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Rinks und Lechts – Antisemitismus eint May 1, 2017 | 07:38 pm

 

Was REVOLUTION und Antisemiten in der AfD eint: Der Haß auf Israel

REVOLUTION und AfD, sie mögen sich spinne feind sein. Die Einen rufen im Bündnis gegen Rechts Kassel oder wie jüngst in loseren Zusammenhängen dazu auf, die Anderen an ihren Treffen zu verhindern und fühlen sich dabei wie die Interbrigadisten damals in Spanien, diese Anderen würden jene am liebsten im Gefängnis und im Steinbruch sehen. Eines eint sie jedoch: Der Haß auf Israel. Während die REVO, die nach eigenen Angaben gegen jeden Nationalismus vorgeben zu kämpfen, anläßlich des 1. Mai in Berlin zusammen mit der BDS, diversen Pro-Palästina-Gruppen u.a. die Palästinafahne hissen und zur Befreiung ganz Palästinas aufrufen, ist es bei der AfD komplizierter. Der nordhessische AfD-Aktivist, Putinfan und Judenhasser Gottfried Klasen und ein Wolfgang Gedeon mögen in ihrer Partei eher isoliert sein, waren aber beide als Deligierte auf dem Parteitag 2017 in Köln gewesen.

Wie auf dem Bild dokumentiert, hat Klasen jüngst einen Beitrag gepostet, auf dem der insbesondere in rechtsextremistischen und Querfront-Kreisen gern genutzte Begriff JSIL genutzt wird und Israel vorgeworfen wird, Verbündeter des IS zu sein. Ein Follower Klasens pflichtet diesem bei und bringt unwidersprochen den „Ewigen Juden ins Spiel“. Im Gegensatz zu den Revos gibt es aber in der AFD und ihrem Umfeld Widerspruch zu diesen Positionen – das macht Leute wie Klasen nicht besser und ihren Anhang nicht ungefährlich, vor allem deswegen, weil der Widerspruch halbherzig bleibt. Doch selbst der halbherzig vorgebrachte Widerspruch unterscheidet die AfD von der REVO.

Widerspruch bei der REVO ist maximal ein unbegriffener Begriff, der irgendetwas mit Kapitalismus und Dialektik zu tun hat, in den eigenen Reihen jedoch mit Verrat gleichgesetzt wird. Dass solche Kanaillien wie die REVO im übrigen bei jenen geduldet werden, die jüngst den Protest gegen die AfD organisierten, macht das Anliegen letzterer nicht gerade glaubwürdig.

(jd)


Robert Claus/Esther Lehnert/Yves Müller »Was ein rechter Mann ist…« April 21, 2011 | 02:50 pm

Männlichkeiten im Rechtsextremismus

Es gibt Verbindungen, die sind so offensichtlich, dass sie fast schon wieder unsichtbar sind. Der Link zwischen Rechtsextremismus und Männlichkeit ist eine solche Verbindung. Egal welche statistischen Größen auch betrachtet werden, Männer liegen immer ganz vorne. Sie wählen häufiger rechte Parteien, sie zeigen öfter rechte Einstellungsmuster und vor allem begehen sie häufiger politisch rechts motivierte Straftaten. Daher verwundert es doch etwas, dass es bisher nichts bis wenig Relevantes zu diesem Themenkomplex veröffentlicht wurde. Während sich rechtsextreme Frauen in den vergangenen zehn Jahren vor wissenschaftlichem und journalistischem Interesse kaum retten konnten, blieben die Männer als Männer stets außen vor. Unmarkiertheit kann unter Umständen auch unsichtbar machen.

Eine bemerkenswerte Ausnahme davon bildete Rosa von Praunheims Filmdokumentation »Männer, Helden, schwule Nazis« aus dem Jahr 2005, die sich allerdings – wie der Titel bereits nahe legt vor – allem mit homosexueller Männlichkeit in der extremem Rechten befasste und dabei andere Männlichkeiten nur am Rand thematisierte. Die vorhandene Lücke zu schließen versucht nun ein Buch, das in der »Texte«-Reihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienen ist.

