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Theater — Realität — Realismus June 6, 2017 | 02:32 pm

Im letzten Jahr fand in Berlin unter dem Titel Theater — Realität — Realismus eine Tagung statt, auf der eine Kritik des Gegenwartstheaters diskutiert wurde. Bezugspunkt der Diskussion waren dabei Dramatiker wie Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller. Mittlerweile liegt die Dokumentation dieser Tagung als sechste Ausgabe der Zeitschrift Kunst, Spektakel & Revolution vor. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier die Audioaufnahmen von der Tagung und Radiosendungen und Interviews im selben Zusammenhang.

A.) Wutpilger-Streiftzüge: Theater — Realität — Realismus

In der Mai-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge (Radio Corax) wurde ein umfangreiches Feature gesendet, in dem bestimmte Diskussionsstränge der Berliner Tagung eingefangen wurden. Zu Wort kommen dabei Tina Turnheim (u.a. EGfKA), Sebastian Tränkle (u.a. Phase 2) und Jakob Hayner (u.a. KSR & Theater der Zeit).

    Download: via Mediafire (mp3; 96.1 MB; 1 h)

B.) Interview mit Jakob Hayner zur Tagung

Im Nachgang der Tagung wurde Jakob Hayner für Radio Corax interviewt. Es geht dabei um eine Bestandsaufnahme des Gegenwartstheaters, den Begriff des Realismus, die Linie Brecht-Hacks-Müller und das Theater in der DDR. Das Interview kann in Textform hier nachgelesen werden. Das Interview wurde auszugsweise auch im obigen Feature verwendet – die ursprüngliche Version ist jedoch noch umfassender.

    Download: via FRN (mp3; 53 MB; 23:13 min)

C.) Interview mit Jakob Hayner zu KSR N°6

Im Vorfeld der Release-Veranstaltung zu KSR N°6 an der Oper in Halle hat Radio Corax erneut ein Interview mit Jakob Hayner geführt. Dabei ging es um das Verhältnis von Avantgarde und Realismus – aber auch um eigene Theatererfahrungen und Debatten um die Oper in Halle.

    Download: via FRN (mp3; 24 MB; 17:46 min)

Im Folgenden nun die Dokumentation der Tagung:

1.) Einleitung zur Tagung

In der Einleitung hat Jakob Hayner noch einmal begründet, warum der Begriff des Realismus sich besonders für eine politische Diskussion über das Theater eignet. Er stellt die Themen der Tagung vor und integriert die einzelnen Vorträge in einen Gesamtzusammenhang.

    Download: via AArchiv (mp3; 32 MB; 23:22 min)

2.) Realismus als ästhetischer Kampfbegriff in Exil- und DDR-Literaturdebatten

Bernadette Grubner (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, FU Berlin) verortet den Begriff des Realismus historisch und analysiert den Charakter der um diesen Begriff geführten Debatten.

    Download: via AArchiv (mp3; 65 MB; 47:23 min)

3.) Die Explosion der Utopie. Heiner Müller und die Frage der Gewalt

Frank M. Raddatz (Publizist, Dramaturg und Theaterregisseur) zeichnet eine Entwicklung innerhalb des Werks von Heiner Müller nach: Dessen Beschreibung und Bezugnahme auf (revolutionäre, gegenrevolutionäre) Gewalt.

    Download: via AArchiv (mp3; 104 MB; 1:15:54 h)

4.) The world is a stage, but the play is badly cast.

Sebastian Tränkle hat in seinem Vortrag Thesen über Theater und Wirklichkeit vorgetragen. Dabei beschreibt er Tendenzen des Gegenwartstheaters und formuliert eine Kritik dieser Tendenzen, wobei er diese mit Tendenzen der gesellschaftlichen Wirklichkeit abgleicht. Der Vortrag bricht leider ungefähr nach der Hälfte des Vortrags ab – die Batterie des Aufnahmegeräts war erschöpft. Ausführlicher ist Sebastian Tränkle dafür in oben verlinktem Feature zu hören.

    Download: via AArchiv (mp3; 27 MB; 19:44 min)

5.) Against facts?

Der Vortrag von Tina Turnheim trug den Untertitel: Brechts »Realismus der Möglichkeit« als Waffe gegen vermeintliche Sachzwänge, Fatalismus und mangelnde Vorstellungskraft im »kapitalistischen Realismus«. Sie stellt dabei Bertolt Brecht als einen Realisten dar, der Kältestrom und Wärmestrom (Bloch) gleichermaßen integrieren konnte. In ihrem Textbeitrag in KSR N°6 formuliert sie auch eine Kritik an Bernd Stegemann (s.u.). In der Ausgabe 626 der ak hat Tina Turnheim einen Artikel über die Notwendigkeit einer antifaschistischen Offensive am Theater geschrieben. Jakob Hayner hat in der ak 627 darauf geantwortet.

