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Aus erschreckend aktuellem Anlass: “Impressionen einer Iranreise” (1994)

Neulich beim rumräumen wiedergefunden: eine Ausgabe der Titanic von Juli 1994. Darin enthalten, ein Artikel mit dem Titel “Impressionen einer Iranreise” von Carsten Niebuhr. Heute, da Schmunzelmullah Hassan Rohani, der die Gräueltaten von Camp Ashraf & Liberty und mittlerweile 178 Hinrichtungen unter seiner noch recht kurzen Amtszeit gut heißt, von der UN, Obama, Kerry, Westerwelle und dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer hofiert wird, möchte ich das mit euch teilen. Bitte sehr.

Impressionen einer Iranreise. Carsten Nieburh. Titanic, Juli 1994.

Der Ankömmling, der in Teheran den Flughafen verläßt und einen Esel in die Innenstadt nimmt, ist überrascht: Überall in dieser Stadt stehen Häuser. Deshalb also müssen immer wieder Steinigungen wegen Materialknappheit ausfallen! Und natürlich erkennt das geschulte Auge des Europäers – und ich besitze zwei davon – sofort weitere Spuren des islamischen Rückfalls ins Mittelalter, denn allenthalben werden Pflasterstraßen durch asphaltierte Boulevards ersetzt. Auf dem Land müssen selbst die Schotterstraßen Betonpisten weichen. Der Schotter wird für Kindersteinigungen gebraucht, so die offizielle Rechtfertigung.

Und man kommt aus dem Staunen nicht ‘raus: In den Straßen dieser Stadt sind Menschen. Gegen Kaution wird man also  auch im Iran, wie in jedem Rechtsstaat, einfach so auf freien Fuß gesetzt! Die Frauen tragen den Tschador, ein weites luftiges Gewand, unter dem sie durchaus nackt sein könnten.

Alle Männer wiederum tragen den Oberkörper bedeckt. Daß diese Bekleidungsvorschrift gerade jetzt, in der kühleren Jahreszeit, durchaus praktisch ist, das interessiert westliche Journalisten natürlich nicht. Sie behaupten viel lieber, das geschehe nur, um die Striemen vor den Blicken ausländischer Besucher zu verbergen. Dabei ist es eine offenkundige Tatsache, daß diese Striemen nur Fleischwunden und nicht mit den Verbiegungen und Verformungen unserer Biographien im ach so freien Westen zu vergleichen sind.

Merkwürdig ist allerdings, daß keiner mich umarmt und mit Tränen der Rührung begießt. Darf hier niemand öffentlich seine Freude über die deutsche Wiedervereinigung zeigen? Eine Spur Skepsis bleibt also doch.

Ich bin im Orient, das merke ich schnell: Rundum herrscht orientalische Geschäftigkeit. Links findet gerade eine Massenhinrichtung männlicher Touristen statt, die einheimische Frauen mit Blicken angesehen haben sollen, rechts preist ein Händler die freiwillige Blendung an: Zwei Augen zum Sonderpreis für 150.000 Rial, umgerechnet fünf Pfennig.

Überhaupt sehe ich viele Blinde ohne Arme und mit einem Brandmal auf der Stirn, die mit den Füßen gestikulieren. Erleichtert begreife ich: Ihnen wurde die Zunge wegen Blasphemie amputiert. Nun sind sie rehabilitiert und auch Ebenbilder Gottes, denke ich, aber so leise, daß mich niemand hört.

Ich frage nach der Geschäftsstelle der Hisbollah, doch die Einheimischen antworten mit Achselzucken, der Landessprache. So mache ich mich selbst auf die Socken, wie hier das wichigtste Verkehrsmittel heißt. Wie leicht man sich bei einem Stadtbummel irren kann: Ein Laden, der Peitschen und Fesseln in den Auslagen hat, ist kein Fachgeschäft für Ehehygiene, sondern für Justizbeamte.

Ein bißchen verständnislos betrachtet man die vielen prachtvollen Bauwerke. Wozu hat der Iran eigentlich acht Jahre Krieg mit dem Irak geführt?

