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Antisemitische Endlosschleife September 15, 2014 | 09:37 pm

Seit etlichen Jahren schon ist sie zu sehen, mitten in Köln, im Schatten des Doms: jene »antisemitisch-antizionistische Installation, mit der Israel als blutsaugendes und mordendes Monster dämonisiert wird«, wie Henryk M. Broder es treffend formuliert hat. »Kölner Klagemauer« nennt sie Walter Herrmann (Foto), ihr Betreiber. Fast jeden Morgen baut er sie auf und abends wieder ab. Nach einigem juristischen Hin und Her genehmigte die Stadt Köln die aus Papptafeln bestehende Ausstellung als Dauerdemonstration und die auf den Tafeln niedergeschriebenen Kommentare – darunter solche wie »Hitler ist Vergangenheit, aber Israel ist Gegenwart!«, »Wie viele Jahrhunderte will das israelische Volk noch unsere ›Eine Welt‹ erpressen?« und »Gaza – das ›Warschauer Ghetto‹ der Palästinenser« – als Redebeiträge. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte im Jahr 2007 diese Rechtsauffassung. Um dem Versammlungsrecht zu entsprechen, müssen immer mindestens zwei Personen an der »Klagemauer« zu finden sein. Kein Problem für Herrmann: Gleichgesinnte Mitstreiter hat er genügend. Ein Antisemit kommt ohnhein selten allein.

Lange Zeit regte sich kaum Widerspruch gegen Herrmann und sein Machwerk, doch seit einigen Jahren kommt es immer mal wieder zum Protest. Insbesondere der Kölner Schauspieler, Regisseur und Publizist Gerd Buurmann dokumentiert und kritisiert auf seiner Website Tapfer im Nirgendwo regelmäßig den Antisemitismus der »Klagemauer«. Darüber hinaus stellte er gegen Herrmann mehrere Strafanzeigen wegen Volksverhetzung. Die daraufhin von der Staatsanwaltschaft Köln eingeleiteten Ermittlungsverfahren wurden jedoch allesamt eingestellt, teilweise mit geradezu abenteuerlich anmutenden Begründungen. So hieß es in einem Fall, in dem es um einen eindeutig judenfeindlichen Cartoon ging, allen Ernstes, die Zeichnung sei nicht antisemitisch, sondern drücke lediglich eine »scharfe Kritik an der israelischen Militärpolitik und deren Unterstützung durch die US-amerikanische Regierung« aus; zudem fehle die Überzeichnung von Gesichtsmerkmalen (»jüdische ›Krummnase‹ etc.«), wie sie für antisemitische Bilddarstellungen typisch sei. Mit anderen Worten: Ohne Hakennase kein Antisemitismus – schon gar nicht, wenn es um Israel geht.

Ebenfalls abgeschmettert wurde eine Beleidigungsklage, die Gerd Buurmann im April 2013 gegen Walter Herrmann angestrengt hatte, nachdem dieser ihn in einem Flugblatt als »kriminellen Israel-Lobbyisten« beschimpft hatte. Vor Gericht erstritt Herrmann einen Freispruch: Man könne, so befand die Richterin, zwar von übler Nachrede sprechen, nicht aber von einer Beleidigung. Für den Vorwurf der üblen Nachrede müsse Herrmann allerdings ein Vorsatz nachgewiesen werden – und das könne das Gericht nicht. Man ist geneigt zu sagen: Es lag wohl weniger am Können als vielmehr am Wollen.

Im umgekehrten Fall waren die Behörden dagegen weniger nachsichtig. Auf seinem Blog hatte Buurmann unlängst einige der »Klagemauer«-Parolen abgewandelt und das Wort »Israel« jeweils durch den Namen eines Mitstreiters von Walter Herrmann ersetzt, der sich auf Buurmanns Webseite in besonders unangenehmer Weise hervorgetan hatte. »Ich glaub«, schrieb Buurmann, »das drucke ich auf gelbe Pappe und stell mich vor den Dom: ›Ist Klaus Franke noch zu retten?‹, ›Hitler war damals, Franke ist heute!‹, ›Franke übt am Kölner Dom den Judenpogrom!‹«. Die Absicht dahinter lag auf der Hand: »Ich habe einen Zusammenhang hergestellt, der ähnlich absurd und überzogen ist wie die Parolen, die Klaus Franke und Walter Herrmann nahezu täglich vor dem Kölner Dom veröffentlichen«, sagte Buurmann zu Lizas Welt. Doch nun sah die Kölner Staatsanwaltschaft Handlungsbedarf: Sie leitete gegen den Künstler ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung ein, nachdem Franke Anzeige erstattet hatte. Es sei zwar berücksichtigt worden, dass Buurmann Klaus Franke nicht beleidigen oder verleumden, sondern nur »dessen Aussagen persiflieren« wollte. Dies setze Franke gleichwohl in seiner Ehre herab.

Man werde jedoch von einer weiteren Strafverfolgung absehen, so die Staatsanwaltschaft weiter, wenn der Beschuldigte 100 Euro spende. Als Zahlungsempfänger hatte die Behörde die Kölner Synagogengemeinde ausgesucht – gerade so, als wäre Gerd Buurmann der Antisemit, der durch die Überweisung an eine jüdische Einrichtung zur Buße gezwungen werden muss. Aber die Geschichte des Protestes gegen die Kölner »Klagemauer« ist längst auch eine Geschichte von Justizpossen. Buurmann beglich die Rechnung jedenfalls umgehend und erklärte gegenüber Lizas Welt: »Jeder einigermaßen verständige Leser erkennt, dass ich mich lediglich des Stilmittels der Übertreibung bedient habe, um in einer politischen Satire auf einen mehr als problematischen Zustand vor dem Kölner Dom aufmerksam zu machen. Wenn die Kölner Staatsanwaltschaft von mir nun 100 Euro für Kunstfreiheit möchte, zahle ich den Betrag gerne. Außerdem unterstützt mich die Synagogengemeinde im Kampf gegen die ›Klagemauer‹. Mit meinen 100 Euro kann sie jetzt Aktionen gegen Klaus Franke finanzieren.«

Buurmann hofft nun »auf eine Welle von Anzeigen und Klagen vieler Menschen gegen die Kölner ›Klagemauer‹«, denn jetzt könne die Kölner Staatsanwaltschaft »nur noch schwer erklären, warum die Persiflage einer Beleidigung strafbar sein soll, die Beleidigung selbst jedoch nicht«. Ein Beispiel für eine solche Strafanzeige hat er auf seinem Weblog veröffentlicht. Sie wurde gestellt, nachdem die Verantwortlichen für die »Klagemauer« den Judenmord durch die Hamas als »Volkswiderstand« verharmlost hatten. Womöglich würden durch eine Anzeigenwelle auch diejenigen Kölner Ratsfraktionen, die im Dezember 2010 auf Initiative von Oberbürgermeister Jürgen Roters eine Resolution gegen Herrmanns Hetzwand verabschiedeten, noch einmal nachdrücklich an ihre damaligen Äußerungen erinnert. Als »Dauerdemonstration des Hasses« hatten seinerzeit SPD, CDU, Grüne und FDP die »Klagemauer« bezeichnet und ihre Entfernung gefordert. Doch bis heute sind den Worten keinerlei Taten gefolgt. Fast könnte man glauben, dass der hemdsärmelige kölsche Slogan »Arsch huh, Zäng ussenander« gar nicht so gemeint ist – zumindest dann nicht, wenn es um Antisemitismus geht, der nicht von erklärten Neonazis kommt.


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Richard Dawkins und die “Summe an Glück” August 26, 2014 | 05:53 pm

Richard Dawkins, der einiges geschrieben hat, das ich schätze, hat zu meiner Enttäuschung die Abtreibung von Föten mit Down-Syndrom empfohlen und gar als “moralisch richtig” bezeichnet, mit einer Argumentation, die mir an Radikalität Peter Singer hinter sich zu lassen scheint:

Wenn deine Moral, so wie meine, auf dem Wunsch begründet ist, die Summe an Glück zu vergrößern und das Leiden zu verringern, könnte die Entscheidung, absichtlich ein Down-Baby zur Welt zu bringen, obwohl die Möglichkeit einer Abtreibung in der frühen Schwangerschaft besteht, im Hinblick auf das Wohlergehen des Kindes sogar unmoralisch sein.

Das Praktische an der Idee einer “Summe an Glück” ist, dass sie schlecht genug bestimmbar ist, um damit so ziemlich alles rechtfertigen zu können. Im zitierten Abschnitt klingt sogar durch, dass ein totes Kind mit Down-Syndrom zumindest weniger unglücklich wäre als ein lebendes. Gerade bei vielen Kindern mit Down-Syndrom ist dies völlig absurd:

Auffallend viele Menschen mit Down-Syndrom haben besondere Fähigkeiten im Bereich des Sozialverhaltens und der Emotionalität, die bereits im Kleinkindalter beobachtet werden können. So wurde in Studien festgestellt, dass „viele dieser Kinder deutliche Stärken im sozialen Funktionieren“ zeigen und „öfter eine aufgeweckte Stimmungslage haben, mehr auf Musik ansprechen und weniger anstrengend sind als gleichaltrige andere Kinder“. Dennoch können Menschen mit Down-Syndrom bezüglich ihres Sozialverhaltens und ihrer Emotionalität untereinander sehr verschieden sein. (Wikipedia)

Wenn Dawkins von einer “Summe an Glück” im gesamtgesellschaftlichen Sinn spricht, müsste er auch in Erwägung ziehen, wie sich diese Summe – und die Gesellschaft mit ihr – verändert, wenn ökonomistisches Denken sich bis in solch persönliche Bereiche wie die Frage einer Abtreibung hineindrängt. Vielleicht sinkt die gesellschaftliche “Summe an Glück” ja paradoxerweise, wenn Glück zu sehr quantifiziert und vermessen wird?

Weiter fragt man sich, bei welchen genetisch bedingten Erkrankungen Dawkins die Grenze zieht: Das Gleiche würde etwa bei einer genetischen Disposition für Typ-I-Diabetes zutreffen, was nach Dawkins’ Logik des Autors die Abtreibung nach Feststellung der Veranlagung beim Fötus bedeuten sollte – auch hier wäre es sogar unmoralisch, es nicht zu tun, da ja die “Summe an Glück” sinken könnte.

Um für mich zu sprechen: Der Summe meines persönlichen Glücks würde es gut tun, wenn Dawkins und einige seiner Anhänger weniger gefährlichen Unfug erzählten. Um für andere zu sprechen: Yes, right now Richard Dawkins is a liability to atheism. Und dass Atheisten manchmal schlimme Dinge sagen, beeinflusst die Wahrscheinlichkeit der Nicht-Existenz Gottes so wenig wie die Verbrechen religiöser Menschen die Möglichkeit seiner Existenz ausschließen.


Die Hamas macht Schule July 29, 2014 | 01:17 pm

»Al-Kutla-al-Islamiya«, die für Schüler und Studenten zuständige »Bildungsabteilung« der Hamas, feiert in der UNRWA-geführten Yabna-Mittelschule in Rafah einen »Sieg« über Israel, indem sie Schüler unter anderem auf der israelischen Fahne herumtrampeln lässt. Rafah, 1. Dezember 2013

Seit dem Beginn der gegen die Hamas gerichteten israelischen Operation »Protective Edge« wurden im Gazastreifen mehrmals Raketendepots in Schulen gefunden, die von der UNRWA betrieben werden. Was zunächst unvorstellbar scheint, wird erklärbar, wenn man um die Verfasstheit dieser UN-Einrichtung und ihre Verflechtung mit der Hamas und dem Islamischen Jihad weiß. Ein neu erschienenes Buch beschäftigt sich eingehend mit dieser Problematik. Stefan Frank hat es gelesen.


VON STEFAN FRANK


Manchmal wird gesagt, Terrorismus koste nicht viel Geld. Das stimmte vielleicht im 19. Jahrhundert, als der Anarchist Luigi Lucheni, der sich keine Pistole und keinen Dolch leisten konnte, stattdessen eine Feile erwarb, um die österreichische Kaiserin Elisabeth zu ermorden. Es galt aber schon nicht mehr im Jahr 1970, als Yassir Arafat anfing, Passagierflugzeuge in die Luft zu sprengen. Dafür brauchte er ausländische Sponsoren wie den libyschen Diktator Gaddafi, der sich wenige Monate zuvor an die Macht geputscht hatte.

Spricht man heute von den Terrororganisationen im Gazastreifen, dann sollte man nicht nur über die Hamas, den Islamischen Jihad, die PFLP, die Volkswiderstandskomitees und die Armee des Islam (al-Qaida) reden, sondern muss auch die Geldgeber in den Blick nehmen. Neben Katar, dem Iran, Syrien und der Türkei sind das auch Deutschland und die USA. Die beiden Letztgenannten unterstützen eine Firma, die seit langem als Finanzier, Ausbildungszentrum und PR-Abteilung der Terroristen bekannt ist: die United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East, kurz: UNRWA.

Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche musste diese UN-Einrichtung – sie ist immerhin die größte Einzelorganisation der Vereinten Nationen – am 22. Juli zugeben, dass Terrorgruppen UNRWA-Schulen für militärische Zwecke nutzen: »Die UNRWA hat heute im Rahmen einer Routineinspektion ihrer Räumlichkeiten in einer leer stehenden Schule versteckte Raketen entdeckt«, heißt es in einer Pressemitteilung. Unklar ist, ob es sich um Raketen handelte, die zum Abschuss auf Israel bestimmt waren, oder um Panzerabwehrraketen (»Bazookas«). Falls Letzteres zutrifft, dann wäre anzunehmen, dass die UNRWA-Schulen nicht bloß als Arsenal dienen, sondern auch als Feuerposition. Die Hamas hatte schon während der Kriege 2008/2009 und 2012 überall im Gazastreifen einsatzbereite Waffen in (zivilen) Gebäuden gelagert, damit ihre Leute nicht bewaffnet auf der Straße gesehen und ausgeschaltet werden können. Das läuft dann so: Ein Terrorist in Zivilkleidung geht in ein Haus, findet dort die bereitgelegte Panzerfaust, schießt sie auf einen israelischen Soldaten ab und verschwindet wieder als »Zivilist«.

Was passierte also mit den in den Schulen gefundenen Raketen? Sie seien den »Behörden« übergeben worden, sagte UNRWA-Sprecher Chris Gunness. Er meinte die Hamas.


Wer ist die UNRWA?

Es gibt bei der Uno zwei Flüchtlingshilfswerke: das allgemeine (UNHCR) und eines, das nur für Palästinenser da ist (UNRWA). Die UNRWA ist finanziell wesentlich besser ausgestattet als der UNHCR. Letzterer hat einen Haushalt von vier Milliarden US-Dollar bei derzeit 51 Millionen Flüchtlingen weltweit, die UNRWA hat ein Budget von zwei Milliarden US-Dollar für ihre rund fünf Millionen Klienten. Das ist pro Person eine fünfmal größere Summe.

Die UNRWA wurde 1949 für die arabischen Flüchtlinge gegründet, die nach dem arabischen Überfall auf Israel aus dem Kriegsgebiet geflohen waren. Am 1. Mai 1950 nahm sie ihre Arbeit auf. Sie versorgte zunächst 700.000 Menschen in Jordanien, dem Libanon, Syrien, dem von Ägypten im Krieg besetzten Gazastreifen und den von Jordanien besetzten Regionen Judäa und Samaria, die zwischen 1949 und 1967 »Westjordanien« hießen und heute meist »Westjordanland« oder »Westbank« genannt werden. Die Zahl der »palästinensischen Flüchtlinge« ist inzwischen auf fünf Millionen angewachsen, denn nach den Statuten der UNRWA zählen zu ihnen alle Nachkommen in männlicher Linie. Die vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR betreuten Menschen vererben ihren Flüchtlingsstatus hingegen nicht – die Idee ist ja auch einfach zu abwegig.

Die Aufgabe des UNHCR ist es, ein Flüchtlingsproblem zu lösen, das Ziel der UNRWA hingegen ist es, es bis in alle Ewigkeit zu erhalten. Der UNHCR soll Flüchtlingen helfen, so schnell wie möglich wieder selbstständig ein normales Leben zu führen. Wenn das in ihrem Herkunftsland nicht geht, versucht er, eine neue Heimat für die Flüchtlinge zu finden, und hilft ihnen, einen Asylantrag zu stellen oder auf andere Art die rechtlichen Bedingungen für die Einwanderung in ein anderes Land zu erfüllen. Die UNRWA, die offiziell einen »zeitlich befristeten« Auftrag hat, der alle drei Jahre verlängert wird, soll dagegen alle Flüchtlinge und deren Nachkommen »provisorisch« betreuen, so lange, bis Israel zerstört ist und sie in ihre »Heimat« »zurückkehren« können. Irgendetwas zu tun, das sie aus dem Flüchtlingselend erlöst, ist ihr untersagt. Die UNRWA selbst schrieb dazu anlässlich ihres 60jährigen Bestehens: »Die UNRWA hat kein Mandat, um dauerhafte Lösungen für die palästinensischen Flüchtlinge zu finden, obwohl sie in den ersten Jahren ihres Bestehens noch das Recht hatte, Aktivitäten nachzugehen, die die Integration von Flüchtlingen in ihren Gastländern fördern.«

Die UNRWA untersteht formal der Uno, doch 92 Prozent ihres Haushalts erhält sie direkt von einzelnen Staaten. Die USA sind der größte Geber, gefolgt von Deutschland und Saudi-Arabien. Niemand in den Geberländern kontrolliert, wie dieses Geld ausgegeben wird. Die Aufsicht führt das UN Board of Auditors. Man darf annehmen, dass die Verantwortlichen geschickt genug sind, im jährlichen Rechenschaftsbericht nicht zu schreiben, dass die UNRWA Terroranschläge finanziert. Sie bezahlt Lehrer und Schulen – wer sollte etwas dagegen haben? Das Problem fängt damit an, dass die Geldgeber der UNRWA sich absichtlich der Illusion hingeben, die Arbeit finde in einem normalen Land statt – und nicht in einem, das von einer durch niemanden gebändigten faschistischen Miliz beherrscht wird.


UNRWA und Terrorismus

Von den 29.000 UNRWA-Mitarbeitern sind 28.800 arabische Palästinenser. Wie viele davon gehören zu Terrorgruppen? Im Oktober 2004 gab der damalige UNRWA-Generalkommissar Peter Hansen in einem Interview mit dem kanadischen Sender CBC zu: »Ich bin mir sicher, dass Hamas-Mitglieder auf der Lohnliste der UNRWA stehen, und ich halte das nicht für ein Verbrechen. Die Hamas ist eine politische Organisation, nicht jedes Mitglied ist ein Militanter. Wir führen keine politischen Überprüfungen durch und schließen irgendwelche Leute aus, nur weil sie die eine oder andere politische Überzeugung haben.«

Im Januar 2009 sagte UNRWA-Sprecher Chris Gunness der Jerusalem Post, seine Organisation führe bei Einstellungen einen Abgleich mit der UN-Datenbank der gesuchten Al-Qaida- und Taliban-Terroristen durch – ein völlig nutzloses Unterfangen, denn diese halten sich gewiss nicht im Gazastreifen auf. Die dortigen Terroristen gehören vor allem der Hamas oder dem Islamischen Jihad an. Auf die Frage, ob die UNRWA etwas gegen die Infiltration durch diese Terroristen unternehme, sagte Gunness: »Die palästinensischen Mitarbeiter unterschreiben ein Formular, in dem sie bestätigen, dass sie keine politischen Verbindungen haben und nicht an Aktivitäten teilnehmen werden, die die Neutralität der UN verletzen würden.«

Wird ein Zeuge, der solche Aktivitäten beobachtet, sie zur Anzeige bringen? James G. Lindsay, von 2002 bis 2007 Justiziar der UNRWA, glaubt das nicht: »Wie die jüngste palästinensische Geschichte gezeigt hat, haben bewaffnete Gruppen keine Hemmungen, ihre Waffen einzusetzen, um ihre Ansichten zu bekräftigen oder diejenigen zu bestrafen, die nicht mit ihnen übereinstimmen. Darum passiert es vor allem in Gaza, der Westbank und dem Libanon selten, dass ein Angestellter meldet, dass ein anderer diejenigen Regeln gebrochen hat, die politische Reden verbieten – oder gar Verbindungen zum Terrorismus hat.«

Schon seit Jahren schreibt der investigative israelische Journalist David Bedein, Direktor der Israel Resource News Agency, über die UNRWA. Jetzt hat er das Buch UNRWA: A Roadblock to Peace veröffentlicht und präsentiert darin zahlreiche Beispiele für die Zusammenarbeit von UNRWA und Terroristen. Die Gedenkzeremonie für Scheich Yassin beispielsweise, einen der Mitgründer und Führer der Hamas (und selbst UNRWA-Lehrer), wurde am 3. April 2004 in der Jungenschule der UNRWA im Flüchtlingslager Balataa abgehalten. Maskierte Hamas-Terroristen hielten Modelle der Kassam-Rakete in die Luft, den Familien von »Märtyrern« wurden Geschenke und Dankbarkeitsurkunden überreicht.

Bei einer großen Zahl von Jugendclubs, die von der UNRWA betrieben werden, handelt es sich um Treffpunkte für Terroristen. Der UNRWA-Jugendclub im Flüchtlingslager Jabaliya beispielsweise war ein Sammelort für Tanzim-Aktivisten (die Tanzim sind eine 1995 gegründete Terrorgruppe der Fatah). Im Al-Arub-Flüchtlingslager der UNRWA in der Nähe von Hebron wurde ein offizielles Büro der Tanzim in einem Gebäude eröffnet, das der UNRWA gehört. Ala’a Muhammed Ali Hassan, ein Tanzim-Mitglied aus Nablus, der im Februar 2002 verhaftet wurde, gestand, dass er als Heckenschütze von einer von der UNRWA betriebenen Schule im Flüchtlingslager al-Ayn geschossen hatte. Beim Verhör sagte er außerdem, dass für Terroranschläge bestimmte Bomben innerhalb des Schulgebäudes hergestellt würden.

Nidal Abd al-Fattah Abdallah Nazzal, ein Hamas-Führer aus Kalkilya, gestand im Verhör, dass er Waffen und Sprengstoff in einem Notarztfahrzeug der UNRWA zu Terroristen gefahren und die Bewegungsfreiheit – dank seines »Laissez Passer«-Passes der Uno wurde er an Checkpoints nicht kontrolliert – dazu genutzt habe, Botschaften zwischen Hamas-Mitgliedern in verschiedenen Städten zu übermitteln.

Bedeins Buch enthält zudem zahlreiche Fotos von – inzwischen toten – Terroristen, die uniformiert mit Maschinenpistolen, Maschinengewehren oder Panzerfäusten posieren. (Hier sind sie ebenfalls zu finden.) Daneben stehen Kurzbiografien, in denen der Leser erfährt, welche UNRWA-Schule sie besucht haben. Ihre Pädagogen haben oft zwei Jobs, so wie Awad Al-Qiq, ein Chemie- und Physik-Lehrer an der UNRWA-Schule in Rafah. Nach Feierabend baute er Raketen für den Islamischen Jihad und war Kommandant von dessen »Pioniereinheit«. Nach seinem gewaltsamen Tod wurde er in der Schule als Märtyrer gefeiert. Oder wie Zuheir al-Qaisi: Der bei der UNRWA angestellte Lehrer war gleichzeitig Chef der Volkswiderstandskomitees, die an der Entführung von Gilad Schalit beteiligt waren.


Antisemitismus macht Schule

In den UN-Schulen wird übrigens durchaus auch richtig gebüffelt. In Bedeins Buch dokumentierte Prüfungsfragen geben einen Einblick in das Curriculum: »Zeichne eine Karte von Palästina und markiere die folgenden Orte: Al-Quds, Jordanien, das Jarmak (Hermon)-Gebirge, das Mittelmeer.« In einem Lückentext ist der Satz »An der Westgrenze Palästinas befindet sich …« mit »das Mittelmeer« zu ergänzen. In einem Besinnungsaufsatz sollen die Schüler ihre Meinung äußern, zu Themen wie »Die Juden hindern unser Volk daran, in der Al-Aqsa-Moschee zu beten« oder »Warum Israel es nicht gelang, die Stadt Akko zu judaisieren«. Juden haben laut den Schulbüchern keinerlei heilige Orte in Palästina, sondern bloß »gierige Ambitionen«. Die Besatzung begann, na klar, im Jahr 1948, die Behandlung von Lyrik ist entsprechend blutrünstig und kreist um das Thema »Rückkehr« – ganz im Sinne der Mission der UNRWA. »Rückkehr« (respektive »Recht auf Rückkehr«) ist ein verharmlosender Begriff für eine Ideologie, die besagt, dass ganz Israel ein illegitimes Besatzungsregime ist, das in naher Zukunft mit der Vertreibung oder Tötung der Juden beendet werden wird.

Unternimmt die Uno etwas gegen die Aufwiegelung zum Hass? Der frühere UNRWA-Justiziar James Lindsay schreibt: »Von den wenigen auswärtigen UNRWA-Mitarbeitern, die fließend Arabisch sprechen, ist keiner damit betraut, den Unterricht in den 668 Schulen der UNRWA zu überwachen. Die Führungsebene der örtlichen Mitarbeiter hat zwar eine Beobachterfunktion, aber angesichts des überwältigenden Einflusses der politischen Parteien (wie etwa der Hamas in der Lehrergewerkschaft) sind die Beobachter kaum in der Lage, offen Bericht zu erstatten.«

Bei den Wahlen zu den UNRWA-Angestelltenvertretungen im September 2012 habe die Hamas-Liste einen Erdrutschsieg erzielt, schreibt David Bedein. Bei einer Stimmabgabe von 11.500 UNRWA-Mitarbeitern habe sie alle elf Sitze im Lehrersektor, sechs von sieben im Arbeitersektor und acht von neun im Dienstleistungssektor bekommen. Hätten die Wähler auch anders stimmen können? Ja – es standen auch Kandidaten des Islamischen Jihad zur Wahl.

Was sagt die UNRWA dazu? In ihrer letzten bekannten Stellungnahme zu diesem Thema vor der Uno-Menschenrechtskommission in Genf im Jahr 2003 erklärte sie: »Die örtliche Belegschaft hat eine Gewerkschaft, aber sie wird nicht von Repräsentanten irgendeiner militanten oder politischen Gruppierung gestellt, auch bei den Gewerkschaftswahlen gibt es keine Partei- oder Fraktionslisten.« James G. Lindsay schreibt dazu: »Die Antwort ist technisch korrekt: Die Gewerkschaft wird formal nicht von solchen Repräsentanten gestellt, und die Wahlen sind formal keine zwischen Parteien. Die Kritiker weisen aber darauf hin, dass die Parteizugehörigkeit der Kandidaten für UNRWA-Gewerkschaftsämter allgemein bekannt ist, und können das mit vielen Quellen belegen; selbst bei der offiziellen Veröffentlichung der Wahlergebnisse wird gesagt, welche Partei gewonnen hat. Obwohl die UNRWA in dieser Angelegenheit das Offensichtliche ignoriert, ist unklar, was sie überhaupt dagegen unternehmen könnte, wenn sie es denn wollte.«


Deutsche Terrormäzene

Hier haben wir die Wahrheit aus erster Hand, straight from the horse’s mouth, wie die Amerikaner sagen: Selbst wenn die UNRWA wollte (und sie will ja nicht einmal), könnte sie nichts dagegen tun, von der Hamas benutzt zu werden. Die UNRWA erhält Geld und gibt es den Hamas-Lehrern. Diese bringen den Schülern Chemie und Physik bei, damit sie Raketen bauen. Ein auswärtiger UNRWA-Mitarbeiter findet dann die Raketen, geht damit zur Hamas und sagt: »Ihr habt da was verloren.« Die UNRWA baut Schulen, die dem Krieg gegen die Juden dienen. Es ist wie in Erich Kästners Gedicht »Kennst du das Land, wo die Kanonen blüh’n?«, in dem es heißt: »Was man auch baut – es werden stets Kasernen.«

In einer Region, in der es keine legitime Regierung gibt, landen alle Ressourcen, die dorthin geschickt werden, in den Händen der Terroristen. Am selben Tag, als UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sich »empört« über die in der Uno-Schule gelagerten Raketen zeigte, überwies der deutsche Außenminister Steinmeier weitere 7,5 Millionen Euro an die UNRWA. Ebenso gut könnte er es den Boko-Haram-Milizen in Nigeria, ISIS im Irak und Syrien oder den afghanischen Taliban schenken.

Gegenüber Lizas Welt sagte David Bedein: »Seit zwölf Jahren weisen wir darauf hin, wie UNRWA-Schulen in Kriegsausbildungslager verwandelt werden. Die kriminelle Verantwortung dafür, dass die UNRWA terroristische Gruppen mit dem Betrieb von Bildungseinrichtungen betraut, liegt bei den Geberländern und Stiftungen, die die informelle UNRWA-Bildung finanzieren. Hier ist auch die Friedrich-Ebert-Stiftung zu nennen, die UNRWA-Jugendclubs wie beispielsweise das ›Palästinensische Diaspora- und Flüchtlingszentrum‹ (Shaml) finanziert, in dem ›Werte‹ wie das ›Recht auf Rückkehr‹ gelehrt werden und das Programme und Veröffentlichungen unterstützt, in denen Israel als ›Apartheidstaat‹ dämonisiert und delegitimiert wird.«

Wie denkt man bei der »moderaten« PLO darüber? Diana Buttu, eine ehemalige Juraprofessorin an der palästinensischen Bir-Zeit-Universität, Rechtsberaterin der PLO bei Verhandlungen und gelegentliche Gastdozentin in Stanford und Harvard, führte kürzlich auf Al-Jazeera ein Streitgespräch mit dem Vorsitzenden von UN Watch, Hillel Neuer, der die Raketen in den UN-Schulen ansprach. Sie bestreite nicht, dass Raketen in UNRWA-Schulen gefunden wurden, sagte Buttu. Aber: »Die Schulen wurden von niemandem benutzt, das Schuljahr ist zu Ende, wie Sie wissen.« Damit ging diese Runde natürlich klar an sie. Gleichzeitig wissen wir nun, dass der Krieg gegen Israel schon in wenigen Wochen aufhören wird: Wenn die Sommerferien zu Ende sind, werden die Gebäude wieder als Schulen genutzt werden, und die, die jetzt Raketen auf israelische Zivilisten schießen, werden dann wieder unterrichten und Klassenarbeiten korrigieren.

David Bedein: UNRWA: A Roadblock To Peace, Jerusalem 2014.

James G. Lindsay: Fixing UNRWA: Repairing the UN’s Troubled System of Aid to Palestinian Refugees, Washington 2009.

Wie es in den Klassenräumen der UNRWA-Schulen zugeht, macht der zwölfminütige Filmbeitrag »Inside the UNRWA Classroom« deutlich. David Bedein hat an ihm mitgearbeitet.

Zum Foto: »Al-Kutla-al-Islamiya«, die für Schüler und Studenten zuständige »Bildungsabteilung« der Hamas, feiert in der UNRWA-geführten Yabna-Mittelschule in Rafah einen »Sieg« über Israel, indem sie Schüler unter anderem auf der israelischen Fahne herumtrampeln lässt. Rafah, 1. Dezember 2013 (vgl. Bedeins Buch, Seiten 96-98).


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Verhältnismäßig verhältnismäßig July 26, 2014 | 01:29 am

Dekel Keinan, Spieler von Maccabi Haifa, wehrt im Testspiel gegen den OSC Lille den Angriff eines antisemitischen Hooligans ab. Bischofshofen (Österreich), 23. Juli 2014.