    Download: via AArchiv (mp3; 84,8 MB; 1:01:45 h)

6.) Brechts »eingreifendes Denken« und die Chancen eines Linkspopulismus

Am Abend des ersten Konferenztages referierte Bernd Stegemann (Dramaturg, Autor und Professor für Theatergeschichte an der Ernst-Busch-Schauspielschule), der in Theaterkreisen durch seine Bücher „Kritik des Theaters“ und „Lob des Realismus“ aufmerksam auf sich gemacht hat. In seinem Vortrag geht er jedoch eher weniger auf die Theater-Debatten ein – er spricht über den Begriff des Populismus, auch die Möglichkeit eines Linkspopulismus und zieht hierfür u.a. Bertolt Brecht heran. Der Vortrag war eine Vorarbeit zu seinem inzwischen erschienenen Buch „Das Gespenst des Populismus“. Der Vortrag ist auf der Konferenz kontrovers diskutiert worden.

    Download: via AArchiv (mp3; 117 MB; 1:25:28 h)

7. Das poetische Element ist natürlich nichts Unrealistisches!

Am nächsten Tag referierte zuerst Doris Neumann-Rieser (Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Uni Wien) über Realität und Realismus im Verständnis des Dramatikers Brecht. Dabei ordnet sie mehrere Phasen der Werkentwicklung von Brecht und geht auf einige Stücke ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 65.7 MB; 47:52 min)

8.) Drama und Theater

Jens Mehrle (Regisseur und Miterhausgeber der Berlinischen Dramaturgie) referierte zu einem Aspekt des Realismus in Peter Hacks‘ »Berlinischer Dramaturgie«. In seinem Vortrag verteidigt er das Drama gegenüber dem nichtdramatischen Diskurstheater.

    Download: via AArchiv (mp3; 106 MB; 1:17:20 h)

9.) Adorno: Realismus in der verwalteten Welt

Anja Nowak (Researcherin an der University of British Columbia) referierte über Adornos Position zum Realismus. Dabei hat Adorno selbst keine ausgearbeitete Theorie oder Kritik des Realismus vorgelegt, sich aber immer wieder im Zusammenhang von Realismus-Debatten geäußert.

    Download: via AArchiv (mp3; 59.6 MB; 43:27 h)

10.) Realismus und Dramenform

Kai Köhler (Literaturwissenschaftler, u.a. Autor von Literaturkritik). Er beschreibt Realismus und Dramenform als notwendig aufeinander bezogen und zieht hierfür ebenfalls vor allem Peter Hacks heran.

    Download: via AArchiv (mp3; 55.5 MB; 40:29 min)

11.) Neuer Realismus? – Abschließende Podiumsdiskussion

Auf dem Abschlusspodium waren mehrere der Mitorganisatoren vertreten: Thomas Zimmermann, Max Köhler und Jakob HaynerLukas Holfeld moderierte das Podium. Aspekte der Diskussion waren: Grundlegende Tendenzen der Realität, von der wir sprechen / Zusammenhang von Realismus und Krise / Philosophie und Realismus / Avantgarde und Realismus.

    Download: via AArchiv (mp3; 155 MB; 1:53:21 h)
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René Pollesch »Der General« September 8, 2013 | 03:15 pm

Warum an den Grenzerfahrungen der Subjektivität wieder nur Grenzen liegen. Am Ende des Lebens stirbt man. Im Tod, dieser präzisesten aller Löschoperationen verschwindet schließlich das nur auf Kredit und Gnade dagewesene Leben. Es gibt keinen natürlichen Tod. Er wird verwaltet, exekutiert oder der Körper ermattet in der künstlich aufrecht erhaltenen Anstrengung, sich selbst zu erhalten. Réne Pollesch führt dies an an der Volksbühne durch. Um Liebe geht es auch. Pollesch lässt die Korken der Flaschenpost ordentlich knallen.