Die islamische Republik Iran ist dank einer vieltausendjährigen Geschichte reich an Baudenkmälern und Kunstwerken; merkwürdig nur: Alle wurden von Menschen geschaffen und nicht eines von Gott.

Aber die imposanten Fassaden können nicht darüber hinwegtäuschen: Rund 90 Prozent der Iraner sind arbeitslos, die Inflationsrate beträgt 4.000.000 Prozent (stündlich); und das ist nur eine abstrakte Zahl, hinzu kommt ja immer der reale Preis.

Jeder zehnte Iraner ist mit der Herstellung von Schlagwerkzeugen und Sägen oder mit dem Transport von Steinen beschäftigt, also in der Rechtssprechung tätig. Die Arbeitslosen gehören ausnahmslos der Geistlichkeit an.

Die islamische Verfassung gewährt allen Bürgern gleiche Rechte. Jeder will deshalb Bürger werden. Gleichwohl ist das Gerede von der Grausamkeit der iranischen Gerichtspflege töricht. Körperstrafen sind nämlich im iranischen Recht streng untersagt; heiß begehrt sind deshalb überall die Leiber der Rechtlosen.

Auch Ehebrecher brauchen sich nicht zu sorgen. Lediglich ihrer Ehefrau werden die Brüste und Eierstöcke entfernt, außerdem erhält sie 1000 Peitschenhiebe, und natürlich wird sie anschließend gefoltert und schließlich gesteinigt; am Ende steht ein ordentliches Gerichtsverfahren und die Verurteilung. Aber Menschenrechtler freuen sich zu früh: Strafe, Folter und Steinigung erfolgen streng nach juristischen Prinzipien.

Viele Linkshänder haben sich auf Diebstahl spezialisiert, weil sie praktisch straffrei bleiben: Sie verlieren einen unnützen Körperteil. Die handverarbeitende Industrie nimmt traditionsgemäß nur recht rechte Hände. “Schule deine Linke, die darfst du behalten”, sagt ein iranisches Scherzwort.

Auf Unbotmäßigkeit steht im Iran der Tod, ebenso auf bloße Pflichterfüllung oder auf Gesetzestreue aus Angst.

Der Iran  ist ein armes Land, hat aber seinen Stolz: Nahrungsmittel, die einmal gegessen wurden, werden nicht nochmal aufgetischt.

Das Alkoholverbot wird strikt befolgt: vorausgesetzt, die Gerätschaften zur Lagerung, Kelterung, Abfüllung und Aufbewahrung des Weines lassen daheim dazu Gelegenheit. Aber immer ist genug da, um Gäste zu bewirten. Schon manchem hat das bei den täglichen Routinebesuchen der Revolutionswächter das Leben gerettet.

Die Revolutionswächter wachen darüber, daß alles so läuft, wie sie das wollen; alles andere wäre Diktatur.

Geschlechtsverkehr in der Ehe ist in Anwesenheit eines Revolutionswächters erlaubt. Vorherige Anmeldung ist erforderlich. Gehen zu wenig Anmeldungen ein, so dürfen auch mehrere Revolutionswächter anwesend sein.

Wie wenig aber die Iraner die Verleumdung ihres Landes durch lügnerische Elemente billigen, sieht man daran, daß ich dies im Gefängnis schreiben muss. Alle Ausländer lügen, hatte ich vor Gericht gesagt, um meinen einzigen Kopf zu retten – und damit nur mich selbst überführt, so meine Logikfreunde von der Richterbank. Ich schließe jetzt; die schweren Schritte des Foltermeisters nähern sich, rumpelnd und quietschend dreht sich der Schlüssel im Schloß, hoffentlich verstehe ich Spa –

(Anm. d. Red.: Die Text wurde unter äußerster Vermeidung von Lebensgefahr vom Autor aus seinem Arbeitszimmer geschmuggelt und erreicht uns nur unter abenteuerlichen Umwegen, nämlich mit der Post.)

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classless Kulla

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Karwan Baschi | Paules Blog

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