klarstellung, dass das Asylrecht nur für die wirklich Schutzbedürftigen da ist. Notwendig ist zum anderen das Signal, dass Deutschlands Leistungsfähigkeit nicht unbegrenzt ist. Wir können nicht alle aufnehmen, die zu uns wollen. Wir können weder in Bayern noch in Deutschland die Krisen der Welt lösen. (http://www.csu.de/common/csu/content/csu/hauptnavigation/aktuell/meldungen/PDFs/140915_7-Punkte-Sofortporgramm.pdf)

 

Man kann aber nicht Orban zum Wahlsieg gratulieren und dann über die mangelnde Weltoffenheit anderer europäischer Staaten klagen, die man ohnehin via Außenhandelsbilanz, Agrarsubventionen und Hartz-IV ökonomisch zu billigen Touristenstränden für die gestresste deutsche Facharbeiterschaft zurückgerüstet hat. Wer ein konservatives CSU-Europa will, will Victor Orban und dessen Nato-Draht-Sperren, mit denen fliehenden Kindern die Wangen zerfetzt werden sollen, bevor man ihnen das Asyl ja meist auch noch verweigert in einem Land, in dem Jobbik Bürgermeister und Richter stellt. Wer die CSU gewählt hat, hat auch den Zaun um Europa gewählt, an dem körperlich fitte Flüchtlinge herausselektiert werden, denn Kinder und Geschwächte schaffen es niemals über diese Mauer aus Stahl und Beton gewordener Kälte. Das ist der Rassismus hinter dem Schwärmen über die „wunderbaren Neger“ – dass die gleiche Partei trotz aller neuerer kleiner Angebote, niemals vom Dublin-Abkommen und Frontex abrücken will, die effektiv dezimieren und den Folterbanden an den Peripherien ihr milliardenschweres Einkommen sichern. Das ist der nichtrassistische Rassismus, Dezimierung durch Menschen, die niemals „Neger“ sagen würden und in der Kirche auch für Flüchtlinge in syrischen Lagern spenden, aber dann ihr Kreuz bei CDU/CSU machen, die noch am sichersten garantieren, dass Flüchtlingen weiter ihr Leben riskieren müssen, mit steigendem Risiko bei sinkendem Einkokmmen, um ihr Recht auf Asyl einzufordern.

Und selbst Kritik daran deckt noch zu, was eigentlich anstünde: Interventionismus. Zugegeben, Eritrea wird schwer aus seiner Isolation herauszuführen sein, das Risiko ist groß, den immerhin beachtlichen Frieden zwischen den Religionen im Land zu zerstören und in einem Übergangszustand Machtkämpfe auszulösen, vor denen Eritreer so berechtigte Angst haben, dass sie eben lieber fliehen als zu kämpfen. Die Pazifizierung Syriens, Iraks und Afghanistans aber ist mit militärischem Engagement zu erreichen, die Rezepte sind erprobt und wirksam, Deutschland und unseligerweise inzwischen auch die USA wollten aber gerade hier sparen – auf Kosten Anderer und im völlig klaren Bewusstsein der Folgen, die von allen kompetenten Experten angekündigt waren.
Das ist die letzte und überhaupt frecheste Lüge: Man habe nichts gewusst. Die Flüchtlingsströme seien „unerwartet“. Als hätte man nicht vor zwei Jahren, als in Yarmouk Gras und Pappe gefressen wurde, als bereits Millionen Syrer auf der Flucht waren, ahnen können, dass diese Menschen leben wollen, als habe man nicht vor vier Jahren, als der nunmehr von Russland zurück zur Macht gebombte Assad die ersten Demonstrationen niederkartätschen ließ, gewusst, dass dieses Land blutig zerbrechen würde. Dieses Nichtsgewussthabenwollen, das war von je der härteste Kern des deutschen Rassismus.

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Vom Walöl zum Palmöl July 11, 2015 | 10:33 am

„Die Dampfmaschine brachte den Hunger nach den komprimierten Kondensaten der Opfer von Naturgeschichte, die fossilen Energien. Industrialisierung kannte da bereits einen lebendigen, nachwachsenden Energieträger: Wal. Das Fett der Tiere wurde für jenes Nitroglyzerin verwendet, mit dem man Kohleflöze aufsprengte, es wurde in Straßenlaternen und Fabriken verheizt. Die Übernutzung von 10.000 erbeuteten Tieren pro Jahr zu Marx’ Lebzeiten wurde trotz Erdöl im 20. Jahrhundert erweitert.  […] Philosophie, die diesem Aktualitätsdruck nicht Rechnung trägt, kann nur als versäumte stattfinden. Auffällig an der jüngeren Wiederaufnahme von Positionen der Kritischen Theorie zur Ökologie3 ist der Drang zum klinisch sterilen Abstraktum »Natur«. Die bloße Erwähnung konkreter ökologischer Probleme riecht nach Essentialismus, nach Romantik, nach Kitsch. Die Frustration über das Ökologieproblem, die Frage nach dem »einzelnen Wesen«, dem beizustehen wäre, beantwortet Gerhard Scheit mit einer Praxisfeindschaft, die kritischer Theorie abhold war: Mit Amery kritisiert er Marcuse für dessen sozialdemokratischen Versuch, im »Rahmen« kapitalistischer Vergesellschaftung schon »den Umweltschutz« vorzubereiten. »Die ökologischen Vorstöße indessen sind nur Vorstöße gegen den Restbestand politischer Vernunft.«4″

Lesen unter:

http://versorgerin.stwst.at/artikel/jun-8-2015-1334/vom-wal%C3%B6l-zum-palm%C3%B6l

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In Katzengewittern July 11, 2015 | 10:30 am

Über den »Animismus der Kritischen Theorie«.

Hinlänglich durchs Feuilleton gereicht wurde das Bestiarium Adornos: die Gazellengiraffe Gretel, das Mammut Max, die mütterliche Nilfpferdstute und er selbst als Nilpferdkönig Archibald. Indem Adorno seine Nächsten in Tiere verwandelte, würdigte er in ihnen das von böse gewordener Zivilisation noch nicht Verwüstete. Diese romantische Ader ist nicht Lapsus, sondern Kern Kritischer Theorie. Sie wird an entscheidenden Stellen animistisch und dieser Animismus läuft dem Gestus der »Ausrottung des Animismus« durch den »Anthropomorphismus« der Aufklärung zuwider.

Weiterlesen unter:
http://versorgerin.stwst.at/artikel/jun-8-2015-1347/katzengewittern

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Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie. May 19, 2015 | 08:32 am

Artikel als PDF via Portal Ideengeschichte:
www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/pi-nip/publikationen/buecher/voelk_kritischetheorie_riedel.pdf

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Hyänen May 17, 2015 | 06:59 pm

In Eritrea, so erzählt T., gelten Hyänen als tödliche Bedrohung. Auf den dreißig Jahre währenden Schlachtfeldern des Krieges mit Äthiopien haben sie gelernt, Menschen zu fressen und jede Furcht vor ihnen verloren. Die Hyänen der Diktatur aber treiben zehntausende in die Flucht – jedes Jahr. Wen sie nicht in Armee oder Gefängnis zwingen, dem schießen sie an der Grenze hinterher. Danach kommt der lange Weg durch Äthiopien, Sudan und Libyen. Diese Länder haben bereits Millionen Flüchtlinge aufgenommen, es sind auch Diktaturen und Kriegsländer. Sie produzieren auch die Erpresser, die Lösegeld aus den Flüchtlingen herauspressen. Bis zur libyschen Küste haben viele von ihnen zehntausende von Euro bezahlt. Frauen werden vor allem in Libyen Opfer von Vergewaltigungen. Kaum einer schafft es nach Europa ohne Tote zu sehen. Fluchthilfe und Schleppermafias gehen fließend ineineander über, und die Propaganda Europas will von Fluchthilfe nichts wissen, die Schleppermafias nur an der europäischen Grenze bekämpfen, nicht um Flüchtlingen zu helfen, sondern um sie in Libyen zu halten.

In Italien wurde T. das erste mal bewusst, wie groß Europa ist. Er wollte nach Deutschland, weil er als Kind ein T-Shirt der deutschen Fußballmannschaft besaß. Italien sei furchtbar, die Flüchtlingsslums schlimmer als Teile Afrikas. Über Frankreich hat er es nach Deutschland geschafft. Nun wartet er in einem Zimmer von 8 Quadratmetern seit einem Jahr auf seinen Asylbescheid, er fürchtet nur ein Jahr zu erhalten, hofft auf drei Jahre.

Auch N. aus Eritrea wartet seit einem Jahr in Angst vor der Abschiebung nach Italien oder gar Eritrea. In einem kleinen hessischen Städtchen sagte er  zu mir: Schlafen hier alle? Tatsächlich waren die Straßen menschenleer. Mit Glück trifft man einen Rentner auf einem der leeren Spielplätze an. Unermesslicher Reichtum liegt hier brach, eifersüchtig gemehrt und bewacht von konservativen Deutschen.

N. musste nach den 10.000 Euro für die Flucht noch 300 Euro Strafe zahlen, weil er ohne Visum die Grenze nach Deutschland übertreten hat. Braucht er aber eine Geburtsurkunde, muss er zur eritreischen Botschaft. Dort lauern wieder die Hyänen. Der eritreische Präsident fordert 2% der Sozialhilfe oder des Einkommens, die nach Ausreise entstanden sind. Deutschlands Behörden fördern diese Besteuerung durch ihre Dokumentengläubigkeit, die nichts anderes ist als die rassistische Angst, jemanden zuviel hereinzulassen.

Dem zweijährigen Mädchen, das mit ihrer vierköpfigen Familie, die hier auf 15 Quadratmetern lebt, demnächst in den Kosovo abgeschoben werden soll, wo es wahrscheinlich ohne Heizung und Toilette aufwachsen wird, wird niemand schlüssig erklären können, warum es nicht weiter auf einem Spielplatz in Deutschland den Sand schaufeln durfte, der genausogut für hundert weitere Kinder reichte. Man darf ihm getrost erklären, dass die meisten wählenden Menschen in der EU einfach Rassisten sind, die bei aller aufgesetzter Freundlichkeit und Nächstenliebe im Innersten böse und selbsüchtig sind.