Das Herz ist das Vollzugsorgan der Verhältnisse, nicht deren leiblicher Widerpart. Das zarte Gefühl formiert noch diejenigen zu einem Paar, deren Liebe auf den ersten Blick unvernünftig wäre. So kommt jeder ganz unmittelbar in den Genuss seiner biologischen Bestimmung, einen partnerschaftlichen Nucleus bilden zu dürfen. Sind im panic room schließlich alle Innereien auf den Seziertisch gehievt, kann die geliebte Person ans Werk gehen. Unterm Messer werden alle Schrullen entfernt, jene intimen Regungen unterworfen, welche den Erziehungsanstalten entgangen sind. Ein interessanter Gedanke.

Wenn René Pollesch diesen in seinem Klassikerderkritischensozialphilosophieexegesestück »Der General« mit großer Anstrengung ins Publikum hineinaufklärt, werden diejenigen, die ganz up to date sind, wohl nur gelassen nicken. Im auflagenstärksten Boulevardblatt Berlins, der BZ, gibt der objektive Geist pünktlich zur Uraufführung am 23. Mai, aber ganz unabhängig von dieser, Bescheid. Unter der Schlagzeile »Wenn Liebe ins Spiel kommt, schalten sich 20 Prozent Gehirn ab«, heißt es, der Frontallappen als körperlicher Statthalter der Urteilskraft schalte sich ab, um die Paarbildung, wenn nicht gar die Fortpflanzung zu begünstigen. Doch die Lockerung des Klammergriffs der gesellschaftlichen Rationalität ist nicht deren bestimmte Negation. Die »Stimme des Herzens« erweist sich qua List der Verhältnisse als deren Vektor. Ihre Worte sind es, die zwei Subjekte ebenso verschweißen, wie zerreißen, wenn die Stimme nach jemand Anderem ruft. »Die Liebe taugt heute nur noch dazu, jemanden loszuwerden.«, konstatiert der Harlekin im Glitter-Disco-Outfit (Lilith Stangenberg) auf der Bühne. Liebe, nicht ewige Bindung, sondern Bewegung des Einanderverlassens, wiederholt die ökonomische Austauschbarkeit der Menschen im Privaten. Bedauerlicherweise steht die antiromantische Pointe am Ende eines Witzes, über den schon längst gelacht wurde. Im Theater mühsam produziert, gehört sie in der BZ längst zum Repertoire. Die fortgeschrittenste Ideologie ist heute keine die gesellschaftliche Form verschleiernde Täuschung, sondern die Form sans phrase, das verwilderte Überleben in der Vorgeschichte.

Sie ist der Kompass des Subjekts, welches den Imperativen des Herzens wie der großen Industrie allein mit Blick auf das eigene Interesse, ohne Ansehung des Anderen Gehorsam leistet. Sie lügt nicht, sie ist ein Kommando. Der Harlekin zitiert dagegen an: »Soll die Liebe in der Gesellschaft die bessere vorstellen, so vermag sie es nicht als friedliche Enklave, sondern nur im bewußten Widerstand«. Was für ein Widerstand wäre das, wenn die Treue zum Besonderen, die dessen Austauschbarkeit entgegentritt, durch das Prinzip Tod, gesellschaftlich oder physiologisch, gewaltsam von vornherein, einer metaphysischen Dauer und damit innerweltlichen Verbindlichkeit beraubt wird?

Es geht los. Auf dem Boden eine Plane, die aussieht wie Großmutters Plastiktischdecke in cocacolarot – praktisch, sauber, abwaschbar. Im Hintergrund schwebt der Diskurs, hängen Banner vergangener Volksbühnen-Inszenierungen: Imagine!, Vaterland, Theatertreffen. »Schuld und Bühne«, bemerkt der Harlekin. Höchst durchgeformt ist die ästhetische Verweigerung der bildhaften Katharsis der Kulturindustrie. Ein Schauspiel in Abstinenz von Plot und Staffage, der Gestus spröde manieriert. Das anathematisierte Zentrum der Bühne bildet ein bewegter hölzerner Panzer. Ohne camouflierenden Lack und weitere Kennzeichnung wirkt er figürlich und abstrakt zugleich. Er ist. Sein, reines Sein – ohne alle weitere Bestimmung und dennoch zutiefst bedrohlich. Er steht so verdichtet und gegenwärtig vor Schauspielerinnen und Publikum, wie er ungreifbar ist. Zu Beginn vollzieht der Harlekin die ad hoc-Enkulturation: er wird von dem personifizierten Lehr‑ und Erziehungsamt (Silvia Rieger) alphabetisiert. Die gelernte Sprache macht das Bezeichnen der Dinge möglich, gibt ihnen ein Gesicht, treibt ihnen aber die Grimassen aus. Einiges kann in der Sprache ausgesagt werden, anderes ist zum Schweigen verdammt. Die Sprache allein löst das Rätsel des Panzers nicht. Er wird in Anlehnung an den Film »Bringing Up Baby«/»Leoparden küsst man nicht«, zeitweilig als Baby, zeitweilig als Leopard – deutscher Exportschlager mit 120mm-Glattrohrkanone – adressiert. Die Konfusion der Zeichen resultiert aus dem Wunsch, den Panzer zum Verschwinden zu bringen. Durch infantil magische Beschwörung und zugehaltene Augen wird der Schrecken der Karosserie, deren Anwesenheit in Stahl aber nicht gebrochen.

Der General ist nicht die Bezeichnung für ein besonderes Subjekt, der General ist das Kraftfeld von Staat und Kapital an den Stellen, wo Vertragspartner und Tauschprinzip ausgedient haben. Seiner militärischen Souveränität obliegt die Gewalt über Leben und Tod der Subjekte. Foucault verengt dies auf die absolutistischen Staaten, weil er die Ränder der modernen nicht sehen kann. Nur vermöge direkter militärischer Repression in den Kolonien, fortgesetzt in Raubbau und Landgrabbing mithilfe paramilitärischer Korps, gelang es, die sogenannte ursprüngliche Akkumulation zu verewigen und die kapitalistische Produktionsweise durchzusetzen. Der General nahm zahllose Leben, um andere von seinen Gnaden zu setzen – militärische Aufrüstung im Inneren die Morddrohung, Technologien der Urbanwarfare der Plan – und bei Insurrektion auch wieder zu nehmen. Der Bühnenboden ist nicht cocacoladosenfarben, er ist blutrot. Der Panzer ist des Generals materielle Substanz, dingliche Ware und doch allgegenwärtiger Gravitationspunkt des Bühnengeschehen – Ausdruck und Symbol des militärisch-industriellen Komplexes. Erst der General, dessen die Protagonisten andauernd gewahr werden, und den sie doch weder begrifflich noch sinnlich bewältigen können, der anwesend ist, aber nicht erscheint, schließt den utopischen Gehalt des Stückes auf. Die junge Generation der Zöglinge des Erziehungsamts (Judith Gailer, Johannes Gäde, Luis Krawen) macht es sich quietschfidel-grenzdebil und kraftstrotzend-frühvergreist im Kostüm des Todes von Foucaults Heterotopien faselnd auf dem Vernichtungskraftwagen gemütlich. Die Heterotopien, hergerichtete Gegenorte im Bestehenden, ohne den Mut dessen utopische Negation zu wagen, werden doppelt mit dem Tod identifiziert. Subjektiv steckt den schlecht widerständigen Zöglingen der Tod in den Gliedern.

Um leben zu können ohne den tödlichen Kummer, dass noch kein Leben war, identifizieren sie sich mit dem Aggressor, mit dem Tod und dem General, der ihn verwaltet. Objektiv versuchen Heterotopien den Sturz aus der Grammatik der Verhältnisse. Bei Louis Borges sind sie die Orte, an denen die Sprache verstummt und das amorphe Gemurmel freigibt. Diese werden als der leere Raum am Ende des Stückes auf die Bühne gezogen, in ihm können die Protagonisten weder handeln noch sprechen, sondern zucken sprachlos auf der Stelle wie in endloser Agonie. Im leeren Raum ist keine Lebendigkeit, er führt die Dialektik von objektivierender Subjektwerdung und Spontaneität nicht zu ihrem Ende, er zerstört sie. Der Tod ist die Grenze des Materialismus, weil er die Materie als belebte negiert. Die Unmittelbarkeit des Todes, sei’s auch als Resultat, ist Abstoßungspunkt der wirklichen Bewegung, die Einspruch gegen die Irreversibilität des Generals sein muss. »Und das, was euch nichts/Ausmacht: daß der Regen/Von oben nach unten fällt/Das ist mir/Ganz unerträglich.«

»Der General« Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Nächste Vorstellungen in dieser Spielzeit: 19. September, 11. Oktober.

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Alternatives Vorlesungsverzeichnis SoSe 2013 April 15, 2013 | 10:04 am

Zur freundlichen Beachtung:

In diesem Semester werden 46 Veranstaltungen aus 6 Fachbereichen angeboten:

Du kannst es bereits hier runterladen.

Ab der ersten Vorlesungs-Woche werden auch Druckversionen des AVV auf den Campus ausliegen.

Bockenheim: Cafe KoZ

IGFarben: Campus Trinkhalle, Cafe Anna Blume , PEG Foyer, uvm

Riedberg: Eingang Physik

Ginnheim:  (kommt noch)

Uni-Klinikum: KOMM

Inhalt des AVV:

Algerien - Frankreich: revisited
Antonin Artaud
Architektur und Gesellschaft – Eine kritische Auseinandersetzung mit dem IG-Farben Gebäude
Blanchots Gespräche mit Nietzsche und Hegel
Bourdieu und das Unbewusste
Das andere Geschlecht - Teil II
Das Erlebnis – ein wirksames pädagogisches Mittel, oder nur ein neuer Trend in der heutigen Spaßgesellschaft?
Das Retrophänomen im zeitgenössischen Film
Dekonstruktion und Demokratie
Der Mann Moses und die monotheistische Religion
Dialektik der Aufklärung
Die (Mehrfach-)Krise als Herausforderung für Gesellwissenschaften
Die Praxis der Autonomie. Psychoanalyse und Politik. Castoriadis and beyond
Die Praxis der Revolte. Herbert Marcuse’s politisches Denken
Drehbuchschreiben
Eine Annäherung an die Thanato(sozio)logie der (Post)Moderne – zum Umgang mit dem Tod und der Unvorstellbarkeit der eigenen Endlichkeit
Einführung in den Anti-Ödipus
Einführung in die Biopolitik II
Einführung in die Kritik des Antiziganismus
Einführung in die Kritische Theorie Adornos
Filmtechnik in Theorie und Praxis
Fucking Different – Das Theater der Unterdrückten als Mittel der Auseinandersetzung mit Diskriminierung(en)
Inklusion in der Praxis, Durchbruch oder Worthülse?
Interkulturelle Pädagogik
Intersex
Jacques Derrida - Dekonstruktion als Kritik
Jelinek proben - oder: Machen, was wir wollen
Jurek Becker: Schriftsteller und Drehbuchautor
Kasuistik
Lenin - Einheit der Aktion, Freiheit der Diskussion und der Kritik
Lesekreis zu Sigmund Freuds „Die Traumdeutung“
LET’S TALK - about whatever you want
Marcuses „Der eindimensionale Mensch“
Marx‘ Kapital lesen
Methodologische Kritik der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung
Nachhilfe – Ungerechtigkeit oder große Hilfe?
Neoliberalism and Psy-Complex: Psychology, Psychiatry, Psychotherapy and Psychoanalysis (PsyMsc3B)
Partizipation in Kinder­ und Jugendeinrichtungen
Psychoanalyse als Sozialwissenschaft
Psychoanalyse des Antisemitismus
Psychologie des Geschlechterverhältnisses. Queer-feministische Perspektiven. (PsyBsc13)
Recht und Rechtfertigung in den frühen Schriften des jungen Hegel
Sylvia Plath und Emily Dickinson
Theorien und Konzepte sozialwissenschaftlicher Antisemitismusforschung
Trauma – politisch!
Was ist revolutionärer Marxismus, was ist die “Krise der Linken”? Theorie und Praxis - von der Oktoberrevolution zur Frankfurter Schule.

http://asta-frankfurt.de/aktuelles/alternatives-vorlesungsverzeichnis-sose-2013

Constant Bliss in Every Atom June 24, 2012 | 11:44 am

24. Juni 2012
21:00

Einladung zum Theater im Rahmen der Tagung “Kunst - Erkenntnis - Problem”, 22.-24.6.2012

www.kunst-erkenntnis-problem.de

cbfront-reducedConstant Bliss in Every Atom
Shane Drinion

Nach Motiven von David Foster Wallace

Sonntag, 24. Juni 2012, 21 Uhr
Festsaal des Studierendenhauses, Campus Bockenheim, Mertonstr. 26-28, 60325 Frankfurt.

Eintritt frei - Spenden erbeten

Beständige Glückseligkeit zu spüren, ist ein Lebensprojekt, das uns allen angesichts unserer bisherigen Erfahrungen unmöglich erscheint. Selbst ein „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Alle haben sich so darauf gefreut!“ ist ein Befehl, ein Befehl sich zu freuen. Wie besessen jagen wir der Möglichkeit nach, etwas zu sein, aber jede Möglichkeit ist uns nur von Außen eingeflüstert. Wirklich etwas zu sein, scheint unerreichbar zu sein. Sind wir wirklich die Summe all unserer Erfahrungen? Ist es die Vergangenheit, die uns diktiert, wie wir in der Zukunft zu sein haben? Oder ist die Vergangenheit bereits fort und wir brauchen sie nicht zu zerstören?