Wann immer Israel militärisch auf einen Angriff reagiert, heißt es nahezu unisono, diese Antwort sei »unverhältnismäßig«. Dan Hodges, ein ehemaliger britischer Gewerkschafter und Funktionär der Labour Party, hat sich diesen Vorwurf vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse einmal näher angesehen und ihn für den Blog der Tageszeitung The Telegraph analysiert. Mit seiner Genehmigung hat Lizas Welt den Beitrag ins Deutsche übersetzt.


VON DAN HODGES


Als die Debatte über Israels Militärintervention im Gazastreifen in den vergangenen Tagen an Schärfe zunahm, habe ich beobachtet, dass eine bestimmte Phrase ständig wiederkehrt. Sie lautet etwa so: »Ja, Israel hat ein Recht, sich zu verteidigen. Aber die Antwort muss verhältnismäßig sein. Und was wir sehen, ist alles, nur nicht verhältnismäßig.« Nick Clegg [der stellvertretende britische Premierminister] hat sich diesem Chor angeschlossen und Israel beschuldigt, eine »unverhältnismäßige Form von Kollektivstrafe« gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zu praktizieren.

Vergleichbare Worte hat auch die UNRWA gefunden, als sie warnte: »Es muss maximale Zurückhaltung geübt werden, und es ist auf die Unterscheidung [zwischen Kombattanten und Zivilisten], auf die Verhältnismäßigkeit und auf Schutzmaßnahmen zu achten.« Während der Debatte im Unterhaus am Montag [21. Juli] hat sich eine Reihe von Parlamentsmitgliedern ebenfalls ganz ähnlich geäußert. Und wer würde sich auch darüber streiten wollen? Wer würde sich eine unverhältnismäßige Antwort in einer Krise wie dieser wünschen?

Doch wenn wir von Israel »Verhältnismäßigkeit« verlangen, würde ich gerne eine Frage stellen: Was wäre denn zurzeit eine verhältnismäßige Reaktion? Wenn jeder im Prinzip anerkennt, dass Israel sich verteidigen darf, wie sollte diese Verteidigung dann in der Praxis aussehen?

Eine Möglichkeit für Israel, sich gegen die fortgesetzten Raketenangriffe der Hamas zu verteidigen, besteht natürlich darin, Bodentruppen in den Gazastreifen zu schicken, um die Raketen – und diejenigen, die sie abschießen – zu finden und unschädlich zu machen. Aber nach Ansicht der Israelkritiker stellt das eine furchtbare Eskalation des Konflikts dar. Eine Alternative dazu sind Luftschläge. Aber auch die führten weltweit zu einer Verurteilung. Marschflugkörper wären ebenfalls eine Option. Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass die Stop the War Coalition dann in einer Pressemitteilung die Anwendung israelischer Präzisionswaffen in Gaza begrüßen würde.

Wie wäre es also mit einer chirurgischeren Herangehensweise? Könnte Israel vielleicht Attentatskommandos in den Gazastreifen schicken, um die Führung der Hamas und ihre wichtigsten Funktionäre auszuschalten? »Heute begrüßte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Nachricht, dass israelische Stoßtrupps in die palästinensischen Gebiete einmarschiert sind. ›Das ist eine rechtzeitige Deeskalation des Konflikts‹, sagte er.«

Und wie wäre es, überhaupt keine offensive Aktion zu unternehmen? Was würde passieren, wenn Israel einfach versuchen würde, die Hamas im Gazastreifen irgendwie in Schach zu halten? Nein, tut mir leid, das würde nicht funktionieren, weil man Israel dann vorwerfen würde, Gaza in das »größte Gefängnis der Welt« zu verwandeln. Die Hamas blockieren? Nein, denn die Welt verlangt ja gerade, die Blockade aufzuheben. Gezielte Sanktionen gegen die palästinensische Autonomiebehörde? Nicht im Ernst! Das würde nur unschuldige Palästinenser bestrafen. Und überhaupt: Die Welt sollte in der Stunde der Not solidarisch an ihrer Seite stehen!

Wenn die Leute sagen, Israels Antwort auf die Aggression der Hamas müsse »verhältnismäßig« sein, meinen sie das gar nicht so. Was sie in Wahrheit meinen, ist, dass Israel überhaupt nicht antworten soll. Kein Problem: Jeder hat das Recht, diese Sichtweise einzunehmen. Aber die Israelkritiker sollten dann wenigstens so ehrlich sein, ihre Absichten einzuräumen. Und die bestehen darin, Israel das Recht auf Selbstverteidigung zwar in der Theorie grundsätzlich zuzubilligen, nicht aber in der Praxis. Es soll einfach die andere Wange hinhalten.

Und deshalb möchte ich denjenigen, die behaupten, dass Israels Antwort unverhältnismäßig ist, gerne eine andere Frage stellen: Was glaubt ihr, wie groß die Zahl der Todesopfer wäre, wenn die Hamas über das militärische Potenzial Israels verfügen würde – inklusive der atomaren Kapazitäten? Ich glaube nämlich, dass wir unter diesen Umständen in entsetzlicher Deutlichkeit vor Augen geführt bekämen, wie eine unverhältnismäßige Anwendung militärischer Gewalt tatsächlich aussieht.

Ich begrüße es, dass viele – womöglich sogar die Mehrheit – derjenigen, die Israel kritisieren, dies eher aus einer moralischen als aus einer ideologischen Position heraus tun. Aber es genügt nicht, einfach zu schreien, was Israel alles nicht tun sollte. Angesichts der Tatsache, dass der Raketenhagel weitergeht, müssen diese Leute auch genau erklären, was Israel ihrer Ansicht nach zu seinem Schutz unternehmen darf.

»Sich aus Gaza zurückziehen« ist eine häufig angebotene Lösung. Nun, das ist bereits geschehen. Israel hat sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen, die Siedlungen abgerissen und rund 10.000 jüdische Siedler gewaltsam geräumt. Danach rückte die Hamas ein und begann mit dem Raketenbeschuss sowie terroristischen Angriffen. »Sie sollten einem sofortigen Waffenstillstand zustimmen« ist eine weitere Forderung. Israel ist ihr nachgekommen. Und der Raketenbeschuss ging weiter. »Sie sollten sich hinsetzen und miteinander sprechen, wie wir es mit der IRA in Nordirland getan haben.« Ja, wir haben uns hingesetzt und miteinander gesprochen. Aber bevor wir uns hingesetzt haben, haben wir die IRA darum gebeten, nichts mehr in die Luft zu jagen. Und die IRA hat zugestimmt.

Nehmen wir an, Benjamin Netanjahu hat eine Eingebung. »Mein Gott«, sagt er zu sich selbst, »unsere Kritiker haben Recht. Unsere Antwort ist unverhältnismäßig.« Also geht er zum Fernsehen und sagt der israelischen Bevölkerung: »Ich habe unsere Streitkräfte angewiesen, nichts mehr zu unternehmen. Die Raketen werden weiter explodieren. Es wird weiterhin Entführungen geben. Es wird wieder Selbstmordattentate geben. Aber wir werden trotzdem keinen Finger rühren.« Wie lange würde Netanjahu nach Ansicht der Israelkritiker unter diesen Umständen noch Premierminister von Israel bleiben? Eine Woche? Eine Stunde?

Ob es einem nun gefällt oder nicht: Israel ist ein souveräner, demokratischer Staat. Er hat nicht nur das Recht, sich zu verteidigen, seine Bevölkerung erwartet es auch. Und wenn man zusammengekauert in einem Bombenschutzraum sitzt und schließlich herauskommt, um dann zu sehen, wie die verkohlten Überreste einer Kassam-Rakete aus dem Dach der Schule seines Kindes herauslugen, dann prägt das vermutlich die Sichtweise, wie eine »verhältnismäßige« Reaktion tatsächlich aussieht.

Was wollen wir also? Wollen wir die Truppen, die Bomben, die Marschflugkörper, die Drohnen, die Artillerie, die Tötungskommandos, die Blockaden oder die Sanktionen? Denn wenn wir sagen, dass Israel ein Recht hat, sich zu verteidigen, und das auch so meinen, dann müssen wir uns schon entscheiden. Und wenn wir das nicht tun, dann müssen wir so ehrlich sein zuzugeben, dass wir nicht wollen, dass Israel sich überhaupt verteidigt.

Zum Foto: Dekel Keinan, Spieler von Maccabi Haifa, wehrt im Testspiel gegen den OSC Lille den Angriff eines antisemitischen Hooligans ab. Bischofshofen (Österreich), 23. Juli 2014. (Das Bild entstammt der Facebook-Seite einer Maccabi-Fanvereinigung.)

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Israëls critici willen geen proportioneel antwoord in Gaza. Ze willen helemaal geen antwoord.


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5 Thesen zur Operation insertrecentnamehere July 24, 2014 | 09:17 pm

  1. In letzter Zeit hört man etwas seltener, dass die Hamas ja die demokratisch gewählte Regierung der Palästinenser im Gaza-Streifen sei. Es kann trotzdem nicht schaden, darauf hinzuweisen, dass die Regierung Netanjahu ebenfalls gewählt ist. Ich suche nach dem Präzedenzfall einer Regierung, die auf fortgesetzten Raketenbeschuss der eigenen Bevölkerung nicht mit militärischen Mitteln reagiert hat und dafür von ihrem dankbaren Staatsvolk wiedergewählt worden ist, zweifle aber daran, dass ich einen finden werde.
  2. Wer Gaza als riesiges Gefängnis bezeichnet und die rigiden Grenzkontrollen beklagt, denke bitte auch darüber nach, welche und wieviele Waffen die Hamas heute hätte (und wie der Konflikt in der Folge eskalieren würde), würden Israel und Ägypten diese rigiden Grenzkontrollen nicht durchführen.
  3. Warum Israel größeres Vertrauen in Gespräche mit Organisationen setzen sollte, die sein Existenzrecht bestreiten und Waffenruhen als taktisches Element begreifen, bleibt unklar.
  4. Dass es bei dem aktuellen Krieg nicht um palästinensische Freiheit geht, lässt sich unschwer aus dem Programm der Hamas ablesen und muss deshalb nicht weiter begründet werden. Freiheit und religiöse Herrschaft schließen einander aus.
  5. Mitgefühl muss allen säkularen und religiösen Palästinensern gelten, die die Hamas nicht gewählt haben und Israel als Staat zu akzeptieren bereit sind. Sie sind die tatsächlichen palästinensischen Opfer dieses Krieges, zusammen mit den Kindern, die das Pech hatten, in eine Gesellschaft hineingeboren zu werden, die von religiösen Antisemiten dominiert wird. Wer jedoch die Hamas in Kenntnis ihres Programms gewählt hat, hat damit auch die Entscheidung getroffen, ein Leben in Gefahr zu führen.

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(Die Thesen 2-5 habe ich aus einem fünf Jahre alten Text kopiert, und auch These 1 klingt verdächtig vertraut – so wenig hat sich leider geändert.)


Demagoge des Mainstreams July 21, 2014 | 08:19 pm

Jürgen Todenhöfer. © Das blaue Sofa/Club Bertelsmann, CC-Lizenz

Wenn es stimmt, dass ein Bild oft mehr sagt als tausend Worte, dann charakterisiert dieses Foto, das Jürgen Todenhöfer vor wenigen Tagen auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat, den früheren CDU-Politiker bereits hinreichend. Es zeigt ihn »inmitten von Trümmern«, wie der Historiker und Blogger Moritz Hoffmann schreibt, »nachdenklich, betroffen, zwischen Dreck, Zerstörung und Chaos. Und um ihn herum, fein säuberlich ins Bild komponiert, sauber wie direkt aus dem Geschäft, Kinderspielzeug. Bilderbücher, Puppen, Teddybären. Als hätte eine göttliche Fügung sie bei der Zerstörung dieses Hauses genau dorthin gespült.« Die allzu offenkundig gestellte Aufnahme illustriert eine Parole, die in diesen Tagen bei antiisraelischen Demonstrationen in Deutschland aus Tausenden von Kehlen zu hören ist und die die alte antijüdische Ritualmordlegende in modernisierter Form fortspinnt: »Kindermörder Israel!« Todenhöfer spricht sie nicht selbst aus, so schlicht formuliert er nicht. Aber er kann sich darauf verlassen, dass sein Publikum – der »Mainstream der deutschen Mittelschicht«, wie Hoffmann treffend zusammenfasst – auch so versteht. Zu Recht, wie zahllose Kommentare unter seinem Text beweisen.

Auf die tausend Worte möchte der Publizist trotzdem nicht verzichten, deshalb nutzt er vor allem seinen Facebook-Auftritt, der ausweislich der »Likes« mehr als 165.000 Nutzern dieser Plattform gefällt, für seine Botschaften. »Gaza: Die Verdammten dieser Erde« ist sein jüngstes Elaborat überschrieben, eine Anspielung auf Frantz Fanon und dessen 1961 erschienenes Hauptwerk. Der schmale, an Israel und Ägypten grenzende Küstenstreifen als Zentrum des Widerstands gegen Kolonialismus und Imperialismus also, seine Bewohner als revolutionäre Subjekte in einem gerechten Kampf gegen eine böse, brutale Militärmaschinerie, Todenhöfer selbst als Propagandist dieses Kampfes in Deutschland. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete weiß genau, welchen Ton er zu treffen hat und wie er sich inszenieren muss, um als sachkundiger Kenner, als Experte zu gelten und gleichzeitig zu Tränen zu rühren.

»Mit Panzern gegen die Eselswagen der Tunnelbauer! Es ist absurd«, klagt er die israelische Regierung an. Es ist dies die Fortführung der alten Mär von den »Raketen gegen Steinewerfer«, die von etlichen deutschen Medien während der ersten und zweiten »Intifada« gesponnen wurde. Todenhöfer spitzt sie sogar noch zu, indem er suggeriert, die israelische Armee ziehe gegen vormoderne, wehrlose, unschuldige Habenichtse zu Felde. (Lediglich am Rande sei angemerkt, dass die Hamas schon seit Jahren auch Tiere mit Sprengstoff belädt, um sie als Waffen in ihrem Krieg gegen Israel zu benutzen.) Das ist ein grotesker Einstieg, doch bevor er ihn wieder aufgreift, lässt er zunächst eine so knappe wie pflichtschuldige, vor allem aber taktische Distanzierung folgen: »Ich bin kein Freund der Hamas. Und werde es nie sein. Ich kritisiere die Ideologie und die ›Militärstrategie‹ der Hamas mit Nachdruck.« Gerne wüsste man, wo das denn geschehen sein soll, doch da folgt schon das »Aber«: »Aber ich bin ein Freund der Palästinenser. Ich weigere mich schweigend zuzusehen, wie ihre Rechte und ihre Würde mit Füßen getreten werden.« Von Israel, versteht sich, und nicht etwa durch das Terrorregime der Hamas. Ein echter Freund der Palästinenser, der Herr Todenhöfer.

»Natürlich hat Israel das Recht auf Selbstverteidigung«, beeilt er sich anschließend großmütig zu konzedieren, »gegen die sinnlose Ballerei der Hamas und anderer Widerstandsgruppen«. Schon die verniedlichenden, verharmlosenden Termini »Ballerei« (für den Beschuss mit Hunderten von Raketen) und »Widerstandsgruppen« (für Terrororganisationen, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israel ist) deuten an, dass Todenhöfer dieses israelische Recht nicht allzu weit gefasst sehen will. Und tatsächlich besteht es für ihn ausschließlich – er schreibt zwar »unter anderem«, doch weitere Beispiele nennt er nicht – in der »perfekte[n] Flugabwehr ›Iron Dome‹«. Das heißt: Die Israelis sollen den Raketenbeschuss dulden und sich ganz auf die »Eiserne Kuppel« verlassen, vielleicht noch auf ihre Schutzräume, für deren Erreichen sie fünfzehn Sekunden Zeit haben, wenn die Alarmsirenen heulen. Was sie nicht sollen: ihre Armee in Gang setzen, um Raketenbasen zu zerstören und Terroristen unschädlich zu machen, das heißt, den Beschuss zu verhindern. Das erinnert an einen legendären Vorschlag des Politologen Ekkehart Krippendorff, der vor über 20 Jahren in der taz allen Ernstes schrieb, die Juden hätten das »Dritte Reich« durch »passiven Widerstand«, etwa durch »Sitzstreiks« auf Bahnhöfen, locker in die Knie zwingen können. Wehren sollen sie sich jedenfalls nicht dürfen, wo kämen wir sonst hin?

Völkerrechtlich seien »die Bombenmassaker in Gaza« jedenfalls »Kriegsverbrechen« und »keine Selbstverteidigung«, doziert Todenhöfer weiter. Man dürfe »ein Volk nicht kollektiv bestrafen«, das lerne »ein Jurastudent in den ersten Semestern«. Nun wäre es für die israelische Luftwaffe ein Leichtes, den Gazastreifen flächendeckend unter Beschuss zu nehmen und so tatsächlich eine Kollektivstrafe zu verhängen. Nur tut sie genau das nicht und will es auch gar nicht. Im Gegenteil nimmt sie die Stellungen der Hamas gezielt unter Feuer und warnt zuvor die Zivilbevölkerung mit Flugblättern, Anrufen und Textnachrichten, wenn die Hamas diese Stellungen mal wieder – übrigens völkerrechtswidrig – mitten in einem Wohngebiet platziert hat. Es gehört zur Strategie der Gotteskriegerpartei, dass sie die Bewohner auffordert, diese Warnungen zu ignorieren und sich als »menschliche Schutzschilde« auf den Dächern zu versammeln. Auch der Einsatz israelischer Bodentruppen im Gazastreifen ist alles, nur keine kollektive Bestrafung: Mit ihm sollen – unter dem Risiko hoher eigener Verluste – vor allem die für Israel so bedrohlichen Tunnelsysteme zerstört werden.

Apropos Tunnel: Was sie betrifft, legt Jürgen Todenhöfer einen ganz besonders aberwitzigen Erfindergeist an den Tag. Die »Menschen von Gaza« hätten begonnen, »wie Maulwürfe Tunnel in Nachbarländer zu graben, um manchmal für ein paar Tage oder Stunden Freiheit zu schnuppern«, schreibt er. »Um nicht immer wie Untermenschen zu leben, gingen sie unter die Erde. Wie paradox! Natürlich gruben sie die Tunnel in erster Linie, um nicht auf Waren und Medikamente verzichten zu müssen. Und um sich verteidigen zu können. Oder so zu tun als ob.« Herzzerreißend, nicht wahr? Eine noch groteskere Verdrehung der Realität ist allerdings kaum denkbar. Denn in Wahrheit dienen diese durchaus nicht maulwurfartig, sondern sehr professionell angelegten unterirdischen Wege keineswegs humanitären Zwecken, sondern vor allem dazu, Waffen und Raketen zu lagern, Terroristen Unterschlupf zu gewähren und ihnen das Vordringen auf israelisches Gebiet (sowie den anschließenden Rückzug nach Gaza) zu ermöglichen. Die Tunnel – bei deren Bau bislang anzweifeln kann. Einmal abgesehen davon, dass die Hamas ideologisch gar nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheidet, weil für sie jeder Palästinenser ein Kämpfer im heiligen Krieg gegen den zionistischen Feind ist.

Doch einmal in Fahrt, zieht Todenhöfer schließlich auch noch den Nazijoker: »Noch in Tausenden von Jahren wird man sich die Geschichte der Gefangenen von Gaza erzählen. Dieses gedemütigten und entrechteten kleinen Volkes, das von einem benachbarten Herrenvolk in einem großen Käfig gehalten wurde. Dem das Herrenvolk den Strom abdrehte, wann es ihm gefiel.« Mit anderen Worten: Die Israelis treiben es heute mit den Palästinensern wie weiland die nationalsozialistischen Deutschen, das »Herrenvolk« par excellence also, mit den Juden. Und wenn man einmal an diesem Punkt der Täter-Opfer-Verdrehung und der Holocaust-Relativierung angelangt ist – die keine Entgleisung im Überschwang, sondern eine wohlkalkulierte Pointe darstellt –, dann fügt sich alles wie von selbst ins Weltbild ein. Auch die Tatsache, dass es eine Rakete aus dem Gazastreifen war, die vor einigen Tagen israelische Hochspannungsleitungen traf und 70.000 Palästinensern in Khan Younis und Deir el-Balah die Stromversorgung kappte. Oder dass die Palästinensische Autonomiebehörde bei der israelischen Elektrizitätsgesellschaft mit 525 Millionen Dollar in der Kreide steht, wovon 62 Millionen Dollar auf den Gazastreifen entfallen.

Der Rest von Todenhöfers Pamphlet ist Pathos, Tränendrüse, Betroffenheitsprosa, Show. Niemand weine »mit den Menschen von Gaza«, mit den »Müttern, deren zu Tode gebombte Kinder in ihren Armen starben«, klagt er. Ewig werde man »über die Schande von Gaza sprechen«, über die »herablassende, respektlose Unterdrückung und Demütigung seiner Bevölkerung durch den Nachbarn Israel«, über das »Versagen der Weltöffentlichkeit angesichts ihrer Behandlung als Menschen dritter Klasse, Jean Paul Sartre würde sagen als ›Halbaffen‹«. Täglich erhalte er »Morddrohungen«, die er gar nicht mehr zählen könne, sagt Todenhöfer, und dennoch denke er »jede Minute an die Menschen in Gaza, an die Verdammten dieser Erde«. Am liebsten würde er »gleich wieder zu ihnen hinfahren«. Bis es so weit ist, gibt er, der »stets gut frisierte Posterboy der neuen, mittelalten Friedensbewegung«, der »begabteste Pressesprecher, den die Hamas je hatte« (Moritz Hoffmann), im gebührenfinanzierten Morgenmagazin der ARD das Leiden Christi. Oder begeistert eben auf Facebook seine zahlreichen Fans.

Jürgen Todenhöfer zieht – nicht zum ersten Mal – alle Register, die der moderne Antisemitismus zu bieten hat. Wortgewaltig und mit dem Zorn des scheinbar Gerechten dämonisiert und delegitimiert er Israel, legt an den jüdischen Staat Maßstäbe an, die er für kein anderes Land der Welt geltend machen würde, und geißelt dessen Wehrhaftigkeit im Angesicht der Bedrohung. Todenhöfer verharmlost den judenfeindlichen Terror der Hamas und verdreht ihn in einen Akt der Freiheitsliebe, er beugt die Wahrheit mit den Mitteln der Demagogie, er lässt Tatsachen aus, die ihm nicht in den Kram passen. Er geriert sich als Freund der Palästinenser, dabei dienen diese ihm vor allem als Projektionsfläche für seine Ressentiments gegen den jüdischen Staat, während es ihn offenbar kalt lässt, dass die Hamas ihnen das Leben zur Hölle macht. Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, wenn es sich bei Todenhöfer um eine randständige Figur handeln würde, die kaum jemand ernst nimmt. Doch er bedient eben nicht bloß die Ränder, sondern auch und vor allem die »Israelkritik« in der vielbeschworenen »Mitte der Gesellschaft«. Vor allem das macht ihn nicht nur zu einem erfolgreichen Autor, sondern auch zu einem gern gesehenen Gast in Interviews und Talkshows. Er ist ein Demagoge des Mainstreams.

Foto: © Das blaue Sofa/Club Bertelsmann, CC-Lizenz


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»Die humanitäre Maske fällt« July 15, 2014 | 08:19 pm

Manfred Gerstenfeld

Antisemitismus hat mannigfache Erscheinungsformen und kommt immer wieder in neuem Gewand daher, heute vor allem als Antizionismus. Im Interview spricht Manfred Gerstenfeld, Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs, über den Israelhass vieler Europäer.*


INTERVIEW: STEFAN FRANK


In Ihrem Buch »Demonizing Israel and the Jews«** haben Sie 57 Personen interviewt, die jeweils Experten sind für unterschiedliche Aspekte des Antisemitismus und seine neueste Form, den Antiisraelismus. Welche Resonanz hat das Buch ausgelöst?

Manfred Gerstenfeld: Es gab eine große Resonanz in der jüdischen Welt und auch in nichtjüdischen Medien in den USA und Kanada. Vor allem ging es um die große Zahl der EU-Bürger, die wahnhafte Ansichten über Israel haben, wie etwa, dass Israel einen »Vernichtungskrieg« – ein echtes Hitler-Wort – gegen die Palästinenser führe. 150 von 400 Millionen erwachsener Europäer glauben das! Das ist eine ungeheure Zahl. Würde Israel tatsächlich einen solchen Vernichtungskrieg führen, gäbe es ja schon seit vielen Jahren keine Palästinenser mehr. Wenn jemand über einen anderen eine solche falsche, extreme Meinung hat, bedeutet dass, dass er selbst ein kriminelles Weltbild hat. Damit fällt die Maske vom humanitären Europa. Wenn es so viele Europäer gibt, die ein solches stereotypes und völlig falsches Bild von Israel haben, sind wir in einer Situation wie in den 1930er Jahren. Damals betraf es die Juden.

Wie haben Sie die Zahl von 150 Millionen ermittelt?

Das ist ziemlich leicht. Man braucht nur die Bielefelder Studie von 2011 zu nehmen. In sieben Ländern liegt der durchschnittliche Anteil der Erwachsenen, die der Aussage »Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser« zustimmen, bei über 40 Prozent.

Welche Reaktionen hat Ihr Buch in Europa ausgelöst?

Dort ist das Buch fast verschwiegen worden. Reporter großer europäischer Zeitungen haben mit mir lange Interviews geführt, den Text zum Redigieren geschickt und ihn dann nicht veröffentlicht. Es ist ganz klar, warum.

Wenn sie kein Interesse am Antisemitismus haben, warum bitten sie Sie dann überhaupt um ein Interview und machen sich die Arbeit?

Ein Journalist, der etwas Interessantes hört, fragt ja nicht zuerst den Chefredakteur. Die Journalisten, die mich interviewt haben, fanden das sehr interessant. Sie haben die Artikel bzw. Interviews geschrieben und mussten dann feststellen, dass die Redakteure oder Chefredakteure so etwas nicht publizieren wollen.

Aber das Simon Wiesenthal Center hat sich der Sache angenommen.

Richtig. Eine Delegation unter der Führung von Rabbi Marvin Hier, dem Gründer des Simon Wiesenthal Centers, hat den Papst besucht und mit ihm über die Zahl von 150 Millionen Antisemiten gesprochen. Außerdem hat das Zentrum Briefe an die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen geschickt, jeweils mit einem Exemplar meines Buches. Auch an Erzbischof Zollitsch, der den Eingang bestätigt hat. Rabbi Cooper, der stellvertretende Vorsitzende des Simon Wiesenthal Centers, war beim niederländischen Vizepremier. Im niederländischen Parlament wurde die Sache erörtert. Ein Parlamentarier hat den Vizepremier auf die Zahl von 150 Millionen Antisemiten und die 39 Prozent der Niederländer, die so denken, angesprochen. Der hat geantwortet, dass dies inakzeptabel ist. Wir haben also eine Reihe von Entwicklungen, die das Buch angestoßen hat, und es wird weitergehen. Ich hoffe, dass es in weiteren Parlamenten zur Sprache gebracht wird, auch im Bundestag.

Gibt es, was den Antisemitismus in der EU betrifft, nationale Unterschiede?

Hier muss man drei Kategorien von Antisemitismus unterscheiden: den religiösen, den ethnisch-nationalistischen und den Antiisraelismus. Über den letzteren wissen wir wenig. Die ersten beiden Kategorien von Antisemitismus sind die einzigen, die wiederholt und detailliert untersucht worden sind. Diese Studien zeigen, dass der Antisemitismus in Osteuropa ziemlich stark ist, etwa in Ungarn und Polen. Das gilt aber auch für Spanien. In den Niederlanden sind diese klassischen Formen des Antisemitismus hingegen relativ niedrig.

Warum gibt es, vor allem in der EU, wenig institutionalisierte Antisemitismusforschung?

Weil man nach 1945 dachte, nach dem Holocaust sei der Antisemitismus tot. Das war ein falscher Gedanke. Erstens war der Antisemitismus nicht tot, sondern latent, er ist wieder aufgewacht. Zweitens ist der Antisemitismus zum Antiisraelismus mutiert. Niemand will gern sagen, dass er Antisemit ist, sondern er nennt sich Antizionist. Die mentale Infrastruktur des Antisemitismus ist sehr stark, die Gesellschaft ist dafür sehr empfänglich. Die wenigen Institute in Europa, die den Antisemitismus erforschen sollten, wollen sich jetzt lieber der Islamfeindlichkeit widmen. Es gibt fast keine Antisemitismusforscher, weil es für sie keine Stellen gibt. Und darum schreibt auch fast kein Wissenschaftler darüber. Der Antiisraelismus wird in Europa unter den Teppich gekehrt.

Wie kommt es, dass es in Polen, wo der Antisemitismus in der Bevölkerung stark ist, eine israelfreundliche Regierung gibt?

Da sind wir bei einer Sache, die viele nicht verstehen. Wir leben im Postmodernismus. Dadurch sind viele Dinge auf derselben Ebene möglich, auch Widersprüche. Da ich mich viel mit Norwegen beschäftige, nehme ich gern Quisling als Beispiel. Er war sieben Tage in der Woche ein Antisemit. Stoltenberg, der bis vor einigen Monaten norwegischer Premier war, ist ein Teilzeitantisemit. Auf der einen Seite hat er sich für die Shoah entschuldigt, auf der anderen hat er gegenüber schweren antisemitischen Vorfällen in seiner Partei die Augen verschlossen. Es gibt zwei Begriffe, ohne die man den heutigen Antisemitismus in Europa nicht analysieren kann: Teilzeitantisemit und humanitärer Rassismus.

Was verstehen sie unter »humanitärem Rassismus«, und wie beeinflusst er die politische Meinungsbildung?

In Teilen der antirassistischen Bewegung findet man Leute, die glauben, dass nur Weiße und einige sehr mächtige Menschen für ihre eigenen Handlungen verantwortlich sind. Oft wenden sie den Blick ab von Verbrechen, die von schwachen oder farbigen Menschen begangen werden. Das steht im Widerspruch zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die individuelle Verantwortung eines jeden für seine Handlungen betont. Anhand des palästinensisch-israelischen Konflikts lassen sich viele dieser Rassisten im antirassistischen Lager überführen. Man muss sich nur die Leute anschauen, die Israel kritisieren, aber nichts sagen über den islamofaschistischen Charakter der Hamas und dazu, wie die Palästinensische Autonomiebehörde Mörder glorifiziert. Dann gibt es noch die humanitären Rassisten, die gegen Islamophobie in der westlichen Welt kämpfen, aber über den überproportional starken Antisemitismus unter westlichen Muslimen schweigen.

Welche Rolle spielen die Medien?

Der Antisemitismus in Europa wird heute zum größten Teil als Antiisraelismus propagiert. Das geschieht über redaktionelle Stellungnahmen, also Leitartikel, und die Auswahl der Nachrichten. Durch die gezielte Auswahl bestimmter Nachrichten lässt sich ein antisemitisches Weltbild aufrufen. Wenn die fast unbegrenzten negativen Nachrichten über die Araber zum größten Teil verschwiegen werden und nur Nachrichten gebracht werden, die Israel in ein schlechtes Licht rücken, dann hat das entsprechende Auswirkungen auf die Leser. Zusätzlich laden die Redaktionen externe Personen ein, in ihren Zeitungen antiisraelische Meinungen kundzutun.

Denken Sie an bei Redaktionen beliebte Einpeitscher wie Uri Avnery oder Mosche Zuckermann?

Es gibt ein viel besseres Beispiel: das Gedicht von Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung. Grass hat das Schlimmste getan, was es gibt. Er hat gesagt, Israel werde Iran mit Atombomben vernichten. Eine solche Behauptung über die Zukunft lässt sich nicht widerlegen. Wie viele Gedichte veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung pro Jahr? Grass‘ Gedicht ist auch von fünf anderen großen europäischen Zeitungen gleichzeitig gedruckt worden. Mir ist nicht bekannt, dass es so etwas in Europa in den letzten Jahren schon bzw. noch einmal gegeben hätte. Das ist nichts Normales.

Der Antisemitismus unter europäischen Muslimen, der in Frankreich bereits zu Morden an Juden geführt hat, wird erst seit kurzem thematisiert. Warum?

Die Muslime haben früher in der Gesellschaft keine so große Rolle gespielt. Die erste Generation der Muslime in Europa waren Industriearbeiter, die ohne ihre Familien kamen und oft in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Die Angehörigen der dritten und vierten Generation hingegen sind Menschen, die oft nicht in die Gesellschaft integriert sind, sich aber auch nicht vorstellen, in das Land ihrer Vorfahren zu gehen. Die europäischen Regierungen hatten keine blasse Ahnung von der Kultur derjenigen, die sie nach Europa gelassen haben, und wie man sie integrieren kann. Die europäischen Staaten sind auch schuld daran, dass es nun eine große nicht integrierte Gruppe gibt, die aus einer rassistischen, nicht demokratischen Kultur kommt. Das trägt zum Anwachsen des Antisemitismus bei.

Wer ist hauptverantwortlich für den Antisemitismus unter europäischen Muslimen? Sind es Imame und Moscheevereine oder Satellitenfernsehsender wie Al-Jazeera?

Da man antisemitische Vorurteile schon von den Kindern hören kann, sind es vermutlich in erster Linie die Eltern.

Wie kommt es, dass in Europa ab etwa den 1840er Jahren Atheisten zur neuen Vorhut des Antisemitismus wurden?

Weil der Antisemitismus immer mutiert. Der Kern des Antisemitismus ist, dass die Juden das absolut Böse seien. Die Vorstellung dessen, was das absolut Böse ist, ändert sich aber mit der Kultur. Im Zentrum des christlichen Antisemitismus stand die falsche Beschuldigung, die Juden hätten Jesus ermordet. Für ein Verbrechen, das die Juden nicht begangen haben und auch nicht hätten begehen können, denn nur die Römer hatten dazu die Gewalt, wurden die Juden – und zwar alle, auch die nachfolgenden Generationen – verantwortlich gemacht. Diese Idee von der vererbten Schuld ist historisch einmalig. Würde das in Deutschland gelten, wäre Richard von Weizsäcker niemals Bundespräsident geworden, denn sein Vater war ein in Nürnberg verurteilter Kriegsverbrecher. Dann kommt im 19. Jahrhundert der nationalistische, ethnische Antisemitismus auf. Ein Untermensch zu sein und außerhalb der Nation zu stehen, gilt nun als das Schlimmste. Das sind wieder die Juden. Heutzutage ist das absolut Böse, dass man ein Nazi ist oder einen Genozid verübt. Die drei Formen des Antisemitismus – der religiöse, der nationalistische und der Antiisraelismus – haben also alle dasselbe Kernthema.

Seit dem 19. Jahrhundert sehr populär ist auch die Vorstellung vom Juden, der die Banken und die Börse kontrolliert und seine Macht nutzt, um die Volkswirtschaft auszusaugen.

Hier sprechen wir von Subthemen. Das folgt dem alten Blutgerücht über die Juden, die das Blut von Christen brauchen, um ihre Matzen zu backen. Das spielt schon in vorchristlicher Zeit eine Rolle. In einem Buch von Apion, das nicht überliefert ist, von dem wir aber durch Flavius Josephus wissen, wird diese Beschuldigung zum ersten Mal erhoben. Das Blutgerücht taucht dann im zwölften Jahrhundert in Norwich (England) wieder auf und geht durch die ganze Geschichte. In der Gegenwart finden wir es zum Beispiel in der größten Zeitung Schwedens, dem sozialistischen Aftonbladet. Es veröffentlichte vor einigen Jahren einen Artikel, in dem stand, Israel töte Palästinenser, weil Juden deren Organe benötigten. Zwei norwegische Ärzte, Mads Gilbert und Erik Fosse, haben ein Buch veröffentlicht, in dem sie schreiben, Israel sei in den Gazastreifen einmarschiert, um dort Frauen und Kinder zu töten. Das Buch wurde vom damaligen sozialdemokratischen norwegischen Außenminister empfohlen. Hier sieht man genau, wie diese Idee mutiert.

Wie kann man den Antisemitismus überhaupt bekämpfen?

Man kann etwas bewirken durch Erziehung. Es gibt Studien an Schulen in Amsterdam, wo durch Erziehung unter Muslimen die Einstellung geändert wurde. Man kann sogar sagen: bedeutend geändert – nicht bei den meisten, aber bei einzelnen.

Nur Lehrer können also den Antisemitismus eindämmen?

Nein, auch die Zeitungen könnten das, dieselben Zeitungen, die heute den Antisemitismus verbreiten. Es ist so ähnlich wie mit der Prostitution: Sie existiert schon sehr lange, und es ist nie gelungen, sie zu verhindern. Zumindest aber liegen in den europäischen Metropolen die Bordelle nicht an den größten Plätzen der Innenstädte. So ist es mit dem Antisemitismus: Man kann mit ihm leben, solange er nicht zu stark wird. Wenn er zu stark wird, kommt es zu einem zweiten Holocaust, und ich schließe nicht aus, dass es dazu kommen wird, denn es gibt heute in Teilen der arabischen und muslimischen Gesellschaften Leute, die einen zweiten Holocaust propagieren. Der nächste Holocaust – wenn er geschieht – wird nicht von den Europäern verübt werden, aber ein Teil von ihnen wird Hilfsarbeiten dazu geleistet haben.

Durch die falsche Berichterstattung der Medien?

Ja, aber solche Hilfsarbeiten leisten natürlich auch einige Regierungen, NGOs, Akademiker und Gewerkschaften. Es gibt dabei einen Unterschied zwischen der Situation im Postmodernismus und den 1930er Jahren. Hitler war wie ein großer Schornstein, der den Dreck über die ganze Welt verbreitet hat. Heute kommt dieser nicht mehr aus einem einzigen Schornstein, sondern von Millionen Menschen, von denen jeder ein wenig Schmutz verbreitet, und sie alle zusammen sehr viel.

Jemand sprach einmal von ideologischen Splittern, die nach der Zerstörung des nationalsozialistischen Ideologiegebäudes weiter existieren.

Das ist doch logisch. Es wird doch niemand glauben, dass nur, weil Großadmiral Dönitz im Mai 1945 kapituliert hat, der Antisemitismus verschwunden ist. Sigmar Gabriel sagt über seinen Vater, dieser sei auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch ein fanatischer Nazi gewesen. Natürlich hat Gabriels Vater versucht, seinen Sohn in diese Richtung zu erziehen. Von dieser Erziehung ist etwas übrig geblieben, denn als Sigmar Gabriel nach Hebron kam, schrieb er auf seiner Facebookseite, dass es dort »Apartheid« gebe – er schrieb aber nicht über die Kriminalität von Palästinensern. Richard von Weizsäcker macht heute antiisraelische Propaganda. Das kann ich nicht getrennt sehen von der Kriminalität seines Vaters. Natürlich ist etwas übrig geblieben. Dass 51 Prozent der Deutschen sagen, die Israelis machten das Gleiche wie die Nazis, lässt sich auch psychologisch erklären. Denn wenn das so wäre, dann wären die Deutschen damals nicht schlimmer gewesen als andere. Wenn jeder schuldig ist, ist niemand schuldig.

Dann spielt die Strategie der Schuldverdrängung also immer noch eine wichtige Rolle beim Antisemitismus?

Sicher, aber wie Sie sagen: Es ist alles zersplittert, es gibt nicht mehr den einen großen antisemitischen Gedanken wie zur Zeit Hitlers oder der Herrschaft der katholischen Kirche. Das ist der Postmodernismus. Es gibt kein konsequentes Denken mehr.

* Das Interview erschien zuerst in der März-Ausgabe der Schweizer Monatszeitschrift Factum und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors wiedergegeben.

** Manfred Gerstenfeld: Demonizing Israel and the Jews. RVP Press, 2. Auflage, 2013.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: »Het humanitaire masker valt«.


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Die kaltherzige Frau K. June 18, 2014 | 06:02 pm

Die drei entführten israelischen Schüler Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel

In Hebron werden die drei israelischen Schüler Eyal Yifrach, Gilad Shaer und Naftali Frenkel entführt. Im Gazastreifen feiert man das mit Süßigkeiten, spottet über die Entführungsopfer und lässt sich eine besondere Geste einfallen. Höchste Zeit für Susanne Knaul, Nahostkorrespondentin der taz seit 1999, in die Tasten zu greifen und einen Kommentar zu verfassen, der so beginnt:

Die Entführung der drei Israelis ist grausam. Nicht die Besatzung, weder der Bau von Siedlungen noch die über Dutzende Palästinenser verhängte Administrativstrafe können es rechtfertigen, drei Teenager ihrer Freiheit zu berauben und in Todesängste zu versetzen. Die Besatzung bietet keine Legitimation für das erbarmungslose Vorgehen der Geiselnehmer …

Gerade wenn man die Beiträge von Knaul halbwegs regelmäßig verfolgt, muss man ihr nicht übel wollen, um zu behaupten, dass sie die Verurteilung der Tat als Pflichtübung empfunden hat, die sie so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Und man spürt förmlich, wie sehr es sie zum »Aber« drängt, das dann nach zweieinhalb Sätzen auch folgt:

… aber sie ist Grund für ihre Motivation. Gäbe es eine Lösung für den Konflikt in Form von zwei Staaten, dann säßen die drei entführten Jungen auch heute bei ihren Mitschülern.

Die »Besatzung«, die es im Gazastreifen übrigens schon seit 2005 nicht mehr gibt, ist also keine Rechtfertigung für die Geiselnahme, aber schon irgendwie der Anlass. Ungefähr so, wie ein weiter Ausschnitt und ein kurzer Rock keine Legitimation für eine Vergewaltigung sind, aber Grund für ihre Motivation. So was kommt eben von so was, nicht wahr? Und die Lösung, von der Knaul spricht – und die die Entführung angeblich verhindert hätte –, wird, na klar, von den Israelis verunmöglicht. Nämlich durch – das hat sie ja schon gesagt – Besatzung, Siedlungsbau und die »Administrativstrafe«. Das heißt: Die Israelis respektive ihre Regierung haben sich – wie eigentlich immer – die Tat letztlich selbst zuzuschreiben.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, was palästinensische Terrorgruppen mit solchen Entführungen bezwecken: Sie dienen der (versuchten) Freipressung ihrer Gefangenen, die – aus guten, also schlechten Gründen – in israelischen Gefängnissen einsitzen. Und die Taten, die sie begangen haben, sind kein irgendwie gearteter Protest gegen eine Besatzung oder gar ein Versuch, der Zweistaatenlösung tatkräftig nachzuhelfen, sondern Morde und Terrorattacken, die dem antisemitischen Ziel dienen, den jüdischen Staat von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Insbesondere die Hamas strebt keine Zweistaaten-, sondern eine Kein-Staat-Israel-Lösung an. So steht es bereits in ihrer Charta, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Doch das ficht Susanne Knaul nicht an, die ohnehin nicht die Sorge um die verschleppten Schüler umtreibt, sondern etwas völlig anderes:

So aufrichtig der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu mit den Familien um das Schicksal ihrer Söhne bangen mag, so eindeutig spielen ihm die Entwicklungen politisch geradewegs in die Hände.

Das heißt, sie kommen ihm zupass, er profitiert von ihnen. Vielleicht freut er sich insgeheim sogar darüber, wer weiß. Die Denklogik, die sich in solchen Sätzen widerspiegelt, ist die gleiche, die zur Anwendung kommt, wenn es heißt, die Juden benutzten den Holocaust für ihre Zwecke – zur moralischen und finanziellen Erpressung oder um die israelische Politik gegenüber den Palästinensern zu rechtfertigen. Die Kaltherzigkeit und das Fehlen jeder Empathie verweisen zudem auf den projektiven Gehalt des Antisemitismus, der nicht zuletzt darin besteht, dass man den Juden unterstellt, was man selbst im Schilde führt. Susanne Knaul fährt fort:

Noch keine drei Wochen ist die Interimsregierung alt, auf die sich die palästinensischen Fraktionen der Fatah und der Hamas geeinigt haben. Der Pakt, den Präsident Mahmud Abbas mit den Islamisten aus Gaza unterzeichnete, so Netanjahu, sei der Grund für die Entführung.

Woraus sie den Schluss zieht:

Alle anderen sind Schuld [sic!], nur er selbst nicht: die Hamas, die Netanjahu direkt zur Verantwortung zieht, die Fatah für den Zusammenschluss, die EU und letztendlich sogar auch die USA, die sich bereit zeigten, mit dem Bündnis in Ramallah zu kooperieren. Dass es Monate dauerte, um die Entführung vorzubereiten, weiß auch Netanjahu. Das hindert ihn aber nicht daran, die Wirklichkeit für seine Zwecke zurechtzurücken.

Man müsste sich einmal der Mühe unterziehen herauszufinden, was Knaul seinerzeit zum Beginn der zweiten »Intifada« schrieb. Die galt dem Gros des deutschen Blätterwalds damals jedenfalls als »spontaner Volksaufstand« nach dem Scheitern der Verhandlungen von Camp David und Ariel Sharons Spaziergang auf dem Tempelberg – und jedenfalls nicht als ein von langer Hand geplanter Terrorfeldzug, der sie nachweislich war. Aber gut, womöglich hat Susanne Knaul das damals ja ganz anders gesehen.

In jedem Fall suchen sich Terroristen für ihre Angriffe oft einen politisch günstigen Zeitpunkt aus. Das war bei der zweiten »Intifada« so – eben weil sie der Welt als unmittelbare Reaktion auf den Abbruch der Verhandlungen präsentiert wurde (an dem nicht Yassir Arafat, sondern Ehud Barak die Hauptschuld getragen haben soll, wiewohl die israelische Seite das weitestgehende Angebot auf den Tisch gelegt hatte, das jemals bei Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern präsentiert wurde). Und das ist auch bei den Entführungen von Hebron so – gerade die Einigung von Fatah und Hamas sowie die internationale Rückendeckung für die palästinensische Interimsregierung begünstigen solche Taten. Das ist nichts, was sich der israelische Premierminister ausgedacht hätte.

Knaul kommt zum Schluss:

Ob die Hamas tatsächlich die Fäden bei der Geiselnahme zog oder nicht, muss sich zeigen. Schlimm genug, dass die Führung in Gaza den Helden von Hebron begeistert Beifall klatscht.

Das Mindeste, was man an dieser Stelle sagen könnte, wäre, dass der Hamas »die Entwicklungen politisch geradewegs in die Hände« spielen. Anders als bei Netanjahu wäre das auch keine hinterhältige Unterstellung, weil die Gotteskriegerpartei ja selbst keinen Hehl daraus macht, ganz im Gegenteil. Aber Susanne Knaul sagt das nicht. Sie kommentiert die widerwärtigen Spott- und Freudebekundungen im Gazastreifen mit einem lapidaren »schlimm genug« und beendet ihren Kommentar mit einem freundlichen Rat an die Hamas:

Das Bündnis mit der Fatah kann nur gelingen, wenn die Hamas von der Gewalt ablässt. Weniger wird auch der Westen nicht verlangen, um deren [sic!] Anerkennung die Hamas so sehr ringt. Etwas mehr Abstand zu den Geiselnehmern könnte die palästinensische Einheit vielleicht noch retten.

Von der Gewalt ablassen. Abstand zu den Geiselnehmern halten. Eigentlich ein guter Witz. Nur dass in Israel niemand darüber lachen können wird, am wenigsten die Familien der entführten Schüler. Die sind, das zeigt Knauls Text, einer taz-Korrespondentin ohnehin herzlich egal – wo es doch um die »palästinensische Einheit« geht! Und die ist, das hat sich in der Geschichte wie in der Gegenwart noch stets gezeigt, immer eine gegen Israel.


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Blutrausch der Beliebigkeit February 2, 2014 | 04:36 pm

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder ist neuer Träger des »Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken«. Vergeben wird diese Auszeichnung alljährlich von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Stadt Bremen. Snyder habe »einen neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg geworfen«, heißt es in der Begründung der Jury. Doch so neu ist die Nivellierung der deutschen Verbrechen, die Snyder in seinem Werk Bloodlands betreibt, gar nicht. Torsten Schulz hat sich die Preisverleihung angesehen.


VON TORSTEN SCHULZ


Wie liest sich das?

»Beim Massaker von Oradour-sur-Glane wirkten Hitler und de Gaulle auf perverse Art zusammen; beide ignorierten das Kriegsrecht und eskalierten den Konflikt hinter der Front.«

NPD-Parolen, revisionistischer Stammtisch, Wehrmachts-Traditionsverein? Aber nicht doch – hier erklärt schließlich ein Professor der Yale University den Zweiten Weltkrieg neu. Setzen Sie nur für de Gaulle Stalin und für Oradour den Partisanenkampf in Weißrussland ein, und Sie haben eine wesentliche These aus Timothy Snyders Machwerk Bloodlands in seinen eigenen Worten: Der Partisanenkampf war illegitim. Nein, keineswegs nur das, was Wehrmacht und SS darunter verstanden – die Auslöschung ganzer Ortschaften vom Säugling bis zum Greis nämlich –, sondern ebenso auch der Widerstand dagegen.

Für diese Umdeutung ausgerechnet des Vernichtungsfeldzuges an der Ostfront in einen »Konflikt« letztlich wirtschaftlicher Natur – »Die von Hitler und Stalin angestrebten Transformationen waren ökonomisch«, lautet Snyders Resümee – hat die Stadt Bremen mit einem Festakt am 6. Dezember des vergangenen Jahres ihren einschlägig ausgerichteten »Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken« für das Jahr 2013 verliehen. Im Vorjahr hatte der Senat eine zu Recht weitgehend unbekannte Historikerin aus Israel ausgezeichnet, um mit ihrer Schützenhilfe (und im Verein mit der Heinrich-Böll-Stiftung) der Partnerstadt Haifa zu unterstellen, an ihr hafte bis heute der Makel der Vertreibung ihrer arabischen Ureinwohner. Diesmal wurde die willkürliche Definition einer räumlich-zeitlichen Todeszone prämiert, in der Stalins Terror und die Vernichtung der Juden Europas, unter anderem, so zur Deckung gebracht werden, dass sie wie »in einem blutigen Knäuel ineinandergeflossen« erscheinen (Gerd Koenen in seiner Laudatio).

Was die Stifter des Preises so für Snyder eingenommen hat, gibt Antonia Grunenberg für den Vorstand des Trägervereins schon in der Begrüßung unumwunden zu verstehen: Die zugrunde liegende Behauptung der »Wechselwirkungen von verschiedenen Genoziden« soll ein Geschichtsbild konstruieren helfen, auf dessen Basis dann »die Völker Europas einander ihre Leidensgeschichten erzählen« können. Was daran nicht passt, muss eben passend gemacht werden. Zum einen gilt es also, durch entsprechende Fokussierung zu suggerieren, die stalinistischen Kampagnen gegen angebliche politische Gegner und die sowjetische Hungerkatastrophe 1932/33 seien »Genozide« – vergleichbar mit den nationalsozialistischen – gewesen, auch wenn die Opfer sich genauso wenig einem ethnisierenden Muster zuordnen lassen wie die Täter einem anderen.

Zum anderen muss das singuläre Projekt der Vernichtung der Juden Europas innerhalb dieser »Genozide« verortet werden, was wiederum eine Annäherung über entsprechende Auslassungen und Beschränkungen nötig macht. Die Schnittmenge definiert das Territorium besagter Bloodlands: Polen, Weißrussland, die Ukraine und die baltischen Staaten sowie ein schmaler, nicht eindeutig abgegrenzter Streifen im Grenzbereich der Russischen Föderation – nach Snyder »einfach der Schauplatz, wo Europas brutalste Regime ihre Morde begingen«. »15 Millionen Tote durch Hunger, Massenvergasungen« – diese Klammer benutzt Karol Sauerland als Vertreter der Jury dann in seiner Begründung für die Preiswürdigkeit der Montage schon ganz selbstverständlich. Und: »Der massenhafte Tod durch Hunger war eine sowjetische Erfindung.« Bremen legt den »Historikerstreit« der 1980er Jahre neu auf, diesmal als Monolog. Was war demnach wohl ursprünglicher, die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion oder der deutsche »Generalplan Ost«? Na also!

Dass diese Ideen in der Fachwelt nach wie vor nicht ganz unwidersprochen dastehen, ist den Ausrichtern der Veranstaltung wohl bewusst. Mit »Diskreditierungen, ja, Anfeindungen« sei zu rechnen, ist sich Senator Lohse sicher. Eine fachliche Bewertung stehe ihm, als Naturwissenschaftler, nicht zu. Dabei wäre es durchaus ein Ausgangspunkt, skeptisch zu werden, wenn ein Geisteswissenschaftler zum Taschenrechner greift, um die Opfer der Shoa im wahrsten Sinne des Wortes auseinander zu dividieren: »Von den rund drei Millionen polnischen Juden, die im Holocaust ermordet wurden, starben nur etwa sieben Prozent in Auschwitz«, lautet die Rechnung, die Snyder in Bloodlands aufmacht. Nur etwa sieben Prozent – das scheint nicht wirklich viel, oder?

Demgegenüber sei aber eine »große Zahl« der Todesopfer keine Juden: »Etwa 74.000 nichtjüdische Polen und 15.000 sowjetische Kriegsgefangene starben in Auschwitz durch Hinrichtung oder Zwangsarbeit.« Wie viel sind wohl 89.000 bezogen auf die Gesamtzahl der 1,3 Millionen dorthin Deportierten? Jetzt dürfen Sie raten. Sieben Prozent, das kann viel oder wenig sein, je nachdem, wie der Professor die Zahl verwenden muss, um die Singularität der Vernichtung der europäischen Juden zu relativieren. Seine Wissenschaft ist anscheinend von der Sorte, die zuerst ihre Ergebnisse kennt, dann das Datenmaterial zusammenträgt, um sie zu belegen, und zuletzt die Maßstäbe entwickelt, die daran anzulegen wären. Das gilt für die Zahlenfuchserei um Details der logistischen Ausgestaltung der »Endlösung« wie für das Konzept Bloodlands in toto.

Timothy Snyder hat ein Gebiet gesucht, in dem Nazis Massenverbrechen verübt haben und Stalinisten auch – und dann genau das gefunden. Ein Zirkelschluss, der allerdings noch einen ganzen Strauß von Ausnahmen und Vernachlässigungen erfordert, um das beabsichtigte Bild zu erzeugen. Der Nordkaukasus beispielsweise wird genauso ausgeklammert wie alle übrigen Gebiete zwischen der Ostgrenze der deutschen Besatzung und jener der imaginären Blutlande. Sie hätten auch schlecht in den »gemeinsamen europäischen Rahmen« gepasst, der im Nachwort postuliert wird. In ihm soll erklärtermaßen über die Beschreibung des Ablaufs von Gräueltaten »die europäische Geschichte ihr zentrales Ereignis« erhalten.

Die Ermordung Hunderttausender Juden durch die rumänische Regierung hat darin allerdings keinen Platz. Die Verbrechen der Ustascha in Jugoslawien haben es auch nicht. Die Deportation ausgebürgerter Juden in die Ukraine, die Horthys Ungarn aus eigener Initiative anstrengte, wird erwähnt, wenn auch nicht so bezeichnet, die Deportation der ungarischen Juden ab Mai 1944 innerhalb weniger Wochen nach Auschwitz fälschlich den Pfeilkreuzlern – »Pfahlkreuzler« in der deutschen Ausgabe des Buches – zugeschrieben, die tatsächlich erst am 15. Oktober des Jahres an die Macht kamen. Die Pogrome, die sie auf ungarischem Territorium veranstalteten, kommen nicht vor. Der Nachkriegs-Pogrom im polnischen Kielce auch nicht. Der ganze Komplex »Vernichtung durch Arbeit« findet sich nur zwischen den Zeilen, wenn zum Beispiel nichtjüdische Auschwitz-Opfer gesucht sind. Praktisch für den deutschen Rezipienten: Sein Land ist nicht blutig, der Horror weit weg. Todesmärsche? Endphaseverbrechen? Fehlanzeige. Snyder zeigt nicht historische Zusammenhänge auf, er zerschneidet sie. Zivile Opfer auf der Flucht oder durch Vertreibung berücksichtigt er, soweit es sich um Deutsche handelt, sowjetische verschweigt er.

Wer von Bloodlands ernsthaft eine tiefere Einsicht in die Mechanismen der Massenvernichtung erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht. Die vielbeschworene »Kette eskalierender Massenmorde, die nur durch gegenseitige Wechselwirkung zu verstehen sind« (Laudator Koenen), besteht im Kern in folgendem behaupteten Zusammenhang: Stalin habe Hitler zunächst nicht aufhalten können und ihm damit die sowjetischen Kriegsgefangenen zur Ermordung ausgeliefert. Das Unvermögen der Nazi-Streitkräfte, die Sowjetunion vollständig zu zerstören, soll dann erst den Ausschlag für die planmäßige Vernichtung der Juden Europas gegeben haben – eine bloße Ersatzhandlung gewissermaßen. Der Zweck von Treblinka wäre es demnach gewesen, »ein schrumpfendes Rassenimperium von seiner jüdischen Bevölkerung zu säubern und so einen kleinen Sieg und seine grausigen Früchte zu ernten«. Das ist die Sichtweise, die Snyder mit Verweis auf den Kriegsverlauf nahe legen möchte.

Es kann schwerlich die der Nazi-Führung gewesen sein: Zum Zeitpunkt der Planung der Anlage und noch zu dem ihrer Inbetriebnahme im Juli 1942 war der deutsche Machtbereich keineswegs im Schrumpfen begriffen. Obendrein veranschlagt Snyder die Zahl der Opfer hier verhältnismäßig sehr niedrig mit »etwa 780.863«. Er hat es sich einfach gemacht und lediglich zwei Quellen addiert, die wesentliche ist das vom britischen Geheimdienst abgefangene sogenannte Höfle-Telegramm, das für sich schon auf eine Zahl von mindestens 713.555 Ermordeten zum Stichtag 31.12.1942 hinweist. Da war gerade erst der letzte Versuch gescheitert, die Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad aufzubrechen. Nach Snyders eigener Rechenweise kann Treblinka kaum das darstellen, wofür er es ausgibt. Dafür wartet er mit einer erstaunlich konkreten Aufzählung auf, worin die »Früchte« dieser Vernichtungsanstalt bestanden haben sollen:

»Eine Leiche lässt sich verbrennen, um Wärme zu erzeugen, oder sie kann die Mikroorganismen füttern, um den Boden zu düngen. Selbst menschliche Asche düngt. Nach dem Abriss von Treblinka benutzten die Deutschen die Ziegel der Gaskammern, um ein Bauernhaus zu bauen, und machten das Mordterrain zu Feldern. Ein paar Trawniki-Männer waren bereit, als Bauern dazubleiben. Hierin lag eine düster wörtliche Version der Nazifantasie von der Erlösung des Landes durch die Vernichtung der Juden. Leichen und Asche der Juden sollten den Boden für Getreide düngen, das Deutsche essen sollten.«

Diese Passage verrät mehr über die Fantasie Timothy Snyders als über das Wesen und die Funktion eines Vernichtungslagers. Ein deutlich größerer Erkenntnisgewinn für den Leser hätte sich aus dem Umstand ziehen lassen, dass die Mörder, solange die Scheiterhaufen nicht zufriedenstellend brannten – also mindestens noch bis Anfang des Jahres 1943 –, durchaus bereit waren, erhebliche Mengen ihres andernorts dringend benötigten Benzins für die Beseitigung ihrer Opfer aufzuwenden.

Wer es nicht lassen kann, ein rationales Motiv in der Irrationalität der Shoa zu suchen, bekommt dagegen eine einmalige Erklärung präsentiert, was die Deutschen mit der Ermordung von Hunderttausenden an den Schauplätzen der »Aktion Reinhardt« bezweckt haben müssen: Sie wollten offenbar die Atmosphäre mit Menschen heizen und ein paar ukrainischen Wachleuten eine kleine Farm stiften. Den Beleg für die steile These, Bełżec, Sobibór, Treblinka seien eigentlich als Getreidefelder für deutsche Verbraucher konzipiert gewesen, spart sich Snyder mit dem lapidaren Nachsatz:

»Doch es sollte nie eine Ernte geben.«

Der Autor, der eine eigentümliche Neigung an den Tag legt, mit oberflächlichen Betrachtungen in die Irre zu leiten, ist hier in seinem Element. Selbstredend war das Bauernhaus bloße Tarnung, die Trawniki-Männer waren auch keine Bauern, sondern weiterhin Wachen, die den Tatort zu sichern hatten, auf den Feldern wuchsen Lupinen. Wassilij Grossmann, der in Bloodlands oft genug erwähnt wird, nahm die Szenerie so wahr:

»Dieses traurige Ödland wurde von dem deutschen Reichsführer-SS Heinrich Himmler ausgesucht und für geeignet befunden, hier eine Richtstätte für die ganze Welt zu schaffen. Das menschliche Geschlecht hat ihresgleichen von den Zeiten vorgeschichtlicher Barbarei bis in unsere harten Tage nie gekannt.«

So soll es aber gerade nicht erscheinen. Die Leichtigkeit, mit der sein Blendwerk in Bremen offene Türen eingerannt hat, scheint Timothy Snyder selbst nicht ganz geheuer zu sein. Er scherzt zunächst, ob in Bloodlands noch irgendetwas steht, das nicht schon gesagt wurde. Dann lädt er sein Publikum ein auf ein eigenartig zaghaftes Gedankenspiel:

»Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizist. Sie sind zu einem Mietshaus gerufen worden. Darin liegt eine fünfköpfige Familie, allesamt ermordet. Und noch eine weitere Familie von fünf, auch umgebracht, offenbar von demselben Täter. Und dann noch vier weitere Opfer eines anderen Täters. [Links und rechts in den Nachbargärten liegen auch noch welche, aber da schauen Sie jetzt bitte mal nicht hin!, T.S.] Was schreiben Sie in Ihrem Bericht? Offensichtlich muss es einen Zusammenhang geben…«

Der Zusammenhang ist eben der, dass so die Verbrechen Nazi-Deutschlands nivelliert und die seiner Verbündeten unter den Teppich gekehrt werden.

Verlassen wir das Reich der Analogien. Versetzen Sie sich für einen Moment in die Rolle eines sowjetischen Staatsanwalts. Wir schreiben das Jahr 1945, Sie sind mit der Untersuchung eines ungeheuerlichen Verbrechens betraut worden. Dem Anschein nach sind ihm tatsächlich praktisch ausschließlich Angehörige einer Familie zum Opfer gefallen, auch wenn Ihre Vorgesetzten das nicht gerne an die große Glocke hängen und die exakten Verwandtschaftsverhältnisse kaum mehr zu ermitteln sind. Grob geschätzt geht es um eine Million Menschen. Die Täter haben sie akribisch in diversen Ländern Europas aufgespürt, mit erheblichem logistischen Aufwand an diesen Ort verfrachtet, in eigens dafür vorbereiteten Anlagen vergast, ihre Körper verbrannt und die Asche in der Gegend verstreut. Ein paar haben sie zurückbehalten, um sie sich zusammen mit anderen in einer Fabrik für synthetischen Kautschuk zu Tode schuften zu lassen.

300 Kilometer Luftlinie entfernt, Richtung Nordosten, arbeiten Kollegen seit einigen Monaten an einem ähnlichen Fall. Dort gibt es zwar keine Kautschukfabrik, selbst grundlegende Voraussetzungen dafür fehlen, aber als Täter kommen nur Mitglieder derselben Bande in Frage. Das Schema, nach dem sie ihre Opfer ausgewählt haben, ist das gleiche, auch wenn sie sich dabei vorwiegend an Menschen aus der weiteren Umgebung gehalten haben. Sie haben sie vergast, verbrannt, die Asche untergegraben und ein Bauernhaus darauf gebaut. Snyders Studie können Sie nicht kennen, Sie halten sich an die Übereinstimmungen, statt nach Unterschieden zu suchen. Sie werden zu dem Schluss kommen, dass Sie es mit ein und demselben Verbrechen zu tun haben und die beiden Beispiele exemplarisch in einer Anklage gegen die Hauptverantwortlichen zusammenfassen. Und Ihnen, der Sie den Bürgerkrieg und die Intervention, Hungersnot, Stalins Säuberungen und den Großen Vaterländischen Krieg überstanden haben, erschließt sich von selbst, dass es sich hierbei um einen Schrecken ganz eigener Art handelt.

Wenn im Namen Hannah Arendts Jahr um Jahr das »politische Denken« belohnt wird, zielt das regelmäßig auf dieses spezifisch deutsche Ärgernis: die Anklage von Nürnberg. Darum ging die Auszeichnung im Vorjahr an eine Historikerin, die die »verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die jüdische Demografie« als Mosaiksteinchen im perfiden Wirken zionistischer Stadtplaner betrachtet. Und wenn Ralf Fücks für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung »eine gewisse Linie« in der Reihe der Preisträger konstatiert, »die sich fortsetzt«, dann kommt ihm dabei zuvorderst einer in den Sinn: Tony Judt, zu Lebzeiten ein guter Freund Snyders und Hannah-Arendt-Preisträger mit seiner Geschichte vom Zweiten Weltkrieg als der »Katastrophe, in die Europa sich gestürzt hatte«.

Doch er muss auch etwas loswerden, das ihn sichtlich schmerzt, denn da geht es um das Ticket, auf dem die Veranstalter unterwegs sind: Gewalt gab es ja »nicht nur gegen Individuen«, nein, auch die Zivilgesellschaft sei »zerschlagen worden in dieser Interaktion von Nationalsozialismus und Stalinismus«. Die Menschen Osteuropas, die eher um Erstere trauern, dürften sich über den Hinweis freuen, dass sie bis heute nicht in der Lage sind, ihre Angelegenheiten so zivilisiert zu regeln, wie man sich das in Bremen längst zugute hält.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (II) January 16, 2014 | 01:53 pm

Zweiter und letzter Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum ersten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Nach der Aufnahme in die UEFA

Nach dieser Rückschau nun ein Sprung in die Gegenwart, die für Fußball-Israel gewissermaßen vor etwas mehr als 20 Jahren begonnen hat. Denn wie bereits ausgeführt, ging für den israelischen Fußballverband und die israelischen Spieler 1991 mit der Aufnahme in die UEFA eine Odyssee rund um den Globus zu Ende. Gleichzeitig bekam der israelische Fußball dadurch einen weiteren Schub. Zwar zahlten die Klubs in ihren internationalen Spielen vor allem zu Beginn das berühmte Lehrgeld, doch das neue fußballerische Zuhause und die damit zusammenhängenden Herausforderungen bewirkten entscheidende Änderungen: Die Zuschauerzahlen und die Spielergehälter stiegen, die Liga wurde aufgewertet, das Bezahlfernsehen stieg in den Fußball ein, Sponsoren und Mäzene pumpten Geld in die Klubs, israelische Spieler und israelische Klubs wurden auch außerhalb des Landes interessanter.

Nicht zuletzt diese Professionalisierung führte schließlich auch dazu, dass Israel im Sommer des vergangenen Jahres Gastgeber der U21-Europameisterschaft werden konnte. Es war das größte und wichtigste Fußballturnier, das jemals im jüdischen Staat ausgetragen wurde, und es war der wohl größte sportpolitische Erfolg der israelischen Fußballgeschichte. Die Begeisterung im Land war groß, die – eigens für das Turnier ausgebauten – Stadien waren bestens gefüllt, und mit der Sicherheit gab es entgegen manch anders lautender Befürchtung ebenfalls keine Probleme.

Doch zugleich machten verschiedene Geschehnisse im Vorfeld des Turniers deutlich, dass Israel von zu vielen noch immer nicht als gleich- und vollwertiges Mitglied in Fußball-Europa betrachtet wird. Denn es gab allerlei politischen Protest: Im November 2012 beispielsweise traten mehr als 50 Fußballprofis – darunter die früheren Bundesligaspieler Papiss Demba Cissé und Demba Ba – mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit, in der sie gegen die israelischen Militärschläge im Gaza-Streifen protestierten, ihre »Solidarität mit der belagerten Bevölkerung in Gaza« ausdrückten und sich dagegen aussprachen, die Europameisterschaft in Israel stattfinden zu lassen. Im Frühjahr 2013 störten einige Demonstranten eine Abendveranstaltung des europäischen Verbands im Rahmen eines UEFA-Kongresses in London, indem sie dort antiisraelische Parolen riefen und eine palästinensische Fahne schwenkten.

Und noch wenige Tage vor dem Beginn des Turniers unternahmen einige besonders notorische Gegner Israels einen letzten Versuch, die UEFA zur Absage des Turniers im jüdischen Staat zu bewegen. Der europäische Verband belohne »Israels grausames und gesetzloses Verhalten«, hieß es in einem offenen Brief, den unter anderem der ehemalige südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, der französisch-malische Ex-Fußballprofi Frédéric Kanouté und der britische Filmregisseur Ken Loach unterschrieben hatten. Die UEFA, so meinten die Initiatoren weiter, solle es Israel nicht gestatten, »ein prestigeträchtiges Fußballereignis dazu zu benutzen, um seine rassistisch motivierte Verweigerung von Rechten für die Palästinenser und die illegale Besatzung von palästinensischem Land zu übertünchen«. Auch wenn es schon sehr spät sei, fordere man die UEFA dazu auf, »die Entscheidung, Israel dieses Turnier austragen zu lassen, zu widerrufen«. Glücklicherweise ohne Erfolg.

Dabei gab es auch zwischen dem israelischen und dem europäischen Fußballverband in den Jahren zuvor immer mal wieder Spannungen. Als beispielsweise die Zweite Intifada ab dem Jahr 2000 ihren Terror ausagierte, mussten israelische Teams auf Geheiß der UEFA ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben auf Zypern austragen, weil es den anreisenden Klubs angeblich nicht zuzumuten war, in Israel zu kicken. Erst nach dem Bau des Sicherheitszauns und dem Rückgang der Selbstmordattentate genehmigte die UEFA im April 2004 wieder die Austragung von Partien im Land.

Auch während des Libanonkrieges im Sommer 2006 und noch längere Zeit danach wurden israelische Klubs und die israelische Nationalmannschaft für den Terror bestraft, der den jüdischen Staat heimsuchte. Monatelang mussten sie ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben jenseits der Landesgrenzen austragen, teilweise auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zur Begründung hieß es, die Sicherheit der Sportler in Israel sei nicht ausreichend gewährleistet. Der Ärger, den diese Entscheidung in Israel seinerzeit auslöste, lässt sich nachvollziehen. Denn würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem Anschlag in Antalya im August 2006 verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah.

Hinzu kommt, dass israelische Mannschaften und israelische Spieler immer wieder mit verschiedenen Formen des Antisemitismus konfrontiert sind. Ein Beispiel sind entsprechende Transparente und Parolen in den Stadien, wie etwa beim Länderspiel zwischen Ungarn und Israel im August 2012 oder beim UEFA-Pokal-Spiel zwischen Paris St. Germain und Hapoel Tel Aviv im November 2006 (nach dieser Partie kam es sogar noch zu einer regelrechten Hetzjagd französischer Neonazis auf Hapoel-Anhänger). In diesem Zusammenhang wären auch die antisemitischen Beschimpfungen zu nennen, die der israelische Nationalspieler Itay Shechter im Februar 2012 bei einer Trainingseinheit des 1. FC Kaiserslautern erdulden musste.

Ein anderes Beispiel sind Spieler aus islamischen Staaten oder mit muslimischem Hintergrund, die nicht gegen israelische Teams spielen wollen. Hier wären etwa die früheren Bundesligaprofis Vahid Hashemian und Ashkan Dejagah zu nennen: Der damalige iranische Nationalspieler Hashemian fehlte im Herbst 2004 in beiden Champions-League-Partien des FC Bayern gegen Maccabi Tel Aviv – offiziell wegen einer Verletzung, aber diese Begründung glaubte wirklich niemand. Und der Deutsch-Iraner Dejagah weigerte sich im Oktober 2007, mit der deutschen U21-Nationalmannschaft zum Europameisterschafts-Qualifikationsspiel nach Israel zu reisen. Die Spekulationen über seine Motive heizte Dejagah dabei selbst an. »Das hat politische Gründe«, wurde er seinerzeit in verschiedenen Zeitungen zitiert. Weiter sagte er: »Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt, schließlich sind meine Eltern Iraner.«

Und dann gibt es da noch Klubs, die Trainingslager in Staaten veranstalten, die Israel nicht anerkennen. Wie etwa – um ein ganz aktuelles Beispiel zu nennen – der niederländische Erstligist Vitesse Arnheim, der seinen israelischen Verteidiger Dan Mori einfach zu Hause ließ, nachdem die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate angekündigt hatten, ihm die Einreise zu verweigern, weil er Israeli ist.

Doch all diesen Dingen zum Trotz hat der israelische Fußball einen erkennbaren Sprung nach vorne gemacht. Israelische Profis werden in den europäischen Ligen mittlerweile durchaus geschätzt. Nicht nur in England – wo sich nach Ronny Rosenthal (Foto, rechts), der bereits in den 1990er Jahren erfolgreich für Liverpool, die Spurs und Watford spielte, vor allem Yossi Benayoun (Foto, links) einen Namen machte –, sondern auch in der Bundesliga, wie etwa Beispiele aus den vergangenen Jahren wie Itay Shechter, Almog Cohen, Gal Alberman oder Roberto Colautti zeigen. Die israelische Ligat ha’Al wiederum zählt zwar fraglos weiterhin nicht zu den ersten Adressen im europäischen Fußball, doch auch hier treten neben den einheimischen auch immer mehr internationale Spieler gegen den Ball. Und israelische Klubs qualifizieren sich inzwischen auch schon mal für die Gruppenphase der Champions League und bleiben in der Europa League nicht mehr zwangsläufig in der Qualifikation oder der Vorrunde hängen, wie es früher regelmäßig der Fall war.

Bei der Nivchéret, der Nationalmannschaft, darf man ebenfalls davon ausgehen, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem die zweite WM-Teilnahme (oder die erste an einer Europameisterschaft) gefeiert werden kann und Günter Netzers Urteil vom Juni 2001 – »Die Israelis spielen einen hervorragenden Fußball, den sie nicht in Ergebnisse umwandeln können« – widerlegt wird. Die Konkurrenzfähigkeit ist jedenfalls größer geworden, und ein paar Mal war es ja auch schon recht knapp. Außerdem steht wohl nicht mehr zu befürchten, dass sich die Nationalspieler derart unprofessionell verhalten wie 1999, als sich mehrere Akteure am Abend vor dem alles entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark mit Prostituierten vergnügten – und das Match dann mit 0:5 vergeigten.**


Fußballfans in Israel

Das sorgte seinerzeit für eine Menge Unmut auch unter den israelischen Fußballfans, um die es nun gehen soll. Wie generell im Fußball hat sich auch im israelischen vor allem in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert. Was jedoch erhalten geblieben ist, ist die – nicht nur sportlich, sondern eben auch politisch bedingte – Rivalität zwischen den Klubs, wobei diese sich im Laufe der Jahre mehr und mehr vom Platz und den Klubzentralen auf die Ränge verlagert hat. Einem Spieler wird es im Zweifelsfall gleichgültig sein, ob er bei Maccabi, Hapoel oder Beitar sein Geld verdient; für die Anhänger spielt das jedoch weiterhin eine große Rolle. Dazu muss gesagt werden, dass sich eine organisierte Fan- und Ultrà-Szene in Israel erst relativ spät entwickelt hat, nämlich Ende der 1990er Jahre. Zunächst gab es überhaupt nur zwei organisierte Fangruppen – die von Hapoel Tel Aviv und die von Maccabi Tel Aviv. Seit 2007 existiert die Vereinigung Israfans, eine Dachorganisation von Fußballfans, in der rund 25 Ultrà-Gruppierungen, Fanprojekte und Fanklubs zusammengeschlossen sind.

Zu den Anliegen von Israfans gehört vieles, was man auch von Fanvereinigungen hierzulande kennt, beispielsweise der Kampf gegen zu harte Polizeieinsätze, gegen eine zunehmende Entfremdung zwischen Klubführungen und Fans und gegen zu hohe Ticketpreise; der Einsatz für eine Vernetzung der Fangruppen, für Fanrechte und für eine bessere Zusammenarbeit mit den Klubs. Es gibt einen organisierten Austausch mit Fußballfans aus Europa; die finanziellen und personellen Ressourcen sind jedoch begrenzt, und der Einfluss von Israfans könnte zweifellos größer sein. Angesichts des Desinteresses vieler Klubführungen an einer Zusammenarbeit mit dieser Vereinigung und eingedenk manch harter Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen ist die Arbeit für die Aktivisten von Israfans allerdings auch alles andere als leicht.

Die größten Differenzen im Lager der Fans gibt es zweifellos zwischen den Ultràs von Hapoel Tel Aviv und den Anhängern von Maccabi Tel Aviv sowie insbesondere von Beitar Jerusalem; hier ist die historische Gegnerschaft in vielerlei Hinsicht erhalten geblieben. Die Hapoel-Ultràs – die in fanpolitischen Belangen zu den aktivsten in Israel gehören und beispielsweise zu Ultràs des FC St. Pauli gute Kontakte pflegen – verstehen sich dezidiert als links und antizionistisch; sie lehnen beispielsweise das Zeigen von israelischen Fahnen im Stadion ab, halten die Politik der Regierung gegenüber den Palästinensern für »rassistisch« und stehen auch der Polizei ablehnend bis feindlich gegenüber. Der arabische Antisemitismus und die damit verbundene Bedrohung Israels sind bei dieser Gruppierung kein Thema, vielmehr skandieren ihre Mitglieder bei Spielen auch schon mal Parolen wie »Gebt Jerusalem den Palästinensern« oder »Jerusalem gehört zu Jordanien«.

Bei Beitar wiederum fallen immer wieder Fans, insbesondere die der Gruppe La Familia, durch antiarabische Aktivitäten auf. Im März 2012 etwa griffen Beitar-Anhänger nach einem Spiel arabische Israelis in einem Supermarkt an, im Februar 2013 wurde im Clubhaus von Beitar sogar Feuer gelegt, nachdem der Verein angekündigt hatte, zwei muslimische Spieler unter Vertrag zu nehmen. Schon in der Vergangenheit hatte die Klubführung nach massiven Protesten von der Verpflichtung arabischer Spieler abgesehen. Feindselige Rufe gegen Araber im Stadion sind bei Beitar ohnehin eher die Regel als die Ausnahme.

Mehrfach hat der israelische Fußballverband den Klub nach Krawallen bestraft: mit Geldbußen, mit der vorübergehenden Schließung der Kurve, mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, mit Punktabzügen. Auch in der israelischen Öffentlichkeit und Politik wurden die jüngsten Ausschreitungen scharf verurteilt: Die Zeitungen des Landes gingen mit Beitar ins Gericht, Premierminister Benjamin Netanjahu – selbst langjähriges Klubmitglied – sprach von einer »Schande«, auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat war entsetzt, und der frühere Premierminister Ehud Olmert, ebenfalls seit langem ein Anhänger von Beitar Jerusalem, schrieb in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Yedioth Ahronoth, er werde so lange keine Spiele seines Lieblingsvereins mehr im Stadion anschauen, »bis die Rassisten von den Rängen und aus dem Klub entfernt worden sind«. Die beiden muslimischen Spieler wurden schließlich verpflichtet, und als einer von ihnen, der Tschetschene Gabriel Kadiev, bei seinem ersten Einsatz im Spiel gegen den arabischen Klub Bnei Sachnin eingewechselt wurde, übertönte der Applaus auf den Rängen die Pfiffe und Schmährufe deutlich.

Wenn man von Beitar Jerusalem absieht, sind arabische Spieler im israelischen Fußball ohnehin längst gang und gäbe; ihr prozentualer Anteil entspricht etwa dem der arabischen Israelis an der Gesamtbevölkerung des Landes. Der erste Araber in der Nivchéret – und der erste Araber überhaupt, der Israel bei Olympischen Spielen repräsentierte – war 1976 Rifaat Turk von Hapoel Tel Aviv. Der erste arabisch-israelische Klub, der es in die höchste israelische Spielklasse schaffte, war 1996 Hapoel Taibe, und mit dem FC Bnei Sachnin gewann 2004 ein anderer arabisch-israelischer Klub sogar den israelischen Pokal.

Doch zurück zu den Fans. Die meisten haben die vier »Großen« des israelischen Fußballs: Maccabi Tel Aviv, Hapoel Tel Aviv, Maccabi Haifa und Beitar Jerusalem. Die Hapoel-Ultràs werden von den Fans anderer Klubs – nicht nur von den Beitar-Anhängern – wegen ihrer politischen Positionen schon mal als »Hisbollah« beschimpft. Aber solche polemischen Bezeichnungen sind im hochpolitischen Israel ein fester Bestandteil der Streitkultur und nichts wirklich Ungewöhnliches. Bei den arabischen Israelis liegt Hapoel gemeinsam mit Maccabi Haifa in der Gunst ganz vorne, bei den linken ohnehin. Wer eine der Parteien der Mitte wählt, wird womöglich mit Maccabi Tel Aviv sympathisieren, wer dem Likud nahe steht, hält es vielleicht mit Beitar. Die Rivalität ist nicht unerheblich, doch insgesamt – so sagt es selbst der sonst »israelkritische« Moshe Zimmermann – seien »die Rangeleien, zu denen es manchmal kommt, ungefähr von der Qualität, wie sie auch beim Lokalderby des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen vorkommen«.

Das vielleicht bemerkenswerteste Projekt israelischer Fußballfans ist jedoch Hapoel Katamon Jerusalem – ein Klub, der von Fans gegründet wurde, von ihnen geführt wird und mittlerweile in der Liga Le’umit spielt, der zweithöchsten Klasse Israels. Er ist das Kind enttäuschter Anhänger von Hapoel Jerusalem, die vergeblich versucht hatten, ihren sportlich weitgehend bedeutungslos gewordenen und hochverschuldeten Lieblingsverein, der 1973 den israelischen Pokal gewonnen hatte und lange Zeit auf Augenhöhe mit dem Stadtrivalen Beitar war, zu kaufen. Im Jahr 2007 bauten sie »Katamon« bei einem bereits existierenden Viertligisten auf, unternahmen zwei Jahre später einen – ebenfalls erfolglosen – Versuch einer Fusion mit Hapoel Jerusalem und gründeten schließlich Hapoel Katamon Jerusalem als eigenständigen Verein, der fortan gewissermaßen das »wahre« Hapoel Jerusalem verkörpern sollte. Der Klub begann in der untersten, fünften Spielklasse, stieg 2010, 2011 und 2013 jeweils auf und spielt nun, genau wie Hapoel Jerusalem, in der zweiten Liga. Er hat allerdings deutlich mehr Zuschauer – und sozial engagierte Fans, die beispielsweise äthiopischen Immigranten Hebräisch beibringen und Schulkinder betreuen.


Zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte

Abschließend noch einige Betrachtungen zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte, die nicht fehlen sollte, wenn es hierzulande um die Historie des Fußballs im jüdischen Staat geht. 1969 kam es erstmals zu zwei Spielen zwischen israelischen Mannschaften und einem deutschen Team, nämlich dem FC Bayern Hof. Die erste Partie bestritten die Hofer in Nahariya gegen eine Regionalauswahl (Foto), Schiedsrichter war der bereits erwähnte Avraham Klein. Im Interview der Jüdischen Allgemeinen erinnerte er sich an das Match: »Israels Fußballverband hatte mich gefragt, ob ich Probleme damit hätte, dieses Spiel zu pfeifen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich: ›Nein, überhaupt nicht.‹ [...] Es gab wütende Proteste, und ich wurde für meine Entscheidung offen angefeindet. Ein Mann, der als Kind den gelben Stern tragen musste und einen Großteil seiner Familie in der Schoa verloren hat, darf doch nicht einem deutschen Fußballer vor dem Anpfiff die Hand schütteln, hieß es. [...] Ich habe es trotzdem gemacht und erst viel später gemerkt: Das Spiel war der größte Tag in meinem Schiedsrichterleben.« Bereits 1970 kam es zum Gegenbesuch einer israelischen Mannschaft in Hof, und ab 1970 reiste Borussia Mönchengladbach regelmäßig ins Trainingslager nach Israel, 14-mal insgesamt. Auch der erste – und lange Zeit einzige – israelische Bundesligaspieler, Schmuel Rosenthal, spielte für die Elf vom Niederrhein.

Deutlich jünger (und außerdem recht überschaubar) ist die israelisch-deutsche Länderspielgeschichte. Begonnen hat sie erst vor 27 Jahren, genauer gesagt: am 25. März 1987. Mit 2:0 gewannen die von Franz Beckenbauer trainierten Deutschen an jenem Tag das Spiel im nicht einmal halbvollen Stadion von Ramat Gan bei Tel Aviv, doch die sportlichen Belange interessierten seinerzeit weit weniger als die politischen Implikationen dieses sogenannten Freundschaftsspiels. Denn in Israel war begreiflicherweise längst nicht jeder einverstanden mit dieser Partie, und so blieb der seinerzeitige Staatspräsident Chaim Herzog ihr letztlich auch fern. Der Vizepräsident des israelischen Fußballverbands wiederum, Arieh Krämer, war zwar im Stadion, verließ es aber aus Protest gegen das Abspielen der deutschen Hymne wieder, das er im Vorfeld der Partie zu verhindern versucht hatte.

Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem durch die DFB-Delegation blieb unterdessen nicht frei von Peinlichkeiten. Nationalspieler Hans Pflügler etwa musste darüber aufgeklärt werden, dass er sich nicht in einer Gedenkstätte für gefallene israelische Soldaten befindet; Teamchef Franz Beckenbauer resümierte derweil: »Der Besuch brachte mir nichts Neues.« Und der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Hermann Neuberger – der im Zweiten Weltkrieg Hauptmann im Generalstab der Wehrmacht war – erzählte einem Vertreter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, er sei »Soldat im Fronteinsatz« gewesen und habe »erst nach 1944 von den Konzentrationslagern erfahren«.

Neuberger war es auch, der 1978 während der Weltmeisterschaft im faschistischen Argentinien Hans-Ulrich Rudel ins deutsche WM-Quartier eingeladen hatte – einen früheren Wehrmachtsoffizier, Träger des »Ritterkreuzes« und Hitlers Lieblingssturzkampfflieger, der sich nach Kriegsende als Waffenhändler und Fluchthelfer für Nazis betätigt hatte und die rechtsextreme »Deutsche Reichspartei« unterstützte. Kritik an der Einladung Rudels quittierte Neuberger mit den lapidaren Worten: »Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkriegs vorwerfen will.« Bevor er DFB-Präsident wurde, hatte Neuberger unter anderem als Sportredakteur bei der Saarbrücker Zeitung gearbeitet, war dort jedoch bald wegen revanchistischer Kommentare entlassen worden. Solche Konsequenzen musste er als höchster Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes, der sich bekanntlich erst lange nach Neubergers Zeit mit seiner Geschichte vor 1945 auseinanderzusetzen begann, nicht befürchten. Dass Neubergers Frau – wie der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach unlängst in einem Interview »tief beeindruckt« berichtete – »in den Bergen Judäas Bäume pflanzte«, darf in diesem Kontext als durchsichtige, medienwirksame Goodwill-Aktion betrachtet werden, die nichts als ein wenig Gratismut erforderte.

Auf den autoritären Neuberger folgte nach dessen Tod 1992 der etwas onkelhafte Rheinländer Egidius Braun, in dessen Amtszeit auch das zweite Länderspiel zwischen Israel und Deutschland fiel, das am 26. Februar 1997 stattfand und mit einem 1:0 für die DFB-Kicker endete. Erneut war das Stadion in Ramat Gan nur zur Hälfte gefüllt; die Behauptung deutscher Medien, in Israel fiebere man dem Spiel gegen die Deutschen schon lange entgegen, war nichts als Wunschdenken. Und auch der politische Auftritt der DFB-Delegation ging erneut daneben. Präsident Braun glaubte schon vorher, seine Gastgeber belehren zu müssen, als er sagte: »Die Israelis und wir sollten nicht vergessen.« Und er konkretisierte seine Mahnung mit den Worten: »Wir sollten ein Bündnis mit den Lebenden und den Toten schließen. Erinnerung ist ein Weg zur Erlösung.« Für die Nationalspieler war vor der Reise nach Israel eigens ein Vorbereitungsseminar anberaumt worden, doch allzu viel schien so mancher dabei nicht mitgenommen zu haben.

»Das kann doch nicht wahr sein! Hat’s so etwas wirklich gegeben, Trainer?«, sagte etwa Nationalspieler Mario Basler zu seinem Coach Berti Vogts in Yad Vashem, vor einem Foto stehend, auf dem ein KZ-Wärter einen verzweifelten Juden exekutieren will. Vogts antwortete ihm mit den Worten: »Doch, so war es.« Daraufhin Basler noch einmal: »Das kann doch nicht wahr sein!«*** Und Egidius Braun fragte die zahlreichen mitgereisten deutschen Journalisten vor Fotoaufnahmen, ob er »noch betroffener gucken« solle. Der ganze Sinn und Zweck dieser Übung wurde später im hauseigenen DFB-Journal resümiert; dort hieß es: »Anerkennung erntete die DFB-Equipe für ihr besonnenes Auftreten beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das ein weitweit positives Echo auslöste.« Imagepflege durch »Vergangenheitsbewältigung« also – vor allem darum ging es.

Zum dritten Spiel zwischen den Auswahlmannschaften des DFB und der Israel Football Association kam es am 13. Februar 2002. Dieses Match fand nur deshalb in Deutschland (genauer gesagt, in Kaiserslautern) statt, weil die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes der Ansicht waren, ihren Spielern die Reise nach Israel aus Sicherheitsgründen diesmal nicht zumuten zu können. Aus Furcht vor antisemitischen Ausschreitungen war der Kartenverkauf massiv kontrolliert und das Polizeiaufgebot am und im Stadion deutlich verstärkt worden. Die Deutschen gewannen die Partie mit 7:1; zur Pause hatten die Israelis nach einem Eigentor von Oliver Kahn noch mit 1:0 geführt. Die vierte und bislang letzte Partie gewann das DFB-Team am 31. Mai 2012 in Leipzig mit 2:0. Wer das Spiel vor Ort im israelischen Block verfolgt hat, wird nicht vergessen, wie irritiert viele israelische Fans reagiert haben, als durch das Stadion das offenbar unvermeidliche »Sieg«-Stakkato hallte.

Jahrelang war der Deutsche Fußball-Bund also mit allerlei Unsäglichkeiten in Israel aufgefallen; das besserte sich erst in der Amtszeit seines Präsidenten Theo Zwanziger spürbar. Zwanziger verhielt sich erheblich diskreter als seine Vorgänger und machte weit weniger Aufhebens um Reisen und Kooperationen. Zu seinen Ideen zählte auch ein Austausch von Schiedsrichtern, doch bislang kam es erst zu einem Einsatz, nämlich dem des Berliner Referees Manuel Gräfe im März 2010 bei der Erstligapartie zwischen Maccabi Haifa und Maccabi Tel Aviv. Es war das erste Mal in der Geschichte des israelischen Fußballs, dass ein deutscher Schiedsrichter ein Match in der höchsten israelischen Spielklasse pfiff. Zur Leitung eines Spiels in Deutschland durch einen israelischen Schiedsrichter kam es bisher nicht, was auch damit zusammenhängen mag, dass Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach sich weit weniger engagiert um das Verhältnis zum israelischen Fußballverband bemüht.

Und dann ist da noch Lothar Matthäus. Als er 2008 als Trainer zum israelischen Erstligisten Maccabi Netanya ging, unkte nicht nur Uli Hoeneß, dass die deutsche Diplomatie künftig zum Eingreifen gezwungen sein könnte. Doch der deutsche Rekordnationalspieler, dem sein Mundwerk so oft zum Verhängnis wurde, verhielt sich vor und während seiner Tätigkeit in Israel völlig korrekt. In Interviews bekannte er, Israel zu mögen und gerne dort zu leben und zu arbeiten. Dass sein Engagement bei Maccabi nur ein Jahr dauerte, lag vornehmlich daran, dass dem Klub das Geld ausgegangen war und er Matthäus’ Gehalt deshalb nicht länger bezahlen konnte. Als Matthäus ging, hatte Netanya die Saison als Viertplatzierter abgeschlossen – ein gutes Resultat. Und anders als so mancher seiner Landsleute hat er in der israelisch-deutschen Fußballgeschichte eine durchaus positive Rolle gespielt.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags – etwa der über die Fans in Israel –, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Vgl. Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Angaben und Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.

*** Vgl. Martin Endemann: Sie bauen U-Bahnen nach Auschwitz. Antisemitismus im deutschen Fußball, in: Gerd Dembowski, Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln 2002 (PapyRossa Verlag), S. 80–89. Die Angaben und Ausführungen in diesem und im nächsten Absatz basieren auf diesem Text.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (I) January 14, 2014 | 11:15 pm

Erster Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum zweiten und letzten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Hakoah, der ganz besondere Triple-Sieger

Der israelische Fußball – so viel sei hier bereits vorweggenommen, weil es ohnehin kein Geheimnis ist – hat bislang nicht unbedingt durch überragende internationale Erfolge von sich reden gemacht. Und dennoch gibt es in Israel einen Klub, der etwas geschafft hat, das wohl einzigartig auf der Welt ist. Er gewann nämlich gleich in drei Ländern nationale Titel: in Österreich, in den USA – und in Israel selbst. Die Rede ist vom derzeitigen Zweitligisten Hakoah Ramat Gan. Und das kam so: 1909 wurde der SK Hakoah Wien gegründet, ein liberaler jüdischer Klub, der 1920 in die höchste österreichische Liga aufstieg und bereits unter Profibedingungen spielte, als es professionellen Fußball in Österreich offiziell noch gar nicht gab. 1923 sorgte er für ein internationales fußballerisches Erdbeben, als er den englischen Spitzenklub West Ham United auf der Insel mit 5:0 demütigte; 1925 errang Hakoah sogar die österreichische Fußballmeisterschaft und war mit rund 5.000 Mitgliedern zeitweilig die größte Sportorganisation der Welt. Viele Juden in aller Welt sympathisierten und identifizierten sich mit ihr, darunter nicht wenige Schriftsteller und Intellektuelle wie etwa Franz Kafka und Friedrich Torberg. Der Klub war berühmt und populär.

In New York gründeten Spieler der Wiener Hakoah 1928 im Rahmen einer Amerika-Tournee eine Dependance, die New York Hakoah. Der bekannteste dieser Spieler dürfte Béla Guttmann gewesen sein, Entdecker des am 5. Januar 2014 verstorbenen portugiesischen Idols Eusébio und Trainer von Benfica Lissabon in den Jahren 1961 und 1962, als der Klub zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann. New York Hakoah wurde 1929, nur ein Jahr nach der Gründung, mit einem Team aus österreichischen und ungarischen Fußballern amerikanischer Pokalsieger. Dem Klub war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden, bereits 1932 wurde er aufgelöst. Hakoah Wien wiederum wurde von den Nationalsozialisten nur einen Tag nach der Annexion Österreichs 1938 zerschlagen. Viele Spieler flohen vor den Nazis ins Ausland, die meisten von ihnen ins britische Mandatsgebiet Palästina. Dort gründeten sie noch im selben Jahr den Verein Hakoah Tel Aviv, der 1955 erstklassig wurde und 1959 mit Maccabi Ramat Gan fusionierte. Der daraus entstandene Klub, Hakoah Ramat Gan, wurde 1965 und 1973 israelischer Meister sowie 1969 und 1971 israelischer Pokalsieger.

Schon in dieser Geschichte, die hier nur kurz skizziert werden kann, ist so vieles aufgehoben: der Glanz und die internationale Bedeutung des jüdischen Fußballs in Europa zwischen den beiden Weltkriegen, sein jähes und brutales Ende durch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung, der unbändige Wille zum Wiederaufbau und zur Fortführung durch jüdische Emigranten und Überlebende im Mandatsgebiet Palästina respektive in Israel. Hakoah ist diesbezüglich wie ein Sinnbild, und so, wie sich der Werdegang dieses Klubs nicht ohne die politischen Rahmenbedingungen erklären lässt, lässt sich die gesamte Geschichte und Gegenwart des israelischen Fußballs nicht ohne Würdigung der politischen Umstände erzählen.


Die Anfänge des Fußballs im heiligen Land

Und das gilt bereits für die Anfänge vor über hundert Jahren, denn sämtliche jüdischen Vereine, die im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina existierten, waren Ableger politischer Organisationen, die jeweils unterschiedliche Strömungen der noch jungen zionistischen Bewegung repräsentierten (und das – mit Abstrichen – bis heute tun): Der 1912 gegründete Maccabi-Verband stand den Bürgerlichen nahe, die 1924 ins Leben gerufene Vereinigung Beitar war eine Organisation der sogenannten Revisionisten, und der 1926 entstandene Verband Hapoel (zu Deutsch: »Der Arbeiter«) wurde als Kind der Gewerkschaft Histadrut geboren. Fußball diente als Instrument zur politischen Bewusstseinsbildung, dementsprechend gab es von Beginn an eine lebhafte Konkurrenz zwischen den Vereinen. Im Mandatsgebiet Palästina spielten aber nicht nur jüdische, sondern auch arabische und britische Mannschaften, wenngleich vorerst noch nicht in einem organisierten Ligabetrieb.

»Einen ersten Fußball-Boom im heiligen Land«, so schreibt es Stefan Mayr im 2003 erschienenen, ganz vorzüglichen Buch »Davidstern und Lederball«**, »löste 1925 der Besuch der Starelf von Hakoah Wien aus. Hakoah fertigte in Tel Aviv eine Maccabi-Auswahl zwar mit 11:2 ab, lockte aber 10.000 Zuschauer ins Stadion. Das Interesse am Fußball war noch nie so groß. In der Folge organisierte ein britischer Offizier in Haifa eine Liga mit neun arabischen und jüdischen Teams. Das Projekt musste aber vorzeitig eingestellt werden – wegen Gewalttätigkeiten auf den Plätzen und Streitereien zwischen den Klubmanagern.« Doch im Sommer 1928 gründeten 14 jüdische und arabische Vertreter in Jerusalem die Palestine Football Association, die ein Jahr später vom Weltfußballverband FIFA als Mitglied aufgenommen wurde. Nun gab es auch einen regulären Spielbetrieb mit jüdischen, arabischen und britischen Mannschaften.

1928 spielten 28 Teams den ersten Meister im Pokalmodus aus; im Finale gewann Hapoel Allenby Tel Aviv mit 2:0 gegen Maccabi Hashmonai Jerusalem. Hapoel hatte allerdings einen nicht spielberechtigten Kicker eingesetzt, woraufhin der Verband verfügte, dass beide Klubs die Trophäe jeweils für ein halbes Jahr behalten dürfen – fürwahr ein salomonischer Kompromiss. 1932 nahm eine nationale Liga mit neun jüdischen, arabischen und britischen Teams den Spielbetrieb auf, zwei Jahre später zogen sich die arabischen Vereine jedoch aus dem gemeinsamen Fußballverband und der gemischten Liga zurück, weil sie eine jüdische Dominanz in der Verbandsspitze beklagten. Sie gründeten ihrerseits die General Palestinian Sports Federation; nun hatten Juden und Araber im Mandatsgebiet Palästina eigene Wettbewerbe.

Ins Jahr 1934 fällt auch das erste offizielle Länderspiel, wie Stefan Mayr schildert: »Das (komplett jüdische) Team Palästina trat [am 16. März 1934] in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gegen den arabischen Nachbarn Ägypten an. Das Hinspiel war in Kairo. Da es weder Fernseh- noch Radio-Übertragungen gab, versammelten sich etliche Fußballfreunde im Tel Aviver Café Sapir und warteten auf den verabredeten Anruf aus Kairo. Dann machte die Kunde vom 1:0-Sieg Palästinas die Runde. Die Leute sangen und tanzten auf der Allenby-Straße. Bis das wahre Ergebnis aus Kairo übermittelt wurde: 7:1 für Ägypten.« Das – sportlich daraufhin fast schon bedeutungslos gewordene – Rückspiel endete schließlich mit einem 4:1 für die Ägypter. 1938 scheiterte das Team Palästina in der WM-Qualifikation an Griechenland, 1940 gab es noch ein Freundschaftsspiel in Tel Aviv gegen den Libanon. Kriegsbedingt war dies die letzte Partie.


Fußball in Israel: Die ersten Jahre

Kurz nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wurde auch der israelische Fußballverband, die Israel Football Association (IFA), ins Leben gerufen. Weil die arabischen Nachbarstaaten den jüdischen Staat jedoch nur einen Tag nach dessen Proklamation angriffen, musste der Ligaspielbetrieb bis auf Weiteres eingestellt werden. Die besten Kicker des Landes reisten gleichwohl – oder gerade deshalb – in die Vereinigten Staaten von Amerika, um gewissermaßen die Botschaft des neuen Staates der Juden in die Welt zu tragen. Im New Yorker Giants-Stadium trugen sie am 26. September 1948 vor 40.000 Zuschauern das erste Fußball-Länderspiel in der Geschichte Israels aus. Es ging mit 1:3 gegen die USA verloren, aber das war angesichts der historischen Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen nebensächlich.

Im Oktober 1949, zwei Monate nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges, rollte schließlich auch in der nationalen Liga wieder der Ball, und der erste israelische Meister hieß 1950 Maccabi Tel Aviv (Foto links). Doch schon in der folgenden Saison brachen alte Konflikte zwischen den politischen Bewegungen respektive Organisationen Maccabi und Hapoel wieder auf, weshalb der Ligabetrieb kurzerhand für ein Jahr ausgesetzt wurde. Die einen wie die anderen spielten daraufhin jeweils ihren eigenen Meister aus, bevor 1952 wieder eine gemeinsame Meisterschaftsrunde bestritten wurde, die jedoch weiterhin nicht ohne Spannungen blieb.

Ein weiterer, dauerhafter Störfaktor im israelischen Fußball waren die Kriege, die immer wieder für Unterbrechungen sorgten. Im Juni 1967 beispielsweise platzte der Sechstagekrieg in den Endspurt der ersten Liga und sorgte dafür, dass es keinen Meister gab, sondern die Saison um ein Jahr verlängert wurde und schließlich sage und schreibe 60 Spieltage umfasste (Meister wurde erneut Maccabi Tel Aviv). Als 1973 der Yom-Kippur-Krieg begann, wurden zunächst alle Sportveranstaltungen abgesagt, doch nur knapp drei Wochen nach dem Überfall der arabischen Armeen reiste die US-Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Israel, um Amerikas Solidarität mit dem angegriffenen jüdischen Staat zu demonstrieren. Zum ersten Libanonkrieg 1982 wiederum zog die Armee die meisten Fußballer ein, weshalb es in jenem Jahr nur ein einziges Länderspiel gab, nämlich ein Qualifikationsmatch für Olympia.

Apropos Länderspiel: Die erste Weltmeisterschafts-Qualifikation, an der Israel unter diesem Namen teilnahm, war jene für das Turnier 1950 in Brasilien. Angesichts der Kriegs- und Vernichtungsdrohungen der arabischen Staaten hielt der Weltfußballverband FIFA es für ratsam, die Mannschaft des jüdischen Staates in der Qualifikation gegen ein europäisches Team antreten zu lassen. Gegen Jugoslawien verlor die Nivchéret (hebräisch für »Auswahl«) mit 0:6 und 2:5 und schied aus. Etwas besser sah es da schon vier Jahre später aus: Gegen Griechenland gelangen zwei Siege, allerdings war dann erneut Jugoslawien die Endstation, diesmal mit zwei 0:1-Niederlagen.


Israel in der AFC: Boykotte, Boykotte, Boykotte

1956 trat der israelische Verband der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) bei, in deren geografischem Einzugsbereich das Land bekanntlich liegt. Doch bei der Qualifikation zum Asien-Cup, der im gleichen Jahr stattfand, wollten Afghanistan und Pakistan nicht gegen Israel antreten, denn sie erkannten den jüdischen Staat nicht an. Dadurch kam die israelische Auswahl kampflos in die Endrunde, in der sie gegen Südkorea, Hongkong und Südvietnam spielte und das Turnier als Zweitplatzierte beschloss. Als Nächstes stand die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1958 an. Und nun begann ein nachgerade absurdes Theater. Denn im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch die terroristischen Fedayin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten bildete ein Bündnis mit Jordanien und Syrien, blockierte den Golf von Akaba und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe. Israel setzte sich zur Wehr und besetzte den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Diese Geschehnisse sind unter dem Schlagwort »Suezkrise« bekannt geworden.

Und sie hatten Auswirkungen auch auf den Fußball, denn die Fußballverbände sämtlicher Staaten, die Israel nicht anerkannten, weigerten sich, Spiele gegen die Nivchéret auszutragen. Zunächst sollte Israel in der Vorrunde gegen die Türkei antreten, doch die dachte gar nicht daran aufzulaufen. In der Zwischenrunde sollte Israel gegen Indonesien spielen, doch auch Indonesien trat nicht an. Schließlich erwartete Israel im Finale der Ausscheidungsspiele den Sudan, doch auch dieser boykottierte das Match. Von den drei vorgesehenen Spielen fand also keines statt. Damit wäre Israel eigentlich kampflos für die WM qualifiziert gewesen, doch dagegen hatte die FIFA etwas: Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, loste sie kurzerhand aus allen europäischen Gruppenzweiten ein Land aus und ließ dieses gegen Israel um den letzten freien Platz beim WM-Turnier in Schweden antreten. Gegen Wales verlor Israel das Hin- und das Rückspiel jeweils mit 0:2 und war damit ausgeschieden. Die Boykottbewegung hatte dank der FIFA also doch noch ihr unsportliches Ziel erreicht.

An den Asienmeisterschaften nahm Israel anschließend zwar noch bis 1972 teil, doch auch dabei war es immer wieder mit Boykotten konfrontiert: Zu den Spielen 1962 in Indonesien beispielsweise wurde die Nivchéret gar nicht erst eingeladen, und 1972 erklärte sich lediglich Südkorea bereit, in der Qualifikation gegen sie anzutreten. Israel verzichtete letztlich, zumal die arabischen Staaten angekündigt hatten, im Falle einer Qualifikation der israelischen Auswahl die Endrunde zu boykottieren. Wenn es im Beritt des asiatischen Verbandes doch einmal zu Spielen kam, war Israel überaus erfolgreich, sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Die Asienmeisterschaften 1964 beispielsweise gewann die Nivchéret vor heimischem Publikum in Tel Aviv vor Indien und Südkorea, und im 1967 erstmals ausgetragenen Asian Champion Club Tournament – dem Pendant zum Europapokal der Landesmeister – blieben israelische Klubs in drei der ersten vier Wettbewerbe siegreich: Maccabi Tel Aviv gewann den Titel zweimal, Hapoel Tel Aviv einmal. (Danach wurden die Meisterschaften 14 Jahre lang nicht mehr ausgetragen.)

Nach 18 Jahren israelischer Zugehörigkeit zur Asiatischen Fußball-Konföderation jedoch, die von ständigen Boykotten und Boykottdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat geprägt waren, schloss die AFC den israelischen Verband im Jahr nach dem Yom-Kippur-Krieg, also 1974, auf Antrag Kuwaits aus. Die Alternative hätte darin bestanden, die Boykotteure konsequent zu bestrafen, doch dafür gab es innerhalb der AFC keine Mehrheit.


Eine Odyssee rund um den Globus

Bei der WM-Qualifikation wurde die israelische Auswahl bald von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht, und das auch schon zu Zeiten ihrer AFC-Mitgliedschaft: Die Ausscheidungsspiele für die Turniere 1962 und 1966 bestritt die Nivchéret in der Europagruppe, die für die Wettkämpfe 1970 in der Ozeaniengruppe und die für die Endrunden 1974 und 1978 wieder in der Asiengruppe. Und so ging es munter weiter: 1982 Europa, 1986 Asien, 1990 Ozeanien. An der Qualifikation zu kontinentalen Meisterschaften – also zur Asien- oder Europameisterschaft – nahm Israel zwischen 1974 und 1994 überhaupt nicht mehr teil, weil es nach dem Ausschluss aus der Asiatischen Fußball-Konföderation  ja keinem Verband mehr angehörte.

Im Jahr 1978 stellte der israelische Fußballverband zwar erstmals einen Antrag auf Beitritt zur UEFA, doch der wurde nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Statuten abgelehnt: Es sei nicht möglich, so hieß es damals, einen geografisch nicht in Europa liegenden Verband aufzunehmen. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedsländer hatten sich strikt gegen das israelische Ersuchen ausgesprochen. Mit dem Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks änderte sich die Situation jedoch. Vorerst ließ die UEFA israelische Mannschaften zwar nur zu Spielen in ihrem – vergleichsweise bedeutungslosen – Intertoto-Cup zu, doch 1991 gab es eine Zweidrittelmehrheit für eine Änderung der Statuten zugunsten Israels, das nun in den europäischen Verband aufgenommen wurde und drei Jahre später schließlich auch die Vollmitgliedschaft erhielt. Seitdem nehmen israelische Klubmannschaften an den Wettbewerben des Europapokals teil, und die israelischen Auswahlteams bestreiten ihre EM- und WM-Qualifikationsspiele in der Europagruppe.

Ein derartiges Hin und Her ist in der Geschichte des Weltfußballs einzigartig; kein anderer Fußballverband musste je solche permanenten Versetzungen über sich ergehen lassen. Drakonische, das heißt über Punktabzüge hinausgehende Maßnahmen gegen jene Mitgliedsverbände, die Wettbewerbsspiele gegen Israel verweigerten, mochte die FIFA gleichwohl nicht ergreifen. Unter Berufung auf ihre angeblich unpolitische Rolle hielt sie sich stets vornehm heraus. Die israelischen Fußballer und die Verantwortlichen ihres Verbands begegneten dem mit einem gewissen Pragmatismus. Denn sie wollten ihre Qualifikationsspiele gerne austragen, statt darauf zu bestehen, die Punkte kampflos zugesprochen zu bekommen. Dafür flogen sie notfalls sogar bis nach Australien und Neuseeland. Ori Shilo, der gegenwärtige Generalsekretär des israelischen Fußballverbandes, ist gleichwohl froh, dass das nicht mehr nötig ist. In einem Interview des Deutschlandfunks sagte er: »Die Zeit, als wir in der Ozeaniengruppe spielen mussten, machte keinen Sinn. Außerdem fühlen wir uns wie Europäer. Wir könnten auch wieder in Asien spielen, aber das wird politisch noch nicht einmal zu diskutieren gewagt. Und wissen Sie: Länder wie Griechenland, Zypern, die Türkei und Mazedonien spielen ja auch in Europa mit, und wir finden, dann gehören wir auch dazu.«


Erfolge mit Emmanuel Scheffer…

Angesichts der jahrzehntelang äußerst widrigen Voraussetzungen ist es umso höher einzuschätzen, was Israel 1968 bei den Olympischen Spielen und zwei Jahre später bei seiner ersten und bisher einzigen Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft erreichte. Und diese Erfolge sind eng mit einem Namen verbunden, dem des damaligen Nationaltrainers Emmanuel »Eddy« Scheffer nämlich. Geboren wurde Scheffer (Fotos rechts) am 11. Februar 1923 in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet; nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie erst nach Frankreich und dann ins Saarland, bevor die Scheffers 1934 ins ostpolnische Drohobycz zurückkehrten, wo sie bereits vor der Geburt ihres Sohnes Emmanuel gelebt hatten. Eddy Scheffer besuchte in Drohobycz das Gymnasium und schloss sich Beitar Drohobycz an, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. »Die Familie«, so schreibt Ralf Piorr in einem Beitrag für das österreichische Fußballmagazin Ballesterer, »lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte.«

In der Tat: Im Spätsommer des Jahres 1940 stürmten deutsche Mörder das Haus der Familie Scheffer und brachten alle anwesenden Familienmitglieder um: die Mutter, den Vater und die drei Töchter. Der 17jährige Emmanuel blieb am Leben, weil er nicht zu Hause war, sondern in Russland – »reiner Zufall«, wie er später sagte. In Russland erkrankte er bald an Diphtherie und Typhus, er kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde vier Jahre lang in einem Arbeitslager interniert, arbeitete in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Scheffer zunächst nach Polen zurück und spielte dort fünf Jahre lang in der zweiten Liga, bevor er 1950 nach Israel auswanderte und sich dort – zum vierten Mal in seinem noch jungen Leben – eine neue Existenz aufbaute.

Diesen Schritt hatte er eigentlich schon früher vorgehabt, doch aufgrund fehlender Papiere und eines von der britischen Mandatsmacht verhängten Einwanderungsstopps musste er vorläufig noch in Polen bleiben. Stefan Mayr berichtet in »Davidstern und Lederball«, in Israel habe sich Emmanuel Scheffer zum ersten Mal wirklich willkommen gefühlt – »nicht zuletzt dank seines fußballerischen Talents. Hapoel Haifa, ein Verein der soeben gegründeten Nationalliga, verpflichtete Scheffer und verschaffte ihm einen Job im Hafen. ›Wenn Training und Spiel war, hatte ich frei‹, berichtet Scheffer. [...] Der Linksaußen stürmte später noch für Hapoel Kfar Saba und schaffte es sogar in die Nationalelf seiner neuen Heimat. Seine Länderspielbilanz: Sechs Spiele, sechs Tore.«

Nach seiner aktiven Karriere ließ sich Emmanuel Scheffer zum Fußballlehrer ausbilden und kehrte dafür vorübergehend ins Land der Mörder seiner Familie zurück: 1958 erwarb er an der Sporthochschule Köln unter der Leitung von Hennes Weisweiler sein Trainerdiplom. Um sich diese Ausbildung zu finanzieren und außerdem Praxis zu sammeln, coachte er nebenbei die Mannschaft des nordrhein-westfälischen Verbandsligisten Rhenania Würselen. Zurück in Israel, trainierte er zunächst Ligaklubs, die Mannschaft der Luftwaffe und das Junioren-Nationalteam, bevor er 1968 zum Chefcoach der israelischen Nationalmannschaft aufstieg. Was dort an seinem ersten Arbeitstag geschah, hat Scheffer in Interviews immer wieder gerne erzählt. Als er sich der Mannschaft vorstellte, sagte er: »Ab jetzt haben wir dreimal Training.« Die Spieler wollten wissen, an welchen Tagen, woraufhin Scheffer entgegnete: »Um 7 Uhr, um 11 Uhr und um 15 Uhr.« Das war ein entscheidender Schub in Richtung Professionalisierung des israelischen Fußballs, und die ersten Resultate setzten dann auch rasch ein.

Auf Anhieb gelang erstmals die Qualifikation für die Olympischen Spiele – wenngleich das noch eine vergleichsweise leichte Angelegenheit war. Denn die zugelosten Gegner Burma, Iran und Indien boykottierten den jüdischen Staat. Daher genügten zwei Siege über Ceylon mit 7:0 und 4:0, um das Ticket nach Mexiko City zu lösen. Dort rechtfertigte die Nivchéret jedoch ihre Anwesenheit: Sie erreichte das Viertelfinale und kam nur deshalb nicht noch weiter, weil nach einem 1:1-Unentschieden gegen Bulgarien das Los über das Weiterkommen entscheiden musste und das israelische Team diese Lotterie verlor.

Ein Achtungserfolg, mit dem aber weder die Mannschaft noch ihr Trainer zufrieden war. Man wollte unbedingt zur Weltmeisterschaft 1970, die ebenfalls in Mexiko stattfand. Kein aussichtsloses Unterfangen in der Ozeaniengruppe, in der Israel erstmals zur Qualifikation antrat. Nach zwei Siegen gegen Neuseeland (4:0 und 2:0) musste nur noch Australien aus dem Weg geräumt werden. Im Nationalstadion von Ramat Gan sahen 50.000 Zuschauer einen 1:0-Sieg des israelischen Teams, das Rückspiel in Sydney endete 1:1. Die Spieler trugen Emmanuel Scheffer auf ihren Schultern vom Platz. Erstmals war Israel beim wichtigsten Fußballturnier der Welt startberechtigt.


…und Mordechai Spiegler

Die Vorbereitung auf dieses Ereignisses war zwar von einigen Pleiten geprägt – gegen Borussia Mönchengladbach etwa setzte es ein 0:6 –, doch in Mexiko schlug sich die Nivchéret überaus achtbar: 0:2 gegen den späteren WM-Vierten Uruguay, 1:1 gegen Schweden, 0:0 gegen den späteren Vizeweltmeister Italien. Israel war damit draußen, hatte sich in einer schwierigen Gruppe aber ordentlich aus der Affäre gezogen. Und ein Mann trug sich gar in die Sportannalen seines Landes ein, nämlich Mordechai Spiegler (Fotos links), bis heute wohl der bekannteste israelische Fußballer aller Zeiten. Denn Spiegler war es, der am 7. Juni 1970 das 1:1 gegen Schweden erzielte und sich später schmunzelnd erinnerte: »Es waren 25 Meter, ein starker Rückenwind, und das Tor muss in Richtung Jerusalem gestanden haben.« Sein Treffer ist bis heute der einzige, den Israel bei einer WM erzielte.

Das Tor veränderte Spieglers Leben: Später spielte er zusammen mit Pelé bei New York Cosmos, er war Trainer in Israel, anschließend Berater, dann Co-Kommentator im Fernsehen. Und nicht nur ihm wurde bei der Rückkehr aus Mexiko ein euphorischer Empfang bereitet, wie Stefan Mayr berichtet: »Trotz des vorzeitigen Ausscheidens wurde die Nivchéret bei der Landung in Tel Aviv gefeiert wie ein Weltmeister. Die zwei Punkte und das Tor waren ein Triumph für den jungen Staat, der erst 22 Jahre zuvor gegründet worden war. Selbst die Stars von damals [...] waren älter als ihr Staat. [...] ›Wir sind jetzt da‹, dachten sich 1970 die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan, die drei Jahre zuvor im Sechs-Tage-Krieg noch um das Existenzrecht ihres Staates gekämpft hatten.« 1971 trat Emmanuel Scheffer als Trainer der israelischen Auswahlmannschaft zurück, 1978 übernahm er das Team noch einmal, aber diesmal ohne einen ähnlichen Ertrag. »Der wahre Vater unseres damaligen Erfolgs war nicht ich, sondern Emmanuel Scheffer«, sagt Mordechai Spiegler über seinen Nationaltrainer.

Der erfolgreichste israelische WM-Teilnehmer ist freilich ein Schiedsrichter, nämlich Avraham Klein (Fotos rechts), der bei den Turnieren 1970, 1978 und 1982 eingesetzt wurde. 1978 leitete er unter anderem die legendäre Partie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Keine einfache Angelegenheit, wie Klein im März 2010 in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen bekannte: »Ich hatte ein Spiel zu pfeifen, in dem gleich zwei Täterländer gegeneinander kickten. Zudem fand es im argentinischen Cordoba statt. Ich bekam dort schnell zu spüren, dass die starke jüdische Gemeinde von Buenos Aires nicht wirklich glücklich damit war, dass gerade ich diese Auseinandersetzung zu leiten hatte, nach dem Motto: ›Wie kannst du nur?‹ Aber ich war vom Fußballweltverband FIFA nominiert worden und musste meinen Job machen.«

Avraham Klein pfiff schließlich auch das Spiel um den dritten Platz. Eigentlich war er sogar als Referee für das Finale zwischen Gastgeber Argentinien und den Niederlanden im Gespräch, nachdem er die Partie Argentinien gegen Italien souverän geleitet hatte. Doch die Argentinier fühlten sich trotz ihres Weiterkommens benachteiligt und lehnten Klein ab. Hinzu kam, dass die herrschende Militärjunta, die Juden gegenüber, um es zurückhaltend zu formulieren, alles andere als freundlich gesinnt war, Anstoß daran nahm, dass Klein vor dem Spiel Argentiniens gegen Italien die Jüdische Gemeinde des Landes besucht hatte. Ihm wurde von argentinischer Seite aber auch deshalb Voreingenommenheit unterstellt, weil der Endspielgegner Niederlande hieß. Als »Kriegswaise« hatte Klein ein Jahr lang im niederländischen Apeldoorn verbracht. Und mit Ruud Krol trug ein Mann die Kapitänsbinde der Oranjes, dessen Vater in den Jahren der deutschen Besatzung Juden das Leben gerettet hatte. Die FIFA folgte dem argentinischen Wunsch, Avraham Klein nicht das Endspiel pfeifen zu lassen, obwohl sie sonst stets betont, sich von niemandem in die Einteilung der Unparteiischen hineinreden zu lassen.

Bereits vier Jahre zuvor, bei der WM in der Bundesrepublik, hatte Klein unschöne Erfahrungen mit dem Weltfußballverband machen müssen, wie er im erwähnten Interview der Jüdischen Allgemeinen sagte: »Ich rechnete fest mit meiner Nominierung für dieses große Turnier. Ich hatte international einen guten Namen und war ja bei der WM in Mexiko 1970 auch schon dabei. Anfang 1974 teilte mir die FIFA jedoch mit, mich nicht zu berücksichtigen. Und zwar, weil sie wegen des Anschlags auf das israelische Olympiateam in München zwei Jahre zuvor nicht für meine Sicherheit garantieren konnte und wohl auch wollte.«

Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Zeit seit der Aufnahme in die UEFA, die israelischen Fußballfans und die israelisch-deutsche Fußballgeschichte.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.


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Gewogen und zu leicht befunden November 25, 2013 | 04:51 pm

Der Deal im »Atomstreit« mit dem Iran wird fast überall als »Durchbruch« gefeiert – wenn man von Israel absieht, jenem Land, das von den nuklearen Ambitionen Teherans existenziell bedroht ist, von den Verhandlungen jedoch ausgeschlossen blieb. Dabei hat Israels Premierminister Benjamin Netanyahu vollkommen Recht, wenn er das Abkommen einen »historischen Fehler« nennt.


VON STEFAN FRANK


Israelis könne man »nicht als menschliche Wesen bezeichnen«, Israel sei der »unreine tollwütige Hund in der Region« und »dem Untergang« geweiht, sagte Irans Diktator Ali Khamenei vergangene Woche in einer Ansprache an Basij-Milizionäre. »Tod für Israel, Tod für Amerika«, brüllten die Zuhörer daraufhin. Man sieht, der Iran ist friedlich geworden, friedlich und moderat. Wie schön deshalb, dass der geschäftsführende Bundesaußenminister Guido Westerwelle zusammen mit den Außenministern der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats und dem Vertreter des Teheraner Regimes eine »politische Einigung« unterzeichnet hat. Ob er oder irgendeiner der Journalisten, die das Dokument nun feiern, wohl in der Lage wäre, die folgenden beiden Äußerungen des iranischen Präsidenten Hassan Rouhani dem richtigen Zeitpunkt zuzuordnen?

»Die Anreicherung von Uran wird voranschreiten wie bisher. [...] Die Weltmächte haben Irans Recht anerkannt, auf iranischem Boden Uran anzureichern.«

»Um eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, wird der Iran seine Urananreicherung stoppen.«

Das erste Zitat stammt aus Rouhanis Rede von diesem Wochenende, als der iranische Präsident den Iranern die bedingungslose Kapitulation des Westen verkündete: Er habe keine Zugeständnisse gemacht, die Sanktionen der Uno, der USA und der EU hingegen würden schrittweise aufgehoben.

Die zweite Äußerung datiert vom November 2003; damals war Rouhani noch Vorsitzender des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran – jener Institution also, die auch für Anschläge im Ausland zuständig ist. Unnötig zu erwähnen, dass der Iran auch nach der damaligen Ankündigung keineswegs aufhörte, Uran anzureichern. Im Gegenteil wurde das Atomprogramm drastisch ausgeweitet: Immer mehr Zentrifugen – ein Teil davon in unterirdischen Bunkern, die das Regime geheim zu halten versuchte –, immer mehr und bessere Trägerraketen für den geplanten Angriff auf Israel, von dem die Iraner kürzlich schon eine Computeranimation im Fernsehen sehen konnten und der laut Khamenei Tel Aviv und Haifa »dem Erdboden gleichmachen« wird.

Und das ohne Atombombe? Wie soll das gehen? Nun, eine darf es schon sein. »Eine einzige Atombombe«, die innerhalb Israels detoniere, werde »alles zerstören«, während der Schaden eines potenziellen nuklearen Gegenschlags für die islamische Welt begrenzbar sei, sagte der damalige iranische Präsident Rafsandjani 2001 in einer Rede auf dem »Al-Quds-Tag«. Natürlich würde kein Ayatollah das auf Englisch von sich geben. Unter dem Namen Taqiyya bekannt ist ihre Strategie, naiven Reporter aus dem Westen Märchen zu erzählen. »Ich werde keine Funktion innerhalb der Regierung haben«, sagte etwa Khomeini im November 1978 dem niederländischen Fernsehen. In einem anderen Interview äußerte er: „Es ist nicht daran gedacht, dass die religiösen Führer selbst die Regierung führen. Ich persönlich werde wegen meines Alters kein Interesse daran zeigen. Ich werde nie Staatspräsident sein, und ich werde auch nie ein anderes Regierungsamt bekleiden.«

Irans derzeitiger »Führer« Ayatollah Khamenei war 1979/80 einer der Drahtzieher der Teheraner Geiselnahme. In einem Video, das er 2009 zur Feier des 30. Jahrestages dieses Verbrechens auf seine Website stellte, sieht man ihn, wie er eine der Geiseln interviewt und sagt, die Gefangenen seien »sehr zufrieden«, »jeden Tag« werde ihnen »amerikanisches Essen« gekocht.

Mit dieser Bande wurde nun also ein Vertrag unterzeichnet, der die Urananreicherung gutheißt. Mit einem Regime, das seine Bürger in Kerkern foltern, vergewaltigen und ermorden lässt, das in diesem Jahr ganz offiziell bereits über 500 Menschen an den Galgen gebracht beziehungsweise an Kränen aufgehängt hat, mit einem Regime, das sich auch in Syrien am Krieg gegen die Zivilbevölkerung beteiligt, das Terrororganisationen mit genozidalen Absichten wie die Hamas und die Hisbollah bewaffnet und finanziert, das 1994 den Anschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires organisiert hat und das selbst während der Gespräche in Genf zur Zerstörung Israels aufrief. Dieses Regime bekommt nun umgehend acht Milliarden US-Dollar gutgeschrieben, die es nutzen kann, um weitere Foltergefängnisse zu bauen und die iranische Bevölkerung effektiver zu kontrollieren und zu unterjochen.

Westerwelle sieht den in Genf vereinbarten Atomkompromiss mit dem Iran gleichwohl als »Wendepunkt«. »Wir sind unserem Ziel, eine atomare Bewaffnung Irans zu verhindern, einen entscheidenden Schritt näher gekommen«, sagte er. Bei diesen Worten müssen nicht wenige unweigerlich an den britischen Premierminister Neville Chamberlain und die Münchener Konferenz von 1938 denken, auf der das Schicksal der Tschechoslowakei besiegelt wurde. So klang Chamberlain damals:

»Die Einigung beim Tschechoslowakei-Problem, die jetzt erzielt wurde, ist meiner Meinung nach nur der Auftakt zu einem größeren Abkommen, durch das Europa Frieden finden kann. Heute Morgen hatte ich ein weiteres Gespräch mit dem deutschen Kanzler, Herrn Hitler, und hier ist das Papier, das seine Unterschrift trägt, ebenso wie meine. Einige von Ihnen haben den Inhalt vielleicht schon gehört, aber ich möchte es Ihnen trotzdem vorlesen: ›Wir betrachten das gestern Nacht unterzeichnete Abkommen und das englisch-deutsche Flottenabkommen als Zeichen des Wunsches unserer beiden Völker, niemals wieder gegen einander Krieg zu führen.‹«

Später fügte er hinzu:

»Meine lieben Freunde, zum zweiten Mal in unserer Geschichte ist ein britischer Premierminister aus Deutschland zurückgekehrt und hat einen Frieden mit Ehre gebracht. Ich glaube, es ist Frieden für unsere Zeit. Wir danken Ihnen aus der Tiefe unserer Herzen. Geht heim und habt einen angenehmen, ruhigen Schlaf.«

Winston Churchill wusste es besser – und galt deshalb als »Kriegstreiber«. Die Rede, die er am 5. Oktober 1938 im Unterhaus hielt, passt auf die heutige Situation nach dem Genfer Uranabkommen:

»Ich werde damit beginnen, das zu sagen, was jeder gern ignorieren oder vergessen würde, was aber trotzdem festgestellt werden muss, nämlich, dass wir eine totale und ungemilderte Niederlage erlitten haben. [...] Es ist die schmerzlichste Konsequenz dessen, was wir getan, und der Taten, die wir in den letzten fünf Jahren unterlassen haben – fünf Jahre voller fruchtloser guter Absichten, fünf Jahre voll eifrigen Suchens nach dem Weg des geringsten Widerstands, fünf Jahre unablässigen Rückzugs der britischen Macht. [...] Ich hege keinen Groll gegen unsere loyalen, tapferen Leute, die bereit waren, ihre Pflicht zu tun, was auch immer dies verlangte […] – ich hege keinen Groll gegen ihren natürlichen spontanen Ausbruch der Freude, als sie erfuhren, dass dieses Martyrium von ihnen einstweilen nicht mehr verlangt wurde. Aber sie sollten die Wahrheit kennen. Sie sollten wissen, dass es grobe Vernachlässigung und Defizite bei unserer Verteidigung gibt, sie sollten wissen, dass wir besiegt wurden, ohne einen Krieg geführt zu haben, und dass die Folgen dieser Niederlage uns lange begleiten werden, sie sollten wissen, dass wir eine furchtbare Wegmarke unserer Geschichte passiert haben [...] und dass jene furchtbaren Worte gegen die westlichen Demokratien verkündet wurden: ›Man hat dich gewogen und zu leicht befunden.‹ Und glauben Sie nicht, dass dies das Ende ist. Dies ist erst der Anfang der Abrechnung. Dies ist erst das erste Schlückchen, der erste Vorgeschmack auf einen bitteren Trank, der uns verabreicht werden wird, Jahr für Jahr, solange es keine äußerste Erholung der moralischen Gesundheit und der Kampfkraft gibt und wir wieder aufstehen und für die Freiheit Stellung beziehen wie in früheren Zeiten.«

Es gibt heute viele Chamberlains, der einflussreichste unter ihnen ist US-Präsident Barack Obama. Seit Beginn des »arabischen Frühlings« wurden mit seinem Segen nur Staatsoberhäupter gestürzt, die den islamistischen Terror bekämpft (Mubarak, Ben Ali) oder ihm abgeschworen hatten (Ghaddafi). Diesen dreien weint niemand eine Träne nach, doch augenfällig ist, dass jeder offene Unterstützer des Terrorismus und Feind Amerikas (Assad, Khamenei) sicher sein kann, dass Obama nichts unternehmen wird, was ihn in Verlegenheit bringen könnte. In Syrien gab es 2011 die Chance, Assad zu stürzen, bevor die Islamisten sich dort breit machten. Doch Obama will auf keinen Fall als jemand gelten, der sich offensiv für amerikanische oder israelische Interessen einsetzt, er zieht das Appeasement vor. Darum sucht er die Nähe der Autokraten und Diktatoren, die Amerika hassen, darum fand er 2009 kein einziges Wort der Unterstützung für die Demokratiebewegung im Iran, darum hat er Syrien im Stich gelassen, darum hätte er in diesem Jahr die Muslimbruderschaft in Ägypten am liebsten wieder an die Macht gebracht. Und darum schließt er jetzt einen Vertrag mit dem iranischen Regime.

Die iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel kümmern Obama nicht weiter, gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Von Amerika verlassen, steht Israel dem Goliath Iran jetzt allein gegenüber. (Oder fast allein: Es gibt einen Dissidenten unter den Staaten – Kanadas unbestechliche Regierung, die Anfang des vergangenen Jahrzehnts die strategische Entscheidung getroffen hat, sich von dem mächtigen Bündnis der 57 islamischen Staaten nicht mehr länger zu einer antiisraelischen Politik erpressen zu lassen, wird die Sanktionen gegen Iran fortsetzen.) Wie Chamberlain hat Obama deutlich gemacht, dass ihm ein gutes Verhältnis zu einem kriegslüsternen Despoten wichtiger ist als die Existenz eines winzigen Staates.

Auch an Irans Nachbarstaaten, die mit der nuklearen Bedrohung leben müssen, sendet der Pakt eine schlimme Botschaft, ebenso an die unterdrückte iranische Bevölkerung. Dass Obama und der Westen die Geiselnehmer, die 80 Millionen Iraner in ihrer Gewalt haben, als Regierung anerkennen, ist der andere Skandal. Allen Iranern, die Hoffnung auf Freiheit haben, hat Obama wieder einmal den Stinkefinger gezeigt, schon zum zweiten Mal. Statt, wie es ein US-Präsident tun sollte, den Verbündeten das Gefühl der Sicherheit zu geben und den Feinden Angst einzujagen, tut Obama seit 2009 konsequent das Gegenteil. Ein Churchill unserer Zeit ist leider nicht in Sicht, nirgends.


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UN? My ass! November 18, 2013 | 05:36 pm

Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am vergangenen Donnerstag hat sich – wie fast immer weitgehend unbeachtet von deutschen Medien – in Bezug auf Israel einmal mehr eine Groteske zugetragen. Eine Groteske, die selbst einer qua Funktion eigentlich zur Zurückhaltung verpflichteten Dolmetscherin so spontane wie ungewöhnliche Worte der Verwunderung abrang. Hillel Neuer, der Executive Director der Uno-kritischen Organisation UN Watch, hat die Ereignisse, die sich während der Versammlung abspielten, auf dem Blog von Times of Israel kommentiert. Mit seiner Zustimmung hat Stefan Frank den Beitrag für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.


VON HILLEL NEUER


Die Wahrheit kommt ans Licht, wenn wir glauben, dass niemand zuhört. Als Reaktion auf neun politisch motivierte Resolutionen der UN-Generalversammlung gegen Israel bei null Resolutionen gegen den Rest der Welt hat eine Dolmetscherin der Vereinten Nationen heute [am 14. November] Worte der Wahrheit gesprochen, nicht wissend, dass das Mikrofon eingeschaltet war. Als sie davon ausging, nur zu Kollegen zu sprechen, sagte sie die folgenden Worte in die Kopfhörer jedes UN-Delegierten und zum Publikum, das die Live-Übertragung weltweit im Internet verfolgen konnte:

»Ich finde, wenn es … insgesamt etwa zehn Resolutionen zu Israel und Palästina gibt, da muss es doch, c’est un peu trop, non? [das ist etwas viel, nicht wahr?] Ich meine, ich weiß … Anderer wirklich schlimmer Mist passiert, aber niemand sagt etwas über diesen anderen Kram.«

Unter den Delegierten gab es Gelächter. »Die Dolmetscherin entschuldigt sich«, sagte die unglückliche Verkünderin der Wahrheit Augenblicke später, gefolgt von einem vernehmlichen Schnaufen. Ich hoffe inständig, dass sie nicht gefeuert wird. Denn wer sich wirklich entschuldigen müsste, das ist die Uno. Gegründet auf noblen Ideen, verwandelt die Weltorganisation den Traum freiheitlicher Internationalisten in einen Albtraum. Wenn ihre jährliche legislative Sitzung im nächsten Monat zu Ende geht, wird sie insgesamt 22 Resolutionen verabschiedet haben, die Israel verurteilen – und nur vier gegen ein anderes Land der Welt. Die Scheinheiligkeit, Selektivität und Politisierung sind atemberaubend.

In den besagten neun Resolutionen, die vom vierten Komitee der Generalversammlung, das sich aus allen 193 Mitgliedsstaaten zusammensetzt, angenommen wurden, wird Israel für die Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser in der Westbank und Gaza, der palästinensischen Flüchtlinge und sogar der Syrer in den Golanhöhen verurteilt. Ja, tatsächlich: Die Uno hat heute eine Resolution angenommen, in der das Wort »Syrien« nicht weniger als zehnmal erwähnt wird – und doch nichts gesagt wird über das vom syrischen Präsidenten Bashar al-Assad verübte Massaker an mehr als 100.000 seiner Bürger.

Die Resolution mit dem Titel »Besetzter syrischer Golan« verurteilt Israel wegen der angeblichen Misshandlung von Syrern auf den Golanhöhen. Ebenfalls verurteilt wurde Israel wegen Verstößen gegen die völkerrechtlich verbrieften Rechte von syrischen Bürgern. Die Uno hatte jedoch keine Zeit, sich dazu zu äußern, ob es rechtmäßig ist, dass Präsident Assad seine Landsleute mit Gas ermordet. Die Generalversammlung rief Israel heute dazu auf, die Golanhöhen samt der dort lebenden Bewohner an Syrien zu übergeben, und wird dies demnächst in einer zweiten, überflüssigen Resolution wiederholen.

Was auch immer man für eine Ansicht zur Frage hat, wem der Golan rechtmäßig gehört: Es ist in jedem Fall in logischer Hinsicht absurd und in moralischer Hinsicht schamlos, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dazu aufzurufen, dass irgendein Mensch Assads Herrschaft unterstellt wird – während seine Massaker unvermindert weitergehen. Angesichts Dutzender Syrer, die derzeit in israelischen Krankenhäusern behandelt werden, ist die Resolution einfach nur grotesk.

Es ist gut und richtig, Israel für die Behandlung der arabischen und anderen Minderheiten Rechenschaft ablegen zu lassen, so wie jede andere Nation auch. Aber etwas ist faul, wenn in den heutigen Resolutionen zu die Palästinenser betreffenden Themen kein einziges Wort über den genozidalen Antisemitismus verloren wird, den die Sprachrohre der Hamas im Gazastreifen regelmäßig verbreiten, oder über die gefährliche Aufwiegelung durch die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, deren offizielle Schulen, Moscheen, Zeitungen und Fernsehsender nicht aufhören, die Mörder israelischer Zivilisten als Helden zu preisen, die es nachzuahmen gelte.

Das Wort ist der Vater der Tat. Keine der heutigen die Westbank betreffenden UN-Resolutionen erwähnt die Welle der von palästinensischen Terroristen in den letzten Wochen verübten Anschläge – wie etwa den brutalen Mord an Shraya Ofer: Er wurde vor seinem Haus im Jordantal ermordet, seine Frau schaffte es zu entkommen. Der Mord an Ofer mit Äxten und Eisenstangen sei ein »Geschenk an das palästinensische Volk und die Hamas-Gefangenen, zu Ehren von Eid al-Adha« [islamisches Opferfest, das an Abraham erinnert, der bereit war, Gott seinen Sohn zu opfern], sagten die beiden Verdächtigen im Verhör aus.

Durch ihre Blindheit gegenüber der palästinensischen Hetze und dem Terrorismus fördern die UN-Resolutionen einen einseitigen Narrativ, der der Hamas, dem Islamischen Djihad und der Palästinenserbehörde einen Persilschein gibt und sie in ihrer Kompromisslosigkeit unterstützt.

Es ist also die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie wertvolle Zeit und Ressourcen des Weltgremiums dazu missbraucht, politisierte und polarisierende Texte zu produzieren, die keinerlei Beitrag zu einem arabisch-israelischen Frieden leisten oder den wirklichen Schutz von Menschenrechten voranbringen. Im Gegenteil untergraben die selektiven und einseitigen Resolutionen das Kernprinzip, wonach Menschenrechtsstandards universell sind, und treiben die Parteien weiter auseinander.

Es ist die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie Israel als Sündenbock benutzt und dass sie den jüdischen Staat als Metakriminellen, dem für alle Übel der Welt die Schuld zu geben ist, dämonisiert und delegitimiert. Noch vor allem anderen aber muss sich die Uno dafür entschuldigen, die Schreie der Millionen echter Opfer von Menschenrechtsverletzungen in aller Welt zu ignorieren – und diese Opfer zu verhöhnen.

Vergangene Woche traf ich im Uno-Hauptquartier in New York mutige Menschenrechtler und Dissidenten aus China, Kuba, Russland und Saudi-Arabien. UN Watch half dabei, eine Pressekonferenz zu organisieren, auf der dafür plädiert wurde, dass die Uno-Mitgliedsstaaten sich gegen die zynische Kandidatur dieser Regime für Sitze im UN-Menschenrechtsrat wenden. Doch trotz ihrer Schandtaten wurden alle diese serienmäßigen Menschenrechtsverletzer von der UN-Vollversammlung gewählt, um der Welt neueste Richter über die Menschenrechte zu werden.

Unnötig zu sagen, dass dieselbe UN-Versammlung in diesem Jahr keine Resolution verabschieden wird zur Unterjochung der tibetischen Bevölkerung oder zur Inhaftierung des Pro-Demokratie-Aktivisten Wang Bingzhang in China, zur gewalttätigen Schikanierung von Journalisten und Bloggern in Kuba, zur Verfolgung von Homosexuellen in Russland oder zum Fahrverbot für Frauen und zum Verbot der Religionsausübung für Nichtmuslime in Saudi-Arabien. Auch plant die Uno nicht, auch nur ein Wort über religiös motivierte Angriffe auf Zivilisten im Irak, in Nigeria oder Pakistan zu verlieren – oder über die Verfolgung von politischen Dissidenten in Uganda, Vietnam oder Zimbabwe.

Wie die Dolmetscherin heute bemerkte, geschehen wahrhaftig eine Menge schlimmer Dinge auf der Welt, aber – traurig genug – bei der Uno »sagt niemand etwas über den anderen Kram«. Weil sie so damit beschäftigt sind, Israel zu schikanieren, finden die Vereinten Nationen einfach nicht die Zeit dazu.


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Glaube als Beziehungskiste November 6, 2013 | 02:43 pm

In einem ansonsten angenehmen Urlaubsgespräch mit einem anglikanischen Priester lernte ich, wie beklemmend modernisierte Varianten christlichen Denkens sein können, auch wenn sie auf den ersten Blick aufgeklärter und weniger hasserfüllt wirken als man es aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten kennt.. Im Gedächtnis blieb mir v.a. Folgendes:

  • Die Hölle gibt es nach wie vor;
  • Sie ist der Ort für jene, die “die Nähe zu Gott nicht ertragen können”;
  • Eine enge Beziehung zu Gott ist das eigentlich Entscheidende für alle Menschen.

Aus meiner Sicht folgt daraus:

  • Wer nicht an Gott glaubt, landet in der Hölle, egal ob er ansonsten ein “guter Mensch gewesen ist” oder nicht;
  • Wie alle Beziehungskisten ist auch die mit Gott vielerleit Unsicherheiten unterworfen: Ist meine Liebe zu Gott ausreichend? Liebe und ehre ich ihn auf die richtige Art? Wie soll ich mit Gewissheit erfahren, ob “alles ok” ist?
  • Im Gegensatz zu Religionen, die den Menschen eine Fülle von alltagsweltlichen Regeln auferlegen, deren strikte Befolgung einem wenigstens ein heimeliges Gefühl der Sicherheit verschafft, ist die imaginierte Beziehung zu Gott als wichtigster Garant für meine spätere Himmelsfahrt für meine Begriffe nicht weniger angsterzeugend als das, was wir von früher kennen.
  • Auch dieser Gott ist ein strafender Gott, und zwar einer der Gattung verchmähter Liebhaber, der einem, der zu Lebzeiten keine Beziehung zu ihm wünscht, nicht mehr verzeiht.

In einem fairen Universum wäre die Hölle der Ort für all jene, die ihren Mitmenschen aus metaphyischen Gründen ein Leben in Angst bereiten.


Eine echte Wahl für Syrien September 19, 2013 | 01:17 pm

Die Entwicklung einer freien Zone in Syrien ist die praktikabelste Option für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dieses »kleinere Syrien« könnte zur Basis für die Befreiung des Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer werden.


VON WALID PHARES*


Im nordöstlichen Teil Syriens, der an den Irak und die Türkei grenzt, liegt al-Hasaka oder das Dreieck, auch bekannt als die Provinz al-Jazeera. Dieses Gebiet, das so groß ist wie der Libanon, wird von ungefähr vier Millionen Kurden, einer Million Christen und einer halben Million Araber bewohnt. Assads Streitkräfte haben es praktisch verlassen, und kurdische Milizen haben Patrouillen eingerichtet, die Al-Qaida-Milizen daran hindern, in diesen Bereich einzudringen. Diese Region sollte zum Grundstein für ein freies Syrien werden. Hier sollte man eine freie Zone aufbauen und fördern, die das Potenzial hat, schnell zu wachsen und sowohl das Assad-Regime als auch die Djihadisten zu besiegen. Mit Hilfe der USA und des Westens könnten die Kurden, Christen und Araber, die dieses Gebiet bewohnen, eine solche befreite Zone einrichten, die dank ihrer Städte, Flüsse und ausgebauten Flughäfen in der Lage wäre, Hilfsgüter in Empfang zu nehmen. Die Freie Syrische Armee und andere Oppositionsgruppen könnten dazu eingeladen werden, sich in dieser Region niederzulassen. Dieses pluralistische »kleinere Syrien« würde so zur Basis für die Befreiung des ganzen Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer.

Das klingt unrealistisch? Nun, es ist nicht unrealistischer als die Hoffnung, dass Wladimir Putin und die Russen einen ehrlichen Frieden in Syrien vermitteln. Wenn man sich die drei derzeit diskutierten Zwischenlösungen für die syrische Krise anschaut, dann sollte eigentlich klar werden, warum dieser Plan eine echte, langfristige Hoffnung bietet. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist für einen »begrenzten Schlag« gegen Assad und diejenigen Kräfte, von denen man annimmt, für die furchtbare Vergasung von über tausend Zivilisten verantwortlich zu sein – nachdem im Bürgerkrieg schon zuvor mehr als hunderttausend Syrer brutal getötet worden waren. Obama will mit diesem begrenzten Schlag ein dadurch geschwächtes Assad-Regime zwingen, den Konflikt in Verhandlungen beizulegen. Erfahrene Beobachter wissen jedoch, dass es keine Verhandlungslösung für diesen Konflikt geben wird. Dafür ist er zu weit fortgeschritten, und die Spaltung ist einfach zu tief.

Der zweite Vorschlag bietet auch nicht mehr Hoffnung als die von Obama bevorzugte Lösung: Die Isolationisten wollen einfach beide Seiten die Sache ausfechten lassen, da Amerika kein Pferd in diesem Rennen habe. »Lasst es Allah in Ordnung bringen«, sagt Sarah Palin. Diese vermeintlich sichere Option ist jedoch überaus gefährlich. Denn wenn es zwei radikale Kräfte in diesem Spiel gibt – die von Assad und die von al-Qaida –, dann werden sie beide immer mehr Zulauf bekommen und schließlich die Schlacht durch irgendeine islamistische Vermittlung beenden – oder, noch schlimmer, durch einen mutwillig vom Zaun gebrochenen Krieg gegen Israel. Und selbst wenn dieser Krieg vermieden würde, blieben am Ende zwei extremistische und hochgerüstete Terrorgruppen in Syrien zurück.

Eine dritte Option, die von Senator John McCain angeregt worden ist, ist kaum weniger gefährlich. McCain will die Rebellen vollständig bewaffnen, mit dem Ziel, Assad zu stürzen. Die dieser Idee zugrunde liegende Naivität kann von islamistischen Lobbygruppen in die von ihnen gewünschte Richtung manipuliert werden: Sie würden versuchen, die amerikanische Unterstützung zu ihren radikalen Gesinnungsgenossen innerhalb der Opposition zu lenken statt zu den säkularen Kräften. Am Ende könnte al-Qaida gestärkt werden und in Zukunft in Syrien Anschläge wie in Benghazi durchführen. In der Zwischenzeit könnte all dies zu einem Krieg mit dem Iran und der Hizbollah führen beziehungsweise – angesichts der Tendenz zum Rückzug, durch die sich die derzeitige Regierung auszeichnet – in einem weiteren Sieg für Radikale kulminieren.

Darum schlage ich die praktische und definitiv gewinnbringende Option für die Schaffung eines freien Syriens vor. Wir haben in dieser Region, in der al-Qaida und al-Nusra in Schach gehalten werden und wo das Assad-Regime nicht allgegenwärtig ist, eine Gruppe von erprobten und etablierten Alliierten. Diejenigen in den USA, die befürchten, eine von zwei bedrohlichen Kräften zu unterstützen, könnten in der Region al-Hasaka mit freien und unabhängigen Kurden, Christen und Arabern zusammenarbeiten. Diejenigen, die die Rebellen bewaffnen wollen, finden ein Gebiet vor, in der das möglich ist. Wenn die amerikanische Regierung Luftangriffe auf Ziele des Regimes unternehmen will, ohne zugleich al-Qaida in die Hände zu spielen, kann sie im Laufe der Zeit ihre wirklichen Verbündeten dazu ertüchtigen, von dieser Zone aus vorzurücken. Die Entwicklung eines freien Syriens ist der am besten gangbare Weg für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dies ist der Ort, wo gefährdete Minderheiten geschützt werden können und sich zu den Liberalen und Säkularen unter der arabisch-sunnitischen Mehrheit gesellen. Die Syrer sehnen sich nach Freiheit. Die Amerikaner sehnen sich nach effektiver Außenpolitik. Lasst uns damit beginnen, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

* Dr. Walid Phares ist ein Berater des US-Kongresses bei der Terrorismusbekämpfung und Autor von zehn Büchern, darunter Future Jihad: Terrorist Strategies against America und The Coming Revolution: Struggle for Freedom in the Middle East. Er lehrt an zahlreichen Universitäten und unterrichtet die Gremien der Regierung über Terrorismus und den Nahen und Mittleren Osten. Sein Beitrag erschien unter dem Titel A real choice for Syria zuerst bei Fox News und wurde von Stefan Frank mit freundlicher Genehmigung des Autors für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.


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Chronologie der Nötigung, 3. Akt September 13, 2013 | 05:30 pm

Der 3. Akt der Chronologie der Nötigung ist erschienen. Die Sachzwang FM-Reihe beschäftigt sich anhand von Texten aus der Jungle World mit der Euro-Krise und der Rolle der BRD darin. Download via AArchiv (2 h, 41 MB)

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Stadtteilgruppe September 6, 2013 | 09:30 pm

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Die Plakate dieser Gruppe machen das Wiesbadener Westend durchaus ein wenig lebenswerter; dass deren gegenwärtige und ehemalige Mitglieder sich ihre eigenen Existenzen dabei wechselseitig ruinieren, ist nur Dreingabe.


»Das wird sich historisch rächen« September 5, 2013 | 11:38 am

Der Politologe Wahied Wahdat-Hagh* analysiert die Situation im Iran und berichtet über den Genozid an den Bahai. Dass die Europäer die Führerdiktatur unterstützen, bezeichnet er als schweren Fehler.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Die Ära des iranischen Präsidenten Ahmadinedjad ist zu Ende. Was waren die wichtigsten Entwicklungen in seiner achtjährigen Amtszeit?

Wahied Wahdat-Hagh: Das Land ist ärmer geworden. Die Probleme des Landes sind gewachsen. Iran ist potenziell der Atombombe näher gekommen. Die antisemitische Staatsdoktrin, die in der Ideologie verankert ist, ist deutlicher zum Ausdruck gekommen. Der Iran ist isolierter als vorher.

Was ist aus der grünen Demokratiebewegung von 2009 geworden? Wie fest sitzt das Regime im Sattel?

Dank totalitärer Gesetzgebung, Bassiji und Revolutionsgardisten, Ölgeld und einer fanatischen Schar von Anhängern ist die grüne Demokratiebewegung zerschlagen worden. Die Diktatur sitzt zwar fest im Sattel, aber voraussagen kann man die Geschichte des Iran nicht. Die Bevölkerung hält gegenwärtig still, weil sie weiß, wie die staatliche Antwort sein könnte: Folter und Todesstrafe, Vergewaltigung von Frauen und Kindern in den Gefängnissen.

Vor den jüngsten Parlamentswahlen im Iran schrieben westliche Journalisten von »Moderaten« und »Hardlinern« . Gehen sie bloß dem Teheraner Regime und seiner Demokratiepersiflage auf den Leim, oder gab es tatsächlich Unterschiede zwischen den Kandidaten?

Prinzipiell muss man sagen, dass die Reform-Islamisten und Hardliner beide die totalitäre Diktatur mit unterschiedlichen Methoden stabilisieren wollen. Die elften Präsidentschaftswahlen sahen zwar aus wie Wahlen, aber demokratisch waren sie nicht. »Islamische Wahlen« nennen sie die iranischen Machthaber. Sie dienen lediglich der Mobilisierung der Bevölkerung, sie soll mit ihrer Teilnahme die Diktatur legitimieren. Von 686 Kandidaten, die sich um das Amt des Präsidenten beworben hatten, wurden nur acht zugelassen.

Hassan Rohani ist also keineswegs ein Reform-Islamist?

Nein. Sogar Ex-Präsident Khatami, der ursprünglich dazu aufgerufen hatte, ihn zu wählen, bat vor einigen Tagen Ahmadinedjad, die Reform-Islamisten Mehdi Karoubi und Mir-Hussein Moussavi aus der Haft zu entlassen, weil dies von Hassan Rohani nicht erwartet werden könne. Rohani war seinerzeit absolut gegen die grüne Bewegung, die sehr bunt war. Auch die Demonstranten der Demokratiebewegung der Jahre 1989 und 1999 hatte er schon als »Verräter« bezeichnet.

Rohani hat sich vorgenommen, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Kann er das?

Rohani selbst hat kürzlich gesagt, dass kein iranischer Präsident vor dem Amtsantritt mit so großen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert gewesen sei, weshalb man die Erwartungen an ihn herunterschrauben solle. Da er im Atomprogramm – das von Revolutionsführer Ali Khamenei definiert wird – auf das Anreicherungsprogramm nicht verzichten will, werden die Sanktionen nicht aufgehoben werden. Die Ursache der sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Iran liegen ohnehin viel tiefer. Schon vor den Sanktionen wurden die gesamten Öleinnahmen in das Rüstungs- und Atomprogramm gesteckt, statt dass man sich daran gemacht hätte, soziale Probleme zu lösen.

Was ist mit den Menschenrechten?

Davon will Rohani nichts wissen. Er ist kein Demokrat. Er verteidigt das Strafgesetz und will lediglich Freiheiten im Rahmen der existierenden Strafgesetzgebung – eine Gesetzgebung, die die Todesstrafe für Menschen fordert, die angeblich die nationale Sicherheit des Landes gefährden, wozu auch Frauen- und Menschenrechtler gehören können. Für ihn bedeutet die Ausübung der Scharia-Gesetze die Realisierung der »islamischen Menschenrechte«. Auch die Amputation von Gliedern wird nicht als Folter verstanden, sondern als »Menschenrecht«. Rohani verteidigt die Steinigung, die systematische Verfolgung von Bahai, die Zwangsverschleierung der Frauen oder die Hinrichtung von Homosexuellen. Die Verfassung und die Strafgesetzgebung des Iran stehen diametral entgegengesetzt zu westlichen Vorstellungen von Menschenrechten, und Rohani stellt sie nicht infrage. Er wusste als Mitglied des Obersten Sicherheitsrates seit 1989 höchstwahrscheinlich auch von allen Terroranschlägen, die der Iran im Ausland verübt hat.

Der geistliche Führer Ajatollah Khamenei ist der mächtigste Mann im Iran. Kann er wichtige politische Entscheidungen allein treffen, oder gibt es Personen oder Gruppen, deren Interessen er berücksichtigen muss?

Die »Islamische Republik Iran« ist eine totalitäre Massendiktatur, eine Führerdiktatur, die mit Hilfe von totalitären Organen gestützt wird. Um Khamenei herum sind totalitäre Institutionen, wie der Nationale Sicherheitsrat, in dem Rohani seit über 20 Jahren hohe Posten hat, oder der Wächterrat und persönliche Berater, die ihm natürlich bei seiner Entscheidungsfindung helfen, wenn es etwa darum geht, wer im Ausland mit Hilfe der Hisbollah hingerichtet wird, wo Bomben gelegt werden oder wie man das Atomprogramm forcieren kann.

Im syrischen Bürgerkrieg unterstützt Teheran das Assad-Regime. Ist das der verzweifelte Versuch eines international isolierten Regimes, einem seiner wenigen Verbündeten beizustehen? Oder stärkt der Iran damit seine Position in der islamischen Welt, wäre demnach also in der Offensive?

Außenpolitisch handelt der Iran rein machtpolitisch und ist bestrebt, die »islamische Revolution« zu exportieren, also den Terrorismus zu finanzieren und Terrororganisationen aufzubauen. Hauptsächlich richtet sich dieser Terrorismus gegen Israel und die Juden, gegen Amerikaner und westliche Soldaten. Beispielsweise hat der Iran jahrzehntelang sunnitische und sogar linke palästinensisch-militante Terrorgruppen finanziert und zu Konferenzen nach Teheran eingeladen, obwohl sie nicht schiitisch waren. Assads Regierung ist auch nur eine alawitische, das heißt eine Abspaltung der Schia. Die Machthaber der »Islamischen Republik Iran« haben aber ein besonderes Problem mit Israel. Es geht hier um nicht weniger als die islamistische Staatsdoktrin. Sie haben die fixe Idee, Jerusalem zu »befreien«. Deswegen würden sie sich vielleicht mit der US-Regierung an einen Tisch setzen, aber niemals mit der israelischen. Sie wollen Israel als Staat nicht akzeptieren, sondern dessen Untergang und Zerstörung. Syrien ist vor diesem Hintergrund für den Iran relevant als ein geostrategisch wichtiges Land für den Export des Terrorismus, eine Militärbasis und Transitland für die Lieferung von Waffen an die libanesische Hisbollah.

Welche Rolle spielen im Iran radikale religiöse Geheimorganisationen wie die Hojjatieh oder klerikale Zentren wie die Universität Qom?

Die Hojjatieh ist eine Anti-Bahai-Gruppe. Sie ist in den diktatorischen Institutionen tief verwurzelt und verankert. Die »University of Religions and Denominations« (URD) in der Stadt Qom, eine islamistische Kaderschmiede, spielt ebenfalls eine schlimme Rolle. Inzwischen ist bekannt geworden, dass das iranische »Ministerium für Erziehung« Lehrer aus dem ganzen Land nach Qom schickt, um diese dort in Anti-Bahai-Propaganda zu unterweisen. Diese Lehrer setzen dann insbesondere Bahai-Schüler unter Druck, damit diese zum Islam konvertieren. Die Bahai International Community (BIC) hat im März 2013 einen neuen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen gegen die Bahai im Iran veröffentlicht. Es werden über 300 Fälle dokumentiert, in denen seit 2005 Schüler zur Konversion gezwungen werden sollten. In vielen Fällen wurden Schulkinder dazu aufgefordert, ihre Religion vor der Klasse zu kritisieren und zum Islam zu konvertieren. Schulkinder und ihre Eltern haben oft Angst, über solche Erlebnisse zu berichten, weil sie befürchten müssen, noch mehr öffentlich drangsaliert zu werden. Erschreckenderweise arbeitet die Universität Potsdam mit der URD zusammen, und die Universitätsleitung und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) verteidigen das auch noch.

Ist die Verfolgung der Bahai in den letzten Jahren verschärft worden?

Seit mehr als drei Jahrzehnten werden die Bahai in der »Islamischen Republik Iran« systematisch verfolgt. Seit 1979 wurden über 200 Bahai hingerichtet, Hunderte wurden inhaftiert und gefoltert. Zehntausende dürfen nicht arbeiten. Bahai dürfen nicht studieren. Die Bahai werden vom islamistischen Regime als eine »häretische Sekte« bezeichnet, obwohl unter Experten fast unumstritten ist, dass sie Anhänger einer neuen Weltreligion sind, die in demokratischen Staaten respektiert wird.

Wie viele iranische Bahai sitzen wegen ihrer Religion im Gefängnis?

Von Anfang 2005 bis Ende 2012 wurden mehr als 660 Bahai verhaftet. Etwa 300 der verhafteten Personen bekamen Gefängnisstrafen. Im März 2013 waren noch etwa 115 Bahai in Haft. Weitere 140 warten auf Gerichtsurteile und etwa 280 Personen warten auf ein Gerichtsverfahren. Seit 2009 gibt es für den landesweiten Kampf gegen »Bahai, Sufis und Teufelsanbeter« sogar ein festes Budget im Staatshaushalt.

Teufelsanbeter?

Ja, als Teufelsanbeter werden vom iranischen Staat beispielsweise Jugendliche bezeichnet, die Heavy-Metal-Musik hören.

Wie äußert sich die Verfolgung der Bahai im Alltag?

Seit 2002 werden die Universitäten streng kontrolliert, damit kein Bahai sich an den Zulassungsprüfungen beteiligen kann. Der Ausschluss von den Hochschulen bleibt eine gängige Praxis. Zwar wurde Ende 2003 erklärt, dass die Religionszugehörigkeit bei den Bewerbungen an den Universitäten keine Rolle spiele. Aber es wurde sehr bald deutlich, dass die Bahai dennoch nicht an den Universitäten studieren können. Denn die Bahai-Religion wird überhaupt nicht als Religion anerkannt. Seit Jahren wurden die Bahai gezwungen, eigene private Universitäten aufzubauen, die Fernstudien auch mit Lehrkräften aus dem Ausland anboten. In den letzten Jahren wurden einheimische Lehrkräfte engagiert, die dem Regime jedoch als Kriminelle gelten. Ein islamisches Revolutionsgericht verurteilte im Oktober 2011 sieben dieser Hochschullehrer zu Haftstrafen zwischen vier und fünf Jahren.

Ist nur die Regierung den Bahai gegenüber feindlich eingestellt oder auch Teile der Bevölkerung?

Die Masse reagiert auf die Hasspropaganda manchmal prompt, immer wieder werden Häuser von Bahai-Familien zerstört oder in Brand gesetzt. Angriffe auf Bahai bleiben straflos. Zu den Tätern gehören übereifrige religiöse Fanatiker, die in den Gefängnissen als Wärter fungieren, Mitglieder der Bassij-Miliz und zivil gekleidete Geheimdienstler, die den Auftrag bekommen, zuzuschlagen und Dissidenten zu erniedrigen. Selbst einfache Bürger beteiligen sich an Angriffen auf Bahai. Es waren die staatlichen »Gewerkschaften«, die forderten, dass zwei Optikerläden, deren Besitzer Bahai waren, geschlossen werden müssten. Auch Kopierläden, die Bahai gehörten, wurden geschlossen. Vor allem Supermärkte sollen die Bahai nicht führen. Denn sie gelten als najis, als schmutzig, deswegen sollten Muslime bei ihnen nicht einkaufen. Bahai-Ärzte werden aus den Kliniken vertrieben. Muslime werden eingeschüchtert, um sie zu zwingen, ihren Kontakt mit Bahai abzubrechen. Der Hass der Islamisten macht vor den Toten keinen Halt. Viele Friedhöfe der Bahai wurden zerstört, Grabsteine wurden gestohlen, Bäume und Pflanzen ausgerissen.

Manche sprechen von einem Genozid an den Bahai. Ist dieser starke Begriff gerechtfertigt?

Ja. Gemäß dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofes ist die systematische Verfolgung der Bahai ein Verbrechen gegen die Menschheit. Die dort genannten Kriterien für ein solches Verbrechen lauten: »Verfolgung einer identifizierbaren Gruppe oder Gemeinschaft aus politischen, rassischen, nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gründen, Gründen des Geschlechts … oder aus anderen nach dem Völkerrecht universell als unzulässig anerkannten Gründen im Zusammenhang mit einer in diesem Absatz genannten Handlung oder einem der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofs unterliegenden Verbrechen.« Auch Artikel 6 des Statuts über den Genozid trifft auf das Vorgehen gegen die Bahai zu. Dort heißt es, dass von Genozid immer dann gesprochen werden kann, wenn Mitglieder einer religiösen Gruppe getötet werden, wenn sie körperlich oder psychisch ernsthaft verletzt werden oder wenn die physische Zerstörung von Teilen der Gesellschaft oder ihrer Gesamtheit beabsichtigt wird. In Anbetracht der Tatsache, dass das khomeinistische Regime die Vernichtung der Bahai-Gemeinde im Iran systematisch durchsetzen will, mit Erfolg auch die gesamte administrative Struktur der Gemeinde zerstört und Tausende in ihrem Recht auf Eigentum, Bildung, berufliche Tätigkeit und persönliche Freiheit gänzlich eingeschränkt hat, kann man von einem Genozid sprechen. Denn ein Genozid findet in einem Prozess statt, dem die iranischen Bahai gegenwärtig ausgesetzt sind. Keine andere Minderheit ist einer solchen systematischen Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt, dennoch schauen die europäischen Regierungen tatenlos zu und verfolgen ihre nationalegoistischen Wirtschaftsinteressen.

Wie ist die Situation der Christen, Sunniten und Juden im Iran?

Christen und Juden sind keine einheitlichen Gruppierungen. Die traditionellen Christen und Juden sind unzufrieden, passen sich aber an. Sie verstehen sich primär als Angehörige ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaft, besonders die Juden. Wenn ein Jude sich mit Israel solidarisiert oder wenn ein Muslim Christ wird, ist er gefährdet. Sunniten als eine islamische Gruppierung dürfen weder einen Präsidentschaftskandidaten stellen noch eigene Moscheen betreiben. Neben den von Ihnen genannten Religionsgruppen werden auch die Sufis im Iran verfolgt und diskriminiert.

Was könnte der Grund dafür sein, dass westliche Regierungen und Medien der Lage unterdrückter Minderheiten im Iran noch viel weniger Aufmerksamkeit schenken als etwa im Falle Chinas? Was kann und sollte der Westen tun?

Ein Grund ist sicherlich die wirtschaftliche Bedeutung des iranischen Markts, der gute Investitionsmöglichkeiten bietet. Die deutsche Wirtschaft könnte darauf verzichten, tut es aber nicht. Dann ist da noch das sicherheitspolitische Problem. Beispielsweise verbieten die Europäer nicht die Hisbollah komplett, weil sie Angst haben vor den Reaktionen des Iran, vor dem Terrorismus. Der Westen und konkret Europa sollte die Welt nach eigenen Maßstäben der Demokratie, Menschenrechten und Freiheit behandeln. Das könnte den Minimalkonsens für den politischen Frieden weltweit bieten, den wir brauchen. Die Europäer interessieren sich nicht wirklich für die Freiheit im Iran. Sie schimpfen zwar gerne auf die Amerikaner, die in den 1960er- und 1970er-Jahren Diktaturen unterstützten, aber Europa unterstützt die heutige islamistische Diktatur im Iran und profitiert davon. Dies wird sich historisch rächen.

* Wahied Wahdat-Hagh, Diplom-Soziologe und -Politologe, wurde 1957 in Ludwigsburg geboren. Er ist deutscher Staatsbürger und hat seine Kindheit in Teheran verbracht. Wahdat-Hagh war Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Fachhochschule, an der Fachhochschule für Recht und Verwaltungspflege in Berlin und am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin. Seit 2006 arbeitet er für die European Foundation for Democracy (EFD). Zudem ist er Mitglied des auf Beschluss des Deutschen Bundestages eingerichteten Expertenkreises Antisemitismus. Jüngste Buchveröffentlichung: Der islamistische Totalitarismus – über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der »Islamischen Republik Iran«, Frankfurt/Main u.a. 2012.

Das Interview erschien zuerst in der Schweizer Monatszeitschrift factum und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion, des Autors und des Interviewpartners wiedergegeben.


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Gefunden: Denken ohne Geländer August 8, 2013 | 11:32 am

Hat jemand einen Mitschnitt der Langen Nacht über Hannah Arendt?

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Von der Nutzlosigkeit, seine Bevölkerung nicht zu bespitzeln July 19, 2013 | 07:49 pm

Die aktuellen Affären um die weitreichende Bespitzelung praktisch Aller durch praktisch jeden, der es kann, ödet mich an, was man meinen dürren Worten gleich anmerken wird.

Die einzige Frage, die mich in diesem Zusammenhang halbwegs interessiert ist: Was hätte eigentlich ein Staatsapparat davon, seine Bevölkerung bzw. seine Konkurrenten nicht zu bespitzeln?

Dazu fällt mir nur ein:

  • Vielleicht spart es Geld. Das wird jedoch fragwürdig, wenn die Konkurrenz etwa durch Industriespionage Vorteile erringt oder durch Auskundschaften des eigenen Waffenarsenals gezielter planen kann.
  • Vielleicht mag die eigene Bevölkerung den Staatsapparat etwas lieber oder hasst ihn etwas weniger, was legitimatorisch nett wäre (sofern die tatsächliche Nicht-Bespitzelung auch von den Betroffenen geglaubt wird, was zweifelhaft ist, weil ja niemand als Naivling dastehen will). Gerät man jedoch gerade dadurch, dass Konkurrenten besser informiert sind, ins (auch materielle) Hintertreffen, kann ein in der Folge verarmendes Staatsvolk dem vielleicht gar nicht mehr so viel abgewinnen. Natürlich wird dieses Staatsvolk nicht auf der Straße für eine Erhöhung des Geheimdienstetats demonstrieren, aber doch die Abwahl der eigenen Regierung forcieren, was ein Grund dafür ist, dass neugewählte Regierungen, auch nominell linke, so selten ihre Schlapphüte in Rente schicken.

Kurz gesagt, ich kann mir einfach keinen plausiblen Grund vorstelle, warum ein Staatsapparat seine Bevölkerung und seine Konkurrenz nicht bespitzeln sollte, was das Zeug hält. Skandale wie der aktuelle sind wahrscheinlich immer noch weniger kostspielig als das, was passieren würde, stiege man unilateral aus dem Spiel aus.


Das Arschgeweih des Feuilletons July 2, 2013 | 11:10 pm

Dass der Antisemitismus der Sozialismus der dummen Kerls sei, ist ein schon länger bekanntes Diktum, das gemeinhin August Bebel zugeschrieben wird (wiewohl Bebel selbst den österreichischen Politiker Ferdinand Kronawetter als Urheber nannte). Diese These hat fraglos ihre unbedingte Berechtigung, doch der Antisemitismus erschöpft sich darin nicht, er ist noch weit mehr: der völkische Kitt der formierten Gesellschaft, das Rauschmittel der Enthaltsamkeitsapostel, die Gesinnung der Besinnungslosen – und das Arschgeweih des Feuilletons (also der – vermeintlich – klugen Kerls), wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Printausgabe vom 2. Juli eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.* Dort ist nämlich in der Rubrik »Das politische Buch« ein Beitrag von Heiko Flottau erschienen, der die Überschrift »Der Niedergang des liberalen Zionismus« trägt und sich mit zwei unlängst veröffentlichten Publikationen zum jüdischen Staat befasst: »Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft« von Peter Beinart und »Staatsraison? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet« von Werner Sonne.

Die Rezension selbst ist dabei noch nichts, was man in Bezug auf die Thematik nicht ohnehin von dieser Zeitung kennt und gewohnt ist: »Welchen Charakter hat dieses Israel heute, für dessen Bestand die Bundesrepublik seit mehr als einem halben Jahrhundert Milliardensummen ausgibt?«, fragt Flottau vor allem rhetorisch, bevor er den amerikanischen Politikwissenschaftler Beinart und den früheren ARD-Korrespondenten Sonne genau jene Antworten geben lässt, die der gemeine SZ-Leser erwartet: An die Stelle »jüdischer Ohnmacht« sei »jüdische Macht« und vor allem deren »Missbrauch« getreten, weshalb die Juden mit sich »ins Gericht gehen« sollten, statt weiterhin eine »großisraelische Versuchung« zu unterstützen und dafür auch noch Hilfe aus Deutschland in Anspruch zu nehmen. »Wie im Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel könnte auch im Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel etwas ›falsch laufen‹«, beschließt Flottau in eigenen Worten seinen Text – und dass dieser Satz nicht nur die Forderung nach einem Ende der finanziellen und militärischen Unterstützung Israels einschließt, sondern ein Plädoyer für noch drastischere Maßnahmen ist, ist bereits zuvor so klar geworden, dass es nun gar nicht mehr ausgesprochen werden muss.

Was den Beitrag selbst für SZ-Verhältnisse in besonderem Maße unappetitlich werden lässt, ist seine Bebilderung, genauer gesagt: die Kombination aus Bild und Bildunterzeile in Verbindung mit der Überschrift. Das Bild ist eine Schöpfung des Künstlers Ernst Kahl, die ein mit großen, spitzen Ohren, breitem Maul, Raffzähnen und Hörnern ausgestattetes, dämonenartiges Wesen zeigt, das Messer und Gabel in den Pranken hält und finsteren Blickes darauf wartet, dass ihm das Essen an das Bett gebracht wird, in dem es liegt. Vor diesem Wesen steht eine Frau mit einem gedeckten Tablett und umgebundener Schürze, offenbar eine Art Hauswirtschafterin des Dämons. In der Bildunterzeile heißt es: »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.« So sieht er also aus, der »Niedergang des liberalen Zionismus«.

Ernst Kahl hatte das Bild vor vielen Jahren für die Zeitschrift Der Feinschmecker angefertigt, in einem völlig anderen Zusammenhang, ohne jeden Bezug zum jüdischen Staat. Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen hat er dann auch sein Entsetzen über die Zweckentfremdung durch die Süddeutsche Zeitung zum Ausdruck gebracht und erklärt: »Ich wäre gern vorher gefragt worden. Dann hätte ich mit Sicherheit Nein gesagt.« Doch Kahl wurde nicht gefragt, und so verwandelte das Münchner Blatt sein Bild durch die entsprechende Kontextualisierung und die Bildunterschrift in eine Karikatur im Stürmer-Stil; zu sehen ist jetzt »der hässliche, gefräßige Jude, ein Moloch in Menschengestalt, der im Begriff ist, sich die Welt einzuverleiben«, wie Henryk M. Broder schreibt. Israel, der »Jude unter den Staaten« (Léon Poliakov), wird also buchstäblich dämonisiert.

Franziska Augstein, die Verantwortliche für die SZ-Rubrik »Das politische Buch«, sieht das gleichwohl anders; sie glaubt, dass die Bildunterschrift gerade nicht dafür sorgt, dass Kahls Bild antisemitisch aufgeladen wird. Doch da irrt sie gründlich. Schon die ersten beiden Sätze – »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt« – erinnern frappierend an eine Aussage, die Augsteins Halbbruder verdientermaßen einen Platz in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers eingebracht hat. »Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen«, hatte Jakob Augstein in seinem von Spiegel Online veröffentlichten Beitrag mit dem Titel »Die deutsche Atom-Lüge« geschrieben und damit die alte Mär von den Juden wiedergekäut, die sich die Welt und insbesondere die Deutschen untertan machen. In Kahls Bild wird »Deutschland«, so legt es die SZ nahe, durch die Dienerin des Teufels verkörpert.

Die anderen beiden Sätze in der Bildunterzeile haben es ebenfalls in sich. »Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch«, heißt es dort weiter – und einmal abgesehen davon, dass »Israels ärgste Feinde solche ehrenwerten Sozietäten wie die Hamas, die Hisbollah und die iranischen Mullahs« sind, wie Broder hervorhebt, ist es gerade das zweckentfremdete, markant platzierte, einen gefräßigen Moloch zeigende Bild, mit dem die SZ erstens suggeriert, dass Israels Feinde Recht haben (eine andere Deutung scheidet hier schlichtweg aus, weil auch der Artikel selbst sie bestätigt), und sich zweitens dezidiert in die Phalanx dieser Feinde einreiht. »Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist«, lautet der letzte Satz der Unterzeile – und weil Beinart nicht die Feinde kritisiert, sondern Israel, sagt dieser Satz nichts anderes aus, als dass der jüdische Staat selbst schuld am Judenhass ist. Noch so eine alte antisemitische Legende, mit der die Judenhasser Notwehr geltend machen zu können glauben.

»Nachdem das Bild zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen«, versucht Franziska Augstein derweil abzuwiegeln. Schließlich solle ja »über den Artikel diskutiert werden, nicht über die Bebilderung«, und der Text von Heiko Flottau »über zwei Israel-Bücher, deren Autoren für die Demokratie in Israel fürchten«, lohne »das Lesen und die Debatte«. Was aber, wenn da jemand in Augsteins Beritt Flottaus Beitrag gar nicht miss-, sondern im Gegenteil völlig richtig verstanden, in der Bildunterschrift präzise zusammengefasst und – so viel Demagogie genehmigen sich Judenfeinde nun mal – unter hinterhältiger Instrumentalisierung eines keineswegs israelfeindlichen Künstlers pointiert bebildert hätte? Was also, wenn da jemand einfach etwas zu offensiv mit dem Konsens der Süddeutschen Zeitung umgegangen wäre und ausgeplaudert hätte, was die »Israelkritik« in Wahrheit speist, gebe sie sich auch noch so sehr als »Furcht« um den »demokratischen Charakter Israels« aus? Honi soit qui mal y pense.

*Nachtrag (4. Juli 2013): In zwei E-Mails an Lizas Welt legt Johan Schloemann, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Wert auf die Feststellung, dass die von Franziska Augstein verantwortete Rubrik »Das politische Buch« nicht zum SZ-Feuilleton gehört, sondern bei der Innenpolitik »ressortiert«. Zwar finde er die kritisierte Seite ebenfalls »ganz schlimm«, doch sei sein »Hinweis auf die Zuständigkeit der verschiedenen Ressorts, die in großer Unabhängigkeit voneinander arbeiten, gerade nicht nur ein formaler, sondern einer, der die Stoßrichtung Ihres Textes betrifft«. Ich habe Schloemann daraufhin dies geantwortet: »Wenn mich nicht alles täuscht, ist ›Das politische Buch‹ ein feuilletonistisches Format, das seinen Platz aus nachvollziehbaren Gründen im Kulturteil der SZ hat (und eben nicht im Bereich Innenpolitik), gleich hinter dem Teil, der auch redaktionsoffiziell mit ›Feuilleton‹ überschrieben ist. Es mag ja sein, dass diese Rubrik formal woanders ›ressortiert‹, aber das ist für meine Kritik unerheblich, weil es mir nicht um die internen Zuständigkeiten der SZ ging, sondern um eine, sagen wir ruhig: Genrekritik. Ich verstehe ja, dass es Ihnen peinlich ist, wenn eine Kollegin, die formal zu einem anderen Ressort gehört, Ihre Gattung in Verruf bringt. Aber das lässt sich nicht einfach durch den Hinweis darauf, dass die Betreffende in einem anderen Großraumbüro ihren Dienst versieht, aus der Welt schaffen. Wenn Sie die Seite also tatsächlich so schlimm finden, wie Sie schreiben, sollte die Adressatin Ihrer Klage dann nicht eher Frau Augstein sein als ich? Im Übrigen – und auch das ist, wie ich hoffe, in meinem Text deutlich geworden – ist die Art von ›Israelkritik‹, wie sie nun auf der Seite ›Das politische Buch‹ zum Ausdruck gebracht worden ist, ressortübergreifend charakteristisch für die SZ.«


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Vom Lager, dem Ausnahmezustand und der Anstößigkeit des Denkens March 26, 2013 | 05:45 pm

Nachtrag zum Poststrukturalismus:

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben gehört seit zehn Jahren zur Avantgarde seines Faches und wird auch in popkulturellen Zusammenhängen immer wieder zitiert und diskutiert. Mit seinen Schriften hat Giorgio Agamben in der Philosophie „die pole position eingenommen, die seit dem Tod Michel Foucaults vakant ist“. So hat es der Literaturwissenschaftler Anselm Havelkamp formuliert. Wie Michel Foucault ist Giorgio Agamben ein lästiger, sperriger und unbequemer Denker. Seine Texte sind so begeisternd wie anstößig, so anregend wie unbehaglich. [via]

Download: via BR2 | via RS.com (0:52 h, 48 MB) | Manuskript

Ebenfalls von Sammy Khamis via Bayern2 über Agamben, etwas älter:

Die Brutalität der Realität

„Die souveräne Macht und das nackte Leben“ ist der Titel eines Buches des Philosophen Giorgio Agamben. Dem italienischen Denker geht es vor allem darum zu zeigen, wie sich unsere zeitgenössische, angeblich aufgeklärte Gesellschaft ihre eigenen totalitären Strukturen geschaffen hat. Solange es Macht gibt, so eine seiner Thesen, wird es Verbrechen wie den Holocaust und Lager wie Guantanamo geben. Sammy Khamis stellt Giorgio Agamben vor. [Weitere Infos]

Download: via BR2 | via RS.com (0:26 h, 24 MB) | Manuskript

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Meditation, ein endloser Spaziergang um den Block March 5, 2013 | 01:14 pm

Über Meditation wird haupsächlich Gutes geschrieben, egal ob sie christlich, hinduistisch oder buddhistisch geprägt ist. Ihre Nützlichkeit wird kaum bezweifelt, die Meditationspraxen zugrundeliegenden philosophischen Ideen werden kaum kritisiert. Mir ist keine kritische Sozialgeschichte der Meditation bekannt.

Wird soziales Elend oder Autoritarismus in religiös geprägten Ländern wie Indien oder Tibet kritisiert, kommt kaum jemand auf die Idee, die mit häufig widerlichen religiösen Ideen verknüpften Meditationspraxen – wie Buddhas Empfehlung an seine zölibatären Studenten, über Frauen als Sack voller Fäkalien zu meditieren – zahlloser leidender Menschen könnten eher einen Beitrag zum Fortbestand als zur Überwindung dieses Elends leisten. Tibetischen Eltern ihr Kind wegzunehmen und es dazu zu zwingen, viele Stunden am Tag über ein einziges Wort zu meditieren, wird wohl wirklich von vielen Menschen als Befreiung von weltlichen Zwängen betrachtet. Wenigstens ist es eine von der Armut der Eltern. Wer das christliche Klosterleben im Mittelalter romantisiert, möge an die Leibeigenen denken, die für die meditierenden Mönche schuften durften.

Im Zen-Buddhismus ist es eine beliebte Praxis, über paradoxe Aussagen (eine Hand, die klatscht etc.), die nicht auflösbar sind, zu meditieren. Es ist keine Auflösung erreichbar außer der, irgendwann zu realisieren, dass es keine Auflösung gibt. Und – wenn es gut läuft –  der Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, Gehirnschmalz an Dinge zu verschwenden, die völlig offenkundig zu nichts führen. Wer über Sinnfreies allzu lange nachdenkt, mag irgendwann auf die Idee kommen, dass die Befreiung vom Sinn Sinn macht, und dass das Nirvana ein gutes Ziel einer imaginären Reise abgibt. Man kann aber auch einfach gleich den Seitenausgang nehmen und sich Dingen widmen, die das eigene Leben oder gar das anderer Menschen verbessern. Die Idee der Illusionarität von Allem ist eine arg durchschaubare Illusion.

Yogis und Meditationsmeister sehen oft, wenn auch nicht immer, noch im fortgeschrittenen Alter recht gesund aus, was erst einmal beeindruckt. Wer einen Moment über die Gründe nachdenkt, wird schnell auf den Gedanken kommen, dass diese Menschen sich in der Regel von anderen dafür bezahlen lassen, viel Zeit für körperliches Training zu haben, von schwerer Arbeit befreit zu sein, viel frische Luft zu genießen etc.pp. Das erhöht die Warscheinlichkeit ungemein, mit 60 nicht so auszusehen, als habe man sein erwachsenes Leben im Büro oder am Schmelzofen verbracht. Auch spielt von vornherein ein Selektionseffekt eine Rolle: Wer als Yogi in spe nicht nicht den Anforderungen nahekommt, die potentielle Anänger an Körperbau, Hautbeschaffenheit, Bartwuchs etc. stellen, wird deutlich schlechtere Chancen haben, es im hartumkämpften spirituellen Gesundheitsbusiness zu etwas zu bringen.

Die Frage, ob Yoga, Meditation und anderes bei allem Brimborium gesundheitlich von Nutzen sein könnte: Hatha-Yoga ist nichts wesentlich anderes als eine Mischung aus Gymnastik, Atemtechnik und Entspannung sowie Ernährungsempfehlungen. Ein Nutzen kann daraus entstehen, dass vielleicht auch Menschen, denen die bewusste Förderung der eigenen Gesundheit zu banal erscheint, ihre Muskeln dehnen und sich ab und zu entspannen. Gleichzeitig fragt man sich jedoch, inwieweit Verluste an kognitiver Klarheit das Leben dieser Menschen wiederum negativ beeinflussen.

Ein großes Problem der Meditationsforschung liegt darin, dass ein beträchtlicher Teil der Forscher unbedingt herausfinden möchte, dass Meditation eine gute Sache ist, was der Qualität der Studien nicht eben zuträglich ist. Ein Großteil der bekannten Meditationstechniken scheint gesundheitlich keine besseren Ergebnisse hervorzubringen als ein Nickerchen, auch wenn von den Apologeten in Presse und Öffentlichkeit gerne etwas anderes behauptet wird. Wäre Meditation so fantastisch effektiv, müsste das relativ einfach nachweisbar sein.

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Etwas für die eigene Gesundheit zu tun ist gut. Ideal ist es, wenn man dabei nicht blöder wird und einen klaren, kritischen Kopf behält.Was kann man also tun? In keiner besonderen Reihenfolge und ohne den Anspruch, dass ich selbst auch nur irgend eine Kompetenz habe, meinen eigenen Ratschlägen zu folgen:

  • Gehe vor die Tür.
  • Dehne deine Muskulatur.
  • Frage dich, welche Bewegungen du nie oder selten durchführst, und beschäftige dich mit ihnen.
  • Bewege dich auf eine Art, die dir Spaß macht, und die deine Gelenke nicht zu sehr belastet.
  • Benutze deine höheren Gehirnfunktionen für viele verschiedene Dinge. Monotones Lösen von Sudokus bringt mit der Zeit immer weniger Nutzen, besser wäre eine progressive Beschäftigung mit mathematischen Themen, die einem schwerfallen.
  • Beschäftige dich mit Dingen, die dir in der Schule schwer gefallen sind. Dort winken die größten Verbesserungen.
  • Beschäftige dich mit Techniken systematischen Denkens.
  • Versuche, dich situativ in das Denken anderer Menschen hineinzuversetzen. Viele sind darin ohnehin gut, für die, die es nicht sind, winkt ein beträchtlicher Gewinn.
  • Mache Pausen, in denen du möglichst wenig tust, damit dein Gehirn, dessen Fähigkeiten begrenzter sind, als viele denken, Zeit zur Integration von Gelerntem hat und dein Körper sich entspannen kann.
  • Helfe anderen Menschen. Es klingt eigennützig, aber man ist oft derjenige, der davon am meisten profitiert. Wenn man jedoch zu sehr darüber nachdenkt, wie man sich damit gerade selbst etwas Gutes tut, sinkt der Ertrag wieder.
  • Finde einen für dich funktionierenden Mix aus Gewohnheiten, die dein Leben leichter machen, und neuen Erfahrungen, die deine Möglichkeiten erweitern.
  • Setze dir erreichbare Ziele, die dir immer wieder Erfolgserlebnisse verschaffen.

All diese Vorschläge haben einen für viele Menschen entscheidenden Haken: Man wird dadurch nicht zu etwas Besonderem, man kommt “Gott” nicht näher, man ist nicht auf einem “erhabenen” Weg, und wenn er auch ins Nichts führte.

Ich hätte diesen Text nicht geschrieben, hätte ich nicht selbst Jahre meines Lebens mit spirituellen Dingen vertrödelt, zum Glück ohne je elementare Zweifel überwinden zu können. Diese Zweifel wertschätzen zu lernen hat lange gedauert, auch und gerade weil sie mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht haben.


Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer March 3, 2013 | 01:21 pm

Tuvia Tenenboms Buch »Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise« gehört hierzulande zu den meistgekauften Sachbüchern. Gleichzeitig ist der Verfasser – über den die Süddeutsche Zeitung als »der Jude Tenenbom« und ein Gutachter des Rowohlt-Verlags als »jüdischer Hysteriker« spricht – das Ziel wütender Angriffe, die oft von Leuten kommen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Für Lizas Welt sprach Stefan Frank (Foto, rechts) mit Tenenbom (links) über die Ayatollahs des Rowohlt-Verlags, Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Fassung des Buchs, die Dummheit und Bösartigkeit deutscher Intellektueller, die Angst der jüdischen Gemeinden, das Reisen, Radfahrer und die Vorzüge des Apple-iPad.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Ihr Buch hätte eigentlich im Rowohlt-Verlag erscheinen sollen, der es auch schon beworben hatte. Dann aber weigerte sich der Verlag, das Buch zu drucken, und warf Ihnen vor, Sie seien »offenkundig ein jüdischer Hysteriker«. Hat das vielleicht auch etwas mit Joachim Fest, dem verstorbenen Vater des Verlagsleiters Alexander Fest, zu tun?

Tuvia Tenenbom: Joachim Fest hat bekanntlich die erste deutsche Hitler-Biografie geschrieben und dabei ganze drei von über tausend Seiten den Konzentrationslagern gewidmet. Er hat außerdem Albert Speer* geholfen, aus seinen Memoiren ein Buch zu machen. Das ist der Papa, und der Sohn ist wie der Papa. Als er mein Manuskript sah, hat er sofort Änderungen angeordnet: »›Club 88‹? Kein Deutscher interessiert sich für Neonazis. Raus! Jemand sagt: ›Ich mag keine Juden‹? Das ändern wir zu: ›Ich mag Israel nicht.‹« Und so weiter. Ich sagte ihm: »Sie sollten ein Redakteur im Iran unter den Ayatollahs sein.« Wir hatten also großen Krach.

Schließlich wollte Rowohlt den Vertrag auflösen und zwei Drittel des Vorschusses zurückhaben. Da sagte ich: »Hört zu, laut Vertrag müsst ihr mein Buch bis September 2012 auf den Markt bringen. Ich weiß, dass euch das nicht gefällt. Wenn ihr vertragsbrüchig werdet, dann (maliziös flüsternd) werde ich jüdische Anwälte aus New York holen und werde euch auf jeden Dollar verklagen, (sehr laut) Millionen und Abermillionen! Ich gebe euch fünf Minuten.« Nach vier Minuten rief der Rowohlt-Verlag an und sagte, dass ich das Geld nicht zurückzahlen müsse. So groß war dort die Angst vor den jüdischen Anwälten. Manchmal ist Antisemitismus doch zu etwas nütze.

Die amerikanische Ausgabe Ihres Buches trägt den Titel »I Sleep in Hitler’s Room«. Auf Deutsch heißt es: »Allein unter Deutschen«. Warum zwei verschiedene Titel?

Der eine Titel war meine Idee, der andere die des Suhrkamp-Verlags. Für gewöhnlich hat der Verleger das Recht, einen Titel auszusuchen, wie auch bei Zeitungen, wo es den Redakteuren vorbehalten ist, die Überschrift und die Unterüberschrift zu bestimmen. In New York hat der eine Titel funktioniert, für Deutschland ist ihnen der andere eingefallen, und ich finde, der ist für die deutsche Version sehr gut. Für »I Sleep in Hitler’s Room« gab es zwei Gründe: Zum einen habe ich tatsächlich in Hitlers Zimmer im Weimarer »Hotel Elephant« geschlafen, zum anderen fühlte sich Deutschland am Ende der Reise an wie Hitlers Zimmer.

In der englischen Version sagt Bild-Chef Kai Diekmann, wenn sich herausstelle, dass einer seiner Journalisten ein »anti-Semitic asshole« sei, werde er gefeuert. In der deutschen Fassung ist nur noch vom »Antisemiten« die Rede. Was ist mit dem »Arschloch« passiert?

Zwei Leute hatten das Recht, den Text vor der Veröffentlichung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen: Der eine war Helmut Schmidt, der andere Kai Diekmann. Als wir Kai Diekmann die englische Version sandten, stimmte er ihr zu. Er hat aber von Anfang an die Bedingung gestellt, auch die Übersetzung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen. Daraus hat er das Wort »Arschloch« dann gestrichen. Es war also nicht das Arschlochproblem des Übersetzers, sondern das Arschlochproblem von Kai Diekmann.

Ich fand es auch schade, dass in der Übersetzung die gesamte Episode mit Gabriele Gysi, der Schwester des bekannten Politikers, fehlt.

Bei Gabriele Gysi hat die ganze Sache mit den Persönlichkeitsrechten angefangen. Nachdem sie das englische Manuskript gelesen hatte, rief sie mich an und sagte: »Wenn du das veröffentlichst, bekommst du es mit meinen Anwälten zu tun.« Und sie schrie dabei. Da sagte ich zu ihr: »Gabi, selbst wenn es dir gelingt, Rowohlt daran zu hindern, das Buch zu drucken, dann habe ich immer noch einen Freund in Berlin, (mit gespielt maliziöser Stimme) und sein Name ist Kai Diekmann, er wird es in der Bild-Zeitung drucken.«

Daraufhin sagte Gabi zu mir: (mit komödiantisch erhobener Stimme) »Aber Tuvia, wir sind doch Freunde, nicht wahr? Ich liebe dich, liebst du mich nicht auch?« Ich sagte zu ihr: »Fuck you, du hast mir gerade mit Anwälten gedroht, hast mich angeschrien, und jetzt sind wir Freunde?! Du hast zugestimmt, das ist das, was du gesagt hast, und das ist alles, was ich weiß.« Wir haben es dann in der amerikanischen Fassung gedruckt, aber sie hat sich beschwert und gewonnen. Mir ist das egal.

Und Gabrieles Bruder, Gregor Gysi, wollte nicht über seinen »jüdischen Hintergrund« sprechen? Nicht, dass ich ein besonderes Interesse für die Verwandtschaft irgendeines Politikers hätte, aber ich frage mich, warum jemand schon vorab sagt, dass er darüber nicht reden will.

Ja, er hat zwei Bedingungen gestellt: dass das Gespräch politisch sein müsse und nicht persönlich und dass ich seinen jüdischen Hintergrund nicht erwähne. Da habe ich gesagt: »Das akzeptiere ich nicht, dann gibt es eben kein Interview.«

Was mag er so schlimm daran gefunden haben?

Das wusste ich auch nicht – bis wir in den Osten kamen. In einer Kneipe sagte ich zu Leuten, die Gysi wirklich gerne mochten, dass er jüdisch ist. Da sagten sie: »Unmöglich, er ist so ein netter Mensch.« Da wurde mir klar, dass viele Leute nicht wissen, dass er jüdisch ist. Und er ist ein Politiker, er weiß, dass er viele Unterstützer verlieren würde, wenn die Leute wüssten, dass er jüdisch ist. Das wurde mir erst klar, als ich es selbst gesehen und gehört habe und merkte: Ha, das hat also einen Grund! Ich stimme diesem Grund nicht zu, es ist der schlechteste, den man haben kann, aber Politiker sind selbstsüchtig, so ist das eben.

Rowohlt, WDR, Deutschlandradio, Süddeutsche Zeitung, Studenten, Gedenkstättenleiter: Bei vielen erschreckenden Erfahrungen, die Sie in Deutschland gemacht haben, spielen Menschen mit langem Bildungsweg eine Rolle. Sind Intellektuelle, was den Antisemitismus angeht, noch schlimmer als der Durchschnittsbürger?

Es sind die Schlimmsten, die es geben kann. Ich habe so viele Beispiele, eines davon ist ein Vertreter der Stadt Köln, der von seinen Kollegen »Außenminister« genannt wird, weil er für Außenpolitik zuständig ist. Er sagte zu mir: »Als Deutscher fühle ich Verantwortung für das, was mit den Juden passiert ist. Es ist die Mission meines Lebens, die Juden und den Staat Israel zu beschützen.« Da sagte ich zu ihm: »An Sie will ich mich erinnern, können Sie mir bitte Ihre Visitenkarte geben?«

Er hatte sie nicht dabei, also gingen wir zu seinem Büro. Dieser Mensch, der die Juden und den Staat Israel so sehr liebt, hat ein einziges Foto an der Wand hängen. Es zeigt ihn und Mahmud Abbas. Ich sah das Foto an und sagte: »Oh, Rabbi Mahmud Abbas!« Er erwiderte: »Gerade weil ich so viel Verantwortung für die Juden und den Staat Israel empfinde, ist es die Mission meines Lebens, die palästinensische Sache zu schützen.«

Ein anderes Beispiel: Eine deutsche Zeitung befragte mich nach meiner Meinung zum arabisch-israelischen Konflikt. Ich sagte: »Ich halte die derzeitige israelische Regierung für rassistisch, aber die Palästinenser sind noch rassistischer.« Was hat die Zeitung zitiert? Nur den ersten Teil des Satzes. Die Medien gaukeln Fairness bloß vor.

Ein weiteres Beispiel: Juliane Wetzel (vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin), eine Intellektuelle. Sie sagte, was ich über Deutschland von mir gäbe, sei »gefährlich«. Ich habe ihr daraufhin geschrieben: »Juliane, im Februar bin ich in Deutschland, lass uns öffentlich diskutieren.« Sie antwortete: »Das würde ich liebend gerne tun, aber im Februar habe ich keine Zeit.« Darauf schrieb ich ihr: »Nenn irgendein Datum im Jahr 2013, ich werde aus New York kommen und mit dir diskutieren.« Natürlich hat sie nicht geantwortet.

Das ist die Art von Intellektuellen, die zu mir kommen und sagen: »Ihr Buch ist sehr subjektiv!« Ich sage: »Sie nicht? Sind Sie nicht menschlich? Sind wir nicht alle subjektiv? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, zu entscheiden, was subjektiv ist, und zu sagen: ›Sie sind subjektiv, ich nicht‹?« Ist Juliane Wetzel nicht subjektiv? Wie kommt es eigentlich, dass ihr Institut seit über 20 Jahren keinen Juden mehr an der Spitze gehabt hat?

Volkhard Knigge (Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, der zum Gespräch mit Tenenbom im T-Shirt der extrem antiisraelischen »Uganda-Bar« in Jerusalem erschien) ist ein Professor, ein anderer Intellektueller. Einer nach dem anderen. Lesen Sie die Intellektuellenmedien: Sie sind unvorstellbar antisemitisch – unter dem Deckmantel der Recherche, aber diese Recherche findet nicht statt.

Es ist ein Weißwaschen …

Ja, Weißwäsche und Gehirnwäsche, alles. Es gibt nichts Intellektuelles hinter dem, was sich so nennt. Wahrhafte Intellektuelle würden alle Quellen erkunden, aber das tun diese Leute nicht, es sind Pseudointellektuelle.

In einer Rezension der Jüdischen Allgemeinen wird Ihr Buch in die Tradition von Mark Twains Reiseberichten »Innocents Abroad« und »A Tramp Abroad« gestellt. Mich hat es auch daran erinnert. Waren diese Bücher Vorbild?

Sich selbst mit Mark Twain zu vergleichen, möchte ich anderen überlassen. Lassen Sie mich, da Sie das jüdische Ding erwähnt haben, lieber etwas anderes erzählen. Kürzlich war ich in der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Viele im Publikum haben mich und mein Buch lauthals kritisiert. Dann aber standen sie Schlange für mein Buch, so viele Exemplare pro Kopf haben wir sonst nirgendwo verkauft. Einer sagte: »Danke, dass Sie meine Lebensgeschichte (im Original: »life story«) geschrieben haben, danke, dass Sie zurückschlagen und unseren Kampf führen.«

Das sagten dieselben Leute, die vorher geschrien hatten. Sie haben Angst, Deutschland öffentlich zu kritisieren – und das in der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2013. Sie haben Angst, geächtet zu werden, wenn sie etwas sagen gegen das, was hier passiert. Das sagen sie im Privaten, manche flüstern sogar. Dass solch eine Angst existiert, ist ein Zeugnis von etwas sehr Faulem in dieser Gesellschaft. Verstehen Sie?

Nein, ich finde das verwirrend. Derselbe Mensch, der Sie laut kritisiert hatte, hat dann heimlich zu Ihnen gesagt: »Danke, dass Sie meine Love Story geschrieben haben«?

Life Story! Ja, das wäre ein guter Untertitel: »Allein unter Deutschen. Eine Love Story« (lacht).

Diese Leute erkennen also vieles aus dem Buch wieder und identifizieren sich damit?

Natürlich. Das ist das wahre Deutschland, der Antisemitismus.

Aber in der Öffentlichkeit …

… dürfen sie das nicht sagen, weil sonst niemand mehr mit ihnen reden würde.

Sie kritisieren Sie laut und haben gleichzeitig eine heimliche Liebe zu Ihnen?

Das ist es, was mit jüdischen Gemeinden passiert. Sie haben nicht den Mumm zu sagen, was ist. »Danke, dass Sie unseren Kampf führen« … Ich führe niemandes Kampf. Was ich mache, ist Journalismus, ich schreibe auf, was Menschen sagen. Aber die Leute (in der Jüdischen Gemeinde) haben Angst, in der Öffentlichkeit zu sagen: »Es gibt zu viel Antisemitismus hier.« Und das ist erstaunlich, dass es in einer demokratischen Gesellschaft solch eine Angst gibt zu sagen, was man fühlt, und seine Angst auszudrücken. Als die Leute dann zu mir kamen, waren sie sehr nett, einer hat mir sogar eine Schachtel Pralinen geschenkt.

Es gibt unter den so genannten Intellektuellen ein unausgesprochenes Einverständnis, dass es zwar ein – von ihnen nur vage beschreibbares – Phänomen namens Antisemitismus gibt, man aber niemanden einen Antisemiten nennen dürfe. Juliane Wetzel würde das Wort am liebsten ganz streichen. Sie sagt: »Es ist sowieso immer problematisch, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen.«

Was sind das für Leute, die so etwas sagen? Der Mann, der die »Jüdischen Kulturtage« organisiert – das kommt im Buch ja vor –, er ist selbst nicht jüdisch, er glaubt, dass alle Juden der Welt einander kennen und miteinander übereinstimmen. Das ist Antisemitismus von vorn bis hinten. Eine Frau sagte mir, die Aldi-Gründer seien Juden – in Wirklichkeit waren sie bei der Wehrmacht. Ich fragte die Frau, woher sie die Information habe. »Weil sie so reich sind.« So also ist es um die verdammten Intellektuellen bestellt. Es gibt keine Spur von Intellektualität in ihren Knochen.

Bei meiner Veranstaltung in Leipzig waren etwa 350 Leute, die meisten sehr jung. Und ein Journalist war da, der hat mein Buch bekämpft: »Was Sie schreiben, ist alles falsch!« Ich frage ihn: »Haben Sie mein Buch gelesen?« Er weiter: »Sie irren sich, alles falsch …« Ich musste ihn noch mehrmals fragen: »Haben Sie mein verdammtes Buch gelesen?«, bis er endlich zugab: »Ich habe es nicht gelesen, aber ich weiß alles darüber!« Shit, what the fuck are you? Was ist das für ein Gerede? Einige der Kritiker von den Topmedien sagen mir ins Gesicht: »Ich habe die ersten und die letzten fünf Seiten gelesen.« Und dann schreiben sie eine Rezension?!

Wo war Ihr Buch ein größerer Erfolg, in Deutschland oder den USA?

Da gibt es einen riesigen Unterschied. In den USA wurde es nicht von einem Verlag herausgebracht, sondern vom Jewish Theater of New York. Es wird nicht in Buchläden verkauft, sondern nur übers Internet. Es gab zehn unglaubliche Besprechungen, alle ausgezeichnet, und wir haben bislang sechs- oder siebentausend Exemplare verkauft. Für ein Buch, das man nicht im Buchhandel bekommt, ist das erstaunlich. Zumal sich die Intellektuellen in Amerika weigern, Antisemitismus zu bekämpfen, egal, ob in Deutschland oder in Polen, dafür fühlen sie sich nicht zuständig. So ist es überall in der westlichen Welt, das ist eine traurige Geschichte für sich.

Viel Zeit ist verstrichen seit Ihrer Reise durch Deutschland, und vieles ist seither passiert. Würden Sie das Buch heute anders schreiben, etwas hinzufügen, oder denken Sie, dass es Ihre Ansichten über Deutschland gut wiedergibt?

Es geht nicht um meine Ansichten, das ist es, was ich immer wieder sage.

Ist »Wahrnehmung« ein treffenderes Wort?

Nein, um meine Wahrnehmung geht es auch nicht. Das Buch ist ein Bericht über die paar Monate. Es geht darum, was die Leute sagen, ich kann daran nichts ändern. Das Wichtigste an dem Buch ist nicht das, was ich sage, sondern das, was die Leute sagen.

Irgendeine Wahrnehmung dieses Landes müssen Sie aber doch haben. Hat die sich geändert, seit Sie das Buch beendet haben?

Meine Ansicht über Deutschland hat sich während jener Reise geändert. Vorher habe ich über Deutschland nur das Beste gedacht, ich dachte, es sei einer der aufgeklärtesten Orte des Planeten. Die Reise zeigte mir, dass das nicht der Fall ist. Was seither passiert ist, hat traurigerweise alles bestätigt, was das Buch sagt. Es gab Versuche von Rowohlt, das Buch zu zensieren – aber jeder Tag bestätigt aufs Neue, was darin steht. Das ist traurig – ich wünschte, das wäre nicht der Fall, aber leider ist es so.

Gibt es andere Länder, die Sie vielleicht in Zukunft bereisen werden, um über sie zu schreiben?

Wenn Sie mich bezahlen, mache ich das. Ich tue das sehr gern, weil es sehr interessant ist, was die Leute wirklich denken. Nicht was die Zeitungen sagen, ist spannend, sondern es selbst herauszufinden, mit den Leuten tatsächlich zu reden. Antisemitismus hin oder her – es ist einfach eine erstaunliche Erfahrung, jeden Tag umherzulaufen, sieben Tage in der Woche, 14 oder 16 Stunden am Tag, zwischen den Städten herumzureisen und mit Leuten zu reden, die man nie zuvor getroffen hat und niemals wieder sehen wird, und sie zu fragen: Was denken Sie? Was fühlen Sie? Erzählen Sie mir über Ihr Leben! Da eröffnet sich einem das Menschsein. Nicht so wie bei Facebook, sondern wirklich.

Warum kommen nicht noch viel mehr Schriftsteller auf die Idee, so etwas zu tun?

Man muss entweder einen Verleger hinter sich haben oder sehr reich sein. Die Leute vom Verlag haben mich angerufen und gesagt, dass sie zahlen und ich meine Frau mitnehmen kann, das war großartig. Das alles kostet eine Menge Geld, und man will im Voraus wissen, dass das ganze Material am Ende auch von jemandem veröffentlicht wird. Das ist nicht so einfach.

War es schwierig, die Reise zu planen?

Nein. Einige Leute, die ich treffen wollte, hat meine Frau Isi vorher angerufen. Ansonsten aber war die Idee, dass ich mich führen lassen und nicht meinen Vorurteilen oder was auch immer folgen wollte. Ich treffe jemanden, interviewe ihn, und er sagt: »Warum gehen Sie nicht zu dem und dem?« Also wende ich mich an den und den. Was weiß ich über Oberammergau? Ich bin ja nicht einmal Christ, warum besuche ich plötzlich die Passionsspiele? Oder die VW-Autostadt? Weil irgendjemand mir davon erzählt hat.

Wer?

Die Leute. Irgendjemand. Ich frage: »Was meinen Sie, wo ich als Nächstes hingehen sollte?«, und bekomme zur Antwort: »Warum gehen Sie nicht zum Kirchentag?« Da diskutieren Katholiken und Protestanten, ob sie miteinander Brot brechen dürfen. Das sieht aus wie etwas, das sich vor 3.000 Jahren, sogar noch vor Jesus, zugetragen haben könnte. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert. Gott sei Dank, dass es die Deutsche Bahn gibt.

Das erinnert an eine Schnitzeljagd.

Genau. Das ist die Idee. Man muss es erlauben, dass sich die Dinge von selbst ergeben. Das tut man, wenn man wirklich die Wahrheit finden will. Wenn ich Pläne schmieden würde, müsste ich mir immer Sorgen über mich selbst machen, dass ich also diesen oder jenen nur deshalb getroffen habe, weil ich das aufgrund meiner Vorurteile so wollte. Da ich aber kein Pseudointellektueller bin, mache ich das nicht; so etwas tut man, wenn man für die Süddeutsche Zeitung arbeitet.

Wenn dir dann am Ende eines Tages acht von zehn Leuten irgendein dummes antisemitisches Zeug erzählt haben, dann kommst du zu dem Ergebnis, dass die Leute wohl so denken. Es ist auf eine Art wissenschaftlich, weil nicht du das Ziel vorgegeben hast, sondern der Zufall. Das ist die interessante Idee. Ich rufe nicht Menschen an, die der Computer zufällig ausgewählt hat, sondern gehe zu zufällig ausgewählten Leuten hin. Dann kann ich mit dir reden, und du sagst dann vielleicht als Erstes: »Ich liebe die Juden!« Und dann sage ich: »Okay, lass uns ein Bier trinken gehen!« Und nach dem dritten Bier sagst du vielleicht: »Die Scheißjuden haben so viel Geld.«

Wenn ich mit jemandem eine normale Umfrage mache, dann ist er ein Judenliebhaber. Aber wenn ich mich mit jemandem unterhalte, dann stellt sich heraus, dass er das nicht ist, sondern ein bekackter Antisemit. Die erzielten Ergebnisse unterscheiden sich signifikant: Rufst du jemanden an, dann weiß er, dass er korrekt sein muss. Er wird sich also nicht antisemitisch äußern, wenn er nicht gerade ein Neonazi ist. Um auf das dreckigste Zeug zu stoßen, muss man Leute treffen. So bekommt man ein besseres Bild von dem, was sie denken. Acht von zehn Antisemiten wissen gar nicht, dass sie Antisemiten sind. Fragst du sie: »Sind Sie ein Antisemit?«, sagen sie: »Ich? Nein!« Aber sie denken antisemitisch: »Sie sagten, Sie sind Jude. Warum stehlen Sie den Palästinensern das Wasser?« Das ist etwas, das sehr, sehr tief in der Kultur steckt.

Reden wir über eine andere Plage: Sind Radfahrer in Deutschland schlimmer als die in anderen Ländern?

Deutsche Radfahrer, besonders die in Hamburg, sind militant, militärisch. Man sollte sie nach Gaza schicken.

Sind es Nazis?

Sie benehmen sich ein klein wenig wie Nazis. Es ist lächerlich. Ich gehe auf dem Gehweg, mit zwei Koffern. Sie kommen und klingeln wie verrückt. »Fahr für eine Sekunde auf der Straße, du Schmock«, rufe ich. Nein, das machen sie nicht: »Mein Recht, das ist mein Recht!« Aber einmal habe ich sie gekriegt, auf einem Gehweg, wo man nicht mit dem Fahrrad fahren durfte. Da kamen sie wieder an und klingelten. Da habe ich gesagt: »Moment mal, das ist illegal, was Sie hier tun. Haben Sie das Schild nicht gesehen?« Da waren sie dann total angepisst (lacht).

Haben Sie das auf Deutsch gesagt?

Ja: »Fahrradfahren verboten hier! Entschuldigen Sie bitte!« (lacht). Sie waren sehr angepisst. Ja, sie sind sehr militant, aber ich bin wohl nicht der Einzige, der das sagt.

Ein Leitmotiv in »Allein unter Deutschen« ist Ihr Apple-iPad. Glauben Sie, dass es besser ist als vergleichbare Geräte von Samsung und anderen Herstellern?

Nun, ich bin ein Apple-Typ, ich habe Apple immer gemocht. Nein, halt, nicht immer. Früher, als ich als Informatiker gearbeitet habe, hatten wir normale IBM-Rechner. Als wir dann angefangen haben, mit Macintosh zu arbeiten, haben wir gemerkt, wie angenehm das ist. Manche Leute mögen Samsung lieber, die kaufen dann eben das Galaxy oder wie das heißt. Für mich sind die Einfachheit der Bedienung und der Service, der dabei ist, entscheidend. Und der Service, den Apple bietet, ist unglaublich.

Einmal war mein Computer am letzten Tag der Gewährleistung kaputt. Der Mann im Apple-Store sagte: »Ich kann ihn reparieren, aber er könnte wieder kaputt gehen. Sie können stattdessen auch einen neuen Computer bekommen und dazu ein Jahr lang gratis Reparaturen.« Ich: »Okay, geben Sie her!« Einen Tag vor dem Flug nach Deutschland gab es ein Problem mit dem iPad. Im Apple-Store sagte man mir, ich müsse es dalassen. Ich sage: »Sorry, das geht nicht, ich fliege morgen.« Da hat der Mann gesagt: »Okay, ich gebe Ihnen ein neues iPad.« Diese Art von Service ist außergewöhnlich.

* Als Rüstungsminister und Chef der Organisation Todt kontrollierte Speer ab 1942 Deutschlands und Europas Wirtschaft und war einer der nach Hitler mächtigsten Männer des »Dritten Reiches«. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er 1946 als Hauptkriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt, nach seiner Entlassung bis zu seinem Tod 1981 pflegte er engen Kontakt zu Joachim Fest.

Tuvia Tenenbom ist derzeit auf Lesereise in Deutschland. Die nächsten Termine: Sonntag, 3. März, 16.00 Uhr, Hamburg, Jüdische Gemeinde; Montag, 4. März, 17.00 Uhr, Köln, Domforum; Dienstag, 5. März, 20.00 Uhr, Bonn, Universität; Donnerstag, 7. März, 20.00 Uhr, Hamburg, Golem; Freitag, 8. März, 20.00 Uhr, Hamburg, Rote Flora. — Stefan Frank ist unabhängiger Publizist und hat unlängst sein neues Buch Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos veröffentlicht. Seit 2002 schreibt er über politische, ökonomische und historische Themen, unter anderem für Zeit Online, konkret, die Jüdische Allgemeine und das amerikanische Internetmagazin PJ Media.


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Pallywood und Photoshop February 23, 2013 | 12:08 am

In Anbetracht so mancher Nachricht könnte man glatt glauben, dass es auf der Welt einfach nichts Wichtigeres gibt, als die vermeintlichen Missetaten des israelischen Staates und seiner Armee anzuprangern, wie, wann und wo immer es geht. Genau 5.666 Fotografen hatten insgesamt nicht weniger als 103.481 Aufnahmen eingereicht, aus denen unlängst das »Pressefoto des Jahres 2012« ausgewählt wurde. Aber das Bild des Siegers ist keines aus dem Bürgerkrieg in Syrien, es ist auch keines über den Hunger in Afrika, vom Hurrikan »Sandy« oder von der Schuldenkrise in Südeuropa. Sondern vielmehr ein reichlich martialisches des schwedischen Fotografen Paul Hansen, das einen Trauerzug im Gazastreifen mit den Leichen von zwei, wie es heißt, bei einem israelischen Militärschlag gegen die Hamas getöteten palästinensischen Kindern zeigt. »Die Stärke dieses Bildes liegt in der Art, wie es die Wut und das Leid der Erwachsenen in einen Kontrast mit der Unschuld der Kinder setzt« – das hat nicht etwa ein Hamas-Funktionär gesagt, sondern Mayu Mohanna, ein Jurymitglied aus Peru. Kein Zweifel: Bei der nächsten pro-palästinensischen Demonstration hierzulande wird das Foto die obligatorischen »Kindermörder Israel«-Rufe illustrieren.

Michael Wuliger und Marco Limberg dürften jedenfalls nicht die Einzigen sein, die das Bild an die alljährlichen Karfreitagsprozessionen durch Jerusalem erinnert. »Darin und in seiner Farbgebung knüpft es auch an mittelalterliche christliche Ikonografie an«, schreiben die beiden Autoren in der Jüdischen Allgemeinen. »Die Assoziation, die es damit bei manchem westlichen Betrachter – gewollt oder ungewollt – auslöst, ist die des klassischen Pietà-Motivs: Maria hält den gekreuzigten Jesus in ihren Armen. Ist es polemisch, zu mutmaßen, dass in manchen Köpfen der Zusammenhang zu den Juden als Schuldigen, damals wie heute, sich da aufdrängt?« Keineswegs, und der Fotograf selbst hat dabei auch noch tatkräftig nachgeholfen: Hier ein bisschen den Hintergrund verwischt, dort ein wenig die Belichtung verändert – schon sieht das Setting ganz anders und erheblich dramatischer aus als etwa bei Hansens Kollege Naaman Omar.

Nun zeigen Bilder zwar ohnehin nie die Wirklichkeit, aber trotzdem – oder gerade deshalb – ist ihre Wirkung oft immens. Und gerade wenn es darum geht, Israel als abgrundtief bösartige Macht zu dämonisieren, die mit brutaler Gewalt die Palästinenser knechtet, werden Suggestion, Manipulation und sogar Fälschungen oft ohne nennenswerte Hemmungen eingesetzt. Grotesken wie jene um Mohammed al-Dura oder Tuvia Grossman sind keine Einzelfälle; Giulio Meotti erinnert für Arutz Sheva an viele weitere, und der italienische Fotograf Ruben Salvadori zeigt in seinem Projekt »Photojournalism Behind the Scenes« überaus eindrucksvoll, wie bereitwillig und schamlos viele Fotografen und Journalisten zu Inszenierungen bereit sind, wenn es darum geht, die Propaganda gegen den jüdischen Staat zu befeuern. Gestellte Szenarien, gezielte Dekontextualisierungen, absichtliche Dramatisierungen – kaum etwas fehlt. Und sollte später doch einmal ein Dementi folgen, dann vermag es nicht einmal ansatzweise den Schaden zu reparieren, den das Gerücht zuvor angerichtet hat.

Paul Hansens »Pressefoto des Jahres 2012« ist mindestens hinsichtlich seiner nachträglichen Bearbeitung eine »Pallywood«-Produktion; weitere Zweifel an der Aufnahme ergeben sich schon daraus, dass eine unabhängige und ungehinderte Prüfung dessen, was auf ihr zu sehen sein soll, in dem von einer antisemitischen Terrororganisation beherrschten Gazastreifen schlichtweg nicht möglich ist. Tote Kinder kommen der Hamas immer zupass, weil sie mit ihnen die vorgebliche Unmenschlichkeit der Israelis beweisen zu können glaubt; wie sie jeweils zu Tode gekommen sind, lässt sich normalerweise nicht seriös recherchieren. Die (vermeintlich) Getöteten werden stets als »Märtyrer« im Kampf gegen den »zionistischen Feind« behandelt, so auch die beiden Kinder auf Hansens Foto, wie die Bilder des Fotografen Sameh Rahmi zeigen: Auf ihnen sind die beiden Leichen in Hamas-Fahnen eingewickelt – bekanntlich nicht gerade ein Symbol der Unschuld, um es zurückhaltend zu formulieren. Da hilft dann auch keine Retusche mit Photoshop mehr.

Ich danke Elisabeth Lahusen für wertvolle Hinweise.

Zum Foto: Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006).

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Beitrags stand zu lesen, schon einmal habe ein mit einem Preis ausgezeichnetes Foto von Paul Hansen Fragen aufgeworfen und Kritik herausgefordert. Dabei ging es um ein Bild, das nach dem Erdbeben in Haiti vor drei Jahren aufgenommen und zum schwedischen »Foto des Jahres« in der Kategorie »Internationale Reportage« gewählt worden war. Hansen war damals in den Verdacht geraten, das Fotomotiv hinsichtlich seines Arrangements verändert zu haben, um ein noch anrührenderes Ergebnis zu erzielen. Recherchen ergeben jedoch, dass die Manipulationen erst nach Hansens Aufnahme vorgenommen wurden, was den erwähnten Verdacht haltlos werden lässt. Für diesen Text ist diese Information zwar nicht grundlegend, aber die journalistische Redlichkeit gebietet es selbstverständlich, nichts zu behaupten, was nicht stimmt oder sich nicht belegen lässt. Lizas Welt bittet um Entschuldigung für den Fehler und dankt suedwatch.de für die Aufklärung.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Pallywood en Photoshop.


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