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Selbstkritischer Rückzug eines Sportverbands April 2, 2017 | 11:00 am

Jibril Rajoub (Bildmitte), Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport (© RevealJibril)

Mit einer bemerkenswert selbstkritischen Erklärung seines Präsidenten Alfons Hörmann hat der Deutsche Olympische Sportbund, einer der weltweit größten Sportverbände, die erst im Februar beschlossene Kooperation mit dem Palästinensischen Fußballverband und dessen Vorsitzenden Jibril Rajoub aufgekündigt. Im Gegensatz dazu wollen drei Dutzend Schweizer Nationalräte Schützenhilfe für Rajoub leisten.

Im Februar hatte das deutsche Auswärtige Amt noch erklärt, mit dem Präsidenten des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport, Jibril Rajoub, eine »gemeinsame Absichtserklärung über die Entsendung eines deutschen Fußballexperten an den Palästinensischen Fußballverband« (PFA) vereinbart zu haben. Zwei Jahre lang sollte dieser Experte, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bestimmt hatte, den Palästinensern bei der Professionalisierung ihrer Strukturen im Fußball unter die Arme greifen, vor allem im Jugend- und im Frauenfußball sowie im Schiedsrichterwesen. Die deutsche Seite bezeichnete das geplante Projekt von DOSB und PFA als »wichtigen Fortschritt in den bilateralen Sportbeziehungen zwischen Deutschland und den Palästinensischen Gebieten«. Für Jibril Rajoub – der auch dem Palästinensischen Fußballverband und dem Nationalen Olympischen Komitee vorsteht – war die Vereinbarung gar »eine der wichtigsten Kooperationserklärungen, die der Hohe Rat bislang unterschrieben hat«.

Doch zu dieser Zusammenarbeit wird es nicht kommen, denn der DOSB hat Abstand von ihr genommen, bevor sie begonnen hat. Auf die 400.000 Euro, die das Auswärtige Amt aus den Mitteln für die internationale Sportförderung für das Projekt bewilligt hatte, verzichtet der Verband von sich aus. In einer schriftlichen Erklärung gegenüber Audiatur-Online respektive Lizas Welt führt der DOSB-Präsident Alfons Hörmann persönlich aus, welche Gründe zum Rücktritt vom Abkommen mit der PFA geführt haben. »Zu Recht fordert die Öffentlichkeit vermehrt ein hohes Maß an Integrität von großen Organisationen – im Sport gleichermaßen wie in den Bereichen Politik und Wirtschaft«, heißt es darin. Der DOSB als einer der weltweit größten Sportverbände arbeite »konsequent daran, die universellen Werte des Sports im Sinne der Olympischen Idee gerade auch zur Völkerverständigung umzusetzen«.

Dazu gehöre auch und vor allem, so Hörmann weiter, »unsere ganz individuelle und besondere Verpflichtung aufgrund der deutschen Geschichte. Gerade der Missbrauch der Olympischen Spiele 1936 durch Hitler und die Nationalsozialisten und das schreckliche Attentat seitens palästinensischer Terroristen auf israelische Sportler anlässlich der Olympischen Spiele in München im Jahr 1972 sind eben leider auch ein wichtiger Bestandteil unserer Olympischen Geschichte in Deutschland.« Daraus folge, »dass wir in aller Konsequenz die Rahmenbedingungen jeweils für jedes nationale und internationale Projekt kritisch prüfen müssen. Beim vorliegenden wurde uns nun leider erst jetzt bewusst, dass sich nicht alle Partner zu den hohen Werten des Sports bekennen.«

DOSB-Präsident: »Schlichtweg nicht akzeptabel«

Was damit konkret gemeint ist, beschreibt Hörmann so: »Dass das Projekt eventuell sogar zum Teil in Sportstätten stattfindet, die nach Terroristen benannt sind, ist für uns im DOSB und für mich als Präsident schlichtweg nicht akzeptabel. Deshalb wollen wir hier weder in irgendeiner Form beteiligt oder gar federführend sein.« Der DOSB werde aber »gemäß unserer Verantwortung weiterhin auch in dieser Region in enger Zusammenarbeit mit weiteren Partnern wertvolle Projekte initiieren, sofern sichergestellt ist, dass unsere hohen Wertmaßstäbe konsequent eingehalten werden«.

Eine bemerkenswerte Stellungnahme zu einem beachtlichen Schritt. Hörmann und sein Verband haben begriffen, dass Jibril Rajoub kein Kooperationspartner sein kann und darf. Denn unter dessen Federführung werden immer wieder Klubs, Mannschaften, Wettbewerbe und Stadien nach Terroristen benannt, die Juden und Israelis getötet haben. Rajoub, der wegen terroristischer Aktivitäten 17 Jahre lang in israelischen Gefängnissen gesessen hat, lehnt zudem nicht nur im Sport, sondern ganz grundsätzlich jegliche Kooperation mit Israelis ab; diese sind für ihn allesamt »Rassisten, Faschisten, Expansionisten, Imperialisten«. Gemeinsame sportliche Aktivitäten mit dem »zionistischen Feind«, wie er die Israelis nennt, hält er dementsprechend für ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Rajoub bedauert, dass die Palästinenser keine Atomwaffen besitzen, weil er sie am liebsten sofort gegen den jüdischen Staat einsetzen würde. »Ganz Palästina – vom Jordan bis zum Meer – alles ist besetzt«, glaubt er – Israel hat für ihn also keinerlei Existenzrecht.

Auch das Simon Wiesenthal Center (SWC) hatte das geplante Sportprojekt von DOSB und PFA scharf kritisiert. Shimon Samuels, der beim SWC als Direktor für internationale Beziehungen tätig ist, sagte, die »unverhohlene Glorifizierung von Judenmördern« durch die palästinensische Seite rufe Erinnerungen »an die Olympischen Spiele der Nazis 1936 und an die Grausamkeiten während Olympia 1972 in München« wach. Eine Argumentation, die sich Alfons Hörmann nun in seiner Erklärung zu eigen macht. Das SWC hatte außerdem gefordert, »diese unvorstellbare Vereinbarung auszusetzen, bis die palästinensischen Behörden die Namen aller Terroristen aus allen Bereichen des palästinensischen Sports entfernt und die Taten dieser Terroristen öffentlich verurteilt hat«. Diese Konsequenz hat der DOSB jetzt gezogen.

Unterstützung für Rajoub von Schweizer Nationalräten

Im Gegensatz zum deutschen Olympiaverband hat Jibril Rajoub mit Selbstkritik nichts am Hut – im Gegenteil: Er verfolgt weiter seinen Plan, Israel aus dem Weltfußballverband FIFA ausschließen oder doch zumindest mit harten Sanktionen belegen zu lassen. Aufhänger ist für ihn derzeit vor allem die Teilnahme von sechs unterklassigen israelischen Fußballvereinen aus Siedlungen im Westjordanland am israelischen Spielbetrieb. Das ist nach Ansicht von Rajoub und der PFA nicht zulässig, denn laut FIFA-Statuten dürfe ein Klub nicht auf dem Territorium eines anderen Verbandes spielen, wenn dieser das ablehnt. Die FIFA beschäftigt sich schon länger mit dieser Angelegenheit, ist bislang aber noch zu keinem Entschluss gekommen. Erst auf dem nächsten Kongress des Weltverbandes im Mai in Bahrain soll ein Bericht vorgelegt werden. Ob der in Rajoubs Sinne ausfallen wird, ist ungewiss.

Und während der DOSB auf Distanz zu diesem antisemitischen palästinensischen Multifunktionär gegangen ist, erhält Rajoub Unterstützung von rund drei Dutzend Schweizer Nationalräten. Die nämlich haben sich der Tageszeitung Blick zufolge, einem Brief des SP-Nationalrates Cédric Wermuth an den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino angeschlossen, in dem der Ausschluss der Vereine aus den Siedlungen gefordert wird. Das wiederum hat Erich von Siebenthal, SVP-Nationalrat und Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel, zu einer Kritik veranlasst. Er sagte, es dürfe nicht sein, »dass Kinder und Jugendliche den Preis dafür zahlen müssen, dass die Politiker in vielen Staaten dermaßen israelfeindlich eingestellt sind«. Es sei »widerwärtig«, dass Schweizer Politiker »selbst durch den Sport versuchen, Israel zu bedrängen«.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

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Kooperation mit Terrorfreunden und Israelfeinden February 17, 2017 | 03:30 pm

Peter Beerwerth (links), der Leiter des Vertretungsbüros der Bundesrepublik Deutschland in Ramallah, und Jibril Rajoub (rechts), der Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport, bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung, Ramallah, 31. Januar 2017

Die deutsche Regierung und der Deutsche Olympische Sportbund haben eine Kooperationserklärung mit dem Palästinensischen Fußballverband unterzeichnet. Dass dieser Verband und insbesondere sein Präsident den Terrorismus glorifizieren und jegliche Zusammenarbeit mit Israel strikt ablehnen, scheint dabei nicht zu stören. Die Übereinkunft ist jedenfalls nicht an Bedingungen geknüpft.

Das Vertretungsbüro der Bundesrepublik Deutschland in Ramallah meldete kürzlich in einer Presseerklärung zufrieden Vollzug: Sein Leiter Peter Beerwerth und der Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport, Jibril Rajoub, hätten »eine gemeinsame Absichtserklärung über die Entsendung eines deutschen Fußballexperten an den Palästinensischen Fußballverband« (PFA) vereinbart, steht darin zu lesen. Die Übereinkunft stellt Beerwerth zufolge »einen wichtigen Fortschritt in den bilateralen Sportbeziehungen zwischen Deutschland und den Palästinensischen Gebieten dar«. Fußball liege schließlich »den Deutschen und den Palästinensern am Herzen«, und das verbinde. Die Unterzeichnung der Erklärung, so heißt es in der Pressemitteilung, sei der Startschuss für ein langfristig angelegtes, vom Auswärtigen Amt gefördertes Sportprojekt, das der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gemeinsam mit der PFA durchführen werde. Dabei werde ein Fachmann aus Deutschland den palästinensischen Verband zwei Jahre lang »unter anderem bei der Professionalisierung seiner Strukturen, aber auch in den Bereichen Jugend- und Frauenfußball beraten und Workshops etwa im Bereich der Schiedsrichterausbildung durchführen«.

Auf den ersten Blick könnte man dieses Abkommen – das in palästinensischen Medien gefeiert wurde und laut Jibril Rajoub »eine der wichtigsten Kooperationserklärungen ist, die der Hohe Rat bislang unterschrieben hat« –, für begrüßenswert halten. Was sollte auch gegen eine Zusammenarbeit von Deutschen und Palästinensern im Bereich des Sports sprechen, gegen Hilfe bei der Professionalisierung und gegen eine Unterstützung bei der Ausbildung von Schiedsrichtern? Das Problem ist nur: Der Fußballverband der Palästinenser unterstützt den Terrorismus sowie den Krieg gegen Israel. Und Jibril Rajoub – der nicht nur dem Hohen Rat vorsteht, sondern auch dem Fußballverband und dem Nationalen Olympischen Komitee – ist strikt gegen jegliche Annäherung zwischen den Palästinensern und dem jüdischen Staat. Gemeinsame sportliche Aktivitäten mit dem »zionistischen Feind«, wie er die Israelis nennt, hält er für ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, und den israelischen Fußballverband wollte er vor zwei Jahren aus dem Weltfußballverband FIFA ausschließen lassen.

Düstere Erinnerungen an Olympia 1936 und 1972

Dass der palästinensische Fußball unter der Federführung von Rajoub den Terror verherrlicht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass zahlreiche Klubs, Mannschaften und Wettbewerbe nach Terroristen, die Juden und Israelis getötet haben, benannt worden sind. Palestinian Media Watch (PMW) hat eine Liste mit 21 Beispielen dafür zusammengestellt. So trug etwa im Jahr 2003 ein palästinensisches Team bei einem Turnier den Namen von Salah Khalaf alias Abu Iyad, jenem Anführer der Terrorgruppe Schwarzer September, die bei den Olympischen Spielen 1972 in München elf israelische Sportler ermordete. Im Jahr 2009 wurde ein Turnier in Gaza nach Samir Kuntar benannt, einem libanesischen Terroristen, der im April 1979 bei einem Überfall in der israelischen Küstenstadt Nahariya für den Tod von vier Israelis verantwortlich war. Ein alljährlich in Ostjerusalem stattfindendes Hallenfußballturnier für Jugendspieler wird zu Ehren von Khalil Al-Wazir alias Abu Jihad ausgetragen, einem Mitbegründer der Fatah und Verantwortlichen für zahlreiche Terrorangriffe der PLO, bei denen unter seiner Führung insgesamt 125 Israelis ums Leben kamen.

Das Simon Wiesenthal Center (SWC) hat die Kooperationserklärung von Beerwerth und Rajoub sowie das geplante Sportprojekt von DOSB und PFA deshalb scharf kritisiert. Die »unverhohlene Glorifizierung von Judenmördern« durch die palästinensische Seite, die für die Deutschen offenkundig kein Hindernis bei der Zusammenarbeit darstellt, rufe Erinnerungen »an die Olympischen Spiele der Nazis 1936 und an die Grausamkeiten während Olympia 1972 in München« wach, sagte Shimon Samuels, der beim SWC als Direktor für internationale Beziehungen tätig ist. Die deutsche Regierung helfe dem Palästinensischen Fußballverband nun finanziell und mit seiner Expertise dabei, seine Politik fortzuführen. Samuels forderte die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, »diese unvorstellbare Vereinbarung auszusetzen, bis die palästinensischen Behörden die Namen aller Terroristen aus allen Bereichen des palästinensischen Sports entfernt und die Taten dieser Terroristen öffentlich verurteilt hat«.

An keinerlei Bedingungen geknüpft

Dazu wird es jedoch nicht kommen, so viel lässt sich wohl gefahrlos behaupten. Denn die deutsche Regierung und ihre Vertretung in Ramallah sowie der DOSB dürften wissen, wie der Palästinensische Fußballverband verfasst ist, und sie werden auch Jibril Rajoub kennen. Jenen Mann, der Mordanschläge auf Juden so lange befürwortet, wie es in Israel noch Juden gibt, weil er glaubt: »Ganz Palästina – vom Jordan bis zum Meer – alles ist besetzt.« Jenen Mann, der im Juli 2016 auf einer Konferenz in London, zu der die israelische Tageszeitung Ha‘aretz ihn als Redner eingeladen hatte, sagte, die Israelis seien »Rassisten, Faschisten, Expansionisten, Imperialisten«. Jenen Mann, der Ende April 2013 in einem Fernsehinterview bedauerte, dass die Palästinenser keine Atomwaffen besitzen, weil er sie am liebsten sofort gegen Israel einsetzen würde. Jenen Mann, der 2012 die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees begrüßte, keine Gedenkminute für die Opfer des Massakers von München 1972 abzuhalten, denn dies wäre »rassistisch« gewesen, wie er meinte. Jenen Mann, der wegen terroristischer Aktivitäten insgesamt 17 Jahre in israelischen Gefängnissen gesessen hat.

Mit seiner Entscheidung, sich auf eine Kooperation einzulassen, unterstützt Deutschland den Kurs der PFA und ihres Vorsitzenden – zumal von Bedingungen, die auch nur ansatzweise so klingen wie die von Shimon Samuels geforderten, nirgendwo die Rede ist. Dem palästinensischen Fußball und seinem hauptverantwortlichen Funktionär wird es mit deutscher Hilfe also ermöglicht, weiterhin den antisemitischen Terror zu verherrlichen und jegliche Annäherung an Israel abzuwehren. Eigentlich müssten das Gründe für die Politik, den Sport und die Medien in der Bundesrepublik sein, die Vereinbarung zumindest deutlich kritisch zu hinterfragen und klare Konditionen zu verlangen. Bislang scheint diesbezüglich jedoch nicht das Geringste geschehen zu sein.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

Zum Foto: Peter Beerwerth (links), der Leiter des Vertretungsbüros der Bundesrepublik Deutschland in Ramallah, und Jibril Rajoub (rechts), der Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport, bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung. Ramallah, 31. Januar 2017.


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Rote Karte für den Salafistenfreund January 28, 2017 | 11:00 am

Screenshot aus einem Werbevideo von »Ansaar International« (YouTube)

Seit einigen Monaten ist der deutsch-tunesische Fußballprofi Änis Ben-Hatira als Projektpate für eine Vereinigung aktiv, die sich zwar als humanitäre Hilfsorganisation ausgibt, aber eindeutig islamistische Ziele verfolgt. Die zunehmende Kritik von Politik, Medien und Fans an diesem Engagement weist der Spieler als »Hetze« zurück, während sein Klub Darmstadt 98 die Angelegenheit auszusitzen versucht. Nun ist es doch noch zu Konsequenzen gekommen.

Am Ende stand die Trennung – nach nicht einmal einem halben Jahr. »Nach Analyse der Gesamtsituation macht eine weitere Zusammenarbeit für beide Seiten keinen Sinn mehr«, begründete der Präsident des Fußball-Bundesligisten Darmstadt 98, Rüdiger Fritsch, in einer kurzen Erklärung, warum der Klub und sein Spieler Änis Ben-Hatira ihr Vertragsverhältnis, das erst im vergangenen Sommer begonnen hatte, mit sofortiger, vorzeitiger Wirkung beendet haben. Man beurteile Ben-Hatiras »privates humanitäres Hilfsengagement wegen der Organisation, der er sich dabei bedient, als falsch«, heißt es in der Stellungnahme weiter. Mit der Organisation – für die der Deutsch-Tunesier sich seit Monaten öffentlichkeitswirksam einsetzt – ist Ansaar International gemeint, eine 2012 gegründete islamistische Vereinigung mit Sitz in Düsseldorf. Sie wird in mehreren Verfassungsschutzberichten erwähnt, darunter ist auch jener des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2015. Dort steht zu lesen, Ansaar sei »fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben«, es gebe »keinerlei Distanzierungen zu extre­mistisch-salafistischen Predigern oder den Inhalten ihrer Predigten«, und die Distanzierung vom »Islamischen Staat« gehe einher »mit der grundsätzlichen Bejahung der vom IS abgespaltenen und heute al-Qaida-nahen Gruppierung Jabhat al-Nusra«.

Auch in den Medien finden sich zahlreiche kritische Berichte über Ansaar. Der Verein spiele in der Salafistenszene eine Schlüsselrolle, schrieb beispielsweise die taz im Februar 2015. Auf seinen Benefizgalas träten »radikale Prediger auf, die dort ihre ultraislamistische Propaganda verbreiten«, etwa Muhamed Seyfudin Ciftci alias Shaik Abu Anas und Ahmad Armih alias Ahmahd Abul Baraa. Letzterer habe unter anderem auf der Internetseite des salafistischen Al-Sunna-Verlags verkündet, dass Allah die »Kuffar«, die Ungläubigen, »wie ein Viehherde in das Feuer treiben lassen wird«. Auf der Website der von einem IS-Dschihadisten aufgebauten und vor allem von Salafisten frequentierten Berliner As-Sahaba-Moschee habe Armih zudem erklärt, es sei einer Frau verboten, ihrem Ehemann den Geschlechtsverkehr zu verweigern, und die Beschneidung von Frauen sei »Gottes Wunsch«. Ciftci wiederum – der eine salafistische Islamschule in Braunschweig gründete und Vorsitzender des vom Verfassungsschutz beobachteten, inzwischen aufgelösten islamistischen Vereins Einladung zum Paradies war – wird beispielsweise in der Basler Zeitung mit den Worten zitiert, die »Steinigung als Strafe für Ehebruch« sei »gerechtfertigt«. Überdies wird ihm immer wieder vorgeworfen, maßgeblich zur Radikalisierung muslimischer Jugendlicher beizutragen.

Warum Ben-Hatira für Ansaar wie gerufen kam

Medienberichten zufolge, etwa in der taz, mutmaßen die Behörden auf der Grundlage von Indizien, dass Ansaar International einen nicht unerheblichen Teil seiner in Millionenhöhe akquirierten Spendengelder zur Finanzierung von Terrorismus verwendet, zum Beispiel, indem der Verein die Ausreise von Dschihadisten nach Syrien monetär unterstützt oder Terroristen gleich vor Ort unter die Arme greift. Das humanitäre Gewand, in dem er daherkommt, wäre demnach nur ein Deckmantel für ganz andere, inhumane Ziele. Ansaar hat die Vorwürfe allerdings stets zurückgewiesen, sich wortreich über die »Lügenpresse« beklagt und ihr antiislamische Stimmungsmache vorgeworfen. Zugleich suchte die Organisation stets den Schulterschluss mit allerlei einschlägigen Verbündeten, etwa dem antisemitischen Islam-Konvertiten Martin Lejeune, dem Pegida-Aktivisten Curd Schumacher und dem antisemitischen Verschwörungstheoretiker Hendra Kremzow. Das hat ihr, um es zurückhaltend zu formulieren, in der Öffentlichkeit nicht nur Sympathiepunkte eingebracht.

Wie könnte sich der ramponierte Ruf da besser aufpolieren lassen als mit der Unterstützung durch einen vermeintlich seriösen Prominenten? Änis Ben-Hatira kam für Ansaar deshalb wie gerufen. Ein bekannter Bundesligaprofi, geboren und aufgewachsen in Berlin, tunesischer Nationalspieler, im Sommer von Eintracht Frankfurt zum Underdog Darmstadt 98 gewechselt. Ansaar setzte Ben-Hatira medienwirksam in Szene, machte ihn zum Paten für Trinkwasserprojekte in Ghana und dem Gazastreifen, produzierte ein Werbevideo mit ihm. Der Spieler selbst verbreitete vor allem auf Facebook und Instagram immer wieder Fotos von seinen Aktivitäten für die salafistische Vereinigung. Als Ende des vergangenen Jahres erstmals Kritik an seiner Kooperation mit Ansaar laut wurde, gab sich Ben-Hatira in einem Interview auf der Website seines Fußballklubs als reiner Wohltäter: »Mit Hilfe dieser Organisation komme ich an Orte, an denen ich dann mit meiner eigenen Foundation helfe. Zuletzt war das bei einem Brunnen in Ghana oder mit einem Wassertank in Gaza der Fall. Ich sehe jedes Mal genau, wie meine Hilfe dort ankommt, wo sie unbedingt gebraucht wird. Das ist für mich entscheidend.« Die Kritik an Ansaar wies er zurück: »Die Behauptungen stehen in komplettem Widerspruch zu dem, für was sich Ansaar einsetzt. Wenn das anders wäre, würde ich nicht mit dieser Organisation zusammenarbeiten.«

Facebook-»Likes« für antisemitische Äußerungen

Doch mit dieser Schönfärberei kam der 28-Jährige nicht durch, zumal sich bald auch die Politik der Sache annahm. Als Mitte Januar der Platz vor dem Darmstädter Stadion im Rahmen einer Gedenkfeier nach Karl Heß benannt wurde – einem früheren jüdischen Präsidenten des Klubs, der vor den Nazis fliehen musste –, fand der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch von den Grünen deutliche Worte. »Es gibt einen neuen Antisemitismus, der aus islamistischen und salafistischen Organisationen kommt«, sagte er in seiner Rede, um später im Interview des Hessischen Rundfunks mit Blick auf Ben-Hatira zu ergänzen: »Dass ein Profispieler für den Verein Ansaar tätig ist, der im Umfeld mindestens des Salafismus zu verorten ist, halte ich für extrem kritisch, und deswegen ist es auf jeden Fall notwendig, das aufzuklären.«

Ben-Hatira hatte da bereits für neuen Gesprächsstoff gesorgt, weil einige Anhänger auf seiner Facebook-Seite antisemitische Kommentare hinterlassen hatten, die in zwei Fällen vom Account des Fußballers aus mit einem »Like« versehen worden waren. Konkret ging es dabei um die Beschimpfung von Kritikern des Engagements von Ben-Hatira für Ansaar mit Worten wie »dreckiger Zionisten-Hund« und »Ratten von der Zionisten-Presse«. Der Spieler selbst behauptete gegenüber seinem Klub, er habe die »Likes« nicht getätigt, und distanziere sich von den Verunglimpfungen. Das rief einen der Hauptsponsoren des Vereins, einen Energieversorger, auf den Plan, der eine Aufklärung durch Verein und Spieler forderte und deutlich machte, keine rassistischen oder antisemitischen Positionen zu tolerieren. Die Klubführung selbst mochte sich zu diesem Zeitpunkt lediglich zu der allgemeinen Beteuerung durchringen, »dass wir jedwede Form extremistischer, rassistischer Handlungen und Gedankenguts von uns weisen und missbilligen«. Von Sanktionen gegenüber Ben-Hatira war hingegen noch nicht die Rede.

Fan-Proteste und eine Selbstinszenierung als Opfer

Dass sich das änderte und es schließlich sogar zur Trennung kam, dürfte nicht unwesentlich mit den Fan-Protesten beim Heimspiel der Darmstädter gegen Borussia Mönchengladbach am vergangenen Samstag und dem darauf folgenden »offenen Brief« von Ben-Hatira zu tun haben. Die Initiative Lilienfans gegen Rechts hatte im Stadion ein Flugblatt verteilt, in dem sie die Zusammenarbeit des Spielers mit Ansaar und die Untätigkeit der Klubspitze verurteilte. Zudem erhoben die Verfasser drei Forderungen: »1. Der SV Darmstadt 98 soll Ansaar International als das benennen, was sie ist: eine salafistische Organisation, die mit vermeintlichen Hilfsaktionen Propaganda betreibt. 2. Der SV Darmstadt 98 soll das Interview mit Ben-Hatira von seiner Homepage nehmen, in dem für die Organisation geworben wird. 3. Änis Ben-Hatira soll sich von Ansaar International distanzieren. Solange es keine Distanzierung des Spielers gibt, stellt er sich gegen unsere Werte der Lilien.«

Ben-Hatira dachte jedoch gar nicht daran, auf Abstand zu Ansaar zu gehen, im Gegenteil. In einer zweiteiligen Erklärung auf seiner Facebook-Seite [Teil 1, Teil 2] nennt er die Kritik am Verein und an seiner Kooperation mit ihm »Hetze«, einen »Skandal« und den Versuch, »meine sportliche Karriere in Deutschland zu sabotieren«. Schließlich habe er notleidenden Menschen geholfen und es bei Ansaar stets mit untadeligen Aktivisten zu tun gehabt. Auch ein Antisemit könne er nicht sein, denn er sei »selbst Araber, also ein Semit«, außerdem setzten sich auch Juden wie Felicia Langer, Abraham Melzer und Evelyn Hecht-Galinski für Ansaar ein. Offenbar glaubte Ben-Hatira ernsthaft, sich mit diesem Ausflug in die Mottenkiste der Rassenkunde und der Berufung auf jüdische Kronzeugen, die aus gutem Grund diskreditiert sind, aus der Affäre winden zu können. Schon lange vor seinem Engagement für Ansaar hatte er auf seinem Instagram-Account von den palästinensischen Gebieten als dem »größten Gefängnis der Welt« gesprochen und Israel vorgeworfen, seit seiner Gründung »ganz offen die Palästinenser zu unterdrücken«, »unzählige Zivilisten« zu töten und »ganze Familien« auszulöschen.

Der Klub zog schließlich doch die Reißleine

Ganz in diesem Sinne äußert sich auch Ansaar International: Der Verein nennt Israel ein »zionistisches Apartheidregime«, das als »Handlanger des Westens« fungiere. Sein Gründer und Vorsitzender Joel Kayser, der sich gerne mit Ben-Hatira zeigt und im Darmstadt-Trikot ablichten lässt, zieht darüber hinaus gegen »die drei zionistischen Familienclans Springer, Mohn und Bertelsmann« zu Felde, die die »Mainstreammedien unter Kontrolle halten«. Änis Ben-Hatira wird diese Äußerungen kennen, wie ihm auch andere Statements und Aktivitäten von Ansaar sowie dessen weltanschauliche Ausrichtung und die Verankerung in der salafistischen Szene bekannt sein dürften. Die vermeintlich humanitäre Tätigkeit der Organisation etwa in Syrien, Ghana und dem Gazastreifen ist kein selbstloser, unpolitischer Einsatz für Menschen in Not, sondern dient wie bei allen islamistischen Hilfsorganisationen immer auch der Imagepolitur und gleichzeitig der Verbreitung von Propaganda sowie der Rekrutierung neuer Anhänger. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen, das weiß auch Änis Ben-Hatira, dessen Selbstinszenierung als Opfer einer »Verleumdungskampagne« kaum zufällig ganz auf der Linie von Ansaar liegt.

Die Führung von Darmstadt 98, die kurz nach den Protesten der Fans noch betont hatte, bei der Tätigkeit des Spielers für Ansaar handle es sich um »private Aktivitäten außerhalb des Machtbereichs des Vereins«, zog schließlich doch die Reißleine und veranlasste eine Aufhebung des Vertrags mit dem Spieler. Zuvor hatte auch der hessische Innenminister Peter Beuth vom Bundesligisten »klare Grenzen« in Bezug auf Ben-Hatiras außersportliche Aktivitäten gefordert. Ob man beim abstiegsbedrohten Klub – die »Lilien« sind derzeit Tabellenletzter – tatsächlich ein Einsehen hatte oder einfach nur eine störende, vom Sportlichen ablenkende und potenziell rufschädigende Debatte beendet sehen wollte, ist von außen schwierig zu beurteilen. Fest steht jedenfalls, dass Ansaar International nun keine Imagepflege mehr mit einem Bundesligaprofi betreiben kann – es sei denn, ein anderer Erstligist nähme Ben-Hatira unter Vertrag. Das aber dürfte nach den jüngsten Ereignissen eher unwahrscheinlich sein.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.

Zum Foto: Screenshot aus einem Werbevideo von Ansaar International (YouTube).


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Viel Lärm um ein paar Siedlungsklubs October 22, 2016 | 11:00 am

Beitar Ma'ale Adumim in seinem Meisterschaftsspiel gegen Ironi Modi'in, 23. September 2016. © Thomas Coex, Getty Images

Eine Handvoll unterklassiger Fußballvereine aus israelischen Siedlungen im Westjordanland bringt EU-Politiker, eine große NGO und einen Uno-Berater in Wallung. Wenn ein palästinensischer Erstligist dagegen bei einem Spiel einem Terroristen huldigt oder palästinensische Fußballer gar selbst zu Terroristen werden, herrscht Schweigen. Und das spricht Bände.

Am Ende lautete der Beschluss, dass nichts beschlossen wird, zumindest vorerst nicht. Eigentlich war erwartet worden, dass der FIFA-Rat, das strategische Organ des Weltfußballverbands, auf seinem zweitägigen Treffen in Zürich zu einer Entscheidung kommt, wie es mit den sechs Klubs aus israelischen Siedlungen im Westjordanland weitergehen wird. Zwar handelt es sich durchweg um Vereine aus den untersten Ligen des Amateurfußballs, aber nach Ansicht des palästinensischen Fußballverbands sollen sie dennoch nicht länger am Spielbetrieb teilnehmen, sondern ausgeschlossen werden. Der Verband beruft sich dabei auf die FIFA-Statuten, nach denen ein Klub nicht auf dem Territorium eines anderen Verbandes spielen darf, wenn dieser das ablehnt. Und da die Palästinenser die Gebiete von Orten wie Ma’ale Adumim, Ariel und Givat Ze’ev für sich reklamieren, sind sie der Ansicht, dass die dort ansässigen Klubs ihre Partien nicht in den Siedlungen austragen, ja, gar nicht zum israelischen Fußballverband gehören dürfen.

Der israelische Verband hingegen argumentiert, die Gebiete im Westjordanland, auf denen die Vereine spielen, seien umstritten, nicht besetzt, und die genaue Aufteilung sei eine Angelegenheit, die nicht der FIFA obliege, sondern von Israelis und Palästinensern auf politischer Ebene geklärt werden müsse. Auf Drängen des Präsidenten des palästinensischen Fußballverbands, Jibril Rajoub, hatte die FIFA auf ihrem Kongress im Mai des vergangenen Jahres die Einsetzung einer Task-Force beschlossen, die sich nicht zuletzt mit dem Thema Siedlungsklubs beschäftigen sollte. Doch eine Einigung konnte diese Kommission, der auch israelische und palästinensische Fußballfunktionäre angehören, bislang nicht erzielen. Deshalb gab es auf dem Treffen des FIFA-Rates keine Entscheidung. Der Task-Force-Vorsitzende Tokyo Sexwale, ein Südafrikaner, sagte lediglich, man bemühe sich weiterhin um eine baldige Lösung, mit der alle Seiten leben können.

Mit Verve und viel Getöse

Im Vorfeld der FIFA-Tagung hatten sich auch verschiedene Politiker und politische Organisationen mit einiger Verve auf diese Angelegenheit gestürzt. So verlangten beispielsweise mehr als 60 Abgeordnete des Europaparlaments in einem Brief an den Weltfußballverband, aus israelischen Siedlungen stammende Fußballvereine aus der FIFA und dem israelischen Verband auszuschließen. Human Rights Watch fand, durch das Fußballspielen in israelischen Siedlungen würden »Menschenrechte verletzt, und daran sollte sich die FIFA nicht beteiligen«. Von dieser und vom israelischen Fußballverband fordere man, »diese Spiele in den gesetzeswidrigen Siedlungen zu stoppen und sie stattdessen auf Fußballplätze innerhalb Israels zu verlegen, wo Israelis spielen können«. Wilfried Lemke, der den Posten des »Sonderberaters des UN-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung« bekleidet, meldete sich ebenfalls zu Wort und tat kund, die israelischen Siedlungen seien »illegal«, weshalb dort auch keine regulären Fußballspiele ausgetragen werden dürften.

Wenn man bedenkt, dass es um eine Handvoll unterklassiger Klubs geht, deren Spieler weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit um Tore und Punkte kämpfen, ist es bemerkenswert, welche Bedeutung ihrem Tun beigemessen wird und mit welchem Getöse sich sogar europäische Berufspolitiker, eine große NGO und ein Uno-Beauftragter auf die Freizeitkicker werfen – ganz so, als hinge davon die Zukunft des Nahen Ostens ab. Aber vermutlich glauben sie genau das tatsächlich, darin der irrigen Annahme folgend, dass israelische Siedlungen das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden sind – und nicht etwa der palästinensische Terrorismus und die fortgesetzte Weigerung fast aller arabischen Staaten, den jüdischen Staat anzuerkennen. Folgerichtig schweigen dieselben Experten für Menschenrechte und Fußball auch, wenn im palästinensischen Sport etwas vonstattengeht, das Kritik und Konsequenzen tatsächlich verdiente.

Sport in palästinensischen Gebieten: Werbung für Terror

So wie beispielsweise die Aktion des Ostjerusalemer Fußballklubs Hilal al-Quds, dessen Mannschaft kürzlich im Zuge eines Spiels in al-Ram im Westjordanland ein Banner präsentierte, auf dem der palästinensische Terrorist Mesmah Abu Sabih als »Märtyrer« und »Held« gefeiert wurde. Abu Sabih hatte wenige Tage zuvor in Jerusalem im Rahmen eines Terrorangriffs zwei Israelis erschossen, bevor er selbst getötet wurde. Ein Foto, das die Hilal-Spieler mit dem Transparent zeigt, wurde auf der Facebook-Seite des Vereins veröffentlicht. Während der Partie gab es außerdem eine Schweigeminute für den Mörder. Hilal al-Quds gehört der West Bank Premier League an, das ist neben der Gaza Strip League die höchste palästinensische Spielklasse im Fußball. Schon deshalb hat der Vorfall eine ganz erhebliche Relevanz. Doch kein EU-Parlamentarier, keine große Menschenrechtsorganisation und kein Sonderberater der Uno erhob die Stimme.

Nichts als Schweigen hört man von ihnen in aller Regel auch, wenn in den palästinensischen Gebieten Sportwettbewerbe oder Sporteinrichtungen nach Terroristen benannt werden – was regelmäßig der Fall ist. Ein Schulfußballturnier in El-Bireh im Westjordanland beispielsweise, das im November 2015 ausgetragen wurde, trug den Namen eines 13-jährigen palästinensischen Messerstechers, der in Jerusalem zwei Israelis angegriffen und schwer verletzt hatte. Der Fußballklub Shabab Al-Khalil benannte seine Torwartschule nach einem anderen mit einem Messer bewaffneten Angreifer. Ein Tennisturnier an der Birzeit-Universität wurde zu Ehren eines Terroristen ausgerichtet, der versucht hatte, einen israelischen Grenzpolizisten zu erstechen. Kritisch über solche Ereignisse wird in aller Regel lediglich in Israel berichtet, in Europa sind sie normalerweise gar nicht der Rede wert.

Und während sich der palästinensische Fußballverband bei der FIFA darüber beklagt, dass der jüdische Staat es palästinensischen Fußballern bisweilen erschwert oder verunmöglicht, zu ihren Spielen zu gelangen, unterschlägt er geflissentlich, dass palästinensische Kicker bereits mehrfach an Grenzübergängen gestoppt wurden, weil sie zuvor in terroristische Aktivitäten verwickelt waren. Zu nennen wäre diesbezüglich etwa Sameh Fares Mohammad, der als Bote zwischen der Hamas und einem Hamas-Terroristen in Katar fungierte und deshalb im Sommer 2014 vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet festgenommen wurde. Oder Omar Abu Rwayyis – damals Torhüter der palästinensischen Olympiamannschaft – der im Januar 2012 gemeinsam mit einem weiteren Fußballer einen Anschlag auf israelische Soldaten verübte und dafür von der israelischen Armee inhaftiert wurde.

Solche Geschehnisse sind jenseits der israelischen Grenzen jedoch nur selten ein Thema. Ein paar tiefklassige Fußballvereine aus israelischen Siedlungen dagegen beschäftigen den FIFA-Rat, die internationale Politik und die Presse. Und das lässt tief blicken.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

Zum Foto: Beitar Ma’ale Adumim in seinem Meisterschaftsspiel gegen Ironi Modi’in, 23. September 2016. © Thomas Coex, Getty Images.


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Das hat Kurt Landauer nicht verdient February 16, 2016 | 02:03 pm

Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images)
Wegen seiner Kooperation mit Katar wird der FC Bayern scharf kritisiert. Manche Fans werfen ihm sogar einen Verrat an den Werten des Vereins vor. Die Frage ist allerdings, ob es diese Werte überhaupt gibt.

Die enge Bande, die der FC Bayern München mit dem Emirat Katar pflegt, hat zu einer Menge Kritik geführt, seit zum einen die sklavenarbeitsähnlichen Bedingungen auf den WM-Baustellen im Land in den Fokus gerückt sind und sich zum anderen selbst eingefleischte Fans des Rekordmeisters auch öffentlich ablehnend über die Zusammenarbeit ihres Lieblingsvereins mit dem Golfstaat äußern, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. So kritisiert beispielsweise Oliver Schmidt auf seinem bekannten Blog »Breitnigge« in einem offenen Brief an den Vorstand des Klubs, »dass ausgerechnet der FC Bayern, als Verein mit einer großen jüdischen Tradition – zu der sich der Verein ja (inzwischen) bekennt und diese lebt […] –, mit Ländern wie Katar geschäftliche Beziehungen unterhält. Einem Land, welches Israel – gelinde gesagt – ablehnt und unter anderem israelischen Sportlern die Einreise verwehrt.« Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es eigentlich zusammengeht, auf der einen Seite diese jüdische Tradition zu pflegen, für die vor allem der Name des langjährigen Präsidenten Kurt Landauer steht, und auf der anderen Seite mit einem antisemitischen Regime zu kooperieren. Auch mutet es ausgesprochen widersprüchlich an, wenn sich der FC Bayern, wie im Januar 2015 geschehen, einerseits mit den Opfern der islamistischen Terroranschläge in Paris solidarisiert (»Je suis Charlie«) und andererseits unmittelbar darauf in ein Land fliegt, das zu den Hauptförderern des islamistischen Terrorismus gehört.

Um dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen, ist ein Blick auf die jüngere Geschichte des Klubs zweckmäßig, in der die ältere Geschichte überhaupt erst ein Thema wurde. Zuvor hatten die Ära Landauer, der jüdische Teil der Vereinshistorie und der Nationalsozialismus in Verlautbarungen des FC Bayern München lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. In den hauseigenen Chroniken etwa wurde all dies lange Zeit lediglich am Rande erwähnt, und selbst im Nachruf auf Kurt Landauer in der Klubzeitung hieß es im Januar 1962 hinsichtlich seiner Abwesenheit zwischen 1933 und 1947 bloß knapp, diese habe »politische Gründe« gehabt. Noch im Mai 2003 wurde Uli Hoeneß in einem Beitrag der »Zeit« mit den lapidaren Worten zitiert: »Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt.« Und der langjährige Vizepräsident Fritz Scherer wollte auch vor sieben Jahren noch nicht die jüdische Tradition des FC Bayern herausstellen: »Dann laufen Sie Gefahr, dass es Gegendemonstrationen gibt, da provoziert man etwas«, sagte er mit Blick auf die »rechte Szene«. Eine Form von Appeasement also, um Neonazis und andere Antisemiten zu beschwichtigen. Ein unwürdiger Umgang mit der Geschichte des Vereins.

Es waren die Ultras von der »Schickeria«, die Kurt Landauer und das jüdische Erbe des FC Bayern aus der Vergessenheit holten – zum Beispiel mit selbstorganisierten Fußballturnieren um den Kurt-Landauer-Pokal, Artikeln, Vorträgen und Choreografien im Stadion. Erst 2009 begann auch die Klubführung allmählich, sich damit zu beschäftigen: Zum 125. Geburtstag von Kurt Landauer legte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in Dachau einen Kranz an der ehemaligen KZ-Zelle des früheren Präsidenten nieder, und auf der Homepage des Vereins erschien erstmals eine ausführliche Würdigung. Im Mai 2011 nahm Rummenigge in München an der Präsentation des Buches »Der FC Bayern und seine Juden« von Dietrich Schulze-Marmeling teil und sagte dort: »Der FC Bayern hat eine jüdische Vergangenheit, eine sehr reiche und erfolgreiche. Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben.« Inzwischen wird die Ära Landauer in der »Erlebniswelt« des FC Bayern in der heimischen Arena gebührend gewürdigt, und zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gibt es seit 2013 regelmäßig Sonderausstellungen, Führungen und Veranstaltungen.

Für sein mittlerweile recht offensives Bekenntnis zum jüdischen Teil seiner Geschichte und insbesondere zum Vermächtnis von Kurt Landauer – nach dem unlängst auch der Platz vor dem Stadion in Fröttmaning benannt wurde – hat der FC Bayern sehr viel Lob bekommen. Sätze wie die von Fritz Scherer oder Uli Hoeneß würde man heute nicht mehr von einem Funktionär des Rekordmeisters hören. Man könnte also annehmen, dass in der Führungsetage ein Umdenken stattgefunden hat. Womöglich hat dieses Umdenken aber vor allem etwas damit zu tun, dass es dem Prestige und dem Image des Klubs genutzt hat. Der sportlich und finanziell größte und erfolgreichste deutsche Fußballverein gilt längst auch im Umgang mit der Vergangenheit als vorbildlich, und das hat ihm eine Menge Sympathien eingebracht, selbst von Kritikern und Fans anderer Klubs. Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, ob dieser Umgang tatsächlich mehr ist als eine Marketingstrategie. Und daran muss man angesichts der Beziehungen zu Katar inzwischen zweifeln.