David Foster Wallace’s Figur Shane Drinion, nach der sich unsere Gruppe benannt hat, erlebt seine Glückseligkeit auf dem Friedhof westlicher Lebensgewohnheiten und Glücksvorstellungen. Er ist zuhause in der Langeweile und hat dort, unbemerkt von allen, ein Königreich der Lebensfreude errichtet. Statt die Langeweile zu bekämpfen, verbündet er sich mit ihr. Er verzichtet auf alles, was man kennt und liebt, und was man bisher für Glück gehalten hat. Ist die konstante Glückseligkeit in jedem Atemzug also doch möglich? Oder würde man einen, der so lebt, als wandelnden Toten bezeichnen?

CONSTANT BLISS IN EVERY ATOM ist das Ergebnis unserer Lektüre von Texten von David Foster Wallace. Es ist der Versuch, eine neue Art zu finden, literarische Texte auf die Bühne zu bringen, indem man sie dort nicht wiederholt, sondern sie durch sich hindurchgehen lässt und sie dann, mit dem Körper und der eigenen Sprache, erneut schreibt, überschreibt und dadurch etwas Neues, Drittes erschafft.

Mit Michaela Maxi Schulz, Odine Johne, Leo van Kann, Benjamin-Lew Klon

Regie: Sebastian Lang

www.constantbliss.tumblr.com (Clips und Texte zum Stück)

Kurze Interviews mit fiesen Männern von David Foster Wallace ist im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen.

Weltbühne und Weltsouverän December 30, 2010 | 12:17 pm

1. Gerhard Scheit referiert einige Thesen seines 2009 erschienenen Buches „Der Wahn vom Weltsouverän. Zur Kritik des Völkerrechts“. Dabei geht er ausführlich auf das Titelkupfer der Erstausgabe des „Leviathan“ von Thomas Hobbes ein, legt dar warum die Vorstellung von einem Weltsouverän wahnhafte Züge trägt und diskutiert verschiedene (Welt-)Souveränitätskonzepte von Habermas, Kant, Kelsen und Carl Schmitt.

2.Die Realität ist in die Funktionale gerutscht“, so notierte Brecht 1931 angesichts der Tatsache, dass die Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung im Gegensatz zu vormodernen Gesellschaften nicht mehr bildnerisch darstellbar ist. Diesem Problem, das sich insbesondere für die bildenden und darstellenden Künste in der Moderne ergibt, wird Brecht in seinen frühen Stücken dahingehend gerecht, dass er hier die Hinfälligkeit der Moral und der Unterscheidung von „gut“ und „böse“ innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse geradezu brutal demonstriert – „…die Verhältnisse, die sind nicht so.“ Spätestens mit seinem skandalträchtigen Stück „Die Maßnahme“ gibt er diese Zerrüttung jedoch zugunsten einer Entscheidung für die Partei auf und produziert fortan Lehrstücke zur Agitation. Gerhard Scheit referiert im Rahmen der von der Basisigruppe Politikwissenschaft organisierten Ringvorlesung in Wien über die Kritik Adornos an den Stücken Bert Brechts. Dabei geht er vor Allem auf den Aufsatz „Engagement“ und auf Passagen aus der Ästhetischen Theorie ein, in denen Adorno Brechts Leistungen zu würdigen weiß und dennoch kein gutes Haar an ihnen lässt.

Außerdem ein lesenswertes Interview mit Gerhard Scheit (in Textform) über Kitsch, Tod und das Lachen, welches einige Aspekte des Brecht-Adorno-Vortrages aufgreift: hier.

Schorsch Kamerun »Vor uns die Sintflut« October 4, 2010 | 10:56 am

Hanno hat sich das Theaterstück »Vor uns die Sintflut« von Schorsch Kamerun im Hamburger Thalia-Zelt angesehen und versucht im Meer der Simplifizierungen nicht seekrank zu werden.

I.