20.000 Flüchtlinge aus Syrien will nun die EU aktiv aufnehmen. Binnen zwei Jahren. So viele werden in einem halben Jahr in den Camps geboren.
Die Funktionäre dieses Staatenbündnisses haben gelernt, dass sie Menschen ungestraft in den Tod schicken dürfen. Die Brutalität hinter dieser vorgeschützten Weltfremdheit der EU droht sie letztlich ihren eigenen Bürgern an. Solange kein Architekt des Kriegs gegen die Flüchtlinge in Den Haag landet, wird die Aufnahme der Überlebenden weiter als großzügige Wohltat verkauft, als hätte man nicht alles getan, um sie an der Wahrnehmung ihrer Rechte zu verhindern.
Jeder Vernunft ist evident, dass man zumindest an den schlimmsten Fluchtländern Eritrea, Syrien und Afghanistan Botschaftsasyl und Aufnahmestellen einrichten müsste, damit Flüchtlinge ihr Recht wahrnehmen können, ohne ihr Leben zu riskieren. Die aktive Aufnahme von einer Million Flüchtlingen binnen eines Jahres wäre noch zu kleingeistig gedacht. Die EU denkt, sie könnte sich sowohl das Befrieden des syrisch-irakischen Gemetzels sparen, von iranischer und saudischer Diktatur profitieren, und dann noch zehntausende von so erzeugten Flüchtlingen in Lebensgefahr, Folter, Vergewaltigung und Armut zwingen. Weil man jedem, der einen derart raffinierten Grenzzaun so gründlich und vorausschauend plant und errichtet auch eines Plans hinter den verursachten Folgen verdächtigen darf, sollte man hier grundsätzlich von einer Dezimierungsabsicht ausgehen, die an alle Stationen bis in die stumme libysche Wüste reicht. Und weil der Psychologie kein Abgrund fremd ist, sollte man auch eine sadistische Motivation bei den Funktionären der EU und deren Wählern vermuten, die Lust aus dem seriell und bewusst produzierten Elend, den sogenannten „Flüchtlingsdramen“ gewinnen, von denen man offenbar nicht genug bekommen kann.

Praxis gegen eine solche stummen und dummen Massen lässt sich kaum noch denken. Zum Möglichen gehört noch, den Menschen, die in den Heimen von Bürokraten und Polizei weiter gequält werden, beizustehen und ihnen zuzuhören. Hilfe brauchen sie jetzt erst recht.

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Stellengesuch December 21, 2014 | 10:59 am

Der Autor dieses Weblogs, Ethnologe (alias Kultur- und Sozialanthropologe, Völkerkundler), M.A. und abgeschlossener Dissertation (Titelberechtigung ab Publikation, vrs. 4/2015), mit den Nebenfächern Friedens- und Konfliktforschung, Grafik und Malerei, sucht ab sofort eine anspruchsvolle Tätigkeit in den Bereichen Redaktion (Wissenschaftsjournalismus, Feuilleton, Kommentar), Politikberatung, Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Auftragsforschung, Lehre, Verlagswesen, Think-Tank, Lobby.

Fachkenntnisse in den Bereichen Ethnologie (Südamerika, Afrika, Asymetrische Konflikte – Guerilla Warfare & Counterinsurgency, Religionsethnologie, Konfliktanthropologie), internationale Politik, Nahost-Konflikt, kulturwissenschaftliche Psychoanalyse, Filmanalyse, Kritische Theorie, Ökologie und Naturkunde, Gender, Genocide Studies. Die Expertise erstreckt sich auf die transdisziplinären Nachbarfelder der Esoterikforschung, Theorien magischer Vorstellungen, Aufklärungsforschung, Gewaltanthropologie, Psychologie der Schuldprojektion, Psychosomatik von spiritistischen Körper-Geist-Konzepten.

Forschungsaufenthalte: 9 Monate in Ghana, 150 Interviews mit Hexenjagdflüchtlingen, Medienforschung (v.a. ghanaischer Film). Umfassende ehrenamtliche Betätigung und Vereinserfahrung  in der Jugendumweltarbeit, Programmkino, Entwicklungszusammenarbeit. Meine Publikationsliste findet sich in dem Verzeichnis „Gesammelte Werke“ dieses Weblogs, wissenschaftliche und journalistische Publikationen unter dem Publikationsverzeichnis: http://felixriedel.net/forschungsgebiete/16-2/ Ich freue mich über Angebote und Vermittlungen (via Kontaktformular unten) von Stellen/Aufträgen, die meinem Profil entsprechen oder darauf aufbauen.
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Schmalziger Antisemitismus – Mit National Geographic bei den jüdischen Warlords December 2, 2014 | 11:34 am

Adorno beobachtete in seinen medienwissenschaftlichen Studien, dass Journals wie Psychologiemagazine analog zum sekundären Okkultismus einen „mild terror“ erzeugen, der dann ebenso sachte besänftigt werden kann durch ein kultiviertes Bescheidwissen. Was gesehen wurde, was bekannt ist, wird schon als kontrollierbar erfahren. Ein „Kenn’ ich“ ist schon so viel wert wie ein „kann ich“.

Die National Geographic muss sich natürlich in regelmäßigen Abständen auch politischen Themen widmen, um ihrer Kundschaft dieses Gefühl der Beherrschung von kompliziertem zu vermitteln. Die fragt sich auf dem Titelbild: „Drei Weltreligionen entstanden im vorderen Orient. Wieso eigentlich?“

Ja genau. Wieso eigentlich. In zwei Wörtern ist der mild terror des Nichtwissens hergestellt. Zwei Beiträge zu Israel enthält dann die Ausgabe vom Dezember 2014, nach denen man dann bescheid weiß. Auf dem Niveau der Titelfrage erklärt ein fett gedrucktes Schmuckzitat:

„Religion fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Menschen Verstand haben und Furcht vor dem, was sie nicht verstehen.“

Offenbar nahm man sich diesen Satz zu Herzen und befragte einen Theologen, Wolfgang Zwickel. Der erklärt nun nicht, warum in einem Industrieland wie Deutschland auf ein Institut für Psychoanalyse zehn Theologieinstitute kommen, sondern warum Menschen angefangen haben, an Götter zu glauben. Und weil am Anfang alles einfach ist, ist auch der Glaube des Anfangs „ein sehr einfacher Götterglaube“.

Der entwickelt sich dann rasch fort zu einem Konflikt zwischen einem Fruchtbarkeitsgott (Baal) und einem Kriegsgott (Isra-El). Da geht es dann ein paar Zeilen durch die Archäologie bis zum König David, an dessen Bild der Theologe „ein paar historische Korrekturen“ anbringt:

„Ich vergleiche ihn gerne mit Saddam Hussein. Er war eine Art Warlord, der eine erfahrene, man könnte auch sagen abgebrühte Gruppe von Haudegen und Desperados um sich sammelte und den zerstrittenen Clans mit eiserner Faust seinen Willen aufzwang.“ (54)

Der Satz steht dann auch noch mal als fettes Readbaiting-Zitat in der Mitte der Seite. Dass Zwickel diesen Vergleich „gerne“ vollzieht, sagt viel über halbverdrängte Faszination an einem solchen Warlord aus, mehr aber noch über abgeschmackte Vergleiche. Zwar schätzt heute ein Gutteil der europäischen Durchschnittsbürger an Saddam Hussein, dass unter ihm „alles besser war“, wie auch Putin, Castro, und Assad ihre Freunde finden. Gadaffis Sozialsystemen trauern bald mehr Menschen nach als er zu Lebzeiten Freunde hatte. Aber auch ohne tieferes Wissen um die baathistische „republic of fear“ zu haben, in der hunderttausende Menschen ums Leben gebracht wurden, gilt der Vergleich mit Saddam Hussein doch denen mit Restvernunft als einer mit dem Inbegriff des Bösen. Man erfährt nicht so genau, was die 400-600 Kämpfer Davids außer einer erzwungenen Einigung, von der es in der Geschichte tausende gibt, noch verbrochen haben sollen, das sie in die Nähe des Massenmörders Saddam Hussein treten lässt. Aber es geht ja nun nicht um Information, sondern um Sensation, eine Sprache in Bildern, die „die Menschen“ verstehen.

El, der Kriegsgott (es wird noch einmal betont, „Isra-el“), tritt nun in Konkurrenz zu Davids Privatgott, Jahwe, der ein regelrechter Vampirgott zu sein scheint.

„Mit der Machterweiterung des Königs wächst auch Jahwes Macht. Er saugt die Fähigkeiten anderer Götter auf und zieht immer mehr von ihren Kompetenzen an sich.“ (54)

 Im Zuge seiner Machterweiterung auch als neuer Kriegsgott wird der heraufziehende Monotheismus aggressiv gegen seine Konkurrenz, und Zwickel erklärt: „Man kann diese religiöse Richtung beinahe als fundamentalistisch beschreiben.“

 Nun kann man das nicht nur beinahe, sondern ohne weiteres. Suggeriert wird aber, dass es Verbote gäbe, die einen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus hier unterbinden würden – in Wahrheit hat man lediglich keinen qualifizierten Begriff von Fundamentalismus. Man assoziiert einfach frei. Ohne Begriffe, im Stande der sekundären Bilder, steht die Assoziationskette: Judentum – Kriegsgott – Saddam Hussein – Fundamentalismus.

Ausschließlich spricht man pathisch kalt über Israel, über Juden. Etwas „Seltsames“ (und nicht Schreckliches) geschieht. Babylon überfällt Israel. Kurioserweise verlieren Juden nicht ihren „Glauben an Jahwe, der als Kriegsgott ja mindestens ebenso versagt hatte wie Baal als Wettergott.“ (55) Da wird auch der NatGeo der Theologe zu heikel und man fand das Nächstgelegene, einen Religionswissenschaftler, der aber auch das Christentum in Schutz nimmt und das Judentum hier zur Ausnahme, nämlich einer völlig realitätsfremden Religion erklärt:

„Das ist eine erstaunliche weltgeschichtliche Ausnahme“, sagt Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler in Berlin. „In der Regel wird die alte Religion nach einer schweren militärischen Niederlage entwertet, die Menschen verlassen ihre alten Götter und übernehmen die offenbar überlegenen Gottheiten der Sieger, oder sie bilden Mischformen.“ (55)

Als hätte nicht jeder christliche Märtyrer den Heiligenkult genährt, als hätten die militärischen Siege über die Islamisten deren Glauben geschwächt und als hätte nicht die Magie (wie Frazer, Mauss und Levy-Bruhl noch lehrten) trotz ihrer Niederlagen gegen die Realität überlebt. Einen ganz „anderen Weg“ als alle anderen Religionen findet das Judentum:

„Der Gedanke, dass Gott sein Volk für dessen Ungehorsam bestraft, hat seinen Ursprung im babylonischen Exil und durchzieht das jüdische Denken bis zum Holocaust.“ (55)

 Nicht gesagt wird, dass die umgebenden Religionen diesen Gedanken, dass die Juden am ihnen zugefügten Leid selbst schuld seien, in weitaus größerem Maße hegen als die sehr wenigen jüdischen Rabbiner, die tatsächlich den Holocaust als Strafe für eigene Sünden interpretieren. Vom Antisemitismus liest man ohnehin nichts, wenn es in der NatGeo um Weltreligionen geht.