Denn wer es ernst meint mit dem Bekenntnis zur jüdischen Tradition und der entschiedenen Ablehnung einer Ideologie, derentwegen Kurt Landauer verfolgt und ins Konzentrationslager gesperrt wurde, kann nicht in und mit einem Land, das von einem totalitären, antisemitischen Regime beherrscht wird, millionenschwere Geschäfte machen. Der FC Bayern hat jedoch nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen Deal mit dem Flughafen Doha auch noch ausgerechnet am diesjährigen Holocaust-Gedenktag zu verkünden. Genau darin kulminiert die vermeintliche Widersprüchlichkeit – und löst sich gleichzeitig auf: Getan wird einfach, was sich auszahlt. Als man beim FC Bayern begriff, dass sich die Zeiten geändert haben und sich die Würdigung von Kurt Landauer und der damit verbundenen Tradition in vielerlei Hinsicht lohnen könnte, gab man seine Ignoranz auf und verkaufte sein Engagement fortan als Einsatz für die Werte des Vereins. Als man verstand, dass die Kooperation mit Katar sich lohnen könnte, ließ man sich auf sie ein. Der Kritik daran begegnete man mit Alibi-Beteuerungen wie jener von Philipp Lahm, man werde im Emirat »nicht die Augen zumachen«. Was der Bayern-Kapitän dort sah und gegebenenfalls in kritischer Absicht ansprach, hat die Öffentlichkeit jedoch bis heute nicht erfahren.

Der FC Bayern bewegt sich damit allerdings voll und ganz im deutschen Mainstream. Auch in der Politik hat man bekanntlich kein Problem damit, einerseits das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hochzuhalten, am Holocaust-Gedenktag oder am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 besonders laut »nie wieder« zu rufen und das Eintreten für die Sicherheit Israels als Teil der Staatsräson zu bezeichnen – und andererseits mit einem Regime wie dem iranischen, das den Holocaust leugnet und Israel am liebsten von der Landkarte radieren würde, gute Beziehungen zu pflegen. Insofern tut das Flaggschiff des deutschen Fußballs nichts, was hierzulande nicht ohnehin schlechte Normalität ist. Ein Grund, das nicht zu kritisieren, kann das gleichwohl selbstverständlich nicht sein. Von der Illusion, dass dem FC Bayern die eigene Geschichte ganz besonders am Herzen liegt, sollte man sich allerdings tunlichst verabschieden. Das Bekenntnis zur Historie dient dem Klub vor allem zur Imagepflege, also letztlich zu Marketingzwecken. Das hat Kurt Landauer nicht verdient.

Zuerst veröffentlicht auf kickwelt.de.

Zum Foto: Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images).


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Mitschnitt des Vortrags “Antisemitismus und Fußball. Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig” mit Chucky Goldstein November 16, 2015 | 05:00 pm

Audiomitschnitt der Veranstaltung vom 30. Oktober "Antisemitismus und Fußball. Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig" im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus, organisiert vom Jungen Forum DIG Stuttgart und LAK Shalom Baden-Württemberg in Stuttgart.

Audio: Antisemitismus und Fußball November 9, 2015 | 11:34 am

 Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig 

Vortrag von Chucky Goldstein

gehalten am 30. Oktober 2015 in Stuttgart

Eine Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss eigentlich mit dem Beginn des Fußballs in Deutschland beginnen, denn während deutsche Männer in Turn und Sportvereinen turnten waren Juden bei dieser – sich auf den antisemitischen Turnvater Jahn berufenden – Sportart nicht gern gesehen.

Diese Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss dann – logischerweise – mit dem Nationalsozialismus weitergehen in dem zum Beispiel die professionelle
Spielkultur des deutschen Meisters von 1932 und seines jüdischen
Präsident Landauers bekämpft wurde, um dem in diesem Falle zu tiefst
antisemitischen und antimodernistischen Amateuersport zu huldigen.

Diese Geschichte beinhaltet die Geschichte zwischen der deutschen Fußballnationalmannschaft und der israelischen Fußballnationalmannschaft als kickende Botschafter genau so wie die Geschichte der ‚“Judenclubs“ Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspurs und Tennis Borussia.

Diese Geschichte erfährt eine gewaltige und auch gewaltätige Entwicklung, als deutsche Stadien in den 1980er Jahren von Hooligans dominiert werden und im Stadion das existiert, was nicht existieren darf: offener Antisemitismus.

Diese Geschichte modernisiert sich durch die Ultras, bei denen sich teilweise offener Antisemitismus in strukturellen Antisemitismus in der Feindschaft gegen den modernen Fußball, den FC Bayern München oder Rasenballsport Leipzig verwandeln.

Und diese Geschichte soll ausführlich in diesem Vortrag erzählt werden.

Chucky Goldstein ist „Antideutscher Hipster“, Fußballnerd, Raphead, Schreiberling (u.a. Vice Sports und privater Blog), Student der Kulturwissenschaften & kosmopolitischmotivierte Internetexistenz. Er ist Mitglied des BAK Shalom der Linksjugend Solid und schreibt/referiert zur Nationalisierung des Pop und zu Antisemitismus und Fußball.


Gemeinsame Veranstaltung des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und Mittlerer Neckar mit dem LAK Shalom Baden-Württemberg, unterstützt durch die Linksjugend [‚solid] Baden-Württemberg und gefördert im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 durch die Amadeu Antonio Stiftung

 

Vortrag mit Chucky Goldstein am 30. Oktober in Stuttgart: Antisemitismus und Fußball: Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig October 2, 2015 | 12:30 pm

Eine Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss mit dem Beginn des Fußballs in Deutschland beginnen: Während deutsche Männer in Turn und Sportvereinen turnten, waren Juden bei dieser sich auf den antisemitischen Turnvater Jahn berufenden Sportart nicht gern gesehen. Diese Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss dann – logischerweise – mit dem Nationalsozialismus weitergehen, in dem zum Beispiel die professionelle Spielkultur des deutschen Meisters von 1932 und seines jüdischen Präsident Kurt Landauers bekämpft wurde, um den in diesem Falle zu tiefst antisemitischen und antimodernistischen Amateuersport zu huldigen. Und diese Geschichte soll ausführlich in diesem Vortrag erzählt werden.

Aus dem Leben eines Schiedsrichters June 21, 2015 | 11:00 pm

Was, um Himmels willen, hast du getan? Und was tust du jetzt? Da liegt ein Spieler im Strafraum am Boden, und du hast gepfiffen, und hinter dem Spieler steht sein Gegenspieler und schaut erschrocken, schaut dich erschrocken an, und zwar nicht mit diesen gespielt weit aufgerissenen Augen, mit diesem fassungslosen Blick, […] sondern wirklich erschrocken, und du darfst dir jetzt nicht anmerken lassen, dass du noch erschrockener bist als er, weil dir die Pfeife losgegangen ist, einfach so, viel zu schnell, […] ein Reflex, 88. Spielminute, Spielstand 0:0, zwei Spieler gehen zum Kopfball hoch, der eine vorne, der andere hinter ihm, und der vorne geht schreiend zu Boden, man kann’s ja mal probieren so kurz vor Schluss, und du bist drauf reingefallen, hast dich täuschen lassen, und ein Pfiff ist ein Pfiff, den nimmst du nicht zurück, der geht nicht wieder weg, den haben alle gehört. Was also nochmal, um Himmels willen, machst du jetzt?

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Die Frage, die mir im Laufe von 30 Jahren als Fußball-Schiedsrichter am häufigsten gestellt worden ist – sowohl von Fußballfans als auch von Menschen, die mit diesem Sport eher wenig anfangen können –, lautet: Warum um alles in der Welt machst du das? Wie kommt man auf die Idee, sich freiwillig auf eine Tätigkeit einzulassen, bei dem man Wochenende für Wochenende kritisiert, beschimpft, ja, angefeindet wird? Weshalb entscheidet man sich für den Job des Spielverderbers, des Rechthabers mit der Pfeife? Ich habe darauf keine besseren Antworten als: Weil es mir Spaß macht, sehr großen sogar. Weil ich es immer als Herausforderung betrachtet habe, in verantwortlicher und verantwortungsvoller Position ein Spiel in meiner Lieblingssportart über die Bühne zu bekommen, an dem 22 Menschen mit völlig unterschiedlichem Charakter, Temperament und Können beteiligt sind. Weil – zumindest ab einer bestimmten Liga – auch die Schiedsrichter als Team auftreten. Und weil ich nur ein minderbemittelter Fußballer war, der im Verein selten einmal über die volle Dauer eines Spiels zum Zug kam.

Die Spielklasse, in der ich als Schiedsrichter schließlich pfeifen durfte – nämlich die Oberliga –, hätte ich als Spieler jedenfalls niemals erreicht. Zwar war für mich in den höheren Amateurklassen vor zehn Jahren Schluss, weil eine hartnäckige Knieverletzung keinen Leistungssport mehr zuließ. Aber auf gelegentliche Einsätze in den unteren Ligen möchte ich weiterhin genauso wenig verzichten wie darauf, hin und wieder einem Kollegen bis zur Verbandsliga als Assistent auszuhelfen. Ansonsten behelfe ich mir mit dem Methadonprogramm, das heißt: Ich bilde Referees aus und fort, begleite sie zu ihren Spielen und beobachte sie, um ihnen sowohl offizielle Punktzahlen als auch ein Feedback zu ihrer Spielleitung zu geben. Ein Leben ohne die Schiedsrichterei kann ich mir nicht vorstellen, sie gehört seit drei Jahrzehnten fest zu mir. Und ich kann schon lange kein Fußballspiel mehr anschauen, ohne auf den Unparteiischen und seine Assistenten zu achten.

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All diese Gedanken, innerhalb einer Sekunde schießen sie durch den Kopf, in jener Sekunde nach dem Pfiff, in der es still ist auf dem Sportplatz und alle auf dich schauen, weil du ja die Aufmerksamkeit auf dich gelenkt hast. Eine Sekunde hast du noch, um nachzudenken, wie du das umbiegen, von dir wegbiegen kannst. Stürmerfoul kannst du nicht pfeifen, da war nun wirklich gar nichts, Abseits sowieso nicht, der Assistent hatte die Fahne nicht gehoben, kein Ausweg möglich, also geht die rechte Hand nach vorne, zeigt in die Mitte des Strafraums, auf den berüchtigten Punkt, die zwei Schrecksekunden sind vorbei, und jetzt wird es laut, draußen, drumherum und drinnen, auf dem Spielfeld; jetzt kommen sie auf dich zugelaufen, obwohl sie wissen, dass sich nichts ändern wird dadurch.

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Christoph Schröder ist auch so einer, der immer wieder gefragt wird: Du bist Schiedsrichter? Warum denn das? Der 41-Jährige, der im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen lebt, pfeift seit 1988, hat als Unparteiischer die höchste Amateurklasse des Hessischen Fußballverbands erreicht – und ist in diesem Verband mittlerweile zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Schiedsrichter. Der Mann kann also nicht nur mit der Pfeife umgehen, sondern auch mit Worten. Kein Wunder: Hauptberuflich ist er Literaturkritiker, er schreibt unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Süddeutsche Zeitung und die Zeit. Wenn es also einen gibt, der geradezu prädestiniert ist, ein, nein: das Buch schlechthin zur Schiedsrichterei zu verfassen (und dabei auch die Frage nach dem Warum ausführlich zu beantworten), dann ihn. »ICH PFEIFE!« heißt sein im edlen Tropen-Verlag erschienenes Werk, und die Schreibweise des Titels (inklusive Ausrufezeichen) lässt bewusst zwei Lesarten offen: eine, die keinen Zweifel an der unumschränkten Autorität lässt, mit der die Tätigkeit des Schiedsrichterns einhergeht – und eine, die selbstironisch mit dem pejorativen Synonym spielt, das der Volksmund für die Referees bereithält.

Mitte Juni stellt Schröder sein Buch in einer Kölner Buchhandlung vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft, aber mein Freund und Schiedsrichterkollege Tobias Altehenger, der den Autor zuvor im Rahmen einer Rezension für die offizielle Schiedsrichter-Zeitung des DFB interviewt hat, hat eine gute Nachricht für mich: Wir kommen dennoch rein. Rund 70 Zuhörer haben sich trotz schönstem Sommerwetter eingefunden, der Laden platzt aus allen Nähten. »Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters« lautet der Untertitel des Buches, und Buchhändler Jens Bartsch hat sich gemeinsam mit seinen Kolleginnen alle Mühe gegeben, ihm zu entsprechen: Das Publikum sitzt auf Bierbänken, die mit echten gelben und roten Karten übersät sind, es gibt Bier vom Fass und Currywurst. Genau das richtige Ambiente für eine solche Veranstaltung.

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Kein Schiedsrichter nimmt so eine Entscheidung zurück, du läufst also rückwärts in Position, und sie kommen auf dich zu, mit ausgebreiteten Händen und verschwitzten Gesichtern. Sie haben sich angestrengt, 88 Minuten lang, sind am Rand ihrer Kräfte, keuchen können sie noch, schreien auch noch. Sie sind aber schon im Korridor, für sie gibt es nur noch null oder eins, schwarz oder weiß, für ein Dazwischen reicht die Energie nicht mehr. Nicht ohne Grund werden etwa 80 Prozent aller Platzverweise in den letzten zehn Minuten eines Spiels ausgesprochen. Jetzt stehen sie also vor dir, sagen, schreien Sachen wie »Das gibt’s doch nicht« und »Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst« […], und du musst sie jetzt da wegschicken, obwohl du untergründig spürst, dass sie recht haben oder zumindest recht haben könnten.

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Unter Schiedsrichtern ist es wie unter Genossen: Man duzt sich, auch wenn man sich zum ersten Mal sieht. Bei und mit Christoph Schröder ist das nicht anders. Wir sprechen schon vor der Lesung bei einem Kölsch über sein Buch, vor allem aber über das Pfeifen. Gemeinsam mit Tobias Altehenger werden beispielsweise Unterschiede zwischen den Fußballverbänden Hessen und Mittelrhein eruiert, etwa in Bezug auf die Auf- und Abstiegsregelungen für Referees, die Notengebung oder das Beobachtungswesen. Dieses Gespräch hätte so auch in einer Sportschule stattfinden können oder an einem anderen Ort, wo Schiedsrichter aufeinandertreffen. Bei der Lesung hat Schröder das Publikum sofort auf seiner Seite. Wenn er seine Rolle als Unparteiischer reflektiert, über Rituale spricht, eine kleine Sportplatzkunde vornimmt, die Logik der Regeln thematisiert oder amüsante Anekdoten erzählt, wechseln die Reaktionen der Besucher zwischen dem berühmten Aha-Effekt, befreitem Lachen und ungläubigem Staunen hin und her. Die anwesenden Schiedsrichter – ein halbes Dutzend – nicken derweil in einem fort. In Schröders Betrachtungen finden sie sich wieder.

Als die Veranstaltung beendet ist, ist klar: Christoph Schröder hat einen schwierigen Spagat elegant gemeistert. Mit seinen Ausführungen erreicht er nicht nur seine pfeifenden Kollegen, sondern auch diejenigen, denen es völlig fremd wäre, sich als Unparteiische auf einem Fußballplatz zu betätigen. Gelangweilt hat sich an diesem Abend gewiss niemand, im Gegenteil. Nach der Lesung bleiben viele noch eine Weile, es gibt einiges zu besprechen und außerdem weiterhin Kölsch und Currywurst. Der Autor signiert Bücher und erzählt, dass bei seiner Lesung in Braunschweig auch der Bundesliga-Schiedsrichter Florian Meyer zugegen war. Man tauscht Einschätzungen und Vorlieben zu Bundesliga-Referees aus, diskutiert über die Philosophie der Fußballregeln und rekapituliert einzelne Schiedsrichter-Entscheidungen aus der jüngeren Vergangenheit. Erst gegen Mitternacht gehen die Lichter der Buchhandlung aus.

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Also greifst du an die Brusttasche und nimmst die gelbe Karte schon einmal vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, hebst sie an, damit auch die, die vor dir stehen, sie sehen können, und es funktioniert, einer winkt ab, dreht sich um, geht weg, draußen ruft der Trainer etwas, einer steht immer noch da und du sagst etwas, und dann ist auch er weg. Dann liegt der Ball auf dem Punkt, der Torhüter steht auf der Linie, du pfeifst, und der Ball liegt im Tor. Zwei Minuten später ist Schluss, der Spielführer ruft noch etwas wie »Jede Woche dasselbe«, der Trainer kommt auf den Platz und gibt dir die Hand, sogar das, und sagt etwas von einer guten Leistung bis zur 88. Minute, dann gehst du mit den Assistenten in Richtung Kabine, […] betretenes Schweigen, weil alle drei wissen, was los ist. Du wirst abends im Bett liegen, und die Szene wird sich immer wieder vor deinem inneren Auge abspielen, du wirst davon träumen.

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Christoph Schröder gelingt in seinem Buch etwas, woran alle anderen bislang gescheitert sind, darunter auch Größen der Zunft wie Pierluigi Collina und Markus Merk: Er vermittelt die Faszination des Pfeifens und nimmt dabei gekonnt seine Leser mit. Womöglich ist das auch einfacher, wenn man nicht ganz oben pfeift, sondern an der oft rauen Basis. Collina und Merk waren als Schiedsrichter Profis, entsprechend steht bei ihnen der große Fußball im Mittelpunkt. Sie offenbaren keine Ecken und Kanten, alles wirkt etwas steif und unzugänglich, Überraschungen gibt es nur wenige, Routine dafür etwas zu viel. Schröder hingegen gewährt intime Einblicke in die Amateur-Schiedsrichterei mit all ihren Absurditäten und sympathischen Unvollkommenheiten, und er unterfüttert grundsätzliche Betrachtungen zu seinem Sujet immer wieder mit persönlichen Erlebnissen, ohne je eitel zu wirken. Sein Stil ist angenehm unaufgeregt, gleichzeitig erhöht er das Erzähltempo, sobald es passt.

»ICH PFEIFE!« unterhält und informiert, und es holt die Schiedsrichter aus der Ecke der unnahbaren Sonderlinge, ohne in Abrede zu stellen, dass ihre Tätigkeit im Fußball eine besondere ist. Christoph Schröder übermittelt nützliches Wissen, gibt Tricks im Umgang mit den Klubs und ihren Spielern preis und erzählt mal rührende, mal skurrile und mal einfach nur typische Anekdoten aus der Welt der Unparteiischen – auch solche, die die »dritte Halbzeit« betreffen. Und schließlich wird die Frage, warum man Schiedsrichter wird (und bleibt!), mit dem Buch so persönlich wie über das Individuelle hinausgehend beantwortet. Wer’s nicht liest, verpasst etwas.

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Die kursiv gesetzten Passagen entstammen dem Kapitel »Schlaf finden. Die Pfeife schweigt. Über Fehlentscheidungen« aus Christoph Schröders Buch »ICH PFEIFE! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters«, erschienen im Tropen-Verlag, 224 Seiten, EUR 16,95 [D].

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.


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Vortrag mit Alex Feuerherdt am 30. Juni in Berlin: Fußball und Fankultur in Israel – Geschichte und Gegenwart June 16, 2015 | 09:34 am

Als im Juni 2013 die U21-Europameisterschaft in Israel ausgetragen wurde, war dies der größte sportpolitische Erfolg der Israel Football Association (IFA) überhaupt. Denn nach der Gründung des Verbandes 1948 war die Nationalmannschaft des Landes aufgrund von Boykotten durch arabische Staaten jahrzehntelang zu einer regelrechten Odyssee gezwungen; ihre Qualifikationsspiele musste sie teilweise sogar in Ozeanien austragen. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde die IFA – und mit ihr die israelischen Vereine – endlich als Vollmitglied in den europäischen Fußballverband UEFA aufgenommen.

Die letzte Bastion der Heteros? June 11, 2015 | 04:05 pm

Eine Aktion der »Freund_innen der Friedhofstribüne« bei einem Spiel des Wiener Sportklubs im April 2012. © Martina Hartl

Während es kaum noch eine Nachricht wert ist, wenn Politiker, Fernsehmoderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer ihr öffentliches Coming-out haben, überschlagen sich die Reaktionen förmlich, wenn es in der Öffentlichkeit um das Thema Homosexualität im Fußball geht. Aber warum ist das so? Und weshalb scheint die Homophobie in dieser Sportart besonders zäh zu sein?

Zu Beginn des vergangenen Jahres gab es in der Zeit ein bemerkenswertes Interview zu lesen. Thomas Hitzlsperger – 52-maliger deutscher Nationalspieler, deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart und als Profi unter anderem bei Aston Villa, Lazio Rom und West Ham United tätig – äußerte sich darin über seine Homosexualität und sprach auch darüber, warum er sie gerade jetzt, nach dem Ende seiner Laufbahn als Fußballspieler, öffentlich machte: Nicht etwa, weil ihm jemand mit einem Outing gedroht hatte, und auch nicht deshalb, weil er fürchtete, dass die Fans im Falle eines Coming-outs zu seinen aktiven Zeiten über ihn hergefallen wären. Sondern vielmehr, weil er nun »Zeit für dieses Engagement« und außerdem das Gefühl habe, »dass jetzt ein guter Moment dafür ist«. Er wolle mit seinem Gang an die Öffentlichkeit »dazu beitragen, dem Thema die Exklusivität und damit die Schärfe zu nehmen«, und habe ihn auch mit Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff besprochen. »Sie haben das zur Kenntnis genommen – natürlich positiv«, berichtete Hitzlsperger. Der moderne Fußball sei schließlich »kein Lebensraum für Gestrige und Leute mit angestaubten Vorurteilen«. Und auch »die veröffentlichte und die öffentliche Meinung« seien »deutlich entspannter und toleranter geworden«.

