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Neues vom Immergleichen April 16, 2014 | 08:43 am

Viel ist immer mal wieder zu lesen über „die Kulturindustrie“. Da geben sich spröde Akademiker, schneidige Lohnschreiber und agile Freizeitagitatoren nichts. Doch wie kommen sie alle dazu anzunehmen, sie könnten – quasi unbeteiligt – über jene Bewußtseinsindustrie schreiben, deren Teil sie alle doch nolens volens sind?
Eine Ersatzhandlung besteht darin, statt über die real existierende Kulturindustrie in philologisch-seminaristischer Tradition über „die Kulturindustriethese“ bzw. „das Kulturindustrie-Kapitel“ zu räsonieren. Man kann über die Geschichte der Kulturindustrie reden, über ihre Inhalte, über ihre Produktionsbedingungen – nur entkommen, das kann man ihr erstmal nicht. Und so kann sie nur ein, wenn nicht der vornehmste Gegenstand immanenter Kritik sein: Es bleibt die Notwendigkeit, zu untersuchen, welche – marktförmigen, also nicht bloß manipulativen – Mechanismen es bewirken, daß sich, allem vordergründigen Pluralismus zum Trotz, in den Köpfen doch wieder jene letztendliche Alternativlosigkeit breit macht, die man nur Ideologie nennen kann. Sachzwang FM verwies, eingeleitet mit diesen Worten, in der aktuellen Sendung auf zwei „eminent gute“ Vorträge (2012, Berlin, Hummelantifa), die einige Thesen zur Transformation der Kulturindustrie aufbereiten.

1. Christoph Hesse: „Kulturindustrie, das sind die anderen“

Mit dem Begriff der Kulturindustrie hat Adorno der Kritik der sogenannten Massenkultur ihren schärfsten Ausdruck gegeben. Und zudem einen, der zielstrebig missverstanden wird: Kulturindustrie, das sind die großen Musikkonzerne und Hollywood, doch ganz sicher nicht die gutgemeinte Bastelei, derer man sich und seinesgleichen rühmt. Im übrigen herrscht Einigkeit darüber, dass, was populär ist, nicht durchaus schlecht sein könne. Adornos Kritik, die heute als überspannt und gleichermaßen überholt erachtet wird, galt nicht zuerst der unverdrossen sich selbst anpreisenden Kultur, sondern einer Gesellschaft, die es samt ihrer Kultur dahin brachte, dass die Menschheit, „anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten“, wie es in der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ heißt, in eine neue Art von Barbarei versank. Die törichten Schlager, denen man inzwischen allerlei Qualitäten nachsagt, hätte auch Adorno wohl ziemlich gleichmütig ertragen, wenn er nicht erkannt hätte, was es mit der in Verwaltung übergegangenen Kultur auf sich hat. Dieser Prozess hat längst auch die einstmals autonome Kunst erfasst. Vergeblich daher das scheinbar so leicht zu bewerkstelligende Kunststück, den Geltungsbereich der Kulturindustrie historisch oder geographisch einzugrenzen, um einer erklärtermaßen authentischen Kunst oder Kultur einen Platz draußen im Freien zuzuweisen. Wenn überhaupt, so enthält die Kulturindustrie selbst „das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen“ (Adorno).“

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2. Magnus Klaue: „Ohne weitere Bestimmung. Über die notwendige Vergangenheit des Glücks“

„Glück bezeichnet weder den bloßen Zufall, der einigen hold ist, während die anderen vergeblich auf ihn warten, noch ein besonderes Verdienst, sondern ein absichtloses Gelingen, das nur der ihrer selbst inne gewordenen Menschheit zufallen kann. Als Glück der Tüchtigen, das am Ende mühseliger Arbeit warten soll, wird es ebenso zur Lüge wie das zum ökonomischen Prinzip geronnene „Pursuit of Happiness“, welches das blinde Konkurrenzprinzip sanktioniert, bei dem jeder mit dem zufrieden sein soll, das für ihn übrigbleibt. Erst recht bezeichnet Glück keinen gesellschaftlichen Zustand, der als Ergebnis rationalistischer Planung entstehen möge. Vielmehr transzendiert es seinem Gehalt nach alle gesellschaftlichen Bestimmungen. Wohl deshalb west es in der totalen Gesellschaft als emotionstechnokratische Kategorie fort: Für das Glück muss man sich zurichten wie für Arbeit und Beziehung, und dabei hilft die zu ihrer eigenen Karikatur gewordene „Philosophie“ in Gestalt hauptamtlicher Reflexionssimulatoren wie Martin Seel und Wilhelm Schmid. Demgegenüber soll in Anlehnung an Adornos „Minima Moralia“ der Begriff des Glücks als Unabgegoltenes in seinem Verhältnis zur Zeit entfaltet werden. Gerade indem er das Geglückte ganz melancholisch stets als Vergangenes denkt, zielt der Begriff des Glücks negativ auf eine erfüllte Gegenwart, welche die Linearität der Zeit, in der alles entsteht, um zu verschwinden, für immer hinter sich gelassen hätte.“

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Leib ohne Trieb – Von der Prostitution zur Sexarbeit November 21, 2013 | 01:15 pm

Zeitgleich mit tagespolitischen Diskussionen um ein Verbot der Prostitution, lud die Kritische Intervention Theodora Becker und Magnus Klaue nach Halle, um – Abseits von Skandalisierung und Voyeurismus – den Begriff der Sexarbeit hinsichtlich des gesellschaftlichen Verhältnisses zu Arbeit, Sexualität und Körper zu untersuchen.

Theodora Becker: Sehnsucht nach Unmittelbarkeit – Prostitution als illegitimes Kind der Kulturindustrie

Theodora Becker von der autonomen Hurenorganisation Hydra e.V. in Berlin geht der Frage nach, was an der Prostitution der bürgerlichen Ordnung so bedrohlich erscheint, von der sie doch zugleich ein unabdingbarer und institutionalisierter Bestandteil ist, dessen Kontrolle zwar für dringend notwendig erachtet, dessen tatsächliche Abschaffung aber doch selten versucht wurde. In der ambivalenten Stellung der käuflichen Lust zeigt sich ein ebenso problematisches gesellschaftliches Verhältnis zur Sexualität, das auch durch sogenannte sexuelle Revolutionen nicht aus der Welt geschafft wurde. Wie dieses Verhältnis heute aussieht, zeigt sich auch daran, wie sich die Ware Sexualität unter kulturindustriellen Vorzeichen darstellt und welche Bedürfnisse und Sehnsüchte sie bedient. Becker wirft auch die Frage auf, warum in der üblichen, moralisch gefärbten Kritik an der Prostitution die Kommerzialisierung des Intimsten beklagt, jedoch das, was dieser Tauschhandel ermöglicht, meist nicht beachtet wird.

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Wie so häufig bei Veranstaltungen in Halle, gab es vor dem Referat ein Gespräch mit Radio Corax, welches den Fokus stärker auf die tagesaktuellen Debatten um Alice Schwarzers Forderung nach der Abschaffung der Prostitution legt.

Ankündigung:

Sie wollen Prostitution abschaffen und Frauenhandel stärker bekämpfen. Das Argument: Sexarbeiterinnen würden nicht freiwillig in dem Gewerbe arbeiten, es seien patriarchal dominierte ökonomische Strukturen, welche sie in ihre Situation drängen würden. Daher veröffentlichte die Zeitschrift von Alice Schwarzer, EMMA, einen „Appell gegen Prostitution“. Allerdings: Nach Frauen, die selbst betroffen sind, sucht man auf der Liste der UnterstützerInnen vegebens. Die haben schlicht woanders unterschrieben. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter beklagen in einem »Appell für Prostitution« die Ächtung ihres Berufes. Radio Corax sprach mit Theodora Becker vom Hydra e. V. über Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit.

Magnus Klaue – Sexwork und Körperpolitik als postfeministische Sozialtechnologie

Magnus Klaue, der in einigen Wochen im Ca-Ira Verlag ein neues Buch veröffentlichen wird, kritisiert die Verwandlung von Sexualität in „Arbeit“, wie sie sich exemplarisch an den Werken von Beatriz Preciado studieren lässt, die keinen Unterschied zwischen Sexualität und Prostitution kennen und das inkommensurable Moment des Triebs durch totale Technifizierung des Sexus zu tilgen suchen. Klaue versucht zu zeigen, inwiefern die „postfeministische“ Körperpolitik Emanzipation nur noch als restlose Selbstzurichtung subjektloser Subjekte kennt, denen Unbewusstes, Trieb und Leib nichts anderes sind als Objekt und Resultat von Wahlentscheidungen und „Einschreibungen“, mithin Ausdruck totaler Vergesellschaftung.

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testcard #17: Sex

Abschließend sei noch auf eine ältere Ausgabe der Testcard hingewiesen. Nummer 17 erschien 2008 unter dem Titel „Sex“ und Radio Corax sprach aus diesem Anlass mit dem, mittlerweile verstorbenen, Herausgeber Martin Büsser

Ankündigung:

„Wurden Sexualität und gesellschaftliche Befreiung Anfang der 1970er noch in einem untrennbaren Zusammenhang miteinander gedacht, ist linker Umgang mit Sex schon ein Jahrzehnt später immer stärker von Sexismus-Debatten überlagert worden. Nirgends wurde lustvoll über Sexualität geschrieben: Körper und Sex erscheinen seit den 1980ern in linksradikalen Kreisen als vermintes Gelände…“ Mit diesen Worten beginnt das Editorial der neuen Testcard. Jene Zeitschrift, die sich als Anthologie zur Popgeschichte und Poptheorie versteht. Testcard erscheint halbjährlich und beinhalten Artikel zu Musik, Film und zeitgenössischer Kunst, die um einen wechselnden Themenschwerpunkt kreisen. Diesmal eben Die Linke und der Sex. Was die MacherInnen dazu veranlasst hat? Darüber hat Judith mit dem Mitherausgeber Martin Büsser geredet.

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Bruhn, Huisken und Klaue in Leipzig October 21, 2013 | 05:33 pm

Der Arbeitskreis Gesellschaftskritik lud im Sommer 2013 zum Zweck der Förderung von Gesellschafts- und Ideologiekritik Joachim Bruhn, Freerk Huisken und Magnus Klaue nach Leipzig. Die Referate, die sich alle an bereits dokumentierten anlehnen, stehen hier zur Verfügung.

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“Die Nacht zum Tag zu machen, ist heute eher eine Drohung als ein Versprechen. Der muntere…” September 15, 2013 | 03:24 pm

“Die Nacht zum Tag zu machen, ist heute eher eine Drohung als ein Versprechen. Der muntere Hedonismus, mit dem die Parole kokettiert, bemäntelt nur halbherzig die Resignation, die ihr zugrunde liegt. Wo alle sich vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung mit wütender guter Laune und hoffnungslosem Optimismus auf die Nerven gehen, ist die Nacht, wenn sie denn überhaupt noch stattfinden darf, nicht mehr die Zeit von Traum und Geheimnis, sondern höchstens der zugelassenen Erschöpfung.”

- Magnus Klaue: Augen zu und durch, in: Verschenkte Gelegenheiten  Polemiken, Glossen, Essays, ca-ira Verlag Herbst 2013 (via abenteuerundfreiheit)

Über das Verhältnis von Genuss und Lust. Ein Gespräch mit Magnus Klaue March 17, 2013 | 02:11 pm

Claus Harringer von Radio FRO aus Linz sprach mit Magnus Klaue über das Verhältnis von Genuss und Lust, die sogenannte Entschleunigungsbewegung, die abstrakte Vorstellungen von Nachhaltigkeit als Alltagsreligion, Regionalismus und kritikable Voraussetzungen der Ökologiebewegung: Die Sendung findet sich beim CBA , BFR (leicht gekürzt) und im Audioarchiv.

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Magnus Klaue: Unbekannt Verzogen, Über linken »Touristenhass« und die Unmöglichkeit des Wohnen December 6, 2012 | 05:11 pm

Die bearbeitete Aufnahme eines Referats von Magnus Klaue (Unbekannt Verzogen, Über linken »Touristenhass« und die Unmöglichkeit des Wohnens.) wurde bei frn veröffentlicht. Download: via AA (mp3; 0:33 h; 52,3 MB) Hier die längere Aufzeichnung der Veranstalter.

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Die un_kritische Theorie Judith Butlers? Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012 December 5, 2012 | 04:12 pm

Vor einigen Monaten diskutierte (nicht nur) die politische Linke die Frage, ob Judith Butler eine würdige Preisträgerin des nach und gegen Adorno benannten Preises der Stadt Frankfurt sei. Butlers Unterstützung für antiisraelische Boykottkampagnen und die Bekundung, Hamas und Hisbollah wären Teil der globalen Linken, widersprachen allzu deutlich dem, wofür der Namensgeber des Preises einstand. Wir dokumentieren Beiträge, die Adorno gegen seine Preisträger verteidigen (Alex Gruber und Magnus Klaue) und den grundlegend affirmativen Zug der als so radikal gefeierten Gender-Theorie und Moralphilosophie Butlers versuchen darzulegen (Lars Quadfasel). Hinzu kommt aber auch eine Position (Ole Frahm), die Butlers Philosophie als einen Versuch sich in einer bestimmten jüdischen Tradition zu denken liest und Kritik an den Kritikern der Verleihung übt.

Alle Dateien sind auch auf Rapidshare zu beziehen.

Adorno gegen seine Preisträger verteidigt.

Wir beginnen mit einer Gegenveranstaltung zur Preisverleihung an Butler. Die Initiative Adorno gegen seine Preisträger verteidigen! lud Alex Gruber und Magnus Klaue am 11.09.2012 in das Studierendenhaus der Universität Frankfurt a. M.

Einführung zur Veranstaltung von Christoph Zwi

    Download: via AArchiv (mp3; 6 min; 8 MB)

Alex Gruber: Zur Austreibung des Objekts – Judith Butlers postmoderne Affirmation des Bestehenden

Was Adorno in Bezug auf die Semantik der analytischen Philosophie, an die Judith Butler etwa in „Haß spricht“ kritisch anschließt, bezogen feststellt, gilt in verstärktem Maße auch für die Diskurs- und Anredetheorie der poststrukturalistischen Denkerin: Ihre isolierende Sprachkritik ist durch den Charakter des Fetischismus bestimmt. Butler glaubt im Rückgriff auf John L. Austins Sprechakttheorie, dass „Trübungen und Trugtendenzen, die an der Sprache zu beobachten sind“ in der zum Diskurs ontologisierten Struktur der Sprache angelegt sind, „anstatt dass die Worte stets gesehen werden als ein Wechselspiel, als ein Kraftfeld zwischen dem was sie in der Sprache sind, und dem was sie bedeuten, was eben die reale Gesellschaft ist“ (Adorno). Vielmehr ist von Butler das Kommunikationsmittel Sprache gleichsam absolut gesetzt; so absolut dass sie keinerlei Gegenständlichkeit außerhalb der Sprache gelten lassen und jede Annahme eines Außersprachlichen als unzulässige Essentialisierung oder Substantialisierung austreiben möchte. Diese dekonstruktivistische Jagd auf den Vorrang des Objekts ist es zugleich auch, worin jenes Drängen zur Praxis fundiert ist, welches Judith Butlers Theorie charakterisiert und ihr das Flair der Kritikerin verschafft – während es doch nur die zur Tat schreitende Verdopplung der gesellschaftlichen Naturbeherrschung darstellt.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 43 MB)

Magnus Klaue: Leib ohne Gewicht – Judith Butlers Körperpolitik

Zu Beginn ihres Buches „Das Unbehagen der Geschlechter“ stellt Judith Butler ausdrücklich fest, sie verstehe sich nicht als „Feministin“. Feminismus ist für sie Ausdruck einer repressiven „Identitätspolitik“, die letztlich nichts anderes als die Durchsetzung schnöder Interessen betreibe und die einzelnen Frauen zu diesem Zweck auf ein gemeinsames, vermeintlich ontologisches Prinzip des „Frauseins“ verpflichte. Butler selbst setzt dem jedoch keinen Begriff von Individualität entgegen, der über die Ontologie des Geschlechtscharakters hinausweist, sondern plädiert in letzter Konsequenz für den Rückbau selbst noch der Residuen von Individualität, die im bürgerlichen Geschlechtscharakter angelegt sind, zugunsten einer partikularistischen „Vielheit“ fluider Rollenmuster. Die regressiven Implikationen dieser „Körperpolitik“ lassen sich besonders anschaulich an Butlers Exorzismus des Leibbgeriffs zeigen: Indem sie den pauschal als theologisch oder zumindest metaphysisch denunzierten Begriff des Leibs zugunsten eines als krudes Material gesellschaftlicher Zurichtung aufgefassten „Körpers“ preisgibt (geschlechtertheoretisch zeigt sich dies an der Ersetzung des Sexus durch „Gender“), tilgt sie jede Möglichkeit der reflektierenden Erinnerung an die erste Natur im Menschen durch blinde Affirmation der zweiten Natur, der auch ausgeliefert sei, wer der schlechten Vergesellschaftung widerstehen wolle.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 42 MB)

Lorettas Leselampe: Anmerkungen zur Diskussion um Judith Butler

Die bereits hier erwähnte Sendung des Freien Senderkombinats Hamburg zeigte sich dagegen überrascht, wie roh gelegentlich mit den Versuchen einer Philosophie umgegangen wird, die versucht in einer bestimmten jüdischen Tradition sich zu denken. Ole Frahm arbeitet in der Sendung aus dem Oktober 2012 mit diversen Einspielern aus Vorträgen Butlers und übt Kritik an den Kritikern der Preisverleihung (etwa Grigat, Way,…)

    Download: via AArchiv (mp3; 82 min; 112 MB)

Lars Quadfasel: Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Auf Einladung der Association Antiallemande Berlin referierte Lars Quadfasel im Laidak über die un_kritische Theorie Judith Butlers

Zu zeigen wird im einzelnen sein dass die so populär gewordene Vorstellung, das menschliche Natursubstrat sei nichts als ›diskursiv konstruiert‹, d.h. rein durch Sprache erschaffen, eine groteske Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus darstellt – eines Idealismus allerdings, dessen (nunmehr als »Gesetz«, »Norm« oder »Diskurs« fungierender) Geist so allmächtig wie geistlos ist; dass die queere Subversion der Geschlechterdualität exakt der Logik des Kapitals folgt, unter dessen Herrschaft längst auch von Frauen mannhaftes Durchsetzungsvermögen und von Männer ‚weibliche Tugenden‘ (Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz) gefordert wird; dass die »Dekonstruktion« von Körper und Geschlecht daher bloß nachvollzieht, dass den Menschen ihre eigene Leiblichkeit mehr und mehr zum Störfaktor mutiert – und zugleich, in der Verleugnung des menschlichen Natursubstrats, exakt das dem kritischen Blick entzieht, was die Menschen der Herrschaft so gefügig macht: das Ineinander von Gesellschaft und Leib, erster und zweiter Natur, in Gestalt von Entbehrung, Schmerz und Leid; dass Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird; dass in der postmodernen Puppenstubenidylle, als welche die Welt in der Butler’schen Theorie erscheint, nichts vorkommen kann, was nicht durch ein bisschen Treu und Redlichkeit wieder ins Lot zu bringen wäre – nicht Auschwitz also, die vollendete Barbarei, und auch nicht diejenigen Kräfte, die heute das Werk des Vernichtungsantisemitismus fortzuführen und zu vollenden trachten; dass also, kurz und bündig, Butlers Gedankenwelt weder, wie von ihren linksradikalen Adepten behauptet, revolutionär noch, wie von ihr selbst intendiert, reformistisch ist, sondern schlicht und einfach die zeitgemäße Ideologie des akademischen Kleinbürgertums: die Einladung zum bedingslosen Mitmachen, ohne je selber dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.
Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

    Download: via AArchiv (mp3; 50 min; 69 MB)
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links (25. November 2012) November 25, 2012 | 09:26 am

Die vergangene Nacht (bis vor einer halben Stunde) widmete der RBB Rosa von Praunheim. In einer Folge von “Rosas Welt” äußerte sich der Bildhauer Karsten Klingbeil über seinen “persönlichen Holocaust”, den er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erlebt habe. Es sei “genauso” gewesen. Hier geht’s zur Mediathek.

  • Neues von der beliebten Vollflachzange Xavier Naidoo: “Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ihr tötet Kinder und Föten. Ihr hab einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” Und keine gute Verschwörung kommt ohne einen Link zu alteingessenen aus: “Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.” Diese Zeilen sind in einem ‘hidden track’ auf einem gemeinsam mit einer nicht minder dümmlichen Person namens Kool Savas aufgenommenen Album zu hören. Abhaten gegenüber der Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch; eine wirre Neuverschwörung in der Schwule Föten töten würden und das Ignorieren von Lesben - die sind doch bestimmt auch ganz widerlich und schlecht für den deutschen Volkskörper oder? Ach, vielleicht finden sie die ganz dufte, weil “Möse” und vermeintlich keine Penetrationsmacht? Mittels “Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” ist das ja indirekt geklärt. Und an anderer Stelle noch ein kleiner Verschwörungsnachschlag inkl. autoritärer Sehnsucht: ”Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?” um etwas gegen “furchtbare Ritualmorde an Kindern, die tatsächlich ganz viel in Europa passieren” zu tun. unfuckingbelieveable (via queer.de).
  • Alle Bildungsarbeit der Welt ist Perlen vor die Säue, wenn personifiziertes Bescheidwissen weiterhin Unsinn erzählen darf. So wie bspw. neulich in Bopfingen. Irgendwo im Schwäbischen. Dort meinte Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld die These zu verkaufen, dass der Antisemitismus weitgehend auf “schlichte[r] Habgier” basiere. Die lokale Journaille “Schwäbische Zeitung” zieht sprachlich weiterhin vom deutschen Leder und verwendet in seiner Berichterstattung gerne und ohne Anführungszeichen Ausdrücke wie “Reichskristallnacht” oder die “in Palästina ausgetragenen Kämpfe”. Einzig der Hinweis darauf, dass der Ausdruck “christlich-jüdische Tradition im Abendland” blanker Hohn ist, sollte positiv angerechnet werden. Auch wenn das einem Mindestmaß gleichkommt. In der “Jüdischen Allgemeinen” erschien anlässlich des 9. November ein lesenswerter Artikel zu Begrifflichkeiten (und ihrem Wandel) rundum die Novemberprogrome 1938 und ein weiterer dazu wie sie bzw. aktueller Antisemitismus gegenwärtig (de)thematisiert werden.
  • Deutschland am 9. November 2012: nachdem die Stimmung im mecklenburgischen Kaff Wolgast schon gefroren ist - ein Asylbewerberheim wird eingerichtet, das Fernsehen berichtet ganz, ganz fies über die doch gar nicht so rassistischen Äußerungen und Handlungen (Landser et. al. für den ganzen Wohnblock unfreiwillig hörbar) der ortsansässigen Deutschen, die daraufhin rumheulen - sollte nun die NPD also ausgerechnet am 9. November mit einem genehmigten Fackelzug durch das Drecksnest bis vor die örtliche Gemeinschaftsunterkunft ziehen (beim Kombinat Fortschritt gibt es auch einen Überblick zur aktuellen Situation vor Ort). In Greifswald war man unterdessen subtiler und entfernte Stolpersteine. “Polizei vermutet politisches Motiv” - diese Füchse…
  • Eigentlich sollte es nach einigen Äußerungen seitens Sigmar Gabriel und der Geschichte des Antisemitismus in Arbeiterorganisationen nicht verwundern, aber dass die SPD ganz unverhohlen mit der Fatah “flirtet” sorgt wenigstens bei mir doch noch für erschrockenes Stirnrunzeln.
  • Die aktuelle Situation im Nahen Osten ist (wenigstens für mich) noch nie so mürbend wie heute. In vielerlei Hinsicht. Auf einer Mailing-Liste “linker Akademiker_innen” wird Ken Jebsen promotet und Israel direkt mit dem NS verglichen. Stark. Dennoch eine kleine Auswahl lesenwerter Beiträge: zunächst “An all die Mahner, Kopfschüttler, Abwiegler” von Lila (“letters from rungholt”). Des weiteren ist Felix Riedel auf “nichtidentisches” wieder einmal zu empfehlen: “Das Ende der Propaganda”. Beim Telegraph findet sich eine Medienanalyse mit dem Titel “Pallywood and the pornography of death: the Western media suckered again”. Klassiker: Stephan Grigat - “Befreit Gaza - von der Hamas”. Roland Benedikter über die strategischen Züge und Bedeutung auf internationaler Ebene: “Gaza - warum gerade jetzt?”. In dem etwas betagten Text “Der Krieg gegen die Juden” von Robert Kurz finden sich interessante Gedanken. Und falls mal wieder die Lust am Argumentieren oder Pöbeln fehlt, lässt sich ggf. auf dieses Video über “Israel in den deutschen Nachrichten” zurückgreifen.
  • Unterdessen in Uganda: das Parlament hat sich als “Weihnachtsgeschenk” für seine Bevölkerung überlegt, einen zweiten Versuch zu starten und einen neuen Gesetzentwurf einzubringen, der diese vor der “ernsthaften Bedrohung”, die von homosexuellen Menschen ausgehe, schützen soll. Diesem Entwurf zufolge soll die Todesstrafe nicht mehr bei “schweren Fällen von Homosexualität” sondern “nur noch” bei “Pädophilen” angewendet werden. Die bisher bereits verankerten, lebenslangen Haftstrafen, die Schwulen und Lesben (anderweitige Schubladen sexueller oder geschlechtlicher Identität wurden bisher nirgends erwähnt, ist bei diesem rigorosen Hass aber ohnehin vollkommen obsolet) bei öffentlicher Auslebung ihrer Sexualität jetzt bereits drohen, bleiben freilich bestehen. Mit dem neuen Gesetz soll dann auch “Werbung” für Homosexualität (???) und das Vermieten von Wohnungen an homosexuelle Menschen mit bis zu fünf Jahren Knast bestraft werden. Hmm - Fuck you.
  • In Frankreich wird unterdessen munter gegen die Möglichkeit einer Ehe für homosexuelle Paare demostriert.
  • Das italienische Klima scheint derweil nicht nur ungemein sexistisch (vgl. Berlusconi) sondern auch homophob zu sein: ein elfjähriger Schüler hat sich, nachdem er wiederholt ob seines Erscheinungsbilds sowie seiner sexuellen Orientierung von dessen Mitschüler_innen gemobbt wurde, selbst umgebracht. So viel zu “it get’s better”.
  • Das soziale Klima in Griechenland ist unterdessen auch gruselig: Neonazis machen sich bereit das Land zu bestimmen. Selbstjustiz, Gewalt auf den Straßen, Rassismus, Antisemitismus - auch im Parlament. Mehr von Federica Matteoni in der jungle World.
  • “Am 6. November berichtete die Frankfurter Rundschau, dass ein 41jähriger Deutscher äthiopischer Herkunft Strafanzeige gestellt hat, nachdem er von Beamten des Polizeireviers im Frankfurter Stadtteil Bornheim (Hessen) misshandelt und bewusstlos geschlagen worden sei. Im Gespräch mit der Zeitung gab der Mann an, am Abend des 17. Oktober sei zunächst seine Verlobte bei einer Fahrkartenkontrolle von Kontrolleuren in der U-Bahn festgehalten und in rassistischer Weise beleidigt worden, obwohl sie einen gültigen Fahrausweis habe vorzeigen können. Die hinzugerufenen Polizisten hätten anschließend seinen Personalausweis sehen wollen, den er nicht dabei gehabt habe. Daraufhin sei er auf dem Weg zu seiner Wohnung, in der sich der Ausweis befand, auf offener Straße geschlagen worden, zudem sei er in rassistischer Weise beleidigt worden.” (via “Deutsches Haus” 46/12)

Anhören:

Termine:

Veranstaltungsreihe “Erinnern, Vergessen, Verdrängen – Deutsches Erinnern an die Shoah” November 12, 2012 | 09:24 pm

Veranstaltungsreihe "Erinnern, Vergessen, Verdrängen - Deutsches Erinnern an die Shoah":

Am kommenden Freitag, den 16. November, startet die Veranstaltungsreihe “Erinnern, Vergessen, Verdrängen - Deutsches Erinnern an die Shoah” mit einem Vortrag von Rainer Hirt (FH Jena) zur Geschichte der deutschen “Erinnerungskultur”. Zeit: 19.30 Uhr, Hörsaal 9 am Campus Carl-Zeiss-Straße, Jena. Weitere Informationen dazu gibt es auf dem die Reihe begleitenden Blog sowie der Facebook-Seite.

Weiter geht es dann mit diesen Veranstaltungen:

23. November 2012. Sonja Witte - „Nationales Vergangenheitsrecycling - Die postnazistische Allianz der Generationen im deutschen Kollektiv”. Zeit: 18 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 7.

‚Aufarbeitung deutscher Geschichte’ verbindet immer wieder als moralischer Bezugspunkt nationale Ideologie mit der Idee einer Versöhnung der Generationen. Die Referenz auf die deutschen Verbrechen, auf Auschwitz, ist dabei zentral. Neben die fortwährende Stilisierung der Deutschen als Opfer tritt seit den 90ern die Integration von Auschwitz in die kulturindustrielle deutsche Erinnerungsarbeit als gesellschaftlichem ,Kitt‘, in der die Nation – und zwar mittlerweile ohne die Shoah abzuspalten – zum kollektiven Objekt der Identifizierung wird. Die neue scheinbare Unbefangenheit im Umgang mit der Geschichte, in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der eigenen Großeltern, der Wunsch, bei der Weltmeisterschaft auch einmal „schwarz-rot-geil“ zu sein, macht die dritte TäterInnengeneration zum Protagonisten des postnazistischen Nationalgefühls. Der Vortrag stellt die von der Gruppe kittkritik in dem Sammelband „Deutschlandwunder –Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur“ (erschienen 2007 im Ventil-Verlag) entwickelten Thesen zur Verknüpfung der gegenwärtigen kulturindustriellen Anpassung und Umwandlung von Elementen des Nationalsozialismus mit subjektiven unbewussten Wünschen und Abwehrstrategien im Verhältnis zwischen Tätergeneration, Kindern und Enkeln anhand von Film- und Musikbeispielen dar.

27. November 2012. Philipp Schweizer - „Eine materialistische Theorie der Geschichte – Walter Benjamins Griff nach der Notbremse und Adornos Versuch die Ursachen der Vergangenheit zumindest nachträglich zu beseitigen“. Zeit: 19 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Noch vor 50 Jahren schienen die Fronten klar: die Erinnerung an den Nationalsozialismus richtete sich nicht nur gegen das Schweigen der eigenen Väter und Onkel, sondern auch das er gesamten deutschen Öffentlichkeit. Diese wollte lieber auf eine große Zukunft Deutschlands hinarbeiten und dazu einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, anstatt sich mit der Erinnerung an die abzugeben die im Namen Deutschlands und seiner Zukunft ermordet wurden. Vor diesem Hintergrund schien jedes Erinnern ein Angriff auf den emsigen Wiederaufbau und die Ruhe und Ordnung zu sein – kurz war praktische Subversion. Wie aber steht es um die subversiven Potentiale von Erinnerung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Zeiten in denen sich eine Breite Erinnerungskultur etabliert hat und sogar Gedenkverstaltungen zur Befreiung von Auschwitz oder zum Ende des Nationalsozialismus in Bundestag und -rat mit Zitaten Theodor W. Adornos eröffnet werden? Der Vortrag vergegenwärtigt zunächst die Überlegungen der Kritischen Theorie zu Erinnerung und Geschichte, indem die Überlegungen aus Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) und Theodor W. Adornos Vortrag „Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1960) vorgestellt werden, um in Anschluss an diese eine materialistische Theorie der Geschichte zu umreißen.

07. Dezember 2012. Christian Schneider - „Trauer als Metapher deutscher Erinnerungspolitik – Besichtigung eines ideologisierten Affekts“. Zeit: 19 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Spätestens mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizäckers am 8. Mai 1985 wurde die Verknüpfung von Erinnerung, Trauer und Verantwortung zentraler Bestanteil deutscher Erinnerungspolitik. Trauer ist jedoch nicht moralisch postulierbar, sondern ein spontaner kreatürlicher Akt. Der Vortrag geht anhand der Rede von Weizäckers, der Opferidentifizierung der 68’er und der Debatte um das Holocaustmahnmal der These nach, dass der Begriff „Erinnerung“ im Kontext von NS und Shoah fetischisiert und de facto verzerrt wird und dass die die im deutschen Erinnern allgegenwärtige Rede von der Trauer um die Opfer der Shoah, die Trauer um ihren humanistischen Gehalt bringt.

09. Dezember 2012. Exkursion – Mittelbau Dora

weitere Infos gibt es bislang nur auf der Seite zum dazugehörigen “Facebook-Event

13. Dezember 2012. Magnus Klaue - „Bürgerliche Kälte“ Zur Aporie historischen Eingedenkens in der Kritischen Theorie. Zeit: 19.30 Uhr. Ort: Uni Jena, Carl-Zeiß-Str. 3, Hörsaal 9.

Daß die „Dialektik der Aufklärung“ an ihren „schwärzesten Stellen“ vor der „These der Gegenaufklärung“ resigniere, daß der Schrecken sich nicht abschaffen lasse, und zu einer negativen Geschichtsmetaphysik zu gerinnen drohe, hat bereits Jürgen Habermas 1963 festgestellt. Es war sein Entrebillet ins Racket der Nachlaßverweser des Erbes von Horkheimer, Benjamin und Adorno, das seinen Aufstieg zum Chefphilosophen der neudeutschen Zivilgesellschaft ermöglichte. Doch auch bei Leuten, die keiner Sympathie mit Habermas verdächtig sind, ist die Behauptung populär, dass die „Dialektik der Aufklärung“ und die „Negative Dialektik“ durch ihre Hypostasierung der negativen Totalität des Geschichtsprozesses jede empathische Identifikation mit „den Opfern“ unmöglich machten, ja die Differenz zwischen Tätern und Opfern gar nicht mehr denken könnten. Gegenüber diesem verschämten Abschied von der Kritischen Theorie, der sich neuerdings auf Jean Améry beruft, soll der Vortrag zeigen, daß die Verweigerung einer gefühligen Identifikation mit den Opfern der Shoah und die „kalte“ Vernachlässigung des empirischen Einzelschicksals bei Adorno sich selbst als Konsequenz historischen Eingedenkens angesichts eines Menschheitsverbrechens verstehen lassen, das den Begriff des „Einzelschicksals“ bis ins Innerste fragwürdig gemacht hat. Gerade deshalb hat die frühe Kritische Theorie vom Opfergedenken einen verbindlicheren Begriff als die seither entstandene nationale Gendenkkultur, die „die Opfer“ nicht empathisch genug betrauern kann, um umso gründlicher zu vergessen, woran sie erinnern und wozu zu sie auffordern.

Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik. November 7, 2012 | 11:12 am

Im Rah­men der Anti­fa­schis­ti­schen Hoch­schul­tage (unter dem schö­nen Titel Hört auf zu stu­die­ren, fangt an zu begrei­fen) lud die ag antifa Magnus Klaue nach Halle, um ihn über die Ideo­lo­gie der Krea­ti­vi­tät in der neue­ren Päd­ago­gik refe­rie­ren zu las­sen. Nach eini­gen Wor­ten zur Begriffs­ge­schichte der Krea­ti­vi­tät, skiz­ziert Klaue – mit Ver­weis auf einen Aus­spruch Neil Post­mans (der vom Ver­schwin­den der Kind­heit schrieb) – die Ver­än­de­rung des Kind­heits­be­griffs und zeigt die Umge­stal­tung der Päd­ago­gik: Am Bei­spiel der soge­nann­ten unbe­ding­ten Schule, einer Reform­schule aus Bonn, ver­deut­licht er die Inte­gra­tion eins­ti­ger Ideo­lo­gie­kri­tik, um abschlie­ßend über die Mög­lich­kei­ten einer ästhe­ti­schen Erzie­hung (Schil­ler) zu sprechen.

»Stell Dir vor, es ist Schule … und jeder will hin!« Unter die­ser Maxime skiz­zierte jüngst eine »Grün­dungs­in­itia­tive Unbe­dingte Schule« nicht etwa eine päd­ago­gi­sche Dysto­pie, deren Ver­wirk­li­chung unbe­dingt zu ver­hin­dern wäre, son­dern das Ideal einer »guten Schule«, die »selbst­be­stimm­tes, eigen­ver­ant­wort­li­ches Ler­nen« ermög­licht und in der, wie gedroht wird, »Inklu­sion selbst­ver­ständ­lich ist«. Das gute Leben ist da, wenn nie­mand mehr aus­ge­schlos­sen wer­den muss, weil alle sich wider­stands­los ein­schlie­ßen las­sen. Ent­spre­chend ver­steht sich die »Unbe­dingte Schule«, in Überein­stim­mung mit Jac­ques Der­ri­das »Unbe­ding­ter Uni­ver­si­tät«, als zivil­ge­sell­schaft­li­cher Gegen-Staat »ohne Men­schen­bild« und mit fla­chen Hier­ar­chien, einem eige­nen »Ethik­rat«, einer »Schul­ver­samm­lung« und einem »Schul­ge­richt«. Ihre päd­ago­gi­schen Prin­zi­pien sind das Stre­ben nach »Welt­wis­sen« statt nach bana­lem Schul­wis­sen sowie die Ermög­li­chung maxi­ma­ler »Bewe­gungs­frei­heit«. Der päd­ago­gi­sche Schlüs­sel­be­griff lau­tet statt »Erzie­hung« oder »Bil­dung« nicht zufäl­lig »Spiel«: Aller ehe­ma­lige Ernst des Lebens soll spie­le­risch auf­ge­fasst, aber auch alles Spiel päd­ago­gi­siert wer­den. Aus­ge­hend von die­ser einst­wei­len ima­gi­nä­ren Insti­tu­tion, die erah­nen lässt, wie die Zukunft der Kind­heit aus­se­hen könnte, soll gezeigt wer­den, wie die neuere Päd­ago­gik Phan­ta­sie und Ima­gi­na­tion der wer­den­den Indi­vi­duen in ihrem Trieb­grund liqui­diert, indem sie sie in »Krea­ti­vi­tät« über­führt.
Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Baha­mas und Jungle World.

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Pas­send dazu noch ein Arti­kel von Klaue: eine Ele­gie auf die bür­ger­li­che Kind­heit in der Jungle World.

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Neue Deutsche Buntheit May 26, 2012 | 10:12 am

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Seltsam nur, daß die “fremden Kulturen” im Zeitalter ihrer vermeintlichen Dekonstruktion dem eigenen Abziehbild stärker ähneln als je. Dies zu überprüfen, genügt der Besuch des größten alternativen Ethno-Events der Hauptstadt, des Berliner “Karnevals der Kulturen”, auf dem “Stern”- und “Bild”-Leser in ungewohnter Eintracht mit postkolonialen Gender-Linken ethnisch korrekt herausgeputzten Minoritätendarstellern bei ihren krampfig-originiellen Performances zujubeln. Diese jährliche Großveranstaltung, die traditionell mit zünftigen Urinier- und Kotzorgien in Kreuzberger Hausfluren endet, ist der sinnfällige Beweis für die Konvergenz von Chsristopher Street Day und Oktoberfest. Was in den achtziger Jahren mehrheitlich noch als Störung der tristen öffentlichen Ordnung wahrgenommen wurde, begrüßen die Vertreter dieser Ordnung heute als authentischen Ausdruck neuer deutscher Buntheit. Einer Buntheit allerdings, die sich nicht der entspannten Individualität verdankt, sondern dem Patchwork der ethnisierten Minderheiten, deren Angehörige immer stärker unter sich sind, je toleranter ihre Milieus koexistieren.

Magnus Klaue in der aktuellen Konkret über “Ethnomarketing”, der neusten Strategie zur Versöhnung von Kosmopolitismus und Sippenzwang.

Mutterschaft und Mord. Über den Topos der Kindstötung in Kunst und Wirklichkeit am Beispiel des Falles von Gertrude Baniszewski March 28, 2012 | 10:17 am

Mutterschaft und Mord. Über den Topos der Kindstötung in Kunst und Wirklichkeit am Beispiel des Falles von Gertrude Baniszewski

Foto: Paula Winkler

Christiane Ketteler / Magnus Klaue

Wer von der Mutter als Mörderin spricht, assoziiert damit zumeist reflexhaft einige sensationsträchtige Fälle von Kindstötungen. In diesen tötet die Mutter stets ihr eigenes Kind zu einem Zeitpunkt, da sie zwar die biologische, aber nicht auch schon die soziale Mutter geworden ist. In der Forschung werden Kindstötungen nach dem Alter des Kindes unterschieden, Neonatizid etwa wird bestimmt als die Tötung eines Kindes innerhalb von 24 Stunden nach seiner Geburt, Infantizid als die Tötung eines Kindes im Alter von einem Tag bis zu einem Jahr und Filizid als die Tötung von Kindern über einem Jahr. Diese Differenzierung hat sich auch in der Rechtssprechung der meisten Länder niedergeschlagen. In England etwa ist im Jahre 1938 mit dem Infanticide Act die Anklage von Frauen, die ihr Kind im Alter von bis zu einem Jahr töten, von Mord auf Totschlag herabgestuft worden, sofern „the balance of her mind was disturbed by reason of her not having fully recovered from the effect of giving birth to her child or by reason of the effect of lactation“ . Die Tötung des Kindes wird als Folge eines durch die Geburt ausgelösten psychischen Schocks definiert, dem keine psychische Erkrankung vorausgegangen sein muss. Entscheidend ist immer das Alter des Kindes. In jenen Ländern, in denen der Infanticide Act gilt, müssen Täterinnen daher weniger häufig mit einer Gefängnisstrafe rechnen, sondern werden auf Bewährung freigelassen oder in psychische Behandlung gegeben. In den Vereinigten Staaten gilt ein solches Gesetz nicht.

In Deutschland ist die juristische Privilegierung der Kindstötung 1998 aufgehoben worden. Kindstötung bis zu diesem Zeitpunkt galt als die Tötung des nichtehelichen Kindes bei oder unmittelbar nach der Geburt. Diese Privilegierung gründete sich nicht allein auf die biologische Disposition, sondern auf die normative Ordnung der bürgerlichen Ehe.

Sie berücksichtigte die psychische Zwangslage der Mutter, ein Kind unter den Umständen der Nichtehelichkeit geboren zu haben. Die Tötung des Kindes wird also nach Maßgabe der bürgerlichen Reproduktionsideologie sanktioniert, anderseits aber gilt allein die Mutter als Täterin, nur sie wird bestraft oder therapiert.

In dieser juristischen Form verschwindet die Rolle der Vaterschaft genauso wie die gesellschaftliche Rolle der Mutter, sie wird als Einzelfall psychologisiert. Ebenso wenig Berücksichtigung finden die gesellschaftlichen und juristischen Möglichkeiten eines Schwangerschaftsabbruchs. Oft appellieren die Urteile ausdrücklich an das Ideal der gelingenden bürgerlichen Ehe, das diese Frauen eben gerade nicht erfüllten. Der Ausnahmefall setzt die Regel voraus. Die gesellschaftliche Sensationalisierung und Sentimentalisierung von Müttern als Mörder ist ohne den Muttermythos undenkbar, der bis heute nicht aufgelöst ist, sondern im Gegenteil gerade wieder auf die Agenda einer nun aber selbstbestimmten postmodernen Einordnung in die fortbestehende Unfreiheit gesetzt wird. Ein Kindsmord erscheint dieser populären Vorstellung einer gleichsam naturwüchsigen Mutterliebe, mit der die Zuständigkeit der Frau für die Kindererziehung legitimiert wird, als Abfall von der natürlichen Ordnung, der als pathologisch begriffen wird und überdies katastrophale traumatische Folgen für die Frau habe.

Dieser Diskurs durchzieht bis heute auch die Abtreibungsdebatten, in denen Frauen damit gedroht wird, dass ein Trauma nach dem Schwangerschaftsabbruch unvermeidlich sei. Der naturalisierten Frau als Mutter wird so weiterhin die selbstbestimmte Entscheidung darüber abgesprochen, wie mit der biologischen Disposition gesellschaftlich und individuell umgegangen werden kann, sie ist nur mehr eine frei Scheiternde. Das eigentliche Tabu des Muttermythos aber ist die soziale Mutterschaft, das Versagen und Scheitern einer Mutter lange nach der Geburt des Kindes. Wie jede Form häuslicher Gewalt gehörte die Gewalt der Mutter zu den lange unausgesprochenen und tabuisierten Bereichen der bürgerlichen Gesellschaft. In Deutschland ist dieser Bereich in den letzten Jahren vor allem durch Eingriff des Staates ins öffentliche Licht gerückt, aber nicht wirklich enttabuisiert worden.

Die heute in den Massenmedien ausgemachten Versager sind schnell identifiziert: alleinstehende Mütter, Hartz-IV-Empfängerinnen, oft mit Kindern verschiedener Väter. Rauf und runter bringen Kommunikationsmonstren wie die Supernanny diesen inferioren und leicht debilen Frauen ihre Mutterrolle bei, um ihnen die soziale Kälte technologisch abzutrainieren und ihnen beizubringen, keine Forderungen zu stellen, sondern sich selbst zu fordern.

Dass sie versagen oder versagt haben, ist nicht nur individueller Defekt der Frau, sondern Resultat einer misslungenen bürgerlichen Sozialisation oder eines ökonomischen Scheiterns. Es gibt kein Scheitern im Namen der bürgerlichen Gesellschaft, nur eines abseits von ihr.

Der Muttermythos, der in puncto Arbeitsteilung vor allem für bürgerliche Frauen einen empirischen Wirklichkeitswert besaß, machte aus der Frau eine gesellschaftlich unzulängliche Täterin.

Bis in die 1980er Jahre war jene Frau, die auch Mutter war, die Frau als Mutter und somit die in der Reproduktionsarbeit und der Liebe aufgehenden Person, abgeschnitten von der Sphäre der Lohnarbeit und des politischen Lebens.

Umgekehrt galt die Frau immer dann als sozial Scheiternde, wenn sie nicht Mutter sein wollte. In Deutschland hat sich diese Logik vor allem in der historischen Wahrnehmung des Nationalsozialismus niedergeschlagen. Frauen als Täterinnen und Mörderinnen blieben bis in die 1990er Jahre zunächst vollkommen unsichtbar, und dies nicht nur aufgrund der Normen einer „patriarchalen“ Wissenschaft, sondern auch als Abwehr- und Entschuldungsmuster von Frauen selbst. Die Schuldfrage der groß gewordenen 68er-Kinder richtete sich zunächst an die Väter, nicht an die Mütter. In den Massenmedien – zuletzt in dem Film Der Vorleser– tauchen Frauen zwar als Täterinnen auf, sind aber keine Mütter, sondern alleinstehende Frauen und Protagonistinnen faszinierend-abschreckender Liebesgeschichten, die ihre politische Verantwortung als Subjekte ausblenden. Dort, wo sich die Anklage gegen die Mutter richtete – ohnehin der Ausnahmefall –, wurde selten deren soziale und politische Rolle angegriffen, sondern ihr politisches (Fehl-)Verhalten als Scheitern in der Rolle als liebevolle, fürsorgende Mutter, womit Weiblichkeit implizit als Bereich geschichtsloser Privation dargestellt wurde.

Am bekanntesten ist wohl die Geschichte der Tochter Ulrike Meinhofs, deren einziges Kapital es war, das politische Urteil über ihre Mutter durch triviale Familiengeschichte zu ersetzen und die Kinder als Opfer einer hartherzigen Mutter zu inszenieren, um Ulrike Meinhof als scheiternde Frau nun noch einmal persönlich zu diskreditieren, statt sie als politisch verantwortliches Subjekt ernstzunehmen.

Während die europäische Kultur bis heute von der Imago des Entsagung fordernden Vaters geprägt ist, die in feministischen Diskussionen nicht selten mit einem vermeintlich besseren, „matriarchalen“ Gegenbild konfrontiert wird, zieht sich insbesondere durch die US-amerikanische Populärkultur das Bild der bösen, irren und fanatischen Mutter. Es lässt sich entziffern als Ausdruck einer patriarchal geprägten Gesellschaft, deren eigene Grundlagen zunehmend erodieren, ohne dass ihr Zwangscharakter aufgehoben würde. Väterliche Macht bedeutet nicht automatisch mütterliche Ohnmacht: Im Gegenteil erlaubt der Schutzraum der Kleinfamilie, in den die vom erwerbstätigen Vater abhängige Mutter während der Zeit seiner berufsbedingten Abwesenheit ohne entwickelte soziale Außenkontakte eingesperrt ist, der Mutter den Aufbau einer eigenen Herrschaftssphäre, die als „mütterlicher Aufgabenbereich“ vom Einfluss des Vaters getrennt bleibt.

Die ökonomische Ohnmacht der Mutter gegenüber dem Vater darf kompensiert werden durch die mütterliche Macht gegenüber den Kindern und dem Haushalt.

So entsteht im Zuge der Pathogenese der bürgerlichen Gesellschaft innerhalb der patriarchal geprägten Kleinfamilie ein eigenes Matriarchat: Ohnmacht und Furcht, die sie vom Vater erfährt, gibt die Mutter an die Kinder weiter, die dabei, selber immer schon prospektive Mütter oder Väter, ihren eigenen Platz in der Hackordnung zu akzeptieren lernen. Doch je weniger selbstverständlich die geschlechterspezifische Aufgabenteilung innerhalb der Familie ist, umso desolater wird diese Konstellation. Stellt sich der väterliche Herrschaftsanspruch angesichts der realen ökonomischen Ohnmacht des Vaters und der sozialen Entwertung seiner angemaßten Rolle zunehmend als fiktiv heraus, während die Mutter durch den wachsenden Zwang, ihre eigene Arbeitskraft zu verkaufen und die bloße Hausfrauenrolle aufzugeben, ihre erworbenen „mütterlichen“ Eigenschaften verliert, erfahren alle Beteiligten die innerfamiliären Rollen, die ihnen nie Freiheit, aber scheinbare Sicherheit gewährten, in wachsender Panik als nicht-identisch mit sich selbst. Weil diese Nicht-Identität wiederum nur als auferlegter Zwang, nicht als Möglichkeit der Freiheit erlebt wird, verwandeln sich die von ihren überkommenen Rollen freigestellten Familienmonaden in dissoziierte Wahnsinnige, die, was ein Zugewinn von Autonomie sein könnte, im eigenverantwortlichen Amoklauf gegen sich selbst und andere austoben.

Genau dieser Konnex zwischen väterlicher und mütterlicher Macht und Ohnmacht steht im Mittelpunkt zahlloser US-amerikanischer Thriller und Horrorfilme, zuvorderst der Filme Alfred Hitchcocks, dessen Psycho von 1960 vor allem deshalb als prototypische Amerika-Saga bezeichnet werden kann, weil mit Norman Bates ein schwacher, labiler Mann in ihrem Mittelpunkt steht, der von einer übermächtigen, aber toten Mutter beherrscht wird, deren imaginäre Macht als Prolongierung eines väterlichen Gesetzes erscheint, das in der Gegenwart keine Realität mehr besitzt und sich nur noch als Obsession, als über den Fetischismus der Mutter tradierter Wahn des Sohnes, fortzuerben scheint. Auch Marnie, vier Jahre nach Psycho entstanden, erzählt von einer zugleich ohnmächtigen und dominanten Mutter, von deren trauriger Vergangenheit die Titelfigur besessen ist und von der sie sich befreien muss, um zur „Frau“ werden zu können – was allerdings wiederum nur durch die in diesem Fall buchstäblich erpresserische „Hilfe“ eines Mannes gelingt, der Marnie befähigt, ihre Mutter zu besiegen, nur um sie daraufhin an der Mutter Statt als Ehefrau dem eigenen Hausstand einzugliedern. Robert Aldrichs grandioser Thriller Whatever Happened to Baby Jane? wiederum erzählt, ebenfalls wenige Jahre nach Psycho, die vater- und mutterlose Variante dieser Konstellation am Beispiel einer sadomasochistischen Schwesternbeziehung. Ähnlich sind sich all diese Filme darin, dass sie die konventionelle Vorstellung der Mutter als „Opfer“ des Patriarchats in Zweifel ziehen, indem sie ihr Recht geben:

Gerade die Ohnmacht der Mutterfiguren und ihrer Stellvertreterinnen ist es in diesen Filmen, die deren zerstörerische Macht begründet, gerade die Erosion der stabilen familiären Herrschaftsverhältnisse ist es, die, weil sie von den Figuren nicht im Sinne der eigenen Autonomie genutzt werden kann, den freiflutenden Wahnsinn aus sich hervorbringt.

Den Verästelungen dieses Motivs in der Filmgeschichte, etwa in seiner komödiantischen (Serial Mom von John Waters) oder in der Splatter-Variante (The Texas Chainsaw Massacre von Tobe Hooper), soll hier nicht weiter nachgegangen werden. Bemerkenswert ist vielmehr, dass es selbst inzwischen tendenziell historisch geworden zu sein scheint. In An American Crime von 2007, der in seiner Dramaturgie und Thematik an verwandte, aber brutalere aktuelle Filme wie Eden Lake (2008) oder Them (2006) erinnert, wird nicht mehr die pathogene Auflösung der Kleinfamilie, sondern deren monströse Restitution mit dem Motiv der mörderischen Mutter in Verbindung gebracht, deren Opfer nicht mehr ihre eigenen, sondern fremde Kinder geworden sind.

Der Film von Tommy O’ Haver erzählt weitgehend faktentreu, auf der Basis von Prozessakten aus dem Jahre 1967, die Geschichte von Sylvia Likens (gespielt von Ellen Page), die gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Jennie von ihren Eltern, fahrenden Zirkusleuten, für die Zeit einer längeren Reise bei Gertrude Baniszewski („Gertie“), einer ärmlich lebenden, alleinerziehenden Mutter von sechs Kindern, in Obhut gegeben wird. Nach und nach macht Gertie Sylvia zum Sündenbock für alle sozialen Kümmernisse, persönlichen Versäumnisse und Ängste von sich selbst und ihren eigenen Kindern: Beginnend damit, dass Sylvias Eltern ihr das für Sylvias Versorgung zu zahlende Geld angeblich zu spät geschickt haben, erfindet sie immer neue, immer abwegigere Vorwände, um Sylvia zu bestrafen. Zunächst werden sie und ihre Schwester lediglich geschlagen, später verletzt sie Sylvia mit einem Flaschenhals in der Vagina, bringt ihr Brandwunden bei und sperrt sie in den Keller, wo sie sie hungern lässt und den Kindern und Jugendlichen der gesamten Nachbarschaft als „Spielzeug“ für unvorstellbare Sadismen zur Verfügung stellt. Als die erschütterten Eltern schließlich erfahren, was Sylvia angetan wurde, ist diese schon an ihren Verletzungen gestorben.

Den Rahmen des Films bildet die Erzählerstimme der toten Sylvia, die „ihre eigene Geschichte“ berichtet, sowie die Gerichtsverhandlung gegen Gertrude Baniszewski, bei der nicht nur sie, sondern auch viele der Beteiligten, mehrheitlich minderjährige Jugendliche, für voll schuldfähig erklärt werden.

Kate Millett hat in den 1980er Jahren die Geschichte der Sylvia Likens nicht nur dokumentiert, sondern umgeschrieben: „Denn ich war Sylvia Likens. Sie war ich. Sie war sechzehn. Ich war es gewesen … Seither hast du mich begleitet, eine Teufelssaat, ein Alptraum, mein eigener Alptraum, der Alptraum der Jugend, des Erwachsenwerdens eines weiblichen Kindes, des Frauwerdens in einer uns feindlichen Welt, einer Welt, die wir verloren haben und in der wir überall an unsere Niederlage erinnert werden. Was du ertragen hast, ein Sinnbild dafür. Dass es dir von der Hand einer Frau zugefügt wurde, der schlimmste Teil der Geschichte … Wer sonst könnte geeigneter sein, eine Kind-Frau zu zerstören?“ Kate Millett identifiziert nicht nur sich selbst mit der gefolterten und ermordeten Jugendlichen, sondern stilisiert sie zu einer Heiligen, die stellvertretend für alle Frauen Opfer gewesen sei. Die Mutter ist zwar die Täterin, als Täterin jedoch ebenfalls Opfer, die der Jugendlichen angeblich das antut, was ihr die Männer angetan haben: „Wie durchtrieben, dass der Wunsch der männlichen Gesellschaft, die Frau zu kastrieren, von Frauen als ihren Handlangern ausgeführt wird; Frauen, die in ihrer Jugend selbst verstümmelt wurden, verbittert und begierig zu garantieren, dass die jungen niemals jene Freuden erfahren, auf die sie selbst verzichten mussten … Weiblich sein heißt also sterben.“

Die Ahnung, dass das pure Faktum des Weiblichseins als Medium der Solidarisierung nicht hinreicht, schlägt Millett mit einem schnell gesprochenen Todesurteil über alles Weibliche nieder, um die Opfer- und Täterposition getreu der Binsenweisheit, dass im Tode alle gleich seien, im sentimentalen Jargon endgültig verschwimmen zu lassen.

Im Film dagegen erfahren wir nichts über die biografischen Ursachen der Taten Gertrudes. Auch das Opfer hat keine klar konturierte Geschichte außerhalb dieser Geschichte. Sylvia wird erstmals in die Familiengeschichte der Baniszewskis verwickelt, als ihr die leibliche Tochter Gertrudes unter Tränen gesteht, von einem verheirateten Mann schwanger geworden zu sein. Sylvia verspricht ihr, das Geheimnis zu wahren. Als die Tochter sich erneut dem Mann zuwendet, um ihm ihre Liebe zu gestehen, weist der sie schroff wie eine lästige Prostituierte ab und droht sie zu vergewaltigen. Sylvia wird Zeugin dieser Szene und unterbricht den Gewaltakt des Mannes mit den Worten „Sie ist schwanger“. Einer der Nachbarsjungen, ein verstockter Außenseiter und zugleich stiller Bewunderer Sylvias, hört diese Worte, und fortan verbreiten sie sich in der Schule. Sylvia, heißt es nun, habe das Versprechen gebrochen und verbreite schändliche Lügen über die Tochter ihrer Gastmutter. Ohne sich der Tochter zuzuwenden, ohne die Wahrheit erfahren zu wollen, nimmt Gertrude diese Gerüchte zum Anlass, den Sadismus ihrer Strafen für Sylvia noch zu steigern. Die Achtung und das Mitgefühl, das Sylvia ihrer Tochter entgegengebracht hat, wird von der Mutter im Beisein der leiblichen Tochter bestraft und exorziert.

Millett gestaltet hingegen Gertrude selber als symbolische „Mutter“ Sylvias und spricht an ihrer Statt einen inneren Monolog, der die Folternde und ihr Opfer in eine Beziehung zueinander setzt, statt die brutale Beziehungslosigkeit der Figuren herauszuarbeiten:

„Sylvia weigert sich einfach, das Leben ernst zu nehmen, seine Härten und Geheimnisse, den Willen Gottes, die Last. Ihre Aufgabe, die vor ihr liegt, ist, eine Frau zu sein. Es sieht so aus, als hätte sie nicht einmal den leisesten Schimmer, was das eigentlich bedeutet. Mein Unterricht führt zu nichts … Weil sie Widerstand leistet. Sie weigert sich, erwachsen zu werden, wirklich erwachsen. Sie möchte entkommen. Eine Ausnahme sein. Und genauso leichtlebig wie ein Junge. Ein Wildfang, das ist sie, möchte überhaupt keine Frau werden. Also muss ich sie zwingen.“

Umgekehrt konstruiert Millett durch einen inneren Monolog Sylvias eine Beziehung der Gasttochter zu Gertrude als Mutter und Frau: „Wenn einem eine Frau so was antut, ist es anders. Vor Männern habe ich mich schon immer gefürchtet, seit ich mich erinnern kann. Aber nicht vor einer anderen Frau. Einer Mama. Das ist es, warum mich Gertrude so weit gebracht hat, dass ich jetzt nichts mehr machen kann … Wenn ich sie nur umstimmen könnte, wenn sie mich vielleicht unter ihrer Gemeinheit doch auch echt gern hat …“ Im Film gibt es keine solche Ansprache Gertrudes als Mutter, auch keinen artikulierten Wunsch nach emotionaler Anerkennung durch die Gastmutter. Indessen wiederholt Gertie wie im Ritual zur Begründung ihrer Taten den Satz, sie wolle ihre „Kinder schützen“, auch ihr wesentlich jüngerer Liebhaber sagt gegenüber Sylvia zur Entschuldigung von Gertie, ihre Kinder seien ihr „das Wichtigste“. Anders als die früheren Filme über mörderische Mütter, anders aber auch als in der medialen Diskussion über Kindsmörderinnen, führt An American Crime drastisch vor Augen, was es angesichts des Zerfalls der bürgerlichen Familie allein bedeuten kann, die Familie weiterhin zum Fetisch zu erheben, und buchstabiert am Beispiel der sich selbst innig für ihr gesellschaftliches Schicksal bemitleidenden Gertie – symbolisiert in ihrem Asthma, dass sie durch Kettenrauchen verstärkt – die janusköpfige Allianz von Mutterliebe und Mord, Sentimentalität und Grausamkeit aus.

Sylvia, selbst keineswegs eine klassisch weibliche, „unschuldige“, sondern eine weitgehend leere Figur ohne konturierte Biografie, ohne klare Vorlieben oder Abneigungen, wird gerade dadurch zur Projektionsfläche für den Hass von Gertie und ihren Kindern auf alles, was sie auch nur entfernt an Glück, an ein halbwegs gelungenes Leben erinnert. Sylvia muss darum im Namen der „Familie“ selbst hässlich und unglücklich gemacht, verstümmelt und geschändet werden. Dass fast alle Kinder der Nachbarschaft sich begeistert an diesem Schändungsritual beteiligen, bestätigt, dass der Film Gerties Taten nicht nur als Resultat ihres persönlichen sozialen Schicksals, sondern als Kristallisationspunkt eines kollektiven Bedürfnisses deutet. Erst im kollektiven Verbrechen findet diese Gemeinschaft von Außenseitern zueinander. Der Skandal besteht nicht einfach darin, dass – wie Millett nahelegt – die Mutter und ihre Töchter Opfer einer patriarchalen Gesellschaft sind, sondern darin, dass an deren Verkehrsformen und Idealen weiterhin festgehalten wird trotz ihrer zunehmenden Auflösung und trotz der bestehenden Möglichkeiten, einen freieren, solidarischen Umgang miteinander auszubilden. Als die Mutter durch den Gemeindepriester auf die Schwangerschaft ihrer Tochter und den Verbleib Sylvias angesprochen wird, leugnet sie weiterhin die Schwangerschaft ihrer Tochter und behauptet, Sylvia in eine Erziehungsanstalt gegeben zu haben. Dieses bornierte, auf unheimliche Weise realitätsfremde Festhalten an der eigenen Lüge lässt sich in keiner Gemeinsamkeit, auch keiner „unter Frauen“, mehr auflösen. Es zeigt in erschreckender Deutlichkeit die Konsequenzen, die es hat, an einem Wertekanon festzuhalten, der nicht nur durch die eigene Erfahrung widerlegt worden ist, sondern auch gesellschaftlich teilweise bereits erodiert. Die Mutter, die sich in eben jener Weise, wie Millett es sich vorstellt, besinnungslos als Mutter und Opfer affirmiert, wird dem Film zufolge gerade dadurch zur Mörderin. Sie ist die Chiffre eines Hasses, der das Bestehende nicht abzuschaffen vermag, sondern es in der grund- und sinnlosen Tortur noch einmal bestätigt.

links (2. März 2012) March 2, 2012 | 07:14 pm

Ein Bekannter hat sein erstes Buch “Ich kann nicht mehr” betitelt. Ich komme zu nichts, ich höre nur noch an (und selbst das in einem Gestus der sich naheliegender wie folgt formulieren ließe “ich höre nur noch ab”). Die Meldungen:

Anhörenswert:

Radio (ich entdeckte kürzlich die Seite hoerspieltipps.net und gebe ihr einen Versuch):

Veranstaltungen:

  • 9. März. Leipzig. Die “outside the box” lädt zur Benefizdisko. Conne Island (Koburger Str. 3). 23Uhr.
  • 13. März. Chemnitz. Im Lesecafé “Nachschlag” (im Kompott) gibt es eine Bertolt Brecht “Lesung mit Musik in vier Kapiteln”. Diese Kapitel werden dabei die folgenden sein: “Das soziale Gewissen, Den Krieg haben die Menschen gemacht, Das eingreifende Denken, Der Kommunismus ist das Mittlere”. Kompott (Leipziger Str. 3-5). 20Uhr.
  • 14. März. Erfurt. Lars Quadfasel äußerst sich “zur Kritik der positivistischen Religionskritik”. Radio FREI (Gotthardtstr. 21). 19Uhr. (Das erinnert mich daran, dass damals als der Papst in Erfurt medien- und mobwirksam von meinem Geburtstag abgelenkt hat, die ortsansässigen “Falken” einen guten Text zum ganzen Religionsspektakel veröffentlicht haben; bei Interesse könnte ich den mal einscannen oder ihr fragt bei den Falken selbst nach.)
  • 16. März. Erfurt. Andrea Trumann & Rebecca Maskos: “Bürgerliche Kleinfamilie - bitte pflegeleicht, vorzeigbar und nicht behindert”. Ort noch unbenannt”. 19Uhr.
  • 13./14. April. Weimar. Die Reihe “Kunst Spektakel Revolution” lädt zum Lektüre-Wochenende zur “Gesellschaft des Spektakels” von Guy Debord. Mehr Infos gibt’s hier.

Kritik der Religion – Kritik der Gesellschaft February 7, 2012 | 11:00 am

Wir dokumentieren an dieser Stelle mehrere Vorträge, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Religionskritik und Gesellschaftskritik zum Thema haben:

1. Leo Elser – Kritik der Religion / Kritik der Gesellschaft: Im Dezember 2011 hat Leo Elser (Redaktion Pólemos) einen Vortrag in Saarbrücken gehalten, in dem er nach der Aktualität der Religionskritik fragt, angesichts einer Gesellschaft, in der Religion nur noch eine Ware auf einem Markt für Seelenhygiene zu sein scheint. Dies tut er ausgehend von dem Marx’schen Satz, dass die Kritik der Religion Grundlage jeder Kritik sei (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) und referiert vor allem zu den Begriffen Kritik, Wahrheit und Vernunft. Insgesamt geht es ihm sehr stark darum, sich von Religionskritik als Ressentiment abzusetzen.

Nach Marx ist die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik. Doch besteht auch in gottlosen Zeiten wie den unseren, in denen das Bekenntnis gegen die etablierte Religion zum guten Ton gehört, kein Mangel an Götzen, die der „durch seine Gesundheit erkrankte Menschenverstand“ (Adorno) aufbietet, um nur eines nicht werden zu müssen: Vernunft. Vernunft und Kritik, die in unvernünftigen Verhältnissen notwendig dasselbe sind, teilen mit der traditionellen Theologie aber ihren Bezug auf das Ganze und den Anspruch auf Wahrheit. So wie sich die bloße Meinung gegen die Kirche als Religionskritik missversteht, so auch die Meinung gegen die Banken als Kapitalismuskritik. Beides ist mitnichten „verkürzte Kritik“, die aufs richtige Maß zu verlängern sich linke Intellektuelle zur Aufgabe gemacht haben, sondern zum Ressentiment versteinerte Denkform dessen, was ohnehin ist, aber nicht mehr sein darf, wenn Vernunft wirklich werden soll. Veranstalterin: Rosa Luxemburg Stiftung / Peter Imandt Gesellschaft. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 38,8 MB; 42:22 min)

2.1 Lars Quadfasel – Der heilige Schein des Kapitals: Im Mai 2011 hat Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek) im Café Negation in Dresden einen Vortrag über Glauben und Religiosität im flexiblen Kapitalismus gehalten. Er widmet sich sowohl einer neuen, spiritualisierten und individualisierten Glaubenspraxis, als auch einer verkehrten, positivistischen Religionskritik. (Vgl. hierzu seine Vorträge im Audioarchiv und seinen dreiteiligen Text »Gottes Spektakel«: I, II, III.)

Kri­tik der Re­li­gi­on hat es im Spät­ka­pi­ta­lis­mus mit einem Pa­ra­dox zu tun: Die Kir­chen, einst Herrn über Kö­ni­ge und Kai­ser, sind zum Hilfs­in­sti­tut für See­len­hy­gie­ne her­ab­ge­stürzt. Ihre Dome wur­den zu Tou­ris­ten­at­trak­tio­nen, ihre Pre­di­ger zu Show­mas­tern, ihr Papst zum ös­ter­li­chen Grußau­gust. Und doch scheint Gott sich als sen­ti­men­ta­les An­denken an from­me­re Tage pu­del­wohl zu füh­len. Widerlegt, er­le­digt und ent­mach­tet, hat sich die Re­li­gi­on mit ihrem Sturz nicht bloß ar­ran­giert, son­dern dar­aus neue Kraft ge­schöpft. Als Sinnres­sour­ce für die be­son­de­ren Mo­men­te pro­fi­tiert sie vom Tabu, dass nie­mand über die pri­va­ten Fei­er­abend­ver­gnü­gen an­de­rer zu spotten hat. Wer es den­noch tut, er­fährt schnell, dass auch ein Well­ness­gott alles an­de­re als ge­müt­lich ist. Spä­tes­tens seit dem welt­wei­ten Erfolg der is­la­mi­schen Glau­ben­sof­fen­si­ve gel­ten auch im Wes­ten »re­li­giö­se Ge­füh­le« wie­der als schüt­zens­wer­tes Gut: Woran einer glau­be, und sei es an Dji­had, Scha­ria und Frau­en­hass, ver­die­ne al­le­mal Re­spekt. Seit­her ver­zeich­nen auch die christ­lich-​kul­tur­in­dus­tri­el­len Gottesspek­ta­kel wie­der Zu­schau­er­re­kor­de; und wer es statt der ein­ge­bo­re­nen Kulte lie­ber etwas exo­ti­scher hat, ju­belt einem ab­ge­setz­ten tibe­ta­ni­schen Feu­dal­herrn zu. Aus dem zwang­haf­ten Drang, an ir­gend etwas zu glau­ben, spricht frei­lich nichts als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: nach un­be­ding­ter Au­to­ri­tät. Ador­no nann­te der­ar­ti­ge Pseu­do­re­li­gio­si­tät, die von Blas­phe­mie kaum zu un­ter­schei­den ist, den »un­ge­glaub­ten Glau­ben«. Des­sen Be­deu­tung ver­fehlt die Mehr­zahl derer, die laut­stark gegen Kir­chen­ta­ge und Papst­be­su­che mobil machen. An­ti­kle­ri­ka­le Ak­ti­vis­ten in­sze­nie­ren sich als mi­li­tan­te Vor­hut des all­ge­mei­nen Com­mon Sense, wäh­rend ihre in­tel­lek­tu­el­len Stichwort­ge­ber, Chris­to­pher Hit­chens oder Ri­chard Daw­kins, den Hei­li­gen Schrif­ten Feh­ler nach­wei­sen und dabei Re­li­gi­on ein­mal mehr auf Priestertrug re­du­zie­ren. Deren Po­si­ti­vis­mus stößt sich an dem theo­lo­gi­schen Dogma, dass das, was ist, nicht alles ist: an genau dem un­be­ding­ten Wahr­heits­an­spruch also, den der Ma­te­ria­lis­mus zu ret­ten hätte – vor un­gläu­bi­gen Pfaf­fen wie vor gläu­bi­gen Athe­is­ten.

Lars Quad­fa­sel ist as­so­zi­iert in der Ham­bur­ger Stu­di­en­bi­blio­thek und schreibt u. a. für kon­kret, Jung­le World und das Bre­mer Ex­tra­blatt. Seine Auf­sät­ze zu »Buffy the Vam­pi­re Slay­er« sind so­eben im Sam­mel­band »Hor­ror als All­tag« im Ver­bre­cher Ver­lag er­schie­nen. [via]

    Download: via AArchiv: Teil 1 (mp3; 29,8 MB; 52:09 min) + Teil 2 (mp3; 32,9 MB; 57:33 min) | via Soundcloud

2.2 Kritik an Religion und Religionskritik (Interview): Zum selben Thema gab es im Oktober im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papstbesuch in Erfurt ein Seminar mit Lars Quadfasel, wozu im Vorfeld ein Interview mit ihm auf Radio FREI geführt wurde:

    Download: via FRN (mp3; 19,5 MB; 21:15 min)

3. Magnus Klaue – Ornament und Verbrechen: Die HUmmel-Antifa hat im November einen Vortrag zum Thema mit Magnus Klaue organisiert. Klaue spricht zunächst über den Zusammenhang von Protestantismus, Atheismus und Pädagogik und vergleicht dann Protestantismus und Katholizismus im Bezug auf den jeweiligen Stellenwert von Wort, Bild und Ornament. Er formuliert eine Kritik an den Protesten gegen den unweit zurückliegenden Papstbesuch und vergleicht u.a. den Pluralismus der Zivilgesellschaft mit dem Kompromiss der Ökumene. Zentral ist für den Vortrag auch ein ästhetischer Aspekt des Vergleichs zwischen Katholizismus und Protestantismus, den er u.a. an dem Film »Das Weiße Band« von Michael Haneke, aber auch an verschiedenen Beispielen der Literatur diskutiert. Ein weiterer Aspekt ist das Bilderverbot in beiden Konfessionen. Zuletzt spricht er über die Novelle »Die heilige Cäcilie und die Gewalt der Musik« von Heinrich Kleist. Der Titel des Vortrages ist dem Text »Ornament und Verbrechen« von Adolf Loos entnommen, der sich im Begründungszusammenhang einer extremen Fortschrittslogik für eine Wegrationalisierung jeder Ornamentik ausspricht.

Zu den gängigen Argumenten derer, die dem Protestantismus gegenüber dem vermeintlich archaischen Katholizismus ein größeres „emanzipatorisches Potential“ zutrauen, gehört die Feststellung, jener habe mit dem Primat des Wortes gegenüber dem Bild und mit der Beseitigung von sinnlichem Prunk zugunsten der universalen Geltungskraft des Logos innerhalb des Christentums die Aufklärung gegenüber dem Mythos betrieben. Doch die Dialektik der Aufklärung bestimmt auch das Verhältnis von Sinnlichkeit und Geist in den beiden christlichen Konfessionen selbst. Nicht nur brach sich der Protestantismus mit der Reformation in einer barbarischen Massenbewegung Bahn, der es nicht um die Sublimierung der Sinnlichkeit zum Geist, sondern um Durchsetzung einer christlichen Volksvernunft, um Zwangsversöhnung von niedergehaltenem Trieb und autoritärem Dogma, zu tun war. Auch der protestantische Ikonoklasmus attackierte anders als das jüdische Bilderverbot das Bild nie, um dessen Bann zu brechen, sondern um das in seinem Schein aufleuchtende Versprechen von Versöhnung, das von seinem Bann freilich nicht zu trennen ist, zu exorzieren. Während in der Verherrlichung ästhetischen Scheins im Katholizismus, der immer auch überstrahlt, was er ausdrückt, die Dialektik von Bild und Begriff lebendig bleibt, vernichtet der Protestantismus mit dem Bild auch den Logos, der es zu transzendieren vermöchte. Im Hass auf das Ornamentale kündigt sich eine neue Sachlichkeit an, die mit allem Nutzlosen auch alles Lebendige aus den Herzen der Menschen tilgen möchte. Menschenfreundlich wird der Protestantismus immer nur dort, wo er der ihm eigenen Barbarei gewahr wird. Zu welcher Erkenntnis er dann fähig ist, soll an der Novelle eines der unheimlichsten Protestanten der Literaturgeschichte, an Heinrich von Kleists „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“, veranschaulicht werden. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 32,9 MB; 57:27 min) | hören: via Soundcloud

4. Ulrike Eichler – Gott außer Landes. Zur Erfahrung seiner Abwesenheit in der Mystik: Ein Vortrag aus dem Programm von »Weimar denkt«, einem vom Weimarer Friedrich-Nietzsche-Kolleg organisierten Vortragsprogramm. Die Referentin spricht aus einer evangelisch-theologischen Perspektive über insbesondere weibliche Mystikerinnen und deren Differenz zu einer »abstrakt-metaphysisch orientierten« Theologie. Für die größtenteils religionskritischen, atheistischen, säkularen NutzerInnen des Audioarchivs, ist der Vortrag vielleicht als ein Einblick in innertheologische Debatten interessant (u.a. auch die bemerkenswerte, aber sicher nicht zufällige Tatsache, dass auch hier über Nietzsche und Derrida diskutiert werden darf). Insgesamt ist mein Eindruck, dass die im Vortrag beschriebene Suchbewegung eine nach einem sinnlich spürbaren Halt in der Welt ist, ohne diese eigenhändig verändern zu müssen. Dabei kommt m.E. ein Subjektivismus zum Ausdruck, den Elser und Quadfasel in ihren Vorträgen jeweils angesprochen haben. Die Diskussion ist aufgrund des hohen Geräuschpegels im Hintergrund etwas schwer verständlich.

    Download: Vortrag (mp3; 27,3 MB; 47:38 min) | Diskussion (mp3; 18,9 MB; 18:55 min)
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links (10. Januar 2012) January 10, 2012 | 01:31 pm

  • “In Deutschland hat die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt nicht nur wiederkehrende Konjunkturphasen, sondern auch eine lange Tradition.” sagt der Politologe und Buchautor Kien Nghi Ha im Interview mit migazin.de und meint, dass das “behördliche Versagen in der NSU-Mordserie auf einen verwurzelten Rassismus” hindeute (“Rassismus als tödliche Realität in Deutschland” via publikative.org).
  • Am Düsseldorfer Landgericht wird derzeit einem vielfach vorbestraften, 18-jährigen Neo-Nazi der Prozess gemacht, da er im März 2011 einen 59-jährigen vietnamesischen Flaschensammler zunächst in ‘dessen’ Obdachlosen-Unterkunft überfallen und ausgeraubt hatte sowie ihn anschließend aus Angst, dieser würde ihn anzeigen, ermordet hat. Erschreckend wie sich hier Motive aus Sozialchauvinismus und Rassismus kreuzen und der Täter die Strategie fährt aus Angst vor den Konsequenzen und nicht aus Hass getötet zu haben (via Dokumentationsarchiv).
  • Der Prozess um die Attacke einer Gruppe Nazis aus dem Umfeld der “Braunen Teufel Vogtland” am Amtsgericht Gera zieht sich unterdessen weiter hin: Nachwievor wird von keiner Seite am eigentlichen Tathergang und der Brutalität sowie den Motiven der Täter gezweifelt. Vielmehr versucht die Verteidigung der Angeklagten über Zweifel und Suggestion die Haltbarkeit der Wiedererkennung durch die Zeug_innen zu entkräften. Fortgesetzt wird der Prozess am 23. Januar 2012 (die OTZ zum letzten Verhandlungstag).
  • Das ist keine Ausländerfeindlichkeit, sondern europäisches Asylrecht.” - so die Berliner Zeitung in einem Artikel über einen homosexuellen Exil-Iraner und dessen Lebenssituation in Deutschland (via nichtidentisches).
  • In Berlin wurde ein Exil-Syrier verprügelt und vermutet Schergen des Assad-Regimes als Täter.
  • Stichwort Iran, Stichwort Syrien: wenigstens mich erstaunt es doch, dass die ‘junge Welt’ immer noch beschissener sein kann als sie ist - “Appell: Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens”. Nachtrag: Die “traute Eintracht von Rinks und Lechts an der Seite von politisch korrekten Mördern” wird von “Letters from Rungholt” kommentiert, während es bei Reflexion einen ausführlichen Beitrag zum verlinkten Appell inkl. Bemerkungen zu den Unterzeichner_innen gibt.
  • Auf der Seite des “Institute for ethics & emerging technologies” stellt sich Hank Pellissier die Frage “What’s the point of the Egyptian Revolution if it doesn’t stop female genital mutilation?” (via wadi). Bei der Gelegenheit sei auch auf die Website muslimwomennews.com (auch bei Facebook) hingewiesen.
  • Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht”: das Berliner Schlosspark-Theater ist die aktuell bekannteste Institution die unverblümt Alltagsrassismus auslebt indem sie sich nicht scheut auch im Jahr 2012 noch auf die alte Theatermaskerade des “Blackface” zurückzugreifen.
  • Menschenjagd in Dresden: Die Bundespolizei hat an Weihnachten in der Dresdner Südvorstadt einen Reisebus mit griechischem Kennzeichen angehalten und dessen Insassen kontrolliert, weil dieser so “unscheinbar blau lackiert” gewesen sei, aber eine “auffällige Fahrweise” zeigte. Dabei gelang es sechs der Insassen zu fliehen, um im Anschluss mittels Hubschraubereinsatz (“überall, überall Scheinasylanten”) gejagdt zu werden (via forsythia).
  • “Eine Zeitung in Nordbayern berichtete am 8. Dezember 2011 unter der Überschrift „Drahtzaun hält Müllsammler auf Abstand“ über die Errichtung eines Drahtzauns im Wert von 10.000 Euro durch die Lokalpolitik in Neunkirchen am Sand (Nordbayern) an der Zufahrt zu einer Deponie, die Gebrauchtwaren-Händler, die der Roma-Minderheit angehören, abhalten soll.” (via medium)
  • “In Budapest wurde über die Weihnachtstage mein Name auf dem Briefkasten mit einem Judenstern überklebt. Ich sagte es meinem Nachbarn. „Was geht mich das an?“, wehrte er ab, und fügte hinzu: „Der da, in der Wohnung neben dir, dem hätten sie es aufkleben sollen, der ist so einer. Vielleicht haben sie sich ja vertan.“” (via welt.de)
  • Karl Pfeifer hat in der jungle World mit Sándor Radnóti über die aktuelle Situation in Ungarn gesprochen.
  • “Wer nicht genießen kann, kann in aller Regel auch nicht denken.” - Stephan Grigat zum 80. Geburtstag Guy Debords im Standard.
  • Der z.B. dem mädchenblog gut bekannte, antifeministische und homophobe Troll “James T. Kirk” attestiert dem Blogger bei Gay West einen verdrängten Missbrauch in der Kindheit, weil: er als Mann eben Männer Frauen vorzieht.

Veranstaltungen:

  • 10. Januar: [EDIT: Entfällt wegen Krankheit] Barbara Duden spricht unter dem Titel “Geschichte unter der Haut” über “Körpergeschichtliche Perspektiven auf das frühe 18. und 21. Jahrhundert”. Jena, Rosensäle (Fürstengraben 27). 18Uhr.
  • 10. Januar: Film & Podiumsgespräch: Fritz Bauer - Tod auf Raten
    (R: Ilona Ziok; Deutschland 2010, 97 Minuten). Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit Ilona Ziok (Regisseurin), Prof. Dr. Norbert Frei (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der FSU Jena) und Rüdiger Bender (Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e.V) statt. Die Moderation hat Dr. Martin Borowsky (DIG Erfurt). Erfurt, Erinnerungsort Topf&Söhne, Saal im 2. OG. 19Uhr.
  • 11. Januar: Peter Bierl übt “Kritik am Antispeziezismus”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Raum 206. 20Uhr.
  • 12. Januar: “Proletarität und Revolutionstheorie. Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität.” - Standpunkt und Diskussion mit AG Gesellschaftskritik (Dresden) - Wer neulich in Weimar nicht genug bekommen konnte oder gar nicht erst dabei war, kann sich im Rahmen der “Bildungsreihe am Donnerstag” in Gera ein Bild machen. Gera, Sächsischer Bahnhof (Erfurtstr. 19/Nähe Bhf. Gera Süd). 19.30Uhr.
  • 12. Januar: Roger Behrens spricht im Rahmen der Reihe “Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis” (in der neulich auch Birte Hewera über Jean Améry sprach) über “Posturbanismus als Lebensweise. Stadt, Raum, Praxis”. Mehr Informationen gibt es auf dem Blog der Veranstalterin Kritische Intervention. Halle, Melanchthonianum (Uniplatz). 18.30Uhr. (Hier und hier finden sich Audio-Beiträge mit Roger Behrens zum Themenfeld)
  • 13. Januar: Andreas Speit präsentiert das Buch “Mädelsache - Frauen in der Neonazi-Szene”, welches er gemeinsam mit Andrea Röpke veröffentlicht hat. Erfurt, Café DuckDich/E-Burg, Allerheiligenstr. 20/21. 19Uhr.
  • 19. Januar: Die Reihe “Kunst Spektakel Revolution” setzt sich mit einem Vortrag von Wolfgang Bock über “László Moholy-Nagy und die Rettung der Objekte durch Licht” fort. Weimar, ACC Galerie (Burgplatz 1). 20Uhr.
  • Das Bildungskollektiv Chemnitz lädt zur Auseinandersetzung mit Erwerbslosigkeit und prekären Lebenslagen in Chemnitz. Dabei soll es unter anderem am 21. & 22. Januar 2012 im AJZ um einen “emanzipativen Umgang mit Erwerbslosigkeit und Jobcenter” gehen.
  • 24. Januar: Magnus Klaue spricht unter der Überschrift “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” über die “Wutbürgerproteste und der Umschlag von ethischer in praktische Gewalt”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Hörsaal 8. 19Uhr.
  • 27. Januar: Gunnar Schubert liest fast ein Jahr nach seinem ersten Besuch zum zweiten Mal aus seinem Buch “Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde” in Jena in der JG Stadtmitte. 20Uhr.

Dialektik und Existenzphilosophie December 9, 2011 | 10:00 am

Mit drei Vorträgen über Dialektik von Existenzphilosophie und westlichem Marxismus hat die Frankfurter Translib noch einmal die Reihe »Existentialism Revisited« fortgesetzt und damit einen Beitrag zu einer Debatte geleistet, die zur Zeit in einem (post-)antideutschen Umfeld ihre Wellen schlägt. Die Diskussion über das Verhältnis von Adorno und Sartre bzw. Existenzialismus und Kritischer Theorie begann zum einen in der vierzehnten Ausgabe der Zeitschrift Prodomo, mit einem Beitrag von Ingo Elbe über Sartres Antisemitismusanalyse, die bereits in der selben Ausgabe eine Erwiderung von Tjark Kunstreich fand. Die Diskussion setzte sich dann in der fünfzehnten Ausgabe mit einem Beitrag von Philipp Lenhard und einem ausführlichen Text zu Sartres Freiheitskonzeption von Manfred Dahlmann fort, war aber bspw. auch zentrales Thema der Tagung der Wiener Sonntagsgesellschaft und ist u.a. Gegenstand in Gerhard Scheits letztem Buch.

1. Roswitha Scholz: »Simone de Beauvoir heute«

Roswitha Scholz (EXIT!) diskutiert die Theorie Simone de Beauvoirs anhand ihrer Rezeption im Spannungsfeld von Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus, dekonstruktivistischem und materialistischem Feminismus. Dazu referiert sie zunächst die Grundlagen des Existenzialismus in seinem Verhältnis zum Marxismus, insbesondere das Verhältnis von Subjekt-Objekt-Dialektik und dem Verdinglichungstheorem und untersucht diese Debatte auf das Geschlechterverhältnis hin. Im letzten Teil skizziert sie die Grundlagen der Wertabspaltungskritik, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und wirft abschließend einen Blick auf postmoderne Theoriebildung und inwiefern dort de Beauvoir wieder auftaucht (hierbei kritisiert sie u.a. Heinz-Jürgen Voß, aber auch »neo-situationistische« Positionen). Scholz richtet sich eindeutig gegen eine Neuauflage des Existenzialismus. Ein für die Debatte m.E. interessanter Bezugspunkt ihres Vortrags ist der Aufsatz »Phänomenologie und Marxismus in geschichtlicher Perspektive« von Winfried Dahlmeyer. In der Diskussion dreht es sich vor allem um das Theorem der Wertabspaltung und den Begriff des (warenproduzierenden) Patriarchats.

Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht spielte in der feministischen Theorie/Genderforschung lange keine Rolle mehr. In letzter Zeit taucht de Beauvoir aber nicht nur in neu erstellten Überblickswerken zu Klassikerinnen des Feminismus wieder auf, zu ihr und ihrer Theorie wurden inzwischen auch vermehrt Tagungen und Veranstaltungen angeboten (was wohl mit ihrem hundertsten Geburtstag 2008 zusammenhängt). Hie und da erinnert man/frau sich wieder an sie. Dies dürfte nicht zuletzt einem Selbstreflexivwerden von Feminismus und Genderforschung in der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet sein. Dabei stellen sich die Fragen des „Wie weiter?“ und „Was kommt nach der Genderforschung?“. In den 1970er Jahren hatte sich insbesondere ein Gleichheitsfeminismus mit dem Slogan „Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“ auf de Beauvoir berufen. Ein Differenzfeminismus bezichtigte sie sodann, männliche Normalitätskriterien auf Frauen anzuwenden. Schließlich wurde ihr in den 1990er Jahren von einem dekonstruktiven Feminismus vorgeworfen, trotz all ihrer Kritik der hierarchischen Geschlechterverhältnisse einem dualistischen Denken verpflichtet geblieben zu sein und eine erneute Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit betrieben zu haben. In dem Vortrag wird eine zeitliche Einordnung des „anderen Geschlechts“ und seiner Bedeutung vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungskritik versucht sowie auf Aspekte hingewiesen, die durchaus noch heute Aktualität beanspruchen können. [via]

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,5 MB; 1 h 2 min) | Diskussion (mp3; 26,2 MB; 45:51 min)

2. Christoph Zwi: »Die Heidegger-Kritik von György Lukács«

Zwi gibt einen Überblick über die verschiedenen Anläufe, in denen Georg Lukács den Versuch unternahm, eine grundlegende und immanente Kritik Heideggers Philosophie zu leisten. Während dies in »Die Zerstörung der Vernunft« im Zuge der Kritik des dekadent-bürgerlichen Irrationalismus geschah, entwickelte Lukács in seiner unvollendet gebliebenen »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« eine Kritik Heideggers Pseudo-Ontologie, indem er selbst den Ansatz für eine kritische, materialistische und historische Ontologie entwarf. Im größten Teil des Vortrags gibt Zwi einen Überblick über das Verhältnis von Heidegger und Lukács, weist Bezüge und Abgrenzungen auf. Auch hier ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis, zwischen bzw. jenseits der idealistischen Figur des identischen Subjekt-Objekt, sowie Subjektivismus und Objektivismus, von zentraler Bedeutung. Außerdem geht es zentral um das Verhältnis von Kategorien, Geschichtlichkeit und Sprache. Ein interessanter Punkt ist die Frage, inwiefern Adorno Ontologie grundlegend verwarf, oder ob er selbst einen kritisch-ontologischen Ansatz hatte. Die Diskussion ist vor allem in der zweiten Hälfte noch einmal sehr spannend – neben interessanten Ergänzungen zu Lukács‘ Ontologie, werden hier konkret einige Sätze von Heidegger unter die Lupe genommen. Mit seiner zentralen Positionierung für eine kritische Ontologie, bezieht Zwi Stellung gegen die meisten Beiträge in der bisherigen Existenzialismus-Debatte.

Der philosophische Dichter und Denker im Lande der Richter und Henker – der (prä- und post-) NS-Ideologe Martin Heidegger – hat vor allem auf einem Gebiet zu siegen nicht aufgehört: bis heute wird „Ontologie“ in einem stereotypen Reflex gerade auch von Linken allererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dass es sich dabei jedoch um eine Pseudo-Ontologie handelt, welche vom „Dasein“, „Seienden“ und „Seinsgrund“ usw. faselt, während sie die begriffliche Bestimmung aller Kategorien und Beziehungen von gesellschaftlichem Sein, Bewusstsein sowie last but not least naturhaften Seinsgrundlagen verbietet und durch Mystizismus ersetzt, dies materialistisch aufzudecken gelang dem Begründer des „westlichen Marxismus“, Georg Lukács, dessen ontologische Kritik aber noch immer weithin verdeckt wird von der Adornoschen Ontologiekritik. Ohnehin wird im fachphilosophischen herrschenden Universitätskanon „Ontologie“ noch stets pauschal als „vor(erkenntnis)kritische Metaphysik“ tabuisiert.

In der bisherigen transLib-Reihe zum Existenzialismus (2010/2011) wurde indes ein spannender Aspekt sichtbar: Es gibt auch Bemühungen um eine kritische Methode der Gesellschaftsanalyse und ihr entsprechende Ethik, die von Karl Marx‘ Feuerbachthesen und der Kritik der politischen Ökonomie ausgeht, sich in dieser Perspektive als kommunistisch-revolutionär versteht und gleichwohl sich durchaus als ontologisch basiert begreift. Die phänomenologische oder spekuläre Ontologie von J.P.Sartre, die spektakelkritische der Situationisten und eben die historisch-genetische Gesellschaftsontologie von Lukács wurden bisher benannt. Wenn nun letztere ins Zentrum dieses Vortrags gestellt wird, dann geht es um ein Resümee des Weges, den eine „Neue Ontologie“ seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Heidegger- und in der Lukács-Richtung in unversöhnlicher Divergenz eingeschlagen hat.

An jeder Wegmarke erwies er sich erneut als Scheideweg: – ob Kategorien oder ob „Existenzialien“ herauszuarbeiten sind, – ob es einen „dritten Weg“ zwischen „Idealismus“ und „Materialismus“ oder zwischen „Rationalismus“ und „Irrationalismus“ geben kann, – ob Philosophie, Wissenschaft, Theorie und Denken miteinander und mit gesellschaftlicher Praxis revolutionär zusammengehen können, – ob Geschichtlichkeit mit theologischen Deutungsmustern zu interpretieren ist oder immer nur als Veränderung der Gegenständlichkeit durch die Menschen begriffen werden kann, – ob die Subjektivität oder die Objektivität im gesellschaftlichen Sein, in Raum und Zeit für die Analyse der Bewusstseinsformen und Gesellschaftsformen das Entscheidende ist, – und welche Funktion in alledem die Sprache hat … Jede dieser Entscheidungsfragen wurde von Lukács seit 1920 bis 1970 diametral entgegen den Heideggerschen Denkvoraussetzungen gestellt und beantwortet. „Das eigentliche Sein zum Tode, d.h. die Endlichkeit der Zeitlichkeit ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins.“ (Heidegger) Lukács denunziert dies als Pseudogeschichtlichkeit. „Heidegger will eine theologische Geschichtsphilosophie für den ‚religiösen Atheismus‘ schaffen.“ Die Lukács’sche Ontologie arbeitet ideologiekritisch, indem sie materialistisch bloßlegt, dass und wie Sein wesentlich permanentes Anderswerden ist. „Es ist nicht so, dass sich die Geschichte innerhalb des Kategoriensystems abspielt, sondern es ist so, dass die Geschichte die Veränderung des Kategoriensystems ist. Die Kategorien sind also Seinsformen“.

Wenn die menschlichen Bewusstseinskategorien die Seinskategorien reflektieren, dann bedeutet ontologische Methode die Analyse von Erscheinungen und Scheinformen in ihrer objektiven Wirkungsmächtigkeit als dialektisches, wesentliches Aufeinandereinwirken der Menschen. Sowohl Lukács als auch Heidegger sprechen von „Verdinglichung“. Doch genau mit der fetischismuskritischen Entfaltung dieses Begriffs legt Lukács die „Pseudoobjektivität“ der „Fundamentalontologie“ Heideggers als subjektivistische, ungeschichtliche – und immer wieder suggestive – Fixierung kapitalistischer Alltagsunmittelbarkeiten bloß. Ihre „philosophische“ Mystifikation hilft Menschen in der „Sorge“ der gesellschaftlichen Krise, sich dem vorgeblichen „Seinsgeschick“ und der „Entschlossenheit“, der „Gelassenheit zu den Dingen“ und dem „Sein zum Tode“ zu unterwerfen. [via]

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 39,2 MB; 1 h 8:32 min) | Diskussion (mp3; 42 MB; 1 h 13:23 min)

3. Magnus Klaue: »Abschied von der Geschichtsphilosophie: Adorno, Sartre und die Sehnsucht nach der positiven Freiheit«

Man muss nur denken: „Na, was schadet schon das Wandern?“
Und man darf weder sich noch and‘ren Leuten grollen
Denn man muss wissen: Man ist ganz so wie die Andern
Nur dass die Andern grade das nicht wissen wollen
(Georg Kreisler)

In der Verweigerung, zu erkennen, dass man wie die anderen ist, sieht Magnus Klaue einen wesentlichen Impuls des Existenzialismus. Während Heideggers Existenzialontologie gerade in diesem Punkt – sich im willigen Vollzug des schlechten Allgemeinen noch als etwas Besonderes zu wähnen – im Nationalsozialismus verwirklicht wurde, konnte dieses Bedürfnis in Deutschland nach dem NS nicht mehr ohne weiteres über Heidegger geäußert werden, sondern musste seinen Umweg über Frankreich (also die Beerbung Heideggers im Strukturalismus, Poststrukturalismus und in Sartres Existenzialismus) nehmen, so eine zentrale These im Vortrag von Klaue. Er untersucht unterschiedliche historische Ausgangsbedingungen von Sartres Philosophie und der Kritischen Theorie Adornos und inwiefern diese auch die jeweilige Reflexion über Antisemitismus gefärbt haben. Skizzenhaft widmet er sich zudem den unterschiedlichen ästhetischen Konzepten von Sartre und Adorno, indem er Adornos Beckett-Rezeption mit den Dramen von Sartre im Bezug auf das Konzept der Absurdität vergleicht. Klaue begründet eine Kritik am erneuten Aufgreifen von Sartres Freiheitsphilosophie.

Seit einiger Zeit findet in antideutschen Kreisen verstärkt die zuerst von Jean Améry unter dem Schlagwort vom „Jargon der Dialektik“ aufgestellte These Anklang, wonach im geschichtsphilosophischen Entwurf der „Negativen Dialektik“ und in der negativen Anthropologie, wie die „Dialektik der Aufklärung“ sie entwerfe, eine Verwischung der Grenze zwischen Tätern und Opfern der Shoah und eine Leugnung der moralischen Zurechenbarkeit individueller Handlungen wie auch individueller Leiderfahrung angelegt sei. Dadurch mache sich die Kritische Theorie, entgegen ihren Möglichkeiten, blind für die in keine „Dialektik“ auflösbaren Widersprüche der Empirie. In Rückgriff auf die Existenzphilosophie, insbesondere auf Amérys Begriff der Leiberfahrung und Sartres Theorem der „Entscheidung“, versucht etwa Gerhard Scheit in seiner Studie „Der quälbare Leib“, diesem Defizit beizukommen. Der Vortrag möchte es demgegenüber unternehmen, gerade das oft als „negative Teleologie“ abgelehnte Moment des Adornoschen Denkens als notwenige Bedingung geschichtlicher Wahrheitserkenntnis auszuweisen, und daran erinnern, daß an den „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ (Odo Marquard), in die jeder denkende Mensch durch die reflektierte Erfahrung der Wirklichkeit gestürzt wird, nicht die Philosophie, sondern die Geschichte schuld ist. [via]

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,9 MB; 1 h 2:41 min) | Diskussion (mp3; 28,1 MB; 49:08 min)

Hingewiesen sei noch auf zwei Veranstaltungen zum Thema in Halle: Am 13.12.2011 wird Birte Hewera über »Engagement und Desengagement. Jean-Paul Sartre – Michel Foucault – Jean Améry« referieren und am 15.12.2011 spricht Lars Quadfasel über »Die Abgründe der Autonomie. Zur Kritik von Freiheit und Subjektivität«. Beide Veranstaltungen finden im Melanchthonianum am Uniplatz in Halle statt (via Bubizitrone | via Hintergrundrauschen).

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Magnus Klaue und Oliver Schott über die Liebe September 22, 2011 | 03:31 pm

Auf der Treppe zum Klo war noch Platz, die Liebe trieb die Massen ins Ausland, und sie schienen dort letzten Donnerstag unter der Überschrift “Ich liebe doch alle Menschen…” ein Für (Oliver Schott) und Wider (Magnus Klaue) zu Polyamory zu erwarten. Doch Schott stellt seine “offene Beziehung” ausdrücklich der Polyamory-Bewegung entgegen und Klaue will an diesem “Ausdruck einer Misere” vorbei zur Kritik der Gesellschaft, die sie hervorbringt.

Außerdem wirkten beide bei aller Bestimmtheit und auch Schärfe in der Sache vom Tonfall her doch verblüffend nett, statt intellektuellem Ringkampf gab es eher freundliche Kritik und Selbstkritik unter Kollegen.

Schott zeichnete denn auch zunächst im leicht albernen Plauderton ein Bild von der Geschichte der Polyamory, für die er ein Verschwinden des ursprünglich feministischen Gehalts konstatierte, und vom heutigen Spektrum der Erscheinungsformen und Abgrenzungslinien. Während einige davon sprächen, daß die Liebe kein Kuchen sei, der aufgeteilt werden müsse, sondern eher ein Muskel, den man trainieren kann, würden andere veritable Gruppenehen führen, in die nur aufgenommen werden könne, wen alle Gruppenmitglieder dabei haben wollen. Vielfach gäbe es eine Abgrenzung zu Swingern, es würde betont, daß es nicht nur um Sex ginge, sondern um Liebe.

Für Schott gibt es ein Bedürfnis nach Namen für die Sache, die man treibt, am besten eine Sache mit Wikipedia-Eintrag. Dieser Bewegungsdynamik hält er die “offene Beziehung” entgegen, die nach keiner Schablone ablaufen soll, sondern offen in dem Sinn, daß es immer um Einzelfallentscheidungen geht. Dennoch findet Schott es gut, daß es nun die ganze Diskussion gibt, und wenn sich in dieser Hinwendung zu flexibleren Beziehungen neoliberales Denken spiegeln würde, dann hätte neoliberales Denken vielleicht positives Potential.

Polyamory is wrong

Magnus Klaue begann launig und mit sich selbst. Ihm wäre das alles viel zu viel Koordinationsarbeit, es wäre schon schwierig genug, überhaupt jemanden zu lieben, so daß sich im Ganzen die Frage stellen würde, wo denn die ganzen liebenswerten Menschen herkommen sollen. Polyamory ist für Klaue kein Ausweg, sondern Ausdruck von unbewältigter Ohnmacht und Angst, sprachlich zwischen Poesiealbum und BWL-Duktus à la “Beziehungsmodelle” oder “rationale Beziehungsführung”. (Hier schob er einen kurzen Verweis auf Niklas Luhmanns “Liebe als Passion” ein.)

Beziehungsgespräche, die man durch die Erfindung des Handys ja leider mitverfolgen müßte, würden die allgemeine Unfähigkeit zeigen, erfahrungsnah über Liebe und Verlust zu sprechen. Es gäbe eine Gleichzeitigkeit von Fetischismus (Beziehung unantastbar, der Begriff “Beziehung” überhaupt) und Verachtung (Vorläufigkeit, jederzeit abbrechbar, “Zusammensein”), die Menschen könnten nichts miteinander anfangen, können aber nicht ohne einander auskommen.

Für Klaue ist im Kontext der Polyamory das Eingeständnis verboten, ohne jemanden nicht sein zu können, allgemein das Eingeständnis von Schwäche. (Hier gab’s den obligatorischen Verweis auf Adornos Wort: “Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren” aus der Minima Moralia.) Man müßte mit allem klarkommen können, die Rolle spielen selbständig zu sein. Insofern sei Polyamory eine Form von Selbsttherapie, Kommunikationstherapie.

Ebenfalls solle man keine Geheimnisse voreinander haben, worin Klaue eine Mischung aus Transparenzideal und Geständniszwang erblickt. Für Klaue ist das Geheimnis wesentlicher Teil der Liebe, einerseits als das geteilte Geheimnis, das man vor der Welt hat (Kosenamen), andererseits aber auch als Geheimnis voreinander, dessen Zulassen eine Anerkennung von Intimität steckte.

Die so beschriebene Kombination von Arbeit und Toleranz wirkt als struktureller Protestantismus: “Protestantismus heißt Toleranz mit zusammengekniffenen Lippen.” Immer müsse man an sich arbeiten, es sei die Rede von Beziehungshygiene, die für Klaue die “schmutzige Wäsche” und die “schmutzige Phantasie” loswerden soll.

Er hingegen plädiert dafür, in der Liebe eben nicht zu arbeiten und in der Liebe nicht der bessere Mensch werden zu müssen. Es würde Liebe gerade ausmachen, den anderen erstmal in allen Fehlern und Schwächen zu bejahen: “Daß Liebe blind macht, ist ein freundlicher, zivilisatorischer Aspekt.”

Im Universum der Polyamory gelte es hingegen, Liebesfähigkeit als eine Sozialkompetenz zu erlernen, Polyamory erscheine als Beziehungsagentur für schwer Vermittelbare, die ständig mit anderen zusammen sein müssen, nicht allein sein können. Auch serielle Monogamie hieße lediglich, man stagniere wechselnd nebeneinander her. Immerhin hätte Monogamie vielleicht erst ermöglicht, sich in solchem Ausmaß auf eine Person einzulassen.

Die Erfahrung von Widersprüchlichkeit und Schmerz, von Verliebtsein und Verlassensein, würde unter Polyamorikern verdrängt. Für Klaue ist Liebe eine Erfahrung der Unversöhntheit mit sich und der Welt: “Liebe ist nicht die Versöhnung, sie verweist nur darauf.” Die Erfahrung von Verlust sei nicht möglich ohne die Erfahrung von Glück, und diese Erfahrung solle aber nicht aufkommen, stattdessen würde eine “falsche Immanenz” Ekstase und Askese verhindern. Entsagung sei eben nicht Verzicht, sondern hielte das Bessere fest, das man nicht findet. In der Polyamory-Welt sei die ganze Erfahrung von Selbstüberschreitung wegrationalisiert; sie würde im Grunde funktionieren wie das verschiedentlich geforderte Existenzgeld: Jeder kriegt mehr als vorher und schon sind alle zufrieden. Das beinhaltet für Klaue ein starkes resignatives Moment.

Nun war wieder Schott an der Reihe, der einerseits Klaue unspezifisch zustimmte, andererseits aber fragte, warum all diese Kritik eine Kritik an Polyamory sei. All das gäbe es ja, aber doch nicht nur dort. Begriffliche Konstruktionen seien nun mal leider nötig, sollten aber kritischer Reflexion zugänglich sein. Es gäbe weiterhin eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit von exklusiven Beziehungsmodellen. Auch wenn man die Antwort ablehne, die Polyamory gibt, sei es doch gut, daß die Frage überhaupt gestellt wird, was lange Zeit vorher kaum passiert sei. Gerade das Festhalten an der Liebe verlange nach einer Form der Kritik am exklusiven Modell.

Klaue antwortete wiederum, indem er die Ebene verschob, und fragte zurück: “Was sagt es über die Gesellschaft aus, daß über Modelle gesprochen wird?” Die lebendige Vielfalt der Liebe werde zu Modellen verdinglicht, Monogamie sei aber kein Modell, sondern eine historische Konstellation. “Ich hab kein Modell”, sagte er mit seinem charakteristischen, leicht genervten Tonfall. Die Rede vom Modell verharmlose die Gewalt in den Verhältnissen. Sich trotzdem mit dieser Begrifflichkeit anzufreunden, wie Schott es tut, sei resignativ.

Erfahrungsprobleme würden so auf Begriffsprobleme projiziert werden, es käme zu einem Begriffspositivismus, und Klaues Frage lautet: “Welche gesellschaftliche Erfahrung bringt diese Begriffe hervor?” Und: “Man verändert die Verhältnisse nicht, indem man sie anders nennt.” Überhaupt gäbe es gar nicht ganz viele Möglichkeiten, wie behauptet werde, sondern bloß zweieinhalb und die seien immer gleich. Die Frage der Polyamoristen an sich selbst würde doch lauten: Wie vergesellschafte ich mich auf der Höhe der Zeit?

Erneut sagte Schott, daß er Klaue in vielem zustimmen würde und daß sein Ansatz im Vergleich praktischer sei. Es gäbe keine guten Begriffe, weil die Debattenkultur fehle. An Begriffen wie “Friends with benefits” sei ja sichtbar, wie eng die Bahnen des Denkens und Wahrnehmens sind. Das Nachdenken nehme bedauerlicherweise begriffliche Form an. Zur Liebe, wie Klaue sie zu fassen versucht hatte, käme man aber nicht ohne Kritik am exklusiven Normalbetrieb.

Klaue meinte hierauf noch lakonisch, “meine Beziehung” zu sagen sei nicht besser als “meine Freundin”. Dann wurde die Runde geöffnet, und als erstes meldete sich der Administrator eines Polyamory-Forums, der etwas umständlich sagte: Es gibt solche, die es leben, und es funktioniert [!].

Darauf antwortete Klaue, er sei durchaus intolerant und: “Ich lebe nichts, ich lebe.” Er wollte wissen, warum viele Menschen so glücklich sind, wenn sie einen Begriff für das gefunden haben, was sie sowieso schon tun. Das sei Ausdruck von Entfremdung und Automatismus. Liebe sei aber etwas Unpraktisches, es ginge doch gerade darum, den anderen nicht praktisch zu behandeln.

Als nächstes wies eine Frau darauf hin, daß es mit der Ablehnung von “Beziehungsarbeit” schwierig wäre, da diese in der Monogamie von der Frau geleistet werde.

Schott betonte noch einmal, daß er Klaues Kritik an der Sehnsucht nach Selbstzuordnung teilen würde, machte aber eine Trennung von Leben und dem Nachdenken darüber auf. Er sagte, daß er die Unlösbarkeit anerkennen würde, es blieb aber unklar, was das heißt, wenn er doch eine Lösung zu unterstellen scheint.

Klaue wies darauf hin, daß der Begriff der “Beziehungsarbeit” aus der Psychotherapie kommt, was bedeuten würde, daß sich ein Krisenbegriff verallgemeinert, daß Leute nicht mehr miteinander klarkommen. Es sei wie mit dem “lebenslanges Lernen”, das sei ebenso ein Substitut für Erfahrungsunfähigkeit. Dabei käme aber das, was Klaue in Diskussionen über die Liebe erwarten würde, in dieser “Beziehungsarbeit” nicht vor: die Triebe, die Ängste, die Versagung, kurz, die Psychoanalyse. Stattdessen würde psychologisch weitgehend der Behaviorismus vorherrschen.

Hier mußte ich den Laden leider schon verlassen und rekonstruiere die restliche Diskussion aus Aufnahmen und dem, was mir noch berichtet wurde:

Klaue hatte nichts dagegen, daß über Liebe gesprochen wird, es würde nur so, wie es geschieht, der Sache nur nicht gerecht. Es sei sogar das, was am ehesten am Polyamory-Ansatz zu retten sei: daß über solche Probleme geredet wird. Auf den Einwurf den Forumsadministrators, wie Klaue denn über solche Beziehung sprechen könne, wenn er nie dabei gewesen wäre, antwortete dieser, es würden auf Leute über Raumfahrt schreiben, die nie im All waren. Er müsse nicht so leben, um darüber sprechen zu können. Der Administrator murmelte nun, Klaue sei also bar jeder Erfahrung. Jemand anders sagte, es gäbe einen Unterschied zwischen Erfahrung und Erlebnis. Wieder Gemurmel vom Administrator: “Das glaube ich nicht.”

Auf die Frage, wie heute, wo Monogamie nicht mehr historisch bedingt sei, darüber gesprochen werden kann, sagte Klaue, daß Monogamie heute in gewisser Weise nur als Modell gelebt werden würde, auch Ehe sei kaum noch etwas, das einem widerfahren würde, sondern eine Entscheidung. Wenn aber Formen, die sich gerade erst entwickeln, bereits als Modell behandelt werden, würde so mit einer Illusion von Selbsttransparenz historische Entwicklung mißverstanden werden. Geschichtliche Prozesse vollzögen sich teilweise hinter dem Rücken der Beteiligten, die sich somit noch gar keinen Begriff davon machen könnten. Polyamory als Ausdruck einer gesellschaftlichen Konstellation zu fassen, sei etwas anderes als zu sagen, es sei ein Modell unter vielen. Klaue stellte das nun in den Kontext eines “kybernetischen Paradigmas” (hm, Sympathy for Tiqqun?), eines “Automatismus der Selbstreflexion”, unter dem nichts einfach getan werden dürfe, sondern immer überlegt werden müsse, welche Rollenmuster man gerade erfüllen oder konterkarieren würde, ob man alles auf der Höhe seines kritischen Bewußtseins tun würde. Als Forderung sei das ja gut, als Automatismus der Selbstdisziplinierung aber problematisch. (Vgl.: The Contextualization Fairy.)

Frage: “Ist das nur bei Polyamory so?” Klaue: Dort würde stärker vollzogen, was sowieso passiert: “Diese Leute drücken uns das nicht auf, sie drücken es nur besonders deutlich aus.”

Einwurf: “In der Polyamory wird die Unversöhnlichkeit greifbarer.” Klaue: Es wäre aber keine Erfahrung, die einen mit seiner eigenen Ohnmacht konfrontiert, sondern eine institutionalisierte Vergesellschaftungsform, in der ein echter Bruch gar nicht mehr stattfinden kann. Wie das Gerede von “Patchwork” oder Krise als Chance, liefere es keinen Erfahrungshorizont für die Zukunft, sondern alles müsse ständig schon realisiert werden und sei vorgegeben. Schott fragt, warum für Klaue Polyamory nur Ausdruck negativer Tendenzen sei, während Schott aus Gesprächen den Eindruck gewonnen hat, hier würde sich eine Frage erstmal wieder öffnen, sich neues Bewußtsein bilden, würden Gemeinsamkeiten entdeckt werden. Die repressive Seite der monogamen Norm würde bei Klaue nicht vorkommen. Es wären auch nicht nur Begriffsfetischisten unter den Polyamory-Leuten, sondern viele, für die es nur ein Label ist, unter dem sie ihre Lebensweise vermitteln können als etwas, das nicht krankhaft ist.

Für Klaue bleibt die Frage, ob es denn wirkllich so sei wie behauptet, daß dadurch etwas unbehelligt von der Gesellschaft ermöglicht werde, oder ob nicht die Gesellschaft verinnerlicht werde und über lauter Dinge gesprochen, um über andere nicht sprechen zu müssen.

Nun gab es eine längere Wortmeldung aus dem Publikum: Ehe sei nicht mehr das durchgängige Modell, die historische Situation sei die, das Liebe vergeht, die Fähigkeit zur Liebe vergeht. Es müsse überlegt werden, was dem entgegengesetzt werden kann, daß wir nicht lieben können, daß wir immer verstümmelter werden. Askese könne das zu Bewußtsein bringen, während Polyamory vorgaukeln würde, es sei alles freier geworden. Es hätte doch mit unserer Überflüssigkeit zu tun, die uns narzißtisch kränkt, womit wir nicht klarkommen. Man suche etwas, wo man noch gebraucht wird, was doch aber dem Bedürfnis entgegengesetzt sei, sich in der Liebe fallenlassen zu können.

Schott sieht den Widerspruch nicht. Die objektiven Gegebenheiten wären schon so, aber das bloße Anerkennen davon brächte keinen Schritt weiter. Für ihn ginge es darum, der Liebesfähigkeit und Liebenswürdigkeit so nahe wie möglich zu kommen.

Klaue stellte nun klar, daß die Forderung nach Promiskuität für ihn kein Problem wäre, es ginge aber bei der Polyamory darum, daß man viele Menschen lieben könne, was er wiederum als eine Reaktion auf Lieblosigkeit ansieht. Polyamory erschiene als Rationalisierung und Eindämmung von Promiskuität. Es werde die Frustration vergesellschaftet, daß Promiskuität und der allmähliche Fall der Monogamie gar nichts Besseres bringen. Deshalb würden das Gefühl und die Liebe so wichtig werden, und diese Verquickung ist für Klaue problematisch.

Frage: “Hat es denn schon mal eine größere Fähigkeit zur Liebe gegeben?” Klaue antwortet, die Möglichkeit von Erfahrung sei duchaus weiterhin gegeben, Augenblicke, in denen sie möglich ist, seien aber partikular und störten im Alltag, könnten kaum noch vermittelt werden. Nicht umsonst würde heute anders darüber gesprochen werden.

Für Schott ist die Liebe aber noch am ehesten unter Menschen aufgehoben, die im weitesten Sinne unter polyamor laufen. Sich irgendwie bezeichnen zu müssen, hätte ja auch damit zu tun, daß man vom Umfeld, das Gesetzteslage und gesellschaftliche Erwartung auf seiner Seite hat, unter Rechtfertigungsdruck gesetzt wird. ’68 hätte keine anerkannte Form nicht-exklusiver Beziehung hinterlassen (so wie es mit vorehelichem Sex geklappt hat). Das gelte es nachzuholen.

Die letzte Frage richtete sich an Klaue: Was er denn zur Rettung emphatischer Liebe anzubieten hätte. Klaue machte sich darüber lustig: “Ja, wo bleibt denn das Positive?” Das käme ja immer: daß alles so negativ sei und gar nichts über unser praktisches Leben aussagen würde. Für Klaue ist aber in einer negativen Bestimmung der Realität ein Begriff davon enthalten, wie es besser sein könnte. Sie sei nötig, um sich bewußt zu machen, wie ärmlich und eingeschränkt die Sphäre des praktischen Lebens überhaupt ist. Das spräche nicht gegen den Versuch, in der Praxis klarzukommen, niemand solle sich jetzt umbringen. Das typische Abwägen von Vor- und Nachteilen dieses oder jenes Modells sei jedoch nicht so wahnsinnig prickelnd. Er habe nichts dagegen, wenn Menschen sagten, sie würden nicht-exklusive Beziehungen führen, er wolle das aber nicht gesagt bekommen. Im Begriff der Exklusivität stecke ja nicht nur Besitz, sondern auch der Zug vom Spezifischen zum Untauschbaren, zum Unverwechselbaren des Individuums: “Meinetwegen exklusive Beziehungen zu allen möglichen Leuten.” Für Klaue hat Polyamory etwas Schales und Kompromißlerisches. Es sei besser, das Falsche daran auf den Begriff zu bringen. Mehr könne er nicht anbieten.

Nun war nach mehr als zweieinhalb Stunden erst Schluß, ich war längst ganz woanders, hatte mir aber auf dem Weg dorthin noch allerlei Gedanken über die Veranstaltung gemacht, von denen ich hier noch einige wiedergeben will.

Als jemand, der seine Liebe immer in die Welt zu werfen versucht hat, der trotz aller Enttäuschungen und Verluste und trotz der Einsicht in die Unmöglichkeit, nein: enorme Umwahrscheinlichkeit, es nie aufgegeben hat, diese Liebe dennoch so innig wie möglich mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen – die mir auch alle was bedeuten, schon deshalb -, für den auch der Übergang zwischen Freundschaft und Liebe stets fließend war und als jemand, der davon überzeugt ist, daß Menschen innerhalb solcher freundschaftlichen und liebevollen Verbindungen recht unabhängig von diesbezüglichen Plänen sehr viel über sich und die Welt herausfinden (und meinetwegen: lernen) und sich dabei verändern, muß ich Magnus Klaue dennoch in den meisten Kritikpunkten zustimmen und wundere ich mich darüber, wie wenig Oliver Schott trotz aller diesbezüglichen Lippenbekenntnisse darauf eingegangen ist.

Klaue hat versucht zu fassen, was da gerade geschieht, versucht, es als Ausdruck und nicht die Sache selbst zu sehen; er ist dialektisch an die Sache herangegangen. Und in dieser konkreten Konstellation spielte Schott den Positivisten, der versucht, das Geschehen für die Praxis im Hier und Jetzt in einem Modell festzuhalten. Wenn er Klaue dennoch so weiträumig rechtgibt, bleibt unklar, warum er dann an den Begrifflichkeiten weiter festhält.

Aber: Das falsche Ganze bringt die Möglichkeit (nicht die Gewißheit!) seiner Überwindung selbst hervor. Das spielt sich im Hier und Jetzt ab. Ich gehe in der Regel von Enttäuschungen aus und wurde dann aber – für mich selbst jedesmal überraschend – immer wieder in diesen Enttäuschungen enttäuscht.

Ich würde auch nicht von Arbeit sprechen, schon aber von der Möglichkeit, durch eine gewisse Anstrengung und durch Ringen mit sich und dem je anderen es sich doch trotz der üblen Umstände so erträglich wie möglich zu machen, sich gegenseitig die Kraft dafür zu geben, die Auseinandersetzung mit den Verhältnissen zu führen. Das soll ja keine Forderung sein, die man aneinander heranträgt, sondern etwas, das in dem Maße passiert, wie die Liebe es zu tragen vermag. Ich bin über alles erstaunt und begeistert, was zwischen anderen und mir passiert, würde doch aber niemals glauben, daß es direkt an irgendeiner Veränderung bei ihnen oder bei mir liegt, wie es außerhalb von uns insgesamt aussieht.

Wenn die Intention hinter den Liebesbeziehungen die der Betäubung und Abpanzerung ist, dann ist es ähnlich wie mit dem entsprechenden Drogengebrauch: daß es nämlich dazu führen kann, daß man sich aus den Konflikten der Welt zurückzieht ins vermeintlich immanente private Glück.

Es scheint mir jedoch möglich, auch inmitten von real erfahrener und erlangter Liebe dafür aufmerksam zu bleiben, wie schrecklich die Welt aussieht, vielleicht ermöglicht sie es auch erst, das überhaupt auszuhalten. All my lovin’ won’t calm me down.

Was zur Frage aus “Der kommende Aufstand” nach den Zweckbestimmungen der Einrichtungen, die man sich gibt, führt. Wenn es gar nicht meine Intention oder mein Bedürfnis ist, mich auf diesem Weg abzulenken, abzupanzern oder zu versöhnen, wenn ich jedes Quentchen Liebe als das Besondere und die Ausnahme und das Unwahrscheinliche begreife, das es ja ist, dann schärft sich doch meine Kritik an den Verhältnissen, die dies systematisch verunmöglichen. Voraussetzung wäre aber, daß ich es auch nicht “offene Beziehung” nenne, weil die falsche Immanenz und Versöhnung in dieser Wortgruppe schon impliziert ist.

Auch die Erfahrung der Liebe, die mir zuteil geworden ist, die ich als immer wieder überraschende Segnung empfinde, hat mir doch nie vorgaukeln können, daß damit alle meine Wünsche in Erfüllung gegangen wären. Wir leben eben nicht in einer freien Assoziation mit guten Menschen und ziehen die Kinder zusammen auf. Das wäre noch viel unwahrscheinlicher als das Liebesglück, das mir schon beschieden ist, weil es noch viel stärker vom falschen Ganzen verunmöglicht wird. (Was aber auch nicht heißt, daß es unmöglich ist!)

(Kleiner Realitätsabgleich: Junger Mann, der hinter mir lief, als ich die Veranstaltung gerade verlassen hatte, wohl zum ersten Mal in Berlin, telefonierte im Gehen mit jemandem außerhalb von Berlin, und betonte, wie kraß er von der Stadt geflasht ist, weil es hier offenbar nur lauter Individualisten gibt und weil immer überall Geschäfte aufhaben.)

Anderswo schrieb ich zum Thema:

Offene Beziehungen, Polyamory und ethisches Schlampentum können, wenn alle Beteiligten ihnen freiwillig zustimmen und mit ihnen emotional zurechtkommen, sehr befreiend wirken, aber eben nur dann. Und so richtig die Überlegung ist, daß erlernte Verhaltensmuster prinzipiell abgelegt werden können, so verheerend scheint es mir, deshalb davon auszugehen, daß dies jedem in der gewünschten Weise durch bloße Selbstkonditionierung gelingen muß. Die offenbar zugrundeliegende Behandlung der somit unerwünschten Gefühle und Verhaltensmuster als bloße Hindernisse finde ich erschreckend. Auch der Versuch, die Gesellschaft durch eine Art Liebes-Solidarität verändern zu wollen bzw. das eigene Liebesleben einer solchen Gesellschaftsvorstellung anzupassen, erscheint mir gefährlich, da ich eine gesellschaftliche Vermittlung unabhängig von der jeweiligen wechselseitigen Zuneigung der konkreten Personen für eine zivilisatorische Errungenschaft halte.

Etwas so Unberechenbares, Willkürliches und auch in nicht-monogamen Formen in bezug auf die meisten Menschen Ausschließendes wie Liebe taugt schlecht zum Gesellschaftsprinzip. Wenn es darum geht, gesellschaftlich bestimmte Ansprüche oder Rechte geltend zu machen, sollte das auf keinen Fall (nur) von Zuneigung abhängig sein.

Aus meiner Sicht ist Gesellschaft im besten Fall, indem sie eben jedem ohne Ansehen der Person verpflichtet ist, ein Schutz für Ungeliebte, Unbeliebte, Marginalisierte, Andersliebende usw.

Wenn der Kapitalismus ein Mädchen wäre… July 19, 2011 | 02:08 pm

Magnus Klaue und Christiane Ketteler, beide von uns hochgeschätzt und schreibend in einigen Ausgaben aktiv gewesen, widmen sich Tiqqun und schauen mal nach, ob mehr als Prosa bleibt. Heute Abend in der Raumerweiterungshalle am Ostkreuz:

Die Rezeption des Pamphlets Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens folgte in Deutschland auf die Begeisterung für den “Kommenden Aufstand”, der tatsächlich gut ein Jahrzehnt später erschienen ist. 2009 hat der “philologische Arm” der Tiqqun-Gruppe das “Jungen-Mädchen” für Merve übersetzt. Die Figur des “Jungen-Mädchens” (“Jeune-Fille”) wird darin als Ausdruck einer prototypischen “Lebensform” des Spätkapitalismus vorgestellt, als ein blind der Affirmation hingegebenes, androgynes Wesen. Wer oder was ist dieses Jungen-Mädchen? Weshalb fordert Tiqqun dessen “Zerstörung”, und was genau soll in ihm zerstört werden? Wir werden Tiqquns Angriffe auf das “Jungen-Mädchen” in den Zusammenhang der Ikonographie der “Neuen Frau” in den zwanziger Jahren und des damaligen Amerikanismuskults stellen, in dem die Identifikation der “neuen”, ökonomisch und sexuell selbständigen Frau mit der Ware, dem Geld oder dem Kapital bereits gängig gewesen ist. Da die „Grundbausteine“ rhapsodisch und fragmentarisch daherkommen, konzentrieren wir uns auf einige zentrale Thesen, um zu fragen, welche geschlechterpolitischen Konsequenzen sich daraus ergeben und wie diese zu beurteilen sind.

Wenn der Kapitalismus ein Mädchen wäre…
19. Juli, 19.30 Uhr
Raumerweiterungshalle
Markgrafendamm 24c
S-Bhf Ostkreuz

Der postmoderne Körper June 19, 2011 | 02:31 pm

1. Die Antiquiertheit des SexusZur Kritik der postmodernen Körpertechnologie: Im Rahmen der Reihe „Hab mich gerne, Postmoderne. Zur Kritik des Poststrukturalismus“ der Gruppe AG No Tears for Krauts referierte Magnus Klaue am 18. Mai 2011 über die Ersetzung des Leib-Begriffs durch den des Körpers in der postmodernen Körperpolitik. Er geht dabei zunächst auf das Konzept der Polyamorie ein, das er als einen rationalisierten, technisierten Umgang mit eigenen Gefühlen kritisiert. Während in der Polyamorie über Sexualität eigentlich gar nicht mehr gesprochen wird, ist die Austreibung der Sexualität auch für postmoderne Körperkonzepte kennzeichnend. Während im Begriff des Leibes auf etwas nicht Verfügbares verwiesen ist und zudem mit der Thematisierung des Alterns Geschichtlichkeit impliziert, ist hier der Körper als etwas bloß Erzeugtes nur noch ein Ensemble von Technologien, das keine Geschichte mehr hat. Die Aufnahmequalität ist leider nicht sonderlich gut.

Zur neuesten Tendenz postmoderner Genderpolitik gehört der Versuch, die geschlechtertheoretischen Prämissen der Arbeiten von Judith Butler et al. in einer Weise praktisch werden zu lassen, die die altlinke Formel vom Privaten, das politisch sei, in denkbar bedrohlichster Weise zu verwirklichen verspricht. Beatriz Preciados „Kontrasexuelles Manifest“, das den Hass auf Sexus und Trieb selbstbewusst im Titel führt, sowie die „gendertechnologischen“ Schriften Donna Haraways sind die Referenztexte einer gender- und queerlinken Bewegung, die jeden Einzelnen auffordert, die Abschaffung des Leibes zugunsten des „Körpers“ und den Rückbau des Ich zum bewusstlosen Knotenpunkt blinder „Konstitutionsprozesse“ mit Haut und Haaren an sich selbst zu exekutieren. Der anti-humanistische „neue Mensch“, der dabei entstehen soll und wahlweise als „Mensch-Maschine“ oder „Cyborg“ figuriert, hat kein Unbewusstes und kein Triebschicksal, keine Geschichte und kein Begehren mehr. Seine Symbolwelt steht Preciado gemäß nicht mehr im Banne des „Phallus“, sondern des „Dildos“, des puren Konstrukts, das die reale Erfahrung der Verschränkung von Sexualität und Herrschaft liquidiert, indem es Intersubjektivität und Herrschaft konvergieren lässt. In seiner Welt gibt es weder Intimität noch individuelle Liebe, die Impulse der kindlichen Sexualität sind ebenso getilgt wie die Erfahrung der Sterblichkeit des menschlichen Körpers. Sexualität, von jedem Einzelnen als angstbesetzt und rätselhaft empfunden, soll kommensurabel gemacht werden, indem sie zum puren Vollzug eines allgemeinen Gesetzes erniedrigt wird: lästig, aber nötig, frei von jedem Glücksversprechen und damit auch von der Angst vor Enttäuschung. In Anschluss an Günther Anders’ Theorem von der „Antiquiertheit des Menschen“ möchte der Vortrag zeigen, dass die Postmoderne damit endgültig zur praktischen Ethik individueller Selbstauslöschung wird, wie Anders sie in Heideggers Technikbegriff, den der deutsche Faschismus zu verwirklichen suchte, angelegt sah. Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt unter anderem für „Bahamas“ und „Jungle World“. [via]

2. Der (post-)moderne KörperOrt der gelebten Möglichkeiten?: In ihrem Vortrag über den postmodernen Körper im Rahmen der Reihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ kritisieren Katja und Korinna (siehe ihren Artikel Fat is a feminist Issue hier oder zum anhören hier) aus einer dezidiert feministischen Perspektive ebenfalls das postmoderne Verhältnis zum Körper. Grundthese ist hier mit Marx und Adorno, dass das verdinglichte Gesellschafts-Naturverhältnis in der kapitalistischen Produktionsweise neben einer Beherrschung der äußeren Natur auch die des eigenen Leibes bedeutet. Die so beherrschte und verdrängte Natur kehrt im bürgerlichen Konzept der Weiblichkeit wieder – die verdrängte menschliche Leiblichkeit wird auf die Frau projiziert. Mit der Emanzipation der Frau zum bürgerlichen Subjekt verschärft sich das weibliche Verhältnis zum eigenen Körper jedoch: sie muss Natur zugleich repräsentieren und beherrschen. Was diese Veränderung für weibliche Körperlichkeit bedeutet, hat dabei etwas mit den Veränderungen im Produktionsprozess zu tun: während im industriellen Zeitalter der Körper ein Mittel der Produktion darstellt, wird er im post-industriellen Zeitalter aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen und selbst zu einem Gegenstand der Produktion: er wird zu einem gestaltbaren, jederzeit verfügbaren Produkt. Was dies für viele Frauen bedeutet, ist Gegenstand des Vortrags. In Weimar haben Katja und Korinna ihrem Vortrag ein Musikvideo vorangestellt, welches hier angesehen werden kann.

Die Entwicklung des bürgerlichen Subjekts war notwendig verbunden mit der Spaltung des Menschen in Geist und Körper. Die Herrschaft des sich autonom dünkenden Geistes über den Körper bedeutete seitdem, immer einen Teil der körperlichen Bedürfnisse zu verleugnen. Unterdessen zeichnet sich der gegenwärtige Trend eher durch eine tiefe Sorge um den Körper aus. Er ist zu einem Ort der unendlichen Gestaltung avanciert, in dem sich Bilder von Ästhetik, Fitness und Selbstkompetenz vereinen sollen. Dies scheint jedoch zunächst weniger ein Zeichen von Autonomie zu sein als vielmehr der Gewalt gesellschaftlicher Zwänge geschuldet, von denen vor allem Frauen betroffen sind. Diese äußern sich nicht zuletzt darin, dass der Körper zum bevorzugten Austragungsort innerer Konflikte geworden ist. Spiegelt der destruktive Umgang mit dem Körper einerseits die leidvollen Konflikte des Subjekts mit der Gesellschaft wider, so bleibt ebenso zu fragen, welches emanzipatorische Potential sich im Körperkult ausdrückt. Steckt im Bedürfnis nach der Umgestaltung des eigenen Körpers womöglich ebenso die Anklage gegen das schlechte Bestehende wie der verborgene Wunsch der individuellen Emanzipation? Eine feministische, emanzipatorische Kritik am Körper hieße eine bewusste Reflexion auf dieses Verhältnis von Wünschen und Zwängen, dem versucht wird, nachzuspüren. Katja und Korinna leben in Leipzig. In der letzten Ausgabe der „Outside the Box Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik“ schrieben sie über die feministische Kritik des postmodernen Körperverhältnisses. [via]

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Die Bahamas und die kommenden Aufstände May 23, 2011 | 03:13 pm

Inkohärente Stichwortsammlung mit Anmerkungen,
entstanden im Nachklang zur Bahamas-Veranstaltung „Avantgarde des Selbsthasses“

Gastposting von Eric Ostrich

Nicht primär die beachtliche Länge des Abends – immerhin haben im Ganzen drei Referenten geredet und zwei davon recht ausführlich – macht einen Bericht über die von der Bahamas organisierte Veranstaltung “Avantgarde des Selbsthasses – ‘Kommende Aufstände’ als postmoderne Erben von Anarchismus und Situationismus” jüngst am 17. Mai im Max und Moritz schwierig, soll er einigermaßen linear und kohärent sein und nicht selbst ausufern. Vielmehr entsteht die Schwierigkeit dadurch, daß es dem Schreiber des vorliegenden Texts nicht gelingen wollte, zu fassen, was die drei Referenten – Sören Pünjer, Niklaas Machunsky, Magnus Klaue – im Innersten zusammenhielt (außer einer bei allen entschiedenen, aber offenbar unterschiedlich motivierten Ablehnung dessen, was unter dem immer diffusen Begriff der deutschen Linken jeweils verstanden wird, und des aus Frankreich kommenden Texts ‘Der kommende Aufstand’) – sowohl in ihrem Verhältnis zueinander als auch jeweils für sich selbst. Zwar nahmen alle drei den angekündigten gemeinsamen Ausgangspunkt, der mit der Debatte um die deutsche Ausgabe von ‘Der kommende Aufstand’ wohl ausreichend korrekt bezeichnet ist. Abgesehen aber von der Hauptironie, daß die Veranstalter selbst am Ende etwas ratlos feststellen mußten, eben diese Debatte sei nun eh schon wieder verebbt, sprachen Pünjer, Machunsky und Klaue manchmal über je Grundverschiedenes und taten dies innerhalb ihrer Beiträge zudem in einer Art von Sprunghaftigkeit, deren Entstehungsgrund vielleicht Magnus Klaue selbst genannt hat, indem er am Anfang seines Vortrags darauf hinwies, daß zumindest er – in Anspielung auf einen kleinen Text von Kleist – so etwas versuchen werde wie eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.

Deswegen soll hier kein Bericht über die vielleicht ohnehin letzte Berliner Veranstaltung über ‘Der kommende Aufstand’ vorgelegt werden, sondern, dem Fehlen an innerer Struktur und Kohärenz des Abends ensprechend, anhand einiger lose angeordneter und nicht ohne Willkür ausgewählter Stichworte, die im Verlauf der Veranstaltung gefallen sind, auch hier ein wenig symptomatisch sinniert werden, in der Hoffnung, daß sich der eine oder andere Gedanke, der sich hier möglicherweise versteckt, als Flaschenpost auf den Weg zu unbekannten Ufern macht. Vorausgeschickt sei noch, daß es ein Mißverständnis wäre zu meinen, die hier berührten Charakteristika und Vorgänge seien welche, durch die sich die – ansonsten auch schon, vor allem in der effektvollen Eindämmung gewisser Exzesse “der” Linken, verdienstvolle – Zeitschrift Bahamas oder die behandelten Referenten des Abends auszeichneten. Eher wird hier der Versuch unternommen, exemplarisch ein Milieu zu betrachten.

Seitenzahlangaben zu ‘Der kommende Aufstand’ beziehen sich auf die hier abrufbare PDF-Version.

Der kommende Aufstand Cover

Arbeit Kommt in ‘Der kommende Aufstand’ vor, an diesem Abend praktisch jedoch nicht – außer in der Erwähnung, daß es in dem französischen Text auch ein Kapitel zum Thema Arbeit gebe, und immer, wenn das Wort “Arbeitermarxismus” verwendet wurde.

Arbeitermarxismus Eine an diesem Abend oft genannte, der Linken zugeordnete Richtung, die das Lob zugesprochen bekam, im Unterschied zu ‘Der kommende Aufstand’, der nicht argumentieren wolle und deswegen “nicht zu kritisieren” sei, mit “Begriffen und Kategorien” zu “arbeiten”. Selbst wenn “der Arbeitermarxismus” einen “ontologischen Proletariatsbegriff” habe, also meine, “daß das handelnde Proletariat am Ende ohnehin siegreich” sein werde, könne er doch die Taten des Subjekts bewerten und Fehler erkennen. Der “Arbeitermarxismus” könne daher zum Beispiel ein Pogrom immerhin als “Irrtum” analysieren. Bei ‘Der kommende Aufstand’ und in der Wirklichkeit gebe es hingegen keine Analyse, stattdessen heiße es dort immer nur: “Wir sind wütend”, ohne weiteren Grund, wie in dem Beispiel, das Machunsky zur Illustration folgen ließ: “Irgendwelche Leute werden von der Polizei umgebracht. Und dann heißt es: ‘Wir sind wütend.’”

Argumente fehlen sowohl Magnus Klaue als auch Niklaas Machunsky bei dem Text ‘Der kommende Aufstand’ (siehe vermutlich auch Sinnieren).

Ausnahmezustand Offenbar schwer verwendbarer Begriff, der sowohl mit Carl Schmitt als auch mit Walter Benjamin zu tun habe und in ‘Der kommende Aufstand’ vorkomme, wo wiederum nicht genannt werde, von welchem der beiden Autoren, die, um es zu verkomplizieren, ihrerseits textlich miteinander verbandelt waren, das ‘Unsichtbare Komitee’ den Begriff denn nun übernommen habe – eine sich durch den Text ziehende Verfahrensweise, die Magnus Klaue als “problematisch” und als “Strategie” bezeichnete, der seinerseits immer darauf hinwies, wenn er etwas Kleist, Lenk, Benjamin, Adorno beziehungsweise der “frühen Kritischen Theorie” oder Habermas entnahm. Für Machunsky ist der Fall, soweit man dies an diesem Abend erfahren konnte, eindeutig: Der Einfluß ist rechts-konservativ beziehungsweise nationalsozialistisch. – Nicht geklärt wurde die Frage, woher das “Kollektiv von Einverständigen”, an das sich ‘Der kommende Aufstand’ richte, weiß, ob es zum Beispiel an diesem Punkt nun Benjamin oder doch eher Schmitt folgen solle.

Barbarei Sei, was drohe, wenn die Herrschaft des Kapitals durch Lohnarbeit durch eine andere Herrschaftsform abgelöst werde. Erstere habe den Vorzug der Vermittlung, die zweite sei unmittelbare Gewalt. Diese “negative Aufhebung des Kapitals” geschehe nicht von alleine, es brauche auch Leute, die diesen “letzten Schritt in die Barbarei” tun. Das ‘Unsichtbare Komitee’ wollten diese Leute sein, so Machunsky.

Bombenlegen Laut Niklaas Machunsky ein Endergebnis von ‘Der kommende Aufstand’: “Am Anfang steht die Beschreibung: Die Welt ist schlecht. Und dann geht’s los. Mit Bombenlegen.” (Vgl. dazu zum Beispiel: ‘Der kommende Aufstand’, S. 86f)

Cord Riechelmann Kam quantitativ beinahe so häufig vor wie Felix Klopotek. Grund: Aus der Flut von euphorischen und begeisterten Besprechungen des Buchs ‘Der kommende Aufstand’ querbeet in allen linken Medien und über Wochen hinweg (siehe die Archive der taz, Jungle World, Freitag, Neues Deutschland, Stressfaktor, konkret etc.) wurde der Text des Biologen Riechelmann ausgewählt, weil dieser die von Wie-heißt-er?-“Thumfart” vorgebrachte Meinung, ‘Der kommende Aufstand’ sei “deutsch” und “rechts-konservativ” in Zweifel zog. Deswegen, so Machunsky, sei Riechelmann entweder “dumm” oder “intellektuell unredlich”, weil doch in ‘Der kommende Aufstand’ das Wort man sehr häufig vorkomme und außerdem die Gruppe Tiqqun etwas mit Agamben und Badiou und Agamben wiederum mit Schmitt sowie Badiou mit Heidegger zu tun habe.

Depression Wichtig für Magnus Klaue. Im Zuge ihrer Denunziation von “Selbstidentität”, so Klaue, komme das ‘Unsichtbare Komitee’ zu einer Polemik gegen die Medizin und das in der Nachfolge der Anti-Psychiatrie. Als Beispiel dafür nannte er den Satz aus dem französischen Text “Wir sind nicht depressiv, wir streiken”. Klaue meinte weiter, das Komitee meine, wer Medikamente nehme, trete in eine “Allianz mit dem Klassenfeind – oder wie auch immer man sich das auch vorstellen mag”. (Vgl. dazu ‘Der kommende Aufstand’, S. 17f) Hier wie auch anderswo in dem Text verbinde sich beim ‘Unsichtbaren Komitee’ – als “sprachliche Einheit” – die Denunziation des Gegenstandes mit seiner Affirmation, indem jeweils “der Zustand zugespitzt werden soll”. Beim Beispiel der Depression hieße das bei ‘Der kommende Aufstand’, gelesen von Magnus Klaue: “Erfahrung des Leidens ist Wahrheit.” (vgl. ‘Der kommende Aufstand’, vor allem S. 65f).

Deutsche Qualitätsarbeit Sei ‘Der kommende Aufstand’, sagte Niklaas Machunsky und meinte damit wohl eher Schmitt als Benjamin (siehe zur Schwierigkeit dieser Frage: Ausnahmezustand).

Felix Klopotek An diesem Abend vermutlich meistgenanntes Individuum, weil er bei einer Veranstaltung in Köln zugegen war, aber nicht, weil er einmal in einem längeren Text versucht hat, der Verbindung von ‘Der kommende Aufstand’ zu Sorel nachzugehen und Letzteren kritisch zu erklären. Wurde an diesem Abend nicht nur allgemein der Linken zugeschlagen, sondern im besonderen auch dem „Arbeitermarxismus”. Der vom Podium referierten Ansicht von Klopotek, das ‘Unsichtbare Komitee’ kokettiere an keiner Stelle mit der Gewalt zum Beispiel in den Banlieues, sondern nehme sie nur eher wenig erfreut zur Kenntnis, wurde von Niklaas Machunsky scharf widersprochen: Diese Ansicht sei “einfach nur lächerlich”, unter anderem weil die Unruhen in den Banlieues der konkrete Anlaß für die französische Schrift gewesen seien, das Ganze also schon mit der Barbarei begonnen habe.

Freunde und Freundinnen der klassenlosen Gesellschaft Kamen von allen Gruppen und Individuen, die an diesem Abend der Linken zugeordnet waren, am besten weg. Grund: Sie seien bei einer Veranstaltung der Gruppe TOP zu dem Text ‘Der kommende Aufstand’ im Berliner Veranstaltungsort Festsaal Kreuzberg positiv aufgefallen, weil sie sich von allen auf dem Podium Vertretenen als einzige als “Kritiker” von ‘Der kommende Aufstand’ erwiesen hätten.

Geschlechterverhältnis Laut Magnus Klaue auch eine “interessante” Frage, die man anläßlich ‘Der kommende Aufstand’ stellen könne, da der Text ein “abstoßendes Geprotze” sei, durchzogen von “Virilität”. Es kämen pemanent “Revolutionäre” vor, die “aktiv, protzig, gesund” seien und sich “durchsetzen” wollten. (Antworten zu dieser Frage siehe ‘Der kommende Aufstand’, zum Beispiel S. 22f, 59, 65f, aber auch S. 9-89)

Jungle World Wochenzeitung aus Berlin, die seit der deutschen Veröffentlichung von ‘Der kommende Aufstand’ auffällig häufig per E-Mail als Manifeste bezeichnete Texte zugeschickt bekomme – so Magnus Klaue, der für diese Zeitung arbeitet.

Linke, die Wie nicht anders zu erwarten (siehe: Links und rechts), ein Thema, das so bei Klaue kaum vorkam, bei Machunsky hingegen gleich als “mein Thema” angekündigt wurde. Außer um am Kiosk frei erhältliche Zeitungen wie die taz oder Jungle World ging es hier viel und oft um die als repräsentativ genommenen Individuen Felix Klopotek, Cord Riechelmann und, etwas allgemeiner, um “unterschiedliche Linke” (Machunsky), denen gemeinsam sei, daß sie sich sämtlich ohne Aussicht auf Erfolg in Rückzugsgefechten und Abwehrkämpfen befänden, weshalb sie allesamt in den Bann des französischen Texts ‘Der kommende Aufstand’ geraten seien. Der Text habe für Linke dieselbe Wirkung wie “Speed für Rentner” (Machunsky). Die Absicht des ‘Unsichtbaren Komitees’, was die Linke betreffe, sei, dort “die nationalsozialistische Ideologie aufzunehmen”. Hier gehe Thumfart nicht weit genug, für den ‘Der kommende Aufstand’ nur rechts-konservativ sei. Die Linke sei für eine solche Aufnahme auch prädestiniert, weil sie sich besonders weit in die Krise einfühle. Linke glaubten, man hätte nichts zu verlieren, die Katastrophe sei eh schon da, deswegen solle sie auch weiter bleiben.

Links und rechts Offenbar ein Punkt der Uneinigkeit auf dem Podium: Während Niklaas Machunsky das erste Mal schon gleich zu Beginn mit Nachdruck einem sozialdemokratischen Autoren recht geben wollte, dessen Namen er vergessen hatte (“Thumfart”, half ihm Magnus Klaue), dem aber von einem anderen Autoren namens Cord Riechelmann an folgendem Punkt widersprochen worden war: daß nämlich der Text ‘Der kommende Aufstand’ des Unsichtbaren Komitees von “deutscher Ideologie” mittels “Heidegger” und “Schmitt” geprägt und somit “rechts-konservativ” sei – während also Machunsky, der vom Publikum aus gesehen links saß, dadurch den Begriffen rechts und links zur Beschreibung und Wertung politischer Vorgänge Brauchbarkeit zusprach, war dies für Magnus Klaue, rechts, ein Unterfangen, das er für “völlig sinnlos”, eine Frage, die er für “substanzlos” erachtete, einzig als Begriffspaar in einer “Dialektik der Barbarisierung” könne man damit was anfangen: Die Linke sei dabei zuständig für Umstürze, um neue Gebiete zu erschließen, die noch nicht unterworfen sind (siehe ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, unter anderem S. 56); die Rechte hingegen erledige das dazu komplementäre Geschäft der Privilegiensicherung.

Man Begriff von Heidegger, der an diesem Abend recht häufig verwendet wurde.

Manifest Wurde als Textform in einem eingeschobenen Kurzvortrag als literarische Form von Magnus Klaue historisch-kritisch erläutert. Ein Kennzeichen sei, daß beim Manifest Sprache in Handlung umschlagen solle, wodurch es auch einen barbarischen Aspekt beziehungsweise eine solche Tendenz beinhalte. Es sei der bürgerlichen Gesprächskultur, welche den Beigeschmack des Geschwafels habe und bei Habermas noch als Raisonnement auftauche, entgegengerichtet. Die Geschichte des Manifests habe aber eine Art Ende im Dadaismus erreicht, der die Form ad absurdum geführt habe, indem er den Gestus der Proklamation erhalten, aber den Inhalt weggelassen habe. Heute sei die Zivilgesellschaft vom Mitmachen geprägt, es würden beständig Verlautbarungen verlangt, Äußerungen mit Manifestcharakter seien mit dem Konformismus verschmolzen. (Siehe ganz ähnlich ‘Der kommende Aufstand’, S. 15-18 und 58f) Dies sei auch der Kontext und Grund, warum es dazu kam, daß ‘Der kommende Aufstand’, den Magnus Klaue offenbar an dieser Stelle der Textform des Manifests zurechnete, eine hohe Auflage erzielen habe können.

Plündern Day The Eart Stood Still

Plündern Wolle das ‘Unsichtbare Komitee’ immer. Ihr Ziel sei die “Verewigung der Plünderung”, die Beute soll dabei die Leute zusammenhalten. (Vgl. dazu ‘Der kommende Aufstand’, S. 70) Aus diesem Grund wollten sie auch Kommunen gründen, die ihren Lebenszweck darin fänden, sich künftig gegenseitig zu überfallen. Die Hackordnung in den Kommunen sei “nach Art der Wölfe”, auch die Solidarität in ihnen sei “die Solidarität der Wölfe”. Die Mitglieder dieser Kommunen seien keine Individuen, sondern stellten einen Mob dar – “wie bei allen Faschisten”. Das größere Ziel sei, im ewigen Elend den Kampf gegen die Zivilisation, den Westen und die Demokratie zu führen. (Vgl. ‘Der kommende Aufstand’, zum Beispiel Seite 67f)

Revolution A) könne sie, laut Niklaas Machunsky, statt vom “revolutionären Subjekt”, “nur von denen gemacht werden, die sie wollen”; b) sei sie falsch, wenn bei ihrer Durchführung die Vorstellungen “Spontaneität der Massen” oder “Partei” vorkämen. Zu empfehlen sei, daß man jede Hoffnung, zum Beispiel auf das “revolutionäre Subjekt”, fallen lasse und die “Welt mit nüchternen Augen” ansehe; c) dürfe “die Revolution” “nur gegen die Aufstände” beziehungsweise “für die Aufstandsbekämpfung” stattfinden (siehe außer zu Punkt c) ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, S. 9-89). – Magnus Klaue wollte Niklaas Machunsky nicht widersprechen, auch nicht hinsichtlich der Frage des “Kampfes”, sondern widmete sich dem Begriff “Revolution” stattdessen gleich anhand dessen, was Walter Benjamin, aber auch Adorno und die “frühe Kritische Theorie” darüber geschrieben hätten. Bei Benjamin et alii entziehe sich der Begriff Revolution vor allen Dingen jeder Einteilung in links und rechts und er sei von vornherein widersprüchlich: Zum einen sei der Umsturz der Verhältnisse wie der erste Tag, zum anderen sei die Vorstellung bei Benjamin hier auch messianisch und wolle die Wiederherstellung des Ältesten beziehungsweise Ersten (das Fachwort hierzu lautet: Apokatastasis). Es ginge eher um Rettung oder Erlösung und nicht um Fortschritt, die Revolution sei keine Entfesselung, sondern eine Mortifikation, was man auch mit Stillstand bezeichnen könne. Adorno beziehungsweise die “frühe Kritische Theorie” ergänze, daß es aber überhaupt die Frage sei, ob man den Begriff der Revolution angesichts der Geschichte, einer “Akkumulation von Leichen” (Adorno), noch verwenden dürfe. Deswegen sei der Rekurs auf ein Eingedenken der Toten notwendig, um der in der Revolution liegenden Tendenz zur Barbarei zu begegnen (später an diesem Abend in ähnlichem Sinne aus dem Mund von Magnus Klaue durch Walter Benjamin ergänzt: Revolution solle mit Trauer oder Melancholie einhergehen). Ein Adressat in Hinblick auf die Revolution könne jedenfalls nicht mehr benannt werden, das Bild der Flaschenpost erfasse diesen Umstand. Erreichen würde eine “freie Kollektivität” bestenfalls der Einzelne, der herausfällt (in diversen Aspekten recht ähnlich: ‘Der kommende Aufstand’, ebd.). Hingegen wisse man bei ‘Der kommende Aufstand’ gar nicht genau, an wen der Text sich mit welcher Nachricht richte, außer an ein weiter an diesem Abend nicht beschriebenes “Kollektiv der Einverständigen”, an das der Text appelliere, was er zudem suggestiv tue. Ohnehin spielten beim ‘Unsichtbaren Komitee’ all diese Fragen nach Magnus Klaue keine Rolle.

Revolution (arabische) Kam an diesem Abend zwar vor, aber nicht sonderlich gut weg, zumal “wir die Gründe dieser arabischen Aufstände nicht durchschauen” (Klaue). Noch schlechter beurteilt wurden aber die in den hiesigen Breitengraden von diesen Aufständen Begeisterten, die wiederum umstands- und erläuterungslos mit denen gleichgesetzt wurden, die ein nicht abwehrendes Interesse an dem Text aus Frankreich, ‘Der kommende Aufstand’, gezeigt haben. Die Erwähnung der Werbung eines Reiseveranstalters für Tunesien – “Kommen Sie ins Land der Revolution” – war Anlaß, den Begriff “Revolutionstouristen” einzuführen – allerdings nicht in der Absicht, damit eine Veränderung im Bereich des zum Beispiel deutschen Pauschal- und Billigtourismus denunzierend zu beschreiben oder den kulturindustriellen Verfall des Begriffs “Revolution” zu denunzieren, sondern um zu der Aussage überzuleiten: “Das sind dieselben Leute, die vorher ‘Der kommende Aufstand’ bewundert haben.” Denen allen, also den Menschen, die einen “Hype” um die arabischen Aufstände herbeigeführt hätten, einerseits wie auch den nicht abgeneigten Lesern von ‘Der kommende Aufstand’ andererseits (die aber an diesem Abend, wie gesagt, als eins genommen wurden), wurde als “pathologisches Phänomen”, also als so etwas wie Depressionen, attestiert, daß sie Projektionen verfallen seien, die in der “Ödnis” und “Starrheit” ihres jeweils eigenen Lebens eine Ursache hätten.

Revolutionstheorie An diesem Abend nicht herbeizitiert, aber erläutert in Bahamas Nr. 61 (vor allem S. 38-39). Demzufolge “eine bitter nötige Disziplin”, die in Konkurrenz mit dem ‘Unsichtbaren Komitee’ und anderen Revolutionstheoretikern betrieben werden müsse, wegen denen “die Hochdruckreiniger der Republik, die Nicolas Sarkozy vor über fünf Jahren im Gangland einzusetzen versprochen hatte, nicht zum Einsatz kommen”. Die dem in diesem Kontext angeführten Problem “der sichtbaren Komitees der moslemischen Brüder in den Banlieues” offenbar aber ohnehin nicht zu Leibe rücken hätten können, denn dieser Spuk “kann nur beendet werden, wenn ihren sichtbaren und unsichtbaren Rationalisierern das Handwerk gelegt wird, und das ist keine Frage der Gewalt, sondern der Überzeugungskraft von Ideologiekritik”. Nicht geklärt wurde im Heft und auch nicht an diesem Abend, ob auch die “moslemischen Brüder” sich auf diese Art der Auseinandersetzung einlassen und sich, wenigstens im Prinzip, überzeugen lassen würden, was andernfalls möglicherweise die Frage der Gewalt und die “Hochdruckreiniger der Republik” wieder ins Spiel bringen dürfte, um den erwünschten Sieg auch in den “Ganglands” feiern zu können, diesen Sieg, der “nicht nur ein antifaschistischer Schritt zur Unterbindung eines großen Übels, sondern zugleich die Geburtstunde einer anderen Republik, der Beginn der Revolution also” sein soll. (Dies wäre auf dem Weg zum Reich der Freiheit nach aktueller Zählung circa die sechste Republik in Frankreich).

Sinnieren Vorgang, den Niklaas Machunsky bei dem französischen Text ‘Der kommende Aufstand’ hinsichtlich des stummen Zwangs der Verhältnisse vermißt.

Situationistische Internationale Waren auch ein Thema des Abends, weil sie “als Vorläufer des ‘Unsichtbaren Komitees’ gelten”. Daß dies richtig sei, könne man schon daran sehen, daß Wörter wie “Spektakel” in ‘Der kommende Aufstand’ vorkämen. Falsch sei bei den Situationisten nach Machunsky, daß “sie Gründe geben wollten für das, was im Aufstand gesucht wird” – entlang der Motti: “Sie hatten recht, schon bevor sie etwas getan hatten” oder “Sie wissen es nicht, aber sie tun es”. Der Aufstand wurde in diesem Zusammenhang als “Naturereignis” bezeichnet. Ob dies die Ansicht Machunskys oder ein Vorhalt gegen die Situationisten war, muß hier offen gelassen werden. Siehe als Beispiel für all diese Vorgänge auch: Unruhen von Watts.

Tiqqun Eine Zeitschrift aus Frankreich, die es nicht mehr gibt. Steht zum ‘Unsichtbaren Komitee’, den Verfassern von ‘Der kommende Aufstand’, ungefähr in dem Verhältnis wie der Kommunistische Bund zur Bahamas beziehungsweise die Bahamas der 1990er Jahre zu der der 2000er Jahre. Wurde dennoch an diesem Abend mit dem ‘Unsichtbaren Komitee’ identifiziert. Die Texte von Tiqqun solle man “bloß nicht kaufen”, das sei “verschwendetes Geld”, meinte Niklaas Machunsky; man finde sie auch im Internet unter http://www.bloom0101.org/page1.html

Unruhen von Watts Kamen vor, weil die Situationistische Internationale über sie einen Text geschrieben hatte, den Niklaas Machunsky für die Veranstaltung allem Anschein nach gelesen hatte und erwähnen wollte. Machunsky setzte diese Unruhen beim Publikum als unbekannt voraus, deswegen wurden sie von ihm kurz erläutert: Es habe 34 Tote gegeben, damit “war es wohl wirklich ein größeres Ereignis”. Die Menschen von Watts hätten damals “wohl Erfahrungen mit Rassismus gemacht”, was, so wagte Machunsky vorsichtig zu vermuten, wahrscheinlich auch eine Ursache für diesen Aufstand gewesen sei. Die Situationistische Internationale habe aber diese Unruhen falsch betrachtet, indem ihre Mitglieder versucht hätten, in “unkritischer Fürsorge” einen “Sinn in dieses Ereignis zu pressen”. Diesen Fehler hätten die Situationisten begangen, weil sie in der Annahme, daß hinsichtlich eines befreienden Umsturzes eine Theorie wie auch eine handelnde Praxis in der Welt schon vorhanden seien, allerdings getrennt, beim Versuch, diese beiden Seiten zusammenzubringen, sich laufend umgeschaut hätten, “wer gerade das Zerstörungswerk leistet”.

Stummer Zwang der Verhältnisse Werde laut Niklaas Machunsky in ‘Der kommende Aufstand’ behandelt. Er selbst kenne diesen auch. Der von Machunsky in ‘Der kommende Aufstand’ dabei entdeckte Mangel: Die Franzosen bräuchten keine Argumente, “das Unsichtbare Komitee will darüber nicht sinnieren.

Thumfart Vorname: Johannes. Kam nur an einer Stelle vor, an der er vergessen wurde.

Umwelt Die Abschnitte zu diesem Begriff in ‘Der kommende Aufstand’ findet Magnus Klaue “fast noch am interessantesten”, dort seien “zum Teil interessante Ideen” zu finden.

Unheimlich Ist ‘Der kommende Aufstand’ für Magnus Klaue: Aus eigener Erfahrung wisse man ja, das vieles, was in dem Text denunziert werde, richtig getroffen sei.

links (12. mai 2011) May 12, 2011 | 04:42 pm

Auftauchen:

Anhören:

Ansehen:

  • Am 25. April 2011 verstarb Poly Styrene, Stimme und Aushängeschild von X-Ray Spex, an Brustkrebs. Hier gibt es den 38minütigen Film “Who is Poly Styrene?” (via typical grrrls).
  • “Deckname Dennis” - eine “halbdokumentarische Realsatire”, in der ein us-amerikanischer Geheimagent die “deutsche Mentalität” erfahren soll. Aus dem Jahr 1997. Ich hätte gerne ein Remake, Fortsetzung, irgendwas, das die aktuelle Lage einfangen möchte. Bei der Auktion sitzt übrigens mein Onkel knapp neben Dennis. Beängstigend. (Edit: Link zum vollständigen Film hin aktualisiert; bitte bemerken falls broken o.ä.)
  • Das einzige was ich von der “Re:publica 2011” mitbekommen habe ist Bashing und der Vortag von Dr. Gunter Dueck: “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem” (via @blog_bleistift), der recht kurzweilig und daher eher zur Unterhaltung und zu anregenden Überlegungen eines potentiellen “Typ Z” dienlich ist.

Haselnuß dann eben schwarzgrün April 11, 2011 | 01:23 pm

In der aktuellen “Jungle World” stehen gute Texte zum Weg in die schwarz-grüne Einheitssoße.

Volker Weiss schreibt über das “Bedürfnis des Bildungsbürgertums nach Sinnstiftung”, das “den Grünen zum Wahlerfolg verholfen” hat:

>>Sie sind die legitimen Erben des bürgerlichen Konservatismus. (…) Getreu der Dialektik des Machterhalts, die der italienische Schriftsteller Tomasi di Lampedusa formulierte, gilt: Manchmal muss sich eben etwas ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist.<<

Magnus Klaue: Deutschland sucht den Super-Gau

>>Genug Material gäbe es also, an dem sich Kritiker der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung abarbeiten könnten. Doch die wenigen, die sich der Aufgabe annehmen, haben mit den Umweltaktivisten leider gemein, sich als alleinige Hüter der Vernunft zu verstehen – einer Vernunft, die entgegen dem Selbstverständnis derer, die sie predigen, vom kleinbürgerlichen Vertrauen in »Expertenwissen« sowie von der festen Überzeugung getragen ist, was die Vorstellungskraft übersteige, das könne auch nicht geschehen.<<

Und Markus Ströhlein bemerkt zur Ethikkommission “Sichere Energieversorgung”:

>>Die Bundesregierung hat also offensichtlich ihre Kalkulation des »atomaren Restrisikos« aktualisiert und ist zu dem Ergebnis gekommen: Atomkraft lohnt sich nicht mehr. Verstrahlte Landstriche, kranke, tote und deshalb nicht mehr sonderlich tüchtige Bürger – das wären schlechte Geschäftsbedingungen für den Standort Deutschland.<<

Oh Mother! March 23, 2011 | 02:55 pm

lisa illu
(Illustration: Lisa von Klitzing)

Für die aktuelle Ausgabe HATE#8 hat Christiane Ketteler, gemeinsam mit Magnus Klaue, einen Text über die Mutter als Mörderin verfasst.

In der aktuellen Ausgabe der Jungle World findet sich ebenfalls ein Artikel zu einem ganz ähnlichen Thema von ihr: Sie bespricht die Ausstellung Beyond Re/Production: Mothering, die noch bis zum 25. April im Kunstraum Kreuzberg läuft:

Die Ausstellung »Mothering« verhandelt die Forderungen einer modernen Leistungsgesellschaft, in der Männer, Frauen und Transgender ökonomisch selbständig, jung, leistungsfähig- und willig, unabhängig und zielgerichtet sein sollen und in der sich zugleich der Ruf nach Fürsorge doch immer wieder an Frauen richtet.

Der Begriff »Mothering« fokussiert nicht die leibliche Mutterschaft, er betont vielmehr die traditionell der Frau zugeschriebenen Tätigkeiten – von der Kinderbetreuung bis zur Haus- und Pflegearbeit – und macht ihre Umverteilung sichtbar. Es sind Tätigkeiten, die sich nur schwer mit dem Selbstbild einer Leistungsgesellschaft vereinbaren lassen und die unter den Bedingungen neoliberaler Arbeitsverhältnisse kaum mehr von den Individuen ausgefüllt werden können. weiterlesen

Material zu Paul Celan September 20, 2010 | 01:22 pm

1. Magnus Klaue – SARKASMEN. Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kunst | Spektakel | Revolution“: Daß Paul Celans Lyrik entgegen verbreiteten Klischees über deren vermeintliche Hermetik ihrer Formgestalt nach als ‚engagierte Dichtung‘ verstanden werden muß, ist spätestens seit Ende der siebziger Jahre zunehmend ins Bewußtsein der akademischen Forschung, aber auch der feuilletonistischen Rezeption seines Werks getreten. Nolens volens haben die dezidiert politischen Interpretationen von Celans Lyrik seiner Vereinnahmung als ‚Dichter des Holocaust‘ durch diverse derridistisch-heideggerianische Gedächtnisexperten womöglich sogar vorgearbeitet. Im Mittelpunkt solchen Interesses stehen indes die Lyrikbände aus Celans mittlerer Schaffensperiode, v.a. „Sprachgitter“ und „Die Niemandsrose“. Der Vortrag möchte demgegenüber der Frage nachgehen, inwiefern Celans späte Gedichte, die sich sowohl in ihrer Entstehungsweise wie in ihrer immanenten Formsprache deutlich von den früheren unterscheiden, sich bereits als Reaktion auf verschiedene Weisen der politischen Vereinnahmung seines Werks deuten lassen. Die spezifische Form des Engagements, wie sie seinen früheren Dichtungen immanent ist, wird dabei zugespitzt in einem polemischen Interventionismus, der in bislang ungekannter Weise auf ‚pragmatische‘ Formen wie Sentenz und Epigramm zurückgreift, zugleich aber jede Art politischer ‚Gebrauchsdichtung‘, wie sie zur gleichen Zeit etwa von Enzensberger vertreten wurde, scharf zurückweist. Für die besondere Formsprache, die durch die Verschränkung von Elementen ‚eingreifender‘ und ‚absoluter‘ Dichtung im Spätwerk entsteht, schlägt der Vortrag den Begriff des Sarkasmus vor. Im Mittelpunkt stehen Gedichte aus den Bänden „Fadensonnen“, „Lichtzwang“ und „Schneepart“.

Download: via FRN [mp3; Stereo; 128 kbps; 42,0 MB] oder nachbearbeitet via MF [mp3; Mono; 40 kbps; 13,1 MB]

2. Ich hörte sagen. Gedichte und Prosa

Die Stimme der Poesie – Paul Celan ist einer bedeutendsten deutschprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. In seinen Gedichten verbindet sich bittere Kritik mit sehnsüchtiger Utopie, sie sind in ihrem Wesen nach Dialoge, Zwiegespräche. Im Vortrag des Autors entfalten sie ihre Trauer und Anklage in eindringliches Tönen.

Paul Celan, 1920 – 1970, liest hier über 80 Gedichte aus Der Sand der Urnen, Mohn und Gedächtnis, Von Schwelle zu Schwelle, Die Niemandsrose, Sprachgitter, Fadensonnen, Atemwende sowie aus Ausgewählte Gedichte.

Paul Celans Vortrag offenbart, wie sehr dieser Dichter aus und in der Sprache lebt, wie er spricht, um zu leben. Sein Werk zeigt, dass auch nach Auschwitz Lyrik noch möglich ist, wenn sie die bittere Realität nicht verdeckt. [Literatur-Report]


Download
: CD 1 | CD 2 [via MF]; pw:

Schnabelfeld

3. Wutpilger-Streifzüge. Fragmente aus Politik und Kultur #1

Das Debut der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“, in dem das Sendekonzept vorgestellt und Überlegungen zur Möglichkeit einer Radiosendung angestellt werden, enthält die Lesung und eine Interpretation des Celan-Gedichtes „Wutpilger-Streifzüge“ (Fadensonnen, PCGW II, S.169). Das in der Sendung enthaltene Kurz-Essay zu Fragment und Aphorismus kann hier nachgelesen werden.

Download [via MF; mp3; Stereo; 128 kbps; 52 min 17 sec; 47,9 MB]

4. Lorettas Leselampe – Dezember 06

Lorettas Leselampe stellt in diesem Sende-Ausschnitt die 2006 aus dem Nachlass erschienenen Prosa-Fragmente Celans (Paul Celan: Mikrolithen sinds, Steinchen. Die Prosa aus dem Nachlass. Suhrkamp) vor.

Download [via MF; Stereo; 128 kbps; 18 min 57 sec; 17,4 MB]

5. Bremer Literaturpreis 1958

Celan wurde 1958 für seine Bände „Mohn und Gedächtnis“ und „Von Schwelle zu Schwelle“ der Bremer Literaturpreis verliehen. Hier ein kurzer Auszug aus seiner Rede während der Preisverleihung:

hören [Radio Bremen]

6. Literaturempfehlungen zum Thema:

Gerhard Baumann: Erinnerungen an Paul Celan. Frankfurt a.M. 1986

John Felstinger: Paul Celan. Eine Biographie. München, 1997

Marlies Janz: Vom Engagement absoluter Poesie. Zur Lyrik und Ästhetik Paul Celans. Frankfurt a.M. 1976

Winfried Menninghaus: Paul Celan. Magie der Form. Frankfurt a.M. 1980

links (13.juni2010) June 14, 2010 | 12:26 am

Arbeit, Arbeit; meine derzeitige Gefühlslage lässt mich die Figur des Peon in meinen Kopf halluzinieren. Da drängt sich meiner Müdigkeit die flankernde Ablenkungssehnsucht auf:

  • Laut K’s Kriegstheater lesen demnächst einige “neocommunistische Leute” Das Kapital - via Skype. Jeden Freitag 20Uhr; evtl. beste Zeit dafür.
  • Thomas Gesterkamp schrieb in der jungle world etwas über Männerrechtler und diejenigen, die endlich mal was gegen die “organisierte Besserstellung” von Frauen sagen dürfen und machen wollen.
  • Auf dem Blog allophilia finden sich mehrere Links zum Thema Punk und Homosexualität.
  • Georg Seeßlen hat ein paar Gedanken zu “Kritik & Zukunft” in Sätze gebaut (viele andere Beiträge auf seinem Blog sind ebenso lesenwert).
  • Das neue Video von Lady Gaga langweilt mich irgendwie; schade. Und die nazi-haften Schergen sehen aus wie Luther, nur ohne Kutte und muskelgestählt; ekelt mich fast. Haben die am Anfang da einen Davidstern in den Händen? Unklar. Zwischendrin ist sie mal sowas wie ein (mir) sympathischer Vamp und bei den “Maschinengewährmöpsen” musste ich laut lachen. Ansonsten: mir zu dröge als das ich da die ohnehin offenkundige Message thematisieren mag.
  • Wo ich schon beim bewegten Visuellen bin, hin zum bewegenden: Tali Shemesh begleitet in “The Cemetry Club” ihre Großmutter und deren Schwägerin zu den Treffen der “Mount Herzl Academy” und anderen Symbolen wie Emotionen ihres Lebens als integere Frauen im hohen Alter und vor allem als Holocaust-Überlebende. Weinen, Schmunzeln, Lachen, Distanz und Intimität. Bei arte noch 4 Tage anschaubar.

Anhören:

Veranstaltungen etc.: