Der Faktencheck im Faktencheck

Ja, die Doku „Auserwählt und Ausgerenzt“ hatte handwerkliche Mängel. Aber was der WDR als „Faktencheck“ präsentiert ist keineswegs besser. Stefan Winterbauer meint bei Meedia:

Wann gab es das schon einmal, dass ein Sender eine Dokumentation mit derartig vielen Warnhinweisen und Richtigstellungen versieht? Die Ausstrahlung begann mit einer Art Warntafel vor dem Film. Während der Doku gab es immer wieder Einblendungen, dass Betroffene hier nicht gefragt worden seien. Erst der WDR habe den Beschuldigten Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Und – so eine Überraschung – die nachträglich Befragten gaben alle sinngemäß zu Protokoll, dass sie ja gar nix gegen Juden haben. Entschuldigung für den Sarkasmus im vorangegangenen Satz, aber bei dieser Sache fällt es schwer, nicht sarkastisch zu werden.

[…] der nachträglich zusammengeschusterte Faktencheck [erweckt] nun selbst den Eindruck starker Voreingenommenheit. Er geht über das Korrigieren von Fakten weit hinaus. Das Ziel, den Film komplett zu diskreditieren, wird überdeutlich.“

Sechs Beispiele:

1. Der WDR behauptet dass es nicht antisemitisch gewesen sei als Abbas behauptete Rabbiner würden dazu aufrufen das Wasser der Palästinenser zu vergiften. Abbas vor dem Europaparlament:

„Darüber hinaus möchte ich noch sagen, dass vor nur einer Woche einige Rabbiner in Israel ihre Regierung aufgefordert haben, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk?“

Der Film brachte die mit der antisemitischen Legende von den Brunnenvergiftern in Verbindung. Auch z.B. auf Wikipedia wird die Aussage von Abbas als modernes Beispiel dieser Legende aufgeführt. Laut WDR muss man jedoch zwischen Wasservergiftung und Brunnenvergiftung unterschieden werden (ernsthaft!):

„Der Kommentartext fügt dem Zitat von Abbas weitere Inhalte hinzu: ‚Rabbiner planen palästinensische Brunnen zu vergiften.‘
Von ‚Brunnen‘ spricht Abbas hier jedoch nicht, auch nicht von ‚Plänen‘ der Rabbiner, das Wasser zu vergiften.“

2. Laut WDR gebe es keinerlei Belege die Anschläge auf das Bataclan hätten ein antisemitisches Motiv gehabt. Auf Wikipedia werden einige der antisemitischen Drohungen aufgelistet, die dem Anschlag vorausgingen.

http://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/doku-faktencheck/doku-faktencheck-148.html

Welch bittere Ironie, dass in der Doku auch gefragt wurde, warum es so schwer falle antisemitische Anschläge als antisemitisch zu bezeichnen.

3. Der WDR moniert:

„Die eingeblendeten Schlagzeilen vermitteln das Bild, dass die deutsche Medienlandschaft hauptsächlich israelkritisch berichte.
Tatsächlich wird dieses Bild durch die Forschung nicht bestätigt: ‚Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich beispielsweise die Berichterstattung zur Zweiten Intifada und den Gaza-Kriegen 2009 und 2012 in Qualitätszeitungen, aber auch dem deutschen Fernsehen kaum substantiell voneinander unterschieden hat und vorrangig versucht wurde, ausgewogen über die Konfliktparteien zu berichten.'“

„Die Forschung?“. Andere Forscher kamen zu anderen Ergebnissen, so z.B. die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel​:

„Wir haben die Berichterstattung über den Nahen Osten mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, wie Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab. In den Artikeln finden sich ungewöhnlich viele NS-Vergleiche, es gibt ein sehr negatives Bild des Landes.

[…] In der Schlagzeile ist Israel fast immer Aggressor, im Text selbst steht dann, dass Israel nur reagiert hat. Ein Beispiel: Vor einer Woche einigten sich die Parteien im Gaza-Krieg auf eine Feuerpause, die Hamas schoss nach einigen Stunden trotzdem Raketen ab. 80 Prozent der Schlagzeilen auf Nachrichtenseiten lauteten aber: Israel bricht Waffenruhe.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch der Linguist Anatol Stefanowitsch​, der 2014 die sprachliche Struktur von 170 Schlagzeilen untersuchte.

4. In Bezug auf das Interview mit Monika Schwarz-Friesel behauptet der WDR, dass die Aussagen der Expertin in einen falschen Kontext gebracht wurden sein. Auf der Übersichtsseite zum Faktencheck heißt es:

„Der Film stellt damit Statements von Interviewpartnern in einen antisemitischen Kontext.“

Im entsprechenden Abschnitt wird dann angeblich klargestellt:

„Die Linguistin Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wird zu ihrer Studie zur ‚Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert‘ interviewt. Diese Studie hat sie gemeinsam mit Jehuda Reinharz 2012 publiziert.

