Psychologie und Psychologiekritik des Gegenstandpunkts January 31, 2015 | 12:09 pm

1. Die Psychologie des bürgerlichen Individuums

Im Vortrag, den Karl Held (GegenStandpunkt, damals Marxistische Gruppe) 1980 in München gehalten hat, kritisiert er die Funktionsweise bürgerlicher Subjektivität und erklärt die damit verbundenen Macken. Bürgerliche Subjektivität sei vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sich das Individuum die Welt als Chance zur Verwirklichung der eigenen Interessen vorstellt. Weil es ständig gegenteilige Erfahrungen macht, aber die Vorstellung der Welt als Chance nicht aufgeben will, muss es sich permanent selbst täuschen. Auch psychische Erkrankungen können auf diesem Weg erklärt werden – das Individuum erfindet Gründe für sein Scheitern, die in ihm selbst liegen, anstatt die eigene Beschädigung durch die verkehrte Einrichtung der Gesellschaft zu erklären. Interessante Randnotiz: Ernst Jünger hat den dem Vortrag zugrundeliegenden Resultate-Band über Umwege rezipiert – auch wenn er die darin formulierte Kritik am Selbstmord nicht ganz verstanden hat.

    Download: via Argudiss (mp3; 27.4 MB; 1:59:54 h)

2. Kritik des GegenStandpunkts an dessen Kritik der Psychologie

Auf Einladung der Falken Jena hat am 29.01.2015 ein Genosse aus Leipzig einen Vortrag zur Kritik des GegenStandpunkts vorgetragen. Dabei konzentriert er sich vor allem auf die psychologischen Theorien des GSP, die er als charakteristisch für dessen Grundausrichtung bezeichnet. So kritisiert er bspw. die Rückführung jeglichen Handelns und aller psychologischen Phänomene auf den freien Willen bzw. auf eine Entscheidung und versucht aufzuzeigen, dass Wille und Bewusstsein immer auf Unbewusstes, Triebe und Wünsche bezogen bleiben. Er beharrt auf dem realen Widerspruch, dass ein Wille sowohl frei, als auch bedingt ist. In der Diskussion dreht es sich dann vor allem um die Frage der Moral und die Basierung von Kritik auf Interessen. Eine ausgearbeitete schriftliche Version des Vortrags haben die Falken Erfurt zur Verfügung gestellt. Die Aufnahme ist leider etwas verhallt.

Derzeit erfährt eine politische Gruppe Zulauf, die vierteljährlich eine Zeitschrift heraus gibt, Vorträge, Schulungen und Diskussionsrunden zu gefühlt allen Themen – ob Demokratie, Lohnarbeit, Dummheit, Psychoanalyse, Heidegger oder Kafka – veranstaltet und dabei die kapitalistische Gesellschaft und das bürgerliche Denken kritisiert: Der GegenStandpunkt.

Zu den besprochenen Themen zählt auch die ‘bürgerliche’ Psychologie. Ein Kritikpunkt lautet, dass sie das Denken und Handeln der Menschen zirkulär mit dahinter liegenden Kräften oder Faktoren begründet. Der Grund für das, was Menschen tun und wollen, liege laut GegenStandpunkt aber einzig in den Gedanken, denen sie dabei anhängen, und den Zwecken, die sie sich in Bezug auf eine kapitalistische Realität setzen und nicht irgendwo dahinter im Verborgenen. Folglich widmen sie sich dem Inhalt von Gedanken und kritisieren ihn, wenn sie Fehler entdecken. Das wird von psychologischen Erklärungen wirklich ausgeblendet, wo sie Urteile und Intentionen – gleichgültig gegen den Inhalt – nur als Ausdruck von etwas anderem deuten. Trotzdem ist das, was Menschen denken, auch Ausdruck von vorbewussten und unbewussten Wünschen und Ängsten und bleibt immer auf Wünsche bezogen. Wille und Denken sind in ihrem Verhältnis zu Wünschen weder völlig frei, noch unfrei. Statt diesen Widerspruch zur Kenntnis zu nehmen, wird auf der Freiheit beharrt und die andere Seite ausgeblendet. Das hat zur Folge, dass die Theorie nicht mehr fassen kann, dass Wünsche und auch Gesellschaft jenseits der bewussten Verarbeitung in die Form und den Inhalt von Denken und Willen hineinwirken. Der GSP nimmt dadurch die Rationalität der kapitalistischen Gesellschaft als natürlich hin und reproduziert sie dadurch in seiner Theorie. Das ist ein Widerspruch zur Intention des GegenStandpunkts: die Gesellschaft so zu organisieren, dass es um Bedürfnisbefriedigung geht.

Eine Veranstaltung der Falken Thüringen in Kooperation mit dem AK Politische Bildung der Universität Jena. [via]

    Vortrag: via AArchiv (mp3; 97.2 MB; 1:46:07 h)
    Diskussion: via AArchiv (mp3; 29.5 MB; 32:14 min)
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Falsch January 30, 2015 | 09:40 pm

Egal, ob es um eine Ende der Terrorfinanzierung, die Stabilisierung des Irak oder einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und den Palästinenser geht – der Iran wird immer sein Bestes geben, um bei allen Projekten des Westens in Nahost im Weg zu stehen.

Nahost-Experte Ottolenghi: Die USA liegen falsch, wenn sie denken, dass Assad ISIS vorzuziehen ist. ISIS und Assad – und Assads größter Sponsor, der Iran – sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Solange der Westen nicht begreift, dass die iranische Politik in der Region nicht konstruktiv ist, wird Teheran weiter von dem Chaos profitieren.

Quelle

Ein Aufruf und das Elend des Meinens der Wohlgesinnten January 30, 2015 | 05:50 pm

Die Stadt Kassel lädt zum 02. Februar zu einer Kundgebung ein. „Gegen religiösen Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus behaupten wir die Werte Europas und des Grundgesetzes, die Geltung der Menschenrechte und aus aktuellem Anlass insbesondere die Freiheit der Presse und die Freiheit der Kunst, der Satire“ heisst es im Aufruf.

Der gute Wille

Der vordergründige Anlass, auf den sich dieser Aufruf bezieht, ist das mörderische Attentat von Islamisten in Paris. Der Aufruf ist auch Ergebnis einer längeren Auseinandersetzung darüber, wie auf die Aufmärsche der Kagida in Kassel zu reagieren ist. Das Kasseler Bündnis gegen Rechts hatte von Beginn auf die Aufmärsche der Kagida mit Protestkundgebungen reagiert. Die Kasseler Grünen sahen dies kritisch, das Oberbürgermeisterbüro wollte von diesen Aktionsformen nichts wissen und so kam es, dass – anders als in anderen Städten – das Kasseler Stadtoberhaupt den Kundgebungen gegen die Kagida fern blieb. Dieses Schisma führt jetzt dazu, dass die Partei „Die Linke“ und ihr Studentenverband SDS sich wiederum vom Aufruf der Stadt distanzieren – freilich ohne inhaltlich etwas am Aufruf aussetzen zu wollen.

Auf die Inhalte aber kommt es an, darum geht es hier: Die Autoren im Aufruf erkennen, dass es sich in Paris um einen antisemitischen Anschlag gehandelt hat. Sie schreiben „Die Mörder von Paris haben sich bewusst einen jüdischen Laden ausgesucht.“ Folglich heißt es im Aufruf „Gegen religiösen Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus behaupten wir die Werte Europas und des Grundgesetzes, die Geltung der Menschenrechte …“ Soweit so gut, hier deutet der Aufruf völlig zu Recht an, dass gegen Antisemitismus und gegen religiösen Fanatismus die freie und demokratische Gesellschaft in Anschlag zu bringen ist. Wie, mit wem und mit welchen Mitteln die freie Gesellschaft sich wehren kann, das auszuführen stünde nun an – wird es aber nicht, sieht man von einer beiläufigen Bemerkung ab, Kinder zu erziehen.

Und das was sie wirkliche meinen …

Der Aufruf schlägt einen anderen Weg ein, indem eine Brücke zum deutschen Konsens gebaut wird. Im Stile des Lichterkettenantifaschismus ist die Rede vom Rassismus dem man eine bunte Stadt entgegenzusetzen hat. Auch hiergegen wäre nichts einzuwenden, bis auf den Tatbestand, dass solche Aufrufe dazu dienen, den in Misskredit geratenen Ruf einer Stadt oder einer Nation zu polieren und nicht dazu, Opfer rassistischer Übergriffe zu schützen und Täter zu bekämpfen.

Doch dann wird der Erklärbär losgelassen: „Rassismus wird immer auch zu Antisemitismus führen, wie Antisemitismus das Einfallstor zu weiteren Rassismen sein wird.“ Nachtigall, ick hör dir trapsen – es schwant einem Übles.

Mit dieser Volte, die sowohl gleichzeitig Ausdruck eines intellektuellen Offenbarungseides als auch der quasi regierungsoffiziösen Verlautbarungspolitik ist, bekommt der Aufruf die Kurve, die es ermöglicht, dass nicht nur ehrwürdige Organistionen und Verbände den Aufruf zeichnen, sondern obskure Organisationen wie das stramm antizionistische Kasseler Friedensforum, die von der islamistischen türkischen Staatregierung beherrschten Ditib-Gemeinde, die strukturkonservativ-islamische Ahmadia-Gemeinde, das Islamisch Albanische Kulturzentrum. Diese, die sich zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten gegen Rassismus aussprechen, haben beim Thema Antisemitismus aber so ihre Probleme. Kompatibel für ihr Weltbild ist ein Begriff von Antisemitismus nur dann, wenn dieser mit Rassismus gleichsetzt wird oder dieser als eine Unterart des Rassismus begriffen wird, oder noch schlimmer wie in diesem Aufruf, wenn Antisemitismus zum Einfallstor zu weiteren „Rassismen“ erklärt wird, worunter der eine oder andere heute gerne den „antimuslimischen“ zu zählen weis.

What the fuck is antisemitism?

Doch sämtliche Merkmale des modernen Antisemitismus haben mit Rassismus wenig gemein, auch wenn die Ursprünge einiger Elemente des modernen Antisemitismus im Rassismus zu finden sind. Die Arbeitsdefinition der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte führt verschiedene Punkte auf, wie Antisemitismus definiert werden kann, u.a.:

  • Es geht dem Antisemitismus nicht nur um dämonisierende und stereotype Anschuldigungen und Zuschreibungen gegen Juden (die noch am ehesten an rassistische Weltbilder erinnern), sondern um das Phantasma einer geheimen jüdischen Macht, um Mythen von einer jüdischen Weltverschwörung, über vermeintliche Kontrolle der Medien, der Wirtschaft, der Regierung durch Juden. Dieses Weltbild wird nicht nur von verrückten Esoterikern und Weltverschwörungsideologen verbreitet, sondern findet sich strukturell im vulgären Antikapitalismus, Antiamerikanismus, Kulturpessimismus und im Wir-da-Unten Ihr-da-Oben-Gerede deutscher Kulturproduzenten und sich betrogen wähnender Allerweltsbürger, der sich gerne als Melkkühe der Nation Gerierenden usw. wieder. Diese Ideologie ist das verbindende Amalgam einer Ideologie rechter wie linker Wutbürger, die sich in Parteien wie AfD und Die Linke, in Bewegungen wie Attac, Blockupy und eben jetzt bei der Pegida etc. tummeln, die sich in den Leserbriefspalten und den Kommentarfunktionen der Onlinemedien austoben.
  • Antisemitismus stellt sich dar in dem Bestreiten der historischen Tatsache des Ausmaßes, der Mechanismen sowie der Vorsätzlichkeit der Shoah. Dieses Denkmuster findet man nicht nur bei Holocaustleugnern wie den Regierungsrepräsentanten des Iran und der mit dieser verbandelten international agierenden Hisbollah sowie bei verschiedenen Rechtsextremen, sondern verklausuliert in den Versuchen der Nivellierung der Verantwortung Deutschlands für den Holocaust oder der Stilisierung der deutschen Täterschaft zu Opfern von Krieg und Gewalt, wie es regelmäßig auch in Kassel geschieht, wenn ehrfürchtig der Bombennacht im Oktober 1943 gedacht wird.
  •  Die massenkompatible Verkehrsform des Antisemitismus heute ist aber die so genannte Israelkritik und der Antizionismus. Israelkritik unterscheidet sich davon, sich mit Entscheidungen der israelischen Regierung kritisch auseinanderzusetzen, indem diese das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes bestreiten, indem sie z.B. die Behauptung verbreiten, Israel sei ein rassistisch/koloniales Projekt, oder das Recht auf Verteidigung dem jüdischen Staat in Abrede gestellt wird, das Anwenden doppelter Standards gegenüber Israel, das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit dem traditionellen Antisemitismus oder derJudenfeindschaft in Verbindung stehen. Dieses Denken treffen wir in allen Parteien an, bei nationalen Kulturgrößen wie Günther Grass wie bei Lokalgewächsen wie einer Sabine Wackernagel, solchermaßen bestimmtes Agieren und Propagieren bei vielen Aktivisten der Friedensbewegung im besonderen, der linken sich gesellschaftskritisch dünkenden Bewegungen und Parteien im allgemeinen.

Und warum stehen sie vorm Rathaus?

Erst das Absehen von den Grundlagen einer Definition von Antisemitismus ermöglicht es, diesen unter dem Begriff Rassismus zu subsumieren um dann sich das Label „Wir stehen gegen Rassismus und Antisemitismus“ auf die Brust zu heften. So wird verschiedensten Gruppen und Personen ermöglicht, sich in die Einheitsfront der Wohlmeinenden einzureihen, die sonst bei jeder Gelegenheit Israel an den Pranger stellen, oder dann schweigen, wenn israelfeindliche Kundgebungen abgehalten werden auf denen antisemitische Parolen skandiert werden. So wird eine Einheitsfront möglich, die vom Bürgermeisteramt bis zum Kasseler Cafe Jihad (formaly known as Cafe Buchoase) reicht, auch wenn sich deren Matadoren wie die Kesselflicker streiten, wenn es darum geht, gegen ein paar dutzend Nazis die adäquate Aktionsform zu finden.

Der Satz in dem der Antisemitismus zum „Einfallstor von Rassismen“ erklärt wird, ist das Chiffre von der Islamfeindschaft als dem eigentlichen Antisemitismus und von den Muslimen als den Juden von heute und an sich schon Ausdruck eines antisemitischen Hintergrundrauschens. Der sehr deutsche Bänkelsänger Herbert Grönemeyer hat dies prägnant zum Ausdruck gebracht, als er jüngst in Dresden beifallumtost sagte: „Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe für vielschichtige teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbockprojektion (hä?, der Verf.) und Zielscheibe ausgemacht wird, ist das eine Katastrophe.“

Es sind zwar die Juden, die vor allem in Frankreich und Belgien, aber auch in Deutschland vor allem von sich religiös definierenden Terrorgruppen und Einzeltätern bedroht und angegriffen werden, aber Grönemeyer meint mit religiöser Gruppe, die zur Zielscheibe wird die Muslime und erklärt kurzerhand die Verfolgung und Ermordung der Juden zu einer Verfolgung einer religiösen Gruppe. Bekanntlich hatte die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus aber nichts mit dem Glaubensbekenntnis mancher Juden zu tun sondern mit Antisemitismus und die antimuslimischen Ressentiments wenig mit deren Glaubensbekenntnis als vielmehr mit der tatsächlichen oder vermeintlichen Herkunft dieser Menschen aus der Fremde also mit Fremdenhass.

In den Reaktionen auf das Pariser Attentat spiegelt sich diese Begriffsstutzigkeit im allgemeinen wieder. So sehr zwar die Öffentlichkeit vom Anschlag in Paris schockiert war, so wenig wurde ihr bewusst, dass der Anschlag auch ein antisemitischer war und umso beflissener waren die allgegenwärtigen Statements, jetzt sei es vor allem darum bestellt, den Islam vor Kritik und Anfeindungen zu schützen.

Wer über den Islamismus reden will, darf vom Islam nicht schweigen!

Diese merkwürdige Wendung findet sich auch darin wieder, dass allenthalben zu hören ist, der Angriff der Terroristen in Paris habe der Pressefreiheit gegolten, so als wären alle Presseorgane Zielscheibe terroristischer islamistischer Aktivitäten. Es war jedoch nicht zufällig die Zeitung Charlie Hebdo, die das Ziel eines Angriffs wurde, genauso wenig wie es den holländischen Künstler und Kritiker Theo van Gogh zufällig traf, oder dass mit Salman Rushdie irgendein Schriftsteller bis heute unter Polizeischutz steht.

Alle waren scharfe Kritiker des Islam, dieser Kritik galt der terroristische Mordanschlag. Die Reaktionen der sich in den Dauerbeleidigten-Status erhebende Anhänger einer Religion unterscheiden sich nicht dem Inhalt nach, sondern der Form nach in ihrer „Empörung“. Der Mord an den Kritikern ihres Aberglaubens wird von vielen abgelehnt, die Empörung darüber, dass ihr Aberglaube und ihr strukturell konservativ und autoritäres Weltbild Ziel der Kritik ist, ist allen gemein. Wer daher heute in kritischer Absicht von Islamismus reden will, der darf vom Islam nicht schweigen. Dies jedoch wird mit Inbrunst seitens der Wohlmeinenden abgewehrt.

Die viel behauptete Islamfeindschaft wird maßlos übertrieben. Die Begriffe „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ sind Unsinn. Sicher, es gibt rechtsextreme Eiferer und evangelikale Christen, für die Muslime oder Muslima Teufelsanbeter oder per se Terroristen sind. Doch wenn selbst die Kanzlerin weitgehend unwidersprochen erklärt, der Islam gehöre zu Deutschland und damit eine lange Tradition deutscher Freundschaft und Protektion des Islam fortsetzt, die mit Kaiser Wilhelms Unterstützung des Jihad im Nahen Osten begann und sich in der, Krieg und Niederlage überdauernden Freundschaft der Nazis mit arabischen Nationalisten und Islamisten zeigte und sich bis heute in Form von Kungeleien mit den antisemitischen Herrschern im Iran oder in den blendenden Geschäftsbeziehungen mit den Fundamentalisten in Saudi Arabien fortsetzt, ist es schlichtweg Unfug, davon auszugehen, „Islamfeindschaft“ hätten eine hegemoniale Bedeutung in Deutschland.

In der Regel haben wir es mit einem Ticket zu tun, dass Ausdruck von Fremdenhass und Rassismus ist, der im Gegensatz zur vermeintlichen Islamfeindschaft tatsächlich einen stabilen Bodensatz in der deutschen Gesellschaft hat und in der europäischen Abschottungspolitik gegen Flüchtlinge einen institutionellen und mörderischen Ausdruck findet. Daher war es gut, dass es auch in Kassel viele Menschen gegeben hat, die wenn z.T. auch ohne zu wissen warum, gegen die Kagida auf die Straße gegangen sind.

Kasseler Bündnisse

Vor dem Hintergrund, dass es in den Reihen der Antikagida etliche gibt, für die die Parole der Jungen Welt „Sie lügen wie gedruckt, wir drucken wie sie lügen!“ Ausdruck aufrechten Journalismus ist, für die Russland ein Opfer westlicher Aggression ist, für die Israel für ein Besatzungs- und Apartheidregime in Palästina steht, für die TTIP ein, die deutsche Kultur, die deutsche Ehrlich- und Tüchtigkeit bedrohendes Produkt der Westküste ist, hätten sie sich fragen müssen, warum die Reihen der Kagida und der Antikagida von dutzenden Bullenwannen, Zäunen und Polizisten in schwerer Montur getrennt wurden. Es hat doch Nazis bei der Kagida gegeben! Donnerkiel!

Im Sommer 2014 marschierten viele derjenigen, die nun gegen die Kagida trommeln und „Hoch die Internationale Solidarität!“ und “Nazis raus!” brüllen, mit türkischen Faschisten, arabischen Nationalisten und Islamfaschisten einträchtig nebeneinander her. Ihre damaligen Bündnispartner unterscheiden sich von denen, die nun bei der Kagida auftauchen nur darin, dass die vom Sommer Fahnen der grauen Wölfe, der Hisbollah, der der von Hamas und Fatah getragenen palästinensischen Autonomiebehörde und die der spanischen Faschisten trugen, die Nazis im Winter die deutsche. “Die Weisen von Zion” und „Mein Kampf“ halten viele dieser beiden Gruppen von Faschisten für große Literatur und Hitler für einen großen Staatsmann, der in seinem großen Ziel, das Weltjudentum auszurotten, leider vom Bolschewik und vom Ami, respektive der jüdischen Weltverschwörung aufgehalten wurde.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als die Gegenkundgebungen des Bündnis gegen Rechts Anschlussfähigkeit an die MLPD, an die Revo und andere Antizionisten und Stalinisten bewies, als zunehmend besinnungslos gegen ein kleines erbärmliches Häuflein verwirrter Wutbürger und ein paar dutzend Nazis allmontäglich demonstriert wurde, nur um sich gegenseitig der richtigen Gesinnung zu vergewissern – spätestens da hätte ein Innehalten gut getan um sich darüber im Klaren zu werden, was Islamismus, Wutbürgertum und Linksreaktionäre gemeinsam haben und warum dies so ist. Das verbindende Glied all dieser ist der Antisemitismus. Dazu hätte man sich jedoch der Anstrengung des Begriffs hingeben müssen und nicht jeden Montag in der Kälte die sattsam bekannten Parolen brüllen und sich eine halbe Woche vorher stundenlang darüber streiten müssen, ob nun die Blockade das ideale Instrument ist oder das Lichterkettentum um den Nazis die Lust am Wallfahrtsort Kassel zu nehmen.

Aber nichts da, nun versammelt man sich schiedlich friedlich und in staatsbürgerlicher Ernsthaftigkeit unter dem Appell des Oberbürgermeister um den Ruf Kassels wieder herzustellen oder, wie es Grönemeyer so vortrefflich in Dresden auf den Punkt brachte: „Gebt [uns] Stolz und .. Würde wieder.“ Welch verloren gegangenen Stolz meinte er?

AUF DEN NAMEN ZU January 29, 2015 | 07:22 pm

(Rilke / Celan)

Ich habe geschrieben und schreibe

Es ist das erinnernde unbewusste

Vorausschauen auf eine bewunderte Stadt

allzuschön und wirklich

keine ist wie Du

steh auf und erhebe Dich

und du wirst erleuchtet

 

Einzeln unwiderständiges Sprechen

leuchte laut und undeutlich

 

Erinnerung und unbewusstes Voraus

schauen auf eine viel bewund-

 

Stadt von der es heißt

wie du weißt: stehe auf

erhebe Dich und leuchte

 

geschrieben habe ich und schreib

Traum der ich bin

Wunderliche lebelein

(Peer Schröder)

Noch immer tausende jezidische Frauen und Mädchen in der Gewalt des IS January 29, 2015 | 03:21 pm

 

Kobanê wurde gehalten, Shengal im Irak teilweise zurückerobert, der Islamische Staat erlebt erste Rückschläge, doch seinen Opfern hilft das bisher nur wenig.

Radio Dreyeckland sprach mit Thomas von der Osten-Sacken von der Hilfsorganisation Wadi, die sich unter anderem um diejenigen Jezidinnen kümmert, die dem Islamischen Staat entkommen konnten und mit ihren Problemen nun weitgehend alleine sind.

Außerdem zeichnet Thomas von der Osten-Sacken ein nicht ganz so optimistisches Gesamtbild von der Lage im Irak. Insbesondere meint er, dass die Regierung Obama zu sehr auf die Unterstützung Irans setzt. Die Sunniten sind so jedenfalls nicht zu gewinnen.

Im Bild eines der von Wadi gebildeten Teams, das jungen Jezidinnen hilft.

Interview anhoeren

Shi’ite militias executed 72 Sunnis January 28, 2015 | 10:13 pm

Survivors tell the same story: they were taken from their homes by men in uniform; heads down and linked together, then led in small groups to a field, made to kneel, and selected to be shot one by one.

Accounts by five witnesses interviewed separately by Reuters provide a picture of alleged executions in the eastern village of Barwanah on Monday, which residents and provincial officials say left at least 72 unarmed Iraqis dead.

The witnesses identified the killers as a collection of Shi’ite militias and security force elements.

 

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ISIS Bombed Historic Walls of Nineveh January 28, 2015 | 09:26 pm

Jihadists resumed bombings against historic sites in Nineveh and destroyed remains of the ancient wall of Mosul, specialized sources reported today; while politicians accused the United States of hampering the counterterrorist fight.

A historian living in Mosul, the second largest in Iraq, told the publication Shafaq News that militants of the Islamic State (IS) destroyed on Tuesday night much of the historic city wall located on Tahrir neighborhood on the left coast of Mosul.

Using a great amount of explosives, ‘Takfirists’ (Sunni Islamic terrorists) blew pieces of the wall considered the most important historical monument of the Iraqui province and the whole region, dating back to the civilization of the Assyrian kings in the eighth century BC.

Since the beginning of the attacks in June 2014, Jihadists of DAESH, the Arabic acronym of IS, have reduced to ruins numerous archaeological, historical and religious sites of great historical value in Mosul.

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Gesellschaftliche Naturverhältnisse und materialistische Kritik January 28, 2015 | 11:26 am

Seit dem (Wieder)Erstarken der Thematisierung des Klimawandels sind Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Energiesparen, CO2-Minimierung und vor allem „gesunde“ (Bio-)Nahrungsmittel alltägliche Paradigmen der Lebenswelt. Vor einigen Jahren noch undenkbar ist das Warenangebot an Bio-Produkten, vollwertigen Lebensmitteln, ökologisch verträglichen, früher nur in der Reformhaus-Szene erhältlichen Verbrauchsprodukten bis hin zum Stromanbieter, energieneutralem Hausbau sowie Umweltinvestment für den Kleinanleger unüberschaubar gewachsen. Kaum ein Unternehmen leistet sich kein Umweltmanagement, Umweltschutz ist auf regionaler bis globaler Ebene eines der wichtigsten Topoi in der Politik geworden und die Konsumwelt ist ohne die Labels ›Bio‹, ›ökologisch abbaubar‹, ›CO2-neutral‹ etc. nicht mehr vorstellbar. Umweltbewusstsein, nachhaltiger Konsum und darauf bezogene Wachstums- und Konsumkritik beleben nicht nur Untote wie die globalisierungskritische ATTAC-Bewegung, sondern transformieren den seine Bedürfnisse befriedigenden Normalbürger in einen ›kritischen Konsumenten‹. Der Natur was Gutes tun, ob „mit jedem Waschgang“ oder der Balkon-Tomate.. Im Mittelpunkt der konsumkritischen Wohlfühl- und Bewusstseinspraxis steht ein Verständnis von Natur, in dem sie als vermeintliches Prinzip des Reinen, Guten oder Authentischen, als Gegensatz zur Gesellschaft fetischisiert wird. Was hinter der gesamtgesellschaftlichen Pseudoaktivität, ob als ›kritischer Konsument‹, als von Wellblechhütte und Subsistenz träumende Wachstumskritikerin oder moralisch richtig gepolter, grün-konservativer Altbau-Bewohner, verschwindet, ist eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Naturverhältnis. Die Frage, was die Zerstörung der Natur und das zügige Voranschreiten zu tatsächlichen Grenzen des Planeten, mit dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, mit der kapitalistischen Produktionsweise und mit gesellschaftlicher Herrschaft zu tun haben könnte, stellt sich erst gar nicht. Dies ist der Ausgangspunkt einer aus drei Vorträgen bestehenden Reihe des AK Kritische Intervention, in der Martin Blumentritt, Julian Kuppe und Michael Schüßler Aspekte einer materialistischen Gesellschaftskritik des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft herausarbeiten.

Martin Blumentritt: Der Begriff der Natur bei Marx und Adorno

Bereits in der bekannten ersten Feuerbachthese bestimmte Marx das Verhältnis von Natur und Gesellschaft in kritischer Auseinandersetzung mit dem sinnlichen Materialismus Ludwig Feuerbachs. Diesem sei zu zugestehen, dass im Gegensatz zur Erkenntnistheorie des deutschen Idealismus dem Subjekt wirklich „sinnliche Objekte“ und nicht „Gedankenobjekte“ gegenüberstehen. Die subjektive Hinwendung folge aber nicht einfach der „Form des Objekts“ oder sei Prozess der „Anschauung“, sondern ist die Geschichte der „sinnlich[en] menschliche[n] Tätigkeit“ selbst. Marx stellt damit den Subjektivismus des Idealismus auf materialistische Füße. Er verneinte nicht einfach den idealistischen Konstruktivismus, sondern zeigte, wie der Mensch sich durchaus seine Wirklichkeit schafft, weniger aber durch sein Erkennen als vielmehr durch sein schöpferisches, umgestaltendes und notwendiges Tätig-Sein, dass jedoch zugleich die objektive Welt zwar ›für ihn‹ ist, aber nicht letztlich aus seiner Anschauung oder Praxis hervorgeht. Die sich darin abzeichnende Dialektik, dass der Mensch stets eine „geschichtliche Natur und eine natürliche Geschichte vor sich habe“ (Marx/Engels; Deutsche Ideologie), ja mehr sogar, dass der Mensch als zugleich Natur- wie gesellschaftliches Wesen selbst Teil dieser Konstellation ist, stellt auch den materialistischen Kern der Kritischen Theorie dar. Natur wird darin mit der Kategorie der „Naturgeschichte“ und der „Negativen Ontologie“ (Adorno) in ihrem „gesellschaftlich-geschichtlichen Charakter“ begriffen. Das bedeutet, dass „[a]lle (…) Aussagen über Natur, seien sie spekulativer, erkenntnistheoretischer oder naturwissenschaftlicher Art, (…) die Gesamtheit der technologisch-ökonomischen Aneignungsweisen der Menschen, gesellschaftliche Praxis jeweils schon voraus[setzen]“ (Alfred Schmidt). Natur, auch des Menschen selbst, ist somit stets vermittelt, gewinnt aber zugleich durch ihre doppelte immanente Notwendigkeit als für den Menschen lebensnotwendiger Naturstoff sowie als Natur am Menschen einen zur Gesellschaft antagonistischen Charakter. Was das für eine Gesellschaftskritik bedeutet, soll ausgehend vom Referat diskutiert werden.

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Julian Kuppe: Ohnmacht und imaginäre Inszenierung. Zu einigen gegenwärtigen Erscheinungen des Verhältnisses von Natur, Individuum und Gesellschaft

In gegenwärtigen Gesellschaften ist eine Gleichzeitigkeit von Dynamik und Erstarrung vorzufinden. Der dieser Erscheinung zugrunde liegende Zusammenhang muss im Verhältnis von Natur, Individuum und Gesellschaft in ihrer kapitalismusspezifischen Form gesucht werden. Wie Marx und die kritische Theorie aufweisen, ist Geschichte bis heute Vorgeschichte, in der sich Naturzwang blind durchsetzt. Fortschritt und gesellschaftliche Dynamik erweisen sich damit als Ausdruck unbegriffenen Naturzwangs, als Naturgeschichte. Diese Dynamik der ihrer selbst unbewussten Gesellschaft bringt ganz offenbar erhebliche soziale und ökologische Widersprüche hervor, die innerhalb des Rahmens der bestehenden Verhältnisse nicht aufzulösen sind. Was aber ist die gesellschaftliche Antwort auf diese Konstellation? Ein Schwerpunkt gesellschaftlichen Praxis scheint vor allem darin zu bestehen, die scheinbare Ohnmacht gegenüber den als Naturmacht erscheinenden gesellschaftlichen Verhältnissen imaginär zu bewältigen. Gesellschaftliche Dynamik ist damit einerseits als blinder Naturzwang real und andererseits als imaginäre gesellschaftliche Praxis scheinhaft, wobei sich dahinter zugleich die gesellschaftliche Statik in Form der erstarrten gesellschaftlichen Verhältnisse verbirgt. Da die Identität von Imaginärem und Realität aber nicht herzustellen ist, sondern immer wieder scheitert, wird letztlich Gewalt zum Mittel des Versuchs der Herstellung dieser unmöglichen Identität. Der Vortrag versucht der Frage nachzugehen, welche Stellung imaginäre Identität in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Konstellation einnimmt und in welchem Verhältnis diese gesehen werden müsste, um die katastrophalen, gewaltförmigen Folgen, die diese gegenwärtig mit sich bringt, zu vermindern.

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Michael Schüßler: Interaktionsform und Sprachzerstörung. Die materialistische Sozialisationstheorie Alfred Lorenzers – Kritische Theorie des Subjekts

Trotz ihrer Wendungen zwischen Kulturismus und Biologismus ist die Psychoanalyse stets ein Feld, in dem sich der Antagonismus zwischen Natur und Gesellschaft am Menschen auftut. Im Gegensatz zu den Positionen der revisionistischen oder biologistischen Seite, aber auch gegenüber dem ‚Lacanschen Mainstream‘ hat Alfred Lorenzer versucht, für den Gegenstand der Psychoanalyse die Dialektik von Natur und Gesellschaft darzulegen und damit zugleich die methodologischen Grundlagen der psychoanalytischen Praxis als auch ihr Verhältnis zur kritischen Gesellschaftstheorie schärfer zu bestimmen.
Seine psychoanalytische Theorie stellt sich dem Widerspruchsverhältnis einer nicht in Gänze in gesellschaftlicher Praxis aufgehenden menschlichen Natur, ohne das diese einer Essentialisierung gleichkäme. Hierfür sind bei Lorenzer zwei zusammenhängende Stränge von Bedeutung. In seiner materialistischen Sozialisationstheorie zeigt er, wie in Reiz-Reaktions-Komplexen zwischen Fötus und Mutter bereits intrauterin, später in vorsprachlichen leiblich-körperlichen Interaktionsformen zwischen Neugeborenen und primären Beziehungsobjekten und vor allem in der Spracherwerbung Naturanlagen und gesellschaftliche Praxis beständig vermittelt werden. Zugleich zeichnet Lorenzer in diesem Zusammenhang von prässymbolischen Interaktionsformen und der späteren Spracherwerbung die Bruchlinien zwischen Kind und gesellschaftlichen Anforderungen als stets konflikthafte, beschädigende Subjektwerdung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft nach. Die Psychoanalyse Alfred Lorenzers weitet sich so zu einer Kritischen Theorie des Subjekts.
Im Vortrag möchte ich mit besonderem Fokus auf das Verhältnis von Natur und Gesellschaft am Menschen diese Kritische Theorie des Subjekts von Lorenzer darlegen und die Stärke des Ansatzes auch vor dem Hintergrund des poststrukturalistischen Mainstreams diskutieren. Hierzu werde ich den Fokus auf Lorenzers Ansatz einer materialistischen Sozialisationstheorie legen.

Zudem bat Michael Schüßler um Platz für eine Verortung der materialistischen Sozialisationstheorie Alfred Lorenzers und damit um Platz für eine Kontextualisierung des Vortrags.

In seiner materialistischen Sozialisationstheorie zeigt Alfred Lorenzer, wie in Reiz-Reaktions-Komplexen zwischen Fötus und Mutter bereits intrauterin, später zwischen dem Körperbedarf des Kindes und den von primären Beziehungsobjekten dargebotenen gesellschaftlichen Praxisformen die ›innere Natur‹ des Kindes und Gesellschaft beständig vermittelt werden. Vor allem das gestisch-praktische Arrangement zwischen Kind und primären Bezugsobjekten (›Mutter‹) sowie die in Triebe umgesetzten somatischen Reize stellen das Ergebnis dieser ›Interaktionen‹ und der frühen Objektbeziehungen des Kindes dar. Dieses von Lorenzer im Begriff der ›Bestimmten Interaktionsformen‹ reflektierte Repertoire an ersten Praxisfiguren zwischen Kind und der von ihm noch nicht geschiedenen Objektwelt schlägt sich im werdenden Subjekt auch neurophysiologisch als Erinnerungsengramme, folglich leiblich nieder.
Wie sich nach Lorenzer bereits in der vor- aber nicht außersprachlichen Phase die Dialektik von Natur und Gesellschaft am Menschen nachzeichnen lässt, so fügt sich der qualitative Umschlag von den unbewussten Interaktionsformen in die ersten Bewusstseinsformen durch die Spracherwerbung in dieses Verhältnis ein.
Lorenzer macht deutlich, dass Spracherwerbung nicht die bloße Übernahme der objektiven Sprachