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Blutrausch der Beliebigkeit February 2, 2014 | 04:36 pm

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder ist neuer Träger des »Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken«. Vergeben wird diese Auszeichnung alljährlich von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Stadt Bremen. Snyder habe »einen neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg geworfen«, heißt es in der Begründung der Jury. Doch so neu ist die Nivellierung der deutschen Verbrechen, die Snyder in seinem Werk Bloodlands betreibt, gar nicht. Torsten Schulz hat sich die Preisverleihung angesehen.


VON TORSTEN SCHULZ


Wie liest sich das?

»Beim Massaker von Oradour-sur-Glane wirkten Hitler und de Gaulle auf perverse Art zusammen; beide ignorierten das Kriegsrecht und eskalierten den Konflikt hinter der Front.«

NPD-Parolen, revisionistischer Stammtisch, Wehrmachts-Traditionsverein? Aber nicht doch – hier erklärt schließlich ein Professor der Yale University den Zweiten Weltkrieg neu. Setzen Sie nur für de Gaulle Stalin und für Oradour den Partisanenkampf in Weißrussland ein, und Sie haben eine wesentliche These aus Timothy Snyders Machwerk Bloodlands in seinen eigenen Worten: Der Partisanenkampf war illegitim. Nein, keineswegs nur das, was Wehrmacht und SS darunter verstanden – die Auslöschung ganzer Ortschaften vom Säugling bis zum Greis nämlich –, sondern ebenso auch der Widerstand dagegen.

Für diese Umdeutung ausgerechnet des Vernichtungsfeldzuges an der Ostfront in einen »Konflikt« letztlich wirtschaftlicher Natur – »Die von Hitler und Stalin angestrebten Transformationen waren ökonomisch«, lautet Snyders Resümee – hat die Stadt Bremen mit einem Festakt am 6. Dezember des vergangenen Jahres ihren einschlägig ausgerichteten »Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken« für das Jahr 2013 verliehen. Im Vorjahr hatte der Senat eine zu Recht weitgehend unbekannte Historikerin aus Israel ausgezeichnet, um mit ihrer Schützenhilfe (und im Verein mit der Heinrich-Böll-Stiftung) der Partnerstadt Haifa zu unterstellen, an ihr hafte bis heute der Makel der Vertreibung ihrer arabischen Ureinwohner. Diesmal wurde die willkürliche Definition einer räumlich-zeitlichen Todeszone prämiert, in der Stalins Terror und die Vernichtung der Juden Europas, unter anderem, so zur Deckung gebracht werden, dass sie wie »in einem blutigen Knäuel ineinandergeflossen« erscheinen (Gerd Koenen in seiner Laudatio).

Was die Stifter des Preises so für Snyder eingenommen hat, gibt Antonia Grunenberg für den Vorstand des Trägervereins schon in der Begrüßung unumwunden zu verstehen: Die zugrunde liegende Behauptung der »Wechselwirkungen von verschiedenen Genoziden« soll ein Geschichtsbild konstruieren helfen, auf dessen Basis dann »die Völker Europas einander ihre Leidensgeschichten erzählen« können. Was daran nicht passt, muss eben passend gemacht werden. Zum einen gilt es also, durch entsprechende Fokussierung zu suggerieren, die stalinistischen Kampagnen gegen angebliche politische Gegner und die sowjetische Hungerkatastrophe 1932/33 seien »Genozide« – vergleichbar mit den nationalsozialistischen – gewesen, auch wenn die Opfer sich genauso wenig einem ethnisierenden Muster zuordnen lassen wie die Täter einem anderen.

Zum anderen muss das singuläre Projekt der Vernichtung der Juden Europas innerhalb dieser »Genozide« verortet werden, was wiederum eine Annäherung über entsprechende Auslassungen und Beschränkungen nötig macht. Die Schnittmenge definiert das Territorium besagter Bloodlands: Polen, Weißrussland, die Ukraine und die baltischen Staaten sowie ein schmaler, nicht eindeutig abgegrenzter Streifen im Grenzbereich der Russischen Föderation – nach Snyder »einfach der Schauplatz, wo Europas brutalste Regime ihre Morde begingen«. »15 Millionen Tote durch Hunger, Massenvergasungen« – diese Klammer benutzt Karol Sauerland als Vertreter der Jury dann in seiner Begründung für die Preiswürdigkeit der Montage schon ganz selbstverständlich. Und: »Der massenhafte Tod durch Hunger war eine sowjetische Erfindung.« Bremen legt den »Historikerstreit« der 1980er Jahre neu auf, diesmal als Monolog. Was war demnach wohl ursprünglicher, die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion oder der deutsche »Generalplan Ost«? Na also!

Dass diese Ideen in der Fachwelt nach wie vor nicht ganz unwidersprochen dastehen, ist den Ausrichtern der Veranstaltung wohl bewusst. Mit »Diskreditierungen, ja, Anfeindungen« sei zu rechnen, ist sich Senator Lohse sicher. Eine fachliche Bewertung stehe ihm, als Naturwissenschaftler, nicht zu. Dabei wäre es durchaus ein Ausgangspunkt, skeptisch zu werden, wenn ein Geisteswissenschaftler zum Taschenrechner greift, um die Opfer der Shoa im wahrsten Sinne des Wortes auseinander zu dividieren: »Von den rund drei Millionen polnischen Juden, die im Holocaust ermordet wurden, starben nur etwa sieben Prozent in Auschwitz«, lautet die Rechnung, die Snyder in Bloodlands aufmacht. Nur etwa sieben Prozent – das scheint nicht wirklich viel, oder?

Demgegenüber sei aber eine »große Zahl« der Todesopfer keine Juden: »Etwa 74.000 nichtjüdische Polen und 15.000 sowjetische Kriegsgefangene starben in Auschwitz durch Hinrichtung oder Zwangsarbeit.« Wie viel sind wohl 89.000 bezogen auf die Gesamtzahl der 1,3 Millionen dorthin Deportierten? Jetzt dürfen Sie raten. Sieben Prozent, das kann viel oder wenig sein, je nachdem, wie der Professor die Zahl verwenden muss, um die Singularität der Vernichtung der europäischen Juden zu relativieren. Seine Wissenschaft ist anscheinend von der Sorte, die zuerst ihre Ergebnisse kennt, dann das Datenmaterial zusammenträgt, um sie zu belegen, und zuletzt die Maßstäbe entwickelt, die daran anzulegen wären. Das gilt für die Zahlenfuchserei um Details der logistischen Ausgestaltung der »Endlösung« wie für das Konzept Bloodlands in toto.

Timothy Snyder hat ein Gebiet gesucht, in dem Nazis Massenverbrechen verübt haben und Stalinisten auch – und dann genau das gefunden. Ein Zirkelschluss, der allerdings noch einen ganzen Strauß von Ausnahmen und Vernachlässigungen erfordert, um das beabsichtigte Bild zu erzeugen. Der Nordkaukasus beispielsweise wird genauso ausgeklammert wie alle übrigen Gebiete zwischen der Ostgrenze der deutschen Besatzung und jener der imaginären Blutlande. Sie hätten auch schlecht in den »gemeinsamen europäischen Rahmen« gepasst, der im Nachwort postuliert wird. In ihm soll erklärtermaßen über die Beschreibung des Ablaufs von Gräueltaten »die europäische Geschichte ihr zentrales Ereignis« erhalten.

Die Ermordung Hunderttausender Juden durch die rumänische Regierung hat darin allerdings keinen Platz. Die Verbrechen der Ustascha in Jugoslawien haben es auch nicht. Die Deportation ausgebürgerter Juden in die Ukraine, die Horthys Ungarn aus eigener Initiative anstrengte, wird erwähnt, wenn auch nicht so bezeichnet, die Deportation der ungarischen Juden ab Mai 1944 innerhalb weniger Wochen nach Auschwitz fälschlich den Pfeilkreuzlern – »Pfahlkreuzler« in der deutschen Ausgabe des Buches – zugeschrieben, die tatsächlich erst am 15. Oktober des Jahres an die Macht kamen. Die Pogrome, die sie auf ungarischem Territorium veranstalteten, kommen nicht vor. Der Nachkriegs-Pogrom im polnischen Kielce auch nicht. Der ganze Komplex »Vernichtung durch Arbeit« findet sich nur zwischen den Zeilen, wenn zum Beispiel nichtjüdische Auschwitz-Opfer gesucht sind. Praktisch für den deutschen Rezipienten: Sein Land ist nicht blutig, der Horror weit weg. Todesmärsche? Endphaseverbrechen? Fehlanzeige. Snyder zeigt nicht historische Zusammenhänge auf, er zerschneidet sie. Zivile Opfer auf der Flucht oder durch Vertreibung berücksichtigt er, soweit es sich um Deutsche handelt, sowjetische verschweigt er.

Wer von Bloodlands ernsthaft eine tiefere Einsicht in die Mechanismen der Massenvernichtung erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht. Die vielbeschworene »Kette eskalierender Massenmorde, die nur durch gegenseitige Wechselwirkung zu verstehen sind« (Laudator Koenen), besteht im Kern in folgendem behaupteten Zusammenhang: Stalin habe Hitler zunächst nicht aufhalten können und ihm damit die sowjetischen Kriegsgefangenen zur Ermordung ausgeliefert. Das Unvermögen der Nazi-Streitkräfte, die Sowjetunion vollständig zu zerstören, soll dann erst den Ausschlag für die planmäßige Vernichtung der Juden Europas gegeben haben – eine bloße Ersatzhandlung gewissermaßen. Der Zweck von Treblinka wäre es demnach gewesen, »ein schrumpfendes Rassenimperium von seiner jüdischen Bevölkerung zu säubern und so einen kleinen Sieg und seine grausigen Früchte zu ernten«. Das ist die Sichtweise, die Snyder mit Verweis auf den Kriegsverlauf nahe legen möchte.

Es kann schwerlich die der Nazi-Führung gewesen sein: Zum Zeitpunkt der Planung der Anlage und noch zu dem ihrer Inbetriebnahme im Juli 1942 war der deutsche Machtbereich keineswegs im Schrumpfen begriffen. Obendrein veranschlagt Snyder die Zahl der Opfer hier verhältnismäßig sehr niedrig mit »etwa 780.863«. Er hat es sich einfach gemacht und lediglich zwei Quellen addiert, die wesentliche ist das vom britischen Geheimdienst abgefangene sogenannte Höfle-Telegramm, das für sich schon auf eine Zahl von mindestens 713.555 Ermordeten zum Stichtag 31.12.1942 hinweist. Da war gerade erst der letzte Versuch gescheitert, die Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad aufzubrechen. Nach Snyders eigener Rechenweise kann Treblinka kaum das darstellen, wofür er es ausgibt. Dafür wartet er mit einer erstaunlich konkreten Aufzählung auf, worin die »Früchte« dieser Vernichtungsanstalt bestanden haben sollen:

»Eine Leiche lässt sich verbrennen, um Wärme zu erzeugen, oder sie kann die Mikroorganismen füttern, um den Boden zu düngen. Selbst menschliche Asche düngt. Nach dem Abriss von Treblinka benutzten die Deutschen die Ziegel der Gaskammern, um ein Bauernhaus zu bauen, und machten das Mordterrain zu Feldern. Ein paar Trawniki-Männer waren bereit, als Bauern dazubleiben. Hierin lag eine düster wörtliche Version der Nazifantasie von der Erlösung des Landes durch die Vernichtung der Juden. Leichen und Asche der Juden sollten den Boden für Getreide düngen, das Deutsche essen sollten.«

Diese Passage verrät mehr über die Fantasie Timothy Snyders als über das Wesen und die Funktion eines Vernichtungslagers. Ein deutlich größerer Erkenntnisgewinn für den Leser hätte sich aus dem Umstand ziehen lassen, dass die Mörder, solange die Scheiterhaufen nicht zufriedenstellend brannten – also mindestens noch bis Anfang des Jahres 1943 –, durchaus bereit waren, erhebliche Mengen ihres andernorts dringend benötigten Benzins für die Beseitigung ihrer Opfer aufzuwenden.

Wer es nicht lassen kann, ein rationales Motiv in der Irrationalität der Shoa zu suchen, bekommt dagegen eine einmalige Erklärung präsentiert, was die Deutschen mit der Ermordung von Hunderttausenden an den Schauplätzen der »Aktion Reinhardt« bezweckt haben müssen: Sie wollten offenbar die Atmosphäre mit Menschen heizen und ein paar ukrainischen Wachleuten eine kleine Farm stiften. Den Beleg für die steile These, Bełżec, Sobibór, Treblinka seien eigentlich als Getreidefelder für deutsche Verbraucher konzipiert gewesen, spart sich Snyder mit dem lapidaren Nachsatz:

»Doch es sollte nie eine Ernte geben.«

Der Autor, der eine eigentümliche Neigung an den Tag legt, mit oberflächlichen Betrachtungen in die Irre zu leiten, ist hier in seinem Element. Selbstredend war das Bauernhaus bloße Tarnung, die Trawniki-Männer waren auch keine Bauern, sondern weiterhin Wachen, die den Tatort zu sichern hatten, auf den Feldern wuchsen Lupinen. Wassilij Grossmann, der in Bloodlands oft genug erwähnt wird, nahm die Szenerie so wahr:

»Dieses traurige Ödland wurde von dem deutschen Reichsführer-SS Heinrich Himmler ausgesucht und für geeignet befunden, hier eine Richtstätte für die ganze Welt zu schaffen. Das menschliche Geschlecht hat ihresgleichen von den Zeiten vorgeschichtlicher Barbarei bis in unsere harten Tage nie gekannt.«

So soll es aber gerade nicht erscheinen. Die Leichtigkeit, mit der sein Blendwerk in Bremen offene Türen eingerannt hat, scheint Timothy Snyder selbst nicht ganz geheuer zu sein. Er scherzt zunächst, ob in Bloodlands noch irgendetwas steht, das nicht schon gesagt wurde. Dann lädt er sein Publikum ein auf ein eigenartig zaghaftes Gedankenspiel:

»Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizist. Sie sind zu einem Mietshaus gerufen worden. Darin liegt eine fünfköpfige Familie, allesamt ermordet. Und noch eine weitere Familie von fünf, auch umgebracht, offenbar von demselben Täter. Und dann noch vier weitere Opfer eines anderen Täters. [Links und rechts in den Nachbargärten liegen auch noch welche, aber da schauen Sie jetzt bitte mal nicht hin!, T.S.] Was schreiben Sie in Ihrem Bericht? Offensichtlich muss es einen Zusammenhang geben…«

Der Zusammenhang ist eben der, dass so die Verbrechen Nazi-Deutschlands nivelliert und die seiner Verbündeten unter den Teppich gekehrt werden.

Verlassen wir das Reich der Analogien. Versetzen Sie sich für einen Moment in die Rolle eines sowjetischen Staatsanwalts. Wir schreiben das Jahr 1945, Sie sind mit der Untersuchung eines ungeheuerlichen Verbrechens betraut worden. Dem Anschein nach sind ihm tatsächlich praktisch ausschließlich Angehörige einer Familie zum Opfer gefallen, auch wenn Ihre Vorgesetzten das nicht gerne an die große Glocke hängen und die exakten Verwandtschaftsverhältnisse kaum mehr zu ermitteln sind. Grob geschätzt geht es um eine Million Menschen. Die Täter haben sie akribisch in diversen Ländern Europas aufgespürt, mit erheblichem logistischen Aufwand an diesen Ort verfrachtet, in eigens dafür vorbereiteten Anlagen vergast, ihre Körper verbrannt und die Asche in der Gegend verstreut. Ein paar haben sie zurückbehalten, um sie sich zusammen mit anderen in einer Fabrik für synthetischen Kautschuk zu Tode schuften zu lassen.

300 Kilometer Luftlinie entfernt, Richtung Nordosten, arbeiten Kollegen seit einigen Monaten an einem ähnlichen Fall. Dort gibt es zwar keine Kautschukfabrik, selbst grundlegende Voraussetzungen dafür fehlen, aber als Täter kommen nur Mitglieder derselben Bande in Frage. Das Schema, nach dem sie ihre Opfer ausgewählt haben, ist das gleiche, auch wenn sie sich dabei vorwiegend an Menschen aus der weiteren Umgebung gehalten haben. Sie haben sie vergast, verbrannt, die Asche untergegraben und ein Bauernhaus darauf gebaut. Snyders Studie können Sie nicht kennen, Sie halten sich an die Übereinstimmungen, statt nach Unterschieden zu suchen. Sie werden zu dem Schluss kommen, dass Sie es mit ein und demselben Verbrechen zu tun haben und die beiden Beispiele exemplarisch in einer Anklage gegen die Hauptverantwortlichen zusammenfassen. Und Ihnen, der Sie den Bürgerkrieg und die Intervention, Hungersnot, Stalins Säuberungen und den Großen Vaterländischen Krieg überstanden haben, erschließt sich von selbst, dass es sich hierbei um einen Schrecken ganz eigener Art handelt.

Wenn im Namen Hannah Arendts Jahr um Jahr das »politische Denken« belohnt wird, zielt das regelmäßig auf dieses spezifisch deutsche Ärgernis: die Anklage von Nürnberg. Darum ging die Auszeichnung im Vorjahr an eine Historikerin, die die »verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die jüdische Demografie« als Mosaiksteinchen im perfiden Wirken zionistischer Stadtplaner betrachtet. Und wenn Ralf Fücks für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung »eine gewisse Linie« in der Reihe der Preisträger konstatiert, »die sich fortsetzt«, dann kommt ihm dabei zuvorderst einer in den Sinn: Tony Judt, zu Lebzeiten ein guter Freund Snyders und Hannah-Arendt-Preisträger mit seiner Geschichte vom Zweiten Weltkrieg als der »Katastrophe, in die Europa sich gestürzt hatte«.

Doch er muss auch etwas loswerden, das ihn sichtlich schmerzt, denn da geht es um das Ticket, auf dem die Veranstalter unterwegs sind: Gewalt gab es ja »nicht nur gegen Individuen«, nein, auch die Zivilgesellschaft sei »zerschlagen worden in dieser Interaktion von Nationalsozialismus und Stalinismus«. Die Menschen Osteuropas, die eher um Erstere trauern, dürften sich über den Hinweis freuen, dass sie bis heute nicht in der Lage sind, ihre Angelegenheiten so zivilisiert zu regeln, wie man sich das in Bremen längst zugute hält.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (II) January 16, 2014 | 01:53 pm

Zweiter und letzter Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum ersten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Nach der Aufnahme in die UEFA

Nach dieser Rückschau nun ein Sprung in die Gegenwart, die für Fußball-Israel gewissermaßen vor etwas mehr als 20 Jahren begonnen hat. Denn wie bereits ausgeführt, ging für den israelischen Fußballverband und die israelischen Spieler 1991 mit der Aufnahme in die UEFA eine Odyssee rund um den Globus zu Ende. Gleichzeitig bekam der israelische Fußball dadurch einen weiteren Schub. Zwar zahlten die Klubs in ihren internationalen Spielen vor allem zu Beginn das berühmte Lehrgeld, doch das neue fußballerische Zuhause und die damit zusammenhängenden Herausforderungen bewirkten entscheidende Änderungen: Die Zuschauerzahlen und die Spielergehälter stiegen, die Liga wurde aufgewertet, das Bezahlfernsehen stieg in den Fußball ein, Sponsoren und Mäzene pumpten Geld in die Klubs, israelische Spieler und israelische Klubs wurden auch außerhalb des Landes interessanter.

Nicht zuletzt diese Professionalisierung führte schließlich auch dazu, dass Israel im Sommer des vergangenen Jahres Gastgeber der U21-Europameisterschaft werden konnte. Es war das größte und wichtigste Fußballturnier, das jemals im jüdischen Staat ausgetragen wurde, und es war der wohl größte sportpolitische Erfolg der israelischen Fußballgeschichte. Die Begeisterung im Land war groß, die – eigens für das Turnier ausgebauten – Stadien waren bestens gefüllt, und mit der Sicherheit gab es entgegen manch anders lautender Befürchtung ebenfalls keine Probleme.

Doch zugleich machten verschiedene Geschehnisse im Vorfeld des Turniers deutlich, dass Israel von zu vielen noch immer nicht als gleich- und vollwertiges Mitglied in Fußball-Europa betrachtet wird. Denn es gab allerlei politischen Protest: Im November 2012 beispielsweise traten mehr als 50 Fußballprofis – darunter die früheren Bundesligaspieler Papiss Demba Cissé und Demba Ba – mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit, in der sie gegen die israelischen Militärschläge im Gaza-Streifen protestierten, ihre »Solidarität mit der belagerten Bevölkerung in Gaza« ausdrückten und sich dagegen aussprachen, die Europameisterschaft in Israel stattfinden zu lassen. Im Frühjahr 2013 störten einige Demonstranten eine Abendveranstaltung des europäischen Verbands im Rahmen eines UEFA-Kongresses in London, indem sie dort antiisraelische Parolen riefen und eine palästinensische Fahne schwenkten.

Und noch wenige Tage vor dem Beginn des Turniers unternahmen einige besonders notorische Gegner Israels einen letzten Versuch, die UEFA zur Absage des Turniers im jüdischen Staat zu bewegen. Der europäische Verband belohne »Israels grausames und gesetzloses Verhalten«, hieß es in einem offenen Brief, den unter anderem der ehemalige südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, der französisch-malische Ex-Fußballprofi Frédéric Kanouté und der britische Filmregisseur Ken Loach unterschrieben hatten. Die UEFA, so meinten die Initiatoren weiter, solle es Israel nicht gestatten, »ein prestigeträchtiges Fußballereignis dazu zu benutzen, um seine rassistisch motivierte Verweigerung von Rechten für die Palästinenser und die illegale Besatzung von palästinensischem Land zu übertünchen«. Auch wenn es schon sehr spät sei, fordere man die UEFA dazu auf, »die Entscheidung, Israel dieses Turnier austragen zu lassen, zu widerrufen«. Glücklicherweise ohne Erfolg.

Dabei gab es auch zwischen dem israelischen und dem europäischen Fußballverband in den Jahren zuvor immer mal wieder Spannungen. Als beispielsweise die Zweite Intifada ab dem Jahr 2000 ihren Terror ausagierte, mussten israelische Teams auf Geheiß der UEFA ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben auf Zypern austragen, weil es den anreisenden Klubs angeblich nicht zuzumuten war, in Israel zu kicken. Erst nach dem Bau des Sicherheitszauns und dem Rückgang der Selbstmordattentate genehmigte die UEFA im April 2004 wieder die Austragung von Partien im Land.

Auch während des Libanonkrieges im Sommer 2006 und noch längere Zeit danach wurden israelische Klubs und die israelische Nationalmannschaft für den Terror bestraft, der den jüdischen Staat heimsuchte. Monatelang mussten sie ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben jenseits der Landesgrenzen austragen, teilweise auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zur Begründung hieß es, die Sicherheit der Sportler in Israel sei nicht ausreichend gewährleistet. Der Ärger, den diese Entscheidung in Israel seinerzeit auslöste, lässt sich nachvollziehen. Denn würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem Anschlag in Antalya im August 2006 verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah.

Hinzu kommt, dass israelische Mannschaften und israelische Spieler immer wieder mit verschiedenen Formen des Antisemitismus konfrontiert sind. Ein Beispiel sind entsprechende Transparente und Parolen in den Stadien, wie etwa beim Länderspiel zwischen Ungarn und Israel im August 2012 oder beim UEFA-Pokal-Spiel zwischen Paris St. Germain und Hapoel Tel Aviv im November 2006 (nach dieser Partie kam es sogar noch zu einer regelrechten Hetzjagd französischer Neonazis auf Hapoel-Anhänger). In diesem Zusammenhang wären auch die antisemitischen Beschimpfungen zu nennen, die der israelische Nationalspieler Itay Shechter im Februar 2012 bei einer Trainingseinheit des 1. FC Kaiserslautern erdulden musste.

Ein anderes Beispiel sind Spieler aus islamischen Staaten oder mit muslimischem Hintergrund, die nicht gegen israelische Teams spielen wollen. Hier wären etwa die früheren Bundesligaprofis Vahid Hashemian und Ashkan Dejagah zu nennen: Der damalige iranische Nationalspieler Hashemian fehlte im Herbst 2004 in beiden Champions-League-Partien des FC Bayern gegen Maccabi Tel Aviv – offiziell wegen einer Verletzung, aber diese Begründung glaubte wirklich niemand. Und der Deutsch-Iraner Dejagah weigerte sich im Oktober 2007, mit der deutschen U21-Nationalmannschaft zum Europameisterschafts-Qualifikationsspiel nach Israel zu reisen. Die Spekulationen über seine Motive heizte Dejagah dabei selbst an. »Das hat politische Gründe«, wurde er seinerzeit in verschiedenen Zeitungen zitiert. Weiter sagte er: »Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt, schließlich sind meine Eltern Iraner.«

Und dann gibt es da noch Klubs, die Trainingslager in Staaten veranstalten, die Israel nicht anerkennen. Wie etwa – um ein ganz aktuelles Beispiel zu nennen – der niederländische Erstligist Vitesse Arnheim, der seinen israelischen Verteidiger Dan Mori einfach zu Hause ließ, nachdem die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate angekündigt hatten, ihm die Einreise zu verweigern, weil er Israeli ist.

Doch all diesen Dingen zum Trotz hat der israelische Fußball einen erkennbaren Sprung nach vorne gemacht. Israelische Profis werden in den europäischen Ligen mittlerweile durchaus geschätzt. Nicht nur in England – wo sich nach Ronny Rosenthal (Foto, rechts), der bereits in den 1990er Jahren erfolgreich für Liverpool, die Spurs und Watford spielte, vor allem Yossi Benayoun (Foto, links) einen Namen machte –, sondern auch in der Bundesliga, wie etwa Beispiele aus den vergangenen Jahren wie Itay Shechter, Almog Cohen, Gal Alberman oder Roberto Colautti zeigen. Die israelische Ligat ha’Al wiederum zählt zwar fraglos weiterhin nicht zu den ersten Adressen im europäischen Fußball, doch auch hier treten neben den einheimischen auch immer mehr internationale Spieler gegen den Ball. Und israelische Klubs qualifizieren sich inzwischen auch schon mal für die Gruppenphase der Champions League und bleiben in der Europa League nicht mehr zwangsläufig in der Qualifikation oder der Vorrunde hängen, wie es früher regelmäßig der Fall war.

Bei der Nivchéret, der Nationalmannschaft, darf man ebenfalls davon ausgehen, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem die zweite WM-Teilnahme (oder die erste an einer Europameisterschaft) gefeiert werden kann und Günter Netzers Urteil vom Juni 2001 – »Die Israelis spielen einen hervorragenden Fußball, den sie nicht in Ergebnisse umwandeln können« – widerlegt wird. Die Konkurrenzfähigkeit ist jedenfalls größer geworden, und ein paar Mal war es ja auch schon recht knapp. Außerdem steht wohl nicht mehr zu befürchten, dass sich die Nationalspieler derart unprofessionell verhalten wie 1999, als sich mehrere Akteure am Abend vor dem alles entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark mit Prostituierten vergnügten – und das Match dann mit 0:5 vergeigten.**


Fußballfans in Israel

Das sorgte seinerzeit für eine Menge Unmut auch unter den israelischen Fußballfans, um die es nun gehen soll. Wie generell im Fußball hat sich auch im israelischen vor allem in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert. Was jedoch erhalten geblieben ist, ist die – nicht nur sportlich, sondern eben auch politisch bedingte – Rivalität zwischen den Klubs, wobei diese sich im Laufe der Jahre mehr und mehr vom Platz und den Klubzentralen auf die Ränge verlagert hat. Einem Spieler wird es im Zweifelsfall gleichgültig sein, ob er bei Maccabi, Hapoel oder Beitar sein Geld verdient; für die Anhänger spielt das jedoch weiterhin eine große Rolle. Dazu muss gesagt werden, dass sich eine organisierte Fan- und Ultrà-Szene in Israel erst relativ spät entwickelt hat, nämlich Ende der 1990er Jahre. Zunächst gab es überhaupt nur zwei organisierte Fangruppen – die von Hapoel Tel Aviv und die von Maccabi Tel Aviv. Seit 2007 existiert die Vereinigung Israfans, eine Dachorganisation von Fußballfans, in der rund 25 Ultrà-Gruppierungen, Fanprojekte und Fanklubs zusammengeschlossen sind.

Zu den Anliegen von Israfans gehört vieles, was man auch von Fanvereinigungen hierzulande kennt, beispielsweise der Kampf gegen zu harte Polizeieinsätze, gegen eine zunehmende Entfremdung zwischen Klubführungen und Fans und gegen zu hohe Ticketpreise; der Einsatz für eine Vernetzung der Fangruppen, für Fanrechte und für eine bessere Zusammenarbeit mit den Klubs. Es gibt einen organisierten Austausch mit Fußballfans aus Europa; die finanziellen und personellen Ressourcen sind jedoch begrenzt, und der Einfluss von Israfans könnte zweifellos größer sein. Angesichts des Desinteresses vieler Klubführungen an einer Zusammenarbeit mit dieser Vereinigung und eingedenk manch harter Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen ist die Arbeit für die Aktivisten von Israfans allerdings auch alles andere als leicht.

Die größten Differenzen im Lager der Fans gibt es zweifellos zwischen den Ultràs von Hapoel Tel Aviv und den Anhängern von Maccabi Tel Aviv sowie insbesondere von Beitar Jerusalem; hier ist die historische Gegnerschaft in vielerlei Hinsicht erhalten geblieben. Die Hapoel-Ultràs – die in fanpolitischen Belangen zu den aktivsten in Israel gehören und beispielsweise zu Ultràs des FC St. Pauli gute Kontakte pflegen – verstehen sich dezidiert als links und antizionistisch; sie lehnen beispielsweise das Zeigen von israelischen Fahnen im Stadion ab, halten die Politik der Regierung gegenüber den Palästinensern für »rassistisch« und stehen auch der Polizei ablehnend bis feindlich gegenüber. Der arabische Antisemitismus und die damit verbundene Bedrohung Israels sind bei dieser Gruppierung kein Thema, vielmehr skandieren ihre Mitglieder bei Spielen auch schon mal Parolen wie »Gebt Jerusalem den Palästinensern« oder »Jerusalem gehört zu Jordanien«.

Bei Beitar wiederum fallen immer wieder Fans, insbesondere die der Gruppe La Familia, durch antiarabische Aktivitäten auf. Im März 2012 etwa griffen Beitar-Anhänger nach einem Spiel arabische Israelis in einem Supermarkt an, im Februar 2013 wurde im Clubhaus von Beitar sogar Feuer gelegt, nachdem der Verein angekündigt hatte, zwei muslimische Spieler unter Vertrag zu nehmen. Schon in der Vergangenheit hatte die Klubführung nach massiven Protesten von der Verpflichtung arabischer Spieler abgesehen. Feindselige Rufe gegen Araber im Stadion sind bei Beitar ohnehin eher die Regel als die Ausnahme.

Mehrfach hat der israelische Fußballverband den Klub nach Krawallen bestraft: mit Geldbußen, mit der vorübergehenden Schließung der Kurve, mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, mit Punktabzügen. Auch in der israelischen Öffentlichkeit und Politik wurden die jüngsten Ausschreitungen scharf verurteilt: Die Zeitungen des Landes gingen mit Beitar ins Gericht, Premierminister Benjamin Netanjahu – selbst langjähriges Klubmitglied – sprach von einer »Schande«, auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat war entsetzt, und der frühere Premierminister Ehud Olmert, ebenfalls seit langem ein Anhänger von Beitar Jerusalem, schrieb in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Yedioth Ahronoth, er werde so lange keine Spiele seines Lieblingsvereins mehr im Stadion anschauen, »bis die Rassisten von den Rängen und aus dem Klub entfernt worden sind«. Die beiden muslimischen Spieler wurden schließlich verpflichtet, und als einer von ihnen, der Tschetschene Gabriel Kadiev, bei seinem ersten Einsatz im Spiel gegen den arabischen Klub Bnei Sachnin eingewechselt wurde, übertönte der Applaus auf den Rängen die Pfiffe und Schmährufe deutlich.

Wenn man von Beitar Jerusalem absieht, sind arabische Spieler im israelischen Fußball ohnehin längst gang und gäbe; ihr prozentualer Anteil entspricht etwa dem der arabischen Israelis an der Gesamtbevölkerung des Landes. Der erste Araber in der Nivchéret – und der erste Araber überhaupt, der Israel bei Olympischen Spielen repräsentierte – war 1976 Rifaat Turk von Hapoel Tel Aviv. Der erste arabisch-israelische Klub, der es in die höchste israelische Spielklasse schaffte, war 1996 Hapoel Taibe, und mit dem FC Bnei Sachnin gewann 2004 ein anderer arabisch-israelischer Klub sogar den israelischen Pokal.

Doch zurück zu den Fans. Die meisten haben die vier »Großen« des israelischen Fußballs: Maccabi Tel Aviv, Hapoel Tel Aviv, Maccabi Haifa und Beitar Jerusalem. Die Hapoel-Ultràs werden von den Fans anderer Klubs – nicht nur von den Beitar-Anhängern – wegen ihrer politischen Positionen schon mal als »Hisbollah« beschimpft. Aber solche polemischen Bezeichnungen sind im hochpolitischen Israel ein fester Bestandteil der Streitkultur und nichts wirklich Ungewöhnliches. Bei den arabischen Israelis liegt Hapoel gemeinsam mit Maccabi Haifa in der Gunst ganz vorne, bei den linken ohnehin. Wer eine der Parteien der Mitte wählt, wird womöglich mit Maccabi Tel Aviv sympathisieren, wer dem Likud nahe steht, hält es vielleicht mit Beitar. Die Rivalität ist nicht unerheblich, doch insgesamt – so sagt es selbst der sonst »israelkritische« Moshe Zimmermann – seien »die Rangeleien, zu denen es manchmal kommt, ungefähr von der Qualität, wie sie auch beim Lokalderby des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen vorkommen«.

Das vielleicht bemerkenswerteste Projekt israelischer Fußballfans ist jedoch Hapoel Katamon Jerusalem – ein Klub, der von Fans gegründet wurde, von ihnen geführt wird und mittlerweile in der Liga Le’umit spielt, der zweithöchsten Klasse Israels. Er ist das Kind enttäuschter Anhänger von Hapoel Jerusalem, die vergeblich versucht hatten, ihren sportlich weitgehend bedeutungslos gewordenen und hochverschuldeten Lieblingsverein, der 1973 den israelischen Pokal gewonnen hatte und lange Zeit auf Augenhöhe mit dem Stadtrivalen Beitar war, zu kaufen. Im Jahr 2007 bauten sie »Katamon« bei einem bereits existierenden Viertligisten auf, unternahmen zwei Jahre später einen – ebenfalls erfolglosen – Versuch einer Fusion mit Hapoel Jerusalem und gründeten schließlich Hapoel Katamon Jerusalem als eigenständigen Verein, der fortan gewissermaßen das »wahre« Hapoel Jerusalem verkörpern sollte. Der Klub begann in der untersten, fünften Spielklasse, stieg 2010, 2011 und 2013 jeweils auf und spielt nun, genau wie Hapoel Jerusalem, in der zweiten Liga. Er hat allerdings deutlich mehr Zuschauer – und sozial engagierte Fans, die beispielsweise äthiopischen Immigranten Hebräisch beibringen und Schulkinder betreuen.


Zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte

Abschließend noch einige Betrachtungen zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte, die nicht fehlen sollte, wenn es hierzulande um die Historie des Fußballs im jüdischen Staat geht. 1969 kam es erstmals zu zwei Spielen zwischen israelischen Mannschaften und einem deutschen Team, nämlich dem FC Bayern Hof. Die erste Partie bestritten die Hofer in Nahariya gegen eine Regionalauswahl (Foto), Schiedsrichter war der bereits erwähnte Avraham Klein. Im Interview der Jüdischen Allgemeinen erinnerte er sich an das Match: »Israels Fußballverband hatte mich gefragt, ob ich Probleme damit hätte, dieses Spiel zu pfeifen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich: ›Nein, überhaupt nicht.‹ [...] Es gab wütende Proteste, und ich wurde für meine Entscheidung offen angefeindet. Ein Mann, der als Kind den gelben Stern tragen musste und einen Großteil seiner Familie in der Schoa verloren hat, darf doch nicht einem deutschen Fußballer vor dem Anpfiff die Hand schütteln, hieß es. [...] Ich habe es trotzdem gemacht und erst viel später gemerkt: Das Spiel war der größte Tag in meinem Schiedsrichterleben.« Bereits 1970 kam es zum Gegenbesuch einer israelischen Mannschaft in Hof, und ab 1970 reiste Borussia Mönchengladbach regelmäßig ins Trainingslager nach Israel, 14-mal insgesamt. Auch der erste – und lange Zeit einzige – israelische Bundesligaspieler, Schmuel Rosenthal, spielte für die Elf vom Niederrhein.

Deutlich jünger (und außerdem recht überschaubar) ist die israelisch-deutsche Länderspielgeschichte. Begonnen hat sie erst vor 27 Jahren, genauer gesagt: am 25. März 1987. Mit 2:0 gewannen die von Franz Beckenbauer trainierten Deutschen an jenem Tag das Spiel im nicht einmal halbvollen Stadion von Ramat Gan bei Tel Aviv, doch die sportlichen Belange interessierten seinerzeit weit weniger als die politischen Implikationen dieses sogenannten Freundschaftsspiels. Denn in Israel war begreiflicherweise längst nicht jeder einverstanden mit dieser Partie, und so blieb der seinerzeitige Staatspräsident Chaim Herzog ihr letztlich auch fern. Der Vizepräsident des israelischen Fußballverbands wiederum, Arieh Krämer, war zwar im Stadion, verließ es aber aus Protest gegen das Abspielen der deutschen Hymne wieder, das er im Vorfeld der Partie zu verhindern versucht hatte.

Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem durch die DFB-Delegation blieb unterdessen nicht frei von Peinlichkeiten. Nationalspieler Hans Pflügler etwa musste darüber aufgeklärt werden, dass er sich nicht in einer Gedenkstätte für gefallene israelische Soldaten befindet; Teamchef Franz Beckenbauer resümierte derweil: »Der Besuch brachte mir nichts Neues.« Und der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Hermann Neuberger – der im Zweiten Weltkrieg Hauptmann im Generalstab der Wehrmacht war – erzählte einem Vertreter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, er sei »Soldat im Fronteinsatz« gewesen und habe »erst nach 1944 von den Konzentrationslagern erfahren«.

Neuberger war es auch, der 1978 während der Weltmeisterschaft im faschistischen Argentinien Hans-Ulrich Rudel ins deutsche WM-Quartier eingeladen hatte – einen früheren Wehrmachtsoffizier, Träger des »Ritterkreuzes« und Hitlers Lieblingssturzkampfflieger, der sich nach Kriegsende als Waffenhändler und Fluchthelfer für Nazis betätigt hatte und die rechtsextreme »Deutsche Reichspartei« unterstützte. Kritik an der Einladung Rudels quittierte Neuberger mit den lapidaren Worten: »Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkriegs vorwerfen will.« Bevor er DFB-Präsident wurde, hatte Neuberger unter anderem als Sportredakteur bei der Saarbrücker Zeitung gearbeitet, war dort jedoch bald wegen revanchistischer Kommentare entlassen worden. Solche Konsequenzen musste er als höchster Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes, der sich bekanntlich erst lange nach Neubergers Zeit mit seiner Geschichte vor 1945 auseinanderzusetzen begann, nicht befürchten. Dass Neubergers Frau – wie der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach unlängst in einem Interview »tief beeindruckt« berichtete – »in den Bergen Judäas Bäume pflanzte«, darf in diesem Kontext als durchsichtige, medienwirksame Goodwill-Aktion betrachtet werden, die nichts als ein wenig Gratismut erforderte.

Auf den autoritären Neuberger folgte nach dessen Tod 1992 der etwas onkelhafte Rheinländer Egidius Braun, in dessen Amtszeit auch das zweite Länderspiel zwischen Israel und Deutschland fiel, das am 26. Februar 1997 stattfand und mit einem 1:0 für die DFB-Kicker endete. Erneut war das Stadion in Ramat Gan nur zur Hälfte gefüllt; die Behauptung deutscher Medien, in Israel fiebere man dem Spiel gegen die Deutschen schon lange entgegen, war nichts als Wunschdenken. Und auch der politische Auftritt der DFB-Delegation ging erneut daneben. Präsident Braun glaubte schon vorher, seine Gastgeber belehren zu müssen, als er sagte: »Die Israelis und wir sollten nicht vergessen.« Und er konkretisierte seine Mahnung mit den Worten: »Wir sollten ein Bündnis mit den Lebenden und den Toten schließen. Erinnerung ist ein Weg zur Erlösung.« Für die Nationalspieler war vor der Reise nach Israel eigens ein Vorbereitungsseminar anberaumt worden, doch allzu viel schien so mancher dabei nicht mitgenommen zu haben.

»Das kann doch nicht wahr sein! Hat’s so etwas wirklich gegeben, Trainer?«, sagte etwa Nationalspieler Mario Basler zu seinem Coach Berti Vogts in Yad Vashem, vor einem Foto stehend, auf dem ein KZ-Wärter einen verzweifelten Juden exekutieren will. Vogts antwortete ihm mit den Worten: »Doch, so war es.« Daraufhin Basler noch einmal: »Das kann doch nicht wahr sein!«*** Und Egidius Braun fragte die zahlreichen mitgereisten deutschen Journalisten vor Fotoaufnahmen, ob er »noch betroffener gucken« solle. Der ganze Sinn und Zweck dieser Übung wurde später im hauseigenen DFB-Journal resümiert; dort hieß es: »Anerkennung erntete die DFB-Equipe für ihr besonnenes Auftreten beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das ein weitweit positives Echo auslöste.« Imagepflege durch »Vergangenheitsbewältigung« also – vor allem darum ging es.

Zum dritten Spiel zwischen den Auswahlmannschaften des DFB und der Israel Football Association kam es am 13. Februar 2002. Dieses Match fand nur deshalb in Deutschland (genauer gesagt, in Kaiserslautern) statt, weil die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes der Ansicht waren, ihren Spielern die Reise nach Israel aus Sicherheitsgründen diesmal nicht zumuten zu können. Aus Furcht vor antisemitischen Ausschreitungen war der Kartenverkauf massiv kontrolliert und das Polizeiaufgebot am und im Stadion deutlich verstärkt worden. Die Deutschen gewannen die Partie mit 7:1; zur Pause hatten die Israelis nach einem Eigentor von Oliver Kahn noch mit 1:0 geführt. Die vierte und bislang letzte Partie gewann das DFB-Team am 31. Mai 2012 in Leipzig mit 2:0. Wer das Spiel vor Ort im israelischen Block verfolgt hat, wird nicht vergessen, wie irritiert viele israelische Fans reagiert haben, als durch das Stadion das offenbar unvermeidliche »Sieg«-Stakkato hallte.

Jahrelang war der Deutsche Fußball-Bund also mit allerlei Unsäglichkeiten in Israel aufgefallen; das besserte sich erst in der Amtszeit seines Präsidenten Theo Zwanziger spürbar. Zwanziger verhielt sich erheblich diskreter als seine Vorgänger und machte weit weniger Aufhebens um Reisen und Kooperationen. Zu seinen Ideen zählte auch ein Austausch von Schiedsrichtern, doch bislang kam es erst zu einem Einsatz, nämlich dem des Berliner Referees Manuel Gräfe im März 2010 bei der Erstligapartie zwischen Maccabi Haifa und Maccabi Tel Aviv. Es war das erste Mal in der Geschichte des israelischen Fußballs, dass ein deutscher Schiedsrichter ein Match in der höchsten israelischen Spielklasse pfiff. Zur Leitung eines Spiels in Deutschland durch einen israelischen Schiedsrichter kam es bisher nicht, was auch damit zusammenhängen mag, dass Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach sich weit weniger engagiert um das Verhältnis zum israelischen Fußballverband bemüht.

Und dann ist da noch Lothar Matthäus. Als er 2008 als Trainer zum israelischen Erstligisten Maccabi Netanya ging, unkte nicht nur Uli Hoeneß, dass die deutsche Diplomatie künftig zum Eingreifen gezwungen sein könnte. Doch der deutsche Rekordnationalspieler, dem sein Mundwerk so oft zum Verhängnis wurde, verhielt sich vor und während seiner Tätigkeit in Israel völlig korrekt. In Interviews bekannte er, Israel zu mögen und gerne dort zu leben und zu arbeiten. Dass sein Engagement bei Maccabi nur ein Jahr dauerte, lag vornehmlich daran, dass dem Klub das Geld ausgegangen war und er Matthäus’ Gehalt deshalb nicht länger bezahlen konnte. Als Matthäus ging, hatte Netanya die Saison als Viertplatzierter abgeschlossen – ein gutes Resultat. Und anders als so mancher seiner Landsleute hat er in der israelisch-deutschen Fußballgeschichte eine durchaus positive Rolle gespielt.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags – etwa der über die Fans in Israel –, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Vgl. Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Angaben und Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.

*** Vgl. Martin Endemann: Sie bauen U-Bahnen nach Auschwitz. Antisemitismus im deutschen Fußball, in: Gerd Dembowski, Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln 2002 (PapyRossa Verlag), S. 80–89. Die Angaben und Ausführungen in diesem und im nächsten Absatz basieren auf diesem Text.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (I) January 14, 2014 | 11:15 pm

Erster Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum zweiten und letzten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Hakoah, der ganz besondere Triple-Sieger

Der israelische Fußball – so viel sei hier bereits vorweggenommen, weil es ohnehin kein Geheimnis ist – hat bislang nicht unbedingt durch überragende internationale Erfolge von sich reden gemacht. Und dennoch gibt es in Israel einen Klub, der etwas geschafft hat, das wohl einzigartig auf der Welt ist. Er gewann nämlich gleich in drei Ländern nationale Titel: in Österreich, in den USA – und in Israel selbst. Die Rede ist vom derzeitigen Zweitligisten Hakoah Ramat Gan. Und das kam so: 1909 wurde der SK Hakoah Wien gegründet, ein liberaler jüdischer Klub, der 1920 in die höchste österreichische Liga aufstieg und bereits unter Profibedingungen spielte, als es professionellen Fußball in Österreich offiziell noch gar nicht gab. 1923 sorgte er für ein internationales fußballerisches Erdbeben, als er den englischen Spitzenklub West Ham United auf der Insel mit 5:0 demütigte; 1925 errang Hakoah sogar die österreichische Fußballmeisterschaft und war mit rund 5.000 Mitgliedern zeitweilig die größte Sportorganisation der Welt. Viele Juden in aller Welt sympathisierten und identifizierten sich mit ihr, darunter nicht wenige Schriftsteller und Intellektuelle wie etwa Franz Kafka und Friedrich Torberg. Der Klub war berühmt und populär.

In New York gründeten Spieler der Wiener Hakoah 1928 im Rahmen einer Amerika-Tournee eine Dependance, die New York Hakoah. Der bekannteste dieser Spieler dürfte Béla Guttmann gewesen sein, Entdecker des am 5. Januar 2014 verstorbenen portugiesischen Idols Eusébio und Trainer von Benfica Lissabon in den Jahren 1961 und 1962, als der Klub zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann. New York Hakoah wurde 1929, nur ein Jahr nach der Gründung, mit einem Team aus österreichischen und ungarischen Fußballern amerikanischer Pokalsieger. Dem Klub war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden, bereits 1932 wurde er aufgelöst. Hakoah Wien wiederum wurde von den Nationalsozialisten nur einen Tag nach der Annexion Österreichs 1938 zerschlagen. Viele Spieler flohen vor den Nazis ins Ausland, die meisten von ihnen ins britische Mandatsgebiet Palästina. Dort gründeten sie noch im selben Jahr den Verein Hakoah Tel Aviv, der 1955 erstklassig wurde und 1959 mit Maccabi Ramat Gan fusionierte. Der daraus entstandene Klub, Hakoah Ramat Gan, wurde 1965 und 1973 israelischer Meister sowie 1969 und 1971 israelischer Pokalsieger.

Schon in dieser Geschichte, die hier nur kurz skizziert werden kann, ist so vieles aufgehoben: der Glanz und die internationale Bedeutung des jüdischen Fußballs in Europa zwischen den beiden Weltkriegen, sein jähes und brutales Ende durch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung, der unbändige Wille zum Wiederaufbau und zur Fortführung durch jüdische Emigranten und Überlebende im Mandatsgebiet Palästina respektive in Israel. Hakoah ist diesbezüglich wie ein Sinnbild, und so, wie sich der Werdegang dieses Klubs nicht ohne die politischen Rahmenbedingungen erklären lässt, lässt sich die gesamte Geschichte und Gegenwart des israelischen Fußballs nicht ohne Würdigung der politischen Umstände erzählen.


Die Anfänge des Fußballs im heiligen Land

Und das gilt bereits für die Anfänge vor über hundert Jahren, denn sämtliche jüdischen Vereine, die im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina existierten, waren Ableger politischer Organisationen, die jeweils unterschiedliche Strömungen der noch jungen zionistischen Bewegung repräsentierten (und das – mit Abstrichen – bis heute tun): Der 1912 gegründete Maccabi-Verband stand den Bürgerlichen nahe, die 1924 ins Leben gerufene Vereinigung Beitar war eine Organisation der sogenannten Revisionisten, und der 1926 entstandene Verband Hapoel (zu Deutsch: »Der Arbeiter«) wurde als Kind der Gewerkschaft Histadrut geboren. Fußball diente als Instrument zur politischen Bewusstseinsbildung, dementsprechend gab es von Beginn an eine lebhafte Konkurrenz zwischen den Vereinen. Im Mandatsgebiet Palästina spielten aber nicht nur jüdische, sondern auch arabische und britische Mannschaften, wenngleich vorerst noch nicht in einem organisierten Ligabetrieb.

»Einen ersten Fußball-Boom im heiligen Land«, so schreibt es Stefan Mayr im 2003 erschienenen, ganz vorzüglichen Buch »Davidstern und Lederball«**, »löste 1925 der Besuch der Starelf von Hakoah Wien aus. Hakoah fertigte in Tel Aviv eine Maccabi-Auswahl zwar mit 11:2 ab, lockte aber 10.000 Zuschauer ins Stadion. Das Interesse am Fußball war noch nie so groß. In der Folge organisierte ein britischer Offizier in Haifa eine Liga mit neun arabischen und jüdischen Teams. Das Projekt musste aber vorzeitig eingestellt werden – wegen Gewalttätigkeiten auf den Plätzen und Streitereien zwischen den Klubmanagern.« Doch im Sommer 1928 gründeten 14 jüdische und arabische Vertreter in Jerusalem die Palestine Football Association, die ein Jahr später vom Weltfußballverband FIFA als Mitglied aufgenommen wurde. Nun gab es auch einen regulären Spielbetrieb mit jüdischen, arabischen und britischen Mannschaften.

1928 spielten 28 Teams den ersten Meister im Pokalmodus aus; im Finale gewann Hapoel Allenby Tel Aviv mit 2:0 gegen Maccabi Hashmonai Jerusalem. Hapoel hatte allerdings einen nicht spielberechtigten Kicker eingesetzt, woraufhin der Verband verfügte, dass beide Klubs die Trophäe jeweils für ein halbes Jahr behalten dürfen – fürwahr ein salomonischer Kompromiss. 1932 nahm eine nationale Liga mit neun jüdischen, arabischen und britischen Teams den Spielbetrieb auf, zwei Jahre später zogen sich die arabischen Vereine jedoch aus dem gemeinsamen Fußballverband und der gemischten Liga zurück, weil sie eine jüdische Dominanz in der Verbandsspitze beklagten. Sie gründeten ihrerseits die General Palestinian Sports Federation; nun hatten Juden und Araber im Mandatsgebiet Palästina eigene Wettbewerbe.

Ins Jahr 1934 fällt auch das erste offizielle Länderspiel, wie Stefan Mayr schildert: »Das (komplett jüdische) Team Palästina trat [am 16. März 1934] in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gegen den arabischen Nachbarn Ägypten an. Das Hinspiel war in Kairo. Da es weder Fernseh- noch Radio-Übertragungen gab, versammelten sich etliche Fußballfreunde im Tel Aviver Café Sapir und warteten auf den verabredeten Anruf aus Kairo. Dann machte die Kunde vom 1:0-Sieg Palästinas die Runde. Die Leute sangen und tanzten auf der Allenby-Straße. Bis das wahre Ergebnis aus Kairo übermittelt wurde: 7:1 für Ägypten.« Das – sportlich daraufhin fast schon bedeutungslos gewordene – Rückspiel endete schließlich mit einem 4:1 für die Ägypter. 1938 scheiterte das Team Palästina in der WM-Qualifikation an Griechenland, 1940 gab es noch ein Freundschaftsspiel in Tel Aviv gegen den Libanon. Kriegsbedingt war dies die letzte Partie.


Fußball in Israel: Die ersten Jahre

Kurz nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wurde auch der israelische Fußballverband, die Israel Football Association (IFA), ins Leben gerufen. Weil die arabischen Nachbarstaaten den jüdischen Staat jedoch nur einen Tag nach dessen Proklamation angriffen, musste der Ligaspielbetrieb bis auf Weiteres eingestellt werden. Die besten Kicker des Landes reisten gleichwohl – oder gerade deshalb – in die Vereinigten Staaten von Amerika, um gewissermaßen die Botschaft des neuen Staates der Juden in die Welt zu tragen. Im New Yorker Giants-Stadium trugen sie am 26. September 1948 vor 40.000 Zuschauern das erste Fußball-Länderspiel in der Geschichte Israels aus. Es ging mit 1:3 gegen die USA verloren, aber das war angesichts der historischen Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen nebensächlich.

Im Oktober 1949, zwei Monate nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges, rollte schließlich auch in der nationalen Liga wieder der Ball, und der erste israelische Meister hieß 1950 Maccabi Tel Aviv (Foto links). Doch schon in der folgenden Saison brachen alte Konflikte zwischen den politischen Bewegungen respektive Organisationen Maccabi und Hapoel wieder auf, weshalb der Ligabetrieb kurzerhand für ein Jahr ausgesetzt wurde. Die einen wie die anderen spielten daraufhin jeweils ihren eigenen Meister aus, bevor 1952 wieder eine gemeinsame Meisterschaftsrunde bestritten wurde, die jedoch weiterhin nicht ohne Spannungen blieb.

Ein weiterer, dauerhafter Störfaktor im israelischen Fußball waren die Kriege, die immer wieder für Unterbrechungen sorgten. Im Juni 1967 beispielsweise platzte der Sechstagekrieg in den Endspurt der ersten Liga und sorgte dafür, dass es keinen Meister gab, sondern die Saison um ein Jahr verlängert wurde und schließlich sage und schreibe 60 Spieltage umfasste (Meister wurde erneut Maccabi Tel Aviv). Als 1973 der Yom-Kippur-Krieg begann, wurden zunächst alle Sportveranstaltungen abgesagt, doch nur knapp drei Wochen nach dem Überfall der arabischen Armeen reiste die US-Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Israel, um Amerikas Solidarität mit dem angegriffenen jüdischen Staat zu demonstrieren. Zum ersten Libanonkrieg 1982 wiederum zog die Armee die meisten Fußballer ein, weshalb es in jenem Jahr nur ein einziges Länderspiel gab, nämlich ein Qualifikationsmatch für Olympia.

Apropos Länderspiel: Die erste Weltmeisterschafts-Qualifikation, an der Israel unter diesem Namen teilnahm, war jene für das Turnier 1950 in Brasilien. Angesichts der Kriegs- und Vernichtungsdrohungen der arabischen Staaten hielt der Weltfußballverband FIFA es für ratsam, die Mannschaft des jüdischen Staates in der Qualifikation gegen ein europäisches Team antreten zu lassen. Gegen Jugoslawien verlor die Nivchéret (hebräisch für »Auswahl«) mit 0:6 und 2:5 und schied aus. Etwas besser sah es da schon vier Jahre später aus: Gegen Griechenland gelangen zwei Siege, allerdings war dann erneut Jugoslawien die Endstation, diesmal mit zwei 0:1-Niederlagen.


Israel in der AFC: Boykotte, Boykotte, Boykotte

1956 trat der israelische Verband der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) bei, in deren geografischem Einzugsbereich das Land bekanntlich liegt. Doch bei der Qualifikation zum Asien-Cup, der im gleichen Jahr stattfand, wollten Afghanistan und Pakistan nicht gegen Israel antreten, denn sie erkannten den jüdischen Staat nicht an. Dadurch kam die israelische Auswahl kampflos in die Endrunde, in der sie gegen Südkorea, Hongkong und Südvietnam spielte und das Turnier als Zweitplatzierte beschloss. Als Nächstes stand die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1958 an. Und nun begann ein nachgerade absurdes Theater. Denn im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch die terroristischen Fedayin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten bildete ein Bündnis mit Jordanien und Syrien, blockierte den Golf von Akaba und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe. Israel setzte sich zur Wehr und besetzte den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Diese Geschehnisse sind unter dem Schlagwort »Suezkrise« bekannt geworden.

Und sie hatten Auswirkungen auch auf den Fußball, denn die Fußballverbände sämtlicher Staaten, die Israel nicht anerkannten, weigerten sich, Spiele gegen die Nivchéret auszutragen. Zunächst sollte Israel in der Vorrunde gegen die Türkei antreten, doch die dachte gar nicht daran aufzulaufen. In der Zwischenrunde sollte Israel gegen Indonesien spielen, doch auch Indonesien trat nicht an. Schließlich erwartete Israel im Finale der Ausscheidungsspiele den Sudan, doch auch dieser boykottierte das Match. Von den drei vorgesehenen Spielen fand also keines statt. Damit wäre Israel eigentlich kampflos für die WM qualifiziert gewesen, doch dagegen hatte die FIFA etwas: Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, loste sie kurzerhand aus allen europäischen Gruppenzweiten ein Land aus und ließ dieses gegen Israel um den letzten freien Platz beim WM-Turnier in Schweden antreten. Gegen Wales verlor Israel das Hin- und das Rückspiel jeweils mit 0:2 und war damit ausgeschieden. Die Boykottbewegung hatte dank der FIFA also doch noch ihr unsportliches Ziel erreicht.

An den Asienmeisterschaften nahm Israel anschließend zwar noch bis 1972 teil, doch auch dabei war es immer wieder mit Boykotten konfrontiert: Zu den Spielen 1962 in Indonesien beispielsweise wurde die Nivchéret gar nicht erst eingeladen, und 1972 erklärte sich lediglich Südkorea bereit, in der Qualifikation gegen sie anzutreten. Israel verzichtete letztlich, zumal die arabischen Staaten angekündigt hatten, im Falle einer Qualifikation der israelischen Auswahl die Endrunde zu boykottieren. Wenn es im Beritt des asiatischen Verbandes doch einmal zu Spielen kam, war Israel überaus erfolgreich, sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Die Asienmeisterschaften 1964 beispielsweise gewann die Nivchéret vor heimischem Publikum in Tel Aviv vor Indien und Südkorea, und im 1967 erstmals ausgetragenen Asian Champion Club Tournament – dem Pendant zum Europapokal der Landesmeister – blieben israelische Klubs in drei der ersten vier Wettbewerbe siegreich: Maccabi Tel Aviv gewann den Titel zweimal, Hapoel Tel Aviv einmal. (Danach wurden die Meisterschaften 14 Jahre lang nicht mehr ausgetragen.)

Nach 18 Jahren israelischer Zugehörigkeit zur Asiatischen Fußball-Konföderation jedoch, die von ständigen Boykotten und Boykottdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat geprägt waren, schloss die AFC den israelischen Verband im Jahr nach dem Yom-Kippur-Krieg, also 1974, auf Antrag Kuwaits aus. Die Alternative hätte darin bestanden, die Boykotteure konsequent zu bestrafen, doch dafür gab es innerhalb der AFC keine Mehrheit.


Eine Odyssee rund um den Globus

Bei der WM-Qualifikation wurde die israelische Auswahl bald von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht, und das auch schon zu Zeiten ihrer AFC-Mitgliedschaft: Die Ausscheidungsspiele für die Turniere 1962 und 1966 bestritt die Nivchéret in der Europagruppe, die für die Wettkämpfe 1970 in der Ozeaniengruppe und die für die Endrunden 1974 und 1978 wieder in der Asiengruppe. Und so ging es munter weiter: 1982 Europa, 1986 Asien, 1990 Ozeanien. An der Qualifikation zu kontinentalen Meisterschaften – also zur Asien- oder Europameisterschaft – nahm Israel zwischen 1974 und 1994 überhaupt nicht mehr teil, weil es nach dem Ausschluss aus der Asiatischen Fußball-Konföderation  ja keinem Verband mehr angehörte.

Im Jahr 1978 stellte der israelische Fußballverband zwar erstmals einen Antrag auf Beitritt zur UEFA, doch der wurde nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Statuten abgelehnt: Es sei nicht möglich, so hieß es damals, einen geografisch nicht in Europa liegenden Verband aufzunehmen. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedsländer hatten sich strikt gegen das israelische Ersuchen ausgesprochen. Mit dem Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks änderte sich die Situation jedoch. Vorerst ließ die UEFA israelische Mannschaften zwar nur zu Spielen in ihrem – vergleichsweise bedeutungslosen – Intertoto-Cup zu, doch 1991 gab es eine Zweidrittelmehrheit für eine Änderung der Statuten zugunsten Israels, das nun in den europäischen Verband aufgenommen wurde und drei Jahre später schließlich auch die Vollmitgliedschaft erhielt. Seitdem nehmen israelische Klubmannschaften an den Wettbewerben des Europapokals teil, und die israelischen Auswahlteams bestreiten ihre EM- und WM-Qualifikationsspiele in der Europagruppe.

Ein derartiges Hin und Her ist in der Geschichte des Weltfußballs einzigartig; kein anderer Fußballverband musste je solche permanenten Versetzungen über sich ergehen lassen. Drakonische, das heißt über Punktabzüge hinausgehende Maßnahmen gegen jene Mitgliedsverbände, die Wettbewerbsspiele gegen Israel verweigerten, mochte die FIFA gleichwohl nicht ergreifen. Unter Berufung auf ihre angeblich unpolitische Rolle hielt sie sich stets vornehm heraus. Die israelischen Fußballer und die Verantwortlichen ihres Verbands begegneten dem mit einem gewissen Pragmatismus. Denn sie wollten ihre Qualifikationsspiele gerne austragen, statt darauf zu bestehen, die Punkte kampflos zugesprochen zu bekommen. Dafür flogen sie notfalls sogar bis nach Australien und Neuseeland. Ori Shilo, der gegenwärtige Generalsekretär des israelischen Fußballverbandes, ist gleichwohl froh, dass das nicht mehr nötig ist. In einem Interview des Deutschlandfunks sagte er: »Die Zeit, als wir in der Ozeaniengruppe spielen mussten, machte keinen Sinn. Außerdem fühlen wir uns wie Europäer. Wir könnten auch wieder in Asien spielen, aber das wird politisch noch nicht einmal zu diskutieren gewagt. Und wissen Sie: Länder wie Griechenland, Zypern, die Türkei und Mazedonien spielen ja auch in Europa mit, und wir finden, dann gehören wir auch dazu.«


Erfolge mit Emmanuel Scheffer…

Angesichts der jahrzehntelang äußerst widrigen Voraussetzungen ist es umso höher einzuschätzen, was Israel 1968 bei den Olympischen Spielen und zwei Jahre später bei seiner ersten und bisher einzigen Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft erreichte. Und diese Erfolge sind eng mit einem Namen verbunden, dem des damaligen Nationaltrainers Emmanuel »Eddy« Scheffer nämlich. Geboren wurde Scheffer (Fotos rechts) am 11. Februar 1923 in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet; nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie erst nach Frankreich und dann ins Saarland, bevor die Scheffers 1934 ins ostpolnische Drohobycz zurückkehrten, wo sie bereits vor der Geburt ihres Sohnes Emmanuel gelebt hatten. Eddy Scheffer besuchte in Drohobycz das Gymnasium und schloss sich Beitar Drohobycz an, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. »Die Familie«, so schreibt Ralf Piorr in einem Beitrag für das österreichische Fußballmagazin Ballesterer, »lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte.«

In der Tat: Im Spätsommer des Jahres 1940 stürmten deutsche Mörder das Haus der Familie Scheffer und brachten alle anwesenden Familienmitglieder um: die Mutter, den Vater und die drei Töchter. Der 17jährige Emmanuel blieb am Leben, weil er nicht zu Hause war, sondern in Russland – »reiner Zufall«, wie er später sagte. In Russland erkrankte er bald an Diphtherie und Typhus, er kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde vier Jahre lang in einem Arbeitslager interniert, arbeitete in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Scheffer zunächst nach Polen zurück und spielte dort fünf Jahre lang in der zweiten Liga, bevor er 1950 nach Israel auswanderte und sich dort – zum vierten Mal in seinem noch jungen Leben – eine neue Existenz aufbaute.

Diesen Schritt hatte er eigentlich schon früher vorgehabt, doch aufgrund fehlender Papiere und eines von der britischen Mandatsmacht verhängten Einwanderungsstopps musste er vorläufig noch in Polen bleiben. Stefan Mayr berichtet in »Davidstern und Lederball«, in Israel habe sich Emmanuel Scheffer zum ersten Mal wirklich willkommen gefühlt – »nicht zuletzt dank seines fußballerischen Talents. Hapoel Haifa, ein Verein der soeben gegründeten Nationalliga, verpflichtete Scheffer und verschaffte ihm einen Job im Hafen. ›Wenn Training und Spiel war, hatte ich frei‹, berichtet Scheffer. [...] Der Linksaußen stürmte später noch für Hapoel Kfar Saba und schaffte es sogar in die Nationalelf seiner neuen Heimat. Seine Länderspielbilanz: Sechs Spiele, sechs Tore.«

Nach seiner aktiven Karriere ließ sich Emmanuel Scheffer zum Fußballlehrer ausbilden und kehrte dafür vorübergehend ins Land der Mörder seiner Familie zurück: 1958 erwarb er an der Sporthochschule Köln unter der Leitung von Hennes Weisweiler sein Trainerdiplom. Um sich diese Ausbildung zu finanzieren und außerdem Praxis zu sammeln, coachte er nebenbei die Mannschaft des nordrhein-westfälischen Verbandsligisten Rhenania Würselen. Zurück in Israel, trainierte er zunächst Ligaklubs, die Mannschaft der Luftwaffe und das Junioren-Nationalteam, bevor er 1968 zum Chefcoach der israelischen Nationalmannschaft aufstieg. Was dort an seinem ersten Arbeitstag geschah, hat Scheffer in Interviews immer wieder gerne erzählt. Als er sich der Mannschaft vorstellte, sagte er: »Ab jetzt haben wir dreimal Training.« Die Spieler wollten wissen, an welchen Tagen, woraufhin Scheffer entgegnete: »Um 7 Uhr, um 11 Uhr und um 15 Uhr.« Das war ein entscheidender Schub in Richtung Professionalisierung des israelischen Fußballs, und die ersten Resultate setzten dann auch rasch ein.

Auf Anhieb gelang erstmals die Qualifikation für die Olympischen Spiele – wenngleich das noch eine vergleichsweise leichte Angelegenheit war. Denn die zugelosten Gegner Burma, Iran und Indien boykottierten den jüdischen Staat. Daher genügten zwei Siege über Ceylon mit 7:0 und 4:0, um das Ticket nach Mexiko City zu lösen. Dort rechtfertigte die Nivchéret jedoch ihre Anwesenheit: Sie erreichte das Viertelfinale und kam nur deshalb nicht noch weiter, weil nach einem 1:1-Unentschieden gegen Bulgarien das Los über das Weiterkommen entscheiden musste und das israelische Team diese Lotterie verlor.

Ein Achtungserfolg, mit dem aber weder die Mannschaft noch ihr Trainer zufrieden war. Man wollte unbedingt zur Weltmeisterschaft 1970, die ebenfalls in Mexiko stattfand. Kein aussichtsloses Unterfangen in der Ozeaniengruppe, in der Israel erstmals zur Qualifikation antrat. Nach zwei Siegen gegen Neuseeland (4:0 und 2:0) musste nur noch Australien aus dem Weg geräumt werden. Im Nationalstadion von Ramat Gan sahen 50.000 Zuschauer einen 1:0-Sieg des israelischen Teams, das Rückspiel in Sydney endete 1:1. Die Spieler trugen Emmanuel Scheffer auf ihren Schultern vom Platz. Erstmals war Israel beim wichtigsten Fußballturnier der Welt startberechtigt.


…und Mordechai Spiegler

Die Vorbereitung auf dieses Ereignisses war zwar von einigen Pleiten geprägt – gegen Borussia Mönchengladbach etwa setzte es ein 0:6 –, doch in Mexiko schlug sich die Nivchéret überaus achtbar: 0:2 gegen den späteren WM-Vierten Uruguay, 1:1 gegen Schweden, 0:0 gegen den späteren Vizeweltmeister Italien. Israel war damit draußen, hatte sich in einer schwierigen Gruppe aber ordentlich aus der Affäre gezogen. Und ein Mann trug sich gar in die Sportannalen seines Landes ein, nämlich Mordechai Spiegler (Fotos links), bis heute wohl der bekannteste israelische Fußballer aller Zeiten. Denn Spiegler war es, der am 7. Juni 1970 das 1:1 gegen Schweden erzielte und sich später schmunzelnd erinnerte: »Es waren 25 Meter, ein starker Rückenwind, und das Tor muss in Richtung Jerusalem gestanden haben.« Sein Treffer ist bis heute der einzige, den Israel bei einer WM erzielte.

Das Tor veränderte Spieglers Leben: Später spielte er zusammen mit Pelé bei New York Cosmos, er war Trainer in Israel, anschließend Berater, dann Co-Kommentator im Fernsehen. Und nicht nur ihm wurde bei der Rückkehr aus Mexiko ein euphorischer Empfang bereitet, wie Stefan Mayr berichtet: »Trotz des vorzeitigen Ausscheidens wurde die Nivchéret bei der Landung in Tel Aviv gefeiert wie ein Weltmeister. Die zwei Punkte und das Tor waren ein Triumph für den jungen Staat, der erst 22 Jahre zuvor gegründet worden war. Selbst die Stars von damals [...] waren älter als ihr Staat. [...] ›Wir sind jetzt da‹, dachten sich 1970 die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan, die drei Jahre zuvor im Sechs-Tage-Krieg noch um das Existenzrecht ihres Staates gekämpft hatten.« 1971 trat Emmanuel Scheffer als Trainer der israelischen Auswahlmannschaft zurück, 1978 übernahm er das Team noch einmal, aber diesmal ohne einen ähnlichen Ertrag. »Der wahre Vater unseres damaligen Erfolgs war nicht ich, sondern Emmanuel Scheffer«, sagt Mordechai Spiegler über seinen Nationaltrainer.

Der erfolgreichste israelische WM-Teilnehmer ist freilich ein Schiedsrichter, nämlich Avraham Klein (Fotos rechts), der bei den Turnieren 1970, 1978 und 1982 eingesetzt wurde. 1978 leitete er unter anderem die legendäre Partie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Keine einfache Angelegenheit, wie Klein im März 2010 in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen bekannte: »Ich hatte ein Spiel zu pfeifen, in dem gleich zwei Täterländer gegeneinander kickten. Zudem fand es im argentinischen Cordoba statt. Ich bekam dort schnell zu spüren, dass die starke jüdische Gemeinde von Buenos Aires nicht wirklich glücklich damit war, dass gerade ich diese Auseinandersetzung zu leiten hatte, nach dem Motto: ›Wie kannst du nur?‹ Aber ich war vom Fußballweltverband FIFA nominiert worden und musste meinen Job machen.«

Avraham Klein pfiff schließlich auch das Spiel um den dritten Platz. Eigentlich war er sogar als Referee für das Finale zwischen Gastgeber Argentinien und den Niederlanden im Gespräch, nachdem er die Partie Argentinien gegen Italien souverän geleitet hatte. Doch die Argentinier fühlten sich trotz ihres Weiterkommens benachteiligt und lehnten Klein ab. Hinzu kam, dass die herrschende Militärjunta, die Juden gegenüber, um es zurückhaltend zu formulieren, alles andere als freundlich gesinnt war, Anstoß daran nahm, dass Klein vor dem Spiel Argentiniens gegen Italien die Jüdische Gemeinde des Landes besucht hatte. Ihm wurde von argentinischer Seite aber auch deshalb Voreingenommenheit unterstellt, weil der Endspielgegner Niederlande hieß. Als »Kriegswaise« hatte Klein ein Jahr lang im niederländischen Apeldoorn verbracht. Und mit Ruud Krol trug ein Mann die Kapitänsbinde der Oranjes, dessen Vater in den Jahren der deutschen Besatzung Juden das Leben gerettet hatte. Die FIFA folgte dem argentinischen Wunsch, Avraham Klein nicht das Endspiel pfeifen zu lassen, obwohl sie sonst stets betont, sich von niemandem in die Einteilung der Unparteiischen hineinreden zu lassen.

Bereits vier Jahre zuvor, bei der WM in der Bundesrepublik, hatte Klein unschöne Erfahrungen mit dem Weltfußballverband machen müssen, wie er im erwähnten Interview der Jüdischen Allgemeinen sagte: »Ich rechnete fest mit meiner Nominierung für dieses große Turnier. Ich hatte international einen guten Namen und war ja bei der WM in Mexiko 1970 auch schon dabei. Anfang 1974 teilte mir die FIFA jedoch mit, mich nicht zu berücksichtigen. Und zwar, weil sie wegen des Anschlags auf das israelische Olympiateam in München zwei Jahre zuvor nicht für meine Sicherheit garantieren konnte und wohl auch wollte.«

Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Zeit seit der Aufnahme in die UEFA, die israelischen Fußballfans und die israelisch-deutsche Fußballgeschichte.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.


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Gewogen und zu leicht befunden November 25, 2013 | 04:51 pm

Der Deal im »Atomstreit« mit dem Iran wird fast überall als »Durchbruch« gefeiert – wenn man von Israel absieht, jenem Land, das von den nuklearen Ambitionen Teherans existenziell bedroht ist, von den Verhandlungen jedoch ausgeschlossen blieb. Dabei hat Israels Premierminister Benjamin Netanyahu vollkommen Recht, wenn er das Abkommen einen »historischen Fehler« nennt.


VON STEFAN FRANK


Israelis könne man »nicht als menschliche Wesen bezeichnen«, Israel sei der »unreine tollwütige Hund in der Region« und »dem Untergang« geweiht, sagte Irans Diktator Ali Khamenei vergangene Woche in einer Ansprache an Basij-Milizionäre. »Tod für Israel, Tod für Amerika«, brüllten die Zuhörer daraufhin. Man sieht, der Iran ist friedlich geworden, friedlich und moderat. Wie schön deshalb, dass der geschäftsführende Bundesaußenminister Guido Westerwelle zusammen mit den Außenministern der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrats und dem Vertreter des Teheraner Regimes eine »politische Einigung« unterzeichnet hat. Ob er oder irgendeiner der Journalisten, die das Dokument nun feiern, wohl in der Lage wäre, die folgenden beiden Äußerungen des iranischen Präsidenten Hassan Rouhani dem richtigen Zeitpunkt zuzuordnen?

»Die Anreicherung von Uran wird voranschreiten wie bisher. [...] Die Weltmächte haben Irans Recht anerkannt, auf iranischem Boden Uran anzureichern.«

»Um eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, wird der Iran seine Urananreicherung stoppen.«

Das erste Zitat stammt aus Rouhanis Rede von diesem Wochenende, als der iranische Präsident den Iranern die bedingungslose Kapitulation des Westen verkündete: Er habe keine Zugeständnisse gemacht, die Sanktionen der Uno, der USA und der EU hingegen würden schrittweise aufgehoben.

Die zweite Äußerung datiert vom November 2003; damals war Rouhani noch Vorsitzender des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran – jener Institution also, die auch für Anschläge im Ausland zuständig ist. Unnötig zu erwähnen, dass der Iran auch nach der damaligen Ankündigung keineswegs aufhörte, Uran anzureichern. Im Gegenteil wurde das Atomprogramm drastisch ausgeweitet: Immer mehr Zentrifugen – ein Teil davon in unterirdischen Bunkern, die das Regime geheim zu halten versuchte –, immer mehr und bessere Trägerraketen für den geplanten Angriff auf Israel, von dem die Iraner kürzlich schon eine Computeranimation im Fernsehen sehen konnten und der laut Khamenei Tel Aviv und Haifa »dem Erdboden gleichmachen« wird.

Und das ohne Atombombe? Wie soll das gehen? Nun, eine darf es schon sein. »Eine einzige Atombombe«, die innerhalb Israels detoniere, werde »alles zerstören«, während der Schaden eines potenziellen nuklearen Gegenschlags für die islamische Welt begrenzbar sei, sagte der damalige iranische Präsident Rafsandjani 2001 in einer Rede auf dem »Al-Quds-Tag«. Natürlich würde kein Ayatollah das auf Englisch von sich geben. Unter dem Namen Taqiyya bekannt ist ihre Strategie, naiven Reporter aus dem Westen Märchen zu erzählen. »Ich werde keine Funktion innerhalb der Regierung haben«, sagte etwa Khomeini im November 1978 dem niederländischen Fernsehen. In einem anderen Interview äußerte er: „Es ist nicht daran gedacht, dass die religiösen Führer selbst die Regierung führen. Ich persönlich werde wegen meines Alters kein Interesse daran zeigen. Ich werde nie Staatspräsident sein, und ich werde auch nie ein anderes Regierungsamt bekleiden.«

Irans derzeitiger »Führer« Ayatollah Khamenei war 1979/80 einer der Drahtzieher der Teheraner Geiselnahme. In einem Video, das er 2009 zur Feier des 30. Jahrestages dieses Verbrechens auf seine Website stellte, sieht man ihn, wie er eine der Geiseln interviewt und sagt, die Gefangenen seien »sehr zufrieden«, »jeden Tag« werde ihnen »amerikanisches Essen« gekocht.

Mit dieser Bande wurde nun also ein Vertrag unterzeichnet, der die Urananreicherung gutheißt. Mit einem Regime, das seine Bürger in Kerkern foltern, vergewaltigen und ermorden lässt, das in diesem Jahr ganz offiziell bereits über 500 Menschen an den Galgen gebracht beziehungsweise an Kränen aufgehängt hat, mit einem Regime, das sich auch in Syrien am Krieg gegen die Zivilbevölkerung beteiligt, das Terrororganisationen mit genozidalen Absichten wie die Hamas und die Hisbollah bewaffnet und finanziert, das 1994 den Anschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires organisiert hat und das selbst während der Gespräche in Genf zur Zerstörung Israels aufrief. Dieses Regime bekommt nun umgehend acht Milliarden US-Dollar gutgeschrieben, die es nutzen kann, um weitere Foltergefängnisse zu bauen und die iranische Bevölkerung effektiver zu kontrollieren und zu unterjochen.

Westerwelle sieht den in Genf vereinbarten Atomkompromiss mit dem Iran gleichwohl als »Wendepunkt«. »Wir sind unserem Ziel, eine atomare Bewaffnung Irans zu verhindern, einen entscheidenden Schritt näher gekommen«, sagte er. Bei diesen Worten müssen nicht wenige unweigerlich an den britischen Premierminister Neville Chamberlain und die Münchener Konferenz von 1938 denken, auf der das Schicksal der Tschechoslowakei besiegelt wurde. So klang Chamberlain damals:

»Die Einigung beim Tschechoslowakei-Problem, die jetzt erzielt wurde, ist meiner Meinung nach nur der Auftakt zu einem größeren Abkommen, durch das Europa Frieden finden kann. Heute Morgen hatte ich ein weiteres Gespräch mit dem deutschen Kanzler, Herrn Hitler, und hier ist das Papier, das seine Unterschrift trägt, ebenso wie meine. Einige von Ihnen haben den Inhalt vielleicht schon gehört, aber ich möchte es Ihnen trotzdem vorlesen: ›Wir betrachten das gestern Nacht unterzeichnete Abkommen und das englisch-deutsche Flottenabkommen als Zeichen des Wunsches unserer beiden Völker, niemals wieder gegen einander Krieg zu führen.‹«

Später fügte er hinzu:

»Meine lieben Freunde, zum zweiten Mal in unserer Geschichte ist ein britischer Premierminister aus Deutschland zurückgekehrt und hat einen Frieden mit Ehre gebracht. Ich glaube, es ist Frieden für unsere Zeit. Wir danken Ihnen aus der Tiefe unserer Herzen. Geht heim und habt einen angenehmen, ruhigen Schlaf.«

Winston Churchill wusste es besser – und galt deshalb als »Kriegstreiber«. Die Rede, die er am 5. Oktober 1938 im Unterhaus hielt, passt auf die heutige Situation nach dem Genfer Uranabkommen:

»Ich werde damit beginnen, das zu sagen, was jeder gern ignorieren oder vergessen würde, was aber trotzdem festgestellt werden muss, nämlich, dass wir eine totale und ungemilderte Niederlage erlitten haben. [...] Es ist die schmerzlichste Konsequenz dessen, was wir getan, und der Taten, die wir in den letzten fünf Jahren unterlassen haben – fünf Jahre voller fruchtloser guter Absichten, fünf Jahre voll eifrigen Suchens nach dem Weg des geringsten Widerstands, fünf Jahre unablässigen Rückzugs der britischen Macht. [...] Ich hege keinen Groll gegen unsere loyalen, tapferen Leute, die bereit waren, ihre Pflicht zu tun, was auch immer dies verlangte […] – ich hege keinen Groll gegen ihren natürlichen spontanen Ausbruch der Freude, als sie erfuhren, dass dieses Martyrium von ihnen einstweilen nicht mehr verlangt wurde. Aber sie sollten die Wahrheit kennen. Sie sollten wissen, dass es grobe Vernachlässigung und Defizite bei unserer Verteidigung gibt, sie sollten wissen, dass wir besiegt wurden, ohne einen Krieg geführt zu haben, und dass die Folgen dieser Niederlage uns lange begleiten werden, sie sollten wissen, dass wir eine furchtbare Wegmarke unserer Geschichte passiert haben [...] und dass jene furchtbaren Worte gegen die westlichen Demokratien verkündet wurden: ›Man hat dich gewogen und zu leicht befunden.‹ Und glauben Sie nicht, dass dies das Ende ist. Dies ist erst der Anfang der Abrechnung. Dies ist erst das erste Schlückchen, der erste Vorgeschmack auf einen bitteren Trank, der uns verabreicht werden wird, Jahr für Jahr, solange es keine äußerste Erholung der moralischen Gesundheit und der Kampfkraft gibt und wir wieder aufstehen und für die Freiheit Stellung beziehen wie in früheren Zeiten.«

Es gibt heute viele Chamberlains, der einflussreichste unter ihnen ist US-Präsident Barack Obama. Seit Beginn des »arabischen Frühlings« wurden mit seinem Segen nur Staatsoberhäupter gestürzt, die den islamistischen Terror bekämpft (Mubarak, Ben Ali) oder ihm abgeschworen hatten (Ghaddafi). Diesen dreien weint niemand eine Träne nach, doch augenfällig ist, dass jeder offene Unterstützer des Terrorismus und Feind Amerikas (Assad, Khamenei) sicher sein kann, dass Obama nichts unternehmen wird, was ihn in Verlegenheit bringen könnte. In Syrien gab es 2011 die Chance, Assad zu stürzen, bevor die Islamisten sich dort breit machten. Doch Obama will auf keinen Fall als jemand gelten, der sich offensiv für amerikanische oder israelische Interessen einsetzt, er zieht das Appeasement vor. Darum sucht er die Nähe der Autokraten und Diktatoren, die Amerika hassen, darum fand er 2009 kein einziges Wort der Unterstützung für die Demokratiebewegung im Iran, darum hat er Syrien im Stich gelassen, darum hätte er in diesem Jahr die Muslimbruderschaft in Ägypten am liebsten wieder an die Macht gebracht. Und darum schließt er jetzt einen Vertrag mit dem iranischen Regime.

Die iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel kümmern Obama nicht weiter, gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Von Amerika verlassen, steht Israel dem Goliath Iran jetzt allein gegenüber. (Oder fast allein: Es gibt einen Dissidenten unter den Staaten – Kanadas unbestechliche Regierung, die Anfang des vergangenen Jahrzehnts die strategische Entscheidung getroffen hat, sich von dem mächtigen Bündnis der 57 islamischen Staaten nicht mehr länger zu einer antiisraelischen Politik erpressen zu lassen, wird die Sanktionen gegen Iran fortsetzen.) Wie Chamberlain hat Obama deutlich gemacht, dass ihm ein gutes Verhältnis zu einem kriegslüsternen Despoten wichtiger ist als die Existenz eines winzigen Staates.

Auch an Irans Nachbarstaaten, die mit der nuklearen Bedrohung leben müssen, sendet der Pakt eine schlimme Botschaft, ebenso an die unterdrückte iranische Bevölkerung. Dass Obama und der Westen die Geiselnehmer, die 80 Millionen Iraner in ihrer Gewalt haben, als Regierung anerkennen, ist der andere Skandal. Allen Iranern, die Hoffnung auf Freiheit haben, hat Obama wieder einmal den Stinkefinger gezeigt, schon zum zweiten Mal. Statt, wie es ein US-Präsident tun sollte, den Verbündeten das Gefühl der Sicherheit zu geben und den Feinden Angst einzujagen, tut Obama seit 2009 konsequent das Gegenteil. Ein Churchill unserer Zeit ist leider nicht in Sicht, nirgends.


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UN? My ass! November 18, 2013 | 05:36 pm

Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am vergangenen Donnerstag hat sich – wie fast immer weitgehend unbeachtet von deutschen Medien – in Bezug auf Israel einmal mehr eine Groteske zugetragen. Eine Groteske, die selbst einer qua Funktion eigentlich zur Zurückhaltung verpflichteten Dolmetscherin so spontane wie ungewöhnliche Worte der Verwunderung abrang. Hillel Neuer, der Executive Director der Uno-kritischen Organisation UN Watch, hat die Ereignisse, die sich während der Versammlung abspielten, auf dem Blog von Times of Israel kommentiert. Mit seiner Zustimmung hat Stefan Frank den Beitrag für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.


VON HILLEL NEUER


Die Wahrheit kommt ans Licht, wenn wir glauben, dass niemand zuhört. Als Reaktion auf neun politisch motivierte Resolutionen der UN-Generalversammlung gegen Israel bei null Resolutionen gegen den Rest der Welt hat eine Dolmetscherin der Vereinten Nationen heute [am 14. November] Worte der Wahrheit gesprochen, nicht wissend, dass das Mikrofon eingeschaltet war. Als sie davon ausging, nur zu Kollegen zu sprechen, sagte sie die folgenden Worte in die Kopfhörer jedes UN-Delegierten und zum Publikum, das die Live-Übertragung weltweit im Internet verfolgen konnte:

»Ich finde, wenn es … insgesamt etwa zehn Resolutionen zu Israel und Palästina gibt, da muss es doch, c’est un peu trop, non? [das ist etwas viel, nicht wahr?] Ich meine, ich weiß … Anderer wirklich schlimmer Mist passiert, aber niemand sagt etwas über diesen anderen Kram.«

Unter den Delegierten gab es Gelächter. »Die Dolmetscherin entschuldigt sich«, sagte die unglückliche Verkünderin der Wahrheit Augenblicke später, gefolgt von einem vernehmlichen Schnaufen. Ich hoffe inständig, dass sie nicht gefeuert wird. Denn wer sich wirklich entschuldigen müsste, das ist die Uno. Gegründet auf noblen Ideen, verwandelt die Weltorganisation den Traum freiheitlicher Internationalisten in einen Albtraum. Wenn ihre jährliche legislative Sitzung im nächsten Monat zu Ende geht, wird sie insgesamt 22 Resolutionen verabschiedet haben, die Israel verurteilen – und nur vier gegen ein anderes Land der Welt. Die Scheinheiligkeit, Selektivität und Politisierung sind atemberaubend.

In den besagten neun Resolutionen, die vom vierten Komitee der Generalversammlung, das sich aus allen 193 Mitgliedsstaaten zusammensetzt, angenommen wurden, wird Israel für die Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser in der Westbank und Gaza, der palästinensischen Flüchtlinge und sogar der Syrer in den Golanhöhen verurteilt. Ja, tatsächlich: Die Uno hat heute eine Resolution angenommen, in der das Wort »Syrien« nicht weniger als zehnmal erwähnt wird – und doch nichts gesagt wird über das vom syrischen Präsidenten Bashar al-Assad verübte Massaker an mehr als 100.000 seiner Bürger.

Die Resolution mit dem Titel »Besetzter syrischer Golan« verurteilt Israel wegen der angeblichen Misshandlung von Syrern auf den Golanhöhen. Ebenfalls verurteilt wurde Israel wegen Verstößen gegen die völkerrechtlich verbrieften Rechte von syrischen Bürgern. Die Uno hatte jedoch keine Zeit, sich dazu zu äußern, ob es rechtmäßig ist, dass Präsident Assad seine Landsleute mit Gas ermordet. Die Generalversammlung rief Israel heute dazu auf, die Golanhöhen samt der dort lebenden Bewohner an Syrien zu übergeben, und wird dies demnächst in einer zweiten, überflüssigen Resolution wiederholen.

Was auch immer man für eine Ansicht zur Frage hat, wem der Golan rechtmäßig gehört: Es ist in jedem Fall in logischer Hinsicht absurd und in moralischer Hinsicht schamlos, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dazu aufzurufen, dass irgendein Mensch Assads Herrschaft unterstellt wird – während seine Massaker unvermindert weitergehen. Angesichts Dutzender Syrer, die derzeit in israelischen Krankenhäusern behandelt werden, ist die Resolution einfach nur grotesk.

Es ist gut und richtig, Israel für die Behandlung der arabischen und anderen Minderheiten Rechenschaft ablegen zu lassen, so wie jede andere Nation auch. Aber etwas ist faul, wenn in den heutigen Resolutionen zu die Palästinenser betreffenden Themen kein einziges Wort über den genozidalen Antisemitismus verloren wird, den die Sprachrohre der Hamas im Gazastreifen regelmäßig verbreiten, oder über die gefährliche Aufwiegelung durch die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, deren offizielle Schulen, Moscheen, Zeitungen und Fernsehsender nicht aufhören, die Mörder israelischer Zivilisten als Helden zu preisen, die es nachzuahmen gelte.

Das Wort ist der Vater der Tat. Keine der heutigen die Westbank betreffenden UN-Resolutionen erwähnt die Welle der von palästinensischen Terroristen in den letzten Wochen verübten Anschläge – wie etwa den brutalen Mord an Shraya Ofer: Er wurde vor seinem Haus im Jordantal ermordet, seine Frau schaffte es zu entkommen. Der Mord an Ofer mit Äxten und Eisenstangen sei ein »Geschenk an das palästinensische Volk und die Hamas-Gefangenen, zu Ehren von Eid al-Adha« [islamisches Opferfest, das an Abraham erinnert, der bereit war, Gott seinen Sohn zu opfern], sagten die beiden Verdächtigen im Verhör aus.

Durch ihre Blindheit gegenüber der palästinensischen Hetze und dem Terrorismus fördern die UN-Resolutionen einen einseitigen Narrativ, der der Hamas, dem Islamischen Djihad und der Palästinenserbehörde einen Persilschein gibt und sie in ihrer Kompromisslosigkeit unterstützt.

Es ist also die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie wertvolle Zeit und Ressourcen des Weltgremiums dazu missbraucht, politisierte und polarisierende Texte zu produzieren, die keinerlei Beitrag zu einem arabisch-israelischen Frieden leisten oder den wirklichen Schutz von Menschenrechten voranbringen. Im Gegenteil untergraben die selektiven und einseitigen Resolutionen das Kernprinzip, wonach Menschenrechtsstandards universell sind, und treiben die Parteien weiter auseinander.

Es ist die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie Israel als Sündenbock benutzt und dass sie den jüdischen Staat als Metakriminellen, dem für alle Übel der Welt die Schuld zu geben ist, dämonisiert und delegitimiert. Noch vor allem anderen aber muss sich die Uno dafür entschuldigen, die Schreie der Millionen echter Opfer von Menschenrechtsverletzungen in aller Welt zu ignorieren – und diese Opfer zu verhöhnen.

Vergangene Woche traf ich im Uno-Hauptquartier in New York mutige Menschenrechtler und Dissidenten aus China, Kuba, Russland und Saudi-Arabien. UN Watch half dabei, eine Pressekonferenz zu organisieren, auf der dafür plädiert wurde, dass die Uno-Mitgliedsstaaten sich gegen die zynische Kandidatur dieser Regime für Sitze im UN-Menschenrechtsrat wenden. Doch trotz ihrer Schandtaten wurden alle diese serienmäßigen Menschenrechtsverletzer von der UN-Vollversammlung gewählt, um der Welt neueste Richter über die Menschenrechte zu werden.

Unnötig zu sagen, dass dieselbe UN-Versammlung in diesem Jahr keine Resolution verabschieden wird zur Unterjochung der tibetischen Bevölkerung oder zur Inhaftierung des Pro-Demokratie-Aktivisten Wang Bingzhang in China, zur gewalttätigen Schikanierung von Journalisten und Bloggern in Kuba, zur Verfolgung von Homosexuellen in Russland oder zum Fahrverbot für Frauen und zum Verbot der Religionsausübung für Nichtmuslime in Saudi-Arabien. Auch plant die Uno nicht, auch nur ein Wort über religiös motivierte Angriffe auf Zivilisten im Irak, in Nigeria oder Pakistan zu verlieren – oder über die Verfolgung von politischen Dissidenten in Uganda, Vietnam oder Zimbabwe.

Wie die Dolmetscherin heute bemerkte, geschehen wahrhaftig eine Menge schlimmer Dinge auf der Welt, aber – traurig genug – bei der Uno »sagt niemand etwas über den anderen Kram«. Weil sie so damit beschäftigt sind, Israel zu schikanieren, finden die Vereinten Nationen einfach nicht die Zeit dazu.


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Glaube als Beziehungskiste November 6, 2013 | 02:43 pm

In einem ansonsten angenehmen Urlaubsgespräch mit einem anglikanischen Priester lernte ich, wie beklemmend modernisierte Varianten christlichen Denkens sein können, auch wenn sie auf den ersten Blick aufgeklärter und weniger hasserfüllt wirken als man es aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten kennt.. Im Gedächtnis blieb mir v.a. Folgendes:

  • Die Hölle gibt es nach wie vor;
  • Sie ist der Ort für jene, die “die Nähe zu Gott nicht ertragen können”;
  • Eine enge Beziehung zu Gott ist das eigentlich Entscheidende für alle Menschen.

Aus meiner Sicht folgt daraus:

  • Wer nicht an Gott glaubt, landet in der Hölle, egal ob er ansonsten ein “guter Mensch gewesen ist” oder nicht;
  • Wie alle Beziehungskisten ist auch die mit Gott vielerleit Unsicherheiten unterworfen: Ist meine Liebe zu Gott ausreichend? Liebe und ehre ich ihn auf die richtige Art? Wie soll ich mit Gewissheit erfahren, ob “alles ok” ist?
  • Im Gegensatz zu Religionen, die den Menschen eine Fülle von alltagsweltlichen Regeln auferlegen, deren strikte Befolgung einem wenigstens ein heimeliges Gefühl der Sicherheit verschafft, ist die imaginierte Beziehung zu Gott als wichtigster Garant für meine spätere Himmelsfahrt für meine Begriffe nicht weniger angsterzeugend als das, was wir von früher kennen.
  • Auch dieser Gott ist ein strafender Gott, und zwar einer der Gattung verchmähter Liebhaber, der einem, der zu Lebzeiten keine Beziehung zu ihm wünscht, nicht mehr verzeiht.

In einem fairen Universum wäre die Hölle der Ort für all jene, die ihren Mitmenschen aus metaphyischen Gründen ein Leben in Angst bereiten.


Eine echte Wahl für Syrien September 19, 2013 | 01:17 pm

Die Entwicklung einer freien Zone in Syrien ist die praktikabelste Option für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dieses »kleinere Syrien« könnte zur Basis für die Befreiung des Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer werden.


VON WALID PHARES*


Im nordöstlichen Teil Syriens, der an den Irak und die Türkei grenzt, liegt al-Hasaka oder das Dreieck, auch bekannt als die Provinz al-Jazeera. Dieses Gebiet, das so groß ist wie der Libanon, wird von ungefähr vier Millionen Kurden, einer Million Christen und einer halben Million Araber bewohnt. Assads Streitkräfte haben es praktisch verlassen, und kurdische Milizen haben Patrouillen eingerichtet, die Al-Qaida-Milizen daran hindern, in diesen Bereich einzudringen. Diese Region sollte zum Grundstein für ein freies Syrien werden. Hier sollte man eine freie Zone aufbauen und fördern, die das Potenzial hat, schnell zu wachsen und sowohl das Assad-Regime als auch die Djihadisten zu besiegen. Mit Hilfe der USA und des Westens könnten die Kurden, Christen und Araber, die dieses Gebiet bewohnen, eine solche befreite Zone einrichten, die dank ihrer Städte, Flüsse und ausgebauten Flughäfen in der Lage wäre, Hilfsgüter in Empfang zu nehmen. Die Freie Syrische Armee und andere Oppositionsgruppen könnten dazu eingeladen werden, sich in dieser Region niederzulassen. Dieses pluralistische »kleinere Syrien« würde so zur Basis für die Befreiung des ganzen Landes und den Aufbau einer pluralistischen und friedlichen Gesellschaft für alle Syrer.

Das klingt unrealistisch? Nun, es ist nicht unrealistischer als die Hoffnung, dass Wladimir Putin und die Russen einen ehrlichen Frieden in Syrien vermitteln. Wenn man sich die drei derzeit diskutierten Zwischenlösungen für die syrische Krise anschaut, dann sollte eigentlich klar werden, warum dieser Plan eine echte, langfristige Hoffnung bietet. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist für einen »begrenzten Schlag« gegen Assad und diejenigen Kräfte, von denen man annimmt, für die furchtbare Vergasung von über tausend Zivilisten verantwortlich zu sein – nachdem im Bürgerkrieg schon zuvor mehr als hunderttausend Syrer brutal getötet worden waren. Obama will mit diesem begrenzten Schlag ein dadurch geschwächtes Assad-Regime zwingen, den Konflikt in Verhandlungen beizulegen. Erfahrene Beobachter wissen jedoch, dass es keine Verhandlungslösung für diesen Konflikt geben wird. Dafür ist er zu weit fortgeschritten, und die Spaltung ist einfach zu tief.

Der zweite Vorschlag bietet auch nicht mehr Hoffnung als die von Obama bevorzugte Lösung: Die Isolationisten wollen einfach beide Seiten die Sache ausfechten lassen, da Amerika kein Pferd in diesem Rennen habe. »Lasst es Allah in Ordnung bringen«, sagt Sarah Palin. Diese vermeintlich sichere Option ist jedoch überaus gefährlich. Denn wenn es zwei radikale Kräfte in diesem Spiel gibt – die von Assad und die von al-Qaida –, dann werden sie beide immer mehr Zulauf bekommen und schließlich die Schlacht durch irgendeine islamistische Vermittlung beenden – oder, noch schlimmer, durch einen mutwillig vom Zaun gebrochenen Krieg gegen Israel. Und selbst wenn dieser Krieg vermieden würde, blieben am Ende zwei extremistische und hochgerüstete Terrorgruppen in Syrien zurück.

Eine dritte Option, die von Senator John McCain angeregt worden ist, ist kaum weniger gefährlich. McCain will die Rebellen vollständig bewaffnen, mit dem Ziel, Assad zu stürzen. Die dieser Idee zugrunde liegende Naivität kann von islamistischen Lobbygruppen in die von ihnen gewünschte Richtung manipuliert werden: Sie würden versuchen, die amerikanische Unterstützung zu ihren radikalen Gesinnungsgenossen innerhalb der Opposition zu lenken statt zu den säkularen Kräften. Am Ende könnte al-Qaida gestärkt werden und in Zukunft in Syrien Anschläge wie in Benghazi durchführen. In der Zwischenzeit könnte all dies zu einem Krieg mit dem Iran und der Hizbollah führen beziehungsweise – angesichts der Tendenz zum Rückzug, durch die sich die derzeitige Regierung auszeichnet – in einem weiteren Sieg für Radikale kulminieren.

Darum schlage ich die praktische und definitiv gewinnbringende Option für die Schaffung eines freien Syriens vor. Wir haben in dieser Region, in der al-Qaida und al-Nusra in Schach gehalten werden und wo das Assad-Regime nicht allgegenwärtig ist, eine Gruppe von erprobten und etablierten Alliierten. Diejenigen in den USA, die befürchten, eine von zwei bedrohlichen Kräften zu unterstützen, könnten in der Region al-Hasaka mit freien und unabhängigen Kurden, Christen und Arabern zusammenarbeiten. Diejenigen, die die Rebellen bewaffnen wollen, finden ein Gebiet vor, in der das möglich ist. Wenn die amerikanische Regierung Luftangriffe auf Ziele des Regimes unternehmen will, ohne zugleich al-Qaida in die Hände zu spielen, kann sie im Laufe der Zeit ihre wirklichen Verbündeten dazu ertüchtigen, von dieser Zone aus vorzurücken. Die Entwicklung eines freien Syriens ist der am besten gangbare Weg für die Vereinigten Staaten, Europa und den Rest der internationalen Gemeinschaft. Dies ist der Ort, wo gefährdete Minderheiten geschützt werden können und sich zu den Liberalen und Säkularen unter der arabisch-sunnitischen Mehrheit gesellen. Die Syrer sehnen sich nach Freiheit. Die Amerikaner sehnen sich nach effektiver Außenpolitik. Lasst uns damit beginnen, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.

* Dr. Walid Phares ist ein Berater des US-Kongresses bei der Terrorismusbekämpfung und Autor von zehn Büchern, darunter Future Jihad: Terrorist Strategies against America und The Coming Revolution: Struggle for Freedom in the Middle East. Er lehrt an zahlreichen Universitäten und unterrichtet die Gremien der Regierung über Terrorismus und den Nahen und Mittleren Osten. Sein Beitrag erschien unter dem Titel A real choice for Syria zuerst bei Fox News und wurde von Stefan Frank mit freundlicher Genehmigung des Autors für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.


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Chronologie der Nötigung, 3. Akt September 13, 2013 | 05:30 pm

Der 3. Akt der Chronologie der Nötigung ist erschienen. Die Sachzwang FM-Reihe beschäftigt sich anhand von Texten aus der Jungle World mit der Euro-Krise und der Rolle der BRD darin. Download via AArchiv (2 h, 41 MB)

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Stadtteilgruppe September 6, 2013 | 09:30 pm

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Die Plakate dieser Gruppe machen das Wiesbadener Westend durchaus ein wenig lebenswerter; dass deren gegenwärtige und ehemalige Mitglieder sich ihre eigenen Existenzen dabei wechselseitig ruinieren, ist nur Dreingabe.


»Das wird sich historisch rächen« September 5, 2013 | 11:38 am

Der Politologe Wahied Wahdat-Hagh* analysiert die Situation im Iran und berichtet über den Genozid an den Bahai. Dass die Europäer die Führerdiktatur unterstützen, bezeichnet er als schweren Fehler.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Die Ära des iranischen Präsidenten Ahmadinedjad ist zu Ende. Was waren die wichtigsten Entwicklungen in seiner achtjährigen Amtszeit?

Wahied Wahdat-Hagh: Das Land ist ärmer geworden. Die Probleme des Landes sind gewachsen. Iran ist potenziell der Atombombe näher gekommen. Die antisemitische Staatsdoktrin, die in der Ideologie verankert ist, ist deutlicher zum Ausdruck gekommen. Der Iran ist isolierter als vorher.

Was ist aus der grünen Demokratiebewegung von 2009 geworden? Wie fest sitzt das Regime im Sattel?

Dank totalitärer Gesetzgebung, Bassiji und Revolutionsgardisten, Ölgeld und einer fanatischen Schar von Anhängern ist die grüne Demokratiebewegung zerschlagen worden. Die Diktatur sitzt zwar fest im Sattel, aber voraussagen kann man die Geschichte des Iran nicht. Die Bevölkerung hält gegenwärtig still, weil sie weiß, wie die staatliche Antwort sein könnte: Folter und Todesstrafe, Vergewaltigung von Frauen und Kindern in den Gefängnissen.

Vor den jüngsten Parlamentswahlen im Iran schrieben westliche Journalisten von »Moderaten« und »Hardlinern« . Gehen sie bloß dem Teheraner Regime und seiner Demokratiepersiflage auf den Leim, oder gab es tatsächlich Unterschiede zwischen den Kandidaten?

Prinzipiell muss man sagen, dass die Reform-Islamisten und Hardliner beide die totalitäre Diktatur mit unterschiedlichen Methoden stabilisieren wollen. Die elften Präsidentschaftswahlen sahen zwar aus wie Wahlen, aber demokratisch waren sie nicht. »Islamische Wahlen« nennen sie die iranischen Machthaber. Sie dienen lediglich der Mobilisierung der Bevölkerung, sie soll mit ihrer Teilnahme die Diktatur legitimieren. Von 686 Kandidaten, die sich um das Amt des Präsidenten beworben hatten, wurden nur acht zugelassen.

Hassan Rohani ist also keineswegs ein Reform-Islamist?

Nein. Sogar Ex-Präsident Khatami, der ursprünglich dazu aufgerufen hatte, ihn zu wählen, bat vor einigen Tagen Ahmadinedjad, die Reform-Islamisten Mehdi Karoubi und Mir-Hussein Moussavi aus der Haft zu entlassen, weil dies von Hassan Rohani nicht erwartet werden könne. Rohani war seinerzeit absolut gegen die grüne Bewegung, die sehr bunt war. Auch die Demonstranten der Demokratiebewegung der Jahre 1989 und 1999 hatte er schon als »Verräter« bezeichnet.

Rohani hat sich vorgenommen, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Kann er das?

Rohani selbst hat kürzlich gesagt, dass kein iranischer Präsident vor dem Amtsantritt mit so großen wirtschaftlichen Problemen konfrontiert gewesen sei, weshalb man die Erwartungen an ihn herunterschrauben solle. Da er im Atomprogramm – das von Revolutionsführer Ali Khamenei definiert wird – auf das Anreicherungsprogramm nicht verzichten will, werden die Sanktionen nicht aufgehoben werden. Die Ursache der sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Iran liegen ohnehin viel tiefer. Schon vor den Sanktionen wurden die gesamten Öleinnahmen in das Rüstungs- und Atomprogramm gesteckt, statt dass man sich daran gemacht hätte, soziale Probleme zu lösen.

Was ist mit den Menschenrechten?

Davon will Rohani nichts wissen. Er ist kein Demokrat. Er verteidigt das Strafgesetz und will lediglich Freiheiten im Rahmen der existierenden Strafgesetzgebung – eine Gesetzgebung, die die Todesstrafe für Menschen fordert, die angeblich die nationale Sicherheit des Landes gefährden, wozu auch Frauen- und Menschenrechtler gehören können. Für ihn bedeutet die Ausübung der Scharia-Gesetze die Realisierung der »islamischen Menschenrechte«. Auch die Amputation von Gliedern wird nicht als Folter verstanden, sondern als »Menschenrecht«. Rohani verteidigt die Steinigung, die systematische Verfolgung von Bahai, die Zwangsverschleierung der Frauen oder die Hinrichtung von Homosexuellen. Die Verfassung und die Strafgesetzgebung des Iran stehen diametral entgegengesetzt zu westlichen Vorstellungen von Menschenrechten, und Rohani stellt sie nicht infrage. Er wusste als Mitglied des Obersten Sicherheitsrates seit 1989 höchstwahrscheinlich auch von allen Terroranschlägen, die der Iran im Ausland verübt hat.

Der geistliche Führer Ajatollah Khamenei ist der mächtigste Mann im Iran. Kann er wichtige politische Entscheidungen allein treffen, oder gibt es Personen oder Gruppen, deren Interessen er berücksichtigen muss?

Die »Islamische Republik Iran« ist eine totalitäre Massendiktatur, eine Führerdiktatur, die mit Hilfe von totalitären Organen gestützt wird. Um Khamenei herum sind totalitäre Institutionen, wie der Nationale Sicherheitsrat, in dem Rohani seit über 20 Jahren hohe Posten hat, oder der Wächterrat und persönliche Berater, die ihm natürlich bei seiner Entscheidungsfindung helfen, wenn es etwa darum geht, wer im Ausland mit Hilfe der Hisbollah hingerichtet wird, wo Bomben gelegt werden oder wie man das Atomprogramm forcieren kann.

Im syrischen Bürgerkrieg unterstützt Teheran das Assad-Regime. Ist das der verzweifelte Versuch eines international isolierten Regimes, einem seiner wenigen Verbündeten beizustehen? Oder stärkt der Iran damit seine Position in der islamischen Welt, wäre demnach also in der Offensive?

Außenpolitisch handelt der Iran rein machtpolitisch und ist bestrebt, die »islamische Revolution« zu exportieren, also den Terrorismus zu finanzieren und Terrororganisationen aufzubauen. Hauptsächlich richtet sich dieser Terrorismus gegen Israel und die Juden, gegen Amerikaner und westliche Soldaten. Beispielsweise hat der Iran jahrzehntelang sunnitische und sogar linke palästinensisch-militante Terrorgruppen finanziert und zu Konferenzen nach Teheran eingeladen, obwohl sie nicht schiitisch waren. Assads Regierung ist auch nur eine alawitische, das heißt eine Abspaltung der Schia. Die Machthaber der »Islamischen Republik Iran« haben aber ein besonderes Problem mit Israel. Es geht hier um nicht weniger als die islamistische Staatsdoktrin. Sie haben die fixe Idee, Jerusalem zu »befreien«. Deswegen würden sie sich vielleicht mit der US-Regierung an einen Tisch setzen, aber niemals mit der israelischen. Sie wollen Israel als Staat nicht akzeptieren, sondern dessen Untergang und Zerstörung. Syrien ist vor diesem Hintergrund für den Iran relevant als ein geostrategisch wichtiges Land für den Export des Terrorismus, eine Militärbasis und Transitland für die Lieferung von Waffen an die libanesische Hisbollah.

Welche Rolle spielen im Iran radikale religiöse Geheimorganisationen wie die Hojjatieh oder klerikale Zentren wie die Universität Qom?

Die Hojjatieh ist eine Anti-Bahai-Gruppe. Sie ist in den diktatorischen Institutionen tief verwurzelt und verankert. Die »University of Religions and Denominations« (URD) in der Stadt Qom, eine islamistische Kaderschmiede, spielt ebenfalls eine schlimme Rolle. Inzwischen ist bekannt geworden, dass das iranische »Ministerium für Erziehung« Lehrer aus dem ganzen Land nach Qom schickt, um diese dort in Anti-Bahai-Propaganda zu unterweisen. Diese Lehrer setzen dann insbesondere Bahai-Schüler unter Druck, damit diese zum Islam konvertieren. Die Bahai International Community (BIC) hat im März 2013 einen neuen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen gegen die Bahai im Iran veröffentlicht. Es werden über 300 Fälle dokumentiert, in denen seit 2005 Schüler zur Konversion gezwungen werden sollten. In vielen Fällen wurden Schulkinder dazu aufgefordert, ihre Religion vor der Klasse zu kritisieren und zum Islam zu konvertieren. Schulkinder und ihre Eltern haben oft Angst, über solche Erlebnisse zu berichten, weil sie befürchten müssen, noch mehr öffentlich drangsaliert zu werden. Erschreckenderweise arbeitet die Universität Potsdam mit der URD zusammen, und die Universitätsleitung und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) verteidigen das auch noch.

Ist die Verfolgung der Bahai in den letzten Jahren verschärft worden?

Seit mehr als drei Jahrzehnten werden die Bahai in der »Islamischen Republik Iran« systematisch verfolgt. Seit 1979 wurden über 200 Bahai hingerichtet, Hunderte wurden inhaftiert und gefoltert. Zehntausende dürfen nicht arbeiten. Bahai dürfen nicht studieren. Die Bahai werden vom islamistischen Regime als eine »häretische Sekte« bezeichnet, obwohl unter Experten fast unumstritten ist, dass sie Anhänger einer neuen Weltreligion sind, die in demokratischen Staaten respektiert wird.

Wie viele iranische Bahai sitzen wegen ihrer Religion im Gefängnis?

Von Anfang 2005 bis Ende 2012 wurden mehr als 660 Bahai verhaftet. Etwa 300 der verhafteten Personen bekamen Gefängnisstrafen. Im März 2013 waren noch etwa 115 Bahai in Haft. Weitere 140 warten auf Gerichtsurteile und etwa 280 Personen warten auf ein Gerichtsverfahren. Seit 2009 gibt es für den landesweiten Kampf gegen »Bahai, Sufis und Teufelsanbeter« sogar ein festes Budget im Staatshaushalt.

Teufelsanbeter?

Ja, als Teufelsanbeter werden vom iranischen Staat beispielsweise Jugendliche bezeichnet, die Heavy-Metal-Musik hören.

Wie äußert sich die Verfolgung der Bahai im Alltag?

Seit 2002 werden die Universitäten streng kontrolliert, damit kein Bahai sich an den Zulassungsprüfungen beteiligen kann. Der Ausschluss von den Hochschulen bleibt eine gängige Praxis. Zwar wurde Ende 2003 erklärt, dass die Religionszugehörigkeit bei den Bewerbungen an den Universitäten keine Rolle spiele. Aber es wurde sehr bald deutlich, dass die Bahai dennoch nicht an den Universitäten studieren können. Denn die Bahai-Religion wird überhaupt nicht als Religion anerkannt. Seit Jahren wurden die Bahai gezwungen, eigene private Universitäten aufzubauen, die Fernstudien auch mit Lehrkräften aus dem Ausland anboten. In den letzten Jahren wurden einheimische Lehrkräfte engagiert, die dem Regime jedoch als Kriminelle gelten. Ein islamisches Revolutionsgericht verurteilte im Oktober 2011 sieben dieser Hochschullehrer zu Haftstrafen zwischen vier und fünf Jahren.

Ist nur die Regierung den Bahai gegenüber feindlich eingestellt oder auch Teile der Bevölkerung?

Die Masse reagiert auf die Hasspropaganda manchmal prompt, immer wieder werden Häuser von Bahai-Familien zerstört oder in Brand gesetzt. Angriffe auf Bahai bleiben straflos. Zu den Tätern gehören übereifrige religiöse Fanatiker, die in den Gefängnissen als Wärter fungieren, Mitglieder der Bassij-Miliz und zivil gekleidete Geheimdienstler, die den Auftrag bekommen, zuzuschlagen und Dissidenten zu erniedrigen. Selbst einfache Bürger beteiligen sich an Angriffen auf Bahai. Es waren die staatlichen »Gewerkschaften«, die forderten, dass zwei Optikerläden, deren Besitzer Bahai waren, geschlossen werden müssten. Auch Kopierläden, die Bahai gehörten, wurden geschlossen. Vor allem Supermärkte sollen die Bahai nicht führen. Denn sie gelten als najis, als schmutzig, deswegen sollten Muslime bei ihnen nicht einkaufen. Bahai-Ärzte werden aus den Kliniken vertrieben. Muslime werden eingeschüchtert, um sie zu zwingen, ihren Kontakt mit Bahai abzubrechen. Der Hass der Islamisten macht vor den Toten keinen Halt. Viele Friedhöfe der Bahai wurden zerstört, Grabsteine wurden gestohlen, Bäume und Pflanzen ausgerissen.

Manche sprechen von einem Genozid an den Bahai. Ist dieser starke Begriff gerechtfertigt?

Ja. Gemäß dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofes ist die systematische Verfolgung der Bahai ein Verbrechen gegen die Menschheit. Die dort genannten Kriterien für ein solches Verbrechen lauten: »Verfolgung einer identifizierbaren Gruppe oder Gemeinschaft aus politischen, rassischen, nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gründen, Gründen des Geschlechts … oder aus anderen nach dem Völkerrecht universell als unzulässig anerkannten Gründen im Zusammenhang mit einer in diesem Absatz genannten Handlung oder einem der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofs unterliegenden Verbrechen.« Auch Artikel 6 des Statuts über den Genozid trifft auf das Vorgehen gegen die Bahai zu. Dort heißt es, dass von Genozid immer dann gesprochen werden kann, wenn Mitglieder einer religiösen Gruppe getötet werden, wenn sie körperlich oder psychisch ernsthaft verletzt werden oder wenn die physische Zerstörung von Teilen der Gesellschaft oder ihrer Gesamtheit beabsichtigt wird. In Anbetracht der Tatsache, dass das khomeinistische Regime die Vernichtung der Bahai-Gemeinde im Iran systematisch durchsetzen will, mit Erfolg auch die gesamte administrative Struktur der Gemeinde zerstört und Tausende in ihrem Recht auf Eigentum, Bildung, berufliche Tätigkeit und persönliche Freiheit gänzlich eingeschränkt hat, kann man von einem Genozid sprechen. Denn ein Genozid findet in einem Prozess statt, dem die iranischen Bahai gegenwärtig ausgesetzt sind. Keine andere Minderheit ist einer solchen systematischen Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt, dennoch schauen die europäischen Regierungen tatenlos zu und verfolgen ihre nationalegoistischen Wirtschaftsinteressen.

Wie ist die Situation der Christen, Sunniten und Juden im Iran?

Christen und Juden sind keine einheitlichen Gruppierungen. Die traditionellen Christen und Juden sind unzufrieden, passen sich aber an. Sie verstehen sich primär als Angehörige ihrer jeweiligen Glaubensgemeinschaft, besonders die Juden. Wenn ein Jude sich mit Israel solidarisiert oder wenn ein Muslim Christ wird, ist er gefährdet. Sunniten als eine islamische Gruppierung dürfen weder einen Präsidentschaftskandidaten stellen noch eigene Moscheen betreiben. Neben den von Ihnen genannten Religionsgruppen werden auch die Sufis im Iran verfolgt und diskriminiert.

Was könnte der Grund dafür sein, dass westliche Regierungen und Medien der Lage unterdrückter Minderheiten im Iran noch viel weniger Aufmerksamkeit schenken als etwa im Falle Chinas? Was kann und sollte der Westen tun?

Ein Grund ist sicherlich die wirtschaftliche Bedeutung des iranischen Markts, der gute Investitionsmöglichkeiten bietet. Die deutsche Wirtschaft könnte darauf verzichten, tut es aber nicht. Dann ist da noch das sicherheitspolitische Problem. Beispielsweise verbieten die Europäer nicht die Hisbollah komplett, weil sie Angst haben vor den Reaktionen des Iran, vor dem Terrorismus. Der Westen und konkret Europa sollte die Welt nach eigenen Maßstäben der Demokratie, Menschenrechten und Freiheit behandeln. Das könnte den Minimalkonsens für den politischen Frieden weltweit bieten, den wir brauchen. Die Europäer interessieren sich nicht wirklich für die Freiheit im Iran. Sie schimpfen zwar gerne auf die Amerikaner, die in den 1960er- und 1970er-Jahren Diktaturen unterstützten, aber Europa unterstützt die heutige islamistische Diktatur im Iran und profitiert davon. Dies wird sich historisch rächen.

* Wahied Wahdat-Hagh, Diplom-Soziologe und -Politologe, wurde 1957 in Ludwigsburg geboren. Er ist deutscher Staatsbürger und hat seine Kindheit in Teheran verbracht. Wahdat-Hagh war Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Fachhochschule, an der Fachhochschule für Recht und Verwaltungspflege in Berlin und am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin. Seit 2006 arbeitet er für die European Foundation for Democracy (EFD). Zudem ist er Mitglied des auf Beschluss des Deutschen Bundestages eingerichteten Expertenkreises Antisemitismus. Jüngste Buchveröffentlichung: Der islamistische Totalitarismus – über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der »Islamischen Republik Iran«, Frankfurt/Main u.a. 2012.

Das Interview erschien zuerst in der Schweizer Monatszeitschrift factum und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion, des Autors und des Interviewpartners wiedergegeben.


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Gefunden: Denken ohne Geländer August 8, 2013 | 11:32 am

Hat jemand einen Mitschnitt der Langen Nacht über Hannah Arendt?

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Von der Nutzlosigkeit, seine Bevölkerung nicht zu bespitzeln July 19, 2013 | 07:49 pm

Die aktuellen Affären um die weitreichende Bespitzelung praktisch Aller durch praktisch jeden, der es kann, ödet mich an, was man meinen dürren Worten gleich anmerken wird.

Die einzige Frage, die mich in diesem Zusammenhang halbwegs interessiert ist: Was hätte eigentlich ein Staatsapparat davon, seine Bevölkerung bzw. seine Konkurrenten nicht zu bespitzeln?

Dazu fällt mir nur ein:

  • Vielleicht spart es Geld. Das wird jedoch fragwürdig, wenn die Konkurrenz etwa durch Industriespionage Vorteile erringt oder durch Auskundschaften des eigenen Waffenarsenals gezielter planen kann.
  • Vielleicht mag die eigene Bevölkerung den Staatsapparat etwas lieber oder hasst ihn etwas weniger, was legitimatorisch nett wäre (sofern die tatsächliche Nicht-Bespitzelung auch von den Betroffenen geglaubt wird, was zweifelhaft ist, weil ja niemand als Naivling dastehen will). Gerät man jedoch gerade dadurch, dass Konkurrenten besser informiert sind, ins (auch materielle) Hintertreffen, kann ein in der Folge verarmendes Staatsvolk dem vielleicht gar nicht mehr so viel abgewinnen. Natürlich wird dieses Staatsvolk nicht auf der Straße für eine Erhöhung des Geheimdienstetats demonstrieren, aber doch die Abwahl der eigenen Regierung forcieren, was ein Grund dafür ist, dass neugewählte Regierungen, auch nominell linke, so selten ihre Schlapphüte in Rente schicken.

Kurz gesagt, ich kann mir einfach keinen plausiblen Grund vorstelle, warum ein Staatsapparat seine Bevölkerung und seine Konkurrenz nicht bespitzeln sollte, was das Zeug hält. Skandale wie der aktuelle sind wahrscheinlich immer noch weniger kostspielig als das, was passieren würde, stiege man unilateral aus dem Spiel aus.


Das Arschgeweih des Feuilletons July 2, 2013 | 11:10 pm

Dass der Antisemitismus der Sozialismus der dummen Kerls sei, ist ein schon länger bekanntes Diktum, das gemeinhin August Bebel zugeschrieben wird (wiewohl Bebel selbst den österreichischen Politiker Ferdinand Kronawetter als Urheber nannte). Diese These hat fraglos ihre unbedingte Berechtigung, doch der Antisemitismus erschöpft sich darin nicht, er ist noch weit mehr: der völkische Kitt der formierten Gesellschaft, das Rauschmittel der Enthaltsamkeitsapostel, die Gesinnung der Besinnungslosen – und das Arschgeweih des Feuilletons (also der – vermeintlich – klugen Kerls), wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Printausgabe vom 2. Juli eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.* Dort ist nämlich in der Rubrik »Das politische Buch« ein Beitrag von Heiko Flottau erschienen, der die Überschrift »Der Niedergang des liberalen Zionismus« trägt und sich mit zwei unlängst veröffentlichten Publikationen zum jüdischen Staat befasst: »Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft« von Peter Beinart und »Staatsraison? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet« von Werner Sonne.

Die Rezension selbst ist dabei noch nichts, was man in Bezug auf die Thematik nicht ohnehin von dieser Zeitung kennt und gewohnt ist: »Welchen Charakter hat dieses Israel heute, für dessen Bestand die Bundesrepublik seit mehr als einem halben Jahrhundert Milliardensummen ausgibt?«, fragt Flottau vor allem rhetorisch, bevor er den amerikanischen Politikwissenschaftler Beinart und den früheren ARD-Korrespondenten Sonne genau jene Antworten geben lässt, die der gemeine SZ-Leser erwartet: An die Stelle »jüdischer Ohnmacht« sei »jüdische Macht« und vor allem deren »Missbrauch« getreten, weshalb die Juden mit sich »ins Gericht gehen« sollten, statt weiterhin eine »großisraelische Versuchung« zu unterstützen und dafür auch noch Hilfe aus Deutschland in Anspruch zu nehmen. »Wie im Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel könnte auch im Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel etwas ›falsch laufen‹«, beschließt Flottau in eigenen Worten seinen Text – und dass dieser Satz nicht nur die Forderung nach einem Ende der finanziellen und militärischen Unterstützung Israels einschließt, sondern ein Plädoyer für noch drastischere Maßnahmen ist, ist bereits zuvor so klar geworden, dass es nun gar nicht mehr ausgesprochen werden muss.

Was den Beitrag selbst für SZ-Verhältnisse in besonderem Maße unappetitlich werden lässt, ist seine Bebilderung, genauer gesagt: die Kombination aus Bild und Bildunterzeile in Verbindung mit der Überschrift. Das Bild ist eine Schöpfung des Künstlers Ernst Kahl, die ein mit großen, spitzen Ohren, breitem Maul, Raffzähnen und Hörnern ausgestattetes, dämonenartiges Wesen zeigt, das Messer und Gabel in den Pranken hält und finsteren Blickes darauf wartet, dass ihm das Essen an das Bett gebracht wird, in dem es liegt. Vor diesem Wesen steht eine Frau mit einem gedeckten Tablett und umgebundener Schürze, offenbar eine Art Hauswirtschafterin des Dämons. In der Bildunterzeile heißt es: »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.« So sieht er also aus, der »Niedergang des liberalen Zionismus«.

Ernst Kahl hatte das Bild vor vielen Jahren für die Zeitschrift Der Feinschmecker angefertigt, in einem völlig anderen Zusammenhang, ohne jeden Bezug zum jüdischen Staat. Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen hat er dann auch sein Entsetzen über die Zweckentfremdung durch die Süddeutsche Zeitung zum Ausdruck gebracht und erklärt: »Ich wäre gern vorher gefragt worden. Dann hätte ich mit Sicherheit Nein gesagt.« Doch Kahl wurde nicht gefragt, und so verwandelte das Münchner Blatt sein Bild durch die entsprechende Kontextualisierung und die Bildunterschrift in eine Karikatur im Stürmer-Stil; zu sehen ist jetzt »der hässliche, gefräßige Jude, ein Moloch in Menschengestalt, der im Begriff ist, sich die Welt einzuverleiben«, wie Henryk M. Broder schreibt. Israel, der »Jude unter den Staaten« (Léon Poliakov), wird also buchstäblich dämonisiert.

Franziska Augstein, die Verantwortliche für die SZ-Rubrik »Das politische Buch«, sieht das gleichwohl anders; sie glaubt, dass die Bildunterschrift gerade nicht dafür sorgt, dass Kahls Bild antisemitisch aufgeladen wird. Doch da irrt sie gründlich. Schon die ersten beiden Sätze – »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt« – erinnern frappierend an eine Aussage, die Augsteins Halbbruder verdientermaßen einen Platz in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers eingebracht hat. »Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen«, hatte Jakob Augstein in seinem von Spiegel Online veröffentlichten Beitrag mit dem Titel »Die deutsche Atom-Lüge« geschrieben und damit die alte Mär von den Juden wiedergekäut, die sich die Welt und insbesondere die Deutschen untertan machen. In Kahls Bild wird »Deutschland«, so legt es die SZ nahe, durch die Dienerin des Teufels verkörpert.

Die anderen beiden Sätze in der Bildunterzeile haben es ebenfalls in sich. »Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch«, heißt es dort weiter – und einmal abgesehen davon, dass »Israels ärgste Feinde solche ehrenwerten Sozietäten wie die Hamas, die Hisbollah und die iranischen Mullahs« sind, wie Broder hervorhebt, ist es gerade das zweckentfremdete, markant platzierte, einen gefräßigen Moloch zeigende Bild, mit dem die SZ erstens suggeriert, dass Israels Feinde Recht haben (eine andere Deutung scheidet hier schlichtweg aus, weil auch der Artikel selbst sie bestätigt), und sich zweitens dezidiert in die Phalanx dieser Feinde einreiht. »Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist«, lautet der letzte Satz der Unterzeile – und weil Beinart nicht die Feinde kritisiert, sondern Israel, sagt dieser Satz nichts anderes aus, als dass der jüdische Staat selbst schuld am Judenhass ist. Noch so eine alte antisemitische Legende, mit der die Judenhasser Notwehr geltend machen zu können glauben.

»Nachdem das Bild zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen«, versucht Franziska Augstein derweil abzuwiegeln. Schließlich solle ja »über den Artikel diskutiert werden, nicht über die Bebilderung«, und der Text von Heiko Flottau »über zwei Israel-Bücher, deren Autoren für die Demokratie in Israel fürchten«, lohne »das Lesen und die Debatte«. Was aber, wenn da jemand in Augsteins Beritt Flottaus Beitrag gar nicht miss-, sondern im Gegenteil völlig richtig verstanden, in der Bildunterschrift präzise zusammengefasst und – so viel Demagogie genehmigen sich Judenfeinde nun mal – unter hinterhältiger Instrumentalisierung eines keineswegs israelfeindlichen Künstlers pointiert bebildert hätte? Was also, wenn da jemand einfach etwas zu offensiv mit dem Konsens der Süddeutschen Zeitung umgegangen wäre und ausgeplaudert hätte, was die »Israelkritik« in Wahrheit speist, gebe sie sich auch noch so sehr als »Furcht« um den »demokratischen Charakter Israels« aus? Honi soit qui mal y pense.

*Nachtrag (4. Juli 2013): In zwei E-Mails an Lizas Welt legt Johan Schloemann, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Wert auf die Feststellung, dass die von Franziska Augstein verantwortete Rubrik »Das politische Buch« nicht zum SZ-Feuilleton gehört, sondern bei der Innenpolitik »ressortiert«. Zwar finde er die kritisierte Seite ebenfalls »ganz schlimm«, doch sei sein »Hinweis auf die Zuständigkeit der verschiedenen Ressorts, die in großer Unabhängigkeit voneinander arbeiten, gerade nicht nur ein formaler, sondern einer, der die Stoßrichtung Ihres Textes betrifft«. Ich habe Schloemann daraufhin dies geantwortet: »Wenn mich nicht alles täuscht, ist ›Das politische Buch‹ ein feuilletonistisches Format, das seinen Platz aus nachvollziehbaren Gründen im Kulturteil der SZ hat (und eben nicht im Bereich Innenpolitik), gleich hinter dem Teil, der auch redaktionsoffiziell mit ›Feuilleton‹ überschrieben ist. Es mag ja sein, dass diese Rubrik formal woanders ›ressortiert‹, aber das ist für meine Kritik unerheblich, weil es mir nicht um die internen Zuständigkeiten der SZ ging, sondern um eine, sagen wir ruhig: Genrekritik. Ich verstehe ja, dass es Ihnen peinlich ist, wenn eine Kollegin, die formal zu einem anderen Ressort gehört, Ihre Gattung in Verruf bringt. Aber das lässt sich nicht einfach durch den Hinweis darauf, dass die Betreffende in einem anderen Großraumbüro ihren Dienst versieht, aus der Welt schaffen. Wenn Sie die Seite also tatsächlich so schlimm finden, wie Sie schreiben, sollte die Adressatin Ihrer Klage dann nicht eher Frau Augstein sein als ich? Im Übrigen – und auch das ist, wie ich hoffe, in meinem Text deutlich geworden – ist die Art von ›Israelkritik‹, wie sie nun auf der Seite ›Das politische Buch‹ zum Ausdruck gebracht worden ist, ressortübergreifend charakteristisch für die SZ.«


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Vom Lager, dem Ausnahmezustand und der Anstößigkeit des Denkens March 26, 2013 | 05:45 pm

Nachtrag zum Poststrukturalismus:

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben gehört seit zehn Jahren zur Avantgarde seines Faches und wird auch in popkulturellen Zusammenhängen immer wieder zitiert und diskutiert. Mit seinen Schriften hat Giorgio Agamben in der Philosophie „die pole position eingenommen, die seit dem Tod Michel Foucaults vakant ist“. So hat es der Literaturwissenschaftler Anselm Havelkamp formuliert. Wie Michel Foucault ist Giorgio Agamben ein lästiger, sperriger und unbequemer Denker. Seine Texte sind so begeisternd wie anstößig, so anregend wie unbehaglich. [via]

Download: via BR2 | via RS.com (0:52 h, 48 MB) | Manuskript

Ebenfalls von Sammy Khamis via Bayern2 über Agamben, etwas älter:

Die Brutalität der Realität

„Die souveräne Macht und das nackte Leben“ ist der Titel eines Buches des Philosophen Giorgio Agamben. Dem italienischen Denker geht es vor allem darum zu zeigen, wie sich unsere zeitgenössische, angeblich aufgeklärte Gesellschaft ihre eigenen totalitären Strukturen geschaffen hat. Solange es Macht gibt, so eine seiner Thesen, wird es Verbrechen wie den Holocaust und Lager wie Guantanamo geben. Sammy Khamis stellt Giorgio Agamben vor. [Weitere Infos]

Download: via BR2 | via RS.com (0:26 h, 24 MB) | Manuskript

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Meditation, ein endloser Spaziergang um den Block March 5, 2013 | 01:14 pm

Über Meditation wird haupsächlich Gutes geschrieben, egal ob sie christlich, hinduistisch oder buddhistisch geprägt ist. Ihre Nützlichkeit wird kaum bezweifelt, die Meditationspraxen zugrundeliegenden philosophischen Ideen werden kaum kritisiert. Mir ist keine kritische Sozialgeschichte der Meditation bekannt.

Wird soziales Elend oder Autoritarismus in religiös geprägten Ländern wie Indien oder Tibet kritisiert, kommt kaum jemand auf die Idee, die mit häufig widerlichen religiösen Ideen verknüpften Meditationspraxen – wie Buddhas Empfehlung an seine zölibatären Studenten, über Frauen als Sack voller Fäkalien zu meditieren – zahlloser leidender Menschen könnten eher einen Beitrag zum Fortbestand als zur Überwindung dieses Elends leisten. Tibetischen Eltern ihr Kind wegzunehmen und es dazu zu zwingen, viele Stunden am Tag über ein einziges Wort zu meditieren, wird wohl wirklich von vielen Menschen als Befreiung von weltlichen Zwängen betrachtet. Wenigstens ist es eine von der Armut der Eltern. Wer das christliche Klosterleben im Mittelalter romantisiert, möge an die Leibeigenen denken, die für die meditierenden Mönche schuften durften.

Im Zen-Buddhismus ist es eine beliebte Praxis, über paradoxe Aussagen (eine Hand, die klatscht etc.), die nicht auflösbar sind, zu meditieren. Es ist keine Auflösung erreichbar außer der, irgendwann zu realisieren, dass es keine Auflösung gibt. Und – wenn es gut läuft -  der Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, Gehirnschmalz an Dinge zu verschwenden, die völlig offenkundig zu nichts führen. Wer über Sinnfreies allzu lange nachdenkt, mag irgendwann auf die Idee kommen, dass die Befreiung vom Sinn Sinn macht, und dass das Nirvana ein gutes Ziel einer imaginären Reise abgibt. Man kann aber auch einfach gleich den Seitenausgang nehmen und sich Dingen widmen, die das eigene Leben oder gar das anderer Menschen verbessern. Die Idee der Illusionarität von Allem ist eine arg durchschaubare Illusion.

Yogis und Meditationsmeister sehen oft, wenn auch nicht immer, noch im fortgeschrittenen Alter recht gesund aus, was erst einmal beeindruckt. Wer einen Moment über die Gründe nachdenkt, wird schnell auf den Gedanken kommen, dass diese Menschen sich in der Regel von anderen dafür bezahlen lassen, viel Zeit für körperliches Training zu haben, von schwerer Arbeit befreit zu sein, viel frische Luft zu genießen etc.pp. Das erhöht die Warscheinlichkeit ungemein, mit 60 nicht so auszusehen, als habe man sein erwachsenes Leben im Büro oder am Schmelzofen verbracht. Auch spielt von vornherein ein Selektionseffekt eine Rolle: Wer als Yogi in spe nicht nicht den Anforderungen nahekommt, die potentielle Anänger an Körperbau, Hautbeschaffenheit, Bartwuchs etc. stellen, wird deutlich schlechtere Chancen haben, es im hartumkämpften spirituellen Gesundheitsbusiness zu etwas zu bringen.

Die Frage, ob Yoga, Meditation und anderes bei allem Brimborium gesundheitlich von Nutzen sein könnte: Hatha-Yoga ist nichts wesentlich anderes als eine Mischung aus Gymnastik, Atemtechnik und Entspannung sowie Ernährungsempfehlungen. Ein Nutzen kann daraus entstehen, dass vielleicht auch Menschen, denen die bewusste Förderung der eigenen Gesundheit zu banal erscheint, ihre Muskeln dehnen und sich ab und zu entspannen. Gleichzeitig fragt man sich jedoch, inwieweit Verluste an kognitiver Klarheit das Leben dieser Menschen wiederum negativ beeinflussen.

Ein großes Problem der Meditationsforschung liegt darin, dass ein beträchtlicher Teil der Forscher unbedingt herausfinden möchte, dass Meditation eine gute Sache ist, was der Qualität der Studien nicht eben zuträglich ist. Ein Großteil der bekannten Meditationstechniken scheint gesundheitlich keine besseren Ergebnisse hervorzubringen als ein Nickerchen, auch wenn von den Apologeten in Presse und Öffentlichkeit gerne etwas anderes behauptet wird. Wäre Meditation so fantastisch effektiv, müsste das relativ einfach nachweisbar sein.

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Etwas für die eigene Gesundheit zu tun ist gut. Ideal ist es, wenn man dabei nicht blöder wird und einen klaren, kritischen Kopf behält.Was kann man also tun? In keiner besonderen Reihenfolge und ohne den Anspruch, dass ich selbst auch nur irgend eine Kompetenz habe, meinen eigenen Ratschlägen zu folgen:

  • Gehe vor die Tür.
  • Dehne deine Muskulatur.
  • Frage dich, welche Bewegungen du nie oder selten durchführst, und beschäftige dich mit ihnen.
  • Bewege dich auf eine Art, die dir Spaß macht, und die deine Gelenke nicht zu sehr belastet.
  • Benutze deine höheren Gehirnfunktionen für viele verschiedene Dinge. Monotones Lösen von Sudokus bringt mit der Zeit immer weniger Nutzen, besser wäre eine progressive Beschäftigung mit mathematischen Themen, die einem schwerfallen.
  • Beschäftige dich mit Dingen, die dir in der Schule schwer gefallen sind. Dort winken die größten Verbesserungen.
  • Beschäftige dich mit Techniken systematischen Denkens.
  • Versuche, dich situativ in das Denken anderer Menschen hineinzuversetzen. Viele sind darin ohnehin gut, für die, die es nicht sind, winkt ein beträchtlicher Gewinn.
  • Mache Pausen, in denen du möglichst wenig tust, damit dein Gehirn, dessen Fähigkeiten begrenzter sind, als viele denken, Zeit zur Integration von Gelerntem hat und dein Körper sich entspannen kann.
  • Helfe anderen Menschen. Es klingt eigennützig, aber man ist oft derjenige, der davon am meisten profitiert. Wenn man jedoch zu sehr darüber nachdenkt, wie man sich damit gerade selbst etwas Gutes tut, sinkt der Ertrag wieder.
  • Finde einen für dich funktionierenden Mix aus Gewohnheiten, die dein Leben leichter machen, und neuen Erfahrungen, die deine Möglichkeiten erweitern.
  • Setze dir erreichbare Ziele, die dir immer wieder Erfolgserlebnisse verschaffen.

All diese Vorschläge haben einen für viele Menschen entscheidenden Haken: Man wird dadurch nicht zu etwas Besonderem, man kommt “Gott” nicht näher, man ist nicht auf einem “erhabenen” Weg, und wenn er auch ins Nichts führte.

Ich hätte diesen Text nicht geschrieben, hätte ich nicht selbst Jahre meines Lebens mit spirituellen Dingen vertrödelt, zum Glück ohne je elementare Zweifel überwinden zu können. Diese Zweifel wertschätzen zu lernen hat lange gedauert, auch und gerade weil sie mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht haben.


Schnitzeljagd in Hitlers Zimmer March 3, 2013 | 01:21 pm

Tuvia Tenenboms Buch »Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise« gehört hierzulande zu den meistgekauften Sachbüchern. Gleichzeitig ist der Verfasser – über den die Süddeutsche Zeitung als »der Jude Tenenbom« und ein Gutachter des Rowohlt-Verlags als »jüdischer Hysteriker« spricht – das Ziel wütender Angriffe, die oft von Leuten kommen, die das Buch gar nicht gelesen haben. Für Lizas Welt sprach Stefan Frank (Foto, rechts) mit Tenenbom (links) über die Ayatollahs des Rowohlt-Verlags, Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Fassung des Buchs, die Dummheit und Bösartigkeit deutscher Intellektueller, die Angst der jüdischen Gemeinden, das Reisen, Radfahrer und die Vorzüge des Apple-iPad.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Ihr Buch hätte eigentlich im Rowohlt-Verlag erscheinen sollen, der es auch schon beworben hatte. Dann aber weigerte sich der Verlag, das Buch zu drucken, und warf Ihnen vor, Sie seien »offenkundig ein jüdischer Hysteriker«. Hat das vielleicht auch etwas mit Joachim Fest, dem verstorbenen Vater des Verlagsleiters Alexander Fest, zu tun?

Tuvia Tenenbom: Joachim Fest hat bekanntlich die erste deutsche Hitler-Biografie geschrieben und dabei ganze drei von über tausend Seiten den Konzentrationslagern gewidmet. Er hat außerdem Albert Speer* geholfen, aus seinen Memoiren ein Buch zu machen. Das ist der Papa, und der Sohn ist wie der Papa. Als er mein Manuskript sah, hat er sofort Änderungen angeordnet: »›Club 88‹? Kein Deutscher interessiert sich für Neonazis. Raus! Jemand sagt: ›Ich mag keine Juden‹? Das ändern wir zu: ›Ich mag Israel nicht.‹« Und so weiter. Ich sagte ihm: »Sie sollten ein Redakteur im Iran unter den Ayatollahs sein.« Wir hatten also großen Krach.

Schließlich wollte Rowohlt den Vertrag auflösen und zwei Drittel des Vorschusses zurückhaben. Da sagte ich: »Hört zu, laut Vertrag müsst ihr mein Buch bis September 2012 auf den Markt bringen. Ich weiß, dass euch das nicht gefällt. Wenn ihr vertragsbrüchig werdet, dann (maliziös flüsternd) werde ich jüdische Anwälte aus New York holen und werde euch auf jeden Dollar verklagen, (sehr laut) Millionen und Abermillionen! Ich gebe euch fünf Minuten.« Nach vier Minuten rief der Rowohlt-Verlag an und sagte, dass ich das Geld nicht zurückzahlen müsse. So groß war dort die Angst vor den jüdischen Anwälten. Manchmal ist Antisemitismus doch zu etwas nütze.

Die amerikanische Ausgabe Ihres Buches trägt den Titel »I Sleep in Hitler’s Room«. Auf Deutsch heißt es: »Allein unter Deutschen«. Warum zwei verschiedene Titel?

Der eine Titel war meine Idee, der andere die des Suhrkamp-Verlags. Für gewöhnlich hat der Verleger das Recht, einen Titel auszusuchen, wie auch bei Zeitungen, wo es den Redakteuren vorbehalten ist, die Überschrift und die Unterüberschrift zu bestimmen. In New York hat der eine Titel funktioniert, für Deutschland ist ihnen der andere eingefallen, und ich finde, der ist für die deutsche Version sehr gut. Für »I Sleep in Hitler’s Room« gab es zwei Gründe: Zum einen habe ich tatsächlich in Hitlers Zimmer im Weimarer »Hotel Elephant« geschlafen, zum anderen fühlte sich Deutschland am Ende der Reise an wie Hitlers Zimmer.

In der englischen Version sagt Bild-Chef Kai Diekmann, wenn sich herausstelle, dass einer seiner Journalisten ein »anti-Semitic asshole« sei, werde er gefeuert. In der deutschen Fassung ist nur noch vom »Antisemiten« die Rede. Was ist mit dem »Arschloch« passiert?

Zwei Leute hatten das Recht, den Text vor der Veröffentlichung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen: Der eine war Helmut Schmidt, der andere Kai Diekmann. Als wir Kai Diekmann die englische Version sandten, stimmte er ihr zu. Er hat aber von Anfang an die Bedingung gestellt, auch die Übersetzung zur Genehmigung vorgelegt zu bekommen. Daraus hat er das Wort »Arschloch« dann gestrichen. Es war also nicht das Arschlochproblem des Übersetzers, sondern das Arschlochproblem von Kai Diekmann.

Ich fand es auch schade, dass in der Übersetzung die gesamte Episode mit Gabriele Gysi, der Schwester des bekannten Politikers, fehlt.

Bei Gabriele Gysi hat die ganze Sache mit den Persönlichkeitsrechten angefangen. Nachdem sie das englische Manuskript gelesen hatte, rief sie mich an und sagte: »Wenn du das veröffentlichst, bekommst du es mit meinen Anwälten zu tun.« Und sie schrie dabei. Da sagte ich zu ihr: »Gabi, selbst wenn es dir gelingt, Rowohlt daran zu hindern, das Buch zu drucken, dann habe ich immer noch einen Freund in Berlin, (mit gespielt maliziöser Stimme) und sein Name ist Kai Diekmann, er wird es in der Bild-Zeitung drucken.«

Daraufhin sagte Gabi zu mir: (mit komödiantisch erhobener Stimme) »Aber Tuvia, wir sind doch Freunde, nicht wahr? Ich liebe dich, liebst du mich nicht auch?« Ich sagte zu ihr: »Fuck you, du hast mir gerade mit Anwälten gedroht, hast mich angeschrien, und jetzt sind wir Freunde?! Du hast zugestimmt, das ist das, was du gesagt hast, und das ist alles, was ich weiß.« Wir haben es dann in der amerikanischen Fassung gedruckt, aber sie hat sich beschwert und gewonnen. Mir ist das egal.

Und Gabrieles Bruder, Gregor Gysi, wollte nicht über seinen »jüdischen Hintergrund« sprechen? Nicht, dass ich ein besonderes Interesse für die Verwandtschaft irgendeines Politikers hätte, aber ich frage mich, warum jemand schon vorab sagt, dass er darüber nicht reden will.

Ja, er hat zwei Bedingungen gestellt: dass das Gespräch politisch sein müsse und nicht persönlich und dass ich seinen jüdischen Hintergrund nicht erwähne. Da habe ich gesagt: »Das akzeptiere ich nicht, dann gibt es eben kein Interview.«

Was mag er so schlimm daran gefunden haben?

Das wusste ich auch nicht – bis wir in den Osten kamen. In einer Kneipe sagte ich zu Leuten, die Gysi wirklich gerne mochten, dass er jüdisch ist. Da sagten sie: »Unmöglich, er ist so ein netter Mensch.« Da wurde mir klar, dass viele Leute nicht wissen, dass er jüdisch ist. Und er ist ein Politiker, er weiß, dass er viele Unterstützer verlieren würde, wenn die Leute wüssten, dass er jüdisch ist. Das wurde mir erst klar, als ich es selbst gesehen und gehört habe und merkte: Ha, das hat also einen Grund! Ich stimme diesem Grund nicht zu, es ist der schlechteste, den man haben kann, aber Politiker sind selbstsüchtig, so ist das eben.

Rowohlt, WDR, Deutschlandradio, Süddeutsche Zeitung, Studenten, Gedenkstättenleiter: Bei vielen erschreckenden Erfahrungen, die Sie in Deutschland gemacht haben, spielen Menschen mit langem Bildungsweg eine Rolle. Sind Intellektuelle, was den Antisemitismus angeht, noch schlimmer als der Durchschnittsbürger?

Es sind die Schlimmsten, die es geben kann. Ich habe so viele Beispiele, eines davon ist ein Vertreter der Stadt Köln, der von seinen Kollegen »Außenminister« genannt wird, weil er für Außenpolitik zuständig ist. Er sagte zu mir: »Als Deutscher fühle ich Verantwortung für das, was mit den Juden passiert ist. Es ist die Mission meines Lebens, die Juden und den Staat Israel zu beschützen.« Da sagte ich zu ihm: »An Sie will ich mich erinnern, können Sie mir bitte Ihre Visitenkarte geben?«

Er hatte sie nicht dabei, also gingen wir zu seinem Büro. Dieser Mensch, der die Juden und den Staat Israel so sehr liebt, hat ein einziges Foto an der Wand hängen. Es zeigt ihn und Mahmud Abbas. Ich sah das Foto an und sagte: »Oh, Rabbi Mahmud Abbas!« Er erwiderte: »Gerade weil ich so viel Verantwortung für die Juden und den Staat Israel empfinde, ist es die Mission meines Lebens, die palästinensische Sache zu schützen.«

Ein anderes Beispiel: Eine deutsche Zeitung befragte mich nach meiner Meinung zum arabisch-israelischen Konflikt. Ich sagte: »Ich halte die derzeitige israelische Regierung für rassistisch, aber die Palästinenser sind noch rassistischer.« Was hat die Zeitung zitiert? Nur den ersten Teil des Satzes. Die Medien gaukeln Fairness bloß vor.

Ein weiteres Beispiel: Juliane Wetzel (vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin), eine Intellektuelle. Sie sagte, was ich über Deutschland von mir gäbe, sei »gefährlich«. Ich habe ihr daraufhin geschrieben: »Juliane, im Februar bin ich in Deutschland, lass uns öffentlich diskutieren.« Sie antwortete: »Das würde ich liebend gerne tun, aber im Februar habe ich keine Zeit.« Darauf schrieb ich ihr: »Nenn irgendein Datum im Jahr 2013, ich werde aus New York kommen und mit dir diskutieren.« Natürlich hat sie nicht geantwortet.

Das ist die Art von Intellektuellen, die zu mir kommen und sagen: »Ihr Buch ist sehr subjektiv!« Ich sage: »Sie nicht? Sind Sie nicht menschlich? Sind wir nicht alle subjektiv? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, zu entscheiden, was subjektiv ist, und zu sagen: ›Sie sind subjektiv, ich nicht‹?« Ist Juliane Wetzel nicht subjektiv? Wie kommt es eigentlich, dass ihr Institut seit über 20 Jahren keinen Juden mehr an der Spitze gehabt hat?

Volkhard Knigge (Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, der zum Gespräch mit Tenenbom im T-Shirt der extrem antiisraelischen »Uganda-Bar« in Jerusalem erschien) ist ein Professor, ein anderer Intellektueller. Einer nach dem anderen. Lesen Sie die Intellektuellenmedien: Sie sind unvorstellbar antisemitisch – unter dem Deckmantel der Recherche, aber diese Recherche findet nicht statt.

Es ist ein Weißwaschen …

Ja, Weißwäsche und Gehirnwäsche, alles. Es gibt nichts Intellektuelles hinter dem, was sich so nennt. Wahrhafte Intellektuelle würden alle Quellen erkunden, aber das tun diese Leute nicht, es sind Pseudointellektuelle.

In einer Rezension der Jüdischen Allgemeinen wird Ihr Buch in die Tradition von Mark Twains Reiseberichten »Innocents Abroad« und »A Tramp Abroad« gestellt. Mich hat es auch daran erinnert. Waren diese Bücher Vorbild?

Sich selbst mit Mark Twain zu vergleichen, möchte ich anderen überlassen. Lassen Sie mich, da Sie das jüdische Ding erwähnt haben, lieber etwas anderes erzählen. Kürzlich war ich in der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Viele im Publikum haben mich und mein Buch lauthals kritisiert. Dann aber standen sie Schlange für mein Buch, so viele Exemplare pro Kopf haben wir sonst nirgendwo verkauft. Einer sagte: »Danke, dass Sie meine Lebensgeschichte (im Original: »life story«) geschrieben haben, danke, dass Sie zurückschlagen und unseren Kampf führen.«

Das sagten dieselben Leute, die vorher geschrien hatten. Sie haben Angst, Deutschland öffentlich zu kritisieren – und das in der Jüdischen Gemeinde im Jahr 2013. Sie haben Angst, geächtet zu werden, wenn sie etwas sagen gegen das, was hier passiert. Das sagen sie im Privaten, manche flüstern sogar. Dass solch eine Angst existiert, ist ein Zeugnis von etwas sehr Faulem in dieser Gesellschaft. Verstehen Sie?

Nein, ich finde das verwirrend. Derselbe Mensch, der Sie laut kritisiert hatte, hat dann heimlich zu Ihnen gesagt: »Danke, dass Sie meine Love Story geschrieben haben«?

Life Story! Ja, das wäre ein guter Untertitel: »Allein unter Deutschen. Eine Love Story« (lacht).

Diese Leute erkennen also vieles aus dem Buch wieder und identifizieren sich damit?

Natürlich. Das ist das wahre Deutschland, der Antisemitismus.

Aber in der Öffentlichkeit …

… dürfen sie das nicht sagen, weil sonst niemand mehr mit ihnen reden würde.

Sie kritisieren Sie laut und haben gleichzeitig eine heimliche Liebe zu Ihnen?

Das ist es, was mit jüdischen Gemeinden passiert. Sie haben nicht den Mumm zu sagen, was ist. »Danke, dass Sie unseren Kampf führen« … Ich führe niemandes Kampf. Was ich mache, ist Journalismus, ich schreibe auf, was Menschen sagen. Aber die Leute (in der Jüdischen Gemeinde) haben Angst, in der Öffentlichkeit zu sagen: »Es gibt zu viel Antisemitismus hier.« Und das ist erstaunlich, dass es in einer demokratischen Gesellschaft solch eine Angst gibt zu sagen, was man fühlt, und seine Angst auszudrücken. Als die Leute dann zu mir kamen, waren sie sehr nett, einer hat mir sogar eine Schachtel Pralinen geschenkt.

Es gibt unter den so genannten Intellektuellen ein unausgesprochenes Einverständnis, dass es zwar ein – von ihnen nur vage beschreibbares – Phänomen namens Antisemitismus gibt, man aber niemanden einen Antisemiten nennen dürfe. Juliane Wetzel würde das Wort am liebsten ganz streichen. Sie sagt: »Es ist sowieso immer problematisch, jemanden als Antisemiten zu bezeichnen.«

Was sind das für Leute, die so etwas sagen? Der Mann, der die »Jüdischen Kulturtage« organisiert – das kommt im Buch ja vor –, er ist selbst nicht jüdisch, er glaubt, dass alle Juden der Welt einander kennen und miteinander übereinstimmen. Das ist Antisemitismus von vorn bis hinten. Eine Frau sagte mir, die Aldi-Gründer seien Juden – in Wirklichkeit waren sie bei der Wehrmacht. Ich fragte die Frau, woher sie die Information habe. »Weil sie so reich sind.« So also ist es um die verdammten Intellektuellen bestellt. Es gibt keine Spur von Intellektualität in ihren Knochen.

Bei meiner Veranstaltung in Leipzig waren etwa 350 Leute, die meisten sehr jung. Und ein Journalist war da, der hat mein Buch bekämpft: »Was Sie schreiben, ist alles falsch!« Ich frage ihn: »Haben Sie mein Buch gelesen?« Er weiter: »Sie irren sich, alles falsch …« Ich musste ihn noch mehrmals fragen: »Haben Sie mein verdammtes Buch gelesen?«, bis er endlich zugab: »Ich habe es nicht gelesen, aber ich weiß alles darüber!« Shit, what the fuck are you? Was ist das für ein Gerede? Einige der Kritiker von den Topmedien sagen mir ins Gesicht: »Ich habe die ersten und die letzten fünf Seiten gelesen.« Und dann schreiben sie eine Rezension?!

Wo war Ihr Buch ein größerer Erfolg, in Deutschland oder den USA?

Da gibt es einen riesigen Unterschied. In den USA wurde es nicht von einem Verlag herausgebracht, sondern vom Jewish Theater of New York. Es wird nicht in Buchläden verkauft, sondern nur übers Internet. Es gab zehn unglaubliche Besprechungen, alle ausgezeichnet, und wir haben bislang sechs- oder siebentausend Exemplare verkauft. Für ein Buch, das man nicht im Buchhandel bekommt, ist das erstaunlich. Zumal sich die Intellektuellen in Amerika weigern, Antisemitismus zu bekämpfen, egal, ob in Deutschland oder in Polen, dafür fühlen sie sich nicht zuständig. So ist es überall in der westlichen Welt, das ist eine traurige Geschichte für sich.

Viel Zeit ist verstrichen seit Ihrer Reise durch Deutschland, und vieles ist seither passiert. Würden Sie das Buch heute anders schreiben, etwas hinzufügen, oder denken Sie, dass es Ihre Ansichten über Deutschland gut wiedergibt?

Es geht nicht um meine Ansichten, das ist es, was ich immer wieder sage.

Ist »Wahrnehmung« ein treffenderes Wort?

Nein, um meine Wahrnehmung geht es auch nicht. Das Buch ist ein Bericht über die paar Monate. Es geht darum, was die Leute sagen, ich kann daran nichts ändern. Das Wichtigste an dem Buch ist nicht das, was ich sage, sondern das, was die Leute sagen.

Irgendeine Wahrnehmung dieses Landes müssen Sie aber doch haben. Hat die sich geändert, seit Sie das Buch beendet haben?

Meine Ansicht über Deutschland hat sich während jener Reise geändert. Vorher habe ich über Deutschland nur das Beste gedacht, ich dachte, es sei einer der aufgeklärtesten Orte des Planeten. Die Reise zeigte mir, dass das nicht der Fall ist. Was seither passiert ist, hat traurigerweise alles bestätigt, was das Buch sagt. Es gab Versuche von Rowohlt, das Buch zu zensieren – aber jeder Tag bestätigt aufs Neue, was darin steht. Das ist traurig – ich wünschte, das wäre nicht der Fall, aber leider ist es so.

Gibt es andere Länder, die Sie vielleicht in Zukunft bereisen werden, um über sie zu schreiben?

Wenn Sie mich bezahlen, mache ich das. Ich tue das sehr gern, weil es sehr interessant ist, was die Leute wirklich denken. Nicht was die Zeitungen sagen, ist spannend, sondern es selbst herauszufinden, mit den Leuten tatsächlich zu reden. Antisemitismus hin oder her – es ist einfach eine erstaunliche Erfahrung, jeden Tag umherzulaufen, sieben Tage in der Woche, 14 oder 16 Stunden am Tag, zwischen den Städten herumzureisen und mit Leuten zu reden, die man nie zuvor getroffen hat und niemals wieder sehen wird, und sie zu fragen: Was denken Sie? Was fühlen Sie? Erzählen Sie mir über Ihr Leben! Da eröffnet sich einem das Menschsein. Nicht so wie bei Facebook, sondern wirklich.

Warum kommen nicht noch viel mehr Schriftsteller auf die Idee, so etwas zu tun?

Man muss entweder einen Verleger hinter sich haben oder sehr reich sein. Die Leute vom Verlag haben mich angerufen und gesagt, dass sie zahlen und ich meine Frau mitnehmen kann, das war großartig. Das alles kostet eine Menge Geld, und man will im Voraus wissen, dass das ganze Material am Ende auch von jemandem veröffentlicht wird. Das ist nicht so einfach.

War es schwierig, die Reise zu planen?

Nein. Einige Leute, die ich treffen wollte, hat meine Frau Isi vorher angerufen. Ansonsten aber war die Idee, dass ich mich führen lassen und nicht meinen Vorurteilen oder was auch immer folgen wollte. Ich treffe jemanden, interviewe ihn, und er sagt: »Warum gehen Sie nicht zu dem und dem?« Also wende ich mich an den und den. Was weiß ich über Oberammergau? Ich bin ja nicht einmal Christ, warum besuche ich plötzlich die Passionsspiele? Oder die VW-Autostadt? Weil irgendjemand mir davon erzählt hat.

Wer?

Die Leute. Irgendjemand. Ich frage: »Was meinen Sie, wo ich als Nächstes hingehen sollte?«, und bekomme zur Antwort: »Warum gehen Sie nicht zum Kirchentag?« Da diskutieren Katholiken und Protestanten, ob sie miteinander Brot brechen dürfen. Das sieht aus wie etwas, das sich vor 3.000 Jahren, sogar noch vor Jesus, zugetragen haben könnte. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert. Gott sei Dank, dass es die Deutsche Bahn gibt.

Das erinnert an eine Schnitzeljagd.

Genau. Das ist die Idee. Man muss es erlauben, dass sich die Dinge von selbst ergeben. Das tut man, wenn man wirklich die Wahrheit finden will. Wenn ich Pläne schmieden würde, müsste ich mir immer Sorgen über mich selbst machen, dass ich also diesen oder jenen nur deshalb getroffen habe, weil ich das aufgrund meiner Vorurteile so wollte. Da ich aber kein Pseudointellektueller bin, mache ich das nicht; so etwas tut man, wenn man für die Süddeutsche Zeitung arbeitet.

Wenn dir dann am Ende eines Tages acht von zehn Leuten irgendein dummes antisemitisches Zeug erzählt haben, dann kommst du zu dem Ergebnis, dass die Leute wohl so denken. Es ist auf eine Art wissenschaftlich, weil nicht du das Ziel vorgegeben hast, sondern der Zufall. Das ist die interessante Idee. Ich rufe nicht Menschen an, die der Computer zufällig ausgewählt hat, sondern gehe zu zufällig ausgewählten Leuten hin. Dann kann ich mit dir reden, und du sagst dann vielleicht als Erstes: »Ich liebe die Juden!« Und dann sage ich: »Okay, lass uns ein Bier trinken gehen!« Und nach dem dritten Bier sagst du vielleicht: »Die Scheißjuden haben so viel Geld.«

Wenn ich mit jemandem eine normale Umfrage mache, dann ist er ein Judenliebhaber. Aber wenn ich mich mit jemandem unterhalte, dann stellt sich heraus, dass er das nicht ist, sondern ein bekackter Antisemit. Die erzielten Ergebnisse unterscheiden sich signifikant: Rufst du jemanden an, dann weiß er, dass er korrekt sein muss. Er wird sich also nicht antisemitisch äußern, wenn er nicht gerade ein Neonazi ist. Um auf das dreckigste Zeug zu stoßen, muss man Leute treffen. So bekommt man ein besseres Bild von dem, was sie denken. Acht von zehn Antisemiten wissen gar nicht, dass sie Antisemiten sind. Fragst du sie: »Sind Sie ein Antisemit?«, sagen sie: »Ich? Nein!« Aber sie denken antisemitisch: »Sie sagten, Sie sind Jude. Warum stehlen Sie den Palästinensern das Wasser?« Das ist etwas, das sehr, sehr tief in der Kultur steckt.

Reden wir über eine andere Plage: Sind Radfahrer in Deutschland schlimmer als die in anderen Ländern?

Deutsche Radfahrer, besonders die in Hamburg, sind militant, militärisch. Man sollte sie nach Gaza schicken.

Sind es Nazis?

Sie benehmen sich ein klein wenig wie Nazis. Es ist lächerlich. Ich gehe auf dem Gehweg, mit zwei Koffern. Sie kommen und klingeln wie verrückt. »Fahr für eine Sekunde auf der Straße, du Schmock«, rufe ich. Nein, das machen sie nicht: »Mein Recht, das ist mein Recht!« Aber einmal habe ich sie gekriegt, auf einem Gehweg, wo man nicht mit dem Fahrrad fahren durfte. Da kamen sie wieder an und klingelten. Da habe ich gesagt: »Moment mal, das ist illegal, was Sie hier tun. Haben Sie das Schild nicht gesehen?« Da waren sie dann total angepisst (lacht).

Haben Sie das auf Deutsch gesagt?

Ja: »Fahrradfahren verboten hier! Entschuldigen Sie bitte!« (lacht). Sie waren sehr angepisst. Ja, sie sind sehr militant, aber ich bin wohl nicht der Einzige, der das sagt.

Ein Leitmotiv in »Allein unter Deutschen« ist Ihr Apple-iPad. Glauben Sie, dass es besser ist als vergleichbare Geräte von Samsung und anderen Herstellern?

Nun, ich bin ein Apple-Typ, ich habe Apple immer gemocht. Nein, halt, nicht immer. Früher, als ich als Informatiker gearbeitet habe, hatten wir normale IBM-Rechner. Als wir dann angefangen haben, mit Macintosh zu arbeiten, haben wir gemerkt, wie angenehm das ist. Manche Leute mögen Samsung lieber, die kaufen dann eben das Galaxy oder wie das heißt. Für mich sind die Einfachheit der Bedienung und der Service, der dabei ist, entscheidend. Und der Service, den Apple bietet, ist unglaublich.

Einmal war mein Computer am letzten Tag der Gewährleistung kaputt. Der Mann im Apple-Store sagte: »Ich kann ihn reparieren, aber er könnte wieder kaputt gehen. Sie können stattdessen auch einen neuen Computer bekommen und dazu ein Jahr lang gratis Reparaturen.« Ich: »Okay, geben Sie her!« Einen Tag vor dem Flug nach Deutschland gab es ein Problem mit dem iPad. Im Apple-Store sagte man mir, ich müsse es dalassen. Ich sage: »Sorry, das geht nicht, ich fliege morgen.« Da hat der Mann gesagt: »Okay, ich gebe Ihnen ein neues iPad.« Diese Art von Service ist außergewöhnlich.

* Als Rüstungsminister und Chef der Organisation Todt kontrollierte Speer ab 1942 Deutschlands und Europas Wirtschaft und war einer der nach Hitler mächtigsten Männer des »Dritten Reiches«. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er 1946 als Hauptkriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt, nach seiner Entlassung bis zu seinem Tod 1981 pflegte er engen Kontakt zu Joachim Fest.

Tuvia Tenenbom ist derzeit auf Lesereise in Deutschland. Die nächsten Termine: Sonntag, 3. März, 16.00 Uhr, Hamburg, Jüdische Gemeinde; Montag, 4. März, 17.00 Uhr, Köln, Domforum; Dienstag, 5. März, 20.00 Uhr, Bonn, Universität; Donnerstag, 7. März, 20.00 Uhr, Hamburg, Golem; Freitag, 8. März, 20.00 Uhr, Hamburg, Rote Flora. — Stefan Frank ist unabhängiger Publizist und hat unlängst sein neues Buch Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos veröffentlicht. Seit 2002 schreibt er über politische, ökonomische und historische Themen, unter anderem für Zeit Online, konkret, die Jüdische Allgemeine und das amerikanische Internetmagazin PJ Media.


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Pallywood und Photoshop February 23, 2013 | 12:08 am

In Anbetracht so mancher Nachricht könnte man glatt glauben, dass es auf der Welt einfach nichts Wichtigeres gibt, als die vermeintlichen Missetaten des israelischen Staates und seiner Armee anzuprangern, wie, wann und wo immer es geht. Genau 5.666 Fotografen hatten insgesamt nicht weniger als 103.481 Aufnahmen eingereicht, aus denen unlängst das »Pressefoto des Jahres 2012« ausgewählt wurde. Aber das Bild des Siegers ist keines aus dem Bürgerkrieg in Syrien, es ist auch keines über den Hunger in Afrika, vom Hurrikan »Sandy« oder von der Schuldenkrise in Südeuropa. Sondern vielmehr ein reichlich martialisches des schwedischen Fotografen Paul Hansen, das einen Trauerzug im Gazastreifen mit den Leichen von zwei, wie es heißt, bei einem israelischen Militärschlag gegen die Hamas getöteten palästinensischen Kindern zeigt. »Die Stärke dieses Bildes liegt in der Art, wie es die Wut und das Leid der Erwachsenen in einen Kontrast mit der Unschuld der Kinder setzt« – das hat nicht etwa ein Hamas-Funktionär gesagt, sondern Mayu Mohanna, ein Jurymitglied aus Peru. Kein Zweifel: Bei der nächsten pro-palästinensischen Demonstration hierzulande wird das Foto die obligatorischen »Kindermörder Israel«-Rufe illustrieren.

Michael Wuliger und Marco Limberg dürften jedenfalls nicht die Einzigen sein, die das Bild an die alljährlichen Karfreitagsprozessionen durch Jerusalem erinnert. »Darin und in seiner Farbgebung knüpft es auch an mittelalterliche christliche Ikonografie an«, schreiben die beiden Autoren in der Jüdischen Allgemeinen. »Die Assoziation, die es damit bei manchem westlichen Betrachter – gewollt oder ungewollt – auslöst, ist die des klassischen Pietà-Motivs: Maria hält den gekreuzigten Jesus in ihren Armen. Ist es polemisch, zu mutmaßen, dass in manchen Köpfen der Zusammenhang zu den Juden als Schuldigen, damals wie heute, sich da aufdrängt?« Keineswegs, und der Fotograf selbst hat dabei auch noch tatkräftig nachgeholfen: Hier ein bisschen den Hintergrund verwischt, dort ein wenig die Belichtung verändert – schon sieht das Setting ganz anders und erheblich dramatischer aus als etwa bei Hansens Kollege Naaman Omar.

Nun zeigen Bilder zwar ohnehin nie die Wirklichkeit, aber trotzdem – oder gerade deshalb – ist ihre Wirkung oft immens. Und gerade wenn es darum geht, Israel als abgrundtief bösartige Macht zu dämonisieren, die mit brutaler Gewalt die Palästinenser knechtet, werden Suggestion, Manipulation und sogar Fälschungen oft ohne nennenswerte Hemmungen eingesetzt. Grotesken wie jene um Mohammed al-Dura oder Tuvia Grossman sind keine Einzelfälle; Giulio Meotti erinnert für Arutz Sheva an viele weitere, und der italienische Fotograf Ruben Salvadori zeigt in seinem Projekt »Photojournalism Behind the Scenes« überaus eindrucksvoll, wie bereitwillig und schamlos viele Fotografen und Journalisten zu Inszenierungen bereit sind, wenn es darum geht, die Propaganda gegen den jüdischen Staat zu befeuern. Gestellte Szenarien, gezielte Dekontextualisierungen, absichtliche Dramatisierungen – kaum etwas fehlt. Und sollte später doch einmal ein Dementi folgen, dann vermag es nicht einmal ansatzweise den Schaden zu reparieren, den das Gerücht zuvor angerichtet hat.

Paul Hansens »Pressefoto des Jahres 2012« ist mindestens hinsichtlich seiner nachträglichen Bearbeitung eine »Pallywood«-Produktion; weitere Zweifel an der Aufnahme ergeben sich schon daraus, dass eine unabhängige und ungehinderte Prüfung dessen, was auf ihr zu sehen sein soll, in dem von einer antisemitischen Terrororganisation beherrschten Gazastreifen schlichtweg nicht möglich ist. Tote Kinder kommen der Hamas immer zupass, weil sie mit ihnen die vorgebliche Unmenschlichkeit der Israelis beweisen zu können glaubt; wie sie jeweils zu Tode gekommen sind, lässt sich normalerweise nicht seriös recherchieren. Die (vermeintlich) Getöteten werden stets als »Märtyrer« im Kampf gegen den »zionistischen Feind« behandelt, so auch die beiden Kinder auf Hansens Foto, wie die Bilder des Fotografen Sameh Rahmi zeigen: Auf ihnen sind die beiden Leichen in Hamas-Fahnen eingewickelt – bekanntlich nicht gerade ein Symbol der Unschuld, um es zurückhaltend zu formulieren. Da hilft dann auch keine Retusche mit Photoshop mehr.

Ich danke Elisabeth Lahusen für wertvolle Hinweise.

Zum Foto: Westliche Fotografen machen an der Sicherheitsmauer, die von Israel zum Schutz vor Terroristen gebaut wurde (der deutlich überwiegende Teil der Trennanlage besteht aus einem Zaun), Aufnahmen von einer palästinensischen Frau, die zuvor gebeten wurde, sich weinend vor den englischen Schriftzug zu stellen (etwa Frühjahr 2006).

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Beitrags stand zu lesen, schon einmal habe ein mit einem Preis ausgezeichnetes Foto von Paul Hansen Fragen aufgeworfen und Kritik herausgefordert. Dabei ging es um ein Bild, das nach dem Erdbeben in Haiti vor drei Jahren aufgenommen und zum schwedischen »Foto des Jahres« in der Kategorie »Internationale Reportage« gewählt worden war. Hansen war damals in den Verdacht geraten, das Fotomotiv hinsichtlich seines Arrangements verändert zu haben, um ein noch anrührenderes Ergebnis zu erzielen. Recherchen ergeben jedoch, dass die Manipulationen erst nach Hansens Aufnahme vorgenommen wurden, was den erwähnten Verdacht haltlos werden lässt. Für diesen Text ist diese Information zwar nicht grundlegend, aber die journalistische Redlichkeit gebietet es selbstverständlich, nichts zu behaupten, was nicht stimmt oder sich nicht belegen lässt. Lizas Welt bittet um Entschuldigung für den Fehler und dankt suedwatch.de für die Aufklärung.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Pallywood en Photoshop.


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Alternativministerin Steffens’ Auffassungen von Gesundheit January 14, 2013 | 11:46 am

Barbara_Steffensvon unserem Gastautor Sebastian Bartoschek:

Barbara Steffens (51) ist Gesundheitsministerin in NRW – genauer genommen „Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter“. Als solche ist die grüne Ministerin für die Volksgesundheit im bevölkerungsreichsten Bundesland zuständig. Es sollte an ihr sein, den Wildwuchs pseudo- und paramedizinischer Umtriebe kritisch im Blick zu haben und zu unterbinden, dass Quacksalberei sich „Medizin“ nennt. Sollte.

Denn im Oktober 2012 erklärte die Ministerin dem Nachrichtenmagazin STERN:

“Ich mache mich als Ministerin dafür stark, dass in unserem Gesundheitssystem und damit in der Schulmedizin auch Alternativmedizin wie die Homöopathie integriert wird. Ich denke, das ist wichtig, damit nicht nur einzelne Symptome behandelt werden, sondern der Mensch als Ganzes. Zum Glück gibt es schon viele Ärztinnen und Ärzte, die genauso arbeiten, bei denen auch Arnica C30 längst fester Bestandteil der Praxis ist.”

Das klingt blödsinnig und schrecklich uninformiert. Oder esoterisch und wissenschaftsfremd. Beides eigentlich undenkbar für eine Ministerin, die eine Administration von Fachleuten unter und um sich hat. Deswegen: flugs nachgefragt bei der Pressesprecherin von Frau Steffens.

Gehe ich richtig in der Annahme, dass Frau Steffens diese Meinung in ihrer Tätigkeit als Ministerin umzusetzen versucht und dies nicht nur lediglich ihre Privatmeinung ist?

Ja, das ist richtig, es handelt sich hier nicht nur um die Privatmeinung. Es ist offensichtlich, dass weder die Schulmedizin noch die alternativen Heilmethoden allen Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten allein gerecht werden können. Alle Professionen des Gesundheitswesens sollten sich damit auseinander setzen, um den Wünschen der Patientinnen und Patienten angemessen begegnen zu können.

(Nun ja, die „alternativen Heilmethoden“ können sicherlich nichts allein. Die „Schulmedizin“ schon, wenn sich Mediziner nur Zeit für den Patienten nehmen, was aber durch die staatlichen Reglementierungen zumindest bei Kassenpatienten nach Bekunden vieler Ärzte immer schwieriger wird. Aber eine Freundin von Wissenschaft und Evidenz muss eine Fachministerin wie Steffens doch wohl sein, oder?)
Wie steht die Ministerin zur evidenzbasierten Medizin? Welche Rolle schreibt sie allgemein empirischen Wirkbefunden zu?

Natürlich ist der Nachweis der Wirksamkeit einer Behandlung von großer Bedeutung, sowohl in der Betrachtung des einzelnen Falls – also bei einer konkreten Erkrankung – wie auch abstrakt wissenschaftlich.

(Das lässt hoffen… Scheint wohl doch eine informierte Dame zu sein.)

Klar ist aber auch, dass evidenzbasierte Nachweise nicht für alle Methoden sowohl der Komplementärmedizin wie auch der Schulmedizin funktionieren. Es braucht solide wissenschaftliche Konzepte, unter grundsätzlicher Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden, um begründete Aussagen zur Wirksamkeit von Therapien zu treffen. Das gilt für alle Therapiekonzepte.

(Moment! Lese ich das richtig? Wird hier eine Methode mit dem Ergebnis verwechselt? Da steht doch eigentlich: „Wenn das Ergebnis sagt, ein Verfahren ist unwirksam, dann ist das Ergebnis falsch und nicht das Verfahren“? Und natürlich braucht es „solide wissenschaftliche Konzepte“ – bei allen Therapieformen. Ach, fragen wir doch mal nach, wo die Ministerin die konkret als erfüllt ansieht.)

Wie steht die Ministerin zu folgenden alternativmedizinischen Verfahren:

a) Traditionelle Chinesische Medizin (TCM),

b) Osteopathie,

c) Reiki,

d) anthroposophische Medizin?

Komplementärmedizinische Ärztinnen und Ärzte müssen mit ihren Patienten und Patientinnnen individuell entscheiden, welches das beste Verfahren für die entsprechende Erkrankung sein kann.

(Äh, wie jetzt? Da redet sich doch jemand raus, oder hab nur ich das Gefühl? Und keines der Verfahren ruft Widerspruch der höchsten NRW-Gesundheitshüterin hervor? Das lag sicher daran, dass ich das nicht konkret genug zugespitzt habe. Steffens hat ja Kinder. Und als verantwortungsvolle Mutter wird sie sicher ein klares Wort zum Thema Impfungen finden.)
Was empfiehlt die Ministerin in Fällen, in denen alternativmedizinische Vorstellungen diametral zu denen der Schulmedizin sind, bspw. im Bereich des Impfschutzes?

Wichtig ist, dass den Betroffenen neutrale und ausgewogene Informationen durch ihre Ärztinnen und Ärzte zugänglich gemacht werden, die für ihre eigene, selbstbestimmte Entscheidung von Bedeutung sind. Nur so können sie sich ihre eigene Meinung bilden und frei entscheiden. Für entsprechende qualifizierte und unabhängige Informationen und den entsprechenden Zugang dazu, soll sich die Politik einsetzen.

(Hammer! Keine generelle Zustimmung zu Impfungen? Statt dessen ein Rumlavieren, dass sich bestenfalls neutral in Sachen Impfschutz interpretieren lässt. Das ist bitter. Und völlig unangebracht in einer Gesellschaft, in der Impfgegner Menschen unverantwortlich verunsichern und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine große Pro-Impfkampagne fahren muss.)

Was bleibt ist die Hoffnung, dass Barbara Steffens sich um die Themen Emanzipation, Pflege und Alter besser kümmert als um die Gesundheit …

Nachtrag von Team Psiram: Im März erscheint das neue Buch von Sebastian Bartoschek .

»Augstein hat eine Grenze überschritten« January 10, 2013 | 12:18 am

Noch immer dauert die Debatte über Jakob Augstein und seine Erwähnung in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers (SWC) an – eine Debatte, in der sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« noch einmal derart stark verschoben haben, dass selbst übelste Tiraden gegen den jüdischen Staat äußerstenfalls als »grenzwertig«, keinesfalls aber als antisemitisch qualifiziert werden. Überdies hat der Spiegel den stellvertretenden Direktor des SWC, Rabbi Abraham Cooper, scharf angegriffen. Dieser hatte seine Zustimmung zu einem gemeinsamen Interview des Magazins mit ihm und Augstein davon abhängig gemacht, dass Letzterer sich zuvor entschuldigt. Für Lizas Welt sprach Stefan Frank mit Rabbi Cooper über die »Top Ten«, Augsteins »Israelkritik« und die Diskussion in den deutschen Medien.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Was ist die Idee hinter der Liste der »Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Schmähungen?«

Rabbi Cooper: Die Top-Ten-Liste ist unser Versuch, eine Momentaufnahme von Beispielen des Mainstream-Antisemitismus zu liefern. Der wichtige Punkt dabei ist, dass es nicht um die Ränder der Gesellschaft geht. Darum befinden sich in der Liste Regierungen und Massenbewegungen – aus Iran, aus Ägypten – und extremistische Mainstreamparteien etwa aus Griechenland, Ungarn und der Ukraine.

Wer kam darauf, einen unbedeutenden deutschen Journalisten wie Jakob Augstein aufzunehmen?

In der Internetära gibt es keine »unbedeutenden« Beiträger beim Spiegel mehr. Wir haben eine internationale Schar von Mitgliedern und Onlineaktivisten, die uns aus allen Teilen der Welt informiert, auch aus Deutschland. Um es festzuhalten: Wir hatten keinen Kontakt zu Henryk M. Broder – nicht vor, nicht während und nicht nach der Auswahl. Die redaktionellen Entscheidungen wurden alle in Los Angeles von den führenden Mitarbeitern unseres Zentrums getroffen. Die Wahl von Herrn Augstein gründet sich auf das, was er gesagt hat, und darauf, wie er es gesagt hat. Und um auch das klarzustellen: Wir repräsentieren keine Regierung, auch nicht die des Staates Israel. Wir geben ihr keinen Blankoscheck dafür, ohne Kritik das zu tun, was immer sie tut. Die Israelis selbst sind jeden Morgen die ersten, die die Politik der Regierung kritisieren.

Wir kritisieren Herrn Augstein nicht dafür, dass er zum Beispiel Kommentare über die Haredi-Juden in Israel veröffentlicht. Die Haredim ein sehr wichtiges soziales und politisches Thema, das auch in Israel diskutiert wird. Worum es geht, ist, dass er in seinen Äußerungen die schlimmsten Stereotypen benutzt, um eine ganze Gemeinschaft zu erniedrigen. Diese Äußerungen basieren nicht auf Tatsachen. Und wenn er Sachen sagt wie: die Haredim seien aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Islamisten und folgten dem Gesetz der Rache, dann ist das wirklich völlig inakzeptabel. Was er sagt, ist nicht wahr und kann nicht belegt werden.

Das Gleiche gilt für seine anderen Auslassungen. Wollen Sie über Gaza reden? Ich glaube nicht, dass dann der Begriff »Lager« angemessen ist. Vielleicht liest Herr Augstein keine Zeitungen. Vielleicht schreibt er nur in ihnen. Jemand sollte ihm sagen, dass es im Gazastreifen schon seit etlichen Jahren keine Juden oder Israelis mehr gibt. Und was Israel als angeblichen Kriegstreiber betrifft oder Israel und die republikanische Partei in den Vereinigten Staaten als die klammheimlichen Sieger des leider gescheiterten arabischen Frühlings – das überschreitet einfach eine Grenze.

Und dann sind da noch seine Kommentare über die nukleare Gefahr im Nahen Osten, die nicht vom Iran, sondern von Israel ausgehe – auch hier wieder: Wo sind die Belege für solche Behauptungen? Rabbi Hier [der Direktor und Gründer des Simon Wiesenthal Centers] und ich haben in den letzten drei Jahren zahlreiche Führer der arabischen Welt und der Golfstaaten getroffen, von denen keiner Israel besonders freundlich gegenübersteht. Und sie alle sind wegen des iranischen Atomprogramms in großer Sorge und äußern offen ihre Angst. Sie drängen Präsident Obama, die Gefahr eines nuklearen Iran zu beseitigen.

Kurzum: Augstein wurde ausgewählt, weil er unmittelbaren und ständigen Zugang zum Mainstream der öffentlichen Meinung in Deutschland hat, einer wichtigen Demokratie, und indem er immer wieder die Linie dessen überschreitet, was Natan Sharansky die drei »D« nennt: Doppelte Standards bei der Beurteilung, Dämonisierung und Delegitimierung Israels. Seinen Platz in den Top Ten hat er sich verdient.

Werfen wir einen Blick auf die deutsche Presse…

Das Wichtigste im Hinblick auf die deutschen Medien ist Folgendes: Meines Wissens hat sich kein deutscher Journalist an Herrn Augstein gewandt und zu ihm gesagt: »Hier sind die Worte, die Sie benutzt haben, können Sie verteidigen, was Sie über die Haredim sagen?« – von denen übrigens viele ihre Großeltern, Eltern, Ehepartner, Brüder oder Schwestern im Holocaust verloren haben. Ein großer Anteil der sechs Millionen, die von den Nazis ermordet wurden, fiele unter die Kategorie der Haredim. Niemand hat Augstein gefragt: »Wie können Sie solche Äußerungen rechtfertigen?«

Unsere wichtigste Antwort an die deutschen Medien ist: Warum lassen Sie nicht einfach – und endlich – Herrn Augstein direkt zu seinen eigenen Worten Stellung nehmen? Er schuldet den deutschen Lesern und dem jüdischen Volk – nicht uns, nicht dem Simon Wiesenthal Center – eine Entschuldigung.

Stattdessen gibt es mehr und mehr persönliche Angriffe gegen Sie. So wie im Spiegel, in dem der Redakteur Clemens Höges Sie als einen Spinner darstellt, der, als er gefragt wurde, ob er an einer Diskussion teilnehmen wolle, »absurde Forderungen« gestellt und E-Mails »wie aus einer anderen Welt« geschrieben habe. Höges kontrastiert das mit dem angeblich so sachlichen Augstein und fügt hinzu: Man müsse »böswillig oder auf Krawall aus sein«, um hinter dessen Äußerungen »einen Antisemiten zu sehen«. Der Vorspann des Artikels lautet: »Was ein gescheitertes Streitgespräch über die Dialogfähigkeit des Simon Wiesenthal Center sagt.« Der Artikel beginnt mit dem Satz: »Es wirkte wie ein gänzlich unerwarteter Tritt in den Rücken, verpasst von jemandem, der eigentlich als harmlos gilt.« Höges recycelt hier das Nazi-Motiv des Dolchstoßes in den Rücken. Überrascht es Sie, bei deutschen Journalisten soviel Bösartigkeit anzutreffen – wie auch eine solch große Phalanx der Augsteinverteidiger von ganz links bis ganz rechts?

Es stimmt, dass der Spiegel mich kontaktiert und ein gemeinsames Interview mit Herrn Augstein in einer der beiden Redaktionen, in Hamburg oder Berlin, vorgeschlagen hat. Meine Antwort war, dass ich einem solchen Treffen nur zustimmen würde, wenn Augstein sich für seine Äußerungen entschuldigte. Ich habe dem Spiegel gleichzeitig angeboten, dass er separate Interviews führen könne und ich dafür nach Deutschland kommen würde.

Nach der Veröffentlichung des Artikels war ich doch etwas überrascht: Seit 35 Jahren arbeite ich in diesem Bereich; 29 Jahre lang hatte ich die Ehre, an Simon Wiesenthals Seite sein zu dürfen. Zum ersten Mal erlebe ich nun, dass jemand private Gespräche oder Diskussionen zur Grundlage für eine öffentliche Verlautbarung macht. Mein Kommentar gegenüber dem Spiegel war der folgende: Der Mann hat öffentlich Aussagen getätigt. Er sollte – gegenüber dem Spiegel oder jemand anderem – Stellung nehmen zu den Äußerungen, die ihm in diesem Jahr Platz neun bei uns eingebracht haben. Das ist das Wichtigste, was zu geschehen hat.

»E-Mails wie aus einer anderen Welt«? Vielleicht. In der Welt, in der ich lebe, sagt man, dass jemand, der in einer Demokratie ein solch wichtiges Medium wie den Spiegel zu seiner Verfügung hat, die Verantwortung hat, darauf zu achten, dass das, was gesagt wird, innerhalb legitimer Kritik bleibt und die Grenzen nicht überschreitet. Leider haben die Äußerungen diese Linie überschritten. Ich wäre sehr glücklich, darüber mit dem Spiegel oder einem Sender zu sprechen. Die anfängliche, die Schlüsselfrage ist immer noch auf dem Tapet: Augstein zu den konkreten Zitaten Stellung nehmen zu lassen, die die Grenze zu den genannten drei »D« überschreiten.

Und die übrigens unter die Arbeitsdefinition des Antisemitismus-Begriffs der EU fallen. Leider sind viele deutsche Journalisten so voreingenommen gegen Israel, so ahnungslos, was die Definition und das Wesen des Antisemitismus betrifft, und leider ist der Gebrauch von antisemitischen Klischees wie dem des rachsüchtigen Juden oder dem des »Gängelbandes«, an dem Israel die Welt führe, für viele von ihnen so selbstverständlich, dass sie an Augsteins Ausfällen gar nichts Empörendes finden.

Bei allem Respekt: Ich frage mich, ob sie die Arbeitsdefinition überhaupt gelesen haben. Sie sollten sich anschauen, was Augstein über die Haredim schreibt, zehn Prozent der israelischen Bevölkerung. Ich bin kein Haredi, ich habe meine eigenen Schwierigkeiten mit dem, was dort passiert. Viele Haredim schauen mich an und sagen, dass ich nicht jüdisch genug bin, weil ich mich nicht auf eine bestimmte Art kleide. Es geht nicht um Kritik. Es geht um die Dämonisierung einer ganzen religiösen Minderheit. Es gibt Haredim wie den Rabbi in Malmö; er und seine kleinen Kinder werden regelmäßig von Antisemiten überfallen. Sogar in Berlin gibt es leider sporadische Angriffe auf religiöse Juden.

Wenn jemand in einer Position ist, in der er der deutschen und internationalen Öffentlichkeit sagen kann, was er will, und er die Haredim das jüdische Äquivalent der Islamisten nennt, die der Welt Suicide Bombings, Terrorismus und Hass bringen, dann muss er Verantwortung für diese Worte übernehmen. Es ist wahr, dass die Haredim abgeschottet leben. Aber sie sind keine Terroristen. Sie werben nicht für Gewalt. Ich möchte nicht glauben, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten, ganz zu schweigen von der deutschen Bevölkerung, solch einem Unsinn Glauben schenkt.

Und bevor nun jemand sagt: »Da kommt die Polizei der Political Correctness, die die Meinungsfreiheit eines Journalisten einschränken will« – ganz und gar nicht. Israel, die Haredim, alles, was angesprochen wurde, ist ein legitimer Gegenstand der Kritik. Wenn aber diese Kritik in so einen Zusammenhang gestellt wird, dann wird eine Linie überschritten. Genauso, wie Israel keinen Blankoscheck hat, hat ihn auch Herr Augstein nicht.


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»Augstein hat eine Grenze überschritten« January 10, 2013 | 12:18 am

Noch immer dauert die Debatte über Jakob Augstein und seine Erwähnung in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers (SWC) an – eine Debatte, in der sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« noch einmal derart stark verschoben haben, dass selbst übelste Tiraden gegen den jüdischen Staat äußerstenfalls als »grenzwertig«, keinesfalls aber als antisemitisch qualifiziert werden. Überdies hat der Spiegel den stellvertretenden Direktor des SWC, Rabbi Abraham Cooper, scharf angegriffen. Dieser hatte seine Zustimmung zu einem gemeinsamen Interview des Magazins mit ihm und Augstein davon abhängig gemacht, dass Letzterer sich zuvor entschuldigt. Für Lizas Welt sprach Stefan Frank mit Rabbi Cooper über die »Top Ten«, Augsteins »Israelkritik« und die Diskussion in den deutschen Medien.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Was ist die Idee hinter der Liste der »Top Ten der antisemitischen und antiisraelischen Schmähungen?«

Rabbi Cooper: Die Top-Ten-Liste ist unser Versuch, eine Momentaufnahme von Beispielen des Mainstream-Antisemitismus zu liefern. Der wichtige Punkt dabei ist, dass es nicht um die Ränder der Gesellschaft geht. Darum befinden sich in der Liste Regierungen und Massenbewegungen – aus Iran, aus Ägypten – und extremistische Mainstreamparteien etwa aus Griechenland, Ungarn und der Ukraine.

Wer kam darauf, einen unbedeutenden deutschen Journalisten wie Jakob Augstein aufzunehmen?

In der Internetära gibt es keine »unbedeutenden« Beiträger beim Spiegel mehr. Wir haben eine internationale Schar von Mitgliedern und Onlineaktivisten, die uns aus allen Teilen der Welt informiert, auch aus Deutschland. Um es festzuhalten: Wir hatten keinen Kontakt zu Henryk M. Broder – nicht vor, nicht während und nicht nach der Auswahl. Die redaktionellen Entscheidungen wurden alle in Los Angeles von den führenden Mitarbeitern unseres Zentrums getroffen. Die Wahl von Herrn Augstein gründet sich auf das, was er gesagt hat, und darauf, wie er es gesagt hat. Und um auch das klarzustellen: Wir repräsentieren keine Regierung, auch nicht die des Staates Israel. Wir geben ihr keinen Blankoscheck dafür, ohne Kritik das zu tun, was immer sie tut. Die Israelis selbst sind jeden Morgen die ersten, die die Politik der Regierung kritisieren.

Wir kritisieren Herrn Augstein nicht dafür, dass er zum Beispiel Kommentare über die Haredi-Juden in Israel veröffentlicht. Die Haredim sind ein sehr wichtiges soziales und politisches Thema, das auch in Israel diskutiert wird. Worum es geht, ist, dass er in seinen Äußerungen die schlimmsten Stereotype benutzt, um eine ganze Gemeinschaft zu erniedrigen. Diese Äußerungen basieren nicht auf Tatsachen. Und wenn er Sachen sagt wie: die Haredim seien aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Islamisten und folgten dem Gesetz der Rache, dann ist das wirklich völlig inakzeptabel. Was er sagt, ist nicht wahr und kann nicht belegt werden.

Das Gleiche gilt für seine anderen Auslassungen. Wollen Sie über Gaza reden? Ich glaube nicht, dass der Begriff »Lager« angemessen ist. Vielleicht liest Herr Augstein keine Zeitungen. Vielleicht schreibt er nur in ihnen. Jemand sollte ihm sagen, dass es im Gazastreifen schon seit etlichen Jahren keine Juden oder Israelis mehr gibt. Und was Israel als angeblichen Kriegstreiber betrifft oder Israel und die republikanische Partei in den Vereinigten Staaten als die klammheimlichen Sieger des leider gescheiterten arabischen Frühlings – das überschreitet einfach eine Grenze.

Und dann sind da noch seine Kommentare über die nukleare Gefahr im Nahen Osten, die nicht vom Iran, sondern von Israel ausgehe – auch hier wieder: Wo sind die Belege für solche Behauptungen? Rabbi Hier [der Direktor und Gründer des Simon Wiesenthal Centers] und ich haben in den letzten drei Jahren zahlreiche Führer der arabischen Welt und der Golfstaaten getroffen, von denen keiner Israel besonders freundlich gegenübersteht. Und sie alle sind wegen des iranischen Atomprogramms in großer Sorge und äußern offen ihre Angst. Sie drängen Präsident Obama, die Gefahr eines nuklearen Iran zu beseitigen.

Kurzum: Augstein wurde ausgewählt, weil er unmittelbaren und ständigen Zugang zum Mainstream der öffentlichen Meinung in Deutschland hat, einer wichtigen Demokratie. Indem er immer wieder die Linie dessen überschreitet, was Natan Sharansky die drei »D« nennt – doppelte Standards bei der Beurteilung, Dämonisierung und Delegitimierung Israels –, hat er sich seinen Platz in den Top Ten verdient.

Werfen wir einen Blick auf die deutsche Presse…

Das Wichtigste im Hinblick auf die deutschen Medien ist Folgendes: Meines Wissens hat sich kein deutscher Journalist an Herrn Augstein gewandt und zu ihm gesagt: »Hier sind die Worte, die Sie benutzt haben, können Sie verteidigen, was Sie über die Haredim sagen?« – von denen übrigens viele ihre Großeltern, Eltern, Ehepartner, Brüder oder Schwestern im Holocaust verloren haben. Ein großer Anteil der sechs Millionen, die von den Nazis ermordet wurden, fiele unter die Kategorie der Haredim. Niemand hat Augstein gefragt: »Wie können Sie solche Äußerungen rechtfertigen?«

Unsere wichtigste Antwort an die deutschen Medien ist: Warum lassen Sie nicht einfach – und endlich – Herrn Augstein direkt zu seinen eigenen Worten Stellung nehmen? Er schuldet den deutschen Lesern und dem jüdischen Volk – nicht uns, nicht dem Simon Wiesenthal Center – eine Entschuldigung.

Stattdessen gibt es mehr und mehr persönliche Angriffe gegen Sie. So wie im Spiegel, in dem der Redakteur Clemens Höges Sie als einen Spinner darstellt, der, als er gefragt wurde, ob er an einer Diskussion teilnehmen wolle, »absurde Forderungen« gestellt und E-Mails »wie aus einer anderen Welt« geschrieben habe. Höges kontrastiert das mit dem angeblich so sachlichen Augstein und fügt hinzu: Man müsse »böswillig oder auf Krawall aus sein«, um hinter dessen Äußerungen »einen Antisemiten zu sehen«. Der Vorspann des Artikels lautet: »Was ein gescheitertes Streitgespräch über die Dialogfähigkeit des Simon Wiesenthal Center sagt.« Der Artikel beginnt mit dem Satz: »Es wirkte wie ein gänzlich unerwarteter Tritt in den Rücken, verpasst von jemandem, der eigentlich als harmlos gilt.« Höges recycelt hier das Nazi-Motiv des Dolchstoßes in den Rücken. Überrascht es Sie, bei deutschen Journalisten soviel Bösartigkeit anzutreffen – wie auch eine solch große Phalanx der Augsteinverteidiger von ganz links bis ganz rechts?

Es stimmt, dass der Spiegel mich kontaktiert und ein gemeinsames Interview mit Herrn Augstein in einer der beiden Redaktionen, in Hamburg oder Berlin, vorgeschlagen hat. Meine Antwort war, dass ich einem solchen Treffen nur zustimmen würde, wenn Augstein sich für seine Äußerungen entschuldigte. Ich habe dem Spiegel gleichzeitig angeboten, dass er separate Interviews führen könne und ich dafür nach Deutschland kommen würde.

Nach der Veröffentlichung des Artikels war ich doch etwas überrascht: Seit 35 Jahren arbeite ich in diesem Bereich; 29 Jahre lang hatte ich die Ehre, an Simon Wiesenthals Seite sein zu dürfen. Zum ersten Mal erlebe ich nun, dass jemand private Gespräche oder Diskussionen zur Grundlage für eine öffentliche Verlautbarung macht. Mein Kommentar gegenüber dem Spiegel war der folgende: Der Mann hat öffentlich Aussagen getätigt. Er sollte – gegenüber dem Spiegel oder jemand anderem – Stellung nehmen zu den Äußerungen, die ihm in diesem Jahr Platz neun bei uns eingebracht haben. Das ist das Wichtigste, was zu geschehen hat.

»E-Mails wie aus einer anderen Welt«? Vielleicht. In der Welt, in der ich lebe, sagt man, dass jemand, der in einer Demokratie ein solch wichtiges Medium wie den Spiegel zu seiner Verfügung hat, die Verantwortung hat, darauf zu achten, dass das, was gesagt wird, innerhalb legitimer Kritik bleibt und die Grenzen nicht überschreitet. Leider haben die Äußerungen diese Linie überschritten. Ich wäre sehr glücklich, darüber mit dem Spiegel oder einem Sender zu sprechen. Die anfängliche, die Schlüsselfrage ist immer noch auf dem Tapet: Augstein zu den konkreten Zitaten Stellung nehmen zu lassen, die die Grenze zu den genannten drei »D« überschreiten.

Und die übrigens unter die Arbeitsdefinition des Antisemitismus-Begriffs der EU fallen. Leider sind viele deutsche Journalisten so voreingenommen gegen Israel, so ahnungslos, was die Definition und das Wesen des Antisemitismus betrifft, und leider ist der Gebrauch von antisemitischen Klischees wie dem des rachsüchtigen Juden oder dem des »Gängelbandes«, an dem Israel die Welt führe, für viele von ihnen so selbstverständlich, dass sie an Augsteins Ausfällen gar nichts Empörendes finden.

Bei allem Respekt: Ich frage mich, ob sie diese Ausfälle überhaupt gelesen haben. Sie sollten sich anschauen, was Augstein über die Haredim schreibt, zehn Prozent der israelischen Bevölkerung. Ich bin kein Haredi, ich habe meine eigenen Schwierigkeiten mit dem, was dort passiert. Viele Haredim schauen mich an und sagen, dass ich nicht jüdisch genug bin, weil ich mich nicht auf eine bestimmte Art kleide. Es geht nicht um Kritik. Es geht um die Dämonisierung einer ganzen religiösen Minderheit. Es gibt Haredim wie den Rabbi in Malmö; er und seine kleinen Kinder werden regelmäßig von Antisemiten überfallen. Sogar in Berlin gibt es leider sporadische Angriffe auf religiöse Juden.

Wenn jemand in einer Position ist, in der er der deutschen und internationalen Öffentlichkeit sagen kann, was er will, und er die Haredim das jüdische Äquivalent der Islamisten nennt, die der Welt Suicide Bombings, Terrorismus und Hass bringen, dann muss er Verantwortung für diese Worte übernehmen. Es ist wahr, dass die Haredim abgeschottet leben. Aber sie sind keine Terroristen. Sie werben nicht für Gewalt. Ich möchte nicht glauben, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten, ganz zu schweigen von der deutschen Bevölkerung, solch einem Unsinn Glauben schenkt.

Und bevor nun jemand sagt: »Da kommt die Polizei der Political Correctness, die die Meinungsfreiheit eines Journalisten einschränken will« – ganz und gar nicht. Israel, die Haredim, alles, was angesprochen wurde, ist ein legitimer Gegenstand der Kritik. Wenn aber diese Kritik in so einen Zusammenhang gestellt wird, dann wird eine Linie überschritten. Genauso, wie Israel keinen Blankoscheck hat, hat ihn auch Herr Augstein nicht.


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Freispruch für Deutschland January 5, 2013 | 06:39 pm

In der Debatte über die Berufung von Jakob Augstein auf eine Liste des Simon Wiesenthal Centers haben sich die Grenzen des Unsäglichen in Bezug auf die »Israelkritik« erneut verschoben. Noch die übelsten Tiraden gegen den jüdischen Staat sind – so meint eine ganz große Koalition von FAZ bis taz und von CDU bis Linkspartei – schlimmstenfalls grenzwertig, keinesfalls aber antisemitisch.

Es fängt schon mit simplen Fehlern im Rüstzeug an. Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit sollten sich als Prinzipien für jeden Journalisten eigentlich von selbst verstehen, doch ist es damit hierzulande oftmals nicht allzu weit her, auch diesmal nicht. Denn was soll das Simon Wiesenthal Center (SWC) getan haben, folgt man führenden deutschen Medien, die sich in dieser Frage nahezu wortgleich äußern? Es habe den Publizisten Jakob Augstein »auf eine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt gesetzt«, glaubt der Tagesspiegel, »auf Platz 9 seiner jährlichen Liste der schlimmsten Antisemiten gesetzt«, meint die Tagesschau, »auf Platz neun einer Liste der weltweit zehn schlimmsten Antisemiten gesetzt«, behauptet die Frankfurter Rundschau, »zu einem der schlimmsten Antisemiten der Welt erklärt«, beteuert die Zeit, »auf Platz neun der Liste der zehn schlimmsten Antisemiten« nominiert, ist die FAZ überzeugt, »auf einer Rangliste der schlimmsten Antisemiten der Welt auf Platz neun gesetzt«, schreibt Spiegel Online, »auf Platz neun der gefährlichsten Antisemiten weltweit verortet«, erklärt die taz. Knapp daneben ist auch vorbei, kann man da nur konstatieren.

Die besagte Liste umfasst in Wahrheit nämlich die »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« – also die zehn aus Sicht des SWC erwähnenswertesten antisemitischen respektive antiisraelischen Verunglimpfungen des vergangenen Jahres –, ist also wesentlich eher eine Sammlung markanter Zitate als ein Fahndungsaufruf. Und das Ziel ist es dabei offenkundig auch weniger, eine Rangliste entlang der machtbedingten Gefährlichkeit der Urheber dieser Zitate zu erstellen, als vielmehr, plakativ zu verdeutlichen, wie beängstigend groß das Spektrum des Judenhasses weltweit ist und wie sich der massenkompatible Antisemitismus in den einzelnen politischen Lagern äußert, selbst bei vermeintlich unverdächtigen, seriösen Akteuren. So erklärt sich auch, warum bei der Erstveröffentlichung der »Top Ten« im Jahr 2010 die renommierte amerikanische Journalistin Helen Thomas, immerhin dienstältestes Mitglied des White House Press Corps, auf dem ersten Platz landete und ein Jahr später der griechische Komponist und Politiker Mikis Theodorakis, eine Ikone der Linken, Dritter wurde. Ebenfalls in den letzten Jahren dabei: ein Mitglied der EU-Kommission, ein populärer Filmregisseur, ein prominenter Pastor und sogar die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter.

Auch zwei Deutsche schafften es schon vor Augstein mit antisemitischen Äußerungen in die »Top Ten« des SWC: Thilo Sarrazin im Jahr 2010 und Hermann Dierkes zwölf Monate später. Darüber echauffiert hat sich damals allerdings kaum jemand: Bei dem einen interessierten sich die Medien erheblich mehr für dessen Äußerungen zum Islam, und der andere ist ein derartig bockbeiniger Desperado, dass ihn außerhalb der Linkspartei kaum jemand verteidigen mochte. Augsteins Nominierung dagegen sorgt nun für eine Welle der Empörung in nahezu sämtlichen Medien und in fast allen politischen Lagern (selbst beim Zentralrat der Juden in Deutschland, der augenscheinlich nach dem Motto »Lieber mit der Rotte heulen als im Abseits stehen« verfährt). Nicht wenige glauben, dem SWC allerlei Ratschläge erteilen zu müssen, wie es seine »Top Ten« zu gestalten und welche Kriterien es dafür zugrunde zu legen habe. In Abwandlung von Karl Luegers Diktum »Wer Jude ist, bestimme ich« heißt es nun: »Wer Antisemit ist, bestimmen wir« – und nicht etwa eine jüdisch-amerikanische Organisation, deren Namensgeber, ein Überlebender der Shoa, die »Suche nach Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter« zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte.


Das Gerücht über die Juden

Dabei gibt es beste Gründe, Augstein einen Antisemiten zu nennen, wie insbesondere Henryk M. Broder in der Welt, Rainer Trampert in Konkret und Stefan Gärtner in der Titanic (sic!) überzeugend nachgewiesen haben. »Die fantasierte jüdische Weltherrschaft«, so resümiert Trampert, »die Weltkriegsgefahr, die Aufregung über eine Fiktion und die Gleichgültigkeit gegenüber realen Kriegen und Kriegstoten, die Insinuationen, dass Israel hinter dem Mohammed-Film, dem Krieg in Syrien und der iranischen Bombe stecke und die Toten in den innerarabischen Machtkämpfen zu verantworten habe, die Wiederholung der Lüge vom Juden, der aus dem Antisemitismus Profit schlage, diese ganze Sammlung perfider Projektionen zeigt eine Verblendung, die mit einer Kritik an Aspekten israelischer Politik nichts mehr zu tun hat.« Hinzu gesellt sich noch der altbekannte Trick, »sich als Verfolgte[r] darzustellen«, wie Adorno analysierte, »sich zu gebärden, als wäre durch die öffentliche Meinung, die Äußerungen des Antisemitismus heute unmöglich macht, der Antisemit eigentlich der, gegen den der Stachel der Gesellschaft sich richtet, während im Allgemeinen die Antisemiten doch die sind, die den Stachel der Gesellschaft am grausamsten und am erfolgreichsten handhaben«. Oder, um es mit Stefan Gärtner zu formulieren: »Dass die Juden uns den Mund verbieten, ist das Gerücht über die Juden, das nach Adorno der Antisemitismus ist. Wer glaubt, dass es wahr sei, ist ein Antisemit. Augstein ist einer.«

Dass er nun trotzdem nahezu unisono freigesprochen wird, liegt maßgeblich daran, dass diejenigen, die sich zu seinen Anwälten aufschwingen, keinen Begriff vom (modernen) Antisemitismus haben und sich in Bezug auf Israel in der Regel kaum bis gar nicht von Augstein unterscheiden. »Die meisten wollen Augsteins antisemitisches Potenzial schlicht nicht erkennen, weil sie es mit ihm teilen«, schreibt Jennifer Nathalie Pyka zu Recht. Augsteins Auslassungen über den jüdischen Staat und seine Regierung hält beispielsweise der Zeit-Autor Frank Drieschner bloß für »triviale Feststellungen«, Nils Minkmar befindet in der FAZ, sie entstammten »keinem vagen Ressentiment«, sondern entsprächen »der Wahrheit«, und Christian Bommarius urteilt in der Frankfurter Rundschau, Augstein nehme sich »lediglich die Freiheit, die Regierung Netanjahu dafür zu kritisieren, wofür sie alle Welt kritisiert« – so, als wäre der fundamentale Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment eine Frage von Mehrheiten. Henryk M. Broder hat die Unfähigkeit und den Unwillen, im Volkssport namens »Israelkritik« eine moderne und gefährliche Form von Judenhass zu erkennen, bereits im November 2011 auf den Punkt gebracht: »Für Antisemitismus gibt es in Deutschland seit 1945 einen klaren Maßstab: den Holocaust. Alles darunter ist eine Ordnungswidrigkeit.« Wenn nicht sogar ein Menschenrecht.

Und da Broder vom Simon Wiesenthal Center gewissermaßen als Gewährsmann für Augsteins Antisemitismus geführt wird, stürzen sich nun nicht wenige wie die Hyänen auf ihn. Niemand davon unternimmt auch nur den Versuch, Broders präziser und hellsichtiger Kritik mit Argumenten zu begegnen; an die Stelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung treten teilweise hasserfüllte Beschimpfungen, die Bände sprechen. Der »Antisemitismusexperte« Klaus Holz etwa bezeichnet Broder im Deutschlandradio als »Pöbler«, Nils Minkmar nennt ihn in der FAZ den »Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren«, Joachim Petrick hält ihn in Augsteins Freitag für einen »hochtrabend dahergaloppierenden ruchlosen Rüstungslobbyisten des militärisch-psychiatrisch-pharmazeutischen Industriekomplexes der USA«. Für Christian Bommarius, Autor der Frankfurter Rundschau, ist der jüdische Publizist gar ein moderner Goebbels, der froh sein kann, dass er »bis heute frei herumläuft«. Es blieb Rabbi Abraham Cooper, dem stellvertretenden Direktor des SWC, vorbehalten, nüchtern klarzustellen: »Wir haben nicht mit Broder gesprochen, er hatte keinen Einfluss auf die Entscheidung. Aber ein Großteil unserer Mitglieder kennt Augstein nicht, deswegen wollten wir Broders Perspektive dazunehmen. Er ist ein in der jüdischen Gemeinde weltweit respektierter Wortarbeiter, und anders als wir ist er vor Ort in Deutschland. Augstein hat auf seine Kritik übrigens nie reagiert, das halte ich für sehr vielsagend.«


Die Grenzen des Unsäglichen

Apropos vielsagend: Kaum jemandem scheint aufgefallen zu sein, dass bereits die faktische Existenz einer ganz großen deutschen Koalition gegen das SWC und für Jakob Augstein, die von der FAZ bis zur taz und von der CDU bis zur Linkspartei reicht, einen Beweis dafür darstellt, wie falsch, um nicht zu sagen demagogisch die allenthalben – und natürlich auch von Augstein selbst – zu vernehmende Behauptung ist, der Antisemitismusbegriff werde inflationär verwendet und damit schändlich missbraucht. Ganz im Gegenteil ist durch die massive öffentliche Intervention zugunsten eines prominenten israelfeindlichen Publizisten – und genau das war ihr Ziel – die Grenze des Sagbaren (genauer: des Unsäglichen) noch einmal verschoben worden. Wer künftig behauptet, Israel führe »die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs«, gefährde den Weltfrieden und pferche Palästinenser in einem Lager namens Gaza zusammen, kann sich im Falle von Kritik bequem auf den Freispruch für Augstein berufen – der ein kollektiver Freispruch für Deutschland ist und zudem einem Persilschein für die gesamte »Israelkritik« gleichkommt. Selbst am Zentrum für Antisemitismusforschung ist man schließlich der Ansicht, dass derartige Äußerungen vielleicht »grenzwertig« sind, aber nicht antisemitisch (was das ganze Elend perfekt macht, doch keineswegs überraschend kommt).

Betrachtet man die gegenwärtige Debatte geschichtspolitisch, dann gesellt sich noch ein weiterer, nicht unwichtiger Aspekt hinzu: Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen hat Simon Wiesenthal alles daran gesetzt, nationalsozialistische Täter einem juristischen Verfahren zuzuführen, während sie in Deutschland geschützt und gedeckt wurden, Pensionen erhielten und wieder teilweise höchstrangige Ämter bekleiden durften. Als die meisten Altnazis nicht mehr lebten und es den Deutschen, nachdem sie sich wiedervereinigt hatten, schließlich auch noch gelang, einen finanziellen Schlussstrich unter die NS-Zeit zu ziehen, begannen sie, Mahnmale zu bauen, staatliche Gedenkveranstaltungen auszurichten, sich selbst für geläutert zu erklären und schließlich den moralischen Profit aus ihrer »Vergangenheitsbewältigung« einzufordern – wozu es auch gehört, die »Israelkritik« als »Lehre aus der Geschichte« zu verkaufen. Dass man diese Masche beim Simon Wiesenthal Center durchschaut, aus guten Gründen misstrauisch bleibt und auch deshalb regelmäßig Deutsche in die »Top Ten« der erwähnenswertesten antisemitischen Verunglimpfungen beruft, nehmen die Nachfahren und Erben der Täter dem Zentrum erkennbar übel.

Umso erfreulicher, dass man beim SWC nun Augsteins Nominierung bekräftigt und verteidigt. »Ich habe großes Verständnis dafür, dass Henryk M. Broder Augstein wegen dessen Agitationen mit Julius Streicher vergleicht«, sagt Efraim Zuroff, der Direktor der Jerusalemer Dependance dieser Einrichtung. »Augstein misst beim Thema Israel mit zweierlei Maß, macht aus Tätern Opfer, klammert den Terror der Hamas vollkommen aus. Seine Äußerungen sind ganz und gar empörend, diffamierend und ekelhaft.« Und Rabbi Abraham Cooper fordert: »Augstein sollte sich bei seinen Lesern und dem jüdischen Volk entschuldigen.« Dass er das nicht tun wird, darf als sicher gelten – so sicher, wie das SWC auch am Ende dieses Jahres wieder reichlich Auswahl haben wird, wenn es darum geht, die Ausfälle eines deutschen »Israelkritikers«, der kein Antisemit sein will, in die »Top Ten« zu hieven.

Lesetipp: »Die Verhältnisse in Deutschland«, veröffentlicht auf dem Weblog Verbrochenes.


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Coming-out im russischen Fußball? January 4, 2013 | 11:19 am

Wirklich schöne Bilder sind das: Zwei Menschen entfliehen dem kalten Winter zu Hause und genießen stattdessen die Sonne in Miami, Florida. Man sieht sie eng umschlungen unter Palmen, lachend bei einer Lamborghini-Fahrt, entspannt am Pool, sich küssend auf einer Party, herumalbernd in der Badewanne. In einem Facebook ähnlichen sozialen Netzwerk stellen sie diese und weitere Aufnahmen online und kommentieren sie gelegentlich kurz. »Ich liebe ihn«, ist dort beispielsweise zu lesen, und: »Wo wären wir nur ohneeinander?« Wie gesagt, wirklich schön – und trotzdem eigentlich nicht weiter der Rede wert, wären die beiden nicht männliche, russische Fußballprofis, Nationalspieler ihres Landes gar. Alexander Alexandrowitsch Kokorin heißt der eine, 21 Jahre alte, der zwölf Länderspiele absolviert hat und in Diensten des russischen Erstligisten Dynamo Moskau steht; Pawel Konstantinowitsch Mamajew der andere, drei Jahre ältere, der auf zwei Länderspiele kommt und beim Liga- und Lokalrivalen ZSKA Moskau spielt.

Das vielgelesene russische Weblog Fußball in sozialen Netzwerken bastelte aus einigen der Bilder eine Art Foto-Love-Story und veröffentlichte sie am 25. Dezember des vergangenen Jahres unter der Überschrift »Wir sind zusammen« im Rahmen seiner kleinen Reihe mit dem Titel »Wie sich Fußballer der [russischen] Premjer-Liga erholen«. Was folgte, war eine regelrechte Flut von Leserkommentaren, die noch immer nicht abreißen will. Nicht wenige Beiträge sind offen schwulenfeindlich und beleidigend, aber es gibt auch viel Unterstützung für die beiden Fußballer und Kritik an den homophoben Verhältnissen in Russland. Beim »Rating« bekommt der Artikel zudem deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung.

Erschienen ist er nur wenige Tage, nachdem eine einflussreiche Fangruppe des russischen Premjer-Liga-Klubs Zenit St. Petersburg ein »Manifest« veröffentlicht hat, in dem der Verein aufgefordert wird, keine schwulen, schwarzen oder nichteuropäischen Spieler mehr zu verpflichten. Nicht nur dieses üble Pamphlet macht deutlich, wie verbreitet die Homophobie in Russland ist: In mehreren Regionen des Landes gibt es Gesetze gegen »homosexuelle Propaganda«, und russische Politiker wie beispielsweise die Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa bezeichnen Homosexualität als »Krankheit«. Zudem werden immer wieder Demonstrationen von Schwulen und Lesben verboten oder von gewalttätigen, oft rechtsextremen Gegendemonstranten angegriffen. Ist vor diesem Hintergrund ein Coming-out von Fußballprofis in Russland tatsächlich denkbar?

Fast will es trotz der eindeutig scheinenden Bilder zu kühn anmuten, zumal Kokorin und Mamajew auch noch die ersten bezahlten Kicker wären, die sich während ihrer aktiven Laufbahn öffentlich dazu bekennen, schwul zu sein, seit es der englische Fußballer Justin Fashanu im Oktober 1990 tat* – und sich nach diversen homophoben Hetzkampagnen, Anschuldigungen und Vorverurteilungen schließlich am 2. Mai 1998 in seiner Garage erhängte. Entsprechend zurückhaltend ist denn auch das bekannte schwul-lesbische Portal queer.de, das »auf eine offizielle Stellungnahme der beiden Jungs« hofft, die seit der Veröffentlichung der Urlaubsfotos schweigen. Die populäre Plattform dbna vermutet: »Ein Grund, warum plötzlich diese Bilder auftauchten, könnte die Tatsache sein, dass sich der Dauerrivale aus Sankt Petersburg kürzlich gegen Dunkelhäutige und Homosexuelle im Fußball ausgesprochen hatte und die beiden Fußballer dagegen Position beziehen wollten.« Und bei Eurosport Russland glaubt man lediglich »an einen simplen Spaß im Urlaub«.

Es bleibt also wohl abzuwarten, ob sich die beiden Spieler noch einmal zu Wort melden (und wenn ja, was sie sagen), bevor sich eine endgültige Bewertung formulieren lässt. Einstweilen ist jedoch Michael Wollny, Fußballredakteur bei Eurosport Deutschland, zuzustimmen, der via Twitter kommentierte: »Gelungene Aktion, falls sie [Kokorin und Mamajew] menschenverachtenden Hass wie bei Zenit veräppeln wollten. Megamutig, wenn echt.«

(Zuerst veröffentlicht auf dem Webportal Fussball-gegen-Nazis.de.)

Herzlichen Dank an @senSATZionell, @Michael_Wollny, @hourglass1979, @crazylilly, @hirngabel und @el_loko74 für wertvolle Hinweise und Gedanken.

* Mit Anton Hysén hatte im März 2011 ein weiterer Fußballer ein viel beachtetes öffentliches Coming-out, allerdings spielte er seinerzeit »nur« für einen Viertligisten.


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Friedlich in die Katastrophe? January 2, 2013 | 01:33 pm

Während der amerikanische Präsident Barack Obama nicht bereit zu sein scheint, die nuklearen Aktivitäten des iranischen Regimes notfalls militärisch zu unterbinden, hat die israelische Regierung eine rote Linie gezogen und die Möglichkeit eines Militäreinsatzes auf den Frühsommer 2013 datiert. Dann dürfte das iranische Regime über genügend 20-prozentiges Uran verfügen, um daraus eine Bombe herzustellen. Was nun? Matthias Küntzel nimmt die Kontroverse, die es zwischen den USA und Israel in Bezug auf den Umgang mit den atomaren Ambitionen Teherans gibt, unter die Lupe.


VON MATTHIAS KÜNTZEL


Im Dezember 1998 klopfte erstmals eine israelische Delegation unter der Leitung des damaligen Premierministers Benjamin Netanjahu beim Weißen Haus an, um zu fragen, »ob die amerikanische Regierung bereit wäre, eine israelische Militäroperation gegen iranische Anlagen zu unterstützen«, wie Jack Caravelli, ein Zeitzeuge dieser Begegnung, berichtet (1). Präsident Bill Clinton lehnte ab. Gleichzeitig zog er eine klare rote Linie: Ein Staat wie der Iran, der Terroranschläge verübt, darf keine Atomtechnik erhalten.

Im März 2012 besuchte erneut eine israelische Delegation unter der Leitung von Netanjahu das Weiße Haus, um zu fragen, ob die Regierung bereit wäre, einen Militärschlag gegen den Iran zu unterstützen. Präsident Barack Obama lehnte ab. Gleichzeitig zog er eine klare rote Linie: Ein Staat wie der Iran könne notfalls die Fähigkeit erlangen, Atombomben zu bauen, herstellen dürfe er sie aber nicht.

1998 war Israels Regierungschef mit dem Ergebnis seiner Reise zufrieden gewesen, 14 Jahre später war er es nicht. Teheran dürfe weder über die Bombe noch über die Fähigkeit zum Bombenbau verfügen, hatte er Obama gegenüber erklärt und ihn gemeinsam mit Abgeordneten des amerikanischen Kongresses dazu gedrängt, die rote Linie vor dem Erwerb der Atomwaffenfähigkeit zu ziehen. Doch Obama blieb hart. Eine solche Festlegung sei »zu mehrdeutig«. Sie könnte der Forderung nach »einem sofortigen Angriff auf den Iran« Nahrung geben, erklärten Regierungsbeamte (2).

Nur wenig gelangte über diese Kontroverse an die Öffentlichkeit. Die Medien zogen es vor, über die persönlichen Beziehungen zwischen Netanjahu und Obama zu spekulieren. Während des Gaza-Krieges hatte diese Meinungsverschiedenheit ebenfalls keine Rolle gespielt. Mit der neuen Amtsperiode des amerikanischen Präsidenten aber kehrt die Iran-Krise zurück – und auch der strategische Dissens.

 

»Über Nacht zur Atommacht«

Im Dezember 2011 zeigten sich israelische Regierungsvertreter noch erleichtert, als der amerikanische Verteidigungsminister Leon E. Panetta der New York Times zufolge auf einer Konferenz in Washington betonte, dass die USA entschlossen seien, »nicht nur eine [iranische Atom-]Waffe zu stoppen, sondern auch die Fähigkeit, diese zu produzieren«. Doch am 6. Januar 2012 revidierte Panetta seine Position: »Versuchen die Iraner, eine Atomwaffe zu entwickeln? Nein. [...] Unsere rote Linie für den Iran lautet: Entwickelt keine Atomwaffen!« (3)

Was unter der Forderung »Entwickelt keine Atomwaffen« zu verstehen ist, erläuterte wenige Tage später die New York Times. Demnach könne der Iran »ein Land wie Japan« werden, das zwar »über die Fähigkeit verfügt, notfalls praktisch über Nacht zur Atommacht zu werden, es aber ablehnt, die letzten Schritte zum Besitz von Atomwaffen zu unternehmen«. Eine solche Regelung sei »das für den Westen [in seinen Verhandlungen mit dem Iran] am ehesten zu erreichende Ergebnis«, fügte die Zeitung unter Berufung auf amerikanische und europäische Regierungsbeamte hinzu. Das Blatt zitierte außerdem einen europäischen Diplomaten mit den Worten: »Wenn Sie uns fragen, ob wir damit einverstanden wären, dass der Iran wie Japan wird, dann ist unsere Antwort ein qualifiziertes ›Ja‹. Es müsste jedoch überprüfbar sein.« (4)

Dieses »Ja« ist eine Entscheidung, deren Tragweite schwerlich überschätzt werden kann. Zwar kann sich Japan dank seines hochentwickelten Uran- und Plutoniumprogramms in der Tat binnen kürzester Frist zur Atommacht erklären. Die Analogie lässt jedoch alle Faktoren, die das iranische Atomwaffenprogramm so besonders gefährlich machen, außer Acht. Während niemand in Seoul, Manila oder Taipeh auf die Idee käme, sich wegen des japanischen Nuklearpotenzials große Sorgen zu machen, raubt das iranische Atomprogramm nicht nur den Sunniten am Persischen Golf heute schon den Schlaf.

Wie ernst es der Obama-Administration mit ihrer neuen Linie ist, zeigt eine Episode vom Februar 2012. Damals war Außenministerin Hillary Clinton mit der neuen Sprachregelung noch nicht ausreichend vertraut. Am 27. Februar 2012 habe sie die Debatte »verkompliziert [...], als sie bei einer Aussage vor dem Kongress erklärte, dass das Ziel der USA darin bestehe, den Iran von der ›Atomwaffenfähigkeit‹ abzuhalten«, spottete die New York Times und fuhr fort: »Regierungsbeamte erklärten, sie habe sich versprochen.« (5)

Yigal Carmon, der Präsident des Middle East Media Research Instituts (MEMRI), und Ayelet Savyon gehörten zu den wenigen, die die »neue Politik der USA« noch während Obamas Wahlkampagne kritisierten. Sie gestatte »dem Iran den Status eines [nuklearen] Schwellenlandes« und verschaffe »den iranischen Anstrengungen Legitimität und neuen Schwung«. Gleichzeitig vereitele sie schon im Voraus »jedes Abkommen, das das Verbot einer Anreicherung von über fünf Prozent [Urananreicherung] vorsieht« (6).

Natürlich wollen auch die USA keine Schwellenmacht Iran. Auch deshalb forciert Washington mehr als jedes andere Land der Welt das System globaler Sanktionen. Noch wichtiger aber scheint für Obama die Vermeidung eines Militäreinsatzes zu sein. Die USA haben signalisiert, dass der Waffengang für sie nur dann in Frage kommt, wenn der Iran tatsächlich die Bombe baut, während man auf die Bereitstellung der für die Bombe erforderlichen Technologie mit den üblichen Mitteln – Sanktionen und Proteste – zu reagieren gedenkt.

 

Rote Linien

In den letzten Jahren passte sich Washington immer wieder an die von Teheran geschaffenen Tatsachen an. Eine Ausnahme bildete Bill Clinton, der dem Regime überhaupt keine Atomtechnik zugestehen wollte. 2006 kam dann aber ausgerechnet George W. Bush den Iranern entgegen und warf die Clinton-Doktrin über Bord. Das Ergebnis war die von den USA unterstützte Resolution 1696 des UN-Sicherheitsrats. Sie gewährt auf der einen Seite dem Iran das Recht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie und verlangt auf der anderen Seite, »dass die Islamische Republik Iran alle mit der Anreicherung zusammenhängenden Tätigkeiten und alle Wiederaufarbeitungstätigkeiten, einschließlich Forschung und Entwicklung, aussetzt« (7). Bushs rote Linie nahm zivile Atomanlagen somit hin, schloss atomwaffenrelevante Technologien aber aus.

Im September 2009 verwarf die Obama-Administration auch diese Linie und unterstützte ein Vorschlagspaket, mit dem die Anreicherung von Uran auf fünf Prozent akzeptiert wird, sofern der Iran einen Teil seiner angereicherten Vorräte ins Ausland schafft, um daraus Brennelemente für einen Forschungsreaktor herstellen zu lassen (8). Die Reichweite dieses Zugeständnisses war enorm: Wer in der Lage ist, Uran auf fünf Prozent anzureichern, hat bereits fast 70 Prozent der technischen Anstrengung bewältigt, die für die Herstellung von Waffenuran erforderlich ist. Obama nahm die Urananreicherung auf fünf Prozent somit hin, schloss eine höhere Uranverarbeitung aber aus.

Prompt begann Teheran, Uran auf 20 Prozent anzureichern. Mit der Beherrschung dieser Technik hatte das Regime nunmehr 87 Prozent der für die Herstellung von Waffenuran erforderlichen Anstrengungen auf den Weg gebracht. Doch anstatt das iranische Vorgehen an den Pranger zu stellen, passten sich die USA erneut an es an. Obamas neueste rote Linie verläuft nun so, dass eine Anreicherung auf 20 oder mehr Prozent hingenommen, der Bau der Bombe aber ausgeschlossen wird.

 

»No containment!«

Als Netanjahu den amerikanischen Präsidenten im März 2012 im Weißen Haus besuchte, versuchte dieser, die bittere Pille der neuesten amerikanischen Politik zu versüßen: Obama versprach, zumindest die Bombe tatsächlich verhindern zu wollen. Beide Beteuerungen gehörten zusammen: Hier die Bereitschaft, den Iranern einen »Japan-Status« zuzugestehen, dort die umso größere Entschlossenheit, die Fertigstellung der Bombe nicht zu akzeptieren. »Ich bluffe nicht!«, versicherte Barack Obama auf die Frage, ob seine Androhung eines Militäreinsatzes gegen den Iran ernst zu nehmen sei. Es gebe unabhängig von Israel »ein profundes amerikanisches Interesse, die iranische Bombe zu verhindern« (9). Die zuletzt gezogene rote Linie soll also strikt und verbindlich und selbst um den Preis des Waffeneinsatzes gültig sein.

Wie aber könnte Washington das Fait accompli einer heimlich montierten iranischen Bombe verhindern? Obama beantwortet diese Frage mit dem Verweis »auf die hinreichend lange Vorlaufzeit«, die zwischen dem Beschluss zum Bombenbau und dessen Verwirklichung liege und die angeblich ausreiche, den Bau des Sprengkörpers noch rechtzeitig zu unterbinden (10). »Wir haben einen Einblick in das [Atom-]Programm, sodass wir wissen würden, ob und wann Iran einen so genannten breakout move für den Erwerb der Bombe unternimmt«, versichert auch Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses (11).

Diese Zuversicht ist gewagt: Erstens geben die Verantwortlichen in Teheran offen zu, dass sie die Kontrolleure der Atomenergiebehörde IAEA mit falschen Angaben täuschen (12). Zweitens bleibt diesen Kontrolleuren der Zugang zu militärischen Anlagen versperrt. Drittens wurden die amerikanischen Stellen nicht nur vom Zeitpunkt der indischen und pakistanischen Atombombe überrascht, ihnen blieb auch die Einrichtung der iranischen Uranreicherungsanlage in Natanz verborgen. Und viertens findet die Anlage zur Herstellung von Waffenuran sowie zur Fertigstellung eines Atomsprengkopfes in jeder größeren Garage Platz. Netanjahu attackierte die amerikanische Hypothese in seiner jüngsten Rede vor der UN-Vollversammlung denn auch scharf: »Wollen wir die Sicherheit der Welt von der Vermutung abhängig machen, dass wir noch rechtzeitig eine kleine Werkstatt in einem Land, so groß wie halb Europa, finden?« (13)

Die gleichen Zweifel äußert Henry Kissinger: »Wenn die erforderliche Menge an Spaltmaterial erst einmal produziert ist, ist die Konstruktion und Beladung eines Sprengkopfes ein relativ kurzer und technologisch einfacher Prozess, den noch rechtzeitig zu entdecken so gut wie unmöglich ist.« (14) Robert M. Gates, der frühere Verteidigungsminister in Obamas Kabinett, stimmt ihm zu: Wie solle man, wenn die Iraner bis an die Grenze zur Atomwaffe gehen, wissen, dass sie diese nicht produzieren, fragt er. »Ich weiß tatsächlich nicht, wie man das verifiziert.« (15)

Doch selbst wenn man unterstellte, dass Washington rechtzeitig von der iranischen Break-out-Absicht erführe, blieben Zweifel, ob Barack Obama gewillt wäre, die schwere Entscheidung für den Angriffsbefehl tatsächlich zu treffen. »Amerika ist darauf erpicht, so gut wie jeden Krieg um beinahe jeden Preis zu vermeiden«, konstatiert der israelische Journalist David Horowitz und hat damit Recht (16). Unter diesen Voraussetzungen ist die Verlockung groß, einen Break-out-Versuch des Regimes zu »übersehen« und sich von vollendeten Tatsachen »überraschen« zu lassen. Dann aber wäre es zu spät. Denn dann, so berichtet die New York Times über diesbezügliche Debatten im Weißen Haus, »hätte der Westen keine andere Wahl mehr, als sich zurückzuziehen, um keine nukleare Konfrontation zu provozieren« (17).

 

Schwellenmacht Iran?

Während die iranische Bevölkerung unter den Folgen von Terror, Zensur, Misswirtschaft und Sanktionen leidet, können die iranischen Machthaber mit dem Verlauf des Atomstreits zufrieden sein, haben sie doch seit Jahren auf die Anerkennung eines »Japan-Status« für den Iran gedrängt. »Der Iran sucht die Zustimmung der EU für eine Ausrichtung seines Atomprogramm nach dem ›japanisch-deutschen Modell‹, also die Beherrschung des nuklearen Brennstoffkreislaufes bis drei Monate vor der Bombe«, betonte ein MEMRI-Bericht bereits im Februar 2005 (18). »Die Haltung, die gegenüber den nuklearen Aktivitäten Japans eingenommen wird, sollte auch gegenüber anderen Ländern wie dem Iran zur Anwendung kommen«, forderte Irans Außenminister Manouchehr Mottaki erneut im Jahr 2009 (19). Auch heute gibt es Gründe für die Annahme, dass das Regime auf die politische Absicherung eines vorläufigen »Japan-Status« drängt.

Dabei geht es nicht nur darum, dass schon der Rang einer potenziellen Atommacht ausreicht, um als regionale Führungsmacht Anerkennung zu erringen und Angst und Schrecken zu verbreiten – zumal dann, wenn dieser Status gegen den erklärten Willen der Weltgemeinschaft und besonders des Westens errungen worden ist. Noch wichtiger ist der Aspekt, dass sich das iranische Atomwaffenprogramm – gemessen an seinen Ambitionen – noch im Anfangsstadium befindet.

Zwar könnte der Iran vermutlich heute schon eine primitive Uranbombe zünden. Uranbomben weisen im Vergleich zu Plutoniumbomben aber Nachteile auf: Sie sind fünfmal so schwer, also erheblich schwieriger auf Raketen zu montieren, und scheiden als Zünder für moderne Wasserstoffbomben aus (20). Teheran aber kommt es auf moderne Atomwaffen an. So arbeiten iranische Techniker fieberhaft an der Fertigstellung des Schwerwasserreaktors Arak, der nach IAEA-Angaben 2014 in Betrieb gehen soll. Es handelt sich um eine Anlage, die ausschließlich der Produktion von Waffenplutonium dient und durch den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage ergänzt werden soll.

Falls die »5 plus 1«-Mächte in den derzeit anvisierten Verhandlungen bereit sein sollten, dem Regime einen von der IAEA kontrollierten Status als nukleare Schwellenmacht einzuräumen, wäre dies für Teheran keine schlechte Voraussetzung, um nach dem Uranpfad auch den Plutoniumpfad zügig fertigzustellen. Dies wäre dann in der Tat »das für den Westen [in seinen Verhandlungen mit Iran] am ehesten zu erreichende Ergebnis«, wie die oben zitierten Regierungsbeamten betonen, weil es den Interessen Teherans entspräche.

»Der Iran ist wissenschaftlich und technologisch in der Lage, eine Atombombe zu bauen«, prahlte im April 2012 ein Mitglied des iranischen Pseudo-Parlaments (21). »Wenn der Iran eine Atombombe bauen möchte, wird ihn niemand daran hindern können«, drohte auch Präsident Mahmud Ahmadinedjad (22). Etwas vorsichtiger äußerte sich Israels Vize-Premier Moshe Ya’alon: »Vor drei Jahren hatte Iran die nukleare Schwelle noch nicht beschritten. Heute schon. Vor unseren Augen entwickelt sich Iran zur nuklearen Schwellenmacht.« (23) Olli Heinonen, der frühere Chefinspektor der IAEA, präzisiert: »Schon ein Vorrat an 20-prozentigem Uran, der dem Gegenwert von fünf oder sechs Bomben entspricht, würde aus Iran de facto einen Atomwaffenstaat machen.« (24)

Sicher ist: Während der amerikanische Präsident das Regime heute wie vor vier Jahren zum Gespräch bittet, haben Irans Ingenieure in diesem Zeitraum einen Riesensprung gemacht. Wird Obama daraus tatsächlich die Konsequenz ziehen, sich mit einer nuklearen Schwellenmacht Iran zu arrangieren? Er würde damit die Fehler seiner ersten Amtszeit noch übertrumpfen und Gefahr laufen, als der Chamberlain des 21. Jahrhunderts in die Geschichte einzugehen.

Die israelische Regierung dagegen hat die rote Linie und die Möglichkeit eines Militäreinsatzes auf den Frühsommer 2013 terminiert, da dann genügend 20-prozentiges Uran vorhanden sein dürfte, um daraus 25 Kilogramm Waffenuran – genug für eine Bombe – zu gewinnen. Diese Linie ist einprägsam, in der Sache aber wenig plausibel, da sie die Beschleunigung der Verfahren im Uranbunker Fordow sowie die beträchtliche Menge an fünfprozentigen Uranbeständen, die das Regime ebenfalls hoch anreichern könnte, ignoriert.

Die eigentliche rote Linie hatte, wie ich finde, der UN-Sicherheitsrat im Juli 2006 formuliert, nämlich in seiner Forderung an Teheran, »alle mit der Anreicherung zusammenhängenden Tätigkeiten und alle Wiederaufarbeitungstätigkeiten« auszusetzen, »einschließlich Forschung und Entwicklung« (25). Die Charta der Vereinten Nationen regelt in Kapitel VII, Artikel 42, dass die zur Wahrung der internationalen Sicherheit getroffenen Beschlüsse des Sicherheitsrats notfalls auch militärisch durchzusetzen sind.

Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkriegs werde sich dramatisch erhöhen, warnte kürzlich Henry Kissinger, falls der Iran so weitermachen könne wie bisher. Jetzt müsse man »den Verhandlungsprozess auf den Moment der Entscheidung« zuspitzen: Entweder ein vertretbares Abkommen mit Iran in kurzer Frist oder eine »Mobilisierung des amerikanischen Volkes und der Welt«. Entweder eine »Eskalation der Krise bis zur Anwendung von militärischem Druck« oder »die Einwilligung in Irans Atomwaffenprogramm« (26).

In der Tat. Ohne die von Kissinger anvisierte »Mobilisierung des amerikanischen Volkes und der Welt« wäre weder der UN-Beschluss noch eine vergleichbare Lösung durchsetzbar. Nur dann, wenn man das iranische Regime vor die Alternative stellte, das Atomprogramm abzubrechen oder einen furchtbaren Krieg mitsamt seiner Absetzung zu riskieren, könnte eine Verhinderung der Bombe unter Absehung von Gewalt noch möglich sein.

Dieser Versuch der Friedenswahrung verlangt freilich ein klares Nein zur Atomwaffenfähigkeit des Iran. Und er setzt voraus, dass der alte und neue Präsident der USA die Frage, die ihm auch der neu zu wählenden israelische Premierminister stellen wird, diesmal anders beantwortet als 1998 und 2012.


Anmerkungen
(1) Jack Caravelli: Nuclear Insecurity, Westport/London 2008, S. 105.
(2) Jay Solomon/Carlo E. Lee: U.S., Israel Pull Closer on Iran, in: Wall Street Journal (WSJ), 05.03.2012.
(3) David E. Sanger: Iran Trumpets Nuclear Ability at a Second Location, in: New York Times (NYT), 08.01.2012.
(4) Helene Cooper: Sanctions Against Iran Grow Tighter, but What’s the Next Step? in: NYT, 24.01.2012.
(5) Mark Landler: Obama Says Iran Strike Is an Option, but Warns Israel, in: NYT, 02.03.2012.
(6) Ayelet Savyon/Yigal Carmon: Iran Becomes a Nuclear Threshold State, in: MEMRI Inquiry & Analysis Series Report No. 888, 05.10.2012.
(7) Vereinte Nationen: Resolutionen und Beschlüsse des Sicherheitsrats 1. August 2005 – 31. Juli 2006, New York 2006, S. 250-253, online (eingesehen am 16.11.2012).
(8) So der Vorschlag der fünf Vetomächte des Sicherheitrats sowie Deutschlands, den sie Iran bei Verhandlungen in Genf und Wien unterbreiteten. Siehe: Matthias Küntzel: Obama’s Search for Peace in Our Time. The West goes wobbly on Iran, in: The Weekly Standard, 07.12.2009, S. 26-28 sowie online in Englisch und Deutsch.
(9) Obama to Iran and Israel: »As President of the United States, I Don’t Bluff«, Interview mit Jeffrey Goldberg, in: The Atlantic, 02.03.2012.
(10) Ebd.
(11) Michal Shmulovich: US didn’t foresee 9/11, officials in Jerusalem say, after White House claims it would know if Iran was about to get the bomb, in: The Times of Israel (ToI), 11.08.2012.
(12) Rick Gladstone/Christine Hauser: Iran’s Top Atomic Official Says Nation Issued False Nuclear Data to Fool Spies, in: NYT, 20.09.2012.
(13) PM Netanyahu addresses UN General Assembly, online (eingesehen am 08.11.2012).
(14) Ebd.
(15) David E. Sanger: On Iran, Questions of Detection and Response Divide U.S. and Israel, in: NYT, 06.03.2012.
(16) David Horowitz: The limits of friendship, in: ToI, 23.10.2012.
(17) Helene Cooper: Sanctions Against Iran Grow Tighter, but What’s the Next Step?, in: NYT, 24.01.2012.
(18) »Iran is trying to seek EU consent for modeling its nuclear program on the ›Japanese/German model‹, i.e. attaining nuclear fuel cycle capabilities up to three month short of a bomb«, siehe MEMRI Inquiry & Analysis Series Report No. 209, 23.02.2005.
(19) Ayelet Savyon/Yigal Carmon: Iran Becomes a Nuclear Threshold State, in: MEMRI Inquiry & Analysis Series Report No. 888, 05.10.2012.
(20) Mitch Ginsburg: Israeli expert: Iran already a nuclear power, but can’t deliver a bomb, in: ToI, 10.09.2012.
(21) Iran Ahead of Upcoming Nuclear Talks: Majlis Member: We Can Manufacture Bomb, But We Won’t, MEMRI, Special Dispatch No. 4638, 09.04.2012.
(22) George Jahn: 6 powers, Iran, remain split on nuclear issues, Associated Press, 08.06.2012.
(23) Ari Shavit: Moshe Ya’alon tells Ari Shavit he is preparing for war, in: Haaretz, 14.06.2012.
(24) Olli Heinonen/Simon Henderson: What We Know About Iran’s Nukes, in: WSJ, 06.09.2012.
(25) Ich greife hier einen Gedanken von Robert Satloff auf: Robert Satloff on next steps in the Iran crisis, in: Atlantic Monthly, 10.09.2012. Zur Quelle des UN- Dokuments siehe Fußnote 7.
(26) Henry A. Kissinger: Iran must be President Obama’s immediate priority, in: Washington Post, 17.11.2012.

Zum Foto: Mahmud Ahmadinedjad inspiziert die Atomanreicherungsanlage in Natanz, 8. April 2008.


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Hingehen, wo es weh tut December 25, 2012 | 10:08 pm

Mit der Auszeichnung der israelischen Historikerin Yfaat Weiss hat die Stadt Bremen vor allem sich selbst auf die Schulter geklopft. Gleichwohl – oder gerade deshalb – hat sich Torsten Schulz die Ehrung dieser neuesten Kronzeugin der Anklage gegen Israel und die Hintergründe für die Preisverleihung einmal genauer angesehen.


VON TORSTEN SCHULZ


Alle Jahre wieder lobt die Stadt Bremen einen Preis für »politisches Denken« aus, und die grüne Heinrich-Böll-Stiftung steuert dazu das intellektuelle Rahmenprogramm bei. Der Preis trägt den Namen Hannah Arendts und soll nach Darstellung der Stifter Personen auszeichnen, »die mit ihren Interventionen das ›Wagnis Öffentlichkeit‹ angenommen haben«. Nun könnte man argwöhnen: Wo Interventionen von ohnehin mehr oder weniger öffentlichen Personen zum Wagnis verklärt werden, damit eine Jury ihnen eine finanzielle Zuwendung zuerkennen kann, lauert die fixe Idee, bestimmte Dinge könne man ja nicht offen sagen, schon hinter der nächsten Ecke. Und tatsächlich scheint die jährliche Hannah-Arendt-Preisverleihung mitunter kein ganz unzuverlässiger Gradmesser zu sein, wo in dieser Hinsicht gerade die Kampflinie verläuft. So ging der Preis im Jahr 2007 auf dem vorläufigen Höhepunkt des Hypes um »die Israel-Lobby« an Tony Judt, der parallel gleich noch den Remarque-Preis der Stadt Osnabrück abräumen konnte. In diesem Jahr geht er an Yfaat Weiss, was die Böll-Stiftung bereits im Juli vermeldete und damit begründete, es sei besonders hervorzuheben, »wie sehr durch die Art und Weise, in der Frau Weiss die Geschichte ihres Landes erzählt, die historische Forschung und die öffentliche Meinungsbildung ermutigt werden, sich auf die Besonderheiten in der israelischen Geschichte und Gesellschaft einzulassen«.

Die einzige Publikation der Jerusalemer Professorin, die in diesem Zusammenhang konkret erwähnt wird, ist das 2011 erschienene Buch A Confiscated Memory, dessen Titel in der deutschen Ausgabe als Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung in den Untertitel rutschte, um einem hierzulande anscheinend viel eingängigeren Verdrängte Nachbarn Platz zu machen. Die Unverfrorenheit, mit der die deutsche Meinungsbildung sich ihrerseits ans Enteignen der israelischen Geschichte gemacht hat, nachdem sie sich durch die Erzählung der neuesten »neuen Historikerin« augenscheinlich dazu ermutigt fühlte, trägt schon groteske Züge. So behauptete die Pressestelle des Bremer Senats im Vorfeld der Preisverleihung, die Autorin schildere in ihrem Werk »die Vertreibung arabischer Einwohner während des Krieges 1948«. Der Weser-Kurier übernahm diese Formulierung gleichlautend, die Online-Ausgaben von Welt, Zeit, Süddeutscher Zeitung und noch mindestens drei Dutzend regionaler und überregionaler Zeitungen ebenso. Und der Deutschlandfunk wusste sie in seiner Berichterstattung sinngemäß zur »Geschichte der Vertreibung arabischer Einwohner aus Haifa« zu konkretisieren beziehungsweise gleich ganz bildhaft zur »Vertreibung arabischer Einwohner aus ihren Häusern«.

Wie aus einem Mund werden da die gleichen Unwahrheiten verkündet, angefangen schon mit der durchsichtigen Behauptung, Yfaat Weiss habe mit »Studien zu Vertreibung und Erinnerung« – man glaubt es kaum – »Aufmerksamkeit erregt«. In Wirklichkeit kann nicht einmal der Klappentext rezipiert worden sein, den die Hamburger Edition der erst in diesem Jahr erschienen deutschen Übersetzung von A Confiscated Memory verpasst hat: Dort steht immerhin zu lesen, dass die arabischen Bewohner Wadi Salibs »flüchteten oder vertrieben wurden«, wobei auch das nur die halbe Wahrheit darstellt. Beim Festakt im Bremer Rathaus verstand es Willfried Maier als Vertreter der Jury, diesen auch hierzulande nicht unbekannten Topos von »Vertreibung und Flucht« in Kombination mit einer arabischen Bevölkerung – pardon: ihres »größten Teils« – gleich doppelt zu variieren: mal zu »Flucht und Vertreibung«, dann wiederum auch in der Form von »Vertreibung bzw. Flucht«. Aber auch Maier scheint nicht einmal bis zur ersten Seite der Einleitung vorgedrungen zu sein, wo Weiss zunächst korrekt wiedergibt, was sich im April 1948 tatsächlich abgespielt hat:

»Während der Kämpfe und im Gefolge der Niederlage flüchteten die muslimischen Bewohner Wadi Salibs sowie die überwiegende Mehrheit der arabischen Bevölkerung Haifas. Von den circa 65.000 arabischen Bewohnern, die etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung ausmachten, waren im Sommer 1948 nur noch an die 3.500 zurückgeblieben.«

Was die Historikerin im Folgenden eher herunterzuspielen sucht, ist der Hintergrund dieses unnötigen Exodus. Dieser besteht im bewussten Kalkül der lokalen arabischen Führer, ungeachtet der mehr als kulanten Kapitulationsbedingungen eine Einigung mit den Juden kategorisch auszuschlagen. Die Bemühungen der Hagana, die arabische Bevölkerung mit Flugblättern und der Zusicherung einer Gleichbehandlung individuell zum Bleiben zu bewegen, waren danach weitestgehend erfolglos.

Eine »Vertreibung arabischer Einwohner während des Krieges 1948« aus Haifa gibt es jedenfalls nur in den Köpfen einer Einheitsfront staatlicher und privater Meinungsbildner, die durch die Bank annehmen werden, Yfaat Weiss’ Buch liefere ihnen dafür den Beleg. Tatsächlich ließe sich auf der Grundlage der versammelten Fakten mit wesentlich größerer Berechtigung behaupten, Verdrängte Nachbarn handele von den mörderischen Pogromen (bei Weiss: »gewalttätige Zwischenfälle«), die die jüdische Bevölkerung Marokkos aus der Mellah trieben – der nordafrikanischen Spielart des Ghettos –, die hier freundlich als die »jüdischen Viertel in den großen Städten« vorgestellt wird, in der Bremer Dankesrede der Autorin dagegen penetrant als beliebige »Armenviertel« und damit noch in eins gesetzt wird mit den Teilen Haifas, in denen marokkanische Juden schließlich Zuflucht fanden. Aber so ist das Buch nicht gedacht, so funktioniert es nicht, das versteht offensichtlich auch, wer es nicht gelesen hat, von selbst, und in dieser Form hätten die Freunde der Besonderheiten in der israelischen Geschichte und Gesellschaft auch gar keine Verwendung dafür.

Was sich die Stifter noch immer erhoffen, wo der Ehrung einer Israelin eine »hochpolitische Dimension« zugeschrieben wird, hat für die Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks in seiner Laudatio unfreiwillig auf den Punkt gebracht. Neben salbungsvollen Worten für eine Zweistaatenlösung und Angela Merkels Phrase von der Sicherheit Israels als »Teil der deutschen Staatsräson« legte er offen dar, was die Bremer Fans so für die Professorin begeistert: Da ist dieser »Mut, sich auf vermintes Terrain zu begeben«, dorthin zu gehen, »wo es weh tut«, wie man im Fußball sagen würde, »ans Eingemachte« eben, und damit an »wunden Punkten« zu rühren, »die bis heute nicht verheilt sind«. Nicht bei ihnen, versteht sich, sondern bei den anderen. Und auch nicht einfach bei irgendwelchen anderen, sondern bei den anderen schlechthin, denen, die man sich schon immer als die Anderen vorstellt. Deren Ausschluss findet seinen sinnfälligen Ausdruck darin, dass die Preisverleihung ungeachtet wiederholter Beschwerden seitens der Jüdischen Gemeinde auch in diesem Jahr wieder auf einen Freitagabend, das zugehörige Symposium auf einen Samstagmorgen gelegt wurde.

»In ihrem Beharren darauf, dass die historische Wahrheit nicht der politischen Opportunität geopfert werden darf«, geht Weiss laut Fücks »auch das Risiko des Beifalls von der falschen Seite ein«. In Bremen drohte nichts dergleichen. Hier bekam sie den Beifall eindeutig von der richtigen Seite. Wenn dann neben der »Integrität als Historikerin« ausgerechnet die »Genauigkeit ihrer Sprache« über den grünen Klee gelobt wird, möchte man das am liebsten für einen bösen Witz halten. Tatsächlich steht wohl zu befürchten, dass die Heinrich-Böll-Stiftung sprachliche Formulierungen genau dann als besonders treffend goutiert, wenn sie ihren Gegenstand bestmöglich verwischen.

Ein paar Anmerkungen zu Verdrängte Nachbarn seien noch gestattet. In einer Fußnote erklärt die Autorin im Zusammenhang mit den von der Hagana gestellten Kapitulationsbedingungen für Haifa (die sie mit einem »Wehe den Besiegten« kommentiert) unter anderem, es sei die »Festnahme aller Nationalsozialisten aus Europa« gefordert worden, »die sich in die Reihen der arabischen Kampftruppen eingeschlichen hatten«. Wie die Historikerin es sich vorstellt, dass sich europäische Nazis im Frühjahr 1948 in arabische Kampfverbände eingeschlichen hätten, würde man schon gern erfahren – vor allem, warum auch nur ein einziger Nationalsozialist diesen Unsinn hätte versuchen sollen, wo er sich doch ganz offen anwerben und in Sold nehmen lassen konnte. (Etwas besser erklärlich würde dieser erstaunliche Vorgang möglicherweise vor dem Hintergrund, dass sich zuvor schon bosnische und albanische Muslime in Divisionsstärke in die Waffen-SS eingeschlichen hatten, unter tatkräftiger Anleitung des Großmuftis von Jerusalem, der sich in Berlin eine Apanage der Nazi-Regierung erschlichen hatte.)

Den gewaltsamen Bevölkerungstransfer im Zuge der Teilung Indiens, die zeitlich mit dem Teilungsbeschluss für Palästina nahezu zusammenfiel, bezeichnet Yfaat Weiss ganz wertfrei als eine »Migration«. Dabei forderte dieser Beschluss etwa so viele Todesopfer, wie der israelische Unabhängigkeitskrieg arabische Flüchtlinge produzierte. Die Shoa schließlich erscheint in Gestalt von »verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die jüdische Demografie«, und ob Weiss diese Formulierung nun so gelungen findet, dass sie davon nicht lassen kann, oder ob sie meint, sie ihrem deutschen Publikum einfach schuldig zu sein, sei einmal dahingestellt – auch in ihrer Bremer Dankesrede durfte sie jedenfalls nicht fehlen.

Indem die Stadt Bremen ausgerechnet einem von solchen, freundlich formuliert: Auslassungen durchzogenen Machwerk das Gütesiegel nüchterner und genauer Historiografie verleiht und sich damit ihr ohnehin vorgefasstes Bild vom jüdischen Staat bestätigt, zeigt sie, wie wenig sie von den unappetitlichsten Antizionisten ihrer Bürgerschaft trennt. Während die Bremer Linkspartei und das Friedensforum den gegen Israel gerichteten Geschichtsrevisionismus in ihrer plumpen Art bis heute in Form einer Broschüre mit dem Titel Brennpunkt Nahost unters Volk zu bringen suchen, die von der israelischen »Holocaustreligion« und ihrem »hohen Priester Elie Wiesel« raunt, ist der rot-grüne Senat im Verein mit der Heinrich-Böll-Stiftung ihnen in Formfragen den Schritt voraus, mit Yfaat Weiss nur in aller Unschuld zu hinterfragen, »inwieweit die offizielle Geschichtspolitik, den Holocaust zur einzigen Gründungserzählung in Israel zu erheben, zu einem Problem im Zusammenleben der dortigen Gruppen geworden ist«.

Wollte man dem angeblichen Problem ernsthaft auf den Grund gehen, dann ließe sich mit Leichtigkeit feststellen, dass sich aus den offiziellsten Darstellungen, die zu diesem Thema zu erhalten sind – den Verlautbarungen des israelischen Staates und seiner Organe –, nichts dergleichen ableiten lässt. Die Gründungsgeschichte des Landes wird darin ganz anders erzählt, als man es in Bremen zu wissen glaubt. Ein Israeli wüsste diese Zuschreibungen dementsprechend auch schwerlich zu wechseln, für den deutschen Adressaten dagegen scheint sich bezeichnenderweise jede weitere Erläuterung zu erübrigen. Die Senatspressestelle ist sich offenkundig sicher, da schon richtig verstanden zu werden.

Wie die offizielle Geschichtspolitik Bremens und der Antizionismus der Straße in schönster Eintracht zueinander finden, war im März dieses Jahres zu beobachten, als das Landesinstitut für Schule Bremen im Rahmen der Lehrerfortbildungsveranstaltung mit dem Titel »Palästina – (k)ein Thema für den Unterricht?!« mit Arn Strohmeyer ausgerechnet einen der umtriebigsten Israelfeinde im Lande verpflichtete, dem pädagogischen Personal seine Ressentiments als Unterrichtsstoff zu vermitteln. Was den Herausgeber der erwähnten Broschüre dazu qualifiziert, Lehrern etwas über die israelische Geschichte beizubringen, ist auf der Seite des Landesinstituts erschöpfend beschrieben. Dessen ungeachtet gab die Landesschulverwaltung ihm einen halben Tag lang Gelegenheit, langatmig jüdische Ansprüche auf das Land Israel zu dekonstruieren, den Unabhängigkeitskrieg als »Krieg gegen die palästinensische Zivilbevölkerung« zu dämonisieren, bei dem für die jüdischen Kämpfer »Rücksicht auf menschliches Leben keine Rolle« gespielt habe, und jegliche Aggression arabischer Staaten gegen Israel wie auch die Vertreibung hunderttausender ihrer jüdischen Bewohner zu leugnen, wobei er sich und seine Obsessionen hinter den jeweils passenden »neuen israelischen Historikern« zu verstecken suchte. Vorausgegangen war ein von der israelischen Botschaft organisierter Seminartag im Landesinstitut, der den Titel »Israel anders kennen lernen« trug. Da die dort vermittelten Inhalte als viel zu pro-israelisch empfunden wurden, setzte das Land die erwähnte »Folgeveranstaltung« an.

Mit der Verleihung eines nach Hannah Arendt benannten Preises hat sich Bremen jetzt für ein Handgeld von 7.500 Euro zusätzlich die Expertise eingekauft, der israelischen Partnerstadt Haifa den Status einer failed city zu attestieren, die bis heute an der unterstellten Vertreibung ihrer angestammten arabischen Bewohner kranke. Dabei lassen es sich die großzügigen Stifter aus Deutschland nicht nehmen, generös auch auf das »zivilgesellschaftliche Potenzial« in Israel hinzuweisen. Wer sich da zugute hält, dieses zu mobilisieren, und gegen wen, dürfte kein Geheimnis darstellen.

Dass die ganze Veranstaltung mit dem real existierenden jüdischen Staat und seiner Gesellschaft, seiner Entstehungsgeschichte, seinen Existenzbedingungen herzlich wenig zu tun hat, belegt das schlecht verhohlene Desinteresse am Verhältnis der Weiss’schen Erzählungen zur Wirklichkeit hinreichend. Was man sich in Deutschland und Bremen tatsächlich erhofft, wenn der »jungen Generation israelischer Historikerinnen« das Wort geredet wird, »die genau und vorurteilslos die Geschichte Israels und Palästinas« erforschten, könnte kaum jemand besser in Worte fassen als besagter Arn Strohmeyer, der Organisator der Bremer Boykottaktionen gegen israelische Waren. Sein folgendes »persönliches Wort« in dem ihm eigenen Jargon publizierte das Land Bremen im Jahr 2012 – in einem offiziellen Fortbildungsreader des Landesinstituts für Schule:

»Was Sie hier zu hören bekommen, ist für deutsche Ohren harter Tobak. Ich brauche hier – nach unserer Geschichte mit dem Nationalsozialismus – nicht darauf hinzuweisen, wie sensibel unser Verhältnis zu Juden und zu Israel ist. Israelische Historiker, und nur um die geht es hier, brauchen diese Rücksichten nicht zu nehmen, vielleicht andere, aber das ist dann nicht unser Problem.«

Das ist insgesamt zwar wenig logisch, aber sehr einleuchtend. Und auch das offizielle Bremen hat in diesem Jahr einmal mehr demonstriert, was »politisches Denken« vom Denken an und für sich unterscheidet.

Zum Foto: Yfaat Weiss während ihrer Dankesrede im Bremer Rathaus. Bremen, 7. Dezember 2012. © Torsten Schulz.


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Lost in Translation December 20, 2012 | 10:50 pm

Wie macht man hierzulande aus einem Terroristen einen Friedensbringer und aus einem Hetzer einen Pragmatiker? Ganz einfach: mit einer gehörigen Portion Doublethink und einer Prise Newspeak. Dabei gilt: Je weißer die Hamas und die Fatah gewaschen werden, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen.


VON STEFAN FRANK


»Simultan zwei gegensätzliche Vorstellungen im Bewusstsein zu haben und beide zu akzeptieren [...]. Bewusst Lügen zu erzählen und wirklich an sie zu glauben, jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, sie dann aber, wenn es wieder notwendig ist, aus dem Vergessen heraufzuholen, für genau so lange, wie es nötig ist, um die Existenz der objektiven Wirklichkeit zu leugnen; gleichwohl aber die ganze Zeit eben jene Realität mit einzukalkulieren, die man leugnet“ – das ist das Doublethink in Oceania, dem totalitären Staat in George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four. Um »Gedankenverbrechen« vorzubeugen, gibt es in Oceania ferner das Newspeak – eine auf das für die Propaganda notwendige Vokabular reduzierte Sprache. Irgendein Leser des Romans hat einmal die beiden Wörter zum Begriff Doublespeak synthetisiert. Die Vokabel bürgerte sich ein, und seit 1974 verleiht der amerikanische National Council of Teachers of English jedes Jahr den »Doublespeak Award« an »öffentliche Redner, die sich eine Sprache angewöhnt haben, die irreführend, ausweichend, euphemistisch, verwirrend und egozentrisch ist«.

Gleich der zweite Träger des Preises war 1975 der PLO-Führer Jassir Arafat. Er erhielt ihn für die Aussage: »Wir wollen kein Volk zerstören. Eben weil wir Koexistenz befürworten, haben wir so viel Blut vergossen.« Als er 1991 nach dem Ende der Sowjetunion westliche Staaten anpumpen musste, um weiterhin an Geld und Waffen zu gelangen, gab Arafat dem Doublespeak eine neue Bedeutung. Von nun an hatte er zwei ganz verschiedene Meinungen, die er so säuberlich trennte wie der Deutsche seinen Müll. In englischsprachigen Interviews sprach er von »Koexistenz«, seine wahre Überzeugung – nämlich das Bestreben, Israel zu zerstören, »ganz Palästina« zu erobern und die Juden zu vertreiben – teilte er nur auf Arabisch mit. Das Risiko, dass einmal eine große westliche Rundfunkstation seine Hassreden übersetzen würde, hielt er realistischerweise für gering. Die westlichen Journalisten waren ja zum größten Teil seine Komplizen und Freunde; sie bewunderten den Terroristen, der Passagierflugzeuge entführen oder sprengen, Cafés, Busse und Pizzerien bombardieren und Leichtathleten ermorden ließ, den großen Führer, der den uneingeschränkten Krieg gegen Zivilisten zu seiner Politik gemacht hatte. Wenn es möglich war, sogar Arafat, der wie kein Zweiter für die Allgegenwart des politischen Terrorismus in der Welt verantwortlich gewesen ist, zu einem Friedensbringer umzudeuten, warum sollte es dann nicht immer gelingen?

Man braucht nur eine gehörige Portion Doublethink und eine Prise Newspeak. Ein gutes Beispiel für das Funktionieren dieser Taktik ist Arafats Nachfolger als Chef der Fatah und PLO und einer ihrer Mitgründer, Mahmud Abbas, Kampfname: Abu Mazen (Foto oben, rechts). Als Fatah-Chef trägt er die Verantwortung für die Taten der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, des bewaffneten Arms der Fatah also, der immer wieder Terroranschläge verübt, wie zuletzt am 21. November in Tel Aviv. Ob Abu Mazen den Anschlag selbst verübt hat, den Befehl gab oder den versuchten Massenmord bloß stillschweigend billigte, ist unwichtig. In jedem Fall klebt a) Blut an seinen Händen und ist b) klar, dass er sich weiterhin terroristisch betätigt. Dank Doublethink gelten er und die Fatah deutschen Journalisten und Politikern trotzdem als »moderat« oder gar als »gewaltfrei«.

Dadurch, dass nicht alle seine Gefährten die Kunst des Doublethink und Doublespeak verstehen, kommt es manchmal zu Missverständnissen, etwa, als Abu Mazen einem israelischen Fernsehsender kürzlich sagte, dass er nicht auf einem »Rückkehrrecht« für alle fünf Millionen Nachfahren der Kriegsflüchtlinge von 1948 bestehe. Diese Äußerung entfachte helle Aufregung unter seinen Kameraden, sodass sein Sprecher Abu Rudaineh erklären musste, sie sei lediglich dazu gedacht gewesen, die Stimmung in der israelischen Bevölkerung zu beeinflussen – das normale Doublespeak der PLO also, wie man es kennt. Die Hamas aber richtet sich vor allem an das eigene Volk. Wann immer einer der Ihren den Mund aufmacht, kommt heraus, dass er Sprengstoff mischen und Palästina judenrein machen will, niemals aber verhandeln wird. Darum betätigen sich deutsche Journalisten als kleine Arafats. Statt wie früher den Terrorkönig zu bitten, ihnen seine Friedensmärchen vorzutragen, müssen Journalisten sie jetzt selbst erzählen. Das klang dann beispielsweise in der heute-Sendung vom 8. Dezember, am 25. Jahrestag der Hamas-Gründung, so:

»Zum Geburtstag hat die Hamas sich ein Traumschloss gebaut, ein Stück Jerusalemer Altstadt mit einer Raketenattrappe davor, Kulisse für eine Jubelfeier mit Überraschung, dem Politstar, der aus der Rakete kommt, Khaled Maschal, nach 37 Jahren Exil zum ersten Mal im Gazastreifen, seine Rhetorik eine Gratwanderung, kämpferisch und pragmatisch zugleich. Palästina befreien, Israel bekämpfen, dabei verhandlungsbereit sein. ›Der bewaffnete Widerstand ist der richtige Weg, Palästina zu befreien, ebenso wie der Versuch, dies politisch, diplomatisch und auf rechtlichem Wege zu erkämpfen.‹ Sie feiern Maschal wie einen Helden, er hat die Waffenruhe mit Israel verhandelt, das sehen sie hier als einen politischen und diplomatischen Sieg, ungeachtet aller Toten. Maschals Ankunft in Gaza ein Triumphzug von Anfang an, sein erster Kuss gilt palästinensischem Boden, dann Bruderküsse, auch Vertreter der eigentlich verfeindeten Fatah sind da, ihn zu empfangen. Kassam-Brigaden, der bewaffnete Arm der Hamas, stehen Spalier bei seiner Einfahrt in die Stadt [...] Maschal als starker Mann der Hamas, der die Bruderkämpfe zur [sic!] Fatah von Präsident Abbas beendet und ihn politisch vielleicht beerben kann. Einer, der vom Hetzer zum Pragmatiker wurde, Gewalt nicht mehr für die Lösung hält. Seine dritte Wiedergeburt sei dieser Besuch in Gaza, sagt Maschal und spielt an auf einen Mordversuch des israelischen Mossad 1997, den er knapp überlebte. Nun hoffen sie hier, dass auch andere zurückkehren können. [...] Maschal, ein Hoffnungsträger, viel hängt nun davon ab, ob der Chef der radikalen Hamas sich gegen die noch Radikaleren durchsetzen kann.« (Die Kamera zeigt zum Schluss den fahnenschwingenden Maschal.)

Das ZDF, die Werbeagentur der Hamas. Disney in Gaza, die Terroristen als Geburtstagsbastelgruppe, der Chefterrorist, vom Saulus zum Paulus gewandelt, ein »Politstar«, eine Art bärtige Marilyn Monroe aus der Raketentorte. Und überall Jubel, Hoffnung und »Verhandlungsbereitschaft«. Dabei hat Maschal (Foto oben, Mitte) in Wirklichkeit nur ein einziges Mal von Verhandlungen gesprochen – als er sagte, dass diese abzulehnen seien. Maschal wörtlich: »Ein echter Staat ist die Frucht der Befreiung, nicht von Verhandlungen.« Ohne Terrorismus sei auch der propagandistische und diplomatische Krieg gegen Israel, wie er etwa vor der Uno geführt wird, nutzlos:

»Der Djihad und der bewaffnete Widerstand sind der angemessene und wahre Weg zur Befreiung und der Wiederherstellung unserer Rechte, zusammen mit den anderen Formen des Kampfes – durch Politik, Diplomatie, die Massen und rechtliche Kanäle. Alle diese Formen des Kampfes sind jedoch wertlos ohne Widerstand. [...] Politik wird im Schoß des Widerstandes geboren. Der wahre Staatsmann ist aus dem Schoß des Gewehres und der Rakete geboren. Unsere Reise muss an ihr Ziel gelangen. Allah ist mit euch. Möge Allah euch segnen! O palästinensische Staatsmänner, o arabische und muslimische Staatsmänner, lernt eure Lektion von Gaza! Jeder, der den Pfad der Diplomatie nehmen will, muss eine Rakete mitführen. [...] Wie wundervoll war euer Beschuss Tel Avivs. Mögen eure Hände gesegnet sein! Wir sind stolz auf das, was ihr getan habt. Djihad und Widerstand sind der Weg. Das ist keine bloße Rhetorik. Die Ereignisse haben gezeigt, dass Djihad und Widerstand die überlegenste und verlässlichste Option sind.«

»Jeder, der den Pfad der Diplomatie nehmen will, muss eine Rakete mitführen« – ist das der Satz, den der ZDF-Korrespondent als »Verhandlungsbereitschaft« gedeutet hat? Maschal sagt klipp und klar: Er will das ganze »Palästina«, inklusive Tel Aviv, der Weg dahin ist der Djihad. Die Juden haben kein Lebensrecht, er will das Land unter keinen Umständen mit ihnen teilen. Wo das ZDF Nebel verbreitet, ist die Hamas offen und ehrlich:

Maschal: »Die Einheit des palästinensischen Landes bezieht sich auf Gaza, die Westbank und das Land innerhalb der Grenzen von 1948. Das ist das Land Palästina, es ist alles Palästina, jeder Teil davon ist Palästina. Kein Teil davon wird von den anderen getrennt werden. Jeder, der glaubt, Gaza könne von der Westbank entfernt werden, täuscht sich. Gaza, die Westbank und das Land innerhalb der Grenzen von 1948 sind alle geliebte Teile des großen palästinensischen Heimatlandes. Ist das nicht so, Abu Al-Abd (Haniyya)?« Vorbeter im Lautsprecher: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Vorbeter: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Maschal: »Die Westbank ist untrennbar von Gaza, Gaza ist untrennbar von der Westbank, und sie sind beide untrennbar von Haifa, Jaffa, Beersheba … und Safed.« [...] Vorbeter über Lautsprecher: »O Maschal, unser geliebter!« Menge: »O Maschal, unser geliebter!« Vorbeter: »Deine Armee hat Tel Aviv bombardiert!« Menge: »Deine Armee hat Tel Aviv bombardiert!« Vorbeter: »Deine Armee hat Tel Aviv angegriffen!« Menge: »Deine Armee hat Tel Aviv angegriffen!« Vorbeter: »O Kassam, tu es wieder!« Menge: »O Kassam, tu es wieder!« Vorbeter: »Aber diesmal greif Haifa an!« Menge: »Aber diesmal greif Haifa an!« Vorbeter: »Aber diesmal greif Jaffa an!« Menge: »Aber diesmal greif Jaffa an!« Maschal: »So Allah will.« Vorbeter: »Sagt ›Allahu Akbar‹!« Menge: »Allahu Akbar!« Maschal: »Hört mir gut zu, meine Brüder in den verschiedenen Fraktionen! Die Befreiung geht der Staatsgründung voraus. Ein echter Staat ist die Frucht der Befreiung, nicht von Verhandlungen. Es gibt keine Alternative zu einem freien palästinensischen Staat mit echter Souveränität auf dem ganzen Land Palästina.«

Eine Chance auf den Doublespeak-Award hätte auch der Autor der FAZ, der aus dieser Rede Folgendes heraushörte: »Maschal ist zumindest bereit, sich mit einem palästinensischen Staat in den Grenzen von 1967 zu begnügen, wenn Jerusalem die Hauptstadt ist und die palästinensischen Flüchtlinge zurückkehren können.« Ja, natürlich. Und al-Qaida will nicht das Kalifat, sondern nur Maoam.

Warum lügen Journalisten auf eine so tumbe, so leicht zu entdeckende Art? Werden sie von der Hamas bezahlt? Nein, zumindest nicht alle. Der Sinn ergibt sich erst indirekt. Anders als noch vor zehn Jahren lässt sich seit den Parlamentswahlen von 2005 nicht mehr leugnen, dass die Hamas einen großen Teil der Palästinenser repräsentiert, dass es also mindestens 440.000 Palästinenser gibt – denn so viele haben die Hamas gewählt –, die sich von den Anhängern Adolf Hitlers nur in Sprache und Kleidung, nicht aber in der Gesinnung unterscheiden. Das ist schlecht für ein Weltbild, in dem Israel die Rolle des Bösen zufällt. Nur wenn die Hamas nicht mehr als so böse erscheint – oder vielleicht sogar als ganz okay –, kann der Staat, dem die Hamas den heiligen Krieg erklärt und die Vernichtung angesagt hat, effektiv dämonisiert werden. »Schwarz-weiß-Malerei« nennt man das umgangssprachlich: Je weißer die Hamas gewaschen wird, desto dunkler kann man Israel erscheinen lassen.

Auf der einen Seite die »Moderaten«, »Verhandlungsbereiten«, »der pragmatische Teil der Hamas« (Claudia Roth), auf der anderen nur »Hardliner«, »Ultranationalisten«, »Ultrarechte« – Wörter, die nur dazu gemacht zu sein scheinen, um auf demokratische israelische Politiker angewandt zu werden. Oder hat man jemals von »deutschen (bzw. französischen, dänischen etc.) Ultranationalisten« oder von »ultrarechten Palästinensern« gehört? »Ultras« gibt es scheinbar nur im Fußballstadion und in Israel. Hardliner und Extremisten kommen in der Berichterstattung über die Hamas bloß als anonyme Gruppe vor – eine Minderheit, wie man annehmen muss –, und dienen dazu, die Hamas-Führer Maschal und Ismail Haniyya (Foto oben, links) in ein besseres Licht zu setzen: »Der Besuch Maschals im Gazastreifen gefällt nicht jedem. Einigen extremistischen Hamasführern vor Ort gilt der Exilchef inzwischen als zu pragmatisch«, so BR-Korrespondent Markus Rosch in der Tagesschau vom 8. Dezember. Oder es sind Hardliner in Gänsefüßchen, wie in der taz: »Ausgerechnet der ›Hardliner‹ der Hamas signalisierte in den vergangenen Jahren einen Kurswechsel und die Bereitschaft, den militanten Widerstand zumindest temporär aufzugeben.« Die absichtliche Falschberichterstattung über die Maschal-Rede zeigt: Das Verschweigen von Fakten und manipulative Wortwahl reichen bei weitem nicht immer aus, um das gewünschte antiisraelische Bild zu transportieren; es muss offen gelogen werden.

Journalisten verbreiten diese Lügen, aber sie denken sie sich nicht immer selbst aus. Sie haben Stichwortgeber, die djihadophilen Akademiker. Etwa Helga Baumgarten, die seit 2004 an der Bir-Zeit-Universität in der Nähe von Ramallah Politikwissenschaft lehrt und den vom deutschen Staat finanzierten Deutschen Akademischen Austauschdienst in Jerusalem leitet. Bir Zeit ist bekannt als Rekrutierungsbüro für Terroristen und die Hochburg der Hamas im Westjordanland. Gerade ist dort eine »Kunstausstellung« mit Raketennachbildungen, Märtyrerfotos und anderer Hamas-Propaganda zu sehen. Genau der richtige Ort für Helga Baumgarten, deren Wissenschaft darin besteht, PR für die Hamas zu machen. Eine typische Stelle aus einem ihrer Bücher lautet:

»In den westlichen Medien wird oft suggeriert, dass die Hamas für Gewalt und Menschenverachtung stehe, zum Frieden nicht bereit sei und Israel durch einen islamischen Staat ersetzen wolle. Die Hamas ist aber mehr: Sie vertritt auch ein Programm der sozialen, politischen und ökonomischen Reform und der demokratischen Veränderungen. Sie ist nicht der Friedensfeind schlechthin, sondern bereit zu Verhandlungen. Ihr Ziel ist die Beendigung der israelischen Besatzung, nicht die Zerstörung des Staates Israel. Sie ist ein ernst zu nehmender politischer Akteur, der nicht nur, wie schon geschehen, in die palästinensische Politik, sondern auch in die internationale Politik integriert werden kann und sollte.« (Helga Baumgarten: Hamas. Der politische Islam in Palästina, S. 188.)

Ziel der Hamas sei es, ein Gemeinwesen zu schaffen, »das auf Demokratie und Freiheit beruht«, sagte sie einmal in einem Stern-Interview. Als Hamas-Expertin wird sie regelmäßig von öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem Deutschlandradio, der Deutschen Welle und dem WDR interviewt. Wenn einem also Journalisten oder Politiker erzählen wollen, es gebe in der Hamas »moderate Kräfte«, dann weiß man, woher sie das haben: direkt aus der Raketen-Uni. »Pragmatiker« gibt es in der Hamas übrigens tatsächlich: Das sind jene, die die Raketen abfeuern, nach dem pragmatischen Motto: Ein toter Jude ist besser als ein ausgefeilter antisemitischer Essay.

Übersetzung der Rede Maschals und Abschrift des Beitrags in der heute-Sendung vom 8. Dezember 2012: Stefan Frank.

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Lost in Translation.

Stefan Frank ist unabhängiger Publizist und hat Anfang Dezember sein neues Buch Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos veröffentlicht. Seit 2002 schreibt er über politische, ökonomische und historische Themen, unter anderem für Zeit Online, konkret, die Jüdische Allgemeine und das amerikanische Internetmagazin PJ Media.


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