Darin untersuchten die Wissenschaftler über 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Israelische Botschaft in Deutschland. Die Studie befasste sich folglich mit dezidiert antisemitischen Schriftstücken.“

Nein, lieber WDR. Dass das Geschwurbel z.B. „von Bankern von der Ostküste“ oder von einer übermächtigen „Israel-Lobby“ ist nicht nur dann antisemitisch wenn es in Texten steht, die selbst WDR-Faktenchecker als „dezidiert antisemitische Schriftstücke“ erkennen können. In einem bei der bpb veröffentlichten Text, in dem Schwarz-Friesel fast wortgleich schrieb was sie in dem Interview sagte, schrieb sie auch:

„Es zeigt sich, dass trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust immer noch seit Jahrhunderten tradierte judeophobe Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert werden – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung.“

Auch in einer Vorlesung machte Schwarz-Friesel deutlich:

„Keineswegs ist Judenfeindschaft vergangen oder nur ein Randphänomen von einigen Extremisten, sondern ein höchst aktuelles Problem in der Mitte unserer Gesellschaft. Der moderne Antisemitismus, heute primär artikuliert als Anti-Zionismus und Anti-Israelismus, fußt ungebrochen auf der klassischen Judenfeindschaft, die stets und von Anfang an von den Gebildeten kam.[…] Als Verbal-Antisemitismus gelten alle sprachlichen Äußerungen, mittels derer Juden als Juden entwertet und diskriminiert werden, intentional oder nicht-intentional, explizit oder implizit.“

Übrigens: Während der WDR so tut als müsste er die Aussagen Schwarz-Friesel vor den Produzenten des Films schützen, meint die Antisemitismusexpertin über den Film:

„Aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung spiegeln die in diesem Film präsentierten Fakten zur aktuellen Judenfeindschaft sehr genau die Lage wider.“

Die Übersichtsseite des WDR-Faktencheck unter http://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/doku-faktencheck/index.html

 

5. Mercedes Nabert​ bei den ruhrbaronen:

„In einer Liste von NGOs, denen der Film nicht die Gelegenheit zu einer Stellungnahme gab, erwähnt der WDR World Vision, mit dem Kommentar, dass sie seit 2016 nicht mehr in Gaza aktiv sei. Verschwiegen wird dabei der Hintergrund. Nach längeren Ermittlungen und der Verhaftungen eines Mitarbeiters durch Israel, aufgrund der Weitergabe größerer Summen an die Hamas, haben Regierungen wie die deutsche und die australische die Unterstützung von World Vision Gaza komplett eingestellt. Unter diesen Umständen weiter zu arbeiten — oder was auch immer die NGO dort getan hat – dürfte kein leichtes sein.“

6. Die FAZ kommentiert den Faktencheck so:

„Bei den Unruhen im Pariser Vorort Sarcelles zum Beispiel, bei denen Synagogen angegriffen wurden, wird vom WDR behauptet, es hätten nicht dreitausend Jugendliche randaliert, wie es im Film heißt, sondern nur wenige hundert. Und es sei in französischen Presseberichten auch erwähnt worden, dass die verbotene Gruppierung ‚Jewish Defence League‘ eine Rolle gespielt habe. Hier ist es schwer, sich aufgrund der Quellenlage ein Bild zu machen. Das trägt zu einem Gesamtergebnis bei, bei dem man nur in einem hundertprozentig sicher sein kann: Der WDR hat alles getan, um zu zeigen, warum der Film so nicht gezeigt werden sollte.“

 

Audio: Religionskritik, Diskriminierung und Emanzipation. Anmerkungen zur Islamdebatte.

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 12. Mai 2017 in Bremen

Wie der weltweit anschwellende Autoritarismus und das wachsende Gewicht von Religionen miteinander korrespondieren. Warum Menschen vor Diskriminierung zu schützen sind, aber die Kritik einer Religion keine Diskriminierung von Menschen ist. Wie Gläubige ihre Heiligen Schriften nach Gusto auslegen, aber warum das kein Sprechverbot über den Islam rechtfertigt. Warum viele Linke über „Köln“ nicht reden konnten und wie das mit ihrer entsorgten Religionskritik zusammenhängt. Wie eng verwandt der präfaschistische Rechtspopulismus und der Islamismus miteinander sind und warum es reaktionär ist, wahlweise den einen oder den anderen zu verharmlosen. Warum djihadistischer Terror mit dem Islam zu tun hat – und mit der kapitalistischen Moderne. Und warum Religionskritik und Kritik der politischen Ökonomie zusammenkommen müssen, um jeder Barbarei entgegenzutreten zu können.