Die Herausgeber_innen Robert Claus, Esther Lehnert und Yves Müller versuchen dabei ein relativ breites Spektrum an Themen abzudecken. In insgesamt 16 Beiträgen von etwa ebenso vielen Autor_innen wird zunächst das Phänomen Männlichkeit(en) selbst beleuchtet und die Konstruktion derselben in rechtsextremen Kontexten untersucht, bevor zusätzlich dem Rechtsextremismus nahestehende Felder wie Burschenschaften oder rechte Fußballfans unter die Lupe genommen werden und schließlich noch die Arbeit mit männlichen rechten Jugendlichen thematisiert wird.

Was jedoch bei dem Sammelband schnell auffällt, ist der Umstand, dass kritische Männlichkeitsforschung weder übermäßig stark beackert wurde, noch heute hinreichend bearbeitet wird. Während sich die Zahl der Theorien, wer wann warum und wie zu rechten Einstellungsmustern neigt, kaum beziffern lässt, fallen beim Thema Männlichkeit bzw. Männlichkeiten immer wieder die gleichen, wenigen Namen. Pierre Bourdieu und seine Habitustheorie wird immer wieder genannt. Vor allem aber Raewyn (bzw. damals noch Robert W.) Connell, deren Hauptwerk »Masculinities« (deutscher Titel »Der gemachte Mann«) aus dem Jahr 1995 in beinahe jedem Text des Bandes zitiert wird. In der Tat ist Connell für die Männlichkeitsforschung in etwa das, was Judith Butler für die Gender Studies ist. Beide können wohl als fleischgewordene conditio sine qua non ihres jeweiligen Forschungsbereichs bezeichnet werden. Connells Feststellung, dass auch Männlichkeit performativ ist und dass es mehr als nur eine Männlichkeit gibt, war damals bahnbrechend und hat sich in der kritischen Männlichkeitsforschung durchgesetzt. Vor allem ihr Konzept der »hegemonialen Männlichkeit« ist mittlerweile beinahe zu einer Art Standardvokabel geworden. Umso interessanter ist es, dass Judith Butler in »Masculinities« nicht ein einziges Mal vorkommt. Während Butler beinahe den Status eines Popstars hat, ist Connell nur in Expert_innenkreisen bekannt. Die relative räumliche Abgetrenntheit, die ihr Leben und Wirken in Australien mit sich bringt, spielt dabei sicher eine Rolle. Viel wichtiger aber dürfte sein, dass kaum jemand – und am allerwenigsten die Männer – in dieser Gesellschaft wirklich großes Interesse daran zu haben scheint, zu hinterfragen, worauf das Mannsein denn überhaupt begründet ist. Wahrscheinlich ist uns allen durchaus bewusst, dass es nichts Gutes sein kann…

Dass Connells Ideen in nahezu jedem zweiten Beitrag neu eingeführt und erklärt werden, ist dann allerdings auch der einzige wirkliche Kritikpunkt an dem vorliegenden Sammelband. Von einigen Texten bliebe ohne die Erläuterungen von Connells Theorien, leider nicht mehr viel übrig. Was angesichts der gelungenen Auswahl der Themen durchaus bedauerlich ist. Besonders Robert Claus’ und Yves Müllers Beitrag über »Männliche Homosexualität und Homophobie im Neonazismus« ist höchst interessant, vor allem weil er sich ausführlich mit der Person Michael Kühnens und dessen Schrift »Nationalsozialismus und Homosexualität« beschäftigt. Michael Kühnen war auf Grund seines Charismas und auch aufgrund der Tatsache, dass er es sich offenbar leisten konnte, schwul zu sein, schon zu Lebzeiten eine der interessanten Figuren der extremen Rechten in der Bundesrepublik. Legendär auch die Saalschlacht von Lentföhrden, als sich 1978 vor laufender Kamera Polizeibeamt_innen und Neonazis der Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS) eine regelrechte Massenschlägerei lieferten. Nach Kühnen ist es außer vielleicht einigen Rechtsrockbands niemandem mehr gelungen, offenes und offensives Bekennen zum Nationalsozialismus so gekonnt mit massen‑ und medienwirksamer performativer Inszenierung zu kombinieren.