Schorsch Kamerun ist neben seiner Präsenz als Musiker noch als Regisseur auf verschiedenen Bühnen aktiv, das weiß man mittlerweile. Nachdem er mich mit »The Golden Age of Punk and Working«, das ich noch 2004 bei den Recklinghäuser Ruhrfestspielen mit dem famosen Sepp Bierbichler sehen durfte, war ich diesmal nicht weniger gespannt. Wie bei den Goldenen Zitronen widmet sich Kamerun auch in seinen Theaterarbeiten Themen von tagesaktueller Präsenz. Es geht ihm um illegalisierte Migrationsbewegungen und dem damit verbundenen Skandal: dass Menschen beim Versuch, ein besseres Leben zu finden, vielmehr, ein Leben zu machen, aufgrund des europäischen Abschottungsregimes den Tod im Mittelmeer finden oder von der Frontex-gesteuerten Küstenwache aufgegriffen, interniert, mißhandelt, gedemütigt und entwürdigt werden. Zuletzt wartet die Abschiebung ins ungewisse Elend. Dies bildet den Boden der Realität, den Kamerun mit den »Goldenen Zitronen« im Bild des seereisenden Turnschuh bannt: »Über euer scheiß Mittelmeer käm ich wenn ich ein Turnschuh wär/Oder als Flachbild-Scheiß – dann hätt‘ ich wenigstens einen Preis«. Damit sind die Parameter benannt, die den Spielraum der verschiedenen Akteure von »Vor uns die Sintflut« begrenzen.

II.

Die Handlung des Stücks ist relativ überschaubar. Eine illustre Gruppe von Repräsentanten des kulturschaffenden Teils der herrschenden Klasse vergnügt sich mit allerlei Kleinigkeiten auf einer Kreuzfahrt. Im Schiff selbst entdeckt sie diejenigen, die zwar zum menschlichen Kosmos, aber nicht zur bürgerlichen Welt gehören. Dazu gehören die Heizer, das Zigarettenmädchen (das aber auf der Schwelle zum Aufstieg steht, weil sie an dessen Bar verkaufen darf) und letztlich diejenigen, die gar nichts, nämlich keinen Pass haben – Flüchtlinge, dargestellt vom Altonaer Kammerchor. Hauptfigur ist die Opernsängerin Maria Iluma Cassandra die vom Stimmverlust und Stimmungsschwankungen geplagt ist und von dem Kreis ihrer liederlichen Mitreisenden umsorgt und umschwärmt wird.

Kamerun fädelt noch ein paar alltägliche Gehässigkeiten ein, die den Supremitätscharakter des bürgerlichen Bewusstseins deutlich machen sollen. Dieser offenbart sich in ihrer Persiflage des bekannten Liedes »Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren«. Während die volkstümliche Variante fortfährt »müssen Männer mit Bärten sein«, entkleiden die BürgerInnen die romantische Sicht: »müssen Menschen mit Pässen sein«. Damit ist der Hauptkonflikt benannt: wer darf mit und wer darf aufs Oberdeck.

Nachdem die Charaktere eingeführt und ihre Beziehungen vom Reisereporter Pascal Rhodenberg dem Publikum kundgetan wurden, strandet der Seemann ohne Seemansbuch mit dem bodenständigen Namen Gödeke mitten zwischen ihnen und klagt sein Leid. Er bricht durch den Schleier der Verblendung, taucht auf wie ein Ungeheuer aus dem naturschönen Meer.

Als noch eine Reihe von »Flüchtlingen«, besagter Chor, auf das Schiff aufgenommen werden, da sie mit ihren Nussschalen keinerlei Chance mehr hatten, an Land zu gelangen, tritt der desolate Zustand dieser angeblichen bürgerlichen Bohémiens offen zu Tage. In der Anspannung, die das Unvermögen hervorruft, angemessen auf die Flüchtlinge zu reagieren, die sich zu allem Überfluss nicht auf die Rolle der passiven Hilfsempfänger reduzieren lassen, das ihnen das bürgerliche Bewusstsein zudenkt, fällt ein Schuss. Der Reporter tötet unbeabsichtigt den Seemann. Aus der Verlegenheit über die konsequenzlos bleibende Tat, den Auftritt der Übermutter und der Hilflosigkeit der BürgerInnen human zu reagieren, spornt die Tänzerin Monika alle Anwesenden zu einem umfassenden Fruchtbarkeitstanz an. Nach dessen orgiastischem Höhepunkt scheinen die Illusionen zerstoben, die ja den Höhepunkt in der Reprodukton des archaischen Mythos‘ finden. Die Beteiligten kehren vom Traumschiff wieder in die, in eine Wirklichkeit zurück. Manche ziehen Konsequenzen aus dem Erlebten, wie der junge erfolglose Schauspieler Stéphane, den Kamerun nun Klassenkampf für Illegalisierte machen läßt.

III.

Mit dieser politischen Perspektive, die Kamerun eröffnet, tritt zugleich das Dilemma zutage. Denn die Grenzen der Kritik des europäischen Flüchtlingspolitik bleiben unbedacht. Diese liegen in der Utopie der bürgerlichen Gesellschaft selbst, die Kant im »Ewigen Frieden« 1795 formulierte. Das darin benannte Recht, aufgrund der begrenzten Ausdehnung des Planeten, an einem anderen als dem angestammten Ort sich aufhalten zu dürfen, ist weder durchgesetzt noch ist eine Annäherung an ein allgemeines Weltbürgerrecht in Sicht. Die allgemeine Gültigkeit der »Bürger‑ und Menschenrechte« wird jede Minute in praxi dementiert. Eine Kritik an diesen meilenweit von ihrer eigenen Utopie entfernten Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft wurde einst mit dem Fixpunkt der Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaft formuliert – gerade um die Utopien zu bewahren, zu verwirklichen, aufzuheben. Das war im 19. Jahrhundert. Interessant ist nun, dass 160 Jahre nach Erscheinen des »Kommunistischen Manifests« und 140 Jahre nach dem »Kapital« weder Inhalt noch Polemik von Marx und Engels geblieben sind. Und auch eine Reflexion der Erfahrung der gut gemeinten aber sich katastrophal auswirkenden Konferenz von Évian 1938 – dass die bürgerliche Welt sich, so die bittere Erkenntnis, geteilt hatte, in Länder, in denen Jüdinnen und Juden nicht bleiben und diese, in die sie nicht einreisen durften – findet nicht statt. Dabei liegt in ihr ein Kristallisationspunkt der Logik der bürgerlichen Gesellschaft, die die eine totalitäre und identitätslogische Seite ihrer Dialektik ausmacht. Schon Marx und Engels hatten diese gleichzeitige Verschränkung von Freiheit und Unfreiheit theoretisch erfasst.

Was bei Kamerun letztlich als ‘Kritik‘ antritt, bleibt im Netz der Erscheinungen verfangen: der »Händler« (Claus v. Lotzow benannt!) ist der Bösewicht per se, der aus allen Dingen Geld machen will und die Welt allein für seine Zwecke wahrnimmt, der Wachtmeister, der auf die Papiere pocht, der Botschaftsbeamte, der dem seemannsbuchlosen Seemann das Visum verweigert, ein bad america und eine gescheiterte Opernsängerin, die allein vom kurzsichtigen guten Willen beseelt ist, den armen Flüchtlingen mit ihrem Pelzmantel und Perlenketten zu helfen. Die Gestaltung der Figuren macht es den ZuschauerInnen leicht, nicht einbezogen zu sein. Der/die Durchschnittsdeutsche fehlt. Die Ablenkung und Abspaltung des Gesehenen von der eigenen Lebenspraxis wird dem Publikum ermöglicht. Kamerun schlägt keine Wunden, streut kein Salz, sticht nicht. Sein Stück kommt intellektuell und gesellschaftskritisch daher. Da aber die Grundbegriffe der Gesellschaftskritik fehlen, also weder am Kern des Problems gerührt, noch die Theatergäste mit dem virulenten Alltagsrassismus konfrontiert werden, bleibt »Vor uns die Sintflut« ein leichtfüßiges Singspiel – dessen heitere Spitzen aufgrund des Themas verdorben sind. Die Empörung über den Tod und das elende Leben der boatpeople des 21. Jahrhunderts verkommt zum bloßen Stoff.

Kamerun bewegt sich zwischen Scylla und Charybdis – zwischen moralinsaurer Pseudokritik, die die Gründe und Realität des Lebens als Flüchtling und IllegalisierteR nicht zu bennen vermag (sonst wäre die Laune des Publikums dahin), und einem im schlechtesten Sinne unterhaltenden Abend mit Schunkeln und Freakshow.

Schorsch Kamerun: Vor uns die Sintflut, Thalia Theater Hamburg, Spielzeit 2010/2011, Premiere 4. September 2010

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Bildungsbürgertum und Theater July 6, 2010 | 10:32 am

Theaterbesucher sind in ihrer überwiegenden Mehrheit stets unerträglich. Die, die es sich leisten können, gehen alle paar Monate fein herausgeputzt mit angestrengt interessierter Miene in ein Theater ihrer Nähe, um je nach Zeitpunkt der Vorstellung entweder vorher oder nachher noch gemütlich im Restaurant zu speisen und sich in der Pause einen Sekt zu genehmigen. Statt […]