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ANTIFASCHISTISCHE HOCHSCHULTAGE 2017 May 19, 2017 | 06:34 pm

Diesen Sommer finden wieder die antifaschistischen Hochschultage statt. Das Programm-Heft gibt es hier als PDF. Weitere Informationen unter: antifa.uni-halle.de sowie facebook.com/agantifaschismus Popanz Neue Rechte – Die Sehnsucht nach dem Führer 1. Juni 2017, 19:00 Uhr Melanchthonianum am Universitätsplatz Seitdem die … Weiterlesen

Der faschistische Stil. Zur Ideologie und den Strategien der Neuen Rechten July 1, 2016 | 09:43 am

Wir weisen freundlich auf eine Veranstaltung der AG Antifa im StuRa hin: Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny Montag, 11. Juli 2016, 19 Uhr Melanchthonianum, Uni Halle Mit Pegida und dem Aufstieg des völkischen „Flügels“ der AfD steht die Neue … Weiterlesen

Antwort auf Heidenau-Ereignisse August 27, 2015 | 10:51 pm

Während auf youtube/google ein Video zu finden ist, in welchem ein Teil der Ereignisse um eine gewalttätige Nazi-Bürger-Demonstration gegen Polizisten und eine Flüchtlingsunterkunft zu sehen sind, bei addn.me ein Artikel erschien, welcher eher nüchtern über die Ereignisse des Abends vom 21.8.2015 in der Nähe von Dresden berichtet:

Eine Stunde vor Mitternacht eskaliert die Situation schließlich und ein entschlossener Mob attackiert die Polizei mit Flaschen, Böllern und anderer Pyrotechnik. Die Bauzäune werden auf die Straße gezerrt und einige versuchen, Barrikaden zu errichten.Die unterbesetzte Polizei bekommt die Situation lange Zeit nicht unter Kontrolle. Lichtraketen werden von Beamten gezündet, welche den Parkplatz ausleuchten sollen. Dadurch wird die Menge sichtbar, die immer noch mehrere hundert Menschen umfasst. “Deutschland den Deutschen! Ausländer raus” schallt es aus den Kehlen des Mobs. Die Polizei ist überfordert und versucht die Menge aufzulösen. Schließlich weiß sie sich nicht weiter zu helfen und beginnt damit, massiv Tränengas einzusetzen. Das gesamte Areal versinkt im weißen beißenden Nebel. Alle Anwesenden – Rassisten, Gegendemonstranten, DRK-Helfer, Journalisten und letztlich auch die Beamten kämpfen mit der Wirkung des Tränengases. Offenbar das Letzte und einzige Mittel, um die Ausschreitungen des rassistischen Mobs unter Kontrolle zu bekommen. (src)

wurde in der Dresdner Innenstadt ein Banner gemalt und aufgehängt, was in seiner Botschaft fast resigniert wirkt:

heidenau-antwort-auf-nazis„IHR seid das Volk, IHR seid Heidenau, IHR seid Rostock-Lichtenhagen“ (src)


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seven days ago February 20, 2014 | 10:11 am

In Dresden sind am 12. Februar, einen Tag vor dem großen Zerstörungs-Erinnerungsgedenken, Nazis marschiert. Menschen die dies zu verhindern suchten wurden aus dem Weg geräumt.

Dresden_Nazifrei_27_b-ikl959(unbearbeitet-src)

Am nächsten Tag (13.03.2014) gedachten die Nazis Hand in Hand bzw. Arm in Arm mit den gedenkenden Bürgern der Stadt – mehr als ideologische Übereinstimmung auf Augenhöhe?

BgYUU8UCUAAN8ka(Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden Arm in Arm mit einem bekennenden Neonazi, src twitter)

Protest hatte es in Dresden bereits im Vorfeld der Zerstörungserinnerung gegeben, so wurde u.a. das Mahnmal auf dem Heidefriedhof mit einem Spruch versucht umzumodellieren, die Bussmannkapelle in der Innenstadt mit Farbeiern versehen. Doch 2014 ist deutlich eine veränderte Strategie der Neonazis mit der Inszenierung in Dresden zu sehen – mit keinem schlechten Erfolg für sie. Erschreckend aber nicht unerwartet. Bleibt abzuwarten ob & wie das offizielle Gedenken es schafft sich zukünftig von diesen abzugrenzen.


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Unterschriften-Querfront. December 8, 2012 | 09:47 am

Am 12. Dezember 2012 entscheidet der deutsche Bundestag über einen Antrag der Bundesregierung. Dann soll über die „Entsendung deutscher bewaffneter Streitkräfte zur Verstärkung der integrierten Luftverteidigung der NATO in der Türkei“ abgestimmt werden. Vor der Abstimmung bekommen die Abgeordneten allerdings Post. Es ist ein offener Brief, der von zunächst durch Klaus Hartmann, dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Freidenker-Verbandes unterzeichnet wurde und für den nun Unterstützer gesucht werden.

Mit diesem Brief werden die Abgeordneten aufgefordert, fürdie strikte Neutralität Deutschlands in diesem Konflikt aktiv zu werden“. Die Taten des Assad-Regimes werden in der Einschätzung des Bürgerkrieges, der im Brief zu finden ist, nicht erwähnt. Dafür ist von „Terrorbanden“ und von den „Feinden der rechtmäßigen syrischen Regierung“ die Rede, die durch ein verschwörerisches Komplott der Türkei  unterstützt werden würden. Es gehe um einen „Stellvertreterkrieg“, behaupten die Unterzeichner des „Offenen Briefes“, in dem von „bewaffneter Banden“ die Rede ist, die „aus der Türkei“ nach Syrien  „eindringen“ würden. Außerdem wird vor der „Gefahr eines Weltkriegs“ gewarnt, der für die Unterzeichner des Briefes anscheinend bevorstehen könnte.

Dieser Brief wird nun von Tageszeitungen und auf Internetseiten beworben. Er findet sich zum Beispiel in der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt“, die den Brief dokumentierte und die dazugehörige Internet-Unterschriftenliste bewarb. Der Brief findet sich aber auch auf den Internetseiten der nationalsozialistischen Internetseite „Sache des Volkes“, die offensichtlich von Jürgen Schwab, dem ehemaligen Leiter des Arbeitskreises Volk und Staat beim NPD-Parteivorstand, verbrochen wird. Den Forderungen des Deutschen Freidenker-Verbandes können offensichtlich anti-imperialistische deutsche Linke und nationalsozialistische deutsche Rechte zustimmen, die durch den Hass auf die USA geeint sind.

Dies wird auch durch die Sätze deutlich, mit der einige Unterzeichner ihre Zustimmung dokumentiert haben. Ein Freidenker behauptet dort, dass die Bundeswehr die „Berufsarmee einer provisorischen Regierung ‚BRD’“ sei, für die er „die Alliierten“ verantwortlich macht. Ein weiterer Unterstützer bezeichnet die USA als „Moloch“ und „Monster“. Andere faseln ganz verschwörungsideologisch von einem geheimnisvollen Plan des George Bush, der „US-hörige Regierungen“ in der Region installieren wolle oder fürchten, dass Deutschland im „Namen der Imperialmächte in den Krieg verwickelt“ werden könne. Es ist der Hass auf die USA und die Sorge um das vermeintlich unterdrückte Deutschland, der zahlreiche Unterstützer anzutreiben scheint. Hier offenbart sich eine ideologische Querfront, die von Friedensgruppen-Kadern bis zum Ratsmitglied einer nationalsozialistischen Partei reicht.

So finden sich üblichen Namen, die auf vielen Unterschriftenlisten zu entdecken sind, mit denen das ein oder andere Regime gestützt wird. Die Unterschrift eines NPD-Stadtrates lässt sich ebenfalls entdecken. Neben einem Aktivisten des „Bremer Friedensforums“ und den Kadern des Deutschen Freidenker-Verbandes, die den Brief ihres Vorsitzenden unterstützen, sticht ein Name besonders hervor. Der Nationalsozialist Michael Schnorr ist Mitglied der NPD und sitzt für diese Partei im Rat der Stadt Wuppertal. Er hat den offenen Brief augenscheinlich ebenfalls unterzeichnet.

 „Zersägt die Atlantik-Brücke, setzt die Preussische Verfassung erneut in Kraft und schliesst einen Friedensvertrag mit Putin“, fordern gleich zwei weitere Unterstützer des „Offenen Briefes“. Diese Unterstützer treiben sich, wenn sie gerade keine Briefe unterzeichnen, mit Vorliebe auf obskuren Internetseiten herum. Dort hetzen sie in antisemitischer Manier gegen „die Zionisten“ oder empfehlen den ein oder anderen Verschwörungsfilm, mit dem sie zum Beispiel vor mysteriösen „satanischen Blutlinien“ warnen wollen.

Mit ihrem „Offenen Brief“ hat der Bundesverband der Deutschen-Freidenker eine ideologische Querfront mobilisiert. In ihrem Brief schwadronieren sie von einem „fundamentalen Bedürfnis des deutschen Volkes“ und bedienen nebenbei allerhand verschwörungsideologische Konstruktionen, die den Bürgerkrieg auf das Wirken der Türkei und der anderen NATO-Staaten zurückführen. Die Rolle des mörderischen Assad-Regimes wird im geschichtsrevisionistischem Gegenzug verschwiegen. Kein Wunder, dass sich auch Nazis und Verschwörungsgläubige angeschlossen haben, die ganz ähnliche ideologische Konstrukte propagieren. Der Deutsche Freidenker-Verband hat damit genau die Unterstützer heraufbeschworen, die er verdient.

 

Untergangsmythen. October 31, 2012 | 10:00 am

Am 14. April 1912 streifte das zum damaligen Zeitpunkt größte Passagierschiff der Welt einen Eisberg und versank im Atlantik. Etwa 1500 Menschen fanden den Tod. Schnell wurde der die Titanic zum Handlungsort zahlreicher Spielfilme und Romane. Bereits im Jahr des Untergangs entstand der Stummfilm „Saved from Titanic“, in dem Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt hatte, die Hauptrolle übernahm. In den Jahrzehnten nach dem Untergang erschienen Spielfilme, Dokumentationen, Sachbücher und Sensationsromane. Einiges wurde hundertjährigen Jubiläum erneut auf den Markt gebrach. Noch einmal durfte sich Jack Dawson in James Camerons Kinofilm zum „König der Welt“ machen. Noch einmal versank die Titanic in diesem romantischen Kitschspektakel in den eisigen Fluten. Wer noch nicht genug hat kann die zahlreichen Ausstellungen begutachten, Dokumentationen auf N24 anschauen, Computerspiele spielen und Bücher verschlingen, die sich mit dem Untergang des Schiffes befassen und in denen oftmals an die Herzen gehenden Geschichten verbreitet werden.

Die Katastrophe ist aber auch eine Grundlage für verschiedene Mythen, die bereits kurz nach dem Untergang verbreitet wurden und die zum hundertjährigen Jubiläum eine Renaissance erleben dürfen. Bereits kurz nach dem Unglück wollte der ehemalige Seemann Peter Pryal den Kapitän der Titanic, Edward John Smith, gleich zweimal auf den Straßen Baltimores entdeckt haben, obwohl er doch mit dem Ozeanriesen untergegangen war. Zur Freude der Klatschpresse stellte Pryal auf diese Weise den Tod auf der Titanic in Frage. Die damaligen Revolverblätter verbreiteten dieses Märchen nur zu gerne. Sie betrieben einen Scheckbuchjournalismus und kauften die kruden Geschichten von vermeintlichen Zeugen ein, die für ihre Behauptungen gut bezahlt wurden. Wenn keine Zeugen aufzutreiben waren, wurden einfach Geschichten erfunden. So verbreiteten sich Mythen und Märchen, die bis heute bekannt sind.

Der deutsche Doktor Friedrich Carl Quitzrau, der auf dem Schiff Mount Temple nach Kanada reiste, behauptete zum Beispiel, dass dieses Schiff der Titanic nicht zu Hilfe geeilt sei und stattdessen mit abgedunkelten Lichtern das Sterben beobachtet hätte. Die zeitgenössische Presse griff diese Behauptungen auf und Quitzrau hatte seinen kurzweiligen Zeitungsruhm. Ernest Gill, ein Seemann von der Californian, verkaufte sich wiederum an die Bostoner Presse und behauptete, man habe von diesem Schiff den Untergang der Titanic beobachtet, ohne zu Hilfe zu eilen. Für etwas mehr als eine handvoll Dollar und ein wenig Ruhm schienen diese vermeintlichen Zeugen zu jeder Behauptung bereit zu sein. Hinzu kamen Falschmeldungen über unglaubliche Reichtümer und über angebliche Geschwindigkeitsrekorde, die durch verschiedene Presseagenturen verbreitet wurden und in die damaligen Spielfilme zum Untergang einflossen, mit denen auch antisemitische, anti-amerikanische und anti-britische Propaganda betrieben wurde.

In dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Titanic“, der im Jahr 1943 gedreht wurde, wird der Untergang auf das Wirken der „Börsenspekulanten“ zurückgeführt, die die Titanic in ein Eismeer rasen lassen. „Das Geld ist der einzige Wert, an den ich glaube“, sagt der amerikanische Industrielle John Jacob Astor dort. Der Film, der auf einen vor, während und nach dem  Nationalsozialismus populären Sensationsroman des Autoren Josef Pelz von Felinau zurückgeht, sah sich derweil als „ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht“. In diesem Machwerk agierte der deutsche Held Petersen gegen die angebliche „Weltordnung“ der „Spekulanten“. Der Nazi-Film, für den die Deutschen nach Kriegsende anstanden, verbreite einige Mythen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen: So wird dort zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass die Titanic die schnellstmögliche Überquerung des Atlantiks zum Ziel gehabt hätte, um das imaginäre „Blaue Band“ zu gewinnen. Dabei war das schon aus technischen Gründen nicht möglich. Die Titanic hätte niemals die Geschwindigkeit erreichen können, die dafür notwendig gewesen wäre.

Später gingen allerlei verschwörungsideologische Goldgräber mit ihren Mythen über die Titanic hausieren und bezeugten bevorzugt Geschichten, die der Vater oder der Großvater von einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen erfahren haben sollte. So erlangte William Diebel seine zwei Minuten Fernsehruhm. Er munkelte im September 1987 in der Fernsehsendung„Return of the Titanic“, die von Telly „Kojak“ Savalas moderiert wurde, von einer Geschichte, die seinem Vater im ersten Weltkrieg zu Ohren gekommen war: „Er behauptete, dass die Titanic in Wirklichkeit nie einen Eisberg gerammt hat. In Wirklichkeit sank sie aufgrund einer Explosion“1.

Verschwörungsideologen konstruieren mit derartigen Märchen nun den Mythos eines gigantischen Versicherungsbetrugs, der gerne auch mit gewaltigen Explosionen und einem angeblich nicht vorhandenen Eisberg angereichert wird. Für viele Verschwörungsgläubige ist die echte Titanic niemals untergegangen. Stattdessen wurde sie durch ihr Schwesterschiff, die beschädigte Olympic, ausgetauscht und versenkt. Der gigantische Versicherungsbetrug wird zumeist einer Person angelastet, der Besitzer des Firmen-Konglomerats war, das die Titanic produzierte.

Es handelt sich um den amerikanischen Bankier J.P. Morgan, der in seiner Zeit nicht nur hohe Profite realisierte, sondern auch zum bevorzugten Hassobjekt verschiedener Anti-Amerikaner avancierte, die sich über dessen Knollennase belustigten und ihm eine Allmacht nachsagten, die dieser in der Realität nie besaß. Eigentlich wollte Morgan mit der Titanic reisen, hatte diese Reise jedoch abgesagt und vergnügte sich lieber im französischen Aix-les-Bains mit seiner Geliebten. Für Verschwörungsgläubige ist dieses belanglose Ereignis ein Hinweis darauf, dass Morgan aus guten Gründen auf die Reise verzichtet hätte. Schließlich sei er an der angeblichen „Verschwörung“ beteiligt gewesen, der die Titanic zum Opfer fiel.

Derartige Mythen wurden durch Robin Gardiner und Dan van der Vat popularisiert, die mit ihren Büchern die „Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs“2. erzählen wollten. Das Buch über die angebliche „Titanic-Verschwörung“ erschien 1996 im renommierten Goldmann-Verlag. Hier verbreiteten Gardiner und Van der Vat ihre „Verschwörungstheorie“, in dem sie allerlei Mythen mit technischen Details, Gesellschaftstratsch und historischen Fakten vermischten. Hinzu kamen die typischen Suggestivfragen, mit denen – wie so oft – die Existenz einer Verschwörung nahe gelegt wird. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Titanic in Wirklichkeit die beschädigte Olympic gewesen sein könnte. Die Eigner der Schiffe hätten einen „Austausch“ vorgenommen und die falsche Titanic  – mehr oder weniger bewusst – untergehen lassen.

Mit dieser Idee konnte auch ein anti-amerikanisches Ressentiment bedient werden. In den Büchern dieser Verschwörungsideologen wird der amerikanische Bankier Morgan als übermächtiger, „ausländischer Raubritter“ und „Hai“ gezeichnet, der seine angeblich „unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten“ eingesetzt hätte, um „Macht und Profit zu erlangen“3. So bleiben die Fakten auf der Strecke. Zwar schildern Gardiner und van der Vat recht akkurat den Untergang und die daran anschließenden Untersuchungen, müssen aber verständlicherweise jeden Beweis für den vermeintlichen Versicherungsbetrug schuldig bleiben und sich auf Gerüchte über J.P. Morgan beschränken. Es bleibt bei Suggestivfragen und Mutmaßungen, mit denen die beiden Autoren jedoch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass dieser Verschwörungsmythos über die Titanic bekannt wurde.

Verschiedene Verschwörungsideologen haben sich nach dieser Lektüre ausführlicher mit der Katastrophe befasst und die Werke ihrer Vorgänger benutzt, um ähnliche oder sogar noch waghalsigere Verschwörungsmythen zu propagieren. In diesem Jahr veröffentlichte beispielsweise Gerhard Wisnewski sein Buch über die angebliche Verschwörung, der er ein „Attentat“ auf die Titanic nachsagt. So gebührt ihm der zweifelhafte Verdienst, die Verschwörungsmythen seiner Vorgänger radikalisiert zu haben. In seinem Buch beruft sich Wisnewski immer wieder auf seine geistigen Vorgänger, die in seinem Buch zu „Titanic-Experten“ mutieren. Der deutsche Verschwörungsideologe, der in diesem Jahr zur Privataudienz mit dem iranischen Holocaustleugner und Antisemiten Ahmadinedschad reiste, bietet gleich mehrere Erklärungsansätze, mit denen er den Untergang des Dampfers verklärt.

Doch zunächst beschäftigt Wisnewski sich mit seinem „liebsten Propagadafilm“. Gemeint ist die berühmte Titanic Verfilmung des John Cameron, der ihn und andere zum „Opfer einer ausgeklügelten Propagandaaktion“ gemacht hätte. Rose, deren fiktive Geschichte im Spielfilm zum Leben erweckt wird, sei „mit dem Nimbus einer Holocaustüberlebenden ausgestattet“4, behauptet Wisnewski, um diese infrage zu stellen. Nun versucht Wisnewski den Beweis zu erbringen, dass dieser Spielkitschfilm nicht unbedingt auf historischen Fakten beruht. So möchte Wisnewski den Zweifel am Untergangshergang wecken. Auf eine ähnliche Weise nutzt er die Aquarelle des Künstlers Ken Marschall, auf denen er Beweise für seine wahnwitzigen Verschwörungsideen gefunden haben möchte.

Schnell ist eine erste Erklärung ausgebreitet, die noch schneller durch eine weitere Erklärung ersetzt wird. In Wirklichkeit sei die Titanic im Rahmen eines „verdeckten Krieges“ zwischen England und den USA versenkt worden5. Letztendlich geht es aber um einen noch perfideren Plan, bei dem mittels „Bombe im Bauch“ eine „Explosion“ verübt wird, um die Titanic, die eigentlich die Olympic ist, „planmäßig absaufen“ zu lassen. Dafür wurde die falsche Titanic durch einen „irren Kapitän“ in ein „Mienenfeld“ aus Eis gesteuert,  um die passende „Kulisse“ für das „’Massaker’ unter Amerikas reichsten Männern“ zu erzeugen. Währenddessen werden „die Passagiere bei einem fröhlichen Besäufnis abgefüllt“. Danach habe eine „schaurige Selektion” stattgefunden. Natürlich hat die „bewaffnete Bande“, mit Kapitän Smith als Anführer, in Wirklichkeit überlebt. Das ist die Kurzfassung des Märchens, das einem von Gerhard Wisnewski, auf mehr als 400 qualvoll zu lesenden Seiten, aufgetischt wird.

Dabei identifiziert Wisnewski auch Verantwortliche. Er präsentiert den üblichen Bösewicht, der jedoch nur einen Oberbösewicht repräsentiert. Wie so oft in der einschlägigen Verschwörungsliteratur, wird der Industrielle Morgan als „grausamer, angriffslustiger Finanzmann“ gezeichnet, der „Geld aus dem Nichts schaffen“ konnte, für die damaligen kapitalistischen Krisen verantwortlich gemacht wird und „jeden Knochen bis auf die Knochenhaut“ abnagt6. Mit seiner Version des Morgan-Mythos überschreitet Wisnewski, der mit seinen Machwerken bereits possierliche Mythen über den Unfalltod von Jörg Haider, die islamofaschistischen Angriffe des 11. September 2001 und die Mondlandung verbreitete, allerdings noch eine weitere Grenze, mit dem er die perfiden Mythen seiner Vorgänger noch einmal verschärft. Schließlich möchte Wisnewski einen Hintermann ausgemacht haben, den er verantwortlich macht. Wisnewski kolportiert die Behauptung, dass Morgan nur der „US-Statthalter der Rothschilds gewesen“ sei und beruft sich in diesem Kontext auf den fanatischen Antisemiten Eustace Mullins7, der Jüdinnen und Juden in schlimmster NS-Tradition als „Parasiten“ bezeichnete.

Um das Märchen vom „Attentat“ glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht Wisnewski die Überlebenden unglaubwürdig, die von diesem angeblichen „Attentat“ nichts mitbekommen haben. Der eine Überlebende hätte an „selektiver Demenz“ gelitten, der andere sei betrunken gewesen, wieder andere hätten eventuell „Anweisungen“ bekommen. Sie hätten gelogen, sich „wie ertappte Verbrecher“ verhalten oder heißen Rosenbaum. Viele Erinnerungen von Überlebenden könne man „getrost ins Reich der Phantasie verweisen“, behauptet Wisnewski, der die Überlebenden unglaubwürdig machen muss, weil ihre Erinnerungen oftmals seinem Verschwörungskonstrukt vom „Attentat“ widersprechen. Dafür werden die Märchen und die Geschichten, mit dem der ein oder andere Zeitgenosse nach dem Untergang der Titanic ein kleines bisschen Bekanntheit erlangen wollte, in aller Ausführlichkeit präsentiert. Außerdem dürfen die Märchenerzähler noch einmal eine Wiederauferstehung erleben. Ihre Geschichten, die sie vom Vater oder Großvater erfahren haben wollten, wurden bereits in Gardiners Buch und in den anderen Machwerken der Verschwörungsindustrie recycelt. Nun bedient sich Wisnewski, um den Mythos vom „Attentat” zu spinnen. Zusätzlich pickt Wisnewski ganz selektiv einige wenige Fakten heraus, die seinen Verklärungsansatz dienlich sind. Doch grundsätzlich werden diese Verschwörungsmythen zum Untergang der „Titanic“ durch die seriöse Forschung widerlegt.

Es ist der irrationale Glaube an die angebliche Weltverschwörung, der die Verschwörungsfans, die sich auf den Spuren ihrer Vorfahren bewegen, auch im Falle der Titanic begeistert. Der Untergang der Titanic ist, wie die Angriffe des 11. September 2001, nur ein Anlass, mit dem der Glaube an die Weltverschwörung belegt werden soll. Die Verschwörungsbücher zum Untergang können ein Baustein für die Verschwörungskonstrukte sein. Daher werden weitere Filme und Bücher über den angeblichen Versicherungsbetrug oder das vermeintliche Attentat auf die Titanic produziert werden. In diesen Machwerken wird sich jedoch ebenfalls nur der verschwörungsideologische Wahn offenbaren, der die alten Mythen aufs Neue reproduziert, um die vermeintlichen Verantwortlichen ins Fadenkreuz zu nehmen.

Quellen:

  1. Gerhard Wisnewski: Das Titanic Attentat — Die wahren Hintergründe der Schiffskatastrophe. Knaur Taschenbuch Verlag. München, 2012. Seite 370
  2. Robin Gardiner und Dan van der Vat: Die Titanic Verschwörung — Die Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs. Goldmann Verlag. München, 1996.
  3. Ebd., Seite 61 ff.
  4. Gerhard Wisnewski: Das Titanic Attentat — Die wahren Hintergründe der Schiffskatastrophe. Knaur Taschenbuch Verlag. München, 2012. Seite 21 ff.
  5. Ebd., Seite 59 ff.
  6. Ebd. 69ff.
  7. Ebd., Seite 77

Der König von Deutschland October 19, 2012 | 11:51 am

Zur Geisterstunde war es soweit. In Wittenberg gründete Peter Fitzek kurz nach Mitternacht sein eigenes kleines Königreich und ließ sich vor mehreren hundert Anhängern eine Krone aufsetzen. Diese hatten sich am Wochenende des 15. und 16. September versammelt, um die Gründung des „Königreich Deutschland“ zu erleben, das die Bundesrepublik in kurzer Zeit ersetzen soll.

Peter Fitzek und seine Anhänger sind dem Milieu der „Reichsbürger“ zuzuordnen. Diese behaupten, dass die Bundesrepublik Deutschland lediglich eine Firma der Alliierten sei. Im Szenejargon ist hier von der „BRD-GmbH“ die Rede. Daher haben die zersplitterten „Reichsbürger“ verschiedene „Reichsregierungen“ geschaffen, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches sehen. Die Finanzierung erfolgt über den Verkauf von Fantasie-Ausweisen, vermeintlichen Führerscheinen und angeblichen Nummernschildern. Die Träumer vom Reich werden unterdessen immer mal wieder auf den juristischen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Autofahrer, die sich mit einem Führerschein des „Deutschen Reiches“ auswiesen, um einem Bußgeld zu entgehen, wurden wegen Urkundenfälschung und Fahrens ohne Fahrerlaubnis angezeigt und durften ganz reale Bußgelder bezahlen.

Bevor sich Peter Fitzek zum Herrscher seines Königreiches krönen ließ, hatte der umtriebige Agitator verschiedene Organisationen und Geschäfte gegründet. So entstand eine Parallelwelt in Wittenberg: Im Laden „Engelswelten“ wird allerhand esoterisches Klimbim verkauft. Nicht nur dort kann mit einer eigenen Währung, dem so genannten „Engelgeld“ gezahlt werden. Außerdem wurden eine Art Kranken– und Rentenkasse, sowie allerlei andere Institutionen geschaffen. In diesem Paralleluniversum gilt Peter Fitzek als ein von Gott gesandter Messias…

… den ganzen Artikel gibt es im Publikative-Blog.

Marsch der Antisemiten. August 19, 2012 | 01:45 pm

Etwa 600 Antisemiten beteiligten sich in diesem Jahr am „Al Quds”–Marsch in Berlin. Es handelt sich um eine jährliche Propagandaverstanstaltung für das iranischen Regimes und seine Apologeten, die Israel mit Vernichtung bedrohen. Im Aufruf zum größten islamistischen Aufmarsch, an dem sich allerdings auch andere Israel-Hasser beteiligen, wurde zum „Widerstand der Völker” aufgerufen. Auch in diesem Jahr wurden zahlreiche Fahnen verschiedener islamistischer Organisationen, wie die der antisemitischen Hisbollah, geschwenkt.

Auf Bildern waren die Portraits des syrischen Despoten Assad oder des iranischen Vordenkers Ayatolla Khomeini zu sehen. Ergänzt wurde das ganze durch die deutsche Fahne, während in Sprechchören die antisemitische Ritualmordlegende von den ermordeten Kindern eine neue Wiederkehr erfuhr, als die marschierenden Antisemiten Israel als „Kindermörder” verunglimpften Andere Sprechchöre richten sich gegen „die Zionisten”. Es handelt sich dabei um einen rhetorischen Trick, mit dem Jüdinnen und Juden verunglimpft werden sollen. Wenn Antisemiten gegen „Zionisten” anbrüllen, meinen sie Jüdinnen und Juden. Zu den ekelhaften Sprechchören passten antisemitische Karikaturen, auf denen etwa ein hakennasiger Jude zu sehen war, der die Welt mit Atomwaffen bedroht. Außerdem riefen die Demonstrant_innen die üblichen Sprechchöre, die aus der Mottenkiste des Anti-Imperialismus stammen. Auf Pappschildern wurden die USA als „Weltbrandstifter” bezeichnet und für acht Millionen Tote verantwortlich gemacht, während zur gleichen Zeit verschiedene Regime, deren mörderische Potenz keine Rolle spielte, in den Himmel gelobt wurden.

Kein Wunder, dass sich auch Nazis und andere Feinde der USA und Israels am antisemitischen Aufmarsch beteiligten. Da wäre zum Beispiel die Nazi-Rapperin „Dee EX”, die mit mit einem selbstgebastelten Transparent teilnahm, um für „Freie Völker” einzutreten. Dieser völkische Jargon der reimenden Nazi-Aktivistin passte zu den antisemitischen Parolen des Aufmarsches, in dem die „Völker” des Öfteren bemüht wurden. „Deutsche Patrioten wollen keine Kriege”, hieß es auf dem Transparent der Nazi-Rapperin, die noch vor einiger Zeit in der rassistischen Kleinst-Partei „Die Freiheit” aktiv war und die sich guter Kontakte zu rechten Verschwörungsaktivsten und deutschnationalen Zeitungsherausgebern erfreut. Besagter Zeitungsherausgeber, der schon mal den ein oder anderen Holocaustleugner zum Kaffeekränzchen trifft, hatte im Vorfeld zur Teilnahme gegen „die Kriegsbestie” aufgerufen. Der Aufruf wurde prompt von der IRIB — einer Rundfunkgesellschaft des iranischen Regimes — übernommen, die den Aufruf zum Aufmarsch auf ihrer Internetseite veröffentlichte.