Kühnens krude These, dass homosexuelle Männerbünde quasi die Grundlage jeder Zivilisation seien, ist dabei nur ein Baustein eines popkulturellen Phänomens, das nicht zufällig in zeitlichem Kontext zu DAFs schwul kodiertem Fetischismus für Riefenstahlsche Körperinszenierungen und uniformierte Männlichkeit steht. Auch die letzten Szenen von Bruce LaBruces »The Raspberry Reich«, die einige der ehemaligen Linksterroristen auf einer NS-Fetisch-Party in einem Schwulenclub zeigen, gehören zum Gruppenbild. Aggressive, uniformierte Männlichkeit und gerade auch homosoziale Männerbünde, wie jene auf denen jeder bisher bekannte Faschismus aufbaut, haben durchgehend eine zumindest latente Tendenz zum Homoerotischen, die umgekehrt in schwulen Kontexten schon immer gerne aufgegriffen wurde. Das Interessante an Kühnen ist, dass er im Unterschied zu anderen diese Tendenz nicht verschwiegen hat und er offenbar wirklich glaubte, seine Kamerad_innen könnten seiner Theorie von der, auf schwulem Gemeinschaftsgefühl aufgebauten, nationalen Revolution tatsächlich zustimmen.

Auch wenn es in den anderen Beiträgen nicht derart explizit um schwule Männlichkeiten geht, so spielen sie doch immer wieder eine Rolle, denn rechte Männlichkeiten brauchen das Schwule und das Weibliche als archetypische Antipoden, gegen die sie sich selbst in der Hoffnung positionieren können, ihren eigenen Status in der patriarchalen Machtstruktur aufzuwerten. Zentral sind dabei die irrigen Annahmen, es gäbe genau zwei Geschlechter und von denen habe genau eines von Natur aus den Führungsanspruch. Abweichungen von den dominanten Spielarten von Männlichkeit können in dieser dualen Matrix nur als weiblich gelesen werden. Alles andere läge außerhalb der systemischen Logik. Somit stellen Schwule, emanzipierte Frauen, Trans* und alle anderen, die sich nicht dem Primat der hegemonialen Männlichkeit unterwerfen prinzipiell ein Problem dar für den rechten Mann.

Gerade weil die Verbindung zwischen Männlichkeit und extrem rechten Ideologien so stark ausgeprägt und möglicherweise sogar grundlegend ist (siehe dazu auch, wenn auch weniger explizit »The Authoritarian Personality« von Adorno et al.), stellt sich wirklich die Frage, weshalb es so lange gedauert hat, bis ein Buch wie dieses erscheinen konnte. Vielleicht bedurfte es in der allgemeinen Ökonomie der Aufmerksamkeit des noch immer anhaltenden Hype um alles Queere, damit ein solches Unterfangen möglich werden konnte. Bleibt zu hoffen, dass dieses Buch nicht schon der Höhepunkt, sondern viel mehr nur ein Anfang der männlichkeitskritischen Aufarbeitung rechter Ideologiefragmente und Gesellschaftstendenzen sein wird. Zum einen verspricht diese Perspektive tatsächlich Erkenntnisgewinn, zum anderen könnte sie aber auch für ein wenig mehr Gendersensibilität auf Seiten der schwarz vermummten Straßenkämpfer wie auch der Monologe haltenden Theoriebolzen sorgen. Denn wer will schon gerne das eigene Verhalten in dem des zurecht verhassten politischen Gegners wiedererkennen?

Robert Claus/Esther Lehnert/Yves Müller: Was ein rechter Mann ist… Männlichkeiten im Rechtsextremismus, Dietz Verlag, Berlin 2010, 255 S., 14,90 Euro.

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