Mitschnitt der Veranstaltung “Waren wir nicht alle irgendwie Opfer?” mit Clemens Heni in Osnabrück May 29, 2015 | 10:41 am

Seit vielen Jahren greift eine »Selbstversöhnungsrhetorik« in Deutschland um sich. Viele Deutsche sehen sich als Opfer, sowohl der Nazis wie der Alliierten oder »der Moderne«, die an Auschwitz Schuld sei. Diese »Heideggerisierung« setzte schon unmittelbar nach 1945 ein. Doch ein Blick in die aktuelle internationale Forschung zeigt noch viel mehr: Wie wird heute an die Shoah erinnert und in welcher Beziehung steht eine Universalisierung des Holocaust, durch die es nur noch Opfer geben soll, zum Antisemitismus?

Sepp Blatter – for the good of the game! May 28, 2015 | 05:16 pm

Sepp Blatter – for the good of the game!

Es ist wirklich höchste Eisenbahn, einmal ein Plädoyer für Sepp Blatter zu formulieren, jenen verdienten Präsidenten des Weltfußballverbands, auf den jetzt alle so vehement eindreschen. Denn dieser Mann kann, nein: muss einem doch aufrichtig leid tun. 79 Lenze zählt er schon, das ist ein Alter, in dem andere längst mit ihrem Schaukelstuhl tiefe Kerben ins Ahornparkett wippen. Aber der honorige Sepp, der ist weiter vitalstmöglich für den schönsten Sport der Welt unterwegs, und das sogar an vorderster Front, nämlich bei der FIFA. »Mein Vater sagte immer: Ausruhen kannst du auf dem Friedhof«, hat er kürzlich gegenüber der Zürcher SonntagsZeitung einen bewegenden Einblick in seine Familiengeschichte gewährt. Und wer dankt es ihm? In Europa jedenfalls so gut wie niemand, da wird nur auf ihn geschimpft, da wird er nur verspottet und der Korruption geziehen. Dabei tut er das, was er tut, gar nicht für sich selbst, sondern für den Fußball, also letztlich für uns alle. »For the good of the game«, wie die FIFA und mit ihr der Sepp immer sagt.

Vor allem liberal gesinnte Geister fluchen auf den Sepp. Dabei ist er doch zum Beispiel ein großer Freund und Förderer der weiblichen Balltreterei. Erst kürzlich hat er gegenüber der BBC bekannt – ganz bescheiden, wie es seine Art ist: »Ich würde nicht sagen, dass der Frauenfußball mein Baby ist, aber ich verstehe mich ein bisschen als der Godfather der Organisation des Frauenfußballs.« Deshalb hat die FIFA jetzt, rechtzeitig vor der anstehenden Frauen-WM in Kanada, auch Geschlechtstests durchführen lassen – es soll halt sichergestellt sein, dass da nicht irgendwelche genmanipulierten Mannweiber oder androgynen Kampflesben den Wettbewerb verzerren. Schon vor elf Jahren hat der Sepp in der Schweizer Boulevardzeitung Sonntagsblick vorgeschlagen: »Lassen wir Frauen doch in anderen Tenüs spielen als Männer.« Dafür haben ihn verklemmte Lustfeinde einen Sexisten gescholten, dabei wollte er bloß, dass mehr Männer beim Frauenfußball zuschauen. For the good of the game!

Auch für andere Minderheiten schlägt dem Sepp sein Herz. Den Rassismus zum Beispiel hat er verbieten lassen, und seitdem gibt es ihn nicht mehr, jedenfalls nicht beim Fußball. Oder hat man schon mal gehört, dass die FIFA irgendwo gegen Rassismus vorgegangen ist? Na also. Auch Homosexuelle mag der Sepp sehr, deshalb hat er ihnen für- und vorsorglich empfohlen, in Katar während der WM 2022 auf Geschlechtsverkehr zu verzichten. So kann ihnen dort nämlich nichts passieren. Juden haben in dem Emirat ebenfalls nichts zu befürchten – jedenfalls, wenn sie gar nicht erst einreisen. Okay, das mit den Israelis könnte eventuell ein Problemchen geben, aber die qualifizieren sich sowieso nicht, und wenn doch, kann man den palästinensischen Verband einfach bitten, noch mal schnell einen Ausschlussantrag zu stellen. Dem wird dann endlich stattgegeben, wegen der Menschenrechte und so. Der Sepp ist ja erwiesenermaßen ein großer Freund der Menschenrechte. For the good of the game!

Genau deshalb finden die nächsten Weltmeisterschaften auch in Russland und Katar statt. Denn was könnte den Menschenrechten dort auf die Sprünge helfen, wenn nicht der Fußball? Und wer, wenn nicht der Sepp? Sehr zu Recht hat er bereits vor neun Jahren festgestellt: »Wo Fußball gespielt wird, wird nicht gekämpft. Wenn also alle Menschen Fußball spielen würden, gäbe es keine Kriege – aber es spielt nicht jeder Fußball.« So banal, so zutreffend. Und: »Die FIFA ist durch die positiven Emotionen, die der Fußball auslöst, einflussreicher als jedes Land der Erde und jede Religion.« Wer würde da widersprechen wollen? Außerdem ist es doch ungemein sympathisch, dass der Sepp sich nicht als Anwalt der Großkopferten versteht, ganz im Gegenteil, wie er der FAZ mal gesteckt hat: »Ich bin der Präsident derjenigen, die mehr Mühe hatten, im internationalen Konzert mitzuspielen. Also wenn man so will, bin ich der Präsident der Kleinen.« Da steht einer für Gleichheit, für Gerechtigkeit, für Großmut! For the good of the game!

Der Mann hat sich, sein Leben und sein Wirken einfach ganz dem Fußball verschrieben. Nichts anderes als seine pure Leidenschaft treibt ihn, nichts anderes motiviert ihn. Geld hat der Mann doch wahrlich schon genug, und glücklich macht es auch nicht. Deshalb liegt der Sepp ganz richtig, wenn er die Bedeutung und das Ziel seines Weltverbandes so beschreibt: »Die FIFA pflegt, wie die Kirche, ein kulturelles Gut. Ball und Spiel. Alles basiert auf der Ideologie des Balls.« Und diese Ideologie ist sehr erfolgreich: »Wir haben festgestellt, dass der Fußball mehr Anhänger hat als die katholische Kirche.« Das kann kein Zufall sein, zumal auch die Biologie ihren Teil dazu beiträgt, wie der Sepp ganz richtig erkannt hat: »Das ungeborene Kind im Mutterleib boxt nicht mit den Händen, es benutzt nicht den Kopf – es kickt.« Deshalb ist auch der Tag nicht mehr fern, an dem der Fußball über unsere Erde hinaus expandieren wird: »Wir sollten uns fragen, ob unser Spiel eines Tages auf einem anderen Planeten gespielt wird. Wir hätten dann nicht nur eine Weltmeisterschaft, sondern interplanetare Wettbewerbe.« For the good of the game!

Wenn man den Sepp so sprechen hört, kann man ihm nur beipflichten, wenn er sagt: »Ich brachte menschliche Wärme in den Betrieb.« Umso härter muss es ihn getroffen haben, dass nun FIFA-Funktionäre aus seinem direkten Umfeld festgenommen worden sind. Menschen, denen er vertraut, Menschen, mit denen er Überzeugungen geteilt hat. Es spricht für ihn und seine zutiefst rechtsstaatliche Haltung, dass er die Ermittlungen nun unterstützt. Dabei hätte er allen Grund, hellauf empört darüber zu sein, dass sich ausgerechnet die Amis, denen sein geliebter Fußball doch so herzlich wumpe ist, nun zum Retter dieses Sports aufschwingen – und wie zum Hohn auch noch eine schwarze (!) Frau (!!) namens Lynch (!!!) auffahren, um diese Rettung zu annoncieren. Außerdem hätten sich die Schwierigkeiten – und um mehr handelt es sich ja nicht (»Krise? Was ist eine Krise? Die Fifa befindet sich in keiner Krise«) – ganz anders aus der Welt schaffen lassen, wie der Sepp schon früher immer wieder betont hat: »Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie.« For the good of the game!

Wünschen wir uns also, dass Sepp Blatter, dieser große Mann, auf dem anstehenden FIFA-Kongress wiedergewählt wird – und dass nicht dieser jordanische Prinz, der ohne die Patronage vom Sepp niemals zum Vizepräsidenten des Weltfußballverbands aufgestiegen wäre, sein Amt übernimmt. Die undankbaren UEFA-Verbände wollen zwar für diesen Prinzen stimmen, haben sich aber immerhin daran erinnert, dass sie ja Teil der Familie sind und sich ein Boykott deshalb nicht geziemt. Außerdem haben sie dem Sepp doch so unendlich viel zu verdanken – und nicht nur sie, sondern wir alle. Deshalb kann die Parole nur lauten: Sepp muss Präsident bleiben! For the good of the game!

Alle Zitate sind einer Zusammenstellung der Süddeutschen Zeitung vom 28. Mai 2015 entnommen.

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Iranian singer about FGM and child marriage May 28, 2015 | 02:09 pm

Watch this heartbreaking video by the Iranian Kurdish singer Chiman Rahmani. Female Genital Mutilation is still practiced on girls in Iran today. It is prevalent in the Southern province of Hormozkhan and in the Western provinces Kurdistan, Kermansheh and some areas of Western Azherbaidshan. Official statistics report thousands of cases of child marriage. Chiman Rahmani is herself from Kermansheh:

Persepolis – Filmvorführung May 27, 2015 | 11:18 pm

persepolis

Die Comic-Verfilmung der französischen Regisseurin Marjane Satrapi zeigt, wie diese ihre Kindheit im Iran zwischen westlicher Moderne und politischem Islam im Iran wahrgenommen hat. Dabei setzt sie ihre eigenen gesellschaftlichen und unkonventionellen Schwerpunkte. Die Protagonistin erlebt hautnah, wie die Auswirkungen der neu entstandenen Theokratie sie und ihr soziales Umfeld beeinflussen, wie zum Beispiel das erzwungene Tragen von Kopftüchern. Auf besondere Weise wird porträtiert, wie der jugendliche Drang nach freier Entfaltung sowie das Finden einer Identität beschnitten wird. Der Regisseurin ist es mit „Persepolis“ gelungen, ein ernstzunehmendes, aktuelles Thema humorvoll und für den Zuschauer zugänglich umzusetzen.

Mittwoch, 17. Juni 2015, 20 Uhr, UJZ Korn

Eine Veranstaltung im Rahmen von Schall & Wahn – Den Kampftag der antisemitischen Internationale verunmöglichen

Lethargie May 27, 2015 | 10:41 pm

American lethargy is especially evident in Syria. The potential consequences of getting Syria wrong are serious. What happens could undermine efforts to contain ISIL in Iraq, and could create a situation in which Washington finds itself a prisoner of the Middle East, despite Mr Obama’s aim to ensure the contrary.

It is remarkable that even as the regime of Bashar Al Assad has started to collapse, the Obama administration still has not formulated a clear Syria policy. Instead, it has slogans and a vague plan to train Syrian “moderates” to fight ISIL, a foolish scheme that is bound to fail, particularly as the dynamics of the Syrian conflict shift to removing Mr Al Assad.

Nor has the United States shown much conviction in advancing this strategy. The force it is organising has taken for ever to be armed and trained. The Americans want combatants who will fight ISIL, believing, naively, that if the Assad regime begins disintegrating, these men will continue to serve American interests and not seek to be in on the kill of the regime.

Far more disturbing is that the Obama administration appears to have taken no well-defined positions on what should happen once Mr Al Assad goes. His exit may not be imminent, but as the regime loses ground in the north, south and east, due to the Syrian army’s inability to mobilise enough troops, Mr Al Assad’s days appear to be numbered.

Quelle

Der marokkanische Patient May 26, 2015 | 10:45 pm

Die Mitglieder der israelischen Judo-Delegation werden am Flughafen festgehalten. Rabat (Marokko), 20. Mai 2015.

Boykotte, Störungen und Repressalien gegen israelische Sportler und deren Mannschaften sind traurige Normalität, seit es den jüdischen Staat gibt. Schon dass Israel im Fußball nicht (mehr) dem asiatischen, sondern dem europäischen Kontinentalverband angehört, ist eine Folge der permanenten Boykotte durch arabische respektive islamische Länder. Und selbst dieser Wechsel lässt die Feinde jüdischer Souveränität nicht ruhen, wie aktuell beispielsweise der palästinensische Versuch zeigt, Israel aus dem Weltfußballverband FIFA ausschließen zu lassen. Auch in anderen Sportarten sind israelische Athleten immer wieder mit allerlei Obstruktionen konfrontiert. Sei es, dass einer Tennisspielerin die Einreise in die Vereinigten Arabischen Emirate verweigert wird (oder das Daviscup-Team in Schweden vor leeren Rängen antreten muss), sei es, dass sich iranische Sportler bei Olympischen Spielen nicht mit israelischen Konkurrenten messen wollen, sei es, dass es bei einem Basketballspiel eines israelischen Klubs in der Türkei zu Ausschreitungen kommt – um nur einige Beispiele von unzähligen zu nennen.

Ein weiteres Kapitel dieser unrühmlichen Geschichte wurde nun in Marokko geschrieben. Dort fand am Wochenende das World Judo Masters statt, ein hochkarätiges Turnier, zu dem die International Judo Federation (IJF) die jeweils 16 besten Judoka in jeder Gewichtsklasse, bei den Frauen wie bei den Männern, eingeladen hatte. Auch sieben israelische Judokämpferinnen und -kämpfer wollten an den Start gehen, obwohl es Sicherheitsbedenken gab, nachdem Marokko angekündigt hatte, die obligatorischen Bodyguards als Begleitungen nicht einreisen zu lassen. Aber den Judoka war der Wettkampf wichtig, zumal es dort wertvolle Qualifikationspunkte für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr zu holen gab. Und so wandte sich Moshe Ponti, der Vorsitzende der israelischen Judovereinigung, an Marius Vizer, den Chef der IJF, der seinerseits von den Organisatoren des Turniers die Zusicherung erhielt, dass sich das Sicherheitspersonal des marokkanischen Königs um die israelische Delegation kümmern wird. Es schien, als seien nun alle Probleme aus dem Weg geräumt.

In der Zwischenzeit waren allerdings die israelische Fahne und die Namen der israelischen Judoka von der offiziellen Website des Wettbewerbs entfernt worden. Erneut musste der israelische Verband bei der IJF intervenieren. Und damit hatte der Albtraum erst begonnen. Denn als die Sportler in Marokko landeten, mussten sie ihre Reisepässe abgeben und wurden geschlagene acht Stunden lang auf dem Flughafen festgehalten (Foto oben) – in einem Raum ohne Stühle, Essen und Wasser. Die marokkanischen Behörden behaupteten zunächst, die Mitglieder der Delegation hätten keine Visa gehabt, dann hieß es, eines der Delegationsmitglieder habe eine Waffe mit sich geführt. Erst als der IJF-Vorsitzende Vizer damit drohte, das gesamte Masters abzusagen, wurde den Israelis die Weiterreise zu ihrem Hotel genehmigt.

Doch auch jetzt waren die Feindseligkeiten noch längst nicht beendet. Eine israelische Flagge war an der Wettkampfstätte nirgendwo zu sehen, was die IJF zum Anlass nahm, von den Organisatoren die Entfernung auch der Fahnen aller anderen teilnehmenden Länder zu fordern. Während der Wettkämpfe schlug den israelischen Judoka immer wieder der geballte Hass des Publikums entgegen. Manche Zuschauer schwenkten palästinensische Fahnen, andere buhten die Israelis permanent aus oder drohten ihnen gar damit, sie zu töten. Trotz dieser Schikanen erreichten die Judokämpfer zwei fünfte und drei siebte Plätze.

Über die Rahmenbedingungen und die Ereignisse waren sie gleichwohl schockiert. »Was in Marokko passiert ist, ist eine Schande«, sagte Yarden Gerbi, Weltmeisterin in der Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm. »Ich finde es beschämend, dass wir acht Stunden am Flughafen warten mussten und beim Wettkampf niedergebuht wurden, nur weil wir Israelis sind. Wir sind ausschließlich aus sportlichen Gründen hier gewesen, nicht aus politischen, und was wir erleben mussten, ist blamabel für Marokko und die Organisatoren des Turniers.« Moshe Ponti, der Chef der israelischen Judoka, ergänzte: »Ich bin sehr enttäuscht – nicht von den Resultaten, sondern vom Verhalten des Publikums. Ich habe mich mehrmals gefragt, ob es richtig war, in dieses Land zu kommen, bin aber immer zum gleichen Ergebnis gekommen: Ich werde jedes arabische Land bereisen, das ich bereisen darf. Was den Sport betrifft, werden wir unsere Schlüsse ziehen.« Welche er meinte, ließ er offen.

Immerhin scheint sich nach allem, was man weiß, zumindest die International Judo Federation ausgesprochen korrekt verhalten zu haben. Klare Ansagen gegenüber den marokkanischen Organisatoren, kein Lavieren und Beschwichtigen wie beispielsweise bei ihrem Pendant im Fußball, der FIFA, wo man vergeblich auf eine klare Positionierung für das Mitglied Israel und gegen den ungeheuerlichen Ausschlussantrag durch den palästinensischen Verband wartet. Und man dürfte gespannt sein, wie sich Katar, der Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2022, im Falle einer Teilnahme des israelischen Nationalteams verhalten würde. Umso mehr ist der Nivcheret zu wünschen, dass sie die Qualifikation für die WM meistert.

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Zum Foto: Die Mitglieder der israelischen Judo-Delegation werden am Flughafen festgehalten. Rabat (Marokko), 20. Mai 2015.


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Deutsche Ausfälle May 26, 2015 | 11:25 am

Deutsche Ausfälle: Der Lokführerstreik und die Sehnsucht nach der fahrenden Eisenbahn

 
Gäbe es eine Liste der unbeliebtesten Deutschen – Gewerkschaftsboss Claus Weselsky hätte wohl mittlerweile einen Spitzenplatz sicher.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Mai 2015

Der Streik war noch nie Sache der Deutschen. Nicht nur, dass das nationale Streikrecht das restriktivste der gesamten EU ist; so wenig wie hierzulande wird es fast nirgends in Anspruch genommen. Es ist die Liebe zum Ausgleich, zum vermeintlichen Gemeinwohl, das die Bewohner dieses Landes in beinahe jedem eigenmächtigen Vorgehen einen Angriff auf „das Ganze”, auf „uns” wittern lässt. Anstatt mit Unterstützung, Solidarität oder auch nur Verständnis rechnen zu können, sehen sich Streikende – die sich an geltendes Recht halten und auch sonst alles dafür tun, die Grenze zur Gemeinschaftsschädlichkeit möglichst nicht zu überschreiten – mit Hass konfrontiert. So auch die GDL und ihr Vorsitzender Claus Weselsky.

Hetze gegen Weselsky 2015

Hetze gegen Weselsky 2015

Im Zuge des nunmehr neunten Streiks seit Herbst vergangenen Jahres wurde vor keiner Schmähung mehr zurückgeschreckt. Vor allem Weselsky selbst wurde zum Ziel von Anfeindungen, die zeigen, wie die Deutschen reagieren, wenn ihnen jemand demonstriert, dass Interessen durchaus einmal divergieren können. Der „Buhmann der Nation” (Bild) sei er, da er aufgrund der eigenen „Borniertheit” (FAZ), 80 Millionen Deutsche zu „Immobilitäts-Geiseln” (Bild) mache. Die „Welt” ruft die Politik an, den „Streik-Vandalismus” der GDL zu stoppen; dieser sei ein „schädlicher Machtkampf ohne Kompromissbereitschaft” (Badische Zeitung). Für die „vermeintliche Wahrung der Partikularinteressen ihrer Mitglieder” (Hannover-Zeitung) pfiffen Lokführergewerkschaft und Weselsky auf das „Wohl eines ganzen Landes” (RP online). Und obwohl Weselsky trotz ostzonalem Hintergrund in Interviews stets besonnen, rational und in keiner Weise bösartig wirkt, attestieren ihm SPD-Politiker niedere Beweggründe, als verfügten sie über ein intimes Geheimwissen: „Beim Lokführerstreik stehen nicht die Interessen der Arbeitnehmer im Vordergrund, sondern persönliche Machtinteressen” (Thomas Oppermann). Dass die Lokführer, die Weselsky vertritt, offensichtlich hinter ihm stehen, findet keine Beachtung. Schließlich sind es die Deutschen gewohnt, soziale Verhältnisse zu personalisieren. Und wenn der Gewerkschafts-Führer einen mangels entsprechender beruflicher Qualifikation nicht am Gemeinschaftserlebnis Streik partizipieren lässt, dann ist man nicht einfach neidisch, sondern stilisiert den Bösewicht trotzig zum Volksfeind. Die Liebe zum Führer und der Hass auf den Verräter liegen dicht beieinander.

Dass die Bahn als doch eher unbeliebtes Unternehmen in Umfragen dennoch positiver gesehen wird als die GDL, ist daher kein Zufall: „73 Prozent misstrauen der GDL, nur 17 Prozent vertrauen ihr.” (spiegel online). Schon im November hielten nur 10,5 Prozent die Streiks überhaupt für angemessen. Die Sehnsucht nach organischer Zusammenarbeit im Namen der Volksmobilität ist so groß, dass über zwei Drittel der Deutschen sich den Beamtenstatus – und damit lebenslange Loyalitätszwangsverpflichtung – für Lokführer wünschen – obwohl nur ein knappes Fünftel überhaupt vom Streik betroffen ist. Doch Interesse ist nur dann von Belang, wenn es das eigene ist. Die absolutistische Parole “L’état c’est moi”, die die Grundlage für die Volksgemeinschaft der einander abgrundtief Hassenden bildet, ist den Deutschen schon lange zur zweiten Natur geworden. Weil man aber die eigenen Interessen zu unterdrücken gelernt hat, zeitigt die Aggression, die man sich selbst antut, die hässlichste aller sozialen Neigungen: die Eifersucht. Also geht es plötzlich um Prinzipielles, nämlich die gewohnte und bis hierhin breit akzeptierte Bereitschaft, zurückzustecken für Wirtschafts- und Staatswohl, dem man sich angeblich aus rein altruistischen Motiven verschreibt. Man hat sich selbst immer zurückgenommen, also sollen jetzt nicht andere kommen und mehr wollen. Überhaupt scheint der miese, da verkniffene Egoismus eine Begleiterscheinung eines Wirtschaftsaufschwungs zu sein, der von Leuten getragen wird, die permanent ihre eigenen Interessen opfern und immer lauern, genau dies auch an anderen zu exekutieren. Die Anderen, in diesem Fall die Lokführer, Zugbegleiter und anderes Zugpersonal, die in der GDL organisiert sind, müssen herhalten, um den Schein als solchen nicht durchschauen zu müssen durch die Erkenntnis, dass das ins Feld geführte „Wohl” das schlecht allgemeine des Kapitals ist.

Das am 22. Mai von der Sozialdemokratin Andrea Nahles beschlossene Gesetz zur Tarifeinheit soll solche Ausfälle in Zukunft vermeiden. DGB und Unternehmerverbände zeigten sich begeistert – die Eisenbahn soll endlich wieder zuverlässig fahren, Ruhe einkehren und der Betriebsfrieden, Bedingung von beiden Weltkriegen, Auschwitz und Wirtschaftswunder, gesichert werden.


Leistungsträger & Solidarität – Zwei einfache Blicke auf den Bahnstreik May 24, 2015 | 07:00 am

Aus linker Perspektive sollte die Sache ganz einfach sein. Wenn Arbeiter sich organisieren und höhere Löhne fordern solidarisiert man sich. Ähnlich einfach ist die Sache aus liberaler Sicht: Leistungsträger müssen ordentlich bezahlt werden. Und wer, durch Arbeitsniederlegung, schnell mal “das ganze Land lahmlegt”, der trägt wohl einiges an Leistung… Trotzdem springen mich in den sozialen […]

Farbanschlag auf Sozialwohnungen May 23, 2015 | 03:05 pm

Vom 12. Mai auf den 13. Mai wurden erneut Sozialwohnungen im Westend Ziel eines koordinierten Farbanschlages der Stadt München.

Die Täter beschmierten die Vorderfront zur Westendenstraße Ecke Bergmannstraße großflächig mit Strumstreichhölzern und lodernden Flammen. Zuerst sei noch ein Keltenkreuz und „Sturm“ in großen Lettern zu sehen gewesen, berichtet ein Nachbarn gegenüber Schlamassel Muc. „Wir dachten anfangs, da machen sich Neonazis ans Werk“, sagt er. Doch weit gefehlt. Die Täter wurden vom Verein „Positive Propaganda“ angestiftet. Den ausgegrenzten Menschen mit ihrem „oftmals unterschätzten Potential und Feuer“ widme sich dieses „Mural“, heißt es auf der Website des Vereins leidlich schuldbewusst.

Tatsächlich findet dort an der Wand des Sozialbaus eine Markierung statt, die ohnehin Ausgegrenzte noch weiter ausgrenzt und von der Mehrheitsgesellschaft abhebt. Das Haus – in dem hauptsächlich Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund leben – als brennend zu inszenieren, ist eine weitere Geschmacklosigkeit.

Eine Sanierung im Inneren des Gebäudes wäre schon lange nötig, außerdem bräuchte die Außenfassade einen Anstrich. Aber anstatt das zu leisten, verwendet die Stadt zehntausende Euro für dummdreistes Stadtmarketing auf Kosten der Ausgegrenzten – und das neue Bürgertum im Westend hat auf seinem Weg in den KPMG-Krawattenbunker was zum Gucken. Das ist trauriger Höhepunkt einer bereits länger andauernden Anschlagserie, die auf eine Initiative der Grünen im Stadtrat zurück geht.

Mit klerikal-dadaistischem Ritterscheiß wurde bereits letztes Jahr die Front zur Bergmannstraße des Sozialbaues zugeknallt. Häufig bleiben Passantinnen und Passanten stehen und fotographieren – was die Privatsphäre der Menschen im Hause deutlich beeinträchtigt. An der tiefschwarzen Fassade staut sich im Sommer die Hitze und drückt zu den Fenstern rein. Wer von drinnen raussieht, darf sich auf diesem Präsentierteller wie ein Idiot gerahmt fühlen.

Die Anschlagserie dürfte noch andauern. Laut einer Sitzungsvorlage des Stadtrates sind weitere Markierungen und Übergriffe in Planung.

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Die Mär von der Apartheid May 23, 2015 | 12:54 am

Palästinensische Arbeiter verlassen am Checkpoint Eyal einen israelischen Bus

Am Mittwoch überschlugen sich die deutschen Medien wieder einmal förmlich, als es etwas aus Israel zu berichten gab, das ganz besonders gut geeignet schien, um den jüdischen Staat erneut in dunklen Farben zu malen. »Palästinenser dürfen nicht mehr mit Israelis im Bus fahren«, schlagzeilte beispielsweise Spiegel Online, »Israel: Getrennte Busse für Palästinenser«, vermeldete tagesschau.de. Auf der Website der Süddeutschen Zeitung ging Peter Münch wie gewohnt in die Vollen und warf Israel nicht weniger als »Apartheid-Methoden« vor. »Busse ›nur für Siedler‹ wecken Assoziationen zum alten Südafrika oder zu den amerikanischen Südstaaten in den Fünfzigerjahren, wo Schwarze ausgeschlossen waren«, schrieb er. Was war geschehen? Hatte Israel tatsächlich eine »Rassentrennung« eingeführt, wie man nach der Lektüre der Berichte glauben musste?

Der Reihe nach. Am Mittwochvormittag verbreiteten israelische Medien die Nachricht, dass Verteidigungsminister Moshe Ya’alon ein zunächst auf drei Monate begrenztes »Pilotprojekt« in Kraft gesetzt habe. Dieses Projekt, so hieß es, betreffe alle im Westjordanland lebenden Palästinenser, die im israelischen Kernland arbeiten, und führe im Wesentlichen zu zwei Änderungen: Zum einen werde es künftig nur noch vier Checkpoints geben, über die palästinensische Pendler nach Israel ein- und aus dem Land wieder ausreisen können. Sie müssten dabei für die Ausreise zwingend denselben Übergang benutzen wie zuvor bei der Einreise. (Bislang ist die Einreise für palästinensische Arbeiter auf eben diese vier Checkpoints beschränkt, für die Heimfahrt können sie aber den für sie günstigsten der zahlreichen Übergänge wählen.) Die Reisezeit verlängere sich dadurch für manche um bis zu zwei Stunden.

Zum anderen solle es diesen Palästinensern fürderhin nicht mehr gestattet sein, die regulären israelischen Buslinien in Anspruch zu nehmen, die aus dem Westjordanland nach Israel und umgekehrt führen. Sie dürften nur noch auf Verkehrsmittel der Palästinensischen Autonomiebehörde zurückgreifen. Vor allem die im Westjordanland lebenden israelischen Siedler hatten schon länger auf eine solche Separation gedrängt und dabei ihre Angst vor Anschlägen geltend gemacht. Verteidigungsminister Ya’alon hatte dafür bereits im Herbst des vergangenen Jahres Verständnis geäußert: »Man muss kein Sicherheitsexperte sein, um 20 Araber in einem Bus mit einem jüdischen Fahrer, zwei oder drei jüdischen Passagieren und einem bewaffneten Soldaten als Szenario für eine Attacke zu erkennen.«

Mit der Neuregelung und der rigideren Kontrolle der Ein- und Ausreise sollte nun außerdem das Risiko verringert werden, dass Palästinenser, die sich ohne dauerhafte Erlaubnis in Israel aufhalten, dort Anschläge verüben. Doch Ya’alons Vorhaben wurde in Israel selbst angezweifelt und scharf kritisiert – von linken Parteien, Politikern und Organisationen ohnehin, aber auch aus Armee- und Regierungskreisen – und schließlich noch am Mittwoch wieder kassiert. Premierminister Benjamin Netanjahu fand das Pilotprojekt »inakzeptabel« und wies seinen Verteidigungsminister an, es unverzüglich zu stoppen und einzufrieren. Staatspräsident Reuven Rivlin sagte, die Regelung separiere Juden und Araber auf der Grundlage von Ideen, für die es keinen Platz geben dürfe, und verstoße »gegen die Grundlagen des Staates Israel«. Moshe Ya’alon ruderte schließlich zurück: Getrennte öffentliche Verkehrsmittel seien nie geplant gewesen, beteuerte er.

Binnen kürzester Zeit also ist ein fragwürdiger Plan nach deutlicher Kritik aus verschiedenen politischen Lagern wieder verworfen worden. Ein gutes Beispiel für die politische Kultur in einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Den eilfertigen »Apartheid«-Schreiern sei aber auch verdeutlicht, dass es in dieser Angelegenheit widerstreitende Interessen gibt, zwischen denen nicht ganz so einfach zu vermitteln ist. Auf der einen Seite sind da diejenigen Palästinenser aus dem Westjordanland, die in Israel ihrer Arbeit nachgehen und denen durch das »Pilotprojekt« im Falle seiner Umsetzung vor allem in Bezug auf ihre Arbeitsbedingungen tatsächlich erhebliche Unannehmlichkeiten entstünden. Schon jetzt müssen sie größere Umwege in Kauf nehmen, und manche von ihnen klagen über israelische Busfahrer, die sich weigerten, sie zu befördern.

Auf der anderen Seite ist nicht zu leugnen, dass von Palästinensern, die ohne behördliche Erlaubnis in Israel weilen, immer wieder einmal antisemitische Terrorattacken verübt werden. So war es auch und gerade in der jüngeren Vergangenheit. Im November 2014 beispielsweise erstach ein Palästinenser aus dem Westjordanland an einer Bahnstation in Tel Aviv einen israelischen Soldaten. Im Januar dieses Jahres verletzte ein palästinensischer Mann, auch er aus der Westbank und ohne Aufenthaltsgenehmigung, in einem Tel Aviver Bus sage und schreibe 17 Menschen mit einem Messer, vier davon schwer. Der Vorsitzende des Regionalrates für die Siedlungen in Samaria, Gershon Mesika, spricht von einem hundertprozentigen Anstieg nicht genehmigter Grenzübertritte nach Israel durch Palästinenser im Jahr 2014. Bei den Versuchen, Waffen aus dem Westjordanland nach Israel zu schmuggeln, habe es sogar einen Zuwachs von 200 Prozent gegeben.

Dass das trotzdem keine Gründe für Maßnahmen wie getrennte Buslinien und noch stärkere Beschränkungen bei der Heimreise sind, die unterschiedslos alle palästinensischen Pendler treffen würden, sieht auch die israelische Regierung so. Doch selbst wenn das anders wäre, lägen die Gründe dafür nicht in der Annahme einer »rassischen« Minderwertigkeit einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wie in Südafrika während der Apartheid. Das erkennt man schon daran, dass die in Israel lebenden Araber – die einen Bevölkerungsanteil von 20 Prozent stellen – von dem »Pilotprojekt« gänzlich ausgenommen wären und sich weiterhin völlig frei bewegen könnten. Die Regelung würde nur diejenigen Palästinenser tangieren, die in Gebieten leben, deren politische Führer den jüdischen Staat nach wie vor bis aufs Blut bekämpfen – und Terroristen üppige Belohnungen für ihre Mordtaten zahlen. Man mag Ya’alons Plan als Folge eines ungerechtfertigten Generalverdachts betrachten – mit »Rassentrennung« hat er jedenfalls nichts zu tun.

Nur am Rande sei erwähnt, dass Palästinenser im Libanon nach wie vor in zahlreichen Berufen nicht arbeiten dürfen, etwa als Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure oder Buchhalter. Und dass der palästinensische Präsident Mahmud Abbas – der seit fünf Jahren keinerlei demokratische Legitimation mehr besitzt – in einem künftigen palästinensischen Staat »keinen einzigen Israeli, weder einen Zivilisten noch einen Soldaten«, dulden will. Haben deutsche Medien das eine oder das andere jemals Apartheid genannt? Nein – denn sie widmen Palästinensern stets nur dann ihre Aufmerksamkeit, wenn sie »Opfer« Israels sind. Und das ist bezeichnend.

Tipps zum Weiterlesen: »Der Bus-Skandal« von Chaya Tal, »Das große Bus-Gerücht« von Gerd Buurmann.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Palästinensische Arbeiter verlassen am Checkpoint Eyal einen israelischen Bus.


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SCHALL May 22, 2015 | 02:31 pm

Zum gegebenen Anlass laden wir euch ein, solidarisch mit uns zu feiern. Wer sich am 20. Juni im Chéz Heinz einfindet, wird in froher Erwartung auf eine durchgezappelte Nacht im Nimbus der dargebotenen Technobeats von

Si.Kurd (Klinsh | Braunschweig)
Tarek Soltani (Klinsh | Braunschweig)
Nescher (Halb Mensch Halb Techno | Hannover)

nicht enttäuscht werden. Wir offerieren Getränke zu angemessenen Preisen sowie eine unbefangene Feieratmosphäre. Wer sich sexistisch, antisemitisch oder rassistisch verhält, fliegt ohne Diskussion raus.

Bei Chéz Heinz (Salon) | 20. Juni 2015 | 23 Uhr

Audio: Den Arbeitshorizont sprengen May 21, 2015 | 02:04 pm

Warum massive Arbeitszeitverkürzung revolutionärer wäre als jede “Revolutionäre 1. Mai-Demo”

Lothar Galow-Bergemann im Interview mit Radio Corax Halle                                  gesendet unter dem Titel “Nieder mit dem Lohnsystem” am 15. Mai 2015

 

“Die Arbeit wird von der überwältigenden Mehrheit der Menschen als quasi ontologische Größe wahrgenommen. Sie wird zwar oft als Zumutung empfunden, aber dennoch ist es zur Natur geworden sie zu verrichten. Auch die Linke und die alte Arbeiterbewegung ist nicht über diese Einstellung hinausgekommen. Ihr ging es immer darum, die Bedingungen innerhalb des Arbeitsgefängnisses zu verbessern, nicht jedoch seine Mauern einzureißen. Dabei finden sich bei Karl Marx auch ganz andere Töne, die die Arbeit als etwas genuin modernes, kapitalistisches definieren. Darüber und auch über das Verhältnis von Arbeitsontologie und Antisemitismus haben wir mit dem Gewerkschafter und Arbeitskritiker Lothar Galow-Bergemann gesprochen. Selbstverständlich am Tag der Arbeit.” (Radio Corax Halle)

 

Was ist Antisemitismus und was hat das mit Israel zu tun? May 21, 2015 | 01:54 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 4. Juni 2015, 16.30 Uhr, Stuttgart
35. Deutscher Evangelischer Kirchentag,
Markt der Möglichkeiten, Themenzelt 3, Cannstatter Wasen

Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart & Mittlerer Neckar

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn allerdings nicht. Folglich glaubt niemand antisemitisch zu sein, obwohl antisemitische Denkmuster massenhaft verbreitet sind. Sie äußern sich u.a. im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“.

 

Was ist israelfeindlicher Antisemitismus? May 21, 2015 | 01:50 pm

Betrachtungen nach den judenfeindlichen Hasskundgebungen des letzten Sommers

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 11. Juni 2015, 19.00 Uhr, Braunschweig

Eine Veranstaltung der Antifaschistischen Gruppe Braunschweig  in Zusammenarbeit mit der Sozialistischen Jugend Die Falken

Wie wenig Antizionismus von Antisemitismus trennt, wurde selten so deutlich wie während der antiisraelischen Massenaufmärsche dieses Sommers, die in Sprechchören „Tod den Juden!“ forderten. Die selbstgerechte deutsche Mehrheitsgesellschaft wusste sofort, dass der Antisemitismus lediglich durch „die Türken“ bzw. „den Islam“ importiert ist. Schließlich, davon bleibt sie felsenfest überzeugt, hat sie aus der Shoah mehr gelernt als die Juden, weshalb ihre mit Hingabe gepflegte „Israelkritik“ nie und nimmer irgend etwas mit Antisemitismus zu tun haben kann. Diese Gewissheit gehört auch zu den Basics einer pseudokritischen Linken, die viel mehr Mainstream ist, als sie glaubt.
Doch wer eben noch in „internationalistischer Solidarität“ zusammen mit offenen Hamas-Fans gegen Israel demonstriert hatte, bekam nun ein faustdickes Problem. Wie um alles in der Welt sollte man sich von den Propagandisten des Judenmords abgrenzen? Heraus kamen Verschwörungsphantasien und skurrile Statements, die weniger überzeugend ausfielen denn je. In welcher Situation befinden sich Juden und der jüdische Staat und warum befördert den Antisemitismus, wer „gegen den Zionismus“ demonstriert?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für konkret, Jungle World und www.emmaundfritz.de

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida May 21, 2015 | 01:46 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 12. Juni 2015, 20.00 Uhr, Frankfurt/Main
Café Kurzschlusz, Campus der Frankfurt University of Applied Sciences, Kleiststr. 5

Veranstaltet vom Café Kurzschlusz – Unterstützt durch das Ref Pol-Bil des JWG-Uni-ASTA

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf www.emmaundfritz.de

 

 

Fracking: Was kommt da alles hoch? May 21, 2015 | 01:35 pm

Die politische Ökologie steht auf irrationalem Grund

Vortrag und Diskussion mit Jörg Huber

Montag, 15. Juni 2015, 19.30 Uhr, Stuttgart
Stadteiltreff Veielbrunnen, Morlockstr.18, Stuttgart-Bad Cannstatt

Von apokalyptischen ökologischen Warnungen geht eine stetige Anziehungskraft aus. Sie klingen prophetisch, stützen sich jedoch zugleich immer auf wissenschaftlich begründete Befunde oder Prognosen. Breite ökologische Diskussionen sind nicht ohne angedrehte Aufregung aber eben auch nicht ohne detailreiches Expertenwissen  vorstellbar. Diese Mischung aus teils archaischen, teils hochmodernen Konzepten zeigt
sich aktuell in der Diskussion über die Methode Fracking. Davor ließ sie sich beim Tauziehen um den Ausstieg aus der Kernenergie verfolgen, der Klimawandel ist schon ein Dauerthema. Die politische Ökologie gewinnt seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts an Bedeutung. Erinnert sei an die hanebüchenen Prognosen des “Club of Rome” vor weltweiter Hungersnot und Rohstoffknappheit infolge einer “Bevölkerungsexplosion” und die aus dem Ruder gelaufenen Ängste vor einer in den achtziger Jahren zunehmenden Umweltverschmutzung – Stichwort “Waldsterben”.

Da in allen diesen Debatten tatsächliche Probleme eine Rolle spielen, lassen sie sich nicht als einfach nur hysterisch abtun, wie das gerade von marktliberaler Seite gern geschieht. Der Marktliberalismus will aus Prinzip von möglichen Grenzen des  Wachstums überhaupt nichts wissen, mehr als das Material für das Kapital war Natur für ihn noch nie.

Die wissenschaftliche Fundierung ökologischer Argumente wiederum erweist sich so oft als unsauber, dass erst einmal nichts anderes übrig bleibt, als bei jedem Thema zwischen verzerrter realitätsgerechter Einsicht und wissenschaftlich verpacktem Aberglauben zu unterscheiden.

Das ökologische Denken lernt offensichtlich selbst nichts aus seinen Fehlern. Daher stellt sich die Frage, was ihm immer wieder aufs Neue die Weltuntergangsvisionen eingibt. Schon am demagogischen Duktus ökologischer Mahner und Warner entzündet sich dabei der Verdacht, dass ihre Sorge weniger dem Wohl der Natur und der von ihr abhängigen Menschheit als vielmehr einer verlogenen politischen Mobilisierung gilt.
Der aktuell verstärkt propagierte Traum einer nachhaltigen Produktion, die unter Einsatz sparsamer kybernetischer Methoden einen harmonischen Einklang mit der Natur anvisiert, ist aber nicht mehr als das kitschige Idealbild des aktuellen gesellschaftlichen Zustandes, der mit einem scheinbaren Rekurs auf die Natur verteidigt wird. Ökologisches Problembewusstsein speist sich aus verschobener Krisen- und
Abstiegsangst. Der Sehnsucht nach einem organischen Einklang mit der Natur entspricht daher eine Theorieentwicklung, die gegen alle Vernunft davon ausgeht, dass der Kapitalismus sich in ein ökologisch und sozial kontrollierbares Kreislaufsystem verwandeln ließe. Das ist nicht nur logisch unmöglich, allein schon die Intention ist erschreckend.

Jörg Huber ist Physiker, schreibt für die Zeitschrift Bahamas und hat eine Webseite: http://joerghuber.net

Eine Veranstaltung von Contain’t  und Emanzipation und Frieden

 

70 Jahre May 21, 2015 | 12:00 pm

kefir-70-jahreneulich in Russland: Erinnerung an 70 Jahre Sieg – Pobeda – (auf Kefir-Packung)


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Palmyra May 20, 2015 | 10:15 pm

Nach dem Vormarsch in Palmyra kontrolliere der IS nun etwa 40 Prozent der Fläche Syriens, sagte der Leiter der Menschenrechtsbeobachter, Rami Abel Rahman, der Deutschen Presse-Agentur. Die Extremisten hätten zudem fast alle Ölfelder des Landes eingenommen. Der IS finanziert sich zu einem großen Teil aus dem Ölschmuggel.

Quelle

Schall & Wahn – Gegen den Kampftag der antisemitischen Internationale! May 19, 2015 | 11:18 pm

Am 10. Juli werden wie im letzten Jahr auch diesmal tausende Antisemiten beim al-Quds-Tag in Berlin aufmarschieren. Ihr Ziel ist die Auslöschung Israels. Doch dieses Event ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Islamismus ist nicht nur im Nahen und Mittleren Osten eine bestimmende Ideologie, sondern breitet sich auch immer stärker in Europa aus. Das Attentat von Paris und der systematische Terror des Islamischen Staates sind die brutalsten, medial am meisten Aufmerksamkeit erregenden Ereignisse, doch auch die Gaza-Demonstrationen im letzten Sommer sind Resultat von Antisemitismus und Islamismus. Leider geschah dies unter großer Ignoranz der radikalen Linken. Wir wollen das ändern.

Wie im letzten Jahr nehmen wir den 10. Juli zum Anlass, um gegen Islamismus und Antisemitismus zu mobilisieren. Zum al-Quds-Tag wird es dann eine gemeinsame Anreise nach Berlin geben. Wir freuen uns auf euch!

Hier der Überblick:

Persepolis – Filmvorführung
Mittwoch, 17. Juni | 20 Uhr | UJZ Korn
https://www.facebook.com/events/364257123768063/364257127101396/

Zerrspiegel des Ressentiments: Kulturrelativismus im Licht der aktuellen Situation im Mittleren Osten – Vortrag & Diskussion mit Andreas Benl
Freitag, 19. Juni | 19 Uhr | Uni Hannover, F142
https://www.facebook.com/events/1574894292777209/

Schall – Party
Samstag, 20. Juni | 23 Uhr | Béi Chéz Heinz (Salon)
https://www.facebook.com/events/1436351983336078/

Gegen den Kampftag der antisemitischen Internationale! – Mobilisierungsveranstaltung
Mittwoch, 1. Juli | 20 Uhr | UJZ Korn
https://www.facebook.com/events/906594862724534/

Tagesseminar islamistischer Antisemitismus
Samstag, 4. Juli | 11 – 18 Uhr | Uni Hannover, Raum 004, Gebäude 1211
https://www.facebook.com/events/366980730175075/
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Progressive Youth – Linksjugend Hannover (progressiveyouthhannover.blogsport.de) und mit großer Unterstützung des Bildungswerks Politik und Kultur (www.politikundkultur.org) statt.

Die Arabellion und ihre Folgen – Vortrag & Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken
Montag, 6. Juli | 19 Uhr | Uni Hannover, B305
https://www.facebook.com/events/1600994446838708/

Veranstaltungen in Kooperation mit dem LAK Shalom Niedersachsen, der Progressive Youth Hannover und dem AStA Uni Hannover.

Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie. May 19, 2015 | 08:32 am

Artikel als PDF

Rezension: „…wenn die Stunde es zulässt.“ Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie.

Hg. von Malte Völk, Oliver Römer, Sebastian Schreull, Christian Spiegelberg, Florian Schmitt, Mark Lückhof, David Nax.

Westfälisches Dampfboot

386 Seiten

€ 34,90

Kritische Theorie als sich schreibende steht heute vor dem Berg wie der Aufklärer Sysiphos, gezwungen zur ewigen Wiederholung, weil es ihr wie jenem nicht gelang, das falsche Leben zu überwinden. Unkritische Theorie steht vor demselben Berg, jedoch wie der Ochse, dumpf feuilleton-taugliche Zuckerwatte produzierend, die der universitäre Betrieb seinen Abhängigen abverlangt. Wer sich daran einmal den Magen verdorben hat, wird verständlicherweise etwas misstrauisch zu einem neuen Werk greifen, das verspricht, kritische Theorie zu „aktualisieren“.

Das Marburger Bändchen lässt sich aber schon optisch gut an, das rasengrüne Titelzitat beißt ins deckende Dunkelblau, Chamois und Petrol intervenieren. Das Dampfboot treibt unter lautem Signalhorn zum Betreten des angenehm großzügig berandeten Textkörpers, die Bindung und das Papier versprechen auch einer zweiten Lesung und einigen Regallagerspuren standzuhalten, ohne am Suhrkamp-Syndrom zu erliegen.

Gegen das Diktat der Verwertungslogik hat man darauf verzichtet, die Prominenz in die Herausgeberschaft zu heben, wohltuend verhalten kündigt sie sich erst im Inhaltsverzeichnis an: Alex Demirović schreibt über „Heinz Maus oder die Genealogie der Kritischen Theorie“, Frank Benseler rückt „Heinz Maus – nah in perspektive“, Christoph Menke will in die „Zweite Natur, Kritik und Affirmation“, natürlich ist das mit der Natur schon bei der ersten nicht so ernst gemeint, Michael Weingarten gibt sich bescheiden mit einem „Versuch einer Bestimmung des Verhältnisses“ natürlich des politischen der Ökonomie, in einem zweiten Beitrag trägt er „Notizen zum Begriff der Kritik bei Marx“ zusammen. Claus Baumann bittet gleich drei Heroen zum Assessment Center über die Kunst der Avantgarde: Walter Benjamin, Theodor W. Adorno und Guy Debord sollen zusammen „kritische Reflexionen der Kunst“ und ihr „Verhältnis zum Klassenkampf“ erdenken. Eine ähnlich kumulativ-komparative Strategie ertüftelt Alexander García Düttmann, der Sokrates, Adorno und Jaques Vergès als Zeugen gegen den „Verblendungszusammenhang“ verhört.

Dazwischen finden sich noch sage und schreibe weitere neun Texte, immerhin drei Frauen wurden mit Ruth Sonderegger, Cornelia Klinger und Christine Zunke für die Expedition in „aktuelle“ Gestade kritischer Theorie rekrutiert und das dürfte ein Rekordverhältnis im androzentrischen Betrieb sein.

Damit wäre schon alles gesagt, was eine Kaufempfehlung ausmacht: Wer in Sachen neuere kritische Theorie nicht hinter allen Saturnmonden weilt, wird hier ein paar wohlformulierte Zitatensets erwarten dürfen und jede Person vom Fach darf sich auf ein paar besserwissende Nasenschnauber bei der Lektüre freuen, dafür hat sie auch einen völlig angemessenen Preis gezahlt. Vorausgeschickt sei die Warnung, dass es sich hier um eine sehr ernsthaft arbeitende seriöse Textkollektion handelt, und nicht um jenen oberflächlichen akademischen Lack, den Exzellenzcluster und „Nachwuchswissenschaftler“ in spe seriell für Gutachten und Lebensläufe produzieren müssen.

Nun erwarten die Autoren aber nicht nur marktfeile Lobreden, sondern fordern geradezu Kritik als Respektsbekundung ein, achtsame und qualifizierte zumal. Immerhin wurde René König längst pensioniert, von dem man zu solchen Werken wahrscheinlich so hochkarätige Urteile erwarten durfte wie jenen Satz im Nachwort zu Durkheims Selbstmord, dass Adorno inzwischen „vielleicht hätte erfahren können, daß es in dieser Welt nicht nur Dialektik gibt.“ Unvergessen auch seine Fußnote am gleichen Ort, in der er den Marxismus als „Original“ für die „Kopie“ des Nationalsozialismus verklagt. Lassen wir also die bürgerliche deutsche Soziologie schon einmal außen vor, sie hat von diesem Band nicht viel zu wollen und fällt als Adressat aus.

Der Vollblutmarxist Heinz Maus stellt den sinnstiftenden Anlass für den Band zur Verfügung, weil es ihm gefiel, vor etwas über hundert Jahren das Licht der Welt zu erblicken. Seinen hundertsten Geburtstag im Jahr 2011 konnte er Thanatos offenbar nicht abluchsen, aber ein paar aufmerksame junge Adepten kritischer Theorie erinnerten sich in Marburg mit einer Tagung an sein Wirken. Von Heinz Maus, soviel muss man vorab wissen, sind zwei prominente Bücher erhältlich, die sich beide exzellent lesen lassen. „Die Traumhölle des Justemilieu“ umfasst eine größere Abhandlung über Schopenhauer und das Entstehen des bürgerlichen Ideals der „gerechten Mitte“, daneben eine ganze Anzahl überaus kostbarer kleinerer Aufsätze, die zuallermeist um die historische Entstehung des Konfliktes zwischen positivistischer Wissenschaft insbesondere nach Comte und materialistischer Denkweise insbesondere nach Marx kreisen. In seiner „Geschichte der Soziologie“, die in Ziegenfuss’ „Handbuch der Soziologie“ enthalten ist, entwirft der belesene Ideenhistoriker eine fulminante Geschichte nun ja, der Soziologie natürlich, was bei Maus auf einen andauernden Konflikt zwischen der tendenziell revolutionären Sozialphilosophie der Aufklärung und der tendenziell reaktionären Soziologie Comtes hinausläuft. Man lese selbst und mit Gewinn, idealerweise schon zur Vorbereitung der weiterführenden Texte im ersten Drittel des vorliegenden Sammelbandes. Darin wird von Alex Demirović und Frank Benseler, sowie von David Salomon und dem Autorenquartett Römer/Lückhof/Nax/Spiegelberg ein wenig nachgearbeitet, mit Anekdoten gefüllt und eingeholt.

Nicht notwendig mit Maus zu grundieren ist der zweite Teil mit dem Obertitel: „Arbeit am Begriff – Momente kritischer Theorie“. Städtler ist hier etwas zu rasch mit dem Begriff der Utopie fertig, der, wie man es in der Frankfurter Schule gelernt hat, „sich immer nur an die Erfahrung anlehnen [kann], die sie zu überwinden vorgibt.“ Hier will der Adorno-Leser doch etwas mehr als eine Fußnote zu weiterführenden Werken, nämlich einen halben Gedanken nur zur Stellung der lebendigen Erfahrung und der glücklichen Kindheit, die bei Adorno einen doch erheblichen Rang einnehmen und ihn mitunter in recht positiven Bildern des „Stillstands“ verweilen lassen. Auch Horkheimers Gedanken über Fortschritt gehört doch in jene Konkretisierungen, ja politischen Empfehlungen hinein, von denen nicht nur die dogmatischen Sozialisten der Zeit, sondern auch die Marxistenjäger an amerikanischen und deutschen Universitäten die postnazistische Frankfurter Schule fernhielten – nicht immer aber die orthodoxe Reinheit der Negativität. Über aktualisierte maoistische („Entbarbarisierung des platten Landes“) und sozialdemokratische (Reformierung Nachkriegsdeutschlands) wie auch interventionistische (post-kolonialistische/sozialistische Weltordnung) Problemlagen kritisch-theoretischer Praxis heute erfährt man von den im Band versammelten Philosophen doch etwas wenig, wenn das berühmte Verhältnis von Theorie und Praxis auf den Seziertisch gelegt wird.

Wer aber wissen wollte, wie Adorno mit und gegen Hegel zu lesen wäre, warum „der negative Begriff des Ganzen“ bei Hegel „in absolute Positivität“ umschlägt, Adorno aber „die erkenntnistheoretische Anstrengung“ unternimmt „empirische Wirklichkeit durch allgemeine Begriffe zu denken, ohne diese absolut zu setzen“ und dann bekanntermaßen das Ganze als Unwahres zu behaupten, der wird mit Städtler eine flotte Denkstütze finden und schätzen.

Fehlstelle im gesamten Band ist ein irgend sinnhaft entfaltetes Verhältnis von Reflexion philosophischer Art und jener revolutionären Neuerung, mit der Freud die Menschheit kränkte: die Psychoanalyse, den Grundstein kritischer Theorie, ohne die sie nur ein undogmatischer Marxismus wäre. Ohne die Psychoanalyse wäre keine Reflexion denkbar, die das Individuum wirklich zum Agens und Katalysator gesellschaftlicher Prozesse erhebt und somit auch zum Ziel theoretischer Kritik macht. Auch die zweite Leerstelle gilt für das ganze Konvolut: Die verschwommene Nebensächlichkeit konkreter gesellschaftlicher historischer Gewalt. Die heißt bei Sonderegger auch „Gewaltzusammenhang“, zu dem sie allerdings, bei Fanon landend, Kritik als westliche selbst rechnet. In allen Beiträgen bleibt gesellschaftliche Gewalt abstrakt und universal, wo sie Adorno in der „Negativen Dialektik“, mit der philosophischen Praxis untrennbar verschweißt und als konkrete benennt. War für kritische Theorie die Ermordung der europäischen Juden noch eine höchst konkrete Herausforderung, wird in der aktuellen philosophischen Praxis das Problem von Theorie und Praxis selbst doch verphilosophiert. Das historisch Revolutionäre an Hegel noch gerinnt zur bloßen Marotte des denkenden Individuums. Die pulsierenden Adern, durch die kritische Theorie bestimmt und bewusst, unkritische Philosophie unbestimmt und unbewusst, mit gesellschaftlicher Praxis kommuniziert, erscheinen in den „Aktualisierungen“ gekappt. Adornos intensives Drängen auf einem Zusammenhang von philosophischer Praxis, die den Moment ihrer Verwirklichung versäumt hat und philosophischer Praxis, die als Positivismus jener Abtrennung von Gegenständen Vorschub leistete, die wiederum Voraussetzung für die industrielle Massenvernichtung von Menschen wurde – jenes Drängen ist nicht als bloßes konsensuales Hintergrundrauschen aufzuheben, sondern es liefert den einzigen Grund, warum überhaupt aktualisiert werden muss. Aktualisierung kritischer Theorie bedeutet zuallererst, sich jene Situationen vor Augen zu führen, in denen nach Adorno wieder die Axt der Barbarei Millionen aus dem Leib der „Gesellschaft“ gehauen hat. Was Kambodscha, Rwanda, Darfur, Congo, was generell die Mahlbacken des kalten Krieges und seine Nachwehen an Leichen ausspuckten, dem hat sich Kritische Theorie heute zuerst zu stellen, erst daraus wird ihr Anspruch auf „Praxis“ und „Wahrheit“ bestimmbar: am Eingeständnis, dass trotz kritischer Theorie sich die äußerste Barbarei wiederholt hat – mehrfach; dass Philosophie immer noch eine zu spät gekommene ist, so sehr sie sich auch als Avantgardismus profiliert. Noch einmal: Das merkwürdige Verweilen akademisierter Kritischer Theorie in der Vergangenheit ist nicht allein Kriterium des vorliegenden Bandes, sondern Strukturmerkmal fast aller kritisch-theoretischer Schriften nach Adorno, die vielleicht noch Auschwitz beflissen nennen, aber sich generell immunisiert haben gegen das, wogegen kritische Theorie einmal antrat: Die höhnische Aktualität der Barbarei.

Das Typische und durchaus neue an kritischer Theorie, an den Schriften Horkheimer/Adornos, war jene Elastizität zwischen Gegenständen, Konkretionen, Besonderem und philosophischer Reflexion, Begriffen, Allgemeinem. Der philosophische Gegenstand in den beiden Monolithen im Band, Städtler und Menke, ist unleugbar hegelianisch: es ist der sich denkende Gedanke. Er wird aber trotz emsiger und überaus professioneller und geschmeidiger Berufung auf Adorno nicht kritisch-theoretisch, er bleibt einzelwissenschaftliche Philosophie, die kritisch-theoretisch erst in einem bestimmt arbeitsteiligen Verhältnis sein könnte. Die Fehlstellen aber tauchen den Referenzrahmen in die ungesunde Dunkelheit einer unbewussten, unbestimmten Arbeitsteilung.

Nun weiß man, wie solche Bände entstehen und den jeweiligen akzidentiell zusammengefundenen Texten als isolierten tut es keinen Abbruch, dass die ehrenamtlichen Autoren sich nicht mit den Blutbädern der Moderne den Schlaf verderben wollten, sondern mit den harten Nüssen der Philosophie, die sie auch sehr passabel knacken. Nur als Caveat für das Ganze, für ein generelles Verständnis von kritischer Theorie (und ihrer Aktualität) sei also darauf insistiert, dass die Studien zum Autoritären Charakter, die Gruppeninterviews, die Studien an Propagandamaterial und Material der Kulturindustrie, an den scholastischen Verirrungen der bürgerlichen Psychoanalyse, dass solche zentralen Gegenstände kritischer Theorie im vorliegenden Band nicht nur zu kurz kamen, sondern fehlen und dass diese Fehlen nicht reflektiert wird. Ebenso fehlt eine auch nur ansatzweise Einholung des ethnographischen Defizits, das Horkheimer noch aussprach, als er betrauerte, über Asien oder Afrika so gut wie nichts zu wissen. Die Unterernährung mit internationalen Diversifizierungen dessen, was Gesellschaft als lebendiger Begriff meint, dauert fort und erzeugt Idealismus.

Zwei Texte möchte der Autor dieser Rezension den interessierten Lesern noch besonders ans Herz legen, weil Sammelbände leider doch häufig sehr selektiv und nach Prominenz gelesen werden. Das ist der sehr schön gelungene Versuch Sebastian Schreulls, den Begriff „Invagination“ von Derrida einzuführen, ohne dass es arriviert oder ornamental wirken würde, ja, ihn sogar zu entfalten, zumal in einem Text, der das Stiefkind der Philosophie, den Aphorismus, und seinen ungewaschenen Bruder, den Essay, als Formen zu verteidigen, die als Form einen „Prozess über das Gesetz der Gattung anstreben“, genauer gesagt, einen Reflexionsprozess. Den Schreull dann noch ein gutes Stück an die Hand nimmt und in die Ästhetik begleitet, von wo aus er hoffentlich alleine nicht nach Hause, sondern in die Fremde findet.

Christine Zunke entstaubt ein sehr altes und mächtiges philosophisches Problem des Materials und des Geistes, das mind-body-Problem. Den von Descartes bis zur Hirnforschung reichende Disput zwischen Identitätstheorie und dualistische Theorie führt sie in eine Antinomie über, in der beide ihr wechselseitiges Recht erhalten. Das Gehirn erzeugt Denken als materielle Wirkung, deren Komplexität sich dem Verständnis von Kausalität entziehe. Wenn nun Zunke von der Emergenztheorie berichtet, nach der hohe Komplexität einen Umschlag erzeuge in eine neue Qualität, „dass höhere Systeme neue Eigenschaften haben, die nicht aus dem weniger organisierten Zustand ableitbar seien“, dann erinnert das natürlich sofort an die Passagen, in denen Adorno historische Kontinuitäten bewahrt, aber das Novum durch gesteigerte Intensität begründet – so etwa in seinen Überlegungen zum modernen Okkultismus. Zunke begnügt sich nicht mit der Assoziation. Emergenztheorien seien nicht in der Lage, die Qualität des Geistes als Besondere zu bestimmen, sondern eben nur aus ihrer quantitativen Komplexität heraus abzuleiten. Das wäre eine gute Grundlage, so etwas wie einen Fetischismus des Geistes weiter zu denken, um nichts weniger als der religiösen Metaphysik den coup de grace zu gewähren, ohne sich als unsolidarisch gegen Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes zu entpuppen.

2013-14, publ. 19.5.2015