Dort hielt der rechte Verschwörungsaktivist Christoph R. Hörstel auch in diesem Jahr eine rund zehnminütige Rede, bei der er zahlreiche antisemitische Klischees bemühte. Hörstel gilt als Ikone der „Truther” und „Infokrieger”, die die Ereignisse des 11. September 2001 umdeuten und zu einem „Inside Job” der angeblichen Verschwörung machen, hinter der oftmals geheinmnivolle amerikanische Institutionen oder gar der israelische Geheimdienst Mossad verortet wird. Hörstel ist ein ideologischer Vordenker der selbsternannten „Wahrheitsbewegung”. Er propagiert außerdem zahlreiche weitere Verschwörungsmythen, bei denen er sich auch auf die „Freunde von ganz Rechts” beruft, was die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” nicht davon abhielt, den Verschwörungsideologen zu interviewen.

Im Mai 2012 war Hörstel auf einem Aufmarsch von Anhängern des syrischen Regimes aufgetreten, dort hatte er am Holocaust-Mahnmal ein Deutschland für Deutsche gefordert und allerlei anti-amerikanische Verbalinjurien von sich gegeben. Mit seiner neuesten Brandrede auf der Al-Quds-Demonstration sprach der völkische Verschwörungsideologe Israel das Existenzrecht ab. „Ich bin mir ganz sicher, wenn die Juden in Israel sich wieder, wie in den früheren Jahrhunderten, in den Schutz der Muslime stellen, dann wird es ihnen besser gehen als heute”, hetzte Hörstel unter anderem. Kurze Zeit später bedankte er sich bei der Polizei, die den Aufmarsch begleitete. Der nationalistische Verschwörrungsideologe machte danach „die Zionisten” und die „Bänker in New York” für alle Übel verantwortlich, die er ausgemacht haben möchte. „Als Deutscher” forderte Hörstel „wahre Verantwortung” für „ganz Palästina” ein. Dabei verzichtete der Hetzer in seinem aufgeregten Redeschwall zeitweilig auf die Chiffe von den „Zionisten” und sprach von den „Juden”, was die versammelten Antisemiten mit Beifall bedachten. „Ich sehe nur, dass die Juden die Muslime mit dem Tod bedrohen”, brüllte Hörstel zur Freude der antisemitischen Querfront aus Nazis, Anti-Imperialisten, Verschwörungsgläubigen und Islamisten. Gegen diese antisemitische Manifestation protestierten etwa 250 Antifaschist_innen.

Grabkerzen für den Frieden. August 5, 2012 | 01:47 pm

„Ab dem 15.09. wird zurück gefriedet”, freuen sich die Organisator_innen. Mit dem abgewandelten Hitler-Zitat rufen sie zur „Friedensdemonstration” in Berlin auf. Am  15. 09. 2012 wollen sich deutsche Friedensfreunde und die kläglichen Reste der so genannten „Occupy-Bewegung” in Berlin versammeln, um für „Frieden und Völkerverständigung in der Welt” zu marschieren. Dabei hat man sich einer merkwürdigen Symbolik verschrieben. Der Aufmarsch der deutschen Pazifist_innen soll im Sonnenuntergang enden. Die Aktivist_innen brauchen die Dunkelheit, schließlich möchte man vor dem Brandenburger Tor mit „Grabkerzen” hantieren. Dort plant man „ein großes Peace Zeichen mit verschiedenen Leuchtmitteln”. „Lasst uns gemeinsam lichtvolle Zeichen setzen”, heißt es auf einer Internetseite der Organisatoren. Dort wird auch der Aufruf zum Aufmarsch beworben, der eine „Lichtformation” androht, die „in die Welt” getragen werden soll. In der Dunkelheit soll also mit Lichtern vor dem Brandenburger Tor hantiert werden, hier wiederholt sich die Geschichte als traurige Farce.

Die Organisator_innen haben es sich ganz einfach gemacht und einen älteren Aufruf der „Occupy-Bewegung” recycelt. Es ist von einem „unsolidarischen Geldsystem” die Rede, dem die „echte Demokratie” entgegengestellt wird. Kein Wunder, denn der Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde wird auch von einigen Überbleibseln der „Occupy-Bewegung” und von anderen regressiven Friedensinitiativen organisiert, die anscheinend kein Problem mit verschwörungsideologischen Konstruktionen und deutschnationalen Parolen haben. Auf der Facebook-Seite zur Veranstaltung werden zum Beispiel die Reden des Verschwörungsideologen Andreas Popp beworben, der von der „BRD-GmbH” lamentiert und mit dieser Chiffre die Ideologie der nationalsozialistischen „Reichsbürger” reproduziert. Dort wird auch über einen „Marsch auf Berlin” und über einen esoterischen „Meditations-Flashmob” nachgedacht, der die „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde begleiten soll.

Doch nicht nur auf der Facebook-Seite der Veranstalter_innen findet sich Werbung für verschiedene verschwörungsideologische Machwerke und esoterische Aktionsformen. Auch im offiziellen Youtube-Video, mit dem zum Aufmarsch mobilisiert wird, kann man Hinweise auf verschwörungsideologische Propaganda entdecken. Dort wird zum Beispiel auf die Pseudo-Dokumentation „Deadly Dust” des Frieder Wagner verwiesen, der in der Vergangenheit die Nähe zum Querfrontler Jürgen Elsässer suchte. Wagners Interviews, die dieser etwa mit dem rechten Journalisten Michael Vogt produzierte, der eine geschichtsrevisionistische Dokumentation über den England-Flug des damaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß drehte, finden sich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungssszene. Im Werbe-Video zur „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde finden sich allerdings auch Szenen, die einen Aufmarsch von Gaddafi-Fans zeigen, die sich mit dessen grüner Fahne an einer Friedensdemonstration beteiligten. Der Clip wurde von der Internetseite „Antikrieg.tv” produziert, die Macher übersetzen zahlreiche Beiträge des Fernsehsenders „Russia Today” ins Deutsche. Eine weitere Quelle dieser vorgeblichen Friedensfreunde ist der iranische Sender „Press.tv”, der für seine antisemitische Hetze berüchtigt ist. Ein Video des Senders findet sich, ebenso wie das anti-israelische Gedicht des greisen SS-Mannes Günther Grass, auf den Internetseiten von „Antikrieg.tv”.

Die Parteinahme für regressive Regime sowie die Werbung für obskure Verschwörungsideologen findet sich nicht nur im Werbe-Video, sondern auch auf einer weiteren Facebook-Seite der Organisator_innen. Dort wird zum Beispiel eine Aktion der verschwörungsideologischen „Partei der Vernunft” (PdV) beworben, dort findet sich aber Werbung für die strukturell antisemitische Internetseite „MM-News”. Derartige Inhalte dürften auch Nationalsozialist_innen, Antisemit_innen und Verschwörungsfans überzeugen. Vielleicht distanzieren sich die Veranstalter_innen auch daher „von Rechtsradikalen, nationalistischen Gruppierungen und Nazis”, die angeblich nicht auf der „Unterstützerliste und auf der Demo” erwünscht seien, die aber mit einigen Inhalten der Veranstalter_innen und Unterstützer_innen durchaus einverstanden sein dürften.

Ein Unterstützer der Grabkerzern-Aktion bewirbt zum Beispiel eine der nationalsozialistischen „Reichsregierungen”. Der Aufruf zum Aufmarsch wurde unter anderem durch die Internetseite „Heinrichsplatz TV” gezeichnet. Auf dieser Internetseite findet sich nicht nur Verschwörungspropaganda, sondern auch Werbung für den „Reichsbürger” Peter Fitzek und dessen Pseudo-Staat „NeuDeutschland”, mit dem eine großdeutsche „konstitutionellen Monarchie” angestrebt wird.

Allerdings handelt es sich bei einem Großteil der Unterstützer eher um linke, verschwörungsideologische und esoterische Gestalten. Da wären zum Beispiel die „Großmütter gegen den Krieg” aus Berlin, die sich am 12.05.2012 an einem Aufmarsch für das syrische Regime beteiligten, auf dem ein „Germany for the Germans” gefordert und Davidsterne in den Staub getreten wurden. Als Unterstützerin wird auch Dr. Sabine Schiffer aufgeführt, die als Leiterin des „Institut für Medienverantwortung” dem iranischen Auslandssender „Irib” gerne ausführliche Interviews gibt. Zusätzlich unterstützt der Weblog „le Bohémien” das Stelldichein der Friedensfreunde. Dort darf an selbsternannter „Macho” gegen den Feminismus anschreiben.  Neben diesen Gestalten will sich auch Ina Edeltraut an der „Friedensdemonstration” beteiligen. Sie ist Organisatorin eines alljährlichen „Friedensfestivals”. Dort durften in den vergangenen Jahren etwa der rechte Verschwörungsideologe und PdV-Vorsitzende Oliver Janich und sein ebenso rechter Kompagnon Christoph R. Hörstel schwülstige Verschwörungsreden schwingen.

Mit „Wamos”, einem „Zentrum  für  ganzheitliche  Lebensführung”, das ansonsten ” sinnliche Rohkost-Rezepte” und „roh-köstliches Massage-Öl” bewirbt, mobilisieren auch krude Esoteriker_innen zum Marsch der Friedensfreunde. Außerdem unterstützt die CDU-Politikerin Tanja Woywat den deutschen Marsch, die noch im Jahr 2011 als stellvertretende Kreisvorsitzende der Christdemokraten in Kreuzberg und Friedrichshain Politik betrieb. Im Jahr 2009 trat sie als Pressessprecherin der antikommunistischen Direktkandidatin Vera Lengsfeld auf. Des Weiteren rufen die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” und einige andere linksdeutsche Initativen zur „Friedensdemonstration” auf. Sie werden am 15.09.2012 mit dem „Reichsbürger” und Antisemiten Marco Wüst marschieren, der ebenfalls seine Teilnahme angedroht hat.

Mit dem Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde, die sich für das ein oder andere Regime engagieren werden, wird also eine Art Querfront verwirklicht. Antisemit_innen und „Reichsbürger”, „Truther” und „Infokrieger”, „Junge Welt”–Leser_innen und eine CDU-Politikerin, Blogger_innen und Esoteriker_innen werden gemeinsam durch Berlin marschieren, um dann mit „Grabkerzen” und Runensymboliken ein „lichtvolles Zeichen” zu setzen. Es bedarf keiner Hellseherei, um eine der gruseligsten Veranstaltungen dieses Jahres vorauszusagen.

Das Interview. August 3, 2012 | 09:11 am

An dieser Stelle ein Interview, das ich in dieser Woche mit Radio Corax geführt habe. Dieses Mal geht es um die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”. Im Interview gehe ich auf die Inhalte und die verschiedenen Auftritte der Band ein, die den Soundtrack für „Truther” und „Infokrieger” produziert. Außerdem geht es um das Lob von Nazis und andere Antisemiten und um ein Interview der Band, das diese einem antisemitischen Internetsender gab.

Interview zur Bandbreite. by reflexion-blog


Innenansichten. July 10, 2012 | 12:54 pm

Im Thüringer Landtag sprachen am 9. Juli 2012 mehrere ehemalige Verfassungsschutz-Mitarbeiter vor dem Untersuchungsausschuss zur NSU und zum möglichen Behördenversagen. Unter anderem äußerte sich der ehemalige Präsident vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, eine Gestalt namens Helmut Roewer, der heutzutage im äußerst rechten Ares-Verlag publiziert. Auf der Internetseite des Jugend– und Wahlkreisbüro Haskala wurden einige teils äußerst bizarre Äußerungen der Beamten dokumentiert. Es handelt sich tatsächlich um Originalzitate.

“Wie ich Verfassungsschutz-Präsident wurde? Es war an einem Tag nachts um 23 Uhr, da brachte eine mir unbekannte Person eine Ernennungs-Urkunde vorbei, in einem gelben Umschlag. Es war dunkel, ich konnte sie nicht erkennen. Ich war außerdem betrunken.”

Mehr Zitate wurden hier dokumentiert..

 

 

 

Der Aufmarsch der Anti-Europäer. June 9, 2012 | 09:12 am

Am Freitag, den 08.06.2012, trafen sie in Berlin zusammen. Die Kader der Partei der Vernunft (PdV), die Leser_innen der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit” und andere Wutbürger_innen trafen sich vor dem Reichstag, um gegen einen angeblichen „kalten Staatsstreich” zu protestieren, den sie mit dem ESM-Vertrag verwirklicht sehen. Sie fürchten um ihren deutschen Nationalstaat, der durch „Banker” bedroht werden würde. Ganz verschwörungsideologisch wurde die kapitalistische Krise als eine „vom weltweiten Banken-Kartell seit September 2008 selbst inszenierten Krise” gedeutet, die, so die den Nationalsozialismus verharmlosende Formulierung, zu einem „finanziellen Reichtstagsbrand” geführt hätte. Vor eben jenem Reichstag sammelten sich etwa dreihundert Euro-Gegner_innen.

Wutbürger_innen vor dem Reichstag.

Dort lauschten sie den Reden, eine wurde von einer rechten Ikone gehalten, die ansonsten unter anderem für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ schreibt. Eine weitere Rede hielt der Organisator persönlich. Daniel Neun betreibt die verschwörungsideologischen Internetseiten „Radio Utopie” und „Net News Global”. In einem Interview mit der antisemitischen Internetseite „Muslim-Markt” macht Neun aus seinen politischen Vorstellungen kein Geheimnis. „Dann kommt hier andauernd in diesem Land einer an und will mit mir über die Schoa diskutieren”, jammert der Autor dort. Doch eigentlich hat er noch ganz andere Ziele. Irgendwann möchte Neun wieder Drehbücher schreiben, nämlich dann, wenn der Autor „als Journalist erst die Medienmafia, dann die Parteien-Mafia, dann die Musikindustrie und dann die Schurken aus der Filmindustrie platt gemacht” hat.

Diesen deutschen Feldzug führt Daniel Neun mit seinen Internetseiten, dort finden sich Verschwörungsmythen und Rechtspopulismus. Das ehemalige Mitglied des Linkspartei-Vorläufers WASG bezeichnet die heutige Partei zum Beispiel ganz verschwörungsideologisch als „Fantompartei eines Tiefen Staates in der Republik, der an ihrem Sturz arbeitet”. Die Linkspartei sei Teil einer „bizarren und historisch präzedenzlosen Querfront von Antidemokraten gegen die deutsche Verfassung und Republik”. Die angebliche Verschwörung der mächtigen Super-Banker, die die Bundesrepublik mit einem perfiden Plan, der Finanzkrise, abschaffen wollen, umfasst in der wundersamen Welt des Organisators unter anderem alle Bundestagsparteien.

Den Glauben an die große Verschwörung unterstreicht Neun auch durch die Beiträge, die auf Internetseite „Radio-Utopie“ veröfffentlicht werden. Diese Seite will etwas wie eine Nachrichtenagentur sein, dort finden sich weitere Verschwörungsmyten, vom 11. September 2001 bis zu den Morden des Anders Behring Breivik. Derartige Verschwörungsmythen propagiert Neun auch gerne auf Demonstrationen. Eine bizarre Wutrede ist von einer anderen anti-europäischen Manifestation überliefert, beim Aufmarsch in Berlin brüllt Neun ebenfalls gegen die EU, den Euro und die bürgerlichen Parteien an. 

Sein verschwörungsideologisches Weltbild scheint die Unterstützer_innen der anti-europäischen Manifestation, dessen Grundlage die nationalistische Sorge um den deutschen Nationalstaat und dessen Grundgesetz sein dürfte, allerdings nicht zu stören. Schließlich handelte es sich um ebenso rechte wie verschwörungsideologische Euro-Hasser, die sich um die Fortexistenz des deutschen Nationalstaates sorgen und mit dem antikommunistischen Kunstbegriff „EudSSR“ vor der Europäischen Union warnen.

Wutbürger in Berlin.

Da wäre zum Beispiel das „Aktionsbündnis Direkte Demokratie”, das vor allem Demonstrationen in Stuttgart und Karlsruhe durchführte. Das „Bürgerbündnis” wird von zwei Kadern der „Partei der Vernunft” (PdV) geleitet, die für diese Polit-Sekte eine anti-europäische Vorfeldorganisation geschaffen haben. Die Kleinst-Partei, um den Verschwörungsideologen Oliver Janich, macht seit Jahren gegen den Euro mobil und träumt von der Deutschen Mark und dem Regiogeld. Im gültigen Parteiprogramm fordert die „Partei der Vernunft” (PdV), zur Freude der „Truther” und „Infokrieger”, eine Neuuntersuchung der Ereignisse des 11. September 2001. Zur Demonstration hatten Partei-Kader sogar einen Kleinbus gechartert, mit ihren blauen Fahnen sorgten sie für optische Aufheiterung des tristen Szenarios.

Aktivisten der Partei der Vernunft in Berlin.

Eine weitere Unterstützerin der Demonstration war Beatrix von Storch, die unter anderem als „Sprecherin” einer Gruppe namens „Zivile Koalition e. V.” auftritt. Sie veröffentlichte im Vorfeld sogar einen amüsanten und bedrohlichen Videoaufruf, der sich gegen eine Gruppe richtete, die sie als „Ur-Oligarchie” bezeichnete. Die geborene „Herzogin von Oldenburg” machte sich, vor ihrer Karriere als Ikone der europamüden konservativen Rechten, für die Rechte von Junkern und Adel stark, die durch die Enteignungen in der ehemaligen DDR um Schloss und Hof gebracht wurden. Heutzutage setzt sie sich nicht mehr für Alt-Nazis und andere deutsche Opfer ein, sondern sie macht gegen den ESM-Vertrag mobil. Sie organisiert Vorträge, etwa mit Hans-Olaf Henkel oder redet auf Demonstrationen. Dort träumen die Teilnehmer_innen von der einen, neuen und großen Partei, die gegen den Euro mobil macht.

Als Autorin des Weblogs „Freie Welt” und als Youtube-Video-Filmerin erreicht Beatrix von Storch Freie– und andere Wutwähler_innen. Ihre Arbeit wird immer wieder in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit” beworben, für die die umtriebige von Storch auch als Autorin tätig ist. Im Vorfeld berichtete die Wochenzeitung erfreut: „Anti-ESM-Protest erreicht Berlin”. In vielen Artikel werden die Pressemitteilungen der „rechtspopulistischen Bloggerin” aufgegriffen, die für die Zeitung aber auch schon mal einen Kommentar über den ESM-Vertrag verfassen durfte. Als Rednerin durfte Frau Storch auch in Berlin gegen den ESM-Vertrag anschreien, währenddessen wurden Flugblätter der rechten Zeitung verteilt.

Über Wochen wurde die Organisation „Attac” als Unterstützerin der anti-europäischen Aktion aufgeführt. Erst einem Tag vor der Demonstration kam es zu einer halbherzigen Distanzierung: „Attac sieht in dieser Demo den Versuch, die Schuldenfrage mit nationalistischen und chauvinistischen Inhalten zu verbinden, die den Zielen von Attac diametral entgegen stehen”. Trotz dieser Distanzierung trat ein wichtiges Attac-Mitglied auf der Demonstration auf. Es handelt sich um Lony Ackermann, die in ihren wilden 90ern noch in der FDP aktiv war. Als der Antisemit Jürgen Möllemann den Tod per Fallschirm wählte, verbreitete sie Verschwörungsmythen. Damals sagte sie dem Spiegel: „Die Mörder sind unter uns”. Sie munkelte von „weltweit Verdächtigen”, die für den Tod des FDP-Populisten verantwortlich sein sollten. Heute ist Lony Ackermann allerdings mit anderen Dingen beschäftigt. Als Mitglied des Attac-Rates, dem höchsten Gremium dieser Organisation, widmet sie sich der Europäischen Union, „mit ihren ungeheuerlichen, undemokratischen Herrschaftsstrukturen”. Auf der Demonstration in Berlin hielt Ackermann ebenfalls eine Rede.

Lony Ackermann als ATTAC-Wutbürgerin in Berlin.

Außer diesen Gestalten, die die Sorge um den Nationalstaat vor den Reichtstag brachte, gab es noch einige kleine Blogs, die den Aufmarsch unterstützten. Da wäre zum Beispiel „Jenny’s Blog”. Dort wird nicht nur der ESM-Vertrag einer Pseudo-Kritik unterzogen, sondern auch über einen „Prozess der ganzheitlichen Geilheit” informiert: „Deshalb fordere ich: ‘Lasst uns weiter ficken!’ Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung ohne Verwerfungen, wo Leistung und Geilheit sowie auch Ungeilheit sich in Balance zu einenander befinden”

Es war eine bunt-braune Mischung, die vor dem Reichtstag zusammenkam. Verschwörungsideologen, Europa-Gegner und Deutschland-Fans, huldigten gemeinsam dem deutschen Nationalstaat und warnten vor angeblichen Reichtstagsbränden und Ermächtigungsgesetzen. Kein Wunder, dass die „Nationaldemokratische Partei Deutschland” (NPD) diesem Spektakel nicht abgeneigt war. Im Vorfeld hatte die Partei eine Pressemitteilung veröffentlicht, mit der sie ihre Teilnahme ankündigte.

Einige Anhänger der „Occupy-Bewegung” riefen zunächst ebenfalls zum gespenstischen Stelldichein mit den andere Europa-Gegnern auf. Auf der „Occupy”–Internetseite „Alex11” wurde sogar der Aufruf zum Aufmarsch veröffentlicht. Doch dann folgte eine eine Erklärung von Aktivist_innen „des Arbeitskreises Anti-ESM“. Dieser distanzierte sich von „OrganisatorInnen, UnterstützerInnen und allen nationalistischen Beteiligten der Demonstration“, solidarisierte sich im Gegenzug aber mit „Menschen, die aus anderen politischen Motiven die Demo besuchen werden“.

Die Organisator_innen veröffentlichten im Vorfeld ebenfalls eine halbherzige Distanzierung:Sollten sich also Nazis (…) am 8. Juni zu unserer Demonstration gesellen, so werden wir (…) ihnen deutlich machen, daß sie dort nicht hingehören“. Doch davon konnte keine Rede sein. Etwa 20 Nazis beteiligten sich an der anti-europäischen Aktion. „Stoppt den ESM“, forderte die NPD. „Stoppt den ESM“, forderten die übrigen Demonstrant_innen. An der Teilnahme der Nazis schien sich auch in Berlin nun niemand zu stören.

Die Nazis trafen auf Verschwörungsideologen von der „Partei der Vernunft” (PdV) und auf die rechtskonservativen Fans der „Jungen Freiheit“. Unterstützt wurden sie durch einige Anhänger der „Occupy-Bewegung“ und die Rednerin von Attac. Hier wurde eine bunt-braune Querfront ganz praktische Realität.

NPD-Kader besuchen Wutbürger.

Wutbürger, Nazis und „Freie Wähler” (I).

Wutbürger, Nazis und „Freie Wähler” (II).

Das Massaker der Verschwörungsszene. June 1, 2012 | 11:25 am

Das Massaker in der syrischen Stadt Al-Hula, bei dem mindenstens 100 Menschen ermordet wurden, beschäftigt auch in Deutschland Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten. Doch zuvor hatte die syrische Despotie eine Untersuchungskomission eingesetzt, die die mörderischen Ereignisse in ihrem Sinne deutete. Es seien „800 aufständische Kämpfer” gewesen, die für das Massaker verantwortlich seien, behauptete der Leiter der für die Aufklärung des Massakers zuständigen Untersuchungskommission, Kassem Dschamal Suleiman, bei einer Pressekonferenz. Ziel des Massakers sei es gewesen, die Unruhe zwischen verschiedenen Religionsgruppen zu schüren. Diese Darstellung fand ihren Weg in die Blogs und Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, nachdem ein russischer Aktivist einen eigenen Bericht geschrieben hatte.

Die Rede ist von Marat Musin (s. Foto), der seit Monaten für das syrische Regime aktiv ist. In den deutschen Blogs der Verschwörungsszene wird Musin als unabhängiger Journalist dargestellt, der lediglich aus der Region berichten würde. Interviews mit dem Fernsehsender „Russia Today” und sein Weblog „ANNA-News”, der sich der „Wahrheit” verschrieben hat, verstärken diesen Eindruck noch. Doch Marat Musin ist kein unabhängiger Journalist, sondern stellvertretender Vorsitzender eines Solidaritäts-Komitees, in dem auch Holocaustleugner und Islamisten aktiv sind.

Für das russische „Komitee für Solidarität mit den Völkern Libyens und Syriens” tritt Marat Musin als einer der stellvertretenden Vorsitzenden auf. In Vorstand des Komitees finden sich einige antisemitische Gestalten, so zum Beispiel Israel Shamir. Es handelt sich um einen antisemitischen Holocaustleugner, der sich mit der Frage beschäftigt „wie die Verschwörung der Weisen von Zion zerschlagen werden kann”. In einem seiner Artikel spricht Shamir von einer Elite, die er — so die antisemitische Chiffre — im „Osten Manhattans” verortet. Shamir hat sich  einem mörderischen Antisemitismus verschrieben. Er ruft beispielsweise dazu auf „die Bastarde an den Straßenlaternen” aufzuhängen. Mit diesem antisemitischen Holocaustleugner arbeitet der angeblich unabhängige Journalist Musin im Solidaritätskomitee zusammen, sie eint das Eintreten für die Diktatur in Syrien. Der Vorsitzende des Solidaritätskomitees ist Sergej Baburin, ein Wortführer der antisemitischen Nationalisten in Russland.

In ihrem Solidaritätskomitee sind aber auch Islamisten, wie Jamal Hyder vom „Islamischen Zentrum Russlands” (IZR), aktiv. Außerdem unterstützt der Aktivist Maxim Shevchenko das Komitee. Er will eine „zionistische Bedrohung” ausgemacht haben, die „hunderte Politiker, Journalisten, Geheimdienstler, Geschäftsleute” und einen „finanziellen Kreis” umfassen würde. Shevchenko glaubt im paranoiden Wahn, der so typisch für Antisemiten ist, dass er von Mitgliedern des „Jüdische Kongress Russlands” (REK) durch Mordankündigungen bedroht werden würde. Antisemiten, Islamisten und Holocaustleugner: Das sind die Kompagnons des angeblich unabhängigen Journalisten Marat Musin, den deutsche Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten als Kronzeugen entdeckt haben.

Nachdem das Regime am 27.05 behauptet hatte, dass das Massaker in Hula auf „aufständische Kämpfer” zurückzuführen sei, veröffentlichte Marat Musin am 30.05 nämlich mehrere Artikel und Interviews, mit dem er die Theorien des syrischen Regimes bestätigen wollte. Er schrieb von einer „Säuberungsaktion”, für die er „Terroristen”, „Banditen” und die „Freie Syrische Armee” verantwortlich machte. Diese hätten „mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht”. In einem seiner Berichte präsentierte der stellvertrende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees die Aussagen einiger Soldaten, dort bezeichnete er die Berichte von UNO-Beobachtern als „dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat”. Die Augenzeugenberichte von Überlebenden des Masssakers wurden dafür von ihm verschwiegen. Stattdessen lieferte Musin ein verschwörungsideologisches Motiv: „Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen, (…) welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte”.

Diese Propaganda des stellvertretenden Vorsitzenden Musin fand über dessen Internetseite „ANNA-News” den Weg nach Deutschland. Die englischsprachigen Versionen seiner Artikel wurden schnell ins Deutsche übersetzt und auf verschiedenen Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, in nationalsozialistischen Weblogs und auf den Seiten deutscher Anti-Imperialisten veröffentlicht. Ein Artikel wurde beispielsweise von Jens „Cheffe” Blecker publik gemacht, der die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieger-News” betreibt. Blecker begründete die Veröffentlichung in einer Weise, die keine Fragen offen läßt: „Natürlich passt er auch in mein Weltbild und bestätigt meine Vorurteile”, schrieb der deutsche Verschwörungsideologe. Der ebenso deutsche Anti-Imperialist Harald Pflueger verwies in seinem Weblog ebenfalls auf die Artikel, die Nationalsozialisten von der „Sache des Volkes” schrieben von der „Al-Hula-Lüge”. In allen Fällen wurden die Machwerke des Marat Musin als Quelle angeführt.

Mit seiner Propaganda für das syrische Regime erreicht der stellvertretende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees zwar keine große Öffentlichkeit, dafür aber die deutsche Verschwörungsszene und andere Gestalten, die seine Deutung des Massakers nur zu gerne glauben wollen. Marat Musin dürfte dies auch in Zukunft gelingen. Sein Netzwerk aus antisemitischen Hetzern, die mit ihrem Solidaritätskomitee Propaganda für das syrische Regime verbreiten, liefert nämlich genau die Pseudo-Informationen, die nicht nur in den Kreisen der deutschen Verschwörungsszene so ungeheuer beliebt sind.

Die Gefährten des Landtagskandidaten. May 4, 2012 | 12:21 pm

Die Reise des FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher, der aus der Kleinstadt Delmenhorst nach Teheran reiste und dort auf den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad traf, schlägt große Wellen. Der Spiegel, die TAZ, die Welt und zahlreiche andere Tageszeitungen, berichten über die Reise des FDP-Politikers. Radio Bremen ließ Hübscher in seiner Sendung „Butten un Binnen” ausführlich zu Wort kommen. Dort deutet er seinen Trip, die ihn ins Herzen der klerikal-faschistischen Mullah-Diktatur führte, zur harmlosen Bildungsreise um und spricht von einer „jüdischen Community”, von der er sich nichts vorschreiben lassen würde. Die Kritik an seine „privaten Reisenplänen” gefällt ihm gar nicht, der Tagesezeitung NWZ erzählt Hübscher, „er fühle er sich in diesen Tagen seelenverwandt mit Günter Grass.”

Wirft man einen Blick auf die Reisegefährten des FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher, wird mehr als deutlich, mit wem sich der FDP-Politiker in ein Flugzeug gesetzt hat, um dem iranischen Präsidenten die Aufwartung zu machen. Es handelt sich um Verschwörungsideologen, Alt-Nazis, Antisemiten und andere obskure Gestalten, die den FDP-Politiker begleiteten.

1. Da wäre zum Beispiel der Verschwörungsideologe Jürgen Elsässer, der protestierende Demonstrant_innen im Iran als „Dis­co­mie­zen, Tehe­ra­ner Dro­gen­jun­kies und die Strich­jun­gen des Finanz­ka­pi­tals”” beleidigte. Elsässer ist Herausgeber des „Compact”-Magazins, in dem verschiedene Autoren publizieren, die dort vor allem unterschiedliche Verschwörungsmythen bewerben. Schließlich deutet Elsässer selbst die Ereignisse des 11. Septembers 2001 um und macht den islamistischen Angriff zum „Inside Job” geheimnisvoller Institutionen, die er in den USA verortet. Auf seinen Veranstaltungen trifft sich die Verschwörungsszene aus selbsternannten „Truthern” und „Infokriegern”. So zum Beispiel am 10. September 2010 in Leipzig, dort sprach der Betreiber der Internetseite „Infokrieg.tv”, auf dessen Internetseite die Morde des Anders Behring Breivik umgedeutet worden werden. „Keiner interessiert sich für Hinweise auf Kontakte und Ausbilder”, beklagt ein Autor dieser Internetseite. Der Betreiber schreibt vom „rech­ten Ter­ror‘ unter fal­scher Flag­ge“. Die Umdeutung von terroristischen Attentaten ist ein gemeinsamer Nenner in der Szene der „Truther” und „Infokrieger”, die auf diese Weise die Existenz einer mächtigen Verschwörung belegen wollen. Der Iran-Reisende Elsässer schreibt beispielsweise, mit dem Blick auf die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU), vom „inszenierten Terror von rechts”. Er stellt in seinem Weblog die Frage, ob die „NSU von der CIA gefakt oder geführt” worden wäre. Auf diese Weise entlastet der Verschwörungsideologe, der mit Hübscher in den Iran reiste, die Nazi-Täter und macht sie zu Marionetten. Derartige Entlastungsdiskurse werden in seinem Milieu häufiger geführt.

2. Eine weitere Person, die mit dem FDP-Politiker in den Iran flog, ist der „Ziegelphysiker” Konrad Fischer, der als Fachmann für Wärmedämmung und Photovoltaik-Anlagen auftritt. Auf seiner Internetseite hetzt er in einem unsäglichen Jargon über „mächtige Juden” und leugnet die deutsche Kriegsschuld, für den zweiten Weltkrieg macht dieser Iran-Reisende nämlich den damaligen englischen Premierminister Churchill verantwortlich. Fischer spricht von „Chur­chill und sei­ner jüdi­schen Freun­des– und Emi­gran­ten­schar”, die er als „scha­rende Kriegs­trei­ber” bezeich­net. Auf seiner Internetseite verbreitet Fischer nicht nur diese unverhohlene antisemitische Hetze, sondern empfiehlt auch zahlreiche Bücher, die in Verlagen der Nazi-Szene erschienen sind. So zum Beispiel einige Machwerke aus dem Grabert-Verlag, dessen Autoren nicht selten als Ideologen, Politiker oder Funktionäre verschiedener rechtslastiger Organisationen oder Parteien aktiv sind.

3. Eine weiterer Reisebegleiter des FDP-Politikers Claus Hübscher war der Reiseleiter Yavuz Özoguz. Dieser betreibt unter anderem die Internetseite„Muslim-Markt”. Den israelischen Staat begegnet er mit Verachtung. Auf seiner Internetseite ist vom „Pseudostaat” die Rede, gemeint ist Israel. Dort wird gegen den israelischen Staat angeschrieben, der konsequent in Anführungszeichen gesetzt wird. Dieser Staat würde „die gesamte Region mit Terror und Schrecken” überziehen, heißt es auf der Internetseite „Muslim Markt”. Daher kommen dort zahlreiche Israel-Gegner zu Wort. So zum Beispiel der umtriebige rechte Funktionär Andreas Molau, der nach NPD und DVU nun bei der rechten Vereinigung Pro NRW gelandet ist. Ein weiteres Interview wurde mit Elias Davidsson geführt. Dieser behauptete dort, dass „Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat von Ju­li­us Strei­cher (…) heute als be­schei­den be­trach­tet wer­den” würde, „ver­gli­chen mit dem Aus­maß des heu­ti­gen Pro­pa­gan­da­ap­pa­ra­tes gegen den Islam, der ganze Erd­tei­le über­deckt und von Hol­ly­wood un­ter­stützt wird“.

4. Elias Davidsson reiste ebenfalls mit dem FDP-Politiker in den Iran. In der Vergangenheit trat er einer Veranstaltung der rech­te Bur­schen­schaft Nor­man­nia-​Nie­be­lun­gen“ auf, bei der auch der ehemalige Rechtsterrorist Odfried Hepp als Redner eingeladen worden war. Im Nachhinhein rief Davidsson zur Zusammenarbeit mit den Burschenschaften auf, die wie er gegen die „Feinde” im Bundestag und gegen Israel und die USA vorgehen wollten: „Unsere Feinde befin­den sich nicht bei den Skin­head Nazis oder bei Rand­grup­pen der Kon­ser­va­ti­ven son­dern sit­zen im Bun­des­tag und in der Bun­des­re­gie­rung, wo sie die Betei­li­gung Deutsch­lands in einem Angriffs­krieg und in der Besat­zung eines zen­tral­asia­ti­schen Staa­tes unter­stüt­zen, und eng mit zwei Schur­ken­staa­ten wirt­schaft­lich, mili­tä­risch, poli­zei­lich und geheim­dienst­lich zusam­men­ar­bei­ten (USA und Israel). Wir soll­ten nicht die Zusam­men­ar­beit mit den Bursch­schaf­ten gegen die­ser unhei­li­gen Alli­anz ver­nach­läs­si­gen. Davidsson verfasste außerdem ein Bekenntnis zum Antisemitismus: „Das Wort ‚An­ti­se­mit‘, das ur­sprüng­lich eine ne­ga­ti­ve und bös­ar­ti­ge Be­deu­tung hatte, ver­weist jetzt auf po­si­ti­ve und sehr le­bens­wer­te Hal­tun­gen (…). Ich bin ein ra­di­ka­ler An­ti­se­mit und stolz darauf“, schrieb er im Jahr 2011. Nun ist auch er in den Iran gereist, um einem anderen Antisemiten die Hand zu schütteln.

5. Es gibt noch einen Reisebegleiter, durch den sehr deutlich wird, mit wem der FDP-Politiker Hübscher nach Teheran reiste. Es handelt sich um Karl Höffkes, der Jahrzehnte in der Nazi-Szene aktiv war. Er produziert Filme, die so bezeichnende Titel wie „Als Arzt im Fronteinsatz” oder „Mit der Kamera an der Ostfront” tragen. Höffkes interviewt mit Vorliebe vormalige Führungsfiguren der NSDAP, die ihm ihren geschönten Blick auf die Vergangenheit schildern. Seine Firma produzierte den geschichtsrevisonistische Film „Geheimakte Heß”, in dem der Hitler-Stellvertreter zum Friedensflieger stilisiert wird. Dieser Film wurde über lange Zeit auch über den Versand der NPD verkauft. Zwar hat sich Höffkes heute offiziell von seinen Nazi-Kameraden distanziert, seine Filme und Bücher werden aber weiterhin über rechte Verlage vertrieben. Noch 1996 lobte der Filmproduzent den „Reichsjugendführer” Axmann, dieser sei ein „integrer selbstloser Idealist” gewesen.

 Hübscher, seine Reisegefährten und Ahmadinedschad.

Von links nach rechts: Andreas Neumann, Anneliese Fikentscher, (beide „Arbeiterfotografie” und NrHZ), unbekannte Person, Fatima Özoguz, Mehmet Yavuz Özoguz („Muslim Markt” und „Islamischer Weg e.V.”), Claus Hübscher (FDP-Landtagskandidat), unbekannte Person (im Hintergrund), Mahmud Ahmadinedschad (Präsident, Mörder und Holocaustleugner), Jürgen Elässer (Compact-Magazin), Ralf Flier (Gold– und Geldfachmann), Gerhard Wiesnewski (Autor des Kopp-Verlags), Konrad Fischer (Ziegelphysiker), Elias Davidsson (Verschwörungsideologe).

Der Ziegelphysiker. May 2, 2012 | 03:05 pm

An der Reisegruppe, die am 27. April 2012 vom iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zur „Privataudienz” empfangen wurde, waren nicht nur Verschwörungsideologen und der FDP-Landtagskandidat Claus Hübscher beteiligt. Ein Ziegelphysiker reiste zur „Privataudienz”. Vorher hat er sogar eine eigene Briefmarke gestaltet (s. Foto). Die Rede ist von Konrad Fischer, der aus seinem Heimatort, dem oberfränkischen Hochstadt am Main, nach Teheran reiste. Der 1955 geborene Fischer vertritt, laut dem kritischen Internetlexikon Esowatch, eine „Außenseiter-Ansicht zur Physik der Wärmedämmung”. Auf seiner Internetseite empfiehlt der Verschwörungsideologe, der in der Öffentlichkeit als „Architekt und Gutachter” in Erscheinung tritt, verschiedene Berichte des iranischen Regimes, in denen über die Audienz beim Antisemiten berichtet wird. Die dazugehörigen Fotos zeigen auch ihn beim Händedruck mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad.

Konrad Fischer und Mahmud Ahmadinedschad.

Der Ziegelpysiker ist ansonsten ein gefragter Interview-Partner des Bayerischen Rundfunks. Dort äußert er sich vor allem zu den Risiken der Wärmedämmung und spricht über Photovoltaikanlagen. Seine sonstigen Theorien werden durch seine eigene Internetseite deutlich, auf der Fischer im homophoben Jargon über „Schwulerei mit Minderjährigen” schreibt, für die er die „Mächtigen” verantwortlich macht. Außerdem empfiehlt Fischer dort unterschiedliche Bücher, die vor allem in verschiedenen Verlagen der rechten Szene erscheinen. Auf seiner Internetseite bewirbt er zum Beispiel ein Buch des Claus Nordbruch. Dieser bekennende Apartheids-Freund lebt in Südafrika, von dort hält er enge Kontakte in die deutsche Nazi-Szene und beliefert sie mit Artikeln, die unter anderem in der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme” erscheinen. In den Buchempfehlungen des Konrad Fischer finden sich Werbung für weitere Machwerke, die in den Verlagen der deutschen Nazi-Szene erschienen sind. Die Hetzschrift „Der geplante Krieg: Churchills Verschwörung gegen Hitlers Deutschland”, das in der nationalsozialistischen Verlagsgesellschaft Berg erschienen ist, wird von Fischer ebenfalls empfohlen: „Churchill als Galionsfigur eines perversen Netzwerks zur Auslösung des zweiten Weltkriegs und Vernichtung Deutschland”, bewirbt Fischer dieses Buch — ganz geschichtsrevisionistisch — auf seiner Internetseite.

Dort findet sich auch Werbung für weitere geschichtsrevisionistische Nazi-Propagaganda, mit denen die Kriegsschuld Deutschlands geleugnet wird. Konrad Fischer bedient sich hier eines unglaublichen antisemitischen Jargons. Er schreibt vom damaligen Premierminister „Churchill und seiner jüdischen Freundes– und Emigrantenschar”, die er als „scharende Kriegstreiber” bezeichnet (Screenshot). Einige der von Fischer beworbenen Bücher sind im „Grabert-Verlag” erschienen, der die Naziszene ebenfalls mit Propaganda beliefert. Mehrfach wurden Bücher aus den Verlagsprogramm wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung Verstorbener eingezogen oder von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert. Fischer empfiehlt auf seiner Internetseite außerdem die „manchmal durchaus lesenswerte Kommentare in der National-Zeitung von Dr. Gerhard Frey”. Es handelt sich um eine weitere Zeitung für deutsche Nationalsozialisten.

Der Ziegelphysiker Konrad Fischer empfiehlt allerdings nicht nur Bücher und Zeitungen der extremen Rechten, sondern auch andere Machwerke. So zum Beispiel ein Buch des Verschwörungsideologen Jürgen Elsässer, mit dem sich Fischer gerade in den Iran begeben hatte. Fischer garniert seine Buchempfehlung mit einigen eigenen antisemitischen Tiraden. Er schreibt vom „bluttriefenden zionistisch-faschistischen Israel” und konstruiert „USraelische Netzwerke gegen den Iran”. Die Chiffre von „USrael” wird ansonsten gerne von Nationalsozialisten genutzt.

Es ist eine antisemitische Sprache, die auf der Internetseite des Ziegelpyhsikers verwendet wird. Fischer warnt hier vor „mächtigen Juden” und „Globalheuschrecken”, seinesgleichen sieht er als „Sklaven, Halbaffen und Schabbesgojim”, die von „Usrael” unterdrückt werden. Fischer ist, da besteht nun wirklich nicht der geringste Zweifel, ein fanatischer Antisemit. Dies wird auch durch seine Verharmlosung des Holocaust deutlich, den er mit angeblichen israelischen Verbrechen gleichsetzt. Außerdem macht er Jüdinnen und Juden für den grassierenden Antisemitismus verantwortlich. Die „Palästinenser” seien einer „genozidgleichen Holocausterei” ausgesetzt, dies würde „einen neuen weltweiten Antisemitismus geradezu” erzwingen. Dies sind nur einige Beispiele für den Antisemitismus des Ziegelphysikers, den dieser auf seiner Internetseite propagiert (Screenshot).

Wahrscheinlich trieb ihn dieser Antisemitismus nach Teheran. Er reiste gemeinsam mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer, dem Verschwörungsideologen Gerhard Wisnewski, dem „Arbeiterfotografie”–Aktivisten Andreas Neumann, dem FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher und dem „Muslim-Markt”–Bereiber Yavuz Özoguz in den Iran. Dort trafen sie gemeinsam, während einer „Privataudienz”, auf den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Zurück in Deutschland wird Fischer wahrscheinlich wieder als „Architekt und Gutachter” auftreten und eventuell dem Bayerischen Rundfunk Interviews über Wärmedämmung und Photovoltaikanlagen geben. Außerdem wird er sicherlich weiterhin Bücher aus den Verlagen der deutschen Nazi-Szene empfehlen. Auf seiner Internetseite wird er obendrein die unverhohlene antisemitische Hetze betreiben. Die Reise in den Iran und den Besuch beim antisemitischen Präsidenten wird er, wie die anderen Teilnehmer, sicherlich in guter Erinnerung behalten.

Von links nach rechts: Andreas Neumann, Anneliese Fikentscher, (beide „Arbeiterfotografie” und NrHZ), unbekannte Person, Fatima Özoguz, Mehmet Yavuz Özoguz („Muslim Markt” und „Islamischer Weg e.V.”), Claus Hübscher (FDP-Landtagskandidat), unbekannte Person (im Hintergrund), Mahmud Ahmadinedschad (Präsident, Mörder und Holocaustleugner), Jürgen Elässer (Compact-Magazin), Ralf Flier (Gold– und Geldfachmann), Gerhard Wiesnewski (Autor des Kopp-Verlags), Konrad Fischer (Ziegelphysiker), Elias Davidsson (Verschwörungsideologe).

Die Werbefigur. April 26, 2012 | 08:42 pm

Die „Partei der Vernunft” (PDV), deren Vorsitzender Oliver Janich eng in das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” eingebunden ist, ließ vor einiger Zeit einige Werbeclips produzieren, die die „Köpfe der Partei” zeigen sollen. Zu sehen sind einige einfache Partei-Mitglieder, die auf diese Weise Werbung für die kleine Gruppierung betreiben. Die Gruppierung tritt zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an und ist auch daher auf Werbung angewiesen. „Mitglieder stellen sich vor”, wirbt die Partei auf ihrer Internetseite. In der Partei-Gemeinschaft würden „Unternehmer, Gewerkschafter und Betriebsräte Hand in Hand mit Mangern arbeiten”, lautet die Vision der Partei. Im ersten Werbe-Video der Partei ist Marco Wüst zu sehen. Er lebt im niedersächsischen Stade und betreibt dort einen Laden namens „El Alkazar”. Im Werbevideo der Partei wird er als Kleinunternehmer inszeniert, der mit seinen Kund_innen über Politik und die Welt spricht. Außerdem fürchtet er sich vor einer angeblich drohenden Diktatur, den Vertrag von Lissabon beschreibt er im Werbe-Video als „Ermächtigungsgesetz”. Wüst verharmlost auf diese Weise das historische Ermächtigungsgesetz, mit dem die sich die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft” eine rechtliche Grundlage gab. Im PDV-Video schwadroniert Wüst außerdem von „linken und rechten Faschisten”, unterlegt ist das ganze mit krachenden Gitarren, denn Wüst ist oder war irgendwann einmal Punker und hat sich in einer Geste der vermeintliche Rebellion die Haare gefärbt.

„Die Partei der Vernunft” unternimmt hier den offensichtlichen Versuch, sich als Alternative zu den bürgerlichen Parteien zu inszenieren. Das Video wurde im Dezember 2011 ins Internet gestellt, bereits damals war offensichtlich, was für kruden Theorien der Piercer und Tätowierer ansonsten verfallen ist. Ein Blick in sein öffentlich-zugängliches Facebook-Profil verrät, dass sich Wüst für die Verschwörungsrapper der Band „Die Bandbreite” und für die „Bösen Onkelz” begeistert. Der Parteivorsitzende Oliver Janich ist wie viele weitere Partei-Kader ein Facebook-Freund der Werbefigur.

Weitere Themen, die das Interesse des Marco Wüst geweckt haben, sind unter anderem angebliche „Chemtrails” und „Impfungen”. Auf seiner Seite leugnete er er die Gefährlichkeit der Infektionskrankheit HIV und veröffentlichte hunderte Propaganda-Videos der Verschwörungsszene.„Ufos hingegen existieren sehr wohl”, glaubt Wüst. Er warnte dort im vergangenen Jahr eindringlich vor dem Gebrauch von Zahnpasta, vor Fernseher-Konsum und vor McDonalds. Marco Wüst glaubt außerdem, dass die Bundesrepublik kein realer Staat, sondern eine Firma sei. Mit derartigen Theorien dockt er an die Szene der selbsternannten „Reichsbürger” an. Diese oftmals esoterischen und antisemitischen „Reichsbürger” glauben, dass das „Deutsche Reich” noch existiert. Sie produzieren recht phantasievolle Pseudo–Pässe und kuriose Nummernschilder. Es gibt mehrere konkurierende Reichskanzler, die „kommissarische Reichsregierungen” geschaffen haben. Die Instituionen der Bundesrepublik werden nicht anerkannt, stattdessen berufen sich die „Reichsbürger” auf ihre jeweilige „Reichsregierung”, von denen gleich mehrere Dutzend existieren.

Was sich wie ein schlechter Witz anhört, ist durchaus ernst gemeint. Viele „Reichsbürger” setzen auch andere Traditionen des „Deutschen Reichs” fort. So auch Marco Wüst, der eben auch eine Werbefigur der „Partei der Vernunft” ist. Wüst ist einem rasenden Antisemitismus verfallen und leugnet den Holocaust. In einer von ihm veröffentlichten Notiz gibt er einen wüsten Einblick in sein krudes Weltbild. Dort propagiert der Tätowierer nicht mehr und nicht weniger als die nationalsozialistische „Rassenkunde”: „Nur die 3 % Mizrahi-Juden (…) sind demnach echte Juden”. Wüst schreibt außerdem von „Ashkenazi Juden, (…) zu denen neben den führenden global agierenden Banken-Mafia ‘Clans’  (…) auch viele internationale und deutsche Politiker gehören, die dies immer verschleiert haben (Hillary Clinton, Helmut Kohl, Albright, Holbrook etc)”. Diese seien — so Wüst im Wahn — die „Nachfahren von Turkvölkern und Kaukasiern , also wenn man es überspitzt formulieren würde, die Nachfahren der mongolischen Horden und ihrer pan-europäischen Vergewaltigungsopfer”. So hetzt ein Antisemit, der zugleich als Werbefigur der „Partei der Vernunft” dient. Marco Wüst leugnet in seiner Raserei auch den Holocaust. Wüst schreibt nicht nur dort vom „sog. Hollowco$t” und jammert darüber, dass Holocaust-Leugner mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben.

Die verschwörungsideologische Propaganda des Parteivorsitzenden Oliver Janich, der den 11. September umdeutet, hat den Verschwörungsfan aus Stade zumindest zeitweilig begeistert. Die „Partei der Vernunft” hat dieser Hetzer wie andere Partei-Kader wieder verlassen, nachdem der damalige Landesvorsitzende Michael König einen „autoritären und hierachischen Führungstil” des Bundesvorstands kritisiert hatte. Doch bereits als Parteimitglied füllte der Aktivist seine Pinnwand mit antisemitischer Propaganda über „die Rothschilds”, mit den Reden Ahmadinedschads und mit Bildern von angeblichen „Chemtrails”. Bis heute dient Wüst als Werbefigur der „Partei der Vernunft”. Er ist mit zahlreichen Partei-Kadern befreundet und bedauert die „diverenzen”, die zur Trennung führten. Nun macht Wüst für eine Gruppierung der „Reichsbürger” Politik. Für den ersten Mai 2012 ruft er zu einer Versammlung im örtlichen „Ratskeller” auf. Es ist der „Stammtisch” eines „Reichsbürgers”, für die die Werbefigur der „Partei der Vernunft” mobilisiert. Er lädt zum „Stammtisch Stade”, um über die „Rechtslage” der BRD zu schwadronieren.

Das Flugblatt, das Wüst auch über die örtliche Occupy-Seite bewirbt, die der umtriebige Antisemit augenscheinlich ebenfalls betreibt, verweist auf einen weiteren „Reichsbürger”, mit dem Wüst nun zusammenarbeitet. Es handelt sich um Mustafa Sürmeli, der ebenfalls in Stade lebt und seit Jahren in der Szene der „Reichsbürger” aktiv ist. Sürmeli fungiert unter anderem als „Präsident der Kommission für die Wirksamkeit der Behörden” und als „Hochkommissar der Menschenrechte”. Er glaubt ebenfalls, dass die Bundesrepublik im „Grunde eine Firma” sei und hat mehrere Pseudo-Institutionen, wie das „Deutsches Amt für Menschenrechte”, gegründet. Sürmeli bildet „Missionare” und „Kommissare” in speziellen Seminaren aus und hat Fantasie-Ausweise geschaffen, die die Mitglieder der Bewegung tragen. Eine fünftägige Ausbildung zum „Kommissar“ soll ganze 500 Euro kosten. Die Veranstaltung des Marco Wüst wird auf mehreren Internetseiten des „Reichsbürgers” Sürmeli erwähnt, auf einer seiner Internetseiten, die in schwarz-weiß-roten „Reichsfarben” unterlegt ist, wird die Veranstaltung in einem „Rundbrief” beworben und Wüst als Ansprechpartner benannt (PDF).

Während Marco Wüst auf der einen Seite bis heute als Werbeträger für die „Partei der Vernunft” dient, bewirbt er auf der anderen Seite den Alptraum des „Deutschen Reiches”. Die „Partei der Vernunft” leistet sich also einen Werbeträger, der nun den Holocaust leugnet, von der „BRD-GmbH” faselt und vom „Deutschen Reich” träumt. Vielleicht wird die Partei in Zukunft auf ihren Werbeträger verzichten, das Video ist aber bis heute im offiziellen Youtube-Kanal der Partei zu finden.

Der Aktivist. April 16, 2012 | 11:13 am

Hauptberuflich erstellt Jürgen Lorenz Simon Programme, zum Beispiel für „Gerolsteiner” und für andere deutsche Konzerne. In seiner Freizeit ist der „webtecc”–Geschäftsführer in der „Occupy-Bewegung” in Bonn aktiv, nicht nur dort hofft er auf „Weltverbesserer” zu treffen, die seine Ideen teilen und „für Frieden, Liebe und echte Demokratie” marschieren. Der Geschäftsführer der kleinen Computer-Klitsche ist immer dabei, wenn die ebenso kleine „Occupy-Bewegung” in Bonn zusammenkommt. Er hat die offizielle Internetseite angemeldet, einen Livestream eingerichtet und Facebook-Seiten erstellt, mit denen die Occupy-Aktivist_innen Vernetzung betreiben. Der Aktivist ist Autor zahlreicher Artikel, Anmelder von Aktionen und Ansprechpartner für die regionalen Provinzblättchen, die sich gerne auf das „Occupy-Mitglied” berufen. „Der Kontrollmechanismus, der hier aufgebaut werden soll, schadet jeder Freiheitsbewegung”, zitierte ihn der „Bonner General-Anzeiger” nach einer Demonstration, gegen die vermeintlichen oder tatsächlichen Übel, die durch ACTA drohen.

Aktion der „Occupy-Bewegung” in Bonn.

Dabei gäbe es ganz andere Zitate, die deutlich machen, in wem Jürgen Lorenz Simon die ein Prozent erkennen möchte, die die „Occupy-Bewegung” für alle tatsächlichen oder vermeintlichen Übel der kapitalistischen Gesellschaft verantwortlich macht. Es sind wenige Menschen, die Jürgen Lorenz Simon zur konstruierten „Elite” zählt. Simon im O-Ton: „Das Problem ist, unsere Feinde sind zum grossen Teil jüdischer Abstammung”. So hetzte der Occupy-Aktivist am 07. April 2012 in einer öffentlichen Diskussionsgruppe der „Occupy-Bewegung”. Dafür gab es auch Zustimmung durch den deutschen Diskussionsmob. Simon erklärte in seinem Beitrag ebenfalls, wer ihn angeblich auf diese antisemitische Wahnidee, die an die nationalsozialistische Propaganda von der angeblichen jüdischen Weltverschwörung anknüpft, gebracht hätte.

Jürgen Lorenz Simon konstruierte hier seinen ganz persönlichen Alibi-Juden: „Wie mir ein Jude Samstag auf einer Occupy-Veranstaltung erklärte, befindet sich die Welt in der Hand des jüdischen Grosskapitals”, erläuterte der Occupy-Aktivist in seiner Tirade, die sich bis heute auf der Internetseite finden lässt. Der umtriebige Aktivist griff also auf die Chiffre zurück, die von antisemitischen Verschwörungsfans gerne benutzt wird und schrieb von „Rothschild”, „Rockefeller und Konsorten”. Für den Geschäftsführer Simon, der auch als eine Art Wortführer der „Occupy-Bewegung” in Bonn in Erscheinung tritt, stellt sich nun eine Frage: Wie „können wir die loswerden”. Er hat über ein Facebook-Frage-Spielchen direkt eine Antwort parat: „Jeden Tag einen Banker erledigen”.

Die meisten Occupy-Aktivist_innen aus Bonn scheinen mit der antisemitischen Hetze des Jürgen Lorenz Simon allerdings kein Problem zu haben. Zwar wurde am 10.04.2012 über die Thematik debattiert, doch es gibt bis heute weder eine Stellungnahme noch eine Abgrenzung vom „webtecc”–Geschäftsführer. Stattdessen beschimpft dieser seine Kritiker_innen als „Gesindel”, die „Hass und Zwietracht” sähen würden. In einem weiteren Diskussionsforum der Occupy-Gruppe aus Bonn, für die Simon als Administrator tätig ist, empfiehlt er die Darbietungen des Querfrontlers Jürgen Elsässer, der „Linke”, „Rechte” und „Religiöse” vereinen möchte.

Die „Occupy-Bewegung” aus Bonn empfiehlt in ihren Flugblättern derweil die Reden des Schauspielers und Rechtspopulisten Carlos A. Gebauer, der unter anderem für die Zeitschrift „Eigentümlich Frei” schreibt, die eng in das Netzwerk der publizistischen Rechten in Deutschland eingebunden ist und die in der Vergangenheit „gegen die Allmacht der Gewerkschaften” mobil machte. Die Aktivist_innen der „Occupy-Bewegung” kommen in Bonn nicht in der örtlichen Nazi-Kaschemme, sondern im DGB-Haus zusammen. Dort planen sie ihre nächsten Aktionen und fürchten sich gemeinsam vor einigen EU-Verordnungen, die sie als „Ermächtigungsgesetze” bezeichnen. Jürgen Lorenz Simon dürfte sich in dieser Gemeinschaft durchaus wohl fühlen, seine antisemitische Hetze gegen die angeblichen „Feinde”, die zum „grossen Teil jüdischer Abstammung” seien, dürfte dort nicht weiter stören.

Die Zusammenkunft der Querfrontler. March 21, 2012 | 11:02 am

Nachdem eine Mail des RBB-Radiomoderators Ken Jebsen veröffentlicht worden war, verlor dieser — nach einiger Zeit — tatsächlich seinen Job. Jebsen hatte in der Mail unter anderem geschrieben, dass er wissen würde, „wer den holocaust als PR erfunden hat”. Jebsen machte hier den jüdischen Autoren Edward Bernays verantwortlich. Außerdem betrieb Jebsen, der sich an anderer Stelle als „Überzeugungstäter” bezeichnet, anti-amerikanische Verschwörungspropaganda. Jebsen schrieb im Rahmen einer sehr deutschen Schuldumkehr: „ich weiß, wer während des gesamten Krieges Deutschland mit Bombersprit versorgt hat. Standardoil, also Rockefeller”. 

Zuvor hatte der Radiomoderator Jebsen, mit ganz ähnlichen Inhalten, im Radio Fritz des RBB eine Marktlücke gefüllt. Er machte jahrelang Radiosendungen für Verschwörungsfans: Dank der Umdeutung des 11. Septembers 2001, der Konstruktion angeblicher „Eliten” und einer unverhohlene Hetze gegen die USA und Israel war Jebsen zu einer kleinen Ikone des verschwörungsideologischen Milieus avanciert, ohne dass sich die Programmverantwortlichen des staatlichen Rundfunksenders an der Sendung störten. Dort war, im Zusammenhang der mörderischen Terroranschläge vom 11. September 2001, von der „Terrorlüge” die Rede, die Terrororganisation Al-Qaida wurde als „Unabhängkeitsorganisation” bezeichnet. Jebsen forderte außerdem ein durch Is­ra­el ge­schaf­fe­nes Yad Vas­hem in „Pa­läs­ti­na“, das „all der pa­läs­ti­nen­si­schen Opfer ge­denkt, die durch is­rae­li­sche Be­sat­zung um­ge­kom­men sind“. Ein „zu­kunf­ti­ger is­rae­li­scher Prä­si­dent“ solle dort nie­der­kni­en, „wie einst Willy Brandt“ in War­schau. Mit dieser Forderung verharmloste Jebsen das deutsche Menschheitsverbrechen, während er gegen Israel hetzte.

Ken Jebsen propagierte Ressentiments, die in Deutschland weit verbreitet und mehrheitsffähig sind. Daher wurde, im vergangenen Jahr, die Absetzung seiner Sendung durch empörte Artikel und einen Shitstorm seiner Groupies begleitet. Der Blogger Jacob Jung schrieb beispielsweise auf der Internetseite des linksliberalen „Freitag” ein Loblied auf Ken Jebsen, der angeblich „auf das Leiden von Verfolgten und Armen aufmerksam” machen würde. Auf einer Website der Verschwörungsszene wird das Bild eines „engagierten und kritischen Journalisten” gezeichnet und auf verschiedenen Nazi-Seiten werden die Sendungen des Radiomoderatoren bis heute gefeiert.

Der Radiomoderator, zu dessen Kennzeichen ein ratternder, äußerst schneller Sprachstil gehört, hatte letztendlich seinen Job beim öffentlich-rechtlichen RBB, nicht aber seine Fans verloren. So ist es nicht verwunderlich, dass Jebsen weiterhin krude Verschwörungsmythen verbreitet, zwar nicht mehr im RBB, aber auf seiner Internetseite, mit zahlreichen Youtube-Filmchen und in den Zeitschriften des verschwörungsideologischen Mileus. Auf seiner Internetseite umwirbt Jebsen seine Fans. Diese sollen einen Jahresbeitrag von 20 Euro bezahlen, um weiterhin mit den Sendungen versorgt zu werden: „Wir verstehen uns als euer Sprachrohr, und wir wollen diese Aufgabe auch in der Zukunft für euch aufgreifen”, heißt es auf der Internetseite des ehemaligen RBB-Moderatoren. Bislang seien etwa 10.000 Euro angegangen, sagt Jebsen in einem Video, mit dem er um die Kohle seiner Hörer_innen bettelt, damit sie ihm seinen Süd-Amerika-Trip finanzieren. Apropos Kohle: In einem seiner neueren Videos zur „Geldsendung” kommt Franz Hörmann ausführlich zu Wort. Für diesen Professoren ist „die Frage des Genozids zur Zeit des Nationalsozialismus nicht endgültig geklärt”.

Während Ken Jebsen seine Zielgruppe umwirbt und um Geld bettelt, meldeten sich auch andere zu Wort, die dem Verschwörungsideologen einige Angebote machten. So veröffentlichte die Anti-Feministin Eva Herman, die für den rechten Kopp-Verlag schreibt, einen offenen Brief. In diesem Brief stellte die anti-feministische Ikone  einige Gemeinsamkeiten mit der verschwörungsideologischen Ikone her. Sie zog eine Traditionslinie, die Jebsen mit anderen rechten Propagandisten verbindet und erinnerte an Martin Hohman, Jürgen Möllemann und sich selbst. Außerdem bettelte sie um ein Interview und umwarb den ehemaligen RBB-Moderatoren mit warmen Worten: „Halten Sie durch, Herr Jebsen, Sie sind nicht alleine. Auch wenn Sie durch schwere Zeiten müssen, so scheint doch schon das Licht am Ende des Tunnels. Noch vor kurzem hätte dies auch die entgegenkommende Lokomotive sein können, doch jetzt gibt es berechtigte Hoffnung auf Erholung: Die Zeit der Wahrheit naht”.

Auf diesen offenen Brief reagierte der Radiomoderator allerdings nicht. Dafür stellte er sich einige Monate später einem Querfrontler zur Verfügung, der ebenfalls an der Umdeutung der Ereignisse des 11. Septembers 2001 arbeitet. Es handelt sich um den Anti-Antideutschen Jürgen Elsässer, der mit seinem „Compact”–Magazin in etwa das betreibt, was Ken Jebsen in seiner Radiosendung machte Beide propagieren die Umdeutung der Ereignisse des 11. Septembers 2001.

Für das „Compact”–Magazin schreiben verschiedene Verschwörungsideologen, wie zum Beispiel der ehemalige Aktivist der antisemitischen BÜSO, Webster Tarpley. Dieser macht Geheimdienste, von CIA bis zum MOSSAD, für verschiedene Revolten, von 1968 bis 2011, verantwortlich. Im „Compact”–Magazin kam auch Stephan Steins zu Wort, der ansonsten eine Internetseite namens „Die Rote Fahne” betreibt, auf der der Tod des greisen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im Sinne der Nazi-Szene umgedeutet wird. Elsässer arbeitet selbst an einer großen Gemeinschaft, die „Linke, Rech­te“ und „Re­li­giö­se“ umfassen soll. Ein gemeinsamer Nenner dieser Querfront ist ein unverhohlener Antisemitismus und eine Abwehr der deutschen Schuld,  beides wird von Jürgen Elsässer ganz besonders gerne bedient: „In welche Bereiche will sich der Zentralrat noch einmischen, um uns das bißchen Spaß, das uns geblieben ist, zu vermiesen! Die heute Lebenden haben mit Auschwitz nichts zu tun”, schreibt dieser Hetzer auf seiner Internetseite gegen den Zentralrat der Juden an

An seiner Querfront beteiligt sich nun auch Ken Jebsen. In der aktuellen Ausgabe des „Compact”–Magazins vom April 2012 findet sich ein ausführliches Interview mit dem ratternden Radiomoderatoren. Doch damit nicht genug. Elsässer kündigt außerdem eine gemeinsame Veranstaltung an. „Ken Jebsen, ein rhetorisches Maschinengewehr, wird aus seinen Texten lesen und anschließend mit mir über politische Zensur in deutschen Medien diskutieren”, heißt es auf der Internetseite des Jürgen Elsässer. Ken Jebsen ist also dort angekommen, wohin es ihn schon immer zog. Er wird, am 12. April 2012 im Viethaus Berlin, mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer auftreten, um seine kruden Verschwörungsmythen zu propagieren. Vielleicht wird Jebsen dort auch darüber sprechen, wer „den holocaust als PR erfunden hat”. Der Beifall des Querfrontlers und seiner Anhänger_innen, unter ihnen auch der NPDler Uwe Meenen und die nationalistische Rapperin Dee Ex, die regelmäßig die „Compact”–Veranstaltungen  besuchen, dürfte ihm gewiss sein.

Die Wahl der Qual. February 21, 2012 | 07:14 pm

Ein neuer Bundespräsident wird gesucht: Während eine große deutsche Koalition, die fast alle Parteien umfasst, nun den ehemaligen Bürgerrechtler Joachim Gauck nominieren will, favorisieren einige Linkspartei-Politiker_innen und Piratenpartei-Aktivist_innen den Kabarettisten Georg Schramm. Es wäre eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera. Joachim Gauck, der von einigen Netzaktivist_innen mit der hohlen Parole „Yes, we Gauck” unterstützt wurde, ist ein deutscher Antikommunist, der den Nationalsozialismus verharmlost, deutsche Täter_innen zu Opfern machen will und dem dumm-dreisten Jubel-Nationalismus huldigt, der in Deutschland en vogue ist. Er ist wie die zu erwartende Pest, die von der Mehrheit der großen deutschen Koalition gewählt werden wird.

Die vermeintliche Alternative ist allerdings auch nicht besser: Der von Linkspartei-Politiker_innen und Pirat_innen ins Spiel gebrachte Kabarettist Georg Schramm begeistert sich für Verschwörungsideologie und esoterische Anthroposophie, reproduziert einen strukturellen Antisemitismus und weitere Ressentiments. Er repräsentiert die Cholera bei einer Entscheidung, die eigentlich keine Entscheidung ist. Bei der Wahl der Qual werden eventuell zwei Kandidaten antreten, die für ein Land geschaffen sind, das aus vor allem aus Vergangenheitsverharmloser_innen und Wutbürger_innen zu bestehen scheint.

Zwischen Antikommunismus und NS-Relativierung:

Der Pastor Joachim Gauck ist Erstunterzeichner der „Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus” (2008), welche die Vernichtungspraxis des Nationalsozialismus mit dem real existierenden Stalinismus des sowjetischen Blocks gleichsetzt. Mit der Erklärung wurde ein „Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus” eingefordert, der am 23. September 2009 vom Europäischen Parlament beschlossen wurde. In der Entschließung des Parlaments, an der Joachim Gauck nicht unschuldig ist, wird die „europäische Integration” als Antwort auf „die Leiden” verkauft, „die zum Holocaust sowie zur Ausbreitung totalitärer und undemokratischer kommunistischer Regime in Mittel– und Osteuropa führten”. Mit derartigen Gleichsetzungen, zwischen der industriellen Vernichtung und der „Ausbreitung (…) kommunistischer Regime”, wird der Holocaust offensiv verharmlost. Die Rolle der Roten Armee und der Sowjetunion, deren Soldat_innen als Befreier_innen nach Berlin kamen, wird nicht benannt.

Ähnliches geschieht in einem Verein, an dessen Spitze Gauck steht. Der Zusammenschluss „Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V.” äußert sich eindeutig: Bereits auf der Internetseite sind die Schwerpunkte dieses konservativen Think-Tanks erkennbar: Man positioniert sich für „die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen sowie dem Unrecht des SED-Regimes”. Mit dieser Gleichsetzung werden die einzigartigen Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost. Dabei besteht ein Unterschied zwischen dem Stasi-Knast in Hohenschönhausen und den Vernichtungslagern in Auschwitz oder Sobibor. Dies dürfte selbst ein deutscher Pfaffe erkennen. Doch Joachim Gauck scheint es sich zur Hauptaufgabe gemacht zu haben, die qualikativen Unterschiede zu verwischen.

Dafür macht Joachim Gauck das Tätervolk zu Opfern. O-Ton Gauck: „In den letzten Jahren ist in Deutschland ein lange vernachlässigtes Erinnerungsgut wieder aufgetaucht: Deutsche als Opfer. Nach jahrzehntelanger Bearbeitung der deutschen Schuld in vielen Facetten tauchten Bombenkriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebene wieder auf. Reflexartig wurde auch bei dieser Entwicklung die Warnung vor einer Relativierung der deutschen Schuld vorgebracht, für mich eine überflüssige Sorge“. Gauck knüpfte hier an den virulenten deutschen Opfermythos an, der bestrebt ist, die Mehrheit der Deutschen, zu weiteren Opfern des Nationalsozialismus zu machen. Im Interview mit dem Deutschlandfunk klagt Gauck daher über eine angebliche „Übersättigung mit diesen Schuldthemen” und bastelt fleißig am deutschen Opfermythos: „Das sind die Schlesier und die Pommern und die Ostpreußen, die alles verloren haben. Viele von uns anderen Deutschen haben manches verloren. Die haben dann ihre ganze Heimat verloren”, jammert der mögliche zukünftige Bundespräsident.

Joachim Gauck ist ein deutscher „Patriot”, der die nationalistischen Eruptionen, die anläßlich von Herren-Fußball-Weltmeisterschaften zu erleben sind, lobt und sich für Deutschland begeistert. „Der Patriotismus der Jungen vor vier Jahren, als die Weltmeisterschaft bei uns stattfand, der war einfach charmant, der war friedlich, der grenzte niemand aus”, behauptet der Kandidat, der von den zahlreichen Übergriffen auf Migrant_innen oder Menschen, die sich dem dumm-deutschen Jubel-Spektakel nicht anschließen wollten, schweigt. Er ist ein stolzer Deutscher, der „sein Vaterland” liebt und der auf die Frage ob er „Patriot” sei, nur eine Antwort kennt: „Absolut”. Gauck ergötzt sich an den deutschen Zuständen, die er glorifiziert: „Wir sind nicht mehr eine Mördernation. Wir sind eine freiheitliche, demokratische Nation, ein schönes Land mit aktiven Bürgern”, begeisterte sich der deutschnationale Kandidat in einem Interview. Gauck liebt dieses Land und seine Fahne: „Ich wusste schon immer, dass es meine Fahne ist”, sagt Gauck.

In diesem Kontext ist er ein passender Kandidat für die groß-deutsche Koalition, die sich auf den Pastor geeinigt hat. Ein „antikommunistischer Normalisierer der deutschen Geschichte” wird seinen Teil dazu beitragen, eine ganz spezifische deutsche Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Als selbst ernannter „linker, liberaler Konservativer” wird er von der großen deutschen Parteiengemeinschaft gewählt werden und fortan an der Umdeutung der deutschen Geschichte arbeiten. Seine zukünftigen Reden dürfte dementsprechend ausfallen. Dann wird der Pastor mit salbungsvollen Worten die deutschen Zustände verharmlosen, den Nationalsozialismus bagatellisieren und den deutschen Opfermythos reproduzieren.

Zwischen Verschwörungsideologie und Esoterik.

Der andere gehandelte Kandidat ist auch nicht besser. Georg Schramm besucht seit Jahren mit seiner Kunstfigur Lothar Dombrowski die Kleinkunst-Bühnen der Bundesrepublik. Er begeistert die deutschen Wutbürger_innen, die wahlweise gegen einen mehr als hässlichen Bahnhof mobil machen, gegen die „Macht der Banken” aufmarschieren oder dem verschwörungsideologischen Wahn erlegen sind. Schramm hat eine politische Kunstfigur geschaffen, die ganz eifrig Politik betreibt. So zum Beispiel auf den Kundgebungen gegen Stuttgart 21, die vom umtriebigen Kabarettisten gleich mehrmals besucht wurden.

Auf der „67. Montagsdemo” sprach sich Georg Schramm im März 2011 nicht nur für den hässlichen deutschen Bahnhof aus, sondern hetzte gegen „Zins­wu­cherer“, „Spe­ku­lan­ten“ und anderes „Lügenpack”, dem er das deutsche „Volk” entgegenstellte. Dort bewegte sich Schramm in der Tradition des deutschen Antisemitismus, in dem er gegen „Banker” hetzte und ihre Lohnarbeit als „dreckiges Handwerk” bezeichnete, das „ein ehrbarer Christ gar nicht ausüben wollte”. Er sprach von den „Fäden der Geldverleiher”, dem ein „marodes System” ausgeliefert sei. „Das nennt man in der Biologie eine Symbiose, aber wenn es zu Lasten des Wirtstiers geht, nennt man es eine parasitäre Symbiose”, rief Schramm der jubelnden Menge zu. Eine derartige Biologisierung war und ist eine Komponente deutscher Ideologie und eine Grundlage des Antisemitismus. Hier werden und wurden Juden als „Parasiten” bezeichnet, die das „deutsche Wirtstier” aussaugen würden. Ganz ähnlich äußerte sich Schramm, auch wenn er Jüdinnen und Juden nicht direkt benannte, also auf einer Ebene des strukturellen Antisemitismus verblieb.

Sein Faible für deutsche Wutbürger_innen führte Schramm auch nach Frankfurt. Dort sprach der Kabarettist für die deutsche „Occupy-Bewegung”. Hier polemisierte der Kabarettist, der ganz und gar nicht witzig ist, gegen den „Zins­wu­cher” und machte ominöse „Hin­ter­män­ner” verantwortlich. Schramm bewegt sich in deutscher Tradition, bereits der nationalsozialistische Theoretiker Gottfried Feder sprach in seinem Machwerk „Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundgedanken” im Jahr 1925 vom „schärfsten Einschreiten gegen Zinswucher”. Die Phrase vom „Zinswucher” ist eindeutig besetzt und wurden von Teilen der „Occupy-Bewegung”, aber auch von Georg Schramm, aufgegriffen. In Frankfurt wurde der deutsche Populist begeistert beklatscht.

Ebenso begeistert zeigen sich die Zuschauer_innen, die Schramms Programm auf den Theaterbühnen der Republik begutachten. Vor einem Auftritt gab Schramm zwei Fans ein ausführliches Interview. Bei den Fans handelt es sich um Aktivisten von „We are Change Schweiz”, einer bekannten Plattform der Verschwörungsszene. Hier haben sich „Truther” und „Infokrieger” organisiert, sie stellen die historischen Abläufe des 11. September 2001 in Frage und machen  amerikanischen Institutionen für die mörderischen Anschläge verantwortlich. Auf der Internetseite finden sich Reden des anti-europäischen Rechtspopulisten Nigel Farage und Interviews, die zum Beispiel mit Franz Hörman geführt wurden, der an anderer Stelle sagt, dass „die Frage des Genozids zur Zeit des Nationalsozialismus nicht endgültig geklärt” sei. Dort findet sich auch ein Interview, das die Verschwörungsideologen mit Georg Schramm geführt haben.

Hier entpuppt sich Schramm als Mensch, dem verschwörungsideologisches Denken und Esoterik nicht fremd sind. Der deutsche Kabarettist lobt „die Anthropsophen-Bank” GLS, die sich auf den Esoteriker Rudolf Steiner beruft. Dieser schuf nicht nur ein esoterisches Glaubenssystem, sondern hetzte gegen „Negerromane” und machte in jüdischen Bürger_innen ein „Zersetzungsferment” aus. Die Bank, die von Schramm beworben wird, ist ein Projekt seiner geistigen Nachfolger_innen. Hier wird daran gerarbeitet, die Esoterik Rudolf Steiners gesellschaftlich zu verankern. Neben der Werbung für die esoterische Bank bejaht der Kaberettist im Interview die Existenz angeblicher „Chemtrails”, mit denen Chemtrail-Theoretiker die Kondensstreifen von Flugzeugen bezeichnen, denen angeblich merkwürdige Mittelchen untergemischt werden, um die Bevölkerung zu dezimieren oder zu kontrollieren.

Die Verschwörungsfans von „We are Change” freuten sich im Nachhinhein über das Interview, dass auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus veröffentlicht wurde. Es sei schön, auf Menschen „zu treffen die wach sind, kritisch sind und zornig”, heißt es auf der Internetseite von „We are Change”. Georg Schramm scheint mit den Verschwörungsideologen gar kein Problem zu haben. Dies sollte nicht verwundern. Schließlich passen seine Aussagen zu diesem Internetportal, auf dem sich ganz ähnliche Texte über „Zinswucher” und „Geldverleiher” finden lassen. Dort ist von einem „Geschäftsmodell mit dem Zins” die Rede, das durch „Spekulation (…), zum Krebsgeschwür und Wucherung in den einzelnen Staaten” geführt hätte.

Die plumpen Parolen des Georg Schramm stoßen vor allem bei deutschen Wutbürger_innen und bei Verschwörungsfans, die die Verhältnisse verklären, auf große Gegenliebe. Die Reden des Kabarettisten finden sich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene. Der nationalistische Verschwörungsblog „Widerstand in Aktion” fordert Schramm sogar zur Kandidatur auf: „Das wäre ein perfekter Dienst am Vaterland all das zu verhindern oder hinauszuzögern mit seinen Unterschriften was diese Verbrecher und Verräterbande in der Bundsregierung dem eigenen Volk aufbürdet”. Ebenso große Liebe schlägt ihm durch Politiker_innen der Links– und Piratenpartei entgegen, die den Populisten eventuell vorschlagen werden. Jan Vahlenkamp, ein Aktivist der Linkspartei, hat eine Petition angestoßen, die den Kabarettisten ins Schloss Bellevue bringen soll. Georg Schramm hätte sich seit „Jahrzehnte hinweg einen Namen als ebenso scharfzüngiger wie unterhaltsamer Kritiker des kapitalistischen Wirtschaftssystems gemacht”, heißt es hier. Der Mini-Napoleon Oscar Lafontaine hält Georg Schramm für einen „interessanten Vorschlag“. Auch wenn der Kabarettist letztendlich nicht antreten sollte, verraten die Überlegungen durchaus einiges über den Zustand der deutschen Linken und der noch deutscheren Piraten.

Die Wahl-Qual.

Schramm und Gauck passen ganz außerordlich gut zu einem Land, in dem Wutbürger_innen, Antikommunist_innen und Vergangenheitsbewältiger_innen gemeinsam den Ton angeben. Die Ideologie der Kandidaten offenbart allerdings einiges über die deutschen Zustände. Auf der einen Seite ein Wutbürger, der gegen „Geldverleiher” und „Parasiten” anschreit. Auf der anderen Seite ein stolzer „Patriot”, der „Pommern” und Schlesier” zu Opfern macht. Letztendlich wird wohl Joachim Gauck gewählt werden, Georg Schramm dürfte trotz alledem von der Medienaufmerksamkeit profitieren. Man wird mit beiden nicht glücklich werden, egal wie diese Wahl-Qual ausgehen wird.

Die ACTA-Chronologie. February 17, 2012 | 11:16 am

22. Juli 2010, 21:40 Uhr:Der Weblog Publikative.org veröffentlicht eine ausführliche Kritik an der Krakensymbolik, mit der einige ACTA-Gegner_innen aus dem Umfeld der Piratenpartei gegen das „Anti-Counterfeiting Trade Agreement” mobil machen. Dort wird auf darauf hingewiesen, dass die Krakensymbolik auch in anderen politischen Zusammenhängen verwendet wurde. Diese wird und wurde von Nazis und anderen Antisemit_innen benutzt, um dem Betrachter die Gefahr einer allmächtigen jüdischen Verschwörung zu suggerieren. Josef Plank zeichnte 1938 eine Karrikatur der Krake, diese umfasst mit ihren Tentakeln die Erde. Damals diente die Karikatur als bildliche Symbolik für die angebliche jüdische Weltverschwörung; ein Jahrhundert später nutzen die Piraten und andere ACTA-Gegner_innen eine ganz ähnliche Darstellung.

8. Februar 2012, 12:23 Uhr: Zwei Jahre später fühlen sich, kurz vor den ACTA-Protesten, auch die Unterstützer_innen der Demonstrationen angesprochen. Eine „Aktionsgruppe West” veröffentlicht eine Distanzierung. Hier distanziert man sich nicht von der Symbolik, sondern von den Vorwürfen: „Hiermit DISTANZIEREN wir uns von jeglichen Antisemitismus vorwürfen”, schreibt die linke Gruppe. Diese räumt zwar ein, dass die „Bildsprache der Krake nicht optimal gewählt” sei, rechtfertigt ihren Einsatz aber mit dem Umstand, dass diese „schon seit 2 Jahren von Datenschutz Gruppen verwendet” werden würde.

9. Februar 2012, 17.45 Uhr: Auf der Internetseite der „Berliner Intitiative gegen das ACTA-Abkommen” läßt sich die Krake nicht entdecken, dafür findet sich die Verschwörungswebsite „Radio Utopie” auf der Liste der Unterstützer_innen. Auf dieser Website wurden die Nazi-Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds” verharmlost und relativiert: Dort war von einem „Witz von bar­ba­ri­schen Hor­den von Neo­na­zis“ die Rede. Auf der Internetseite finden sich auch einige Texte des Verschwörungsideologen Alex Jones. Nach den Morden des Anders Behring Breivik sprach Jones von einer „weißen Al-Qaida”, die vom Geheimdienst CIA gesteuert werden würde und für den Terror verantwortlich sei. Die Veranstalter_innen scheinen mit der Unterstützung durch die „Radio Utopie” — Verschwörungswebsite kein Problem zu haben.

11. Februar 2012, 12:00 Uhr: Der Verschwörungsrapper Kilez More mischt sich unter die Demonstrant_innen in Wien. Der Rapper, der für seine Kooperation mit der Band „Die Bandbreite” bekannt ist, mit der er auf anti-amerikanischen Aufmärschen und Veranstaltungen auftritt, nutzt den Anlass, um sein neuestes Video zu drehen. Er hat sich einen Anti-Nazi-Button zugelegt, vor einem Jahr trat er mit den Rechtspopulisten der „Schweizer Volkspartei” auf einer Veranstaltung gegen das Bilderberg-Treffen in St. Moritz auf.

11. Februar 2012, 12:15: Etwa 30  Nazis versuchen sich an der ACTA-Demonstration in Hannover zu beteiligen:

„Gegen 12.15 Uhr wurde durch die Versammlungsteilnehmer eine größere Personengruppe von Angehörigen der rechten Szene — eine überwiegende Anzahl trug Masken mit dem Konterfei des Polizeipräsidenten der Polizeidirektion Hannover, Axel Brockmann, — in der Versammlung erkannt. Es kam zu verbalen Auseinandersetzungen und Rangeleien zwischen beiden Gruppierungen, in deren Verlauf die ‘Rechten’ auch Holzlatten — sie dienten vorher als Stange für ein Transparent — zur Hand hatten”.

11. Februar, 13:00 Uhr: In Berlin sammeln sich fast zehntausend Personen, um gegen ACTA zu protestieren. Das Verschwörungsmilieu ist ebenfalls an dieser Demonstration beteiligt. Unter anderem ist ein Transparent zu sehen, auf dem eine „Neuuntersuchung des 11. September” gefordert wird.

11. Februar: 15:23 Uhr: In der niedersächsischen Kleinstadt Oldenburg hält Oliver Scholz einen „Vortrag”. Er verwechselt ein Datum und spricht vom 09. September. Außerdem erwähnt er John F. Kennedy. Der Redner erinnert daran, dass Kennedy angeblich für mehr Demokratie eingetreten sei und deswegen ermordet wurde: „Was aus Kennedy geworden ist, wisst ihr alle”. Jubel bei den Demonstrant_innen. Diese ganz spezielle Umdeutung einer Kennedy-Rede ist ein Renner innerhalb des Verschwörungsmilieus. An der Umdeutung der Realität scheint sich niemand zu stören: „Und selbst wenn es irgendwelche Verschwörungstheorien sind, man weiß, (…) in jeder Verschwörungstheorie steckt immer auch ein Körnchen Wahrheit”, ruft der Verschwörungsfan ins Mikrophon und wird eifrig beklatscht. Am Rande der Demonstration, die auch von einem linken Weblog beworben wird, weht eine Deutschland-Fahne.

11. Februar 2012, 15:35: In Kassel und Frankfurt wird eine lesenswerte Kritik an ACTA und den dazugehörigen Protesten verteilt.

„Kritik an ACTA, die es mit sich selbst ernst meint, kann deshalb nur eine kommunistische, den Kapitalismus transzendierende Kritik sein, welche die kapitalistischen Produktions– und Eigentumsverhältnisse auf den Müllhaufen der Geschichte verbannen will. Denn wie sich eine befreite Gesellschaft, in der frei nach Adorno ‘jeder ohne Angst anders sein kann und keiner hungern muss’ vorstellen lässt, lässt sich heute bereits durch das Internet erahnen”. 

11. Februar 2012, 15:40 Uhr: In Bremen beginnt die ACTA-Demonstration etwas später. Hier haben sich etwa 2.500 Menschen versammelt. Unter ihnen ist auch ein Punk, der NS-Symbolik auf seiner Jacke spazieren trägt. An diesem Punk scheint man sich dort ebensowenig zu stören, wie an einigen Grauzone-Skins, die sich an der Demonstration beteiligen.

11. Februar, 15:47 Uhr: In Oldenburg hält ein Demonstrant eine umjubelte Rede. Er halt ein Schild mit der Aufschrift „ACTA ist ein Hurensohn” angefertigt und stellt es am Mikrophon vor. Die Demonstrant_inen klatschen begeistert. „Tom & Torben”, zwei deutsche Komiker aus der Provinz, die für derbe sexistische Witzchen berüchtigt sind,  interviewen den Demonstranten, der ebenfalls nicht witzig ist und sich als „Kaiser des Deutschen Reiches” bezeichnet. „ACTA ist ein Hurensohn”–Sprechchöre runden dieses Ereignis ab.

11. Februar: 15:50 Uhr: In Bremen wird die Demonstration auch von einigen linken Gruppen unterstützt, obwohl die Veranstalter_innen im Vorfeld eine „Ko­ope­ra­ti­on mit der Po­li­zei gegen so­ge­nann­te ‘Ex­tre­mis­t_in­nen’” angekündigt hatten. Es sind einige Menschen der „Anarchosyndikalistischen Jugend”, die mit einem Transparent gegen ACTA protestieren. Auf diesem Transparent ist auch eine Pyramide zu sehen. Die Pyramide wird von vielen Verschwörungsfans als Symbol für die angebliche Weltverschwörung der „Illuminaten” gedeutet.

11. Februar 2011, 20:15: Die Demonstrationen sind das Top-Thema der Tagesschau, dort werden einige O-Töne präsentiert. „Ich bin Computerfachmann, ACTA bedroht meinen natürlichen Lebensraum, für mich ist das hier Umweltschutz”, sagt ein Demonstrant.

12. Februar 2012, 12:00 Uhr: Die nächsten Protesten werden für den 25. Februar 2012 angekündigt. Es bleibt abzuwarten, wie viele Menschen dann auf die Straßen gehen.