(Der Vortrag am 12. Mai 2017 in Bremen fand unter dem Titel „Kritik des Islamismus – Schwierigkeiten linker Auseinandersetzungen“ statt)

Zinsen, Zocker, Zionisten

Zum reaktionären Weltbild des regressiven Antikapitalismus

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 12. Juli 18 Uhr, Landau in der Pfalz
Universität Koblenz-Landau, CIV 165 (Seminarraum)

Eine Veranstaltung des Instituts für angewandten Hedonismus

Geht es gegen “Banken und Finanzmärkte”, findet sich manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die
Verursacher der Krise. Wer das kapitalistische Prinzip in “produktives Kapital” und “Finanzkapital” aufspaltet, landet zwangsläufig bei der Dämonisierung von Zirkulationssphäre und Finanzsektor. Eine alte Krankheit der Linken. Schon Lenins Imperialismustheorie und Dimitroffs Faschismusdefinition waren davon infiziert. Während Marx, für den Proletarier kein Vaterland hatten, von der freien Assoziation der Individuen träumte, feiern in der Linken “Völker” fröhliche Auferstehung – als eingebildete revolutionäre Antipoden des Finanzkapitals. Als ob es Auschwitz nicht gegeben habe, lebten und leben Teile einer vermeintlich radikalen Linken weiterhin im ideologischen Korsett der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” angerichtet hat, kämpfen sie gegen “Bankster und Spekulanten” und üben sich im Schulterschluss mit den reaktionärsten und menschenfeindlichsten Ideologien und Regimen der Welt.

Der Referent zeigt Grundzüge einer nicht-regressiven, reflektierten Kapitalismuskritik als Bedingung gelingender Emanzipation auf. Warum sind die Banken „systemrelevant“ und nicht die Menschen? Warum wird der Finanzsektor immer größer? Warum führt Produktivitätsfortschritt nicht zu einem besseren Leben für alle? Warum müssen wir dem Fetisch Wachstum dienen? Den Kapitalismus versteht nur, wer etwas von dem versteht, was ihm seinen Namen gibt – vom Kapital.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Konkret, Jungle World und emafrie.de

 

Demokratie oder Volksherrschaft?

Warum die Verhältnisse nicht besser werden, wenn das Ressentiment mehrheitsfähig ist.

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Dienstag, 11. Juli 2017, 20.30 Uhr, Mannheim                                                               JUZ, Käthe-Kollwitz-Str. 2-4

Eine Veranstaltung  des AK Antifa Mannheim

Versteht man „Demokratie“ lediglich im Wortsinne, nämlich als „die Herrschaft des Volkes“, so muss einem davor grausen. Schließlich hätte dann der Nationalsozialismus, der das Fühlen, Denken und Wollen einer großen Mehrheit der Deutschen repräsentierte, das Prädikat demokratisch verdient. Der leidlich funktionierende demokratische Staat aber zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er unveräußerliche Rechte von Einzelnen und Minderheiten garantiert.
Gegen die Krise der Demokratie wird mehr „direkte Demokratie“ gefordert. Doch ob „Ausländer“ rausgeworfen, Minarettbauten verboten oder Schulreformen verhindert werden sollen – bessere Verhältnisse schafft die „Stimme des Volkes“ kaum. Solange die selbstgerechte Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ ihr Mütchen an vermeintlich „Faulen“ oder „Gierigen“ kühlen mag und Ressentiment landauf landab mit Kritik verwechselt wird, ist „dem Volk“ grundsätzlich zu misstrauen. Was geht in Menschen vor, die zwar gegen einen Bahnhofsneubau Sturm laufen, nicht aber gegen die Rente mit 67 – obwohl sie unter dieser vermutlich wesentlich mehr zu leiden haben werden als unter jenem? Und ist es ein Zufall, dass einem die Forderung nach Volksabstimmungen umso häufiger begegnet, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de.

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Keine Zeit zum Denken

Die Produktion esoterischer Ratgeberliteratur beschreibt der „Lebenscoach“ Elias Fischer, mit deutlichen Worten. In seinem Werk „Mein Leben 2014“, in dem ansonsten über ein „Wechseln der Matrix“ und „inneren Frieden“ aufgeklärt wird, heißt es: „Ich habe dieses Buch in einem halben Jahr runter getippt. Es geht ziemlich flott, da ich keine Zeit mit Nachdenken und Korrigieren verbringe. Es flutscht einfach.“ Der Autor dieser Zeilen wurde beim Lesen dieses Machwerks nicht nur mit den Produktionsbedingungen der Esoterik konfrontiert, sondern stieß auf Vor-, Feind- und Rollenbilder, mit denen sich Fischer „im Namen der Liebe“ auseinandersetzt. Er nutzt das Mittel der Reproduktion, um uralte Mythen zu beleben – und ausführliche Anleitungen zu vermitteln, die seiner Vorstellung von „göttlichem Sex“ entsprechen.

Von Rudolf Steiner bis Forrest Gump

Warum sollte der selbsternannte „Lehrer für Selbstverwirklichung“ denken? Schließlich lassen sich doch Texte tippen, bis ein Tagebuch vorhanden ist, das im Eigenverlag erscheint. Dort beruft sich der Referent, der verzweifelten Menschen „Persönlichkeitsentwicklung, Heilung und Spiritualität“ verspricht, auf eine andere Größe der dauerhaften Denkverweigerung. Die Ideen Rudolf Steiners haben es dem jungen Coach angetan. Das Idol der Waldorfschulen habe „in seiner Lehre gute Ansätze gebracht, die mir auch gefallen“. Tatsächlich bezieht sich Fischer, der in Berlin lebt, in seinem Buch nicht nur auf den völkischen Pädagogen. Er berichtet außerdem von einem Vortrag, den er an einer anthroposophischen Institution in Stuttgart hielt, die sich ebenfalls auf Steiner beruft.

Tagebuch eines deutschen Esoterikers

Die Inhalte seiner Vorträge, die in Form eines Tagebuches vorliegen, dürfte anthroposophischen Gläubigen gefallen. So möchte Fischer „nicht ausschließen, dass es karmische Hintergründe für die Lebenssituation von armen Menschen gibt“. Ähnliche Vorstellungen, die Hunger, Leid und Tod zum kosmischen Plan bagatellisieren, existieren in anthroposophischen Milieus. Für Fischer scheinen konstruiert-karmische Zusammenhänge für das Elend der Menschen verantwortlich, was an Vorstellungen anthroposophischer Vordenker erinnert. Auf Facebook teilt der Vordenker passende Worte von Osho, Zitate von Goethe oder Aphorismen von Forrest Gump. Weiteres Vorbild scheint Rüdiger Dahlke, der vor „Chemtrails“ warnt und sich für die „Neue Germanische Medizin“ erwärmt. Der Coach begeistert sich derweil für die esoterische „Blume des Lebens“, die in der Fantasie vom „Tempelraum“ eine zentrale Rolle einnimmt. 

Erste Erfahrungen mit diesem Symbol sammelte Fischer auf einer der Esoterik-Messen, bei denen Scharlatane mit ihren Produkten hausieren gehen: „Ich setzte mich auf den Stuhl und die Frau hielt das Symbol aus Metall über mich. Ich spürte einen Strom an Energie, der durch meinen Scheitel floss. Das war für mich Beweis genug, dass das Ding funktioniert. Also habe ich mir gleich eines gekauft.“ Als „Medium für Informationen“, vertritt Fischer nun bezeichnende Positionen. Dieses „Wissen“ erlangt er aus Quellen wie „Webseiten, Blogs, Filmen, Tieren“. Bei einem „Lupinienkaffee“, „zwei Cappucinos“ oder einer „Maracuja-Schorle“ stellt Fischer jede Reflexion ein: Danach „komme ich gerade so richtig in Flow und höre auch auf zu denken„, freut sich der Autor in einer von zahlreichen Selbstbeschreibungen.

Ansprachen eines esoterischen „Alpha-Männchens“

Fischers Gesellschaftsvorstellungen gehen mit eindeutigen Klischees einher. Der „Außenseiter“ klagt nicht nur von „jungen Rowdies“, die des Nachts Alkohol konsumieren, sondern betreibt eine Selbstinszenierung als „Öko“, die durch Abgrenzung gegen Innovationen der kapitalistischen Moderne entsteht. Aus diesem Grund fürchtet der esoterische Autor Smartphones, die die „perfektesten Mechanismen“ zur Ablenkung der Menschen seien. Landschaft erscheint ihm derweil als „kraftvoll, göttlich, märchenhaft“. Die „Stadtmenschen“, bedauert Fischer, „entfernen sich von der Natur, vom Natürlichen, von ihrer Quelle (…) und dem großen Ganzen – Mutter Erde“.

Fischer überzeugen derweil meditierende Esoteriker, denen er zugute hält, dass sie „nicht so vollprogrammiert mit Gedanken“ seien, „die einen ständig vom Sein abhalten“. Er ängstigt sich dafür vor Kliniken, die ihn nicht überzeugen, weil Patienten „ein paar Pillen“ und eine Fixierung erhalten. Statt Pillen zu schmeißen, müssten Menschen „die spirituelle Ebene in unserem Leben zulassen“, fordert der esoterische Texter. Viele Phrasen, die mit konkreten Vorstellungen einhergehen. So konstruiert Fischer eine geschlechtliche Unterdrückung, von der mittlerweile Männer (!) betroffen seien. Frauen sollten daher zu ihrer „weiblichen Urkraft“ zurückfinden. Vorbild sind „Hexen, die eine wunderbare Anbindung an die Natur und das Heilwissen haben“, während andere Frauen den Zorn des Autors erregen.

Grundsätzlich scheint Fischer viele Personen zu fürchten, die weiblich sind. Er schreibt über Erlebnisse in WG-Küchen, die ihn belasten: „Ein weiterer Grund, warum ich aus der Küche raus wollte, ist das Feld der Frauen“, urteilt der Autor. „Ich bin der einzige Mann da drin und bekomme permanent die Energie von 5 Mädels ab“, klagt der Coach. Der Esoteriker befürchtet „weibliche Energie“ aufzunehmen, wenn er sich „zu lange“ unter Frauen aufhalten würde. Durch Gedichte offenbart Fischer unterdessen einen Blick auf Frauen, denen er „wankende Entscheidungen“, „weiblichen Mechanismen“ und „unbewussten Tests“ vorwirft. Warnungen vor dem angeblichen Wesen der Frauen sind wichtiger Teil der Inhalte, die der deutsche Esoteriker vertritt.

Angst vor Frauen, denen er bestimmte Eigenschaften andichtet, geht bei Fischer mit einem äußerst positiven Blick auf Männer einher, die er – wie ein ordinärer PickUp-Artist – als Eroberer inszeniert: „Das Männliche ist das Extrovertierte, was wir ja schon am Geschlecht erkennen können“, doziert der Coach in seinem Tagebuch: „Das Männliche will nach vorne stoßen, erobern und Ziele erreichen“. Es ist der angebliche „Alpha-Mann“, dem sich Fischer verpflichtet fühlt. Dieser sähe Frauen „nur als weitere, schöne Zutat“, lobt der Esoteriker. Elias Fischer verweist auf vermeintliche Fakten, durch die er seine Vorstellungen vom Geschlecht belegen will.

Tatsächlich behandelt der esoterische Texter typische Mythen, die in patriarchalen Gesellschaften kursieren: „Frauen haben einen ganz anderen Blick als Männer. Männer mussten früher jagen, somit ist ihr Auge darauf trainiert, ein Ziel in der Ferne zu erkennen. Frauen waren viel in der Höhle und haben Beeren gesammelt, deshalb haben sie einen Rundumblick.“ Archaische Vorstellungen über uralte Gesellschaften und über seine „männliche ‚Kriegerenergie'“ scheinen Grundlage, um eine gewisse Strategie zu verfolgen, die in der Gegenwart gültig ist. Für ihn sei es durchaus in Ordnung, schreibt Fischer, Frauen am Fahrradschloss anzusprechen, um den Moment der Ablenkung zu nutzen: „Während sie dann ewig an ihrem Fahrradschloss rumbasteln, ist das im Prinzip nur eine Einladung für dich, in Kontakt zu gehen. Auch wenn sie dich währenddessen nicht angucken.“

Weibliche Personen, die sich Wissen aneignen, sind für den Esoteriker lediglich Gegenstand von plumpen Einordnungen. In seinem Tagebuch berichtet Fischer nicht nur über seine Erlebnisse mit minderjährigen Mädchen, die er esoterische Turnübungen vollziehen lässt, sondern auch über eine Begegnung mit einer volljährigen Studentin, die mathematische Formeln lernt. Der überaus bezeichnende Kommentar des Esoterikers verdeutlicht, dass er die Aneignung von Wissen durch Frauen ablehnt. In Fischers Welt haben solche Menschen eine andere Aufgabe, die mit seinen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ zusammenhängt: „Mensch, Mädel. schmeiß den Dreck weg und versau Dir nicht deine Weiblichkeit“, appelliert der esoterische „Alpha-Mann“.

Feind- und Vorbilder eines Esoterikers

Auf den mehr als 350 Seiten, die ein Tagebuch ergeben, outet sich Fischer nicht nur als esoterischer Guru, der gewisse Rollenbilder propagiert. Er konstruiert Feindbilder, die diesem Weltbild entsprechen. So sind es „Medien“ und „das ganze Zeug der Pharmaindustrie“, die der Schreiber des Tagebuches kritisiert. Diese seien für „Verstopfungen in Körper und Geist“ verantwortlich, behauptet Fischer. Er bezieht sich dabei auf den esoterischen Bestsellerautor Eckhart Tolle, der mit seinem „Leitfaden zum spirituellen Erwachen“ eine zeitgenössische Ausformung deutscher Esoterik produzierte, die überaus populär ist. Eine weitere Quelle ist der industrielle Antisemit Henry Ford, den Fischer ebenfalls zitiert.

Es ist die Moderne, die den Zorn des esoterischen Texters erregen: Medien und pharmazeutische Medizin der „Elite“ sorgen für „Verstopfungen“. Solche Einordnungen untermalt Fischer mit Beschreibungen, die einiges über dessen Einordnungen der Welt verraten. Die Erde sei lediglich ein „Versuchsplanet“ von „Dualitäten“. Die menschliche Existenz nur ein „Spiel“. Deutschland besäße wiederum sogenannte „Eier“, die die Vereinigten Staaten von Amerika vor einiger Zeit in Besitz nahmen. Die Entwicklung beschreibt Fischer mit allerlei anti-amerikanischen Bildnissen. Der Tagebuchautor hält fest:

„Dein Haus darf nicht rot gestrichen werden, weil das die Autofahrer zu sehr ablenkt, nur mit Sondergenehmigung der Bundeskanzlerin. Aber die muss dabei auch erst nach USA telefonieren und erfragen, ob sie das den deutschen Bürger gestatten darf. Ja, ja, die USA haben Deutschland so sehr an den Eiern, dass Deutschland eigentlich nur ein Lakai ist.“ 

Leser_innen mögen die deutsch-esoterischen Position erkennen, die die Vereinigten Staaten von Amerika zum Feind hat. Solche Inhalte ergänzt der Vordenker durch Rezepte für Rohkostburger, Gedanken über Mitfahrgelegenheiten sowie unkritische Verweise auf Praktiken der Psycho-Sekte Tamara. Auf diese „Lebensgemeinschaft“ bezog sich schon die esoterische Gestalt Otto Mühl, dessen Fans sich durch Latzhose und Kurzhaarschnitt uniformierten. Eine Uniform wird durch Fischer, dessen Einordnung von Frauen an den österreichischen Guru erinnert, zumindest in seinem Tagebuch nicht empfohlen.

Weltbilder der Esoterik

Statt Uniformen zu entwerfen, tippte der deutsche Blogger andere Sätze, die eine uralte Feindbildpflege fortführen. Er reproduzierte verschwörungsideologische Vorstellungen, die an Mythen des Antisemitismus erinnern. Fischer raunt über „Mächte, die scheinbar die Welt regieren und steuern“. Dem verschwörungsideologische Übel, das Fischer durch eine Chiffre benennt, setzt der esoterische Texter einen „Weltfrieden“ und „Liebe“ entgegen: „Auch ein Rothschild braucht Liebe“, schreibt der Esoteriker an seine Zielgruppe. Welche Person konkret gemeint ist, bleibt unklar. Eine Einordnung erfolgt durch einen weiteren Satz: „Liebe den ‚Teufel‘ und die Welt wird zum Paradies.“ 

Rothschild als Teufel: Vorstellungen eines deutschen Esoterikers

Die Rothschild-Chiffre findet sich in den vielen Mythen des Antisemitismus. An solche Vorstellungen scheint Fischer anzuknüpfen, wenn er auch andere Antworten findet: „Liebe“, „Weltfrieden“ und „göttlicher Sex“ sind Phrasen dieses deutschen Esoterikers, der eine gewisse Popularität besitzt. Die Vorstellungen des Texters erstrecken sich diesmal auf 355 Seiten: Reaktionäre Zuschreibungen und Ablehnung der Moderne kombiniert Fischer mit Rezepten für Rohkostburger und Tipps für sexuelle Rituale. Ergebnis ist eine Melange, die aus irrationalen Elementen deutscher Ideologie besteht. So entsteht dioe Unterfütterung für die Praxis, die der Texter ansonsten entfaltet.

Über den von Fischer betriebene „LebeBlog“ bietet der Autor den Lesern seine Dienste an. Zwischen 100 und 500 Euro kosten die Seminare, in denen „Praktiken aus Kommunikation, Körperarbeit und Spiritualität“ vermittelt werden. Dass sich sein Geschäft lohnt, scheinen Stellenanzeigen zu beweisen, die Fischer schaltet. Dort sucht der Autor unter anderem einen persönlichen Assistenten, um seine „company to the next level“ zu bringen. Fischer verspricht ein existenzsicherendes Gehalt. Vielleicht ist das Teil der „finanziellen Leichtigkeit“, die der Autor in anderen Machwerken empfiehlt. Von der Lektüre seines Tagebuches kann indes nur abgeraten werden. Wer einen Menschen quälen möchte, kann allerdings gut aus dem Buch vorlesen, das Fischer für 14 Euro im eigenen Onlineshop vertreibt. 

Alle Zitate stammen aus: Elias Fischer: Mein Leben 2014. Erschienen im Selbstverlag. Gedruckt in Ungarn (2015).

Bye-bye Westen? Auf der Suche nach emanzipatorischen Konzepten gegen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus.

Eine gemeinsame Veranstaltung der Wochenzeitung Jungle World mit der Gruppe Emma und Fritz.

Samstag, 22. Juli – Sonntag, 23. Juli 2017

KOMMA Kultur Esslingen
Maillestraße 5-9, 73728 Esslingen

Es ist beunruhigend, wenn es schon als beruhigend gilt, dass kaum mehr als ein Drittel der Wählerinnen und Wähler eines europäischen Landes für eine rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin stimmten. Sind bürgerliche Demokratie und kapitalistische Globalisierung Auslaufmodelle? Die Linke ist in der politischen Defensive. Wie können Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Islamismus bekämpft werden? Wir wollen über emanzipatorische Konzepte gegen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus diskutieren, die über die Verteidigung demokratischer Standards hinausgehen.

Beginn 18 Uhr – open end

18 Uhr Film „20 Jahre Jungle World“ (20min) – [anschließende Diskussion mit der Redaktion ]

19 Uhr Podiumsdiskussion mit Ivo Bozic (Jungle World), Stefanie Kron (Rosa-Luxenburg-Stiftung), Jörn Schulz. (Jungle World). Moderation: Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden)

21 Uhr Pause / Essensangebot

22 Uhr Party mit:

Jens Friebe (live)
Justus Köhncke (live)
Farce
Marc Erhardt
Jörg Freitag
Fabian Zeh

Party: 8 bis 12€ (Schüler*innen 5€)

Siehe auch auf Facebook

 

Der Antikapitalismus der Nazis

Oberflächlich, reaktionär – und manchen näher, als sie meinen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 12. Juni 2017, 20 Uhr, Bamberg                                                                   Balthasargäßchen 1

Eine Veranstaltung der Studierendenvertretung der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Rahmen des festival contre le racisme

Nazis haben was gegen den Kapitalismus. Anders als viele glauben wollen, war das schon immer mehr als Demagogie, sondern durchaus ernst gemeint. Zentral für ihren Antikapitalismus sind der positive Bezug auf „Volk“, „Nation“ und „Arbeit“, der eingebildete Gegensatz zwischen einem guten „schaffenden“ und einem schlechten „raffenden“ Kapital sowie die Affirmation des Kampfes „der ehrlich Arbeitenden gegen die Raffgierigen“. Eine national-sozialistische deutsche Arbeiter-Partei hatte dieses Programm schon einmal recht weitgehend verwirklicht: „Arbeit macht frei“ stand nicht zufällig über dem Tor von Auschwitz.

Heute verquicken nicht nur erklärte Nazis, sondern auch präfaschistische „Rechtspopulisten“ wieder gerne die Begriffe „national“ und „sozial“. Sie erhoffen sich dafür nicht ohne Grund Sympathien aus großen Teilen der Bevölkerung, die sich zwar soziale Verbesserungen wünschen, „aber nur für Deutsche“. Die verbreitete unreflektierte Wut auf „gierige Politiker“ und „Lügenpresse“ erweist sich zudem als fruchtbarer Nährboden für Nazi-Propaganda.

Leider begegnet einem ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus auch in der „Mitte der Gesellschaft“ und in der politischen Linken. Das macht den Antikapitalismus der Nazis auch heute wieder anschlussfähig und gefährlich. Die Verbreitung einer reflektierten Kapitalismuskritik, die sich grundlegend davon unterscheidet, ist gerade in Krisenzeiten dringend geboten. Denn man kann Nazis umso besser bekämpfen, je weniger Gemeinsamkeiten man mit ihnen hat.

Lothar Galow-Bergemann war Personalrat in zwei Großkliniken und schreibt u.a. in Jungle World, konkret und auf www.emafrie.de

Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung

Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 9. Juni 2017, 16.30 Uhr, Berlin                                                                     Freie Universität, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

Eine Veranstaltung von la:iz (fu berlin) 

Je länger die weltweite ökonomische Krise dauert, desto beliebter sind einfache Erklärungen. Geht es gegen Banken und „die Finanzmärkte“, sind sich fast alle einig: Parteipolitiker, Gewerkschaften, Linke, Rechte, diverse Verschwörungsphantasten und wer sonst alles in Krisenzeiten das Wort ergreift. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die Verursacher der Krise. Auch manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn findet sich da in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier wieder. Wenn es gegen die „Zirkulationssphäre“ geht, entstehen sonderbar anmutende Schulterschlüsse. Ein ebenso verbreiteter wie unreflektierter Bauch-Antikapitalismus verwechselt Gesellschaftskritik mit Wut auf „die da oben“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“.

Die Nationalsozialisten setzten „die Gierigen“ mit „den Juden“ gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Die Aufspaltung des kapitalistischen Prinzips in „produktives Kapital“ auf der einen und „das Finanzkapital“ auf der anderen Seite leistet einer Dämonisierung des Finanzsektors Vorschub, die letztlich auf antisemitische Stereotype zurückgreift. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” schon einmal angerichtet hat, sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Das macht sie anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres – ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt.

Der Vortrag beleuchtet oberflächlichen und personalisierenden Antikapitalismus und behandelt Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritik, die der Referent für dringend notwendig hält.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de.

Schon wieder: Parolen auf den Plakaten der Partei „Die Linke“

Am 24.04.2017 versahen mutmaßlich rechtsextreme Täter Plakate der Partei „Die Linke“ in Kassel mit antisemitischen Parolen. Wir hatten dies dokumentiert. Nun betreiben die Parteigänger dieser Truppe das Geschäft selbst. Das notorische Café Buchoase hat einen Passagier des Frauendecks der Mavi-Mamara geladen.

Doch nicht nur dort hat sich die Dame einen Namen gemacht. Ihre Mitverantwortung für die sogenannte Toilettengate brachte sie auf den vierten Platz der Top Ten Worst Global Antisemitic / Anti-Israel Incidents Liste des Simon Wiesenthal-Centrums. Offiziell schimpft sich diese Frühstücksverleumdnerin „Menschenrechtsbeauftragte der Linken“. Was sich auf den ersten Blick ehrenhaft anhört, ist bekanntlich eine übel beleumundete Auszeichnung. In der UNO befleißigt sich ein Rat derselben damit, das rechtsstaatlich und demokratisch verfasste Israel regelmäßig zu verurteilen (vgl. z.B. Alex Feuerherdt, UN-Menschenrechtsrat. Blanker Antisemitismus im alten Stil). Die Dame vom Frauendeck ist also durchaus eine vom Fach und einen kompetenten Moderator hat diese Veranstaltung auch noch zu bieten.

(jd)


Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Dienstag, 6. Juni 2017, 19 Uhr, Göttingen                                                                    T0.136, Theologicum Uni Göttingen

Eine Veranstaltung der DIG Hochschulgruppe Göttingen

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung

Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 5. Juni 2017, 20.30 Uhr, Marburg                                                                     Cafe Am Grün, Am Grün 28

Eine gemeinsame Veranstaltung des OAT und der SJ – Die Falken Ortsverband Marburg. Eine Teilveranstaltung des No G20 Bündnis-Marburg.

Je länger die weltweite ökonomische Krise dauert, desto beliebter sind einfache Erklärungen. Geht es gegen Banken und „die Finanzmärkte“, sind sich fast alle einig: Parteipolitiker, Gewerkschaften, Linke, Rechte, diverse Verschwörungsphantasten und wer sonst alles in Krisenzeiten das Wort ergreift. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die Verursacher der Krise. Auch manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn findet sich da in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier wieder. Wenn es gegen die „Zirkulationssphäre“ geht, entstehen sonderbar anmutende Schulterschlüsse. Ein ebenso verbreiteter wie unreflektierter Bauch-Antikapitalismus verwechselt Gesellschaftskritik mit Wut auf „die da oben“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“.

Die Nationalsozialisten setzten „die Gierigen“ mit „den Juden“ gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Die Aufspaltung des kapitalistischen Prinzips in „produktives Kapital“ auf der einen und „das Finanzkapital“ auf der anderen Seite leistet einer Dämonisierung des Finanzsektors Vorschub, die letztlich auf antisemitische Stereotype zurückgreift. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” schon einmal angerichtet hat, sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Das macht sie anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres – ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt.

Der Vortrag beleuchtet oberflächlichen und personalisierenden Antikapitalismus und behandelt Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritik, die der Referent für dringend notwendig hält.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de.

ANTIFASCHISTISCHE HOCHSCHULTAGE 2017

Diesen Sommer finden wieder die antifaschistischen Hochschultage statt. Das Programm-Heft gibt es hier als PDF. Weitere Informationen unter: antifa.uni-halle.de sowie facebook.com/agantifaschismus Popanz Neue Rechte – Die Sehnsucht nach dem Führer 1. Juni 2017, 19:00 Uhr Melanchthonianum am Universitätsplatz Seitdem die … Weiterlesen