Ein weiteres Interview, das knapp anderthalb Jahre zuvor erschienen war, legte dagegen andere Schlüsse nahe. Für den Fluter, ein Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, hatte der Journalist Adrian Bechtold mit einem schwulen Bundesligaprofi gesprochen, der allerdings anonym bleiben wollte. »Ich muss täglich den Schauspieler geben und mich selbst verleugnen«, sagte der Fußballer, und: »Ich weiß nicht, ob ich den ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann.« Er wäre »nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme«, und es sei »unmöglich, einfach wie ein heterosexueller Spieler den neuen Partner zu präsentieren und am nächsten Tag vergessen zu werden«. Normalität gebe es nicht, auch wenn er im Mannschaftskreis keinerlei Probleme habe und manche Mitspieler sogar »mit großem Interesse nachfragen«. Bei öffentlichen Anlässen jedoch erscheine er in Begleitung einer Frau.

Zwei Interviews, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Hier der prominente Ex-Profi, der eine seriöse, bildungsbürgerliche Wochenzeitung selbst um ein Gespräch gebeten hatte und dessen um eine Entdramatisierung bemühten Antworten anzumerken war, wie sorgsam er seinen Schritt vorbereitet hatte. Dort der namenlose aktive Bundesligaspieler, ein »sichtlich überforderter junger Mann«, der das Treffen am liebsten sofort wieder verlassen hätte, dann aber doch geblieben sei, wie sein Interviewer schrieb, der die Unterhaltung in einer eher wenig bekannten Publikation unterbrachte. Was beide Interviews eint, ist der mediale Rummel, der jeweils auf die Veröffentlichung folgte. Während es kaum noch eine Nachricht wert ist, wenn Politiker, Fernsehmoderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer ihr öffentliches Coming-out haben, überschlagen sich die Reaktionen förmlich, wenn es in der Öffentlichkeit um das Thema Homosexualität im Fußball geht. Aber warum ist das so?


Fußball – eines der letzten heterosexuellen Milieus?

Tatsächlich scheint der Deutschen liebste Sportart noch immer eines der letzten heterosexuellen Milieus zu sein, wenngleich Fortschritte unverkennbar sind. Eine Reihe von Vereinen hat schwul-lesbische Fanklubs, es gibt Fan-Initiativen gegen Homophobie, und auch der Deutsche Fußball-Bund hat sich seit einigen Jahren dem Kampf gegen die Schwulenfeindlichkeit verschrieben (wiewohl diesbezügliche Aktivitäten seit dem Amtsantritt des DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach kaum noch zu beobachten sind). Homophobe Gesänge und Transparente, die in den Bundesligastadien lange Jahre zum Alltag gehörten, gibt es mittlerweile nur noch selten, und sie bleiben oftmals auch nicht mehr unwidersprochen. Unverblümt schwulenfeindliche Äußerungen von Spielern vernimmt man ebenfalls so gut wie gar nicht mehr. Wer heute öffentlich sagen würde, er könne sich nicht vorstellen, »dass Schwule Fußball spielen können« (wie der frühere Kölner Verteidiger Paul Steiner vor vielen Jahren), oder mit markigen Sprüchen à la »Ich dusche immer mit dem Arsch zur Wand« von sich reden machen würde (wie Frank Rost zu seinen Zeiten als Torwart von Schalke 04), der hätte auch mit erheblicher Kritik und einem Imageschaden zu rechnen.

Doch diese Fortschritte gehen nicht so weit, dass eine grundsätzliche Akzeptanz von Homosexualität im Fußball hergestellt worden wäre. Die Spieler Philipp Lahm und Arne Friedrich beispielsweise – Ersterer in seinem Buch »Der feine Unterschied«, Letzterer in einem offenen Brief seiner Freundin – haben öffentlich großen Wert auf die Feststellung gelegt, nicht schwul zu sein, sondern Beziehungen mit Frauen zu führen. Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller kommentierte im Jahr 2011 seine Nichtberücksichtigung für das Nationalteam andeutungsvoll mit den Worten: »Vielleicht sollte ich mir einfach die Haare schneiden oder etwas zierlicher werden« – wie der stattdessen nominierte Hannoveraner Keeper Ron-Robert Zieler. Viele Klubs ducken sich bei der Thematik nach wie vor weg. Und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff bezeichnete Gerüchte, es gebe in der DFB-Auswahl und ihrem Trainerstab viele Homosexuelle, »als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf«. Offenbar spielt es entgegen anderslautender Beteuerungen eben doch eine große Rolle, welche sexuelle Orientierung Profifußballer – Nationalspieler zumal – haben.

Diese weiterhin fehlende Selbstverständlichkeit, dass es auch im Fußball Männer gibt, die Männer lieben, ist zweifellos ein wesentlicher Grund dafür, dass noch immer kein namentlich bekannter aktiver Profi sein öffentliches Coming-out gewagt hat. Ein anderer, eng damit zusammenhängender Grund besteht in der immensen Aufmerksamkeit, die dem ersten offen schwul lebenden Vertragsfußballer zuteil werden würde. »Alle würden gerne rausfinden, was ich wohl Schlimmes mit meinem Partner unter der Bettdecke anstelle«, vermutete der anonyme Spieler im Fluter-Interview dann auch. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, der in der Debatte so gut wie nie angesprochen wird: Warum ist gerade der Fußball »eine Domäne heterosexueller, monokultureller Männlichkeit« und »eng verbunden mit dem Bild vom starken Mann«, wie die Sportwissenschaftlerin und frühere Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens in ihrem Buch »Seitenwechsel. Coming-out im Fußball« befand – obwohl er doch Männern ein Repertoire körperlich intimer Gesten erlaubt, die an anderen Orten als liebevoll, erotisch oder sexuell erlebt würden?


Männerbündische Strukturen und Desexuierung

Der Historiker Ulf Heidel löste dieses vermeintliche Paradox auf, indem er auf die traditionell männerbündischen Strukturen im Fußball verwies – die dort so fest verankert seien wie sonst nur in der Armee – und in diesem Zusammenhang den Begriff der Desexuierung einführte, womit das Ausblenden von sexuellem Begehren und sexueller Identität gemeint ist. Diese Desexuierung umfasse die Vereinnahmung und Zurichtung des Körpers zum Zwecke des erstrebten Erfolgs der Mannschaft, weshalb auch der Sex »dem übergeordneten Interesse des Männerbundes« unterstehe. Damit einher gehe der Ausschluss von Frauen respektive deren Degradierung zu Sexual- und Reproduktionsobjekten einerseits sowie zur Bedrohung der mühsam erlangten Perfektion von Körper und Konzentration andererseits. Zudem beruhe die Desexuierung, so Heidel, »auf der Regulierung dessen, was zwischen den Spielern als statthaft und dem Mannschaftsgefüge zuträglich gilt und was nicht«. Genau darin bestehe letztlich der »›Trick‹ des Männerbundes, im geeigneten Moment Praktiken körperlicher Nähe nicht nur zu erlauben, sondern zur Intensivierung des Zusammenhalts zu befördern«.

Körperlichkeiten unter Mannschaftskollegen können also akzeptabel sein – solange sie eine bestimmte Grenze nicht überschreiten, das heißt: eine männerbündlerische Gemeinschaft stiften und kein Zeichen sexuellen Verlangens sind. Dass das Ausziehen des Trikots nach einem Torerfolg, das Tätscheln und Wuscheln, Umarmen und Bespringen von Spielern wie Zuschauern nicht als sexuell wahrgenommen wird, hat darüber hinaus auch etwas mit kultureller Gewöhnung zu tun. Das gemeinsame Jubeln jedenfalls kam im nördlicheren Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf und wurde lange Zeit mit viel Skepsis bedacht. Noch 1981 befürchtete die FIFA, so der Historiker Heidel, »offensichtlich eine Art Schwulisierung, als sie das Küssen als ›unmännlich, übertrieben gefühlsbetont und deshalb unangebracht‹ brandmarkte«.

Küsse zählen zwar bislang eher selten zum Jubelrepertoire von Spielern, doch grundsätzlich gehören offen zur Schau gestellte Emotionen längst zu einer erfolgreichen Torszene. Heidel schildert, was dabei allerdings zu beachten ist: »Die Jungs können sich gerade so lange ›unschuldig‹ zusammen über den Rasen wälzen, wie der ›Heterosexualitätsverdacht‹ unangefochten bleibt. All dies würde ein schwuler Spieler in Frage stellen, denn unvermeidlich wäre mit ihm der Verdacht im Spiel, dass nicht Freude, sondern Begehren ihn den körperlichen Kontakt suchen lässt. Gerade dass der Männerbund weitestgehend von jeglicher Sexualität gesäubert ist, lässt schon den Gedanken an einen schwulen Spieler zur verräterischen Angstfantasie werden.« Das gilt analog auch für den Jubel auf den Tribünen oder in den Kneipen und Wohnzimmern, bei dem sich plötzlich Männer in die Arme fallen, die derlei abseits des Fußballs eher selten praktizieren und entsprechende Versuche brüsk mit der Bemerkung zurückweisen, schließlich »nicht schwul« zu sein.

Denn den Verdacht, der – heterosexuellen – Norm nicht zu entsprechen, möchten nicht wenige Männer möglichst um jeden Preis vermeiden. Dabei spielt natürlich die Angst vor der eigenen Diskriminierung und vor gesellschaftlichen und beruflichen Nachteilen eine Rolle – schließlich wissen die Schwulenfeinde selbst am besten, wie sie und Ihresgleichen mit Abweichlern umzugehen pflegen, und da möchte man ungern selbst zum Opfer werden, weshalb man Gerüchten bevorzugt schon vor ihrer Entstehung entgegentritt. Man fühlt sich – zumindest vordergründig – wohl in der Masse und will nicht weiter auffallen, jedenfalls nicht durch eine nonkonforme sexuelle Orientierung.


Nichts ist für die Ewigkeit

Gleichzeitig können das ewige Schwimmen mit dem Strom und die Unterwerfung unter vermeintliche Sachzwänge und gesellschaftliche Regeln, an denen man scheinbar ohnehin nichts ändern kann, zu einer Selbstverachtung führen, zu einem Minderwertigkeitsgefühl und zum hasserfüllten Neid auf diejenigen, die zumindest dem Anschein nach ihre Individualität leben – auch und gerade im Bereich der Sexualität, also der Lust – und dadurch genau die Normen in Frage stellen, unter denen der Konformist im Grunde seines Herzens zwar leidet, die anzugehen er sich aber zu schwach fühlt. Um das eigene Dasein jedoch nicht in Frage stellen zu müssen und um jedweden Zweifel an jenen Gewissheiten und Zwängen zu vertreiben, die ihm das Leben zur Hölle machen, bedarf es für ihn des Angriffs auf die Abweichler. Diesen wird genau das unterstellt, wovon der Konformist selbst träumt, was er aber verdrängt und sich versagt. Schwule hält er deshalb für promiskuitiv, allzeit potent und hemmungslos – eine lupenreine Projektion. Die Homophobie ist also Ausdruck einer Ich-Schwäche, und der Fußball bietet insoweit vielen Männern eine gesellschaftlich opportune Möglichkeit, unterdrückten Bedürfnissen nachzugeben – und zwar kollektiv –, ohne sich »verdächtig« zu machen.

Allerdings muss der Männerbund als klassisches Erfolgsrezept im Fußball nichts sein, was zwangsläufig und dauerhaft überlebt. Vor nicht allzu langer Zeit waren auch Frauen und Mädchen in den Stadien noch eine Ausnahme, die von der männlichen Mehrheit bestenfalls geduldet wurde, und kaum jemand konnte sich vorstellen, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Die Kommerzialisierung und die Transformation des Fußballs in einen Bestandteil der Popkultur sind als Motor einer überfälligen Liberalisierung zweifellos zu begrüßen. Darüber hinaus können Aufklärungskampagnen und Maßnahmenkataloge zweifellos hilfreich sein, um der Homophobie den Garaus zu machen; zudem ist und bleibt es wünschenswert, wenn von Funktionären, Trainern und prominenten Spielern entsprechende Initiativen ausgingen. Und dabei kommt es entgegen einer verbreiteten Annahme gerade nicht darauf an, dass sich die ersten aktiven schwulen Fußballer öffentlich selbst outen. Vielmehr bräuchte es mehr Spieler, die öffentlich fragen: Wo ist eigentlich das Problem? Zumindest würde das etwas anstoßen, das mehr als überfällig ist.

Das Bild wurde von der Fotografin Martina Hartl bei einem Spiel des Wiener Sportklubs im April 2012 aufgenommen und zeigt eine Aktion der Freund_innen der Friedhofstribüne.

Tipp zum Weiterlesen: Dirk Leibfried/Andreas Erb: Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball. Göttingen (Verlag Die Werkstatt) 2011, 176 Seiten, 12,90 Euro [D].


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Sepp Blatter – for the good of the game! May 28, 2015 | 05:16 pm

Sepp Blatter – for the good of the game!

Es ist wirklich höchste Eisenbahn, einmal ein Plädoyer für Sepp Blatter zu formulieren, jenen verdienten Präsidenten des Weltfußballverbands, auf den jetzt alle so vehement eindreschen. Denn dieser Mann kann, nein: muss einem doch aufrichtig leid tun. 79 Lenze zählt er schon, das ist ein Alter, in dem andere längst mit ihrem Schaukelstuhl tiefe Kerben ins Ahornparkett wippen. Aber der honorige Sepp, der ist weiter vitalstmöglich für den schönsten Sport der Welt unterwegs, und das sogar an vorderster Front, nämlich bei der FIFA. »Mein Vater sagte immer: Ausruhen kannst du auf dem Friedhof«, hat er kürzlich gegenüber der Zürcher SonntagsZeitung einen bewegenden Einblick in seine Familiengeschichte gewährt. Und wer dankt es ihm? In Europa jedenfalls so gut wie niemand, da wird nur auf ihn geschimpft, da wird er nur verspottet und der Korruption geziehen. Dabei tut er das, was er tut, gar nicht für sich selbst, sondern für den Fußball, also letztlich für uns alle. »For the good of the game«, wie die FIFA und mit ihr der Sepp immer sagt.

Vor allem liberal gesinnte Geister fluchen auf den Sepp. Dabei ist er doch zum Beispiel ein großer Freund und Förderer der weiblichen Balltreterei. Erst kürzlich hat er gegenüber der BBC bekannt – ganz bescheiden, wie es seine Art ist: »Ich würde nicht sagen, dass der Frauenfußball mein Baby ist, aber ich verstehe mich ein bisschen als der Godfather der Organisation des Frauenfußballs.« Deshalb hat die FIFA jetzt, rechtzeitig vor der anstehenden Frauen-WM in Kanada, auch Geschlechtstests durchführen lassen – es soll halt sichergestellt sein, dass da nicht irgendwelche genmanipulierten Mannweiber oder androgynen Kampflesben den Wettbewerb verzerren. Schon vor elf Jahren hat der Sepp in der Schweizer Boulevardzeitung Sonntagsblick vorgeschlagen: »Lassen wir Frauen doch in anderen Tenüs spielen als Männer.« Dafür haben ihn verklemmte Lustfeinde einen Sexisten gescholten, dabei wollte er bloß, dass mehr Männer beim Frauenfußball zuschauen. For the good of the game!

Auch für andere Minderheiten schlägt dem Sepp sein Herz. Den Rassismus zum Beispiel hat er verbieten lassen, und seitdem gibt es ihn nicht mehr, jedenfalls nicht beim Fußball. Oder hat man schon mal gehört, dass die FIFA irgendwo gegen Rassismus vorgegangen ist? Na also. Auch Homosexuelle mag der Sepp sehr, deshalb hat er ihnen für- und vorsorglich empfohlen, in Katar während der WM 2022 auf Geschlechtsverkehr zu verzichten. So kann ihnen dort nämlich nichts passieren. Juden haben in dem Emirat ebenfalls nichts zu befürchten – jedenfalls, wenn sie gar nicht erst einreisen. Okay, das mit den Israelis könnte eventuell ein Problemchen geben, aber die qualifizieren sich sowieso nicht, und wenn doch, kann man den palästinensischen Verband einfach bitten, noch mal schnell einen Ausschlussantrag zu stellen. Dem wird dann endlich stattgegeben, wegen der Menschenrechte und so. Der Sepp ist ja erwiesenermaßen ein großer Freund der Menschenrechte. For the good of the game!

Genau deshalb finden die nächsten Weltmeisterschaften auch in Russland und Katar statt. Denn was könnte den Menschenrechten dort auf die Sprünge helfen, wenn nicht der Fußball? Und wer, wenn nicht der Sepp? Sehr zu Recht hat er bereits vor neun Jahren festgestellt: »Wo Fußball gespielt wird, wird nicht gekämpft. Wenn also alle Menschen Fußball spielen würden, gäbe es keine Kriege – aber es spielt nicht jeder Fußball.« So banal, so zutreffend. Und: »Die FIFA ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion.« Wer würde da widersprechen wollen? Außerdem ist es doch ungemein sympathisch, dass der Sepp sich nicht als Anwalt der Großkopferten versteht, ganz im Gegenteil, wie er der FAZ mal gesteckt hat: »Ich bin der Präsident derjenigen, die mehr Mühe hatten, im internationalen Konzert mitzuspielen. Also wenn man so will, bin ich der Präsident der Kleinen.« Da steht einer für Gleichheit, für Gerechtigkeit, für Großmut! For the good of the game!

Der Mann hat sich, sein Leben und sein Wirken einfach ganz dem Fußball verschrieben. Nichts anderes als seine pure Leidenschaft treibt ihn, nichts anderes motiviert ihn. Geld hat der Mann doch wahrlich schon genug, und glücklich macht es auch nicht. Deshalb liegt der Sepp ganz richtig, wenn er die Bedeutung und das Ziel seines Weltverbandes so beschreibt: »Die FIFA pflegt, wie die Kirche, ein kulturelles Gut. Ball und Spiel. Alles basiert auf der Ideologie des Balls.« Und diese Ideologie ist sehr erfolgreich: »Wir haben festgestellt, dass der Fußball mehr Anhänger hat als die katholische Kirche.« Das kann kein Zufall sein, zumal auch die Biologie ihren Teil dazu beiträgt, wie der Sepp ganz richtig erkannt hat: »Das ungeborene Kind im Mutterleib boxt nicht mit den Händen, es benutzt nicht den Kopf – es kickt.« Deshalb ist auch der Tag nicht mehr fern, an dem der Fußball über unsere Erde hinaus expandieren wird: »Wir sollten uns fragen, ob unser Spiel eines Tages auf einem anderen Planeten gespielt wird. Wir hätten dann nicht nur eine Weltmeisterschaft, sondern interplanetare Wettbewerbe.« For the good of the game!

Wenn man den Sepp so sprechen hört, kann man ihm nur beipflichten, wenn er sagt: »Ich brachte menschliche Wärme in den Betrieb.« Umso härter muss es ihn getroffen haben, dass nun FIFA-Funktionäre aus seinem direkten Umfeld festgenommen worden sind. Menschen, denen er vertraut, Menschen, mit denen er Überzeugungen geteilt hat. Es spricht für ihn und seine zutiefst rechtsstaatliche Haltung, dass er die Ermittlungen nun unterstützt. Dabei hätte er allen Grund, hellauf empört darüber zu sein, dass sich ausgerechnet die Amis, denen sein geliebter Fußball doch so herzlich wumpe ist, nun zum Retter dieses Sports aufschwingen – und wie zum Hohn auch noch eine schwarze (!) Frau (!!) namens Lynch (!!!) auffahren, um diese Rettung zu annoncieren. Außerdem hätten sich die Schwierigkeiten – und um mehr handelt es sich ja nicht (»Krise? Was ist eine Krise? Die Fifa befindet sich in keiner Krise«) – ganz anders aus der Welt schaffen lassen, wie der Sepp schon früher immer wieder betont hat: »Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie.« For the good of the game!

Wünschen wir uns also, dass Sepp Blatter, dieser große Mann, auf dem anstehenden FIFA-Kongress wiedergewählt wird – und dass nicht dieser jordanische Prinz, der ohne die Patronage vom Sepp niemals zum Vizepräsidenten des Weltfußballverbands aufgestiegen wäre, sein Amt übernimmt. Die undankbaren UEFA-Verbände wollen zwar für diesen Prinzen stimmen, haben sich aber immerhin daran erinnert, dass sie ja Teil der Familie sind und sich ein Boykott deshalb nicht geziemt. Außerdem haben sie dem Sepp doch so unendlich viel zu verdanken – und nicht nur sie, sondern wir alle. Deshalb kann die Parole nur lauten: Sepp muss Präsident bleiben! For the good of the game!

Alle Zitate sind einer Zusammenstellung der Süddeutschen Zeitung vom 28. Mai 2015 entnommen.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.


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Gefahr im Verzug? April 28, 2015 | 04:51 pm

Almog Cohen mit einer israelischen Fahne – während seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg noch keine Gefahr

Berlin, im Juli 2014: »Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein«, brüllt eine aufgeputschte Menge mehrfach auf einer antiisraelischen Kundgebung. Die Polizei steht daneben – und lässt den antisemitischen Mob gewähren. Berlin, im April 2015: Fans des FC Ingolstadt hängen vor dem Zweitligaspiel ihres Lieblingsklubs bei Union Berlin eine israelische Flagge an den Zaun des Stadions, um auf diese Weise den israelischen Spieler Almog Cohen zu unterstützen. Ein Ordner lässt die Fahne auf Anweisung der Polizei entfernen. Zur »Gefahrenabwehr«, wie es heißt. Mit anderen Worten: Wer judenfeindliche Parolen ruft, dem tut die Staatsmacht nichts. Wer aber eine Fahne des jüdischen Staates zeigt, muss damit rechnen, für gefährlich gehalten und behelligt zu werden.

Einzelfälle sind das nicht. Antisemitische Losungen wurden, zuletzt während des Gazakrieges im vergangenen Sommer, auch in anderen deutschen Städten gegrölt, ohne dass die Polizei dagegen vorgegangen wäre. Dass Fahnen des Staates Israel von den Ordnungshütern einkassiert werden, ist ebenfalls kein Novum. Der wohl bekannteste Fall dieser Art trug sich im Januar 2009 in Duisburg zu, als Beamte die Wohnung eines Mannes stürmten und eine israelische Flagge konfiszierten, die dieser aus Protest gegen eine vorbeiziehende antiisraelische Demonstration in sein Fenster gehängt hatte. Doch auch andernorts beschlagnahmten Polizisten das blau-weiße Banner mit dem Davidstern, im März 2011 nahmen sie in Berlin sogar zwei Menschen fest, als diese damit gegen eine Kundgebung für den Boykott Israels demonstrierten.

Worin soll nun die Gefahr bestanden haben, derentwegen sich der Einsatzleiter der Polizei im Berliner Stadion An der Alten Försterei zu seinem Vorgehen bemüßigt fühlte? »Er hielt das Zeigen der Flagge für ein politisches Statement, das er bei einer Sportveranstaltung untersagen wollte«, erklärte die Polizei. Außerdem befürchtete der Beamte, dass die palästinensische Community wegen der Fahne erbost sein könnte. Ein Argument, das gleich in mehrfacher Hinsicht abwegig ist: Zum einen kann die Gemütsverfassung dieser Gemeinschaft ganz sicher kein Grund dafür sein, das Zeigen der Fahne des jüdischen Staates zu verbieten, zum anderen dürfte sich die Zahl der Palästinenser im Stadion von Union Berlin nach allem, was man weiß, ohnehin in überschaubaren Grenzen halten.

Vor allem aber hätte man die Flaggenbesitzer unbedingt zu schützen, statt sie zu zwingen, ihre Fahne einzuholen, weil andernfalls Gefahr im Verzug sei. Doch zu diesem Schutz ist die Polizei offenbar entweder nicht willens oder nicht in der Lage. Immer mehr jüdische Einrichtungen gehen deshalb dazu über, ihn auf eigene Rechnung von ehemaligen israelischen Soldaten und Elitekämpfern gewährleisten zu lassen. Mehrere hundert dieser früheren Militärs sollen in Deutschland damit beschäftigt sein, viele tausend sind es in ganz Europa. »Wenn Europas Staaten die Juden, die auf ihrem Territorium leben, nicht schützen, wird Israel das tun«, sagte der israelische Parlamentarier Israel Hasson im Sommer des vergangenen Jahres.

Wenn man dann bedenkt, dass in Berlin am Tag vor dem Spiel eine große Konferenz von Hamas-Sympathisanten stattfinden konnte, mutet das Agieren der Polizei noch befremdlicher an: Die Feinde des jüdischen Staates konnten unter Polizeischutz ihre antisemitischen Fantasien ausleben, während die Staatsmacht im Stadion nicht mal eine einzelne israelische Fahne duldete. Inzwischen hat der Berliner Polizeipräsident Klaus Klandt zwar das Vorgehen seiner Untergebenen als Fehler bezeichnet und um Entschuldigung gebeten. Doch angesichts der Tatsache, dass ein derartiger Vorgang nicht zum ersten Mal passiert ist, muss man bezweifeln, dass diese Einsicht von Dauer sein wird.

Beim FC Ingolstadt war man derweil not amused über den Einsatzleiter. Der Pressesprecher des derzeitigen Zweitliga-Tabellenführers, Oliver Samwald, sagte: »Wir hatten kein Verständnis für die Entscheidung der Berliner Polizei. Um die Situation aber nicht eskalieren zu lassen, haben wir der Anordnungen Folge geleistet.« Die Entschuldigung des Berliner Polizeipräsidenten Klaus Klandt nehme man an. Samwald ergänzte: »Wir bedauern, dass unser Spieler Almog Cohen beim Spiel am Sonntag in Berlin so etwas erleben musste. Wir gehen davon aus, dass sich ein solcher Vorfall nicht mehr wiederholt.«

Union Berlin verwies darauf, kein Problem mit der Fahne gehabt zu haben. »Aber wir würden uns mit unserem Hausrecht nie über eine polizeiliche Anweisung zur Gefahrenabwehr hinwegsetzen«, sagte der Klubsprecher Christian Arbeit. Die Erklärung des Polizeipräsidenten begrüßte der Verein. Zu klären blieb allerdings noch das Verhalten des Ordners beim Abhängen der Fahne. »Keine Flaggen von Juden erlaubt«, hatte er nach Angaben von Almog Cohen geäußert. Via Twitter machte der Klub dafür ein sprachliches Missverständnis verantwortlich: Der Ordner habe nicht gewusst, was das Adjektiv »israelisch« auf Englisch heißt. Wie man »jüdisch« übersetzt, war ihm dagegen ganz offensichtlich bekannt. Honi soit qui mal y pense.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Almog Cohen mit einer israelischen Fahne – während seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg noch keine Gefahr.


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Hommage an ein Multitalent April 20, 2015 | 09:54 pm

Das Cover der von Jean-Marie Pfaff aufgenommenen Platte »... jetzt bin ich ein Bayer«

Vor einigen Jahren sollte ich für ein Buchprojekt meine ganz eigene, persönliche Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern vielmehr eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich ohne zu zögern für Jean-Marie Pfaff entschieden, den belgischen Nationaltorhüter, der sechs Jahre lang, zwischen 1982 und 1988 nämlich, bei den Münchnern zwischen den Pfosten stand. Mit ihm lösten die Bayern 1987 den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister ab.

Als Jugendlicher habe ich Jean-Marie Pfaff nachgerade bewundert, so sehr, dass ich mir von meinem Taschengeld sogar seine Schlagerschallplatte mit dem Titel »…jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Zu Akkordeonklängen trällerte Pfaff da gemeinsam mit einem Chor unablässig diese vier immergleichen Zeilen:

Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer
Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eier
[sic!]
Und jeden Samstag steh ich froh in meinem Tor
und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor

Eine amüsante, wenn auch musikalisch sicherlich ausbaufähige Mischung aus, sagen wir: unbändiger Assimilationsbereitschaft und strahlendem Selbstbewusstsein war das. Die »Süddeutsche Zeitung« befand sogar, mit diesem Lied habe Pfaff »die Grenzen zwischen Popkultur und Fußball so konsequent zertrümmert« wie kein anderer singender Bundesligaspieler, und »die Rolle des Schlagersängers« habe »nie aufgesetzt« gewirkt. Letzteres darf man mit Fug und Recht grundsätzlich von diesem Mann behaupten: Was immer er öffentlich tat, stets war er auf eine sympathische Art unverstellt und authentisch.

Bei seinem allerersten Bundesligaspiel am 21. August 1982 stand Jean-Marie Pfaff allerdings noch gar nicht so froh in seinem Tor, genauer gesagt: Seine gute Laune hielt nur 44 Minuten lang an. Dann flog einer dieser seinerzeit gefürchteten weiten Einwürfe des Bremers Uwe Reinders direkt vor seinen Kasten. Pfaff sprang hoch, gemeinsam mit seinem Mitspieler Klaus Augenthaler und bedrängt von einem Werderaner, aber er verschätzte sich dermaßen, dass er den Ball nur mit den Fingerspitzen erreichte und ihn in sein eigenes Tor lenkte. Weitere Treffer fielen nicht. Ein unglücklicherer Einstand wäre wohl kaum denkbar gewesen, zumal die Bayern ja gehofft hatten, mit Pfaff endlich ihr Torwartproblem gelöst zu haben, das es seit Sepp Maiers durch einen Autounfall erzwungenes Karriereende drei Jahre zuvor gab. Für die stattliche Ablösesumme von einer Million Mark war der Keeper vom SK Beveren an die Isar gewechselt. Und jetzt das.


Held in der Nachspielzeit

Doch Jean-Marie Pfaff – damals immerhin schon 28 Jahre alt, Nationalspieler seit 1977, Belgiens Fußballer des Jahres 1978 und Vize-Europameister 1980 – ließ sich von diesem Fauxpas nicht unterkriegen. Am neunten Spieltag gastierte der Hamburger SV, in jenen Jahren der Hauptkonkurrent der Bayern im Kampf um die Meisterschaft, im ausverkauften Münchner Olympiastadion. Zur Pause führten die Norddeutschen bereits mit 2:0, aber der FC Bayern egalisierte diesen Vorsprung nach dem Seitenwechsel durch Tore von Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge. Als sich alle schon mit einem Remis abgefunden zu haben schienen, hatte Bayerns routinierter Verteidiger Udo Horsmann urplötzlich einen Blackout: Ohne jede Not hechtete er nach einer Flanke wie ein Torwart. Ob er den Ball tatsächlich mit der Hand berührte oder nicht, konnten die Fernsehbilder nicht zweifelsfrei klären. Schiedsrichter Walter Eschweiler jedenfalls war sich sicher: Er gab Elfmeter – in der 90. Minute.

Ich verfolgte das Spiel zu Hause vor dem Radio und rang um Fassung. Bereits in der vergangenen Spielzeit hatten die Bayern gegen den späteren Deutschen Meister eine Heimniederlage kassiert, weil es ihnen nicht gelungen war, einen 3:1-Vorsprung ins Ziel zu retten. Kurz vor dem Abpfiff erzielte Horst Hrubesch das 3:4, und ich heulte vor Enttäuschung und Wut. Sollte es nun schon wieder in buchstäblich allerletzter Minute eine Pleite gegen den HSV setzen?

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Elfmeter ausgeführt werden konnte. Auf den Rängen kam es zu Tumulten, auf dem Platz bedrängten einige Bayernspieler den Schiedsrichter, während andere versuchten, Manfred Kaltz, den stets so sicheren Hamburger Elfmeterschützen, aus dem Konzept zu bringen. Paul Breitner lief derweil in die Südkurve und versuchte, die wütenden Bayernfans zu beschwichtigen, von denen einige bereits drauf und dran waren, den Platz zu stürmen. Nach geschlagenen sechs Minuten gab Walter Eschweiler den Strafstoß schließlich frei.

Manfred Kaltz hatten das Tohuwabohu und die Verzögerung in der Zwischenzeit offenkundig verunsichert. Ohne die letzte Überzeugung schob den Ball in die Mitte – und Jean-Marie Pfaff hielt den unplatziert getretenen Elfmeter sicher. Während das Olympiastadion förmlich erbebte, heulte ich wieder – diesmal vor Glück und Erleichterung über den geretteten Punkt. Am Mikrofon des jungen Uli Köhler, der damals beim ZDF arbeitete, erzählte ein sicht- und hörbar aufgewühlter Jean-Marie Pfaff unmittelbar nach dem Spiel mit einem rot-weißen Schal um den Hals und in einem wunderbaren Mischmasch aus Flämisch und Deutsch, wie er den Strafstoß erlebt hatte: »Ich habe ruhig gebleeben« und schon vorher »mit Belgien viele Elefmeters gestoppt, dat maak ick hier ooch«.

Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden. Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich selbst im Stadion war. Saison 1983/84, UEFA-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.


Das Drama gegen PAOK

Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch null zu null, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.

Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – vermutlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.

Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich herausstellen sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.

Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute, und so war Pfaff in seiner gesamten Laufbahn bis dahin auch noch nie vom Punkt angetreten. Ich brauche die Aufzeichnung des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.

Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«


Ans Aluminium geguckt

Wenn ich in den Schulferien am Ammersee war, fuhr ich aber nicht nur regelmäßig ins Olympiastadion, sondern auch zur Säbener Straße, um den Bayern beim Training zuzusehen und Autogramme zu sammeln. Die weitaus meisten Spieler kritzelten auf dem Weg von der Umkleidekabine zu ihren Autos eher leidenschaftslos und wortkarg ihren Namenszug auf hingehaltene Trikots, Bälle und Poster, aber Pfaff hatte für die Fans oft ein Lächeln, ein Schulterklopfen oder einen Scherz übrig. Er, der mit elf Geschwistern aufgewachsen war, schon in jungen Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste und bis zu seinem Wechsel an die Isar neben dem Fußball einem geregelten Beruf nachging, schien auch beim großen FC Bayern nicht vergessen zu haben, aus welchen Verhältnisse er stammte. Seine stets offene und freundliche Art kam an. Wohl vor allem deshalb ist er noch heute nicht nur bei vielen, die es mit dem Rekordmeister halten, so überaus beliebt.

Weil ich ihn so verehrte, erwog ich seinerzeit sogar, vom Feldspieler zum Torhüter umzusatteln. Ein paar Mal erschien ich mit Torwarthandschuhen zum Training des kleinen Vereins im Westerwald, bei dem ich mit mäßigem Erfolg kickte. Doch nach dem dritten oder vierten Versuch zwischen den Pfosten – mit zahllosen unterlaufenen Flanken, missglückten Abschlägen und schlechten Reflexen – nahm mich mein Trainer beiseite und raunte mir zu: »Wenn Jean-Marie Pfaff dich so sehen könnte, würde er vor Verzweiflung in Tränen ausbrechen.« Da verschwanden die Handschuhe auf Nimmerwiedersehen im Schrank. (Mein jüngerer und erheblich talentierterer Bruder dagegen, auch er ein Bayernfan, schaffte es als Keeper immerhin in die Kreisauswahl. Ich hätte kaum neidischer sein können.)

Mit dem FC Bayern wurde Jean-Marie Pfaff unter anderem dreimal Deutscher Meister, darunter war auch der Titelgewinn 1986, der für den Klub bis heute neben der Last-Minute-Meisterschaft 2001 vermutlich der emotionalste ist. Denn in jenem Jahr fingen die Münchner im letzten Spiel noch die Bremer ab, die fast während der gesamten Spielzeit auf Platz eins gestanden hatten. Dabei hatte Werder am vorletzten Spieltag die Riesenchance, bereits alles klar zu machen: Im Heimspiel gegen die Bayern bekamen sie beim Stand von 0:0 kurz vor Schluss einen fragwürdigen Handelfmeter zugesprochen, und ihr etatmäßiger Schütze Michael Kutzop hatte bis dahin in der Bundesliga noch nie einen Strafstoß verschossen.

Doch diesmal traf er lediglich den Pfosten, es blieb beim torlosen Remis, die Entscheidung über die Meisterschaft war vertagt. Und weil die Bremer ihre letzte Bundesligapartie in Stuttgart knapp verloren, während der FC Bayern sein Spiel gegen Borussia Mönchengladbach deutlich mit 6:0 gewann, ging die Schale schließlich doch noch nach München. Jean-Marie Pfaff hatte Kutzops Elfmeter zwar nur hinterherschauen können – aber was heißt »nur«? Ich bin mir bis heute ganz sicher, dass er ihn – knapp vier Jahre nach seinem Eigentor im selben Stadion – sozusagen »ans Aluminium geguckt« hatte. Pfaff und die Elfmeter, das war einfach eine ganz besondere Beziehung.


Rückkehr nach Belgien

Ein Jahr danach hatte der aus Flandern stammende Schlussmann sogar die Chance, den Europacup der Landesmeister zu gewinnen. Doch in europäischen Endspielen fehlte ihm das nötige Quäntchen Glück: So, wie er mit Belgien das EM-Finale 1980 gegen die DFB-Auswahl knapp mit 1:2 verloren hatte, so scheiterte er auch mit den Bayern im entscheidenden Spiel um Europas Krone. Gegen den FC Porto waren die Münchner als klarer Favorit in die Partie gegangen und sahen nach Kögls Kopfballtreffer auch lange Zeit wie der sichere Sieger aus. Doch Rabah Madjer mit seinem legendär gewordenen Hackentor und Juary drehten den Spieß binnen zwei Minuten um. Pfaff war bei beiden Gegentoren chancenlos, aber das war natürlich kein Trost.

Ein weiteres Jahr später verließ er den FC Bayern und kehrte zurück nach Belgien, wo er sich Lierse SK anschloss, bevor er beim türkischen Erstligisten Trabzonspor im Sommer 1990 seine Laufbahn beendete. Von der Bildfläche verschwand er jedoch nie – und das ist wörtlich zu nehmen: Ab 2003 strahlte ein belgischer Fernsehsender wöchentlich eine Doku-Soap mit dem Titel »De Pfaffs« aus, in der Jean-Marie Pfaff und seine Familie zu sehen waren. Die Serie war so beliebt, dass sie es auf satte 267 Folgen brachte. Dass er durchaus das Zeug zum Schauspieler besitzt, hatte Pfaff schon 1987 unter Beweis gestellt, als er im Film »Zärtliche Chaoten«, zu dessen Hauptdarstellern unter anderem Thomas Gottschalk, Helmut Fischer und Pierre Brice gehörten, eine Gastrolle spielte.

Für seinen Schlager »…jetzt bin ich ein Bayer« bekam er in Belgien übrigens sogar die »Goldene Schallplatte« überreicht. Er behielt sie jedoch nicht, sondern übergab sie, wie er in einem Interview des WDR erzählte, Papst Johannes Paul II. während einer Audienz, zu der er in Lederhosen erschienen war. Der Grund für diese Spende, so berichtete Pfaff, lag in einem nicht von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem eine Nonne getötet worden war. Nein, ein gewöhnlicher Torwart und Mensch war und ist Jean-Marie Pfaff, den Pelé im Jahr 2004 für die FIFA aus Anlass von deren 100-jährigem Bestehen auf eine Liste der besten 125 noch lebenden Fußballer gesetzt hat, ganz gewiss nicht.


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Bericht vom Bundestreffen in Bremen: Gegen den deutschen Erinnerungsnationalismus April 15, 2015 | 09:30 am

Am Wochenende vom 27. bis 29. März fand das Verbandswochenende der Linksjugend ['solid] statt. Dort trafen sich die verschiedenen Arbeitskreise des Jugendverbands, so auch der Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom. Für den BAK Shalom war es das 25. bundesweite Treffen seit 2007. Neben der internen Arbeitsorganisation stand die Vorbereitung des kommenden Bundeskongresses der Linksjugend auf dem Plan. Weitere Schwerpunkte des Treffens waren die Kritik am deutschen Erinnerungsnationalismus sowie Antisemitismus im Fußball.

Israel: Ausschluss aus der FIFA? April 9, 2015 | 03:59 pm

Der Präsident des Palästinensischen Fußballverbands, Djibril Rajoub (links), mit FIFA-Präsident Joseph Blatter

Der Palästinensische Fußballverband hat bei der FIFA offiziell den Antrag gestellt, Israel auszuschließen. Sein Präsident, ein früherer Terrorist, unternimmt auch ansonsten alles, um dem israelischen Verband zu schaden – und hält jede Annäherung für ein Verbrechen.

Wenn es nach Jibril Rajoub geht, wird Israel sowohl aus dem Weltfußballverband FIFA als auch aus dem europäischen Verband, der UEFA, ausgeschlossen. Einen entsprechenden Antrag hat der Präsident der Palestinian Football Association (PFA) jedenfalls bei der FIFA gestellt; darüber entschieden wird Ende Mai, wenn der FIFA-Kongress, das höchste Entscheidungsorgan des Weltverbandes, in Zürich zusammentritt. Seinen Schritt hatte Rajoub bereits Ende März gegenüber dem UEFA-Präsidenten Michel Platini angekündigt; der frühere französische Weltklassespieler wandte sich daraufhin an Avi Luzon, den israelischen Vertreter im Exekutivkomitee der UEFA und früheren Präsidenten des Israelischen Fußballverbands (IFA). »Dieses Mal ist es ernst«, soll Platini zu ihm gesagt haben. Es gebe mehrere Verbände, die sich den Palästinensern anschließen wollten, selbst wenn die Israelis im Recht seien. Die PFA behauptet, Israel be- und verhindere zum einen Reisen palästinensischer Mannschaften und zum anderen die Auslieferung von Ausrüstungen sowie Baumaßnahmen für Fußballplätze.

Bereits in der Vergangenheit hatte Jibril Rajoub, der auch dem Palästinensischen Olympischen Komitee vorsteht, mehrmals versucht, Sanktionen gegen israelische Sportverbände zu erwirken. So forderte er beispielsweise im Mai 2012 den Ausschluss Israels aus sämtlichen olympischen Verbänden und Einrichtungen; im Juli desselben Jahres rief er die UEFA dazu auf, der IFA die Ausrichtung der U21-Europameisterschaft im Fußball zu entziehen. Im Februar 2013 teilte er zudem mit, dass keine palästinensischen Fußballer an einem vom Präsidenten des FC Barcelona, Sandro Rosell, und Israels Präsident Shimon Peres geplanten »Friedensspiel« zwischen dem spanischen Weltklub und einem israelisch-palästinensischen Auswahlteam mitwirken werden. Das sei »erst nach dem Ende der Besatzung« möglich.

Rajoub ist strikt gegen jegliche Annäherung zwischen den Palästinensern und Israel. »Jede gemeinsame sportliche Aktivität mit dem zionistischen Feind zum Zwecke der Normalisierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, sagte er im September 2014, als sich israelische und palästinensische Jugendliche zu einem Fußballspiel in Südisrael trafen. Man müsse Israel aber auch auf anderen Ebenen konfrontieren: »Durch eine Eskalation des Widerstands, durch Boykott und Isolation sowie durch den Stopp jeder Form von Normalisierung«, auch auf den Gebieten »der Politik, der Hochschulen, des Handels und der Wirtschaft«. Die Option eines bewaffneten Aufstandes sei ebenfalls nicht vom Tisch. Ende April 2013 hatte er in einem Fernsehinterview sogar bedauert, dass die Palästinenser keine Atomwaffen besitzen, andernfalls würden sie sie sofort gegen Israel einsetzen. Rajoub hat wegen terroristischer Aktivitäten insgesamt 17 Jahre in israelischen Gefängnissen gesessen. Unter Jassir Arafat wurde er später Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland.

Israel blockiere die Entwicklung des palästinensischen Fußballs und erschwere es palästinensischen Fußballern, zu ihren Spielen zu gelangen, klagt Rajoub. Dabei unterschlägt er geflissentlich, dass es bereits eine Reihe von Fällen gab, in denen palästinensische Kicker an Grenzübergängen gestoppt wurden, weil sie zuvor in terroristische Aktivitäten verwickelt waren. Zu nennen wäre in diesem Kontext beispielsweise Sameh Fares Mohammad, der als Bote zwischen der Hamas und einem Hamas-Terroristen in Katar fungierte und deshalb im Sommer 2014 vom israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet festgenommen wurde. Oder Omar Abu Rwayyis – damals Torhüter der palästinensischen Olympiamannschaft –, der im Januar 2012 gemeinsam mit einem weiteren Fußballer einen Anschlag auf israelische Soldaten verübte und dafür von der israelischen Armee inhaftiert wurde.

Wie auf dem FIFA-Kongress im Mai über den Antrag des Palästinensischen Fußballverbands auf Ausschluss Israels abgestimmt werden wird, ist offen. Jeder der 209 Mitgliedsverbände – zu denen die PFA seit 1998 gehört – hat dort unabhängig von seiner Größe genau eine Stimme. Für den Ausschluss eines Mitglieds ist eine Dreiviertelmehrheit erforderlich. Der israelische Verband, der sich zu dem palästinensischen Vorhaben noch nicht geäußert hat, ist im Weltfußball eine Menge Kummer gewohnt; er war immer wieder von antisemitischen Boykotten betroffen und wurde jahrzehntelang von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht. Ein Verstoß aus der FIFA hätte allerdings eine völlig neue Dimension. FIFA-Präsident Joseph Blatter hat unterdessen seine »Bedenken« gegen den Antrag geltend gemacht, weil er »dem gesamten Fußball-Weltverband Schaden zufügen« würde. Zu einer inhaltlichen Ablehnung konnte er sich nicht durchringen.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

Zum Foto: Der Präsident des Palästinensischen Fußballverbands, Djibril Rajoub (links), mit FIFA-Präsident Joseph Blatter.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (II) January 16, 2014 | 01:53 pm

Zweiter und letzter Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum ersten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Nach der Aufnahme in die UEFA

Nach dieser Rückschau nun ein Sprung in die Gegenwart, die für Fußball-Israel gewissermaßen vor etwas mehr als 20 Jahren begonnen hat. Denn wie bereits ausgeführt, ging für den israelischen Fußballverband und die israelischen Spieler 1991 mit der Aufnahme in die UEFA eine Odyssee rund um den Globus zu Ende. Gleichzeitig bekam der israelische Fußball dadurch einen weiteren Schub. Zwar zahlten die Klubs in ihren internationalen Spielen vor allem zu Beginn das berühmte Lehrgeld, doch das neue fußballerische Zuhause und die damit zusammenhängenden Herausforderungen bewirkten entscheidende Änderungen: Die Zuschauerzahlen und die Spielergehälter stiegen, die Liga wurde aufgewertet, das Bezahlfernsehen stieg in den Fußball ein, Sponsoren und Mäzene pumpten Geld in die Klubs, israelische Spieler und israelische Klubs wurden auch außerhalb des Landes interessanter.

Nicht zuletzt diese Professionalisierung führte schließlich auch dazu, dass Israel im Sommer des vergangenen Jahres Gastgeber der U21-Europameisterschaft werden konnte. Es war das größte und wichtigste Fußballturnier, das jemals im jüdischen Staat ausgetragen wurde, und es war der wohl größte sportpolitische Erfolg der israelischen Fußballgeschichte. Die Begeisterung im Land war groß, die – eigens für das Turnier ausgebauten – Stadien waren bestens gefüllt, und mit der Sicherheit gab es entgegen manch anders lautender Befürchtung ebenfalls keine Probleme.

Doch zugleich machten verschiedene Geschehnisse im Vorfeld des Turniers deutlich, dass Israel von zu vielen noch immer nicht als gleich- und vollwertiges Mitglied in Fußball-Europa betrachtet wird. Denn es gab allerlei politischen Protest: Im November 2012 beispielsweise traten mehr als 50 Fußballprofis – darunter die früheren Bundesligaspieler Papiss Demba Cissé und Demba Ba – mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit, in der sie gegen die israelischen Militärschläge im Gaza-Streifen protestierten, ihre »Solidarität mit der belagerten Bevölkerung in Gaza« ausdrückten und sich dagegen aussprachen, die Europameisterschaft in Israel stattfinden zu lassen. Im Frühjahr 2013 störten einige Demonstranten eine Abendveranstaltung des europäischen Verbands im Rahmen eines UEFA-Kongresses in London, indem sie dort antiisraelische Parolen riefen und eine palästinensische Fahne schwenkten.

Und noch wenige Tage vor dem Beginn des Turniers unternahmen einige besonders notorische Gegner Israels einen letzten Versuch, die UEFA zur Absage des Turniers im jüdischen Staat zu bewegen. Der europäische Verband belohne »Israels grausames und gesetzloses Verhalten«, hieß es in einem offenen Brief, den unter anderem der ehemalige südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, der französisch-malische Ex-Fußballprofi Frédéric Kanouté und der britische Filmregisseur Ken Loach unterschrieben hatten. Die UEFA, so meinten die Initiatoren weiter, solle es Israel nicht gestatten, »ein prestigeträchtiges Fußballereignis dazu zu benutzen, um seine rassistisch motivierte Verweigerung von Rechten für die Palästinenser und die illegale Besatzung von palästinensischem Land zu übertünchen«. Auch wenn es schon sehr spät sei, fordere man die UEFA dazu auf, »die Entscheidung, Israel dieses Turnier austragen zu lassen, zu widerrufen«. Glücklicherweise ohne Erfolg.

Dabei gab es auch zwischen dem israelischen und dem europäischen Fußballverband in den Jahren zuvor immer mal wieder Spannungen. Als beispielsweise die Zweite Intifada ab dem Jahr 2000 ihren Terror ausagierte, mussten israelische Teams auf Geheiß der UEFA ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben auf Zypern austragen, weil es den anreisenden Klubs angeblich nicht zuzumuten war, in Israel zu kicken. Erst nach dem Bau des Sicherheitszauns und dem Rückgang der Selbstmordattentate genehmigte die UEFA im April 2004 wieder die Austragung von Partien im Land.

Auch während des Libanonkrieges im Sommer 2006 und noch längere Zeit danach wurden israelische Klubs und die israelische Nationalmannschaft für den Terror bestraft, der den jüdischen Staat heimsuchte. Monatelang mussten sie ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben jenseits der Landesgrenzen austragen, teilweise auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zur Begründung hieß es, die Sicherheit der Sportler in Israel sei nicht ausreichend gewährleistet. Der Ärger, den diese Entscheidung in Israel seinerzeit auslöste, lässt sich nachvollziehen. Denn würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem Anschlag in Antalya im August 2006 verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah.

Hinzu kommt, dass israelische Mannschaften und israelische Spieler immer wieder mit verschiedenen Formen des Antisemitismus konfrontiert sind. Ein Beispiel sind entsprechende Transparente und Parolen in den Stadien, wie etwa beim Länderspiel zwischen Ungarn und Israel im August 2012 oder beim UEFA-Pokal-Spiel zwischen Paris St. Germain und Hapoel Tel Aviv im November 2006 (nach dieser Partie kam es sogar noch zu einer regelrechten Hetzjagd französischer Neonazis auf Hapoel-Anhänger). In diesem Zusammenhang wären auch die antisemitischen Beschimpfungen zu nennen, die der israelische Nationalspieler Itay Shechter im Februar 2012 bei einer Trainingseinheit des 1. FC Kaiserslautern erdulden musste.

Ein anderes Beispiel sind Spieler aus islamischen Staaten oder mit muslimischem Hintergrund, die nicht gegen israelische Teams spielen wollen. Hier wären etwa die früheren Bundesligaprofis Vahid Hashemian und Ashkan Dejagah zu nennen: Der damalige iranische Nationalspieler Hashemian fehlte im Herbst 2004 in beiden Champions-League-Partien des FC Bayern gegen Maccabi Tel Aviv – offiziell wegen einer Verletzung, aber diese Begründung glaubte wirklich niemand. Und der Deutsch-Iraner Dejagah weigerte sich im Oktober 2007, mit der deutschen U21-Nationalmannschaft zum Europameisterschafts-Qualifikationsspiel nach Israel zu reisen. Die Spekulationen über seine Motive heizte Dejagah dabei selbst an. »Das hat politische Gründe«, wurde er seinerzeit in verschiedenen Zeitungen zitiert. Weiter sagte er: »Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt, schließlich sind meine Eltern Iraner.«

Und dann gibt es da noch Klubs, die Trainingslager in Staaten veranstalten, die Israel nicht anerkennen. Wie etwa – um ein ganz aktuelles Beispiel zu nennen – der niederländische Erstligist Vitesse Arnheim, der seinen israelischen Verteidiger Dan Mori einfach zu Hause ließ, nachdem die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate angekündigt hatten, ihm die Einreise zu verweigern, weil er Israeli ist.

Doch all diesen Dingen zum Trotz hat der israelische Fußball einen erkennbaren Sprung nach vorne gemacht. Israelische Profis werden in den europäischen Ligen mittlerweile durchaus geschätzt. Nicht nur in England – wo sich nach Ronny Rosenthal (Foto, rechts), der bereits in den 1990er Jahren erfolgreich für Liverpool, die Spurs und Watford spielte, vor allem Yossi Benayoun (Foto, links) einen Namen machte –, sondern auch in der Bundesliga, wie etwa Beispiele aus den vergangenen Jahren wie Itay Shechter, Almog Cohen, Gal Alberman oder Roberto Colautti zeigen. Die israelische Ligat ha’Al wiederum zählt zwar fraglos weiterhin nicht zu den ersten Adressen im europäischen Fußball, doch auch hier treten neben den einheimischen auch immer mehr internationale Spieler gegen den Ball. Und israelische Klubs qualifizieren sich inzwischen auch schon mal für die Gruppenphase der Champions League und bleiben in der Europa League nicht mehr zwangsläufig in der Qualifikation oder der Vorrunde hängen, wie es früher regelmäßig der Fall war.

Bei der Nivchéret, der Nationalmannschaft, darf man ebenfalls davon ausgehen, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem die zweite WM-Teilnahme (oder die erste an einer Europameisterschaft) gefeiert werden kann und Günter Netzers Urteil vom Juni 2001 – »Die Israelis spielen einen hervorragenden Fußball, den sie nicht in Ergebnisse umwandeln können« – widerlegt wird. Die Konkurrenzfähigkeit ist jedenfalls größer geworden, und ein paar Mal war es ja auch schon recht knapp. Außerdem steht wohl nicht mehr zu befürchten, dass sich die Nationalspieler derart unprofessionell verhalten wie 1999, als sich mehrere Akteure am Abend vor dem alles entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark mit Prostituierten vergnügten – und das Match dann mit 0:5 vergeigten.**


Fußballfans in Israel

Das sorgte seinerzeit für eine Menge Unmut auch unter den israelischen Fußballfans, um die es nun gehen soll. Wie generell im Fußball hat sich auch im israelischen vor allem in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert. Was jedoch erhalten geblieben ist, ist die – nicht nur sportlich, sondern eben auch politisch bedingte – Rivalität zwischen den Klubs, wobei diese sich im Laufe der Jahre mehr und mehr vom Platz und den Klubzentralen auf die Ränge verlagert hat. Einem Spieler wird es im Zweifelsfall gleichgültig sein, ob er bei Maccabi, Hapoel oder Beitar sein Geld verdient; für die Anhänger spielt das jedoch weiterhin eine große Rolle. Dazu muss gesagt werden, dass sich eine organisierte Fan- und Ultrà-Szene in Israel erst relativ spät entwickelt hat, nämlich Ende der 1990er Jahre. Zunächst gab es überhaupt nur zwei organisierte Fangruppen – die von Hapoel Tel Aviv und die von Maccabi Tel Aviv. Seit 2007 existiert die Vereinigung Israfans, eine Dachorganisation von Fußballfans, in der rund 25 Ultrà-Gruppierungen, Fanprojekte und Fanklubs zusammengeschlossen sind.

Zu den Anliegen von Israfans gehört vieles, was man auch von Fanvereinigungen hierzulande kennt, beispielsweise der Kampf gegen zu harte Polizeieinsätze, gegen eine zunehmende Entfremdung zwischen Klubführungen und Fans und gegen zu hohe Ticketpreise; der Einsatz für eine Vernetzung der Fangruppen, für Fanrechte und für eine bessere Zusammenarbeit mit den Klubs. Es gibt einen organisierten Austausch mit Fußballfans aus Europa; die finanziellen und personellen Ressourcen sind jedoch begrenzt, und der Einfluss von Israfans könnte zweifellos größer sein. Angesichts des Desinteresses vieler Klubführungen an einer Zusammenarbeit mit dieser Vereinigung und eingedenk manch harter Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen ist die Arbeit für die Aktivisten von Israfans allerdings auch alles andere als leicht.

Die größten Differenzen im Lager der Fans gibt es zweifellos zwischen den Ultràs von Hapoel Tel Aviv und den Anhängern von Maccabi Tel Aviv sowie insbesondere von Beitar Jerusalem; hier ist die historische Gegnerschaft in vielerlei Hinsicht erhalten geblieben. Die Hapoel-Ultràs – die in fanpolitischen Belangen zu den aktivsten in Israel gehören und beispielsweise zu Ultràs des FC St. Pauli gute Kontakte pflegen – verstehen sich dezidiert als links und antizionistisch; sie lehnen beispielsweise das Zeigen von israelischen Fahnen im Stadion ab, halten die Politik der Regierung gegenüber den Palästinensern für »rassistisch« und stehen auch der Polizei ablehnend bis feindlich gegenüber. Der arabische Antisemitismus und die damit verbundene Bedrohung Israels sind bei dieser Gruppierung kein Thema, vielmehr skandieren ihre Mitglieder bei Spielen auch schon mal Parolen wie »Gebt Jerusalem den Palästinensern« oder »Jerusalem gehört zu Jordanien«.

Bei Beitar wiederum fallen immer wieder Fans, insbesondere die der Gruppe La Familia, durch antiarabische Aktivitäten auf. Im März 2012 etwa griffen Beitar-Anhänger nach einem Spiel arabische Israelis in einem Supermarkt an, im Februar 2013 wurde im Clubhaus von Beitar sogar Feuer gelegt, nachdem der Verein angekündigt hatte, zwei muslimische Spieler unter Vertrag zu nehmen. Schon in der Vergangenheit hatte die Klubführung nach massiven Protesten von der Verpflichtung arabischer Spieler abgesehen. Feindselige Rufe gegen Araber im Stadion sind bei Beitar ohnehin eher die Regel als die Ausnahme.

Mehrfach hat der israelische Fußballverband den Klub nach Krawallen bestraft: mit Geldbußen, mit der vorübergehenden Schließung der Kurve, mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, mit Punktabzügen. Auch in der israelischen Öffentlichkeit und Politik wurden die jüngsten Ausschreitungen scharf verurteilt: Die Zeitungen des Landes gingen mit Beitar ins Gericht, Premierminister Benjamin Netanjahu – selbst langjähriges Klubmitglied – sprach von einer »Schande«, auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat war entsetzt, und der frühere Premierminister Ehud Olmert, ebenfalls seit langem ein Anhänger von Beitar Jerusalem, schrieb in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Yedioth Ahronoth, er werde so lange keine Spiele seines Lieblingsvereins mehr im Stadion anschauen, »bis die Rassisten von den Rängen und aus dem Klub entfernt worden sind«. Die beiden muslimischen Spieler wurden schließlich verpflichtet, und als einer von ihnen, der Tschetschene Gabriel Kadiev, bei seinem ersten Einsatz im Spiel gegen den arabischen Klub Bnei Sachnin eingewechselt wurde, übertönte der Applaus auf den Rängen die Pfiffe und Schmährufe deutlich.

Wenn man von Beitar Jerusalem absieht, sind arabische Spieler im israelischen Fußball ohnehin längst gang und gäbe; ihr prozentualer Anteil entspricht etwa dem der arabischen Israelis an der Gesamtbevölkerung des Landes. Der erste Araber in der Nivchéret – und der erste Araber überhaupt, der Israel bei Olympischen Spielen repräsentierte – war 1976 Rifaat Turk von Hapoel Tel Aviv. Der erste arabisch-israelische Klub, der es in die höchste israelische Spielklasse schaffte, war 1996 Hapoel Taibe, und mit dem FC Bnei Sachnin gewann 2004 ein anderer arabisch-israelischer Klub sogar den israelischen Pokal.

Doch zurück zu den Fans. Die meisten haben die vier »Großen« des israelischen Fußballs: Maccabi Tel Aviv, Hapoel Tel Aviv, Maccabi Haifa und Beitar Jerusalem. Die Hapoel-Ultràs werden von den Fans anderer Klubs – nicht nur von den Beitar-Anhängern – wegen ihrer politischen Positionen schon mal als »Hisbollah« beschimpft. Aber solche polemischen Bezeichnungen sind im hochpolitischen Israel ein fester Bestandteil der Streitkultur und nichts wirklich Ungewöhnliches. Bei den arabischen Israelis liegt Hapoel gemeinsam mit Maccabi Haifa in der Gunst ganz vorne, bei den linken ohnehin. Wer eine der Parteien der Mitte wählt, wird womöglich mit Maccabi Tel Aviv sympathisieren, wer dem Likud nahe steht, hält es vielleicht mit Beitar. Die Rivalität ist nicht unerheblich, doch insgesamt – so sagt es selbst der sonst »israelkritische« Moshe Zimmermann – seien »die Rangeleien, zu denen es manchmal kommt, ungefähr von der Qualität, wie sie auch beim Lokalderby des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen vorkommen«.

Das vielleicht bemerkenswerteste Projekt israelischer Fußballfans ist jedoch Hapoel Katamon Jerusalem – ein Klub, der von Fans gegründet wurde, von ihnen geführt wird und mittlerweile in der Liga Le’umit spielt, der zweithöchsten Klasse Israels. Er ist das Kind enttäuschter Anhänger von Hapoel Jerusalem, die vergeblich versucht hatten, ihren sportlich weitgehend bedeutungslos gewordenen und hochverschuldeten Lieblingsverein, der 1973 den israelischen Pokal gewonnen hatte und lange Zeit auf Augenhöhe mit dem Stadtrivalen Beitar war, zu kaufen. Im Jahr 2007 bauten sie »Katamon« bei einem bereits existierenden Viertligisten auf, unternahmen zwei Jahre später einen – ebenfalls erfolglosen – Versuch einer Fusion mit Hapoel Jerusalem und gründeten schließlich Hapoel Katamon Jerusalem als eigenständigen Verein, der fortan gewissermaßen das »wahre« Hapoel Jerusalem verkörpern sollte. Der Klub begann in der untersten, fünften Spielklasse, stieg 2010, 2011 und 2013 jeweils auf und spielt nun, genau wie Hapoel Jerusalem, in der zweiten Liga. Er hat allerdings deutlich mehr Zuschauer – und sozial engagierte Fans, die beispielsweise äthiopischen Immigranten Hebräisch beibringen und Schulkinder betreuen.


Zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte

Abschließend noch einige Betrachtungen zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte, die nicht fehlen sollte, wenn es hierzulande um die Historie des Fußballs im jüdischen Staat geht. 1969 kam es erstmals zu zwei Spielen zwischen israelischen Mannschaften und einem deutschen Team, nämlich dem FC Bayern Hof. Die erste Partie bestritten die Hofer in Nahariya gegen eine Regionalauswahl (Foto), Schiedsrichter war der bereits erwähnte Avraham Klein. Im Interview der Jüdischen Allgemeinen erinnerte er sich an das Match: »Israels Fußballverband hatte mich gefragt, ob ich Probleme damit hätte, dieses Spiel zu pfeifen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich: ›Nein, überhaupt nicht.‹ [...] Es gab wütende Proteste, und ich wurde für meine Entscheidung offen angefeindet. Ein Mann, der als Kind den gelben Stern tragen musste und einen Großteil seiner Familie in der Schoa verloren hat, darf doch nicht einem deutschen Fußballer vor dem Anpfiff die Hand schütteln, hieß es. [...] Ich habe es trotzdem gemacht und erst viel später gemerkt: Das Spiel war der größte Tag in meinem Schiedsrichterleben.« Bereits 1970 kam es zum Gegenbesuch einer israelischen Mannschaft in Hof, und ab 1970 reiste Borussia Mönchengladbach regelmäßig ins Trainingslager nach Israel, 14-mal insgesamt. Auch der erste – und lange Zeit einzige – israelische Bundesligaspieler, Schmuel Rosenthal, spielte für die Elf vom Niederrhein.

Deutlich jünger (und außerdem recht überschaubar) ist die israelisch-deutsche Länderspielgeschichte. Begonnen hat sie erst vor 27 Jahren, genauer gesagt: am 25. März 1987. Mit 2:0 gewannen die von Franz Beckenbauer trainierten Deutschen an jenem Tag das Spiel im nicht einmal halbvollen Stadion von Ramat Gan bei Tel Aviv, doch die sportlichen Belange interessierten seinerzeit weit weniger als die politischen Implikationen dieses sogenannten Freundschaftsspiels. Denn in Israel war begreiflicherweise längst nicht jeder einverstanden mit dieser Partie, und so blieb der seinerzeitige Staatspräsident Chaim Herzog ihr letztlich auch fern. Der Vizepräsident des israelischen Fußballverbands wiederum, Arieh Krämer, war zwar im Stadion, verließ es aber aus Protest gegen das Abspielen der deutschen Hymne wieder, das er im Vorfeld der Partie zu verhindern versucht hatte.

Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem durch die DFB-Delegation blieb unterdessen nicht frei von Peinlichkeiten. Nationalspieler Hans Pflügler etwa musste darüber aufgeklärt werden, dass er sich nicht in einer Gedenkstätte für gefallene israelische Soldaten befindet; Teamchef Franz Beckenbauer resümierte derweil: »Der Besuch brachte mir nichts Neues.« Und der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Hermann Neuberger – der im Zweiten Weltkrieg Hauptmann im Generalstab der Wehrmacht war – erzählte einem Vertreter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, er sei »Soldat im Fronteinsatz« gewesen und habe »erst nach 1944 von den Konzentrationslagern erfahren«.

Neuberger war es auch, der 1978 während der Weltmeisterschaft im faschistischen Argentinien Hans-Ulrich Rudel ins deutsche WM-Quartier eingeladen hatte – einen früheren Wehrmachtsoffizier, Träger des »Ritterkreuzes« und Hitlers Lieblingssturzkampfflieger, der sich nach Kriegsende als Waffenhändler und Fluchthelfer für Nazis betätigt hatte und die rechtsextreme »Deutsche Reichspartei« unterstützte. Kritik an der Einladung Rudels quittierte Neuberger mit den lapidaren Worten: »Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkriegs vorwerfen will.« Bevor er DFB-Präsident wurde, hatte Neuberger unter anderem als Sportredakteur bei der Saarbrücker Zeitung gearbeitet, war dort jedoch bald wegen revanchistischer Kommentare entlassen worden. Solche Konsequenzen musste er als höchster Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes, der sich bekanntlich erst lange nach Neubergers Zeit mit seiner Geschichte vor 1945 auseinanderzusetzen begann, nicht befürchten. Dass Neubergers Frau – wie der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach unlängst in einem Interview »tief beeindruckt« berichtete – »in den Bergen Judäas Bäume pflanzte«, darf in diesem Kontext als durchsichtige, medienwirksame Goodwill-Aktion betrachtet werden, die nichts als ein wenig Gratismut erforderte.

Auf den autoritären Neuberger folgte nach dessen Tod 1992 der etwas onkelhafte Rheinländer Egidius Braun, in dessen Amtszeit auch das zweite Länderspiel zwischen Israel und Deutschland fiel, das am 26. Februar 1997 stattfand und mit einem 1:0 für die DFB-Kicker endete. Erneut war das Stadion in Ramat Gan nur zur Hälfte gefüllt; die Behauptung deutscher Medien, in Israel fiebere man dem Spiel gegen die Deutschen schon lange entgegen, war nichts als Wunschdenken. Und auch der politische Auftritt der DFB-Delegation ging erneut daneben. Präsident Braun glaubte schon vorher, seine Gastgeber belehren zu müssen, als er sagte: »Die Israelis und wir sollten nicht vergessen.« Und er konkretisierte seine Mahnung mit den Worten: »Wir sollten ein Bündnis mit den Lebenden und den Toten schließen. Erinnerung ist ein Weg zur Erlösung.« Für die Nationalspieler war vor der Reise nach Israel eigens ein Vorbereitungsseminar anberaumt worden, doch allzu viel schien so mancher dabei nicht mitgenommen zu haben.

»Das kann doch nicht wahr sein! Hat’s so etwas wirklich gegeben, Trainer?«, sagte etwa Nationalspieler Mario Basler zu seinem Coach Berti Vogts in Yad Vashem, vor einem Foto stehend, auf dem ein KZ-Wärter einen verzweifelten Juden exekutieren will. Vogts antwortete ihm mit den Worten: »Doch, so war es.« Daraufhin Basler noch einmal: »Das kann doch nicht wahr sein!«*** Und Egidius Braun fragte die zahlreichen mitgereisten deutschen Journalisten vor Fotoaufnahmen, ob er »noch betroffener gucken« solle. Der ganze Sinn und Zweck dieser Übung wurde später im hauseigenen DFB-Journal resümiert; dort hieß es: »Anerkennung erntete die DFB-Equipe für ihr besonnenes Auftreten beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das ein weitweit positives Echo auslöste.« Imagepflege durch »Vergangenheitsbewältigung« also – vor allem darum ging es.

Zum dritten Spiel zwischen den Auswahlmannschaften des DFB und der Israel Football Association kam es am 13. Februar 2002. Dieses Match fand nur deshalb in Deutschland (genauer gesagt, in Kaiserslautern) statt, weil die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes der Ansicht waren, ihren Spielern die Reise nach Israel aus Sicherheitsgründen diesmal nicht zumuten zu können. Aus Furcht vor antisemitischen Ausschreitungen war der Kartenverkauf massiv kontrolliert und das Polizeiaufgebot am und im Stadion deutlich verstärkt worden. Die Deutschen gewannen die Partie mit 7:1; zur Pause hatten die Israelis nach einem Eigentor von Oliver Kahn noch mit 1:0 geführt. Die vierte und bislang letzte Partie gewann das DFB-Team am 31. Mai 2012 in Leipzig mit 2:0. Wer das Spiel vor Ort im israelischen Block verfolgt hat, wird nicht vergessen, wie irritiert viele israelische Fans reagiert haben, als durch das Stadion das offenbar unvermeidliche »Sieg«-Stakkato hallte.

Jahrelang war der Deutsche Fußball-Bund also mit allerlei Unsäglichkeiten in Israel aufgefallen; das besserte sich erst in der Amtszeit seines Präsidenten Theo Zwanziger spürbar. Zwanziger verhielt sich erheblich diskreter als seine Vorgänger und machte weit weniger Aufhebens um Reisen und Kooperationen. Zu seinen Ideen zählte auch ein Austausch von Schiedsrichtern, doch bislang kam es erst zu einem Einsatz, nämlich dem des Berliner Referees Manuel Gräfe im März 2010 bei der Erstligapartie zwischen Maccabi Haifa und Maccabi Tel Aviv. Es war das erste Mal in der Geschichte des israelischen Fußballs, dass ein deutscher Schiedsrichter ein Match in der höchsten israelischen Spielklasse pfiff. Zur Leitung eines Spiels in Deutschland durch einen israelischen Schiedsrichter kam es bisher nicht, was auch damit zusammenhängen mag, dass Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach sich weit weniger engagiert um das Verhältnis zum israelischen Fußballverband bemüht.

Und dann ist da noch Lothar Matthäus. Als er 2008 als Trainer zum israelischen Erstligisten Maccabi Netanya ging, unkte nicht nur Uli Hoeneß, dass die deutsche Diplomatie künftig zum Eingreifen gezwungen sein könnte. Doch der deutsche Rekordnationalspieler, dem sein Mundwerk so oft zum Verhängnis wurde, verhielt sich vor und während seiner Tätigkeit in Israel völlig korrekt. In Interviews bekannte er, Israel zu mögen und gerne dort zu leben und zu arbeiten. Dass sein Engagement bei Maccabi nur ein Jahr dauerte, lag vornehmlich daran, dass dem Klub das Geld ausgegangen war und er Matthäus’ Gehalt deshalb nicht länger bezahlen konnte. Als Matthäus ging, hatte Netanya die Saison als Viertplatzierter abgeschlossen – ein gutes Resultat. Und anders als so mancher seiner Landsleute hat er in der israelisch-deutschen Fußballgeschichte eine durchaus positive Rolle gespielt.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags – etwa der über die Fans in Israel –, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Vgl. Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Angaben und Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.

*** Vgl. Martin Endemann: Sie bauen U-Bahnen nach Auschwitz. Antisemitismus im deutschen Fußball, in: Gerd Dembowski, Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln 2002 (PapyRossa Verlag), S. 80–89. Die Angaben und Ausführungen in diesem und im nächsten Absatz basieren auf diesem Text.


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Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (I) January 14, 2014 | 11:15 pm

Erster Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum zweiten und letzten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Hakoah, der ganz besondere Triple-Sieger

Der israelische Fußball – so viel sei hier bereits vorweggenommen, weil es ohnehin kein Geheimnis ist – hat bislang nicht unbedingt durch überragende internationale Erfolge von sich reden gemacht. Und dennoch gibt es in Israel einen Klub, der etwas geschafft hat, das wohl einzigartig auf der Welt ist. Er gewann nämlich gleich in drei Ländern nationale Titel: in Österreich, in den USA – und in Israel selbst. Die Rede ist vom derzeitigen Zweitligisten Hakoah Ramat Gan. Und das kam so: 1909 wurde der SK Hakoah Wien gegründet, ein liberaler jüdischer Klub, der 1920 in die höchste österreichische Liga aufstieg und bereits unter Profibedingungen spielte, als es professionellen Fußball in Österreich offiziell noch gar nicht gab. 1923 sorgte er für ein internationales fußballerisches Erdbeben, als er den englischen Spitzenklub West Ham United auf der Insel mit 5:0 demütigte; 1925 errang Hakoah sogar die österreichische Fußballmeisterschaft und war mit rund 5.000 Mitgliedern zeitweilig die größte Sportorganisation der Welt. Viele Juden in aller Welt sympathisierten und identifizierten sich mit ihr, darunter nicht wenige Schriftsteller und Intellektuelle wie etwa Franz Kafka und Friedrich Torberg. Der Klub war berühmt und populär.

In New York gründeten Spieler der Wiener Hakoah 1928 im Rahmen einer Amerika-Tournee eine Dependance, die New York Hakoah. Der bekannteste dieser Spieler dürfte Béla Guttmann gewesen sein, Entdecker des am 5. Januar 2014 verstorbenen portugiesischen Idols Eusébio und Trainer von Benfica Lissabon in den Jahren 1961 und 1962, als der Klub zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann. New York Hakoah wurde 1929, nur ein Jahr nach der Gründung, mit einem Team aus österreichischen und ungarischen Fußballern amerikanischer Pokalsieger. Dem Klub war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden, bereits 1932 wurde er aufgelöst. Hakoah Wien wiederum wurde von den Nationalsozialisten nur einen Tag nach der Annexion Österreichs 1938 zerschlagen. Viele Spieler flohen vor den Nazis ins Ausland, die meisten von ihnen ins britische Mandatsgebiet Palästina. Dort gründeten sie noch im selben Jahr den Verein Hakoah Tel Aviv, der 1955 erstklassig wurde und 1959 mit Maccabi Ramat Gan fusionierte. Der daraus entstandene Klub, Hakoah Ramat Gan, wurde 1965 und 1973 israelischer Meister sowie 1969 und 1971 israelischer Pokalsieger.

Schon in dieser Geschichte, die hier nur kurz skizziert werden kann, ist so vieles aufgehoben: der Glanz und die internationale Bedeutung des jüdischen Fußballs in Europa zwischen den beiden Weltkriegen, sein jähes und brutales Ende durch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung, der unbändige Wille zum Wiederaufbau und zur Fortführung durch jüdische Emigranten und Überlebende im Mandatsgebiet Palästina respektive in Israel. Hakoah ist diesbezüglich wie ein Sinnbild, und so, wie sich der Werdegang dieses Klubs nicht ohne die politischen Rahmenbedingungen erklären lässt, lässt sich die gesamte Geschichte und Gegenwart des israelischen Fußballs nicht ohne Würdigung der politischen Umstände erzählen.


Die Anfänge des Fußballs im heiligen Land

Und das gilt bereits für die Anfänge vor über hundert Jahren, denn sämtliche jüdischen Vereine, die im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina existierten, waren Ableger politischer Organisationen, die jeweils unterschiedliche Strömungen der noch jungen zionistischen Bewegung repräsentierten (und das – mit Abstrichen – bis heute tun): Der 1912 gegründete Maccabi-Verband stand den Bürgerlichen nahe, die 1924 ins Leben gerufene Vereinigung Beitar war eine Organisation der sogenannten Revisionisten, und der 1926 entstandene Verband Hapoel (zu Deutsch: »Der Arbeiter«) wurde als Kind der Gewerkschaft Histadrut geboren. Fußball diente als Instrument zur politischen Bewusstseinsbildung, dementsprechend gab es von Beginn an eine lebhafte Konkurrenz zwischen den Vereinen. Im Mandatsgebiet Palästina spielten aber nicht nur jüdische, sondern auch arabische und britische Mannschaften, wenngleich vorerst noch nicht in einem organisierten Ligabetrieb.

»Einen ersten Fußball-Boom im heiligen Land«, so schreibt es Stefan Mayr im 2003 erschienenen, ganz vorzüglichen Buch »Davidstern und Lederball«**, »löste 1925 der Besuch der Starelf von Hakoah Wien aus. Hakoah fertigte in Tel Aviv eine Maccabi-Auswahl zwar mit 11:2 ab, lockte aber 10.000 Zuschauer ins Stadion. Das Interesse am Fußball war noch nie so groß. In der Folge organisierte ein britischer Offizier in Haifa eine Liga mit neun arabischen und jüdischen Teams. Das Projekt musste aber vorzeitig eingestellt werden – wegen Gewalttätigkeiten auf den Plätzen und Streitereien zwischen den Klubmanagern.« Doch im Sommer 1928 gründeten 14 jüdische und arabische Vertreter in Jerusalem die Palestine Football Association, die ein Jahr später vom Weltfußballverband FIFA als Mitglied aufgenommen wurde. Nun gab es auch einen regulären Spielbetrieb mit jüdischen, arabischen und britischen Mannschaften.

1928 spielten 28 Teams den ersten Meister im Pokalmodus aus; im Finale gewann Hapoel Allenby Tel Aviv mit 2:0 gegen Maccabi Hashmonai Jerusalem. Hapoel hatte allerdings einen nicht spielberechtigten Kicker eingesetzt, woraufhin der Verband verfügte, dass beide Klubs die Trophäe jeweils für ein halbes Jahr behalten dürfen – fürwahr ein salomonischer Kompromiss. 1932 nahm eine nationale Liga mit neun jüdischen, arabischen und britischen Teams den Spielbetrieb auf, zwei Jahre später zogen sich die arabischen Vereine jedoch aus dem gemeinsamen Fußballverband und der gemischten Liga zurück, weil sie eine jüdische Dominanz in der Verbandsspitze beklagten. Sie gründeten ihrerseits die General Palestinian Sports Federation; nun hatten Juden und Araber im Mandatsgebiet Palästina eigene Wettbewerbe.

Ins Jahr 1934 fällt auch das erste offizielle Länderspiel, wie Stefan Mayr schildert: »Das (komplett jüdische) Team Palästina trat [am 16. März 1934] in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gegen den arabischen Nachbarn Ägypten an. Das Hinspiel war in Kairo. Da es weder Fernseh- noch Radio-Übertragungen gab, versammelten sich etliche Fußballfreunde im Tel Aviver Café Sapir und warteten auf den verabredeten Anruf aus Kairo. Dann machte die Kunde vom 1:0-Sieg Palästinas die Runde. Die Leute sangen und tanzten auf der Allenby-Straße. Bis das wahre Ergebnis aus Kairo übermittelt wurde: 7:1 für Ägypten.« Das – sportlich daraufhin fast schon bedeutungslos gewordene – Rückspiel endete schließlich mit einem 4:1 für die Ägypter. 1938 scheiterte das Team Palästina in der WM-Qualifikation an Griechenland, 1940 gab es noch ein Freundschaftsspiel in Tel Aviv gegen den Libanon. Kriegsbedingt war dies die letzte Partie.


Fußball in Israel: Die ersten Jahre

Kurz nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wurde auch der israelische Fußballverband, die Israel Football Association (IFA), ins Leben gerufen. Weil die arabischen Nachbarstaaten den jüdischen Staat jedoch nur einen Tag nach dessen Proklamation angriffen, musste der Ligaspielbetrieb bis auf Weiteres eingestellt werden. Die besten Kicker des Landes reisten gleichwohl – oder gerade deshalb – in die Vereinigten Staaten von Amerika, um gewissermaßen die Botschaft des neuen Staates der Juden in die Welt zu tragen. Im New Yorker Giants-Stadium trugen sie am 26. September 1948 vor 40.000 Zuschauern das erste Fußball-Länderspiel in der Geschichte Israels aus. Es ging mit 1:3 gegen die USA verloren, aber das war angesichts der historischen Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen nebensächlich.

Im Oktober 1949, zwei Monate nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges, rollte schließlich auch in der nationalen Liga wieder der Ball, und der erste israelische Meister hieß 1950 Maccabi Tel Aviv (Foto links). Doch schon in der folgenden Saison brachen alte Konflikte zwischen den politischen Bewegungen respektive Organisationen Maccabi und Hapoel wieder auf, weshalb der Ligabetrieb kurzerhand für ein Jahr ausgesetzt wurde. Die einen wie die anderen spielten daraufhin jeweils ihren eigenen Meister aus, bevor 1952 wieder eine gemeinsame Meisterschaftsrunde bestritten wurde, die jedoch weiterhin nicht ohne Spannungen blieb.

Ein weiterer, dauerhafter Störfaktor im israelischen Fußball waren die Kriege, die immer wieder für Unterbrechungen sorgten. Im Juni 1967 beispielsweise platzte der Sechstagekrieg in den Endspurt der ersten Liga und sorgte dafür, dass es keinen Meister gab, sondern die Saison um ein Jahr verlängert wurde und schließlich sage und schreibe 60 Spieltage umfasste (Meister wurde erneut Maccabi Tel Aviv). Als 1973 der Yom-Kippur-Krieg begann, wurden zunächst alle Sportveranstaltungen abgesagt, doch nur knapp drei Wochen nach dem Überfall der arabischen Armeen reiste die US-Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Israel, um Amerikas Solidarität mit dem angegriffenen jüdischen Staat zu demonstrieren. Zum ersten Libanonkrieg 1982 wiederum zog die Armee die meisten Fußballer ein, weshalb es in jenem Jahr nur ein einziges Länderspiel gab, nämlich ein Qualifikationsmatch für Olympia.

Apropos Länderspiel: Die erste Weltmeisterschafts-Qualifikation, an der Israel unter diesem Namen teilnahm, war jene für das Turnier 1950 in Brasilien. Angesichts der Kriegs- und Vernichtungsdrohungen der arabischen Staaten hielt der Weltfußballverband FIFA es für ratsam, die Mannschaft des jüdischen Staates in der Qualifikation gegen ein europäisches Team antreten zu lassen. Gegen Jugoslawien verlor die Nivchéret (hebräisch für »Auswahl«) mit 0:6 und 2:5 und schied aus. Etwas besser sah es da schon vier Jahre später aus: Gegen Griechenland gelangen zwei Siege, allerdings war dann erneut Jugoslawien die Endstation, diesmal mit zwei 0:1-Niederlagen.


Israel in der AFC: Boykotte, Boykotte, Boykotte

1956 trat der israelische Verband der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) bei, in deren geografischem Einzugsbereich das Land bekanntlich liegt. Doch bei der Qualifikation zum Asien-Cup, der im gleichen Jahr stattfand, wollten Afghanistan und Pakistan nicht gegen Israel antreten, denn sie erkannten den jüdischen Staat nicht an. Dadurch kam die israelische Auswahl kampflos in die Endrunde, in der sie gegen Südkorea, Hongkong und Südvietnam spielte und das Turnier als Zweitplatzierte beschloss. Als Nächstes stand die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1958 an. Und nun begann ein nachgerade absurdes Theater. Denn im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch die terroristischen Fedayin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten bildete ein Bündnis mit Jordanien und Syrien, blockierte den Golf von Akaba und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe. Israel setzte sich zur Wehr und besetzte den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Diese Geschehnisse sind unter dem Schlagwort »Suezkrise« bekannt geworden.

Und sie hatten Auswirkungen auch auf den Fußball, denn die Fußballverbände sämtlicher Staaten, die Israel nicht anerkannten, weigerten sich, Spiele gegen die Nivchéret auszutragen. Zunächst sollte Israel in der Vorrunde gegen die Türkei antreten, doch die dachte gar nicht daran aufzulaufen. In der Zwischenrunde sollte Israel gegen Indonesien spielen, doch auch Indonesien trat nicht an. Schließlich erwartete Israel im Finale der Ausscheidungsspiele den Sudan, doch auch dieser boykottierte das Match. Von den drei vorgesehenen Spielen fand also keines statt. Damit wäre Israel eigentlich kampflos für die WM qualifiziert gewesen, doch dagegen hatte die FIFA etwas: Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, loste sie kurzerhand aus allen europäischen Gruppenzweiten ein Land aus und ließ dieses gegen Israel um den letzten freien Platz beim WM-Turnier in Schweden antreten. Gegen Wales verlor Israel das Hin- und das Rückspiel jeweils mit 0:2 und war damit ausgeschieden. Die Boykottbewegung hatte dank der FIFA also doch noch ihr unsportliches Ziel erreicht.

An den Asienmeisterschaften nahm Israel anschließend zwar noch bis 1972 teil, doch auch dabei war es immer wieder mit Boykotten konfrontiert: Zu den Spielen 1962 in Indonesien beispielsweise wurde die Nivchéret gar nicht erst eingeladen, und 1972 erklärte sich lediglich Südkorea bereit, in der Qualifikation gegen sie anzutreten. Israel verzichtete letztlich, zumal die arabischen Staaten angekündigt hatten, im Falle einer Qualifikation der israelischen Auswahl die Endrunde zu boykottieren. Wenn es im Beritt des asiatischen Verbandes doch einmal zu Spielen kam, war Israel überaus erfolgreich, sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Die Asienmeisterschaften 1964 beispielsweise gewann die Nivchéret vor heimischem Publikum in Tel Aviv vor Indien und Südkorea, und im 1967 erstmals ausgetragenen Asian Champion Club Tournament – dem Pendant zum Europapokal der Landesmeister – blieben israelische Klubs in drei der ersten vier Wettbewerbe siegreich: Maccabi Tel Aviv gewann den Titel zweimal, Hapoel Tel Aviv einmal. (Danach wurden die Meisterschaften 14 Jahre lang nicht mehr ausgetragen.)

Nach 18 Jahren israelischer Zugehörigkeit zur Asiatischen Fußball-Konföderation jedoch, die von ständigen Boykotten und Boykottdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat geprägt waren, schloss die AFC den israelischen Verband im Jahr nach dem Yom-Kippur-Krieg, also 1974, auf Antrag Kuwaits aus. Die Alternative hätte darin bestanden, die Boykotteure konsequent zu bestrafen, doch dafür gab es innerhalb der AFC keine Mehrheit.


Eine Odyssee rund um den Globus

Bei der WM-Qualifikation wurde die israelische Auswahl bald von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht, und das auch schon zu Zeiten ihrer AFC-Mitgliedschaft: Die Ausscheidungsspiele für die Turniere 1962 und 1966 bestritt die Nivchéret in der Europagruppe, die für die Wettkämpfe 1970 in der Ozeaniengruppe und die für die Endrunden 1974 und 1978 wieder in der Asiengruppe. Und so ging es munter weiter: 1982 Europa, 1986 Asien, 1990 Ozeanien. An der Qualifikation zu kontinentalen Meisterschaften – also zur Asien- oder Europameisterschaft – nahm Israel zwischen 1974 und 1994 überhaupt nicht mehr teil, weil es nach dem Ausschluss aus der Asiatischen Fußball-Konföderation  ja keinem Verband mehr angehörte.

Im Jahr 1978 stellte der israelische Fußballverband zwar erstmals einen Antrag auf Beitritt zur UEFA, doch der wurde nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Statuten abgelehnt: Es sei nicht möglich, so hieß es damals, einen geografisch nicht in Europa liegenden Verband aufzunehmen. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedsländer hatten sich strikt gegen das israelische Ersuchen ausgesprochen. Mit dem Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks änderte sich die Situation jedoch. Vorerst ließ die UEFA israelische Mannschaften zwar nur zu Spielen in ihrem – vergleichsweise bedeutungslosen – Intertoto-Cup zu, doch 1991 gab es eine Zweidrittelmehrheit für eine Änderung der Statuten zugunsten Israels, das nun in den europäischen Verband aufgenommen wurde und drei Jahre später schließlich auch die Vollmitgliedschaft erhielt. Seitdem nehmen israelische Klubmannschaften an den Wettbewerben des Europapokals teil, und die israelischen Auswahlteams bestreiten ihre EM- und WM-Qualifikationsspiele in der Europagruppe.

Ein derartiges Hin und Her ist in der Geschichte des Weltfußballs einzigartig; kein anderer Fußballverband musste je solche permanenten Versetzungen über sich ergehen lassen. Drakonische, das heißt über Punktabzüge hinausgehende Maßnahmen gegen jene Mitgliedsverbände, die Wettbewerbsspiele gegen Israel verweigerten, mochte die FIFA gleichwohl nicht ergreifen. Unter Berufung auf ihre angeblich unpolitische Rolle hielt sie sich stets vornehm heraus. Die israelischen Fußballer und die Verantwortlichen ihres Verbands begegneten dem mit einem gewissen Pragmatismus. Denn sie wollten ihre Qualifikationsspiele gerne austragen, statt darauf zu bestehen, die Punkte kampflos zugesprochen zu bekommen. Dafür flogen sie notfalls sogar bis nach Australien und Neuseeland. Ori Shilo, der gegenwärtige Generalsekretär des israelischen Fußballverbandes, ist gleichwohl froh, dass das nicht mehr nötig ist. In einem Interview des Deutschlandfunks sagte er: »Die Zeit, als wir in der Ozeaniengruppe spielen mussten, machte keinen Sinn. Außerdem fühlen wir uns wie Europäer. Wir könnten auch wieder in Asien spielen, aber das wird politisch noch nicht einmal zu diskutieren gewagt. Und wissen Sie: Länder wie Griechenland, Zypern, die Türkei und Mazedonien spielen ja auch in Europa mit, und wir finden, dann gehören wir auch dazu.«


Erfolge mit Emmanuel Scheffer…

Angesichts der jahrzehntelang äußerst widrigen Voraussetzungen ist es umso höher einzuschätzen, was Israel 1968 bei den Olympischen Spielen und zwei Jahre später bei seiner ersten und bisher einzigen Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft erreichte. Und diese Erfolge sind eng mit einem Namen verbunden, dem des damaligen Nationaltrainers Emmanuel »Eddy« Scheffer nämlich. Geboren wurde Scheffer (Fotos rechts) am 11. Februar 1923 in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet; nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie erst nach Frankreich und dann ins Saarland, bevor die Scheffers 1934 ins ostpolnische Drohobycz zurückkehrten, wo sie bereits vor der Geburt ihres Sohnes Emmanuel gelebt hatten. Eddy Scheffer besuchte in Drohobycz das Gymnasium und schloss sich Beitar Drohobycz an, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. »Die Familie«, so schreibt Ralf Piorr in einem Beitrag für das österreichische Fußballmagazin Ballesterer, »lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte.«

In der Tat: Im Spätsommer des Jahres 1940 stürmten deutsche Mörder das Haus der Familie Scheffer und brachten alle anwesenden Familienmitglieder um: die Mutter, den Vater und die drei Töchter. Der 17jährige Emmanuel blieb am Leben, weil er nicht zu Hause war, sondern in Russland – »reiner Zufall«, wie er später sagte. In Russland erkrankte er bald an Diphtherie und Typhus, er kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde vier Jahre lang in einem Arbeitslager interniert, arbeitete in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Scheffer zunächst nach Polen zurück und spielte dort fünf Jahre lang in der zweiten Liga, bevor er 1950 nach Israel auswanderte und sich dort – zum vierten Mal in seinem noch jungen Leben – eine neue Existenz aufbaute.

Diesen Schritt hatte er eigentlich schon früher vorgehabt, doch aufgrund fehlender Papiere und eines von der britischen Mandatsmacht verhängten Einwanderungsstopps musste er vorläufig noch in Polen bleiben. Stefan Mayr berichtet in »Davidstern und Lederball«, in Israel habe sich Emmanuel Scheffer zum ersten Mal wirklich willkommen gefühlt – »nicht zuletzt dank seines fußballerischen Talents. Hapoel Haifa, ein Verein der soeben gegründeten Nationalliga, verpflichtete Scheffer und verschaffte ihm einen Job im Hafen. ›Wenn Training und Spiel war, hatte ich frei‹, berichtet Scheffer. [...] Der Linksaußen stürmte später noch für Hapoel Kfar Saba und schaffte es sogar in die Nationalelf seiner neuen Heimat. Seine Länderspielbilanz: Sechs Spiele, sechs Tore.«

Nach seiner aktiven Karriere ließ sich Emmanuel Scheffer zum Fußballlehrer ausbilden und kehrte dafür vorübergehend ins Land der Mörder seiner Familie zurück: 1958 erwarb er an der Sporthochschule Köln unter der Leitung von Hennes Weisweiler sein Trainerdiplom. Um sich diese Ausbildung zu finanzieren und außerdem Praxis zu sammeln, coachte er nebenbei die Mannschaft des nordrhein-westfälischen Verbandsligisten Rhenania Würselen. Zurück in Israel, trainierte er zunächst Ligaklubs, die Mannschaft der Luftwaffe und das Junioren-Nationalteam, bevor er 1968 zum Chefcoach der israelischen Nationalmannschaft aufstieg. Was dort an seinem ersten Arbeitstag geschah, hat Scheffer in Interviews immer wieder gerne erzählt. Als er sich der Mannschaft vorstellte, sagte er: »Ab jetzt haben wir dreimal Training.« Die Spieler wollten wissen, an welchen Tagen, woraufhin Scheffer entgegnete: »Um 7 Uhr, um 11 Uhr und um 15 Uhr.« Das war ein entscheidender Schub in Richtung Professionalisierung des israelischen Fußballs, und die ersten Resultate setzten dann auch rasch ein.

Auf Anhieb gelang erstmals die Qualifikation für die Olympischen Spiele – wenngleich das noch eine vergleichsweise leichte Angelegenheit war. Denn die zugelosten Gegner Burma, Iran und Indien boykottierten den jüdischen Staat. Daher genügten zwei Siege über Ceylon mit 7:0 und 4:0, um das Ticket nach Mexiko City zu lösen. Dort rechtfertigte die Nivchéret jedoch ihre Anwesenheit: Sie erreichte das Viertelfinale und kam nur deshalb nicht noch weiter, weil nach einem 1:1-Unentschieden gegen Bulgarien das Los über das Weiterkommen entscheiden musste und das israelische Team diese Lotterie verlor.

Ein Achtungserfolg, mit dem aber weder die Mannschaft noch ihr Trainer zufrieden war. Man wollte unbedingt zur Weltmeisterschaft 1970, die ebenfalls in Mexiko stattfand. Kein aussichtsloses Unterfangen in der Ozeaniengruppe, in der Israel erstmals zur Qualifikation antrat. Nach zwei Siegen gegen Neuseeland (4:0 und 2:0) musste nur noch Australien aus dem Weg geräumt werden. Im Nationalstadion von Ramat Gan sahen 50.000 Zuschauer einen 1:0-Sieg des israelischen Teams, das Rückspiel in Sydney endete 1:1. Die Spieler trugen Emmanuel Scheffer auf ihren Schultern vom Platz. Erstmals war Israel beim wichtigsten Fußballturnier der Welt startberechtigt.


…und Mordechai Spiegler

Die Vorbereitung auf dieses Ereignisses war zwar von einigen Pleiten geprägt – gegen Borussia Mönchengladbach etwa setzte es ein 0:6 –, doch in Mexiko schlug sich die Nivchéret überaus achtbar: 0:2 gegen den späteren WM-Vierten Uruguay, 1:1 gegen Schweden, 0:0 gegen den späteren Vizeweltmeister Italien. Israel war damit draußen, hatte sich in einer schwierigen Gruppe aber ordentlich aus der Affäre gezogen. Und ein Mann trug sich gar in die Sportannalen seines Landes ein, nämlich Mordechai Spiegler (Fotos links), bis heute wohl der bekannteste israelische Fußballer aller Zeiten. Denn Spiegler war es, der am 7. Juni 1970 das 1:1 gegen Schweden erzielte und sich später schmunzelnd erinnerte: »Es waren 25 Meter, ein starker Rückenwind, und das Tor muss in Richtung Jerusalem gestanden haben.« Sein Treffer ist bis heute der einzige, den Israel bei einer WM erzielte.

Das Tor veränderte Spieglers Leben: Später spielte er zusammen mit Pelé bei New York Cosmos, er war Trainer in Israel, anschließend Berater, dann Co-Kommentator im Fernsehen. Und nicht nur ihm wurde bei der Rückkehr aus Mexiko ein euphorischer Empfang bereitet, wie Stefan Mayr berichtet: »Trotz des vorzeitigen Ausscheidens wurde die Nivchéret bei der Landung in Tel Aviv gefeiert wie ein Weltmeister. Die zwei Punkte und das Tor waren ein Triumph für den jungen Staat, der erst 22 Jahre zuvor gegründet worden war. Selbst die Stars von damals [...] waren älter als ihr Staat. [...] ›Wir sind jetzt da‹, dachten sich 1970 die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan, die drei Jahre zuvor im Sechs-Tage-Krieg noch um das Existenzrecht ihres Staates gekämpft hatten.« 1971 trat Emmanuel Scheffer als Trainer der israelischen Auswahlmannschaft zurück, 1978 übernahm er das Team noch einmal, aber diesmal ohne einen ähnlichen Ertrag. »Der wahre Vater unseres damaligen Erfolgs war nicht ich, sondern Emmanuel Scheffer«, sagt Mordechai Spiegler über seinen Nationaltrainer.

Der erfolgreichste israelische WM-Teilnehmer ist freilich ein Schiedsrichter, nämlich Avraham Klein (Fotos rechts), der bei den Turnieren 1970, 1978 und 1982 eingesetzt wurde. 1978 leitete er unter anderem die legendäre Partie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Keine einfache Angelegenheit, wie Klein im März 2010 in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen bekannte: »Ich hatte ein Spiel zu pfeifen, in dem gleich zwei Täterländer gegeneinander kickten. Zudem fand es im argentinischen Cordoba statt. Ich bekam dort schnell zu spüren, dass die starke jüdische Gemeinde von Buenos Aires nicht wirklich glücklich damit war, dass gerade ich diese Auseinandersetzung zu leiten hatte, nach dem Motto: ›Wie kannst du nur?‹ Aber ich war vom Fußballweltverband FIFA nominiert worden und musste meinen Job machen.«

Avraham Klein pfiff schließlich auch das Spiel um den dritten Platz. Eigentlich war er sogar als Referee für das Finale zwischen Gastgeber Argentinien und den Niederlanden im Gespräch, nachdem er die Partie Argentinien gegen Italien souverän geleitet hatte. Doch die Argentinier fühlten sich trotz ihres Weiterkommens benachteiligt und lehnten Klein ab. Hinzu kam, dass die herrschende Militärjunta, die Juden gegenüber, um es zurückhaltend zu formulieren, alles andere als freundlich gesinnt war, Anstoß daran nahm, dass Klein vor dem Spiel Argentiniens gegen Italien die Jüdische Gemeinde des Landes besucht hatte. Ihm wurde von argentinischer Seite aber auch deshalb Voreingenommenheit unterstellt, weil der Endspielgegner Niederlande hieß. Als »Kriegswaise« hatte Klein ein Jahr lang im niederländischen Apeldoorn verbracht. Und mit Ruud Krol trug ein Mann die Kapitänsbinde der Oranjes, dessen Vater in den Jahren der deutschen Besatzung Juden das Leben gerettet hatte. Die FIFA folgte dem argentinischen Wunsch, Avraham Klein nicht das Endspiel pfeifen zu lassen, obwohl sie sonst stets betont, sich von niemandem in die Einteilung der Unparteiischen hineinreden zu lassen.

Bereits vier Jahre zuvor, bei der WM in der Bundesrepublik, hatte Klein unschöne Erfahrungen mit dem Weltfußballverband machen müssen, wie er im erwähnten Interview der Jüdischen Allgemeinen sagte: »Ich rechnete fest mit meiner Nominierung für dieses große Turnier. Ich hatte international einen guten Namen und war ja bei der WM in Mexiko 1970 auch schon dabei. Anfang 1974 teilte mir die FIFA jedoch mit, mich nicht zu berücksichtigen. Und zwar, weil sie wegen des Anschlags auf das israelische Olympiateam in München zwei Jahre zuvor nicht für meine Sicherheit garantieren konnte und wohl auch wollte.«

Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Zeit seit der Aufnahme in die UEFA, die israelischen Fußballfans und die israelisch-deutsche Fußballgeschichte.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.


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Coming-out im russischen Fußball? January 4, 2013 | 11:19 am

Wirklich schöne Bilder sind das: Zwei Menschen entfliehen dem kalten Winter zu Hause und genießen stattdessen die Sonne in Miami, Florida. Man sieht sie eng umschlungen unter Palmen, lachend bei einer Lamborghini-Fahrt, entspannt am Pool, sich küssend auf einer Party, herumalbernd in der Badewanne. In einem Facebook ähnlichen sozialen Netzwerk stellen sie diese und weitere Aufnahmen online und kommentieren sie gelegentlich kurz. »Ich liebe ihn«, ist dort beispielsweise zu lesen, und: »Wo wären wir nur ohneeinander?« Wie gesagt, wirklich schön – und trotzdem eigentlich nicht weiter der Rede wert, wären die beiden nicht männliche, russische Fußballprofis, Nationalspieler ihres Landes gar. Alexander Alexandrowitsch Kokorin heißt der eine, 21 Jahre alte, der zwölf Länderspiele absolviert hat und in Diensten des russischen Erstligisten Dynamo Moskau steht; Pawel Konstantinowitsch Mamajew der andere, drei Jahre ältere, der auf zwei Länderspiele kommt und beim Liga- und Lokalrivalen ZSKA Moskau spielt.

Das vielgelesene russische Weblog Fußball in sozialen Netzwerken bastelte aus einigen der Bilder eine Art Foto-Love-Story und veröffentlichte sie am 25. Dezember des vergangenen Jahres unter der Überschrift »Wir sind zusammen« im Rahmen seiner kleinen Reihe mit dem Titel »Wie sich Fußballer der [russischen] Premjer-Liga erholen«. Was folgte, war eine regelrechte Flut von Leserkommentaren, die noch immer nicht abreißen will. Nicht wenige Beiträge sind offen schwulenfeindlich und beleidigend, aber es gibt auch viel Unterstützung für die beiden Fußballer und Kritik an den homophoben Verhältnissen in Russland. Beim »Rating« bekommt der Artikel zudem deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung.

Erschienen ist er nur wenige Tage, nachdem eine einflussreiche Fangruppe des russischen Premjer-Liga-Klubs Zenit St. Petersburg ein »Manifest« veröffentlicht hat, in dem der Verein aufgefordert wird, keine schwulen, schwarzen oder nichteuropäischen Spieler mehr zu verpflichten. Nicht nur dieses üble Pamphlet macht deutlich, wie verbreitet die Homophobie in Russland ist: In mehreren Regionen des Landes gibt es Gesetze gegen »homosexuelle Propaganda«, und russische Politiker wie beispielsweise die Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa bezeichnen Homosexualität als »Krankheit«. Zudem werden immer wieder Demonstrationen von Schwulen und Lesben verboten oder von gewalttätigen, oft rechtsextremen Gegendemonstranten angegriffen. Ist vor diesem Hintergrund ein Coming-out von Fußballprofis in Russland tatsächlich denkbar?

Fast will es trotz der eindeutig scheinenden Bilder zu kühn anmuten, zumal Kokorin und Mamajew auch noch die ersten bezahlten Kicker wären, die sich während ihrer aktiven Laufbahn öffentlich dazu bekennen, schwul zu sein, seit es der englische Fußballer Justin Fashanu im Oktober 1990 tat* – und sich nach diversen homophoben Hetzkampagnen, Anschuldigungen und Vorverurteilungen schließlich am 2. Mai 1998 in seiner Garage erhängte. Entsprechend zurückhaltend ist denn auch das bekannte schwul-lesbische Portal queer.de, das »auf eine offizielle Stellungnahme der beiden Jungs« hofft, die seit der Veröffentlichung der Urlaubsfotos schweigen. Die populäre Plattform dbna vermutet: »Ein Grund, warum plötzlich diese Bilder auftauchten, könnte die Tatsache sein, dass sich der Dauerrivale aus Sankt Petersburg kürzlich gegen Dunkelhäutige und Homosexuelle im Fußball ausgesprochen hatte und die beiden Fußballer dagegen Position beziehen wollten.« Und bei Eurosport Russland glaubt man lediglich »an einen simplen Spaß im Urlaub«.

Es bleibt also wohl abzuwarten, ob sich die beiden Spieler noch einmal zu Wort melden (und wenn ja, was sie sagen), bevor sich eine endgültige Bewertung formulieren lässt. Einstweilen ist jedoch Michael Wollny, Fußballredakteur bei Eurosport Deutschland, zuzustimmen, der via Twitter kommentierte: »Gelungene Aktion, falls sie [Kokorin und Mamajew] menschenverachtenden Hass wie bei Zenit veräppeln wollten. Megamutig, wenn echt.«

(Zuerst veröffentlicht auf dem Webportal Fussball-gegen-Nazis.de.)

Herzlichen Dank an @senSATZionell, @Michael_Wollny, @hourglass1979, @crazylilly, @hirngabel und @el_loko74 für wertvolle Hinweise und Gedanken.

* Mit Anton Hysén hatte im März 2011 ein weiterer Fußballer ein viel beachtetes öffentliches Coming-out, allerdings spielte er seinerzeit »nur« für einen Viertligisten.


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Somewhere under the Rainbow November 4, 2012 | 07:59 pm

Wer sagt denn, dass Amateurfußball zumal im Herbst eine triste Angelegenheit sein muss? Szene aus dem Bezirksligaspiel Prometheus Porz (Tabellenletzter) gegen TuS Lindlar (Tabellenführer), das die Gastgeber mit 3:1 gewannen. Köln, 4. November 2012.


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