Jüdische Elite vs. Jesus

 Großaufnahme Masada: „Der jüdische Elitarismus förderte die Sehnsucht nach einem Heiland wie Christus.“ (57)

Die jüdischen Eliten kommen nun im babylonischen Exil, so NatGeo, auf eine geniale Idee:

„Die Schriftgelehrten frisieren die Geschichte. Da man das Wort Gottes ja nicht plötzlich erfinden kann, müssen die Autoren die von ihnen erwünschten Worte Jahwes zurückdatieren und früheren Propheten in den Mund legen.“ (58)

Da ist nun die erste und einzige Religion, die das Wort Gottes „plötzlich erfindet“. Mehr noch, eine Religion, die das Leben ihrer Bürger regelt: „Jetzt wird nicht mehr gefragt: „Wer sind wir?“, sondern verordnet, wer man zu sein hat.“ (58)

„Damit ist ein religiöses Korsett für rechtgläubige Juden geschaffen, das so eng sitzt und so stabil ist, dass es ihnen für Hunderte von Jahren überall auf der Welt Halt und Haltung gibt und die Kultur des „Schtetls“ ermöglicht.“ (59)

Obwohl Unterdrückte, verarmte Ghettobewohner und Schtetl-Bauern und Handwerker in Osteuropa durch das „Korsett“ stabilisiert wurden, schließt NatGeo auf einmal:

„Besonders praktisch aber ist dieses Korsett nicht. Nur eine kleine Elite kann es sich leisten, in ihm zu leben. Für einen einfachen Handwerker oder Tagelöhner dürfte es unmöglich seinn, alle 248 Gebote und 365 Verbote einzuhalten, die der jüdische Verhaltenskodex Talmud auflistet […]“. (59)

 „Ein weiterer Mangel: Die Religion ist ethnisch festgelegt und exklusiv.“ (59)

Diesen Mangel beklagen die anderen Religionen nun seit zweieinhalb Jahrtausenden, was gerade der Grund ist, dass NatGeo das Ressentiment tradiert, im Interesse des Kunden. Die unpraktische Religion der Eliten nämlich brachte Jesus von Nazareth hervor, der „keinerlei Einhaltung von Vorschriften“ verlange, aber trotzdem „an die vorbabylonische Frömmigkeit“ anknüpft. (59)

Ob es nun eine Vorschrift ist, das eigene Auge auszureißen und wegzuwerfen, oder sich, so Matthäus – ein christlicher Schriftgelehrter, der Geschichte auch mal frisiert – das Bein abzuhacken, wenn es einen ärgere – geschenkt. Die eigentliche Botschaft „des Nazareners“ laute: „Kehrt euren Sinn um! Denkt nach!“ (60) Und darauf sind tausend Jahre jüdischer elitärer Theologie eben einfach noch nicht gekommen.

Natürlich geht es auch um Liebe, die „eine Botschaft von revolutionärer Wucht“ „in eine Welt scharfer sozialer Gegensätze zwischen Klassen und Rassen“ wirft. „Nicht nur der Elitarismus des Judentums plagt das Volk“, auch die Römer. Daher breitet sich angeblich Jesu Botschaft „aus wie ein Buschfeuer“. Das stimmt zwar nicht, das Urchristentum war marginal und fand erst spät größere Anhängerzahlen – vor allem unter Nichtjuden. Aber man hat ja wieder den Theologen gefragt und der ist nun in seinem Element, er ist vor Ort im heiligen Land zu Jesu Zeit. Er sieht, wie sich eine „revolutionäre, junge Lehre“ mit einem „neuen Menschenbild“ (eigentlich entstammen alle humanistischen Zitate der jüdischen Orthodoxie) ausbreitet „wie ein Buschfeuer“.

 „Die Priester der Christen lassen sich nicht bezahlen wie die der antiken Tempel, sie bestechen ihren Gott nicht mit teuren Opfergaben wie die Jerusalemer Priester, sondern vertrauen seiner Liebe. Die Christen halten zusammen wie Familien und kümmern sich um Arme, Schwache, Kranke. Da ist eine völlig neue Verheißung spürbar, die Kraft eines Gottes, der liebt und Liebe erweckt. Kein Wunder, dass die christlichen Gemeinden stürmisch expandieren.“ (61)

Für die Entstehung des Islam gibt er ähnliche Gründe an: Die Menschen sind arm, die heidnischen Götter ungerecht, erdbeben und Naturkatastrophen erschüttern den Glauben der Menschen. Das Leid erzeugt Nachfrage, allein das Angebot, es fehlt: „Der christliche Gott aber ist unbekannt […]“. (62) Hätte man den schon gehabt, man hätte den Islam nicht erfinden müssen.

Den mag der Theologe nun doch irgendwo gern:

„Der Islam hat sich keineswegs mit Feuer und Schwert durchgesetzt, sondern im Laufe einer langen und sehr friedlichen Inkulturation.“ (63)

Kein Lektor fragt sich offenbar bei NatGeo, warum Zwickel die islamische Expansion, die noch Mohammed auf die arabische Halbinsel ausdehnen konnte, als „sehr friedliche Inkulturation“ werten kann, aber in David einen antiken „Saddam Hussein“ wertet. Das ist nicht nur dick aufgetragen oder schlecht abstrakt, das ist pathisch projiziert.

„Gesegnet. Besetzt. Verflucht.“

Hat man nun schon den schmalzigen christlichen Antisemitismus reproduziert, der im Judentum eine baathistische fundamentalistische abergläubische Elitenreligion sieht, kann man auch über das moderne Israel erst recht schreiben, was der Kundschaft lustig ist.

Man geht mit einem jüdischen Archäologen mit und der ist „zersauster Intellektueller mit den wässrig blauen Augen eines Träumers und Jude.“ Der Autor muss offenbar die Augenfarbe blau notieren, dann aber ein wässrig hinterherschieben. Das verweist auf ganz vielschichtige Konnotationen, von denen kaum eine zu einem positiven Resultat führen dürfte.

Als Ausgleich zu diesem „zersausten Träumer“ mit nicht ganz echten blauen Augen nimmt der noch einen palästinensischen „Freund und Fotograf“ mit, der keine wässrigen Augen hat, sondern ein „unermüdlicher Wanderführer“ ist. Der träumende Jude, Goren, arbeitet nun an einem Klär- und Bewässerungsprojekt, von dem Palästinenser und Israelis profitieren sollen. Allein: „Er scheint so unmöglich, so naiv, Gorens Traum.“ Immerhin gibt es hier ja schon „2500 Generationen der Verzweiflungen, Niederlagen, Glaubenskrisen.“ (71)

Man würde von dem Lektorat der NatGeo zumindest erwarten, dass man die Zahl der Generationen kennt, die in ein Jahrtausend passen. Es sind etwa 33-60, je nach Reproduktionsalter (33-15). Nimmt man, wie bei großen ontologischen Geschichtsentwürfen beliebt, die neolithische Revolution vor 10.000 Jahren zum Ausgangspunkt der endlosen Litanei, die nur jüdische Träumer beenden wollen, so wären es immer noch nur 600 Generationen. Aber es geht ja auch gar zu munter zu, als Epigone Karl Mays durchs wilde Israel und Palästina zu wandern, man zischt vom Instantkaffee zu den vor zwei Millionen Jahren aus Afrika einwandernden Flusspferdjägern und wieder zurück zum Wüstenregen, der nichts anderes macht als „klitschnass“ und den Lastesel „triefend“. Zwangsläufig kommt man an Checkpoints und weil man schon vier Seiten in nichts anderem als Klischee-Bildern gesprochen hat, kommt auch hier noch eine flache Metapher:

 „Die politische Landkarte des Territoriums sieht wie ein Röntgenbild aus: ein krankes Herz, marmoriert, gefleckt, verklumpt, ausgehöhlt.“ (81)

Das „Territorium“ (die Indianer grüßen) ist nicht nur ein Herz, ein krankes, sondern klein:

„Gerade mal doppelt so groß wie Luxemburg, aber bevölkert mit 2,7 Millionen Menschen – das besetzte Westjordanland.“ (81)

Die Fläche des Westjordanlandes beträgt 5800 m², das ist tatsächlich etwa doppelt so viel wie Luxemburg, das nur 550000 Einwohner hat, dafür aber 45,3% Ausländer beherbergt, im Westjordanland würde man sagen, Siedler.

Es ist aber mehr als 15-mal so viel wie München, das bei 310,71 km² ganzen 1,4 Millionen Einwohnern die allerprächtigsten Lebensbedingungen bietet. Freilich prozentual nur halb so vielen Ausländern wie Luxemburg und nur 9700 Juden.

Im Westjordanland aber eine Vielzahl von Zonen (exakt drei, A, B und C) und weil man unbedingt zu Fuß durch Naturschutzgebiete, Checkpoints und die judäische Wüste will, bricht man „in Betlehem (zurück in Zone A) erschöpft zusammen.“ Araber und Juden nehmen übrigens gern auch den Bus oder das Auto und bis in die Hochzeit des PLO-Terrors konnten Araber auch noch ungehindert nach Tel Aviv an den Strand zum Baden fahren.

Der Archäologe begegnet bei einer solchen erschöpfenden Höllentour auch Haredim, die tanzen und feiern und da liegt die Frage nahe: „Dieses gottesfürchtige Volk – ist es durchgedreht?“ Immerhin, ganz so wild wird man es nicht treiben:

 „Nein. Die Sache ist die: Nachdem ich die alten Horizonte Afrikas hinter mir gelassen habe, stehe ich nun an einer komplexen Wegkreuzung der Welt, wo die Landschaft sich liest wie ein Sakrament, in einem Labyrinth widerhallender Religionen namens Naher Osten. Der sonderbare Eifer in Bnei Berak ist ein Fest der Freude, des Überlebens: Purim.“ (85)

Immerhin so viel erfährt man über die verrückten Juden an der Wegkreuzung der Welt, mit denen man dann doch feiern kann, dass sie vor 2500 Jahren einen Genozid durch die Perser verhinderten. Es endet die archäologische Pilgerfahrt mit seichtem Abgesang, der irgendwie alles assoziiert und kennt, die wildesten geschichtlichen Verbindungen ahnt, Bilder fantasiert und dann exakt so religiös wird wie man es vorher schon war:

„Das war die einzige Theologie der Wanderung. Der Beduine. Die Menschen in dem Hotel. Die Straße, die sie trennte und verband.“ (85)

 Die Verbindung, man könnte sagen, Synthese, ist der zweite Bestandteil der Kulturindustrie. Nicht nur muss der „mild terror“ in jedem zugleich und doch spezifisch präsent sein, auch müssen die Lösungen so formuliert sein, dass sie sowohl auf jeden einzelnen als auch auf jeden von ihnen passen. So geht es in der Astrologie und so geht es beim Infotainment von NatGeo.

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Im Gastland November 28, 2014 | 05:27 pm

Der italienische Außenminister Paolo Gentiloni und Frank-Walter Steinmeier formulieren in der Frankfurter Rundschau den dernier cri der Asylpolitik: „Abschottung reicht nicht„.

Abschottung also, so der drohende Subtext, sei schon recht. Man müsse aber mehr tun, so die beiden unter Verweis auf einen ominösen „Karthum-Prozess“. Der Karthum-Prozess war eine Tagung vom 13. bis zum 16. Oktober in Karthoum, eine Tagung, wie es sie auch schon zu Hunderten zur Abschaffung von Hunger, Klimawandel, Umweltschäden und Armut gab, ohne dass dieselben sich verflüchtigt hätten.

In Karthoum lockten die üblichen Lunch- und Coffeebreaks, die Tagungen interessant machen, und man konsumierte viertelstündige Referate von Staatsvertretern. Letztlich hatte man dann auch eine Stunde vorgesehen für Lösungen:

11:30 – 12:30:    Ministerial Dialogue
Ministers are expected to discuss the realities and fundamental reasons
for irregular migration (including human trafficking and smuggling) and
how  to  effectively  address  the  issues  through  cooperation,  as  well  as
dealing  with  the  challenges  in  ensuring  legitimate  labour  migration
through effective labour migration management.  

Moderator:     Prof. Adebayo OLUKOSHI, Director of IDEP
Discussants:   Ministers from participating countries

Und was Steinmeier und Gentiloni in dieser Stunde alles beschlossen haben, ist wahrhaft messianisch:

Nicht nur das Horn von Afrika, sondern auch die „Transitländer“ werden eine Verbesserung ihrer „sozio-ökonomischen und rechtlichen Bedingungen“ erfahren, so dass Flüchtlinge fortan gar nicht weg müssen. Nur ein Spaßverderber würde jetzt einwenden, dass einem eine solche geniale Idee eigentlich früher hätte einfallen müssen. Steinmeier und Gentiloni haben schon mehr in der Auslage als Altbackenes:

Ein „umfassender“ und „partnerschaftlicher“ Ansatz wurde entworfen, man wird, nein fast hat man es schon vollbracht: die „Stabilitätsdiplomatie in der Region intensivieren“. Aufgrund der vielen Erfolge solcher Diplomatie in letzter Zeit (Stichwort: Syrien bleibt stabil) gibt es auch hier wieder „Mediation zur Beilegung von Konflikten“ satt, natürlich irgendwie in allen Ländern, nur „z.B. in Sudan und in Somalia“. Warum das so übertragbare Geheimrezept nicht auch gegen Boko Haram, Islamischer Staat, Taliban und Abu Sayyaf angewendet werden kann, ist wohl der schon sehr ausgefeilten Raffinesse der Strategie geschuldet, die man ins Blaue hinein kompetenten EU-Politikern wohl unterstellen darf.

Beim Thema „Unterstützung von Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der EU“ könnte man aus dem Lullaby aufhorchen, aber Spezifik ist der Todfeind des Wohlfühlprogramms, auch für Assad und Afewerki werden vermutlich dieselben Mediationen reichen müssen wie für Al Shabaab, AQIM, Boko Haram und IS.

Aus dem gleichen Fortunatussäckel prasseln dann ganze „Initiativen gegen Kleinwaffenhandel und für Abrüstung“. Entworfen hat man spezielle „Programme“, denn: „Wenn die Menschen bereits in ihren Ländern die Chance auf akzeptable Lebensalternativen vorfinden, kann das den Druck mindern, immer weiter ziehen zu müssen.“

Damit die „Programme“ funktionieren, will man „helfen“, also: „Gastländer dazu befähigen, Migranten den Zugang zu staatlichen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheitsvorsorge zu eröffnen“ und „die örtlichen Behörden bei der Umsetzung von Asyl- und Ausländerrecht beraten“.

Auf deutsch, der Sprache des Gastlandes, das Migranten in der Vergangenheit ja sehr üppigen Zugang zu Bildung und allem Schnickschnack wie Lebensmittelpakete, Residenzpflicht und Arbeitsverbot eröffnete, also auf deutsch übersetzt heißt das vermutlich die Wiedereröffnung der libyschen Wüstenlager, die man in der EU seit Gaddafis Sturz doch schmerzlichst vermisst.

Das alles sei, so wird noch einmal vergewissert: ein Beitrag zur Stabilisierung „schwacher staatlicher Institutionen“ und dies könne „eine Tür öffnen für einen Dialog über gute Regierungsführung“.

Diese Prahlhanselei, die sich vor allem selbst in Sachen „guter Regierungsführung“ über den grünen Klee lobt, vertüncht, dass Steinmeier wie die Regierungsparteien der letzten 20 Jahre Verantwortung trägt für die 20.000 Toten an den EU-Außengrenzen. Dass mit „Mare Nostrum“ und der aufgrund des Erfolges erheblich abgespeckten „Triton“-Mission erst 2014 effektive Rettungsmaßnahmen für Flüchtlinge angelaufen sind, die man schon in den 90-ern forderte.

Heute maskieren sich Steinmeier und Gentiloni mit Wortgirlanden als Wohltäter und Strategen, wo sie sich zuallererst der EU-Schuld stellen müssten. Hier will ein Staatenbündnis, das 20.000 Menschen in den Tod trieb und in Syrien ein morbides, ekelhaftes Szenario zulässt, also nun afrikanischen Staaten Regierungsführung erklären.

Es sei daher nur der Korrektheit halber darauf hingewiesen, dass die afrikanischen Staaten Niger, Tschad, Ghana, Tansania, Nigeria, Kenia einen Großteil der 15 Millionen afrikanischen Flüchtlinge bereits beherbergen, ohne besonders stabil und in den meisten Fällen auch ohne demokratische Musterländer zu sein. Die arabischen Staaten Libanon und Jordanien gewähren zwar Arabern mit Vorfahren in Israel oder Westjordanland keine Rechte, haben aber immerhin einen Großteil der 2,6 Millionen Syrer aufgenommen, die es außer Landes geschafft haben, während innerhalb Syriens noch einmal 9 Millionen als „auf der Flucht“ befindlich gelten.

Aus der europäischen Erfahrung heraus müssten eigentlich Wohlstand und Demokratie diese Länder dazu bewegen, sich gegen Flüchtlinge stärker abzuschotten, nationalistisch zu werden und um ihren Wohlstand zu fürchten. Dafür spricht auch das Beispiel Südafrika, das gegen Flüchtlinge aus Simbabwe doch zusehends allergisch reagiert, während man im vergleichsweise armen Ghana liberianische Flüchtlinge als Brüder herzlich willkommen heißt (was wiederum nicht für Nigerianer gilt). Selbst in der äußersten Krise können Flüchtlinge in Afrika auf mehr Hilfe durch ihre Nachbarn hoffen als in der reichen EU. Zu einem Preis von 9,3 Millionen Euro hat die die Operation „Mare Nostrum“ binnen 8 Monaten 80.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Das ist, soviel weiß man nun, ein halbes Prozent der Flüchtlinge, die afrikanische Staaten bereits beherbergen.

Der Trick der medienwirksamen Aktion Steinmeiers ist, das optimistische Selbstbild Europas auf Kosten der Abwertung Anderer aufzupolieren. Der Wohlklang der einzelnen Strategeme zerfällt zu einer tausendmal gehörten Werbemelodie. Nicht um Flüchtlinge geht es, sondern um die Illusion, dass in Europa alles zum Besten stehe, während draußen, vor den Mauern, die Barbarenstaaten nicht wissen würden, wie man Flüchtlinge menschlich behandelt. Über Jahrzehnte hat Europa mit afrikanischen und arabischen Diktatoren kooperiert, zuletzt mit Gaddafi in Sachen Asylpolitik.
Wo man von Assad und Afewerki nicht sprechen will, die für die meisten der ohnehin zum Asyl berechtigten Flüchtlinge sorgen, wo man Afghanistan am liebsten schon zum sicheren Drittland erklären würde, wo ganze europäische Staaten in den Faschismus abgleiten, ohne dass es Konzepte dagegen gäbe, da hat man wenig Recht, afrikanischen Staaten zu erklären, wie Demokratie mit ein paar „Programmen“ hergestellt werden soll.

Der Fall Kobani October 6, 2014 | 11:46 pm

Kobani fällt

Die als Hoffnungschimmer angepriesenen Luftschläge der merkwürdigen Allianz aus NATO-Staaten und Hardcore-Islamisten entpuppen sich als Alptraum. Im Abstand von ganzen Tagen verirrt sich gelegentlich ein Kampfflugzeug der Koalition nach Kobani, tötet dort ein halbes Dutzend Kämpfer – zu wenig, um den Kurden zu helfen, genug, um den IS-Terroristen den propagandistischen Effekt eines siegreichen Kampfes gegen die USA einzutragen.

Die Luftschläge an anderen Orten trieben IS-Kämpfer zusätzlich in Richtung Kobani, dem Dorn im Fleisch der IS. Dort wollte man das schwere Gerät noch einmal nutzen, bevor es durch Luftangriffe zerstört würde. Dauerhafter Widerstand war dort am wenigsten zu erwarten. Diese Kurden, so hat man es öffentlich von allen Seiten verkündet, würden keine Hilfe erhalten. Sie hatten „falsche Hände“, waren auf Terrorlisten gebrandmarkt und damit vogelfrei. Die Türkei unterband zuverlässig den Nachschub an kurdischen Kämpfern über die Grenze.

Während Kobani schon  seit Monaten belagert war, redete die deutsche Politik von „falschen Händen“, um ihre weltpolitisch etwas hinter dem Berg gehaltene Wählerschaft zu beruhigen, dass die Waffen diesmal nicht an „Terroristen“ fallen würden. Die Berufskomödianten von Priol bis Nuhr mokierten sich indes pflichtgemäß über die „falschen Hände“, weil sie schon den Peshmerga die fünf leicht gepanzerten Minibusse nicht gönnten, mit denen diese in den Krieg gegen tausende erbeutete Humvees und hunderte Panzer geschickt werden sollten.

Genozideure, zumal islamistische, sind für ihre Medienkompetenz bekannt. Sie lesen aus solchen Phrasen wie jenen „falschen Händen“ die offizielle Genehmigung zur ethnischen Säuberung. Die deutsche Politik und die Berufskomödianten haben mit dieser Phrase zum Sturm des IS auf Kobani geblasen. Die IS hat den Aufruf gehört.

Wenn Kobani heute oder morgen oder in drei Tagen fällt, (die ersten Fotos von IS-Flaggen auf Gebäuden in Kobani sind bereits online) so haben sie nicht gegen den islamischen Staat gekämpft – die gesamte NATO hat ihren Beitrag geleistet. Waffenarsenale, Nichtinterventionsgarantien, aus Europa angereiste Verstärkungstruppen – es gibt nichts, was der Westen nicht geliefert hätte, außer Waffen an jene, die sie am dringendsten bräuchten: die FSA, die Ezidenmilizen, die YPG. Und ausgerechnet an diesen wollte man beweisen, dass man auch Waffen liefern könne, ohne „die falschen“ zu stärken.

Das war Projektion und Ersatzhandlung zugleich, narzisstisches Ausblenden des grotesken Ausmaßes, in dem sich der Westen gegenüber jenen Gruppen schuldig gemacht hat.

Das manichäische Denken von richtigen und falschen Truppen und Körpern, hier Körperteilen, ist stets schon die Voraussetzung für das Massaker und die damit einhergehende unterlassene Hilfeleistung. Es frisst sich als Gift immer weiter in Gesellschaft hinein. Teilte die deutsche Politik in gute und schlechte Kurden, so wussten auch Berliner Antifaschisten und frisch abgeklärte Politikwissenschaftler, dass die PKK eine totalitäre terroristische Organisation sei, die Peshmerga aber die demokratischen Gründerväter des neuen Irak. Welcher Konflikt die PKK als stalinistische Truppe hervorbrachte und welche internationalen Zwänge letztlich dem türkischen Staat mit seinen Todesschwadronen und Terrorgruppen den Gefallen taten, die PKK zur Terrororganisation zu erklären, das war da schon irrelevant.
Die Rede von der Terrororganisation verbot auch jedem den Mund, der es im konfomistischen Staatswesen fortan zu etwas bringen wollte – eine Strafanzeite wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung kann niemand riskieren, der sich an Universitäten oder im Beamtenwesen bewerben möchte. Nur konsequent exekutierte die Berliner Polizei die türkische Staatsräson und zeigte Menschen an, die auf einer Demonstration die Aufhebung des Verbotes der PKK gefordert hatten. Ein bestehendes Verbot zu kritisieren ist zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt, aber man geht im Kampf gegen den Terror (der PKK) eben bis an die „Grenze des Machbaren“. So half auch die Berliner Polizei dem IS, sie schloss damit an deutsche Polizeipraxis an, die IS-Kämpfer auf Staatskosten ins Kriegsgebiet zu vermitteln, bevor sie etwa im idyllischen Bayern unbequem werden konnten.

War Kobani eine PKK-Hochburg, so mussten die YPG, kurdische Selbstverteidigungskräfte, bald auch die PKK selbst sein. Das erleichterte das Vermeiden von Differenzierung noch einmal erheblich. Wenn Terroristen des IS die Terrororganisation PKK aufreiben, dann gilt schon wieder die deutsche Logik vom Sack in dem es keinen Falschen trifft. Die hunderttausend zu Flüchtlingen herabgedemütigten Kurden, wurden wie Opfer einer Katastrophe präsentiert.

Bald ging Kobani auf die Nerven. Wer seit über sechs Monaten unter Dauerfeuer steht und wagt, penetrant um Beistand zu bitten, gelegentlich sogar Triumphe zu feiern, hat selbst Schuld oder verhält sich nach der medialen Logik wie das Kind, das zu oft „Wölfe“ ruft.

Wo man zur Intervention nicht in der Lage ist, entsteht Schuld. Die kann am leichtesten auf die Opfer der eigenen Feigheit abgewälzt werden. Auch an der Kälte mancher Äußerungen über Kobani konnte man die Möglichkeiten des IS heute abmessen.

Weil die Kurden in Kobani es wagten, mit Videoschnipseln Einblicke in die Kämpfe zu gestatten galten sie rasch als sensationslüsterne Aufschneider. Man ertrug nicht, das verhasste und verworfene Ich-Ideal der Unterworfenen, den Helden, zu sehen als Wirklichkeit. Wer selbst kein Held werden kann, schlägt sich auf die Seite der Schurken, identifiziert sich mit dem Aggressor.

Man warf der Peshmerga Opferideologie vor, weil diese zum Sterben bereit sind, und sterben war den Bourgeois von je irrationaler als unfrei zu leben oder Qualen zu erdulden. Es war Sache der Citoyen, für die Freiheit ihre Leben zu riskieren, mitunter trotzig zu opfern. Die Spaltung in Citoyen und Bourgeois gelang gründlich – heute wird jeder als wahnhafter Fanatiker geschmäht, der für die Freiheit anderer sterben würde. Und so werfen ausgerechnet die linken Bourgeois den Kurden vor, sie seien gar keine Citoyen, sondern miese Autokraten, die totalitäre Praktiken betreiben würden.

Also griff man in den Sack, und drosch zusammen mit der IS auf deren Opfer ein, schmähte die Aufnahmen von vornherein als Propaganda, um zu verdrängen, dass bis vor kurzem kein einziger Journalist nach Kobani gefahren war, um objektiv Bericht zu erstatten. (Für kurze Zeit gab es ein oder zwei, die exakt das berichteten, was man vorher aus kurdischen Tweets und Shares, http://www.ekurd.net/ und von der YPG freigegebenen Videoaufnahmen auch schon herauslesen konnte)

Der Human Right Watch-Bericht zu Rojava

Man weiß nicht, ob die kurdischen Frauen und Männer, die in den letzten Monaten gegen IS gefallen sind, Oppositionelle mundtot gemacht haben oder sogar in einem Gefängnis gefoltert haben oder ob sie prächtige Demokratinnen gewesen sind, mit denen man gern auch befreundet gewesen wäre. Einfacher ist es gewiss, die emotionale Distanz zu halten. Das gelingt am leichtesten mit Texten, die man nicht gelesen hat.

Der vielzitierte und wenig gelesene Human Rights Watch-Bericht zur Lage in Rojava – syrisch-Kurdistan – jedenfalls musste sich mit permanenten Wiederholungen und Banalitäten, Lageerklärungen und Dutzenden Seiten Anhang aus irrelevanten Gesetzestexten zur „Untersuchung“ von über 100 Seiten aufblähen. Im Kern sind die Vorwürfe, dass in den vergangenen drei Jahren neun Oppositionelle unter ungeklärten Umständen verschwunden sind, dass eine Handvoll Jugendliche schon mit 14 oder 17 als Laufburschen in YPG-Kasernen und an Straßensperren dienten, dass in einigen Gefängnissen, in denen HRW generell passable Haftbedingungen in Sachen Unterkunft und Essen notiert, wohl auch gefoltert wurde.

Der größte Skandal war der gewaltsame Tod von drei oder vier Menschen, die während einer Demonstration erschossen wurden von YPG-Truppen. Die Einheiten kehrten gerade von einem Fronteinsatz gegen IS zurück, hatten einen Gefallenen dabei. Bei der Durchfahrt wurden sie von Anhängern der Oppositionspartei mit Steinwürfen empfangen. Aufrufe, die Demonstration aufzulösen, wurden von einem harten Kern nicht erhört – dieser hatte offenbar wenig Sorge vor schlimmeren Repressionen durch die YPG.

Ob nun ein Warnschuss von anderen YPG-Kämpfern fehlinterpretiert wurde, ob alle durch die Situation überfordert waren und im Kampfmodus Steine als Granaten vermuten mussten, ob die YPG-Kämpfer die Gelegenheit nutzten, um die Opposition einzuschüchtern, oder ob tatsächlich Schüsse aus der Menge erfolgten, bleibt auch im HRW-Bericht ungeklärt. Am darauffolgenden Tag sperrten andere YPG-Truppen mehrere Dutzend Protestierende Oppositionsanhänger über Nacht ein, offenbar ohne Wasser und Brot. Davon hat sich die YPG-Leitung vehement distanziert. Noch aber hat sich kein europäischer Staat von Frontex und der demozidalen Asylpolitik distanziert, die zehntausende das Leben kostete und die seriell in Folter und elenden Zuständen in europäischen Flüchtlingsgefängnissen resultiert.

Kurzum, man wollte der PYD und der YPG heimzahlen, dass syrisch-Kurdistan im Vergleich mit Europa oder der Türkei recht gut abschneidet, und so wurde auch in der sogenannten emanzipatorischen oder antideutschen Linken in gute und unbequeme Kurden getrennt. Wer für Kobani ist, ist naiv, unterstützt die PKK – so geht es dann tagein tagaus auf Facebook hin und her. Wer sich gar der Emotion verdächtig macht, dem mangelt an Routine und Überblick aufs Gesamte.

Es wäre ja kein Stalingrad und schon gar kein genozidales Massaker, so beruhigt sich mancher. In Kobani seien nur noch Kämpfer und kein Massaker könne daher stattfinden. Dass viele YPG-Kämpfer vor wenigen Wochen noch Bäcker oder Handyverkäufer waren, dass zuletzt noch 14-jährige sich der YPG in Kobani und Rentner der Peshmerga angeschlossen hatten, dass mit der Flucht von Hunderttausenden die ethnische Säuberung schon vollzogen ist, dass Flüchtlinge stets hohe Sterberaten erleiden, das hat die strikt kategorisierende Logik schon zensiert.

Richtige Hände

Die Finanziers der schwarzen Aaskrähen, Qatar und Saudi-Arabien erhalten derweil unbesorgte Panzer aus Deutschland. Saudi-Arabien richtet mit dem Schwert hin, seit 1995 wurden 2015 Menschen getötet, wegen Drogenhandel, Ehebruch, Hexerei, Rebellion. Qatar lässt Menschen wegen Alkoholkonsums oder sexuellen Ausschweifungen die Haut und die Rückenmuskulatur mit 50-100 Peitschenhieben zerfetzen. Iran, der neue Bündnisparter des Westens gegen IS, lässt Homosexuelle und Oppositionelle zu hunderten hinrichten und erhält zur Belohnung ein Atomkraftwerk ohne Entsorgungskosten.

Der YPG will man keine Waffen geben, ihren Mördern, dem IS, hatte man bedenkenlos jegliches hochmoderne militärisches Material frei Haus vor die Türe gestellt.

Wäre noch etwas ins rechte Verhältnis zu rücken, so stünde die unverzügliche Lieferung von mehreren hundert Panzern und mehreren tausend Humvees an die Kurden aus, um zumindest nach der Versklavung und Ermordung tausender von Kurden einen Fehler einzugestehen. Hätte der Westen ernsthaft Sorgen um die missbräuchliche Verwendung seiner Waffen, so würde er die Konsequenz ziehen und sofort Bodentruppen einsetzen.

Heute nacht jedoch ließ sich der Westen in Kobani von Jugendlichen und Rentnern verteidigen, gegen seine eigenen Waffen und kein französisches, kein amerikanisches, kein deutsches, kein britisches Schiff kommt am Horizont am letzten Morgen zur Hilfe. Es gibt kaum Worte, die einen solchen archaischen Verrat, Verrat ohne jede Belohnung und gegen das eigene Interesse, beschreiben könnten. Die kurdische und arabische Lyrik wird sich der Aktualisierung von Franz Werfels Musa Dagh eines Tages im Exil annehmen.

Aleppo fällt

Während von Kobani zumindest gesprochen wird, darf Assad in der allerfinstersten Nacht der medialen Zensur agieren. Die Luftschläge gegen die mit IS verfeindete Al-Nusra-Front lieferten Aleppo seinen Gangs und Folterknechten aus, die Garantie zum Machterhalt hatte er sich schon mit seinen Giftgasangriffen erkauft. Der Westen wird den entstandenen Trümmerhaufen nicht einmal gegen Bezahlung zurückerobern. Diese wastelands wird Assad regieren. Auch ihm sicherte man schlecht kodiert Unterstützung aus dem Westen zu: Der FSA wurden 500 Millionen Euro zugesagt von Seiten der USA. 500 symbolische Millionen, die in den nächsten zehn Jahren vermutlich nicht eintreffen, weil man sich über genauere Verwendung erst mit anderen Staaten beratschlagen müsse:

„We also intend to ramp up U.S. support to the moderate Syrian opposition. We are therefore requesting $500 million for a proposed authority to train and equip vetted elements of the Syrian armed opposition to help defend the Syrian people, stabilize areas under opposition control, facilitate the provision of essential services, counter terrorist threats, and promote conditions for a negotiated settlement.“

Assad wird diese Botschaft erhalten haben: „stabilize areas“ heißt es da, nicht „topple the regime“ oder „conquer areas held by Hezbollah and iranian death-squadrons“. Sollte Assad nach dem Gelächter wirklich ein wenig Sorge verbleiben, wird er die nächsten Wochen noch die letzten Geländegewinne mit doppelter Barbarei durchsetzen, um das künftige, vielleicht doch noch gehaltene Rebellenreservat nach Kräften zu verkleinern. Auch der FSA bringen die homöopathischen Placebo-Luftangriffe keine Erleichterung, die ihren Erzfeind nur noch zu Eile und Gründlichkeit anspornen.

Sindschar fiel

Hatten die Special Forces des Westens noch die von der YPG geretteten Eziden aus dem Sindschar-Gebirge in Empfang genommen, so herrscht heute immer noch die Sklaverei des IS über der Stadt, die längst keine Meldung mehr wert ist, während die Flüchtlingslager überquellen. Europa wird ihnen eines Tages die Infrarotkameras der Frontex entgegenstellen und an Grenzzäunen und von Push-Back-Schiffen beim Sterben zusehen, während man in der Linken dann darüber räsoniert, ob die kurdischen Eziden eigentlich nun die PKK unterstützen oder die Peshmerga und ob denn nun eines von beiden endlich politisch korrekt sei.

„Was einer fürchtet, wird ihm angetan.“

 

 

 

Berlins Southpark und der romantische Wald-Mythos der Rationalisten May 27, 2014 | 01:43 pm

Nachdem das Bürgerbegehren um das Tempelhofer Feld in Berlin beendet ist, kursiert unter einer modernistischen, rationalistischen, vielleicht auch liberalen oder marxistischen Gruppierung Empörung darüber, dass dort ein leerer Raum, Ödnis, verehrt würde. Manche fühlen sich zu Zeitdiagnostik veranlasst, die das Treiben der sonst als Ökospinner beglimpften Berliner zu lebloser Wüste in irgendeine dialektische Pathologie zu pressen versuchen. Die Essenz lässt sich als Beschwerde verallgemeinern: “Nicht einmal einen Wald wollen sie“.

Gegen solche Ignoranz erfolgt hier ein wenig ehrenamtliche Aufklärung gegen romantische Naturvorstellungen derer, die sich sonst als anti-romantisch bezeichnen würden.

Das Tempelhofer Feld hat etwas über 300 ha Fläche, das sind ungefähr 3,5 Quadratkilometer, also einen Kilometer im Durchmesser und 3,5 in der Länge. Berlin beherbergt in naher Zukunft vier, vielleicht auch in der weiteren Metropolenregion sieben oder acht Millionen trendige, hippe Weltbürger, die aber partout nicht in Hochhäusern leben wollen wie in New York City, wo etwa 8,4 Millionen Menschen leben und dort Zugang zum Central Park genießen mit etwa 350 ha Fläche. Insgesamt hat New York City eine Parkfläche von 11 700 ha, davon das meiste Küste und Strand, aber auch stattliche 2700 ha Waldfläche, die in natürlichen Zustand gebracht wird. Wie das vonstatten geht, erklärt die Forstpraxis:

“Vor der Bepflanzung wurden die Böden beider Standorte mit Herbiziden behandelt und aggressive exotische Pflanzen entfernt. Aufforstungszonen sind häufig von Kletterpflanzen bedeckt und müssen von ihnen befreit werden, um sie zugänglich zu machen (Abb. 3). Ziel ist es, die Bäume eng zu pflanzen, um so schnell wie möglich einen Dichtschluss zu erreichen, der durch Lichtmangel Neophyten an der Entwicklung hindert. “

Danach wird noch erheblicher Aufwand betrieben, um die Bäume zu wässern und Neophyten zu jäten. Warum das alles? Weil es im rationalistischen Naturschutz um die Erhaltung von Artenvielfalt geht, mehr noch: Um die Vielfalt innerhalb von Arten, also die Subspecies, die an lokale Klimata angepassten Formen. Man möchte nicht nur eine überlebensfähige Restpopulation, sondern nach Möglichkeit verschiedene Populationen in gesunden Stärken, die sich dann innerartlich unterscheiden, aber auch austauschen können. Daher erfahren manche Spezies einen besonderen Schutz in der Fläche, obwohl ihr Überleben durch Restpopulationen in Zoos auch gesichert werden könnte. Andere Arten, Neophyten und Neozoen, möchte man regional lieber wieder ausrotten, weil sie Artenvielfalt stark senken – so etwa die in Florida aus Terrarien ausgewilderten tropischen Reptilien wie den Tigerpython oder die Hauskatze, die auf aller Welt Vogelpopulationen das Fürchten lehrt.

Gesellschaft kann sich das einigermaßen leisten, auch wenn mitunter die Frage nach der Relationalität in der Gewichtung der einzelnen Arten entsteht – die wird zuallererst unter Naturschutzfachleuten lebhaft und meist auch kompetent diskutiert. Mit dem Aussterben von Arten hat man sich längst abgefunden – man möchte dennoch bestimmte Biotopmodelle erhalten, um an ihnen Evolutionsbiologie oder das Prinzip Artenvielfalt im Allgemeinen zu demonstrieren. Für die Biomedizin, die Physik und die Bionik hat das bereits erahnbaren, ökonomischen Nutzen – in Deutschland dürfte der eher in der allgemeinen Bildung über Evolutionsbiologie, der antiklerikalen Wissenschaft schlechthin, liegen. Darwin widerlegte einst an den karnivoren Pflanzen die göttliche Ordnung, in der die Pflanzen den Tieren untergeordnet seien.

Was bedeutet das für das Tempelhofer Feld? Dort gibt es Ödland, Beton, Ruinen, Steppe – dem naiven Augenschein nach nichts, was schützenswert wäre. Da soll also wenigstens ein Wald oder ein Park hin. Grün und vor Leben strotzend, so imaginiert sich gerade der von Natur entfernte, etwas spießige, engagierte Bürger seine Natur. Tatsächlich ist Deutschland zu etwa 33% von Wald in unterschiedlichsten Formen bedeckt: Fichtenforst, Buchenforst, Eichenmischwald, Hartholzaue, Weichholzaue, und viele der pflanzensoziologischen Bezeichnungen mehr.

Wiesen aber sind auf weniger als 5 % zurückgedrängt worden. Das meiste davon wiederum unterliegt intensiver Nutzung: dreischürige Mahd, Gülleverklappung, Kunstdüngung. Es sind Monokulturen aus zwei bis drei Gräser- und Kleearten, auf denen nur noch zwei Heuschrecken-Arten leben können. Was nicht befahren werden kann, wird aufgeforstet. Wo noch Magerrasenflächen, Meso- und Xerobrometen übrig blieben, wird von benachbarten Flächen und über den Regen Stickstoff eingetragen, also gedüngt. Das hat die meisten deutschen Orchideenarten an den Rand des Aussterbens gebracht, die wenigsten kennen noch die changierenden Farben blütenreicher Spezialstandorte wie Küchenschellenwiesen, die man allenfalls in Reservaten und auf Geheimtipps hin gezielt mit Auto oder Zug aufsuchen muss. Solche “Ödnis” muss aufwändig erhalten werden durch Landschaftspflege mit Maschinen oder Weidevieh, die Stickstoff in Form von Gras austragen und Baumaufwuchs verhindern.

Artenvielfalt, das ist ein Paradox, das man in der Schule lernen sollte, entsteht in nährstoffarmen Biotopen. Dort, wo die Konkurrenz Spezialisten Raum schafft, denen dann andere Arten sich anpassen. Beispiel Korallenriff: In absolut nährstoffarmen Wasser entstehen Korallen und einige wenige Algen, um die ganze Abhängigkeitsketten bis hin zum Hai entstehen. Die wenigen Nährstoffe werden ständig umgesetzt in einem sagenhaften Formenreichtum ausbildenden Konkurrenzkampf. Der Regenwald am Amazonas steht auf wenigen Zentimetern Humusschicht, Lateritgestein und Zweischicht-Tonmineralen. Er wird fast nur von Saharasand gedüngt – auch hier würde das Ausbringen von Dünger zu rapider Verarmung der Artenvielfalt führen.

Das gleiche Prinzip herrscht in Deutschland vor. Insektenreichtum findet sich auf extrem nährstoffarmen Wiesen und Mooren. Hier können Brennnesseln und fette Gräser nicht zu Monopolisten werden und schwächere Pflanzen, Spezialisten, insbesondere Orchideen, erhalten eine Chance. Historisch bestanden solche Flächen an Erdrutschen, Moränen, Binnendünen, Waldbrandflächen, Flussgeröllflächen – sogenannten Primärbiotopen. Diese Primärbiotope hat vor allem die Flurbereinigung und die Flussbegradigung zerstört. Kilometerbreite Geröllflächen an Alpenflüssen lassen sich erst wieder in Slowenien und Italien beobachten.

Mitteleuropa ist eigentlich ein Hotspot an Artenreichtum. Vom Süden und Norden lässt sich noch der Einfluss der Eiszeiten spüren, subarktische Libellenarten fliegen in kühleren Mooren, während am Kaiserstuhl mediterrane Arten sich finden und an Harz und Rhön die Steppenarten Osteuropas Grenzen ihres Ausbreitungsgebietes erfahren. Dazu kommen noch einige endemische Arten, also solche, die nur an eng begrenzten Standorten vorkommen. Hessen etwa beherbergt weltweit die meisten Vorkommen des dunklen Wiesenknopfameisenbläulings, einem Falter, dessen Raupe die Blüten des Wiesenknopfes frisst, um sich später von Ameisen in deren Bau bis zur Puppenreife ernähren zu lassen.

Kurzum: dem Artenschutz mangelt es in Deutschland massiv an “Ödnis”, an heißen, steinigen, trockenen, nährstoffarmen Standorten. Bei Flächen wie dem Tempelhofer Feld hat man diese trockenheißen und nährstoffarmen Flächen künstlich geschaffen. Hier findet sich daher die italienische Schönschrecke und die blauflügelige Ödlandschrecke. Beide würden verschwinden, wenn dort Wald wäre, oder schlimmer: ein öder deutscher Park mit Rasenflächen. Beides dort anzulegen wäre nicht nur immens teuer – es wäre vom naturschutzfachlichen Standpunkt aus kontraproduktiv. So etwas machen Kommunen, um Zwangsgelder für “Ausgleichsmaßnahmen” zu verprassen, ohne kommunale Fläche zu verschwenden. Man “intensiviert” einfach eine Wiese mit 30 teuer gepflanzten Apfelbäumen,  um die Zerstörung einer anderen Wiese durch ein Neubaugebiet zu kompensieren. Oder man “bepflanzt” einen neu geschaffenen Teich mit Gehölz, das binnen zwei Jahren ohnehin dort aufkommen würde. Wer davon profitiert, sind Baumschulen, Landschaftsgärntner und Bauunternehmen – die kommunale Ökonomie. Billiger wäre es, einfach der Natur ihren Lauf zu lassen und sogenannte “Sukzessionsstadien” abzuwarten. Also die Übergänge zwischen einer Ruderalfläche, entstehendem Aufwuchs aus Brombeeren und Anfluggehölz und irgendwann der natürliche Buchen- oder Birkenwald – der aber im Vergleich zur Ruderalfläche eher arm an seltenen Arten wäre. Der Sukzession vorzuziehen wäre die extensive Beweidung oder das Freihalten durch Brände, wie sie auf Truppenübungsplätzen durch Schießübungen entstehen.

Ob und wie Berlin seine im Vergleich mit Hamburg doch eher moderate Wohnungsnot löst, ist eine andere Frage. Die Erfahrung mit kapitalistischer Naturvernutzungsprozessen zeigt, dass die Konkurrenzstellung zwischen Mensch und Natur meist nur ein Popanz ist, weil von der Naturvernutzung die Arbeiter ebenso wenig haben wie von der Vernutzung ihrer Lebenszeit in den Verwertungsprozessen. Erst in einer anderen Gesellschaft würde sich ernsthaft die Frage stellen, ob man diesen oder jenen Biotop gegen das Wohl von Menschen aufwiegt. Bis dahin wird nur der leere, unbestimmte, menschengemachte, aber nicht bewusst vollzogene Verwertungsprozess weiter in seinem Selbstzweck, der Akkumulation von Kapital zerstörerische Kreise treiben – kurzum, Rohstoffe durch Hinzufügung menschlicher Arbeitskraft in billige Gadgets, in Plastikschrott und hässliche Wegwerfmöbel umzuwandeln.

Auf einer tiefenpsychologischen Ebene gilt Adorno/Horkheimers Diktum: “Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur immer tiefer in den Naturzwang hinein.” Zunächst herzustellen wäre ein Bewusstsein dessen, was Natur ist, was Formenreichtum ist, und was sich daran an Differenzierung und Denken von Interdependenzen und Verwertungsprozessen, von Ästhetik und Fetischismus lernen ließe. Historisch war der Anfang aller Philosophie die Naturbeobachtung.

Warum es in Syrien schon lange nur noch um ein zu befreiendes Land geht – Eine Antwort auf Justus Wertmüllers Aufruf für die kurdische Autonomie in Syrien April 8, 2014 | 12:57 pm

In der aktuellen Bahamas Nr. 68 hat Wertmüller unter dem Titel Autonomie für die syrischen Kurden! Warum es in Syrien schon lange nicht mehr um ein zu befreiendes Land geht eine Kritik des Aufrufes „Freiheit für Syrien“ verfasst. Darin häuft er einige schiefe Projektionen und Irrtümer an, die symptomatisch für die Arbeiten der Bahamas zum sogenannten “arabischen Frühling” sind.

Der im Aufruf erstellten literarischen Analogie zum Bürgerkrieg in Spanien hält Wertmüller entgegen, dass der spanische Bürgerkrieg in der „unaufhaltbar ausblutenden spanischen Republik“ vergeblich war, weil er verloren wurde.  Der spanische Bürgerkrieg ist sicher kein antifaschistischer Sonntagsspaziergang gewesen, wie die geschichtsvergessenen „no-pasaran“-Parolen auf Antifa-Demonstrationen gern behaupten – er war aber eine Zwangslage, der sich spanische und europäische Antifaschisten stellen mussten. Jene, die dort gefallen sind, haben die Wette gegen den Weltgeist zwar verloren, aber sie haben wenigstens dagegen gewettet.

Ist der spanische Antifaschismus schon vergeblich gewesen, meint Wertmüller, dass Solidaritätsadressen an syrische Demokraten diese nur von der Einsicht in die notwendige Niederlage abhalten.

„Wäre das wirklich so gemeint, was nicht der Fall ist, dann handelte es sich bei diesem „Aufruf“ um den zynischen Versuch, die Kampfmoral von Rebellengruppen, die längst verloren haben, aufrecht zu erhalten; dann wäre es der ideelle Marschbefehl in den unausweichlichen Heldentod für eine demokratische Sache, der sicher nicht an „uns“ ergeht, sondern an unbekannte „demokratische“ syrische Kämpfer, die längst als Märtyrer abgetan sind.“

Wertmüller vertritt gegen den irrationalen Heldentod die Rationalität der Fügsamkeit ins Unausweichliche: „Realpolitik“. Nur wer wie die Kurden eine realistische Chance im nahöstlichen Krieg der Rackets habe, genieße das Recht auf Widerstand und verdiene Solidarität. Den 300 Unterzeichnern des Aufrufs wirft er aber vor, sie hätten „mit dem Weltgeist paktiert“.

Dass den Demokraten in Syrien die Exekution durch Islamisten oder der sichere Foltertod und ein Grab in Assads Massengräbern droht, dass ihre bislang gar nicht so vergebliche Schlacht ein Überlebenskampf ist, dass ihre “Kampfmoral” gewiss nicht von Solidaritätsadressen aus Europa abhängt, taucht in Wertmüllers Realpolitik nicht auf. Er wägt, ganz preisbewusster Europäer, die Optionen ab und produziert Flachheiten vom Niveau eines Peter Scholl-Latour, die der Bahamas trotz aller jüngerer Anstrengungen immer noch schlecht zu Gesicht stehen:

„Verglichen mit den Internationalisten Allahs schneidet das Regime Assads, auch in seiner noch brutaleren Variante als Aufstandsbekämpfer, jedenfalls nicht schlechter ab. Zwischen beiden nach Kriterien wenn schon nicht des Fortschritts, so doch der Schonung von Menschenleben – zu entscheiden, ist fast unmöglich. Erst die Schreckensvision eines djihadistischen Endsieges lässt erahnen, dass es tatsächlich etwas Schlimmeres gibt als das Baath-Regime.“

Abgesehen davon, dass die djihadistisch regierten Areale bereits Realität sind und keine „Schreckensvision“: Die Trennung in Djihadisten und Baath-Regime ist hinfällig, weil das Baath-Regime, das seinen loyalen Truppen kaum noch traut, von Djihadisten der Hisbollah und iranischen Revolutionsgarden verteidigt wird. Der israelischen Presse ist bewusst, dass in Syrien längst nicht mehr Assad, sondern Iran wenn nicht ums Überleben so doch um den letzten Zugang zur israelischen Grenze kämpft.

Assad ist, soweit müsste eigentlich selbst Wertmüller begriffen haben, keine Alternative, die Wahlsituation zwischen Assad und Al-Qaida, Schlechtem und Schlimmeren, die er (wie Assad auch) entwirft, stellt sich nicht. Daher lautet die dialektische Position in den nennenswerten israelischen Stabsstellen, die durchaus abseits des Eigeninteresses humanitäre Belange in Syrien in ihre Überlegungen einbeziehen, dass zunächst Assad weg muss, damit man die Djihadisten effektiv bekämpfen kann. Oder umgekehrt: Dass die Djihadisten wegen Assad erstarkten. Wie schon in Ägypten, Libyen und Irak haben die Diktaturen den Islamismus nie geschwächt, sondern am Leben erhalten und ihm die Weihen der demokratischen Opposition verliehen. Der Westen hingegen hat Assad schon wieder akzeptiert – und Al-Qaidas neuester Staat scheint ihn wenig zu kümmern.

Wertmüller aber produziert in völligem Widerspruch zu seinem Wissen darum, dass das Geschehen eben seit dem Einströmen von Djihadisten der Hisbollah, Irans und Iraks, längst nicht mehr „auf Syrien beschränkt“ zu halten ist, halbgare Politikberatung fürs containment:

„So bleibt der Realpolitik nur der Versuch, das Geschehen möglichst auf Syrien beschränkt zu halten und zugleich zu verhindern, dass eine der drei Parteien im Bürgerkrieg die Oberhand gewinnt und danach für das ganze Land Fakten schafft. Da es unwahrscheinlich ist, dass das Assad-Regime den Bürgerkrieg noch in vollem Umfang für sich entscheiden kann, ist die Zukunft Syriens schon besiegelt.“

Wertmüller kennt den Verlauf einer solchen „besiegelten“ Zukunft: dass es zu „Bevölkerungstransfers“, zu “Ermordungen und Vertreibungen von Christen und Alaviten” kommen wird, zu einem „Gottesstaat“, oder einem „Gangland“, ein „Aufmarschgebiet für die Kämpfer des weltweiten Djihads.“

Aus Scheu vor den Anstrengungen einer Differenzierung zensiert Wertmüller in seiner Argumentation, die keine ist, vollständig den bereits erfolgten Giftgaseinsatz durch baathistische Truppen. Giftgas gegen Djihadisten – das ist in den “realpolitischen” Teilen des Westens heute noch genauso legitim wie man einst gegen die Kommunisten in Indonesien, Südostasien und Südamerika faschistische Milizen zu genozidalen Massakern ermunterte. Assad hat nicht nur schrittweise getestet, welche Methoden ihm die Welt bei den anstehenden Säuberungen in den wieder eroberten Gebieten konzedieren würde, er hat explizit und mehrfach gedroht mit Giftgaseinsätzen gegen Israel im Falle einer Intervention. Vorerst setzt er wieder auf die vom Westen genehmigten und von Russland geförderten Massenmordinstrumente: Barrel-Bombs, Hunger und Folter. Wertmüller aber findet sich mit diesem status quo ab, weil ein Moloch keine Differenzierung mehr erfordert. Wie der Mainstream kann man sich bequem an der Abscheu über die allseitige Barbarei ergötzen. Durch und durch autoritär ist die Haltung zum Sack, in dem es keine Falschen trifft.

Und genau in diesem Gestus wirft Wertmüller den Verfassern des Aufrufes vor:

„Die „Freiheit für Syrien“ , wie sie im Aufruf gefordert wird, steht also schon deshalb nicht zur Debatte, weil es weder 2011 noch 2014 auch nur annähernd genug Unterstützer in Syrien gab und gibt, um ihr durch militärische und logistische Hilfe von außen zum Durchbruch zu verhelfen.“

Von Durchbrüchen spricht der Aufruf nicht. Zu genau haben die Verfasser erfahren, dass die demokratischen Stimmen längst in die Folterkammern wanderten, dass die letzte Hoffnung von ausharrenden Demokraten in Syrien auf eine Intervention Europas und der USA nach dem beispiellosen Verrat des Westens an ihnen gestorben ist. Russland und Iran halten ihre Hände über Assad, Saudi-Arabien und Qatar über die Djihadisten, der Westen folgt der guten alten Tradition, dass man vor den Toren Europas noch jede Barbarei dulden wird, die nicht das Geschäft stört. Wer hier noch kämpft, weiß, dass er auf sich allein gestellt ist – und mit den Islamisten aus dem Nachbardorf den einen oder anderen Pakt schließen muss, um zu überleben.

Im Aufruf ist daher auch nur von Verteidigung die Rede, Verteidigung eben jener wenigen Städte und Landstriche, die noch nicht von Islamisten und nicht mehr von Assad drakonisch regiert werden. Diese Städte kennt Wertmüller freilich nicht, weil das Ressort Syrien Sören Pünjer hält, der schon früh auf irgendeinem Blog der Syrian Electronic Army gelesen hat, dass Assad der Bürgerkrieg von Islamisten aufgezwungen wurde.

“Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz.” (Bahamas 63, S. 14)

Wertmüller tätschelt 2014 dann doch noch posthum einer im wahrsten Sinne des Wortes „verschwindenden“ Minderheit das Haupt, um die an Pünjers Lapsus peinlich erinnernden Überlebenden im gleichen Zug vollständig aus dem Gedächtnis zu löschen:

„Dass nur eine verschwindende Minderheit, die aber mutig ganz vorne stand, wirklich für ein freies und geeintes Syrien eintrat, die überwiegende Mehrheit aber auch damals schon einen theokratischen Staat […] wünschte und die Abrechnung […] mit allen unter dem alten Regime halbwegs unbehelligt lebenden Minderheiten […] diese Wahrheit über den syrischen Bürgerkrieg sprengte jedes westliche Vorstellungsvermögen. Entsprechend gibt es auch keine „demokratischen Rebellenfraktionen“ im syrischen Bürgerkrieg, die für ein besseres Syrien kämpfen würden, wie der Aufruf nahe legt.“

Es gibt also keine demokratischen Rebellenfraktionen in Syrien. Gäbe es die demokratischen Rebellen aber doch, man würde ihnen nur falsche Hoffnungen machen und sie in den „unausweichlichen Heldentod“ schicken. Der Weltgeist solcher self-fulfilling-prophecies wird Wertmüller wohl sehr bald recht geben. Was Wertmüller hier als schwer verständliche Wahrheit verkauft ist unter allen, die das Thema in den letzten Jahren nicht nur in der Bahamas verfolgt haben, eine Binsenweisheit. Nun, weil die Situation also zumindest heute hoffnungslos und bedrohlich ist, gibt Wertmüller sie verloren. Das ist ein Verrat. Gäbe es nur noch 1000 demokratische Kämpfer in Syrien, sie hätten alle Unterstützung verdient oder wenigstens eine Forderung nach Sicherheitszonen, nach Fluchthilfe. Sie für „nichtexistent“ zu erklären, ist nichts anderes als ein journalistisches Massaker, eine Aufforderung an Assad, mit den Nichtexistenten zu verfahren, wie ihm beliebt. Und wäre es tatsächlich so, man müsste in Kenntnis der Lage mit umso mehr Nachdruck das Eingreifen von ausländischen Interventionstruppen fordern: Syrien ist ein „zu befreiendes“ Land.

Aus der verlorenen Schlacht der Nichtexistenten versucht Wertmüller zu retten, was vermeintlich noch zu retten ist: Kurdistan. Wertmüller will daher eine Debatte über den Internationalismus führen, den er aber nicht der bedrohten Minderheit von demokratischen Rebellen in umkämpften Enklaven angedeihen lassen will, die es ja nicht geben darf, sondern den Kurden. Die haben allerdings trotz einiger Offensiven der sunnitischen Djihadisten aktuell gar keinen Bedarf an internationalen Hilfstruppen. Aus Irakisch-Kurdistan können sie auf Kämpfer und Öldevisen hoffen, in der Türkei und Europa auf jahrzehntealte, kriegserprobte Netzwerke bauen, auch diplomatisch dürften ihnen einige Türen offen stehen. Die Kurden sind dabei, ihre Geschichte im nahen Osten ohne jede paternalistische Unterstützung von außen zu erschaffen. Die syrischen und irakischen Islamisten sind für sie eine Last, die man ihnen vom Halse wünscht, aber sie sind keine Bedrohung.

Die Kurden sind auch nicht, wie Wertmüller suggeriert, „die wenigen, die bewaffnet ihre Loslösung von Syrien anstreben“. Das ist schlichtweg falsch. Die syrischen Kurdenvertreter haben mit Assad sehr früh ein Abkommen getroffen, wie sie auch zeitweise mit Iran ein Abkommen gegen Saddam Hussein hatten. Widerstand im eigenen Lager, Solidarisierungen mit der syrischen Opposition wurden in einigen Schießereien gedeckelt. Die Unabhängigkeit der syrischen Kurden wurde nicht von Kurden mit dem Gewehr erstritten, sondern von den syrischen Rebellen, die Assad in die halbherzige Einigung mit den Kurden zwangen.

Wertmüller kennt einen der Erstunterzeichner recht gut: der Bahamas-Autor Thomas von der Osten-Sacken hat jahrzehntelang Erfahrung in kurdischen und arabischen Gebieten gesammelt. Ausgerechnet ihn will er auf dem Feld der Kurdenpolitik belehren.

„Eine Entscheidung des Westens für eine der in Syrien operierenden Widerstandsgruppen gegen Assad – das wissen die Aufrufer selbst am besten – würde automatisch den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen.“

Wo angeblich alle gleich schlimm sind, eine uralte Konfliktmythologie gegen die das Orwell-Zitat gedacht war, verleiht die Sicherheit der Kurden Wertmüller endgültig die Legitimation dazu, sich für Assad zu entscheiden, dem man das Loblied vom schlechten aber rechten Beschützer der ethnischen Minderheiten in Syrien singt.

Wertmüller wähnt seine zweieinhalb Seiten voller Chimären und Platitüden komplexer als den Aufruf:

„Solche Beschränktheiten noch nicht einmal anzusprechen, den eigenen dennoch vernünftigen Vorschlag nicht offensiv zu begründen, fällt auf die Verfasser des Aufrufs und seine ca. 300 Unterzeichner peinlich zurück.“

Nun liefert die im Aufbau begriffene Website des Vereins auch einige Hintergrundinformationen zu den konkreten unterstützen Gruppen, die man natürlich nicht zu lesen braucht. Was peinlich auf die Bahamas zurückfällt, ist der Versuch, sich auf Kosten von Verlierern, von Nichtexistenten und 300 Unterzeichnern, zu profilieren als souveräne Politikberatung, als realpolitisches Konfliktmanagement, das auch nichts anderes zu bieten hat als Gehirngespinste über internationalistische Solidaritätstruppen für Kurden und die Duldung von Massakern als containment und „Aufstandsbekämpfung“.

Es ist vielleicht das „automatisch“, an dem sich Wertmüllers Hilflosigkeit, ein treffenderes Wort für Beschränktheit, ausdrückt. Sobald die Naturgesetze des Weltgeistes durchschaut sind, bedarf es keines Widerstandes mehr. Adorno hat gegen solchen Rationalismus einmal eingewandt, dass man sich von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen lassen solle. Kritische Theorie insistiert auch und gerade in vermeintlichen Naturzwängen auf Differenzierungsvermögen. Würde Wertmüller ein wenig israelische Zeitungen lesen, er wüsste, wie deutlich sich israelisches Feuilleton und Politik gegen Assad ausspricht. Die Luftangriffe der IAF in Syrien richteten sich nicht gegen sunnitische Djihadisten, sondern gegen die Hisbollah. Dasselbe Israel versucht, Opfer des Krieges zu versorgen, die von Regimetruppen massakriert werden, wenn ihre Flucht zum Feind ruchbar wird. Daher lösen auch Israelis jeden Hinweis auf israelische Produktionsorte von Hilfsgütern, die sie nach Syrien schmuggeln. Bahamas-Artikel gehören vorerst nicht dazu.

Nachtrag:

Die kurdische Armee YPG hat in Offensiven Ende 2013 und Anfang 2014 beachtliche Gebiete zurückerobert:

http://kurdistantribune.com/2014/isis-terror-around-rojava-marchapril-diary-of-death/

http://pietervanostaeyen.wordpress.com/2013/12/02/guest-post-rojava-kurdish-forces-expell-islamist-rebels/

Die kurdischen Truppen sind exzellent ausgebildet und erfahren, haben aber politische Probleme, die gerade untrainierte internationale Interventionisten gewiss nicht lösen werden.

http://www.rudaw.net/NewsDetails.aspx?PageID=40751

So existiert auch eine Kurdish Islamic Front, die mit ISIS zusammen gegen die YPG kämpfte:

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-24403003

http://carnegieendowment.org/syriaincrisis/?fa=54367

Die drusischen Milizen stehen vorerst auf der Seite Assads und damit gegen die YPG, die inzwischen doch sehr deutlich äußert, dass sie von Assad nichts zu erwarten hat und zwangsläufig dem Krieg stellen muss:

http://www.meforum.org/3668/druze-militias-syria

Es gibt keinen Grund, sich darüber hinwegzutäuschen, dass die Kämpfer der FSA in Assads Syrien aufgewachsen ist, und die überwiegende Mehrheit daher eben nicht säkular ist, sondern islamisch bis islamistisch – weil sie in Assads Syrien keine säkularistische Schulbildung genossen haben.

Allerdings ist hier Differenzierung essentiell. Es gab und gibt kleine Brigaden, die Frauen, Christen, Kurden und Alaviten als Kämpfer aufnahmen, und die sich explizit auf säkularistische Vorkämpfer berufen – einige hundert davon wurden inzwischen von Djihadisten massakriert.

Hinzu kommen eben die konservativ islamischen Gruppen, die auch in der FSA dominieren und deren Politikansatz in etwa der CDU/CSU entsprechen mag: Eine nichtsäkulare Demokratie mit Leitkultur. Das gleiche gilt für die Dachorganisation der Islamic Front, die mit Abstand stärkste Rebellenfraktion, deren sieben Untergruppen zumindest nicht auf der Terrorliste der USA stehen und die sich heftige Auseinandersetzungen mit Al-Nusra und ISIS liefern. Mit diesem Syrien der Islamic Front wird man sich vorerst einrichten müssen – die Alternative ist der aktuelle systematische Massenmord, die Barrel Bombs, die Giftgasattacken, die Folterkeller Assads, die Massengräber.

Dennoch hat man sich natürlich keine Illusionen darüber zu machen, dass in solchen extrem kleinparzelligen Kriegen die absurdesten spontanen Bündnisse entstehen und dass auch FSA-Truppenteile mit ISIS-Truppenteilen gegen Assad kämpften oder es Überschneidungen gibt. Es war auch nicht Motivation dieses Artikels, eine illusionäre Einheit oder säkularistische Struktur der FSA zu behaupten, sondern gerade im Bewusstsein der Unmöglichkeit der Kategorie “FSA” auf Differenzierung zu beharren zugunsten der wenigen Tausend, die tatsächlich noch der Versuchung widerstehen, sich von Saudi-Arabien oder schlimmeren Bündnispartnern aushalten zu lassen. Die kurdische Armee kennt diese Situation und kooperiert daher inzwischen in weiten Teilen mit der FSA, die sich bisweilen auf kurdisches Gebiet flüchtet. Daher wird auch eine undifferenzierte Unterstützung der FSA auch nicht “den Druck auf die kurdischen Autonomiegebiete erhöhen”, wie das Wertmüller suggeriert.

Dann gibt es natürlich auch Überraschungen wie jene Oppositionellen, die sich für einen Frieden mit Israel aussprechen – zu den üblichen anmaßenden Bedingungen (Golan), aber dennoch mit weitreichenden Reflexionsebenen und erstaunlichem Mut gegen eine penetrant auf panarabischen Antizionismus getrimmte Moderatorin: “Hezbollah is attacking us while Israel treats the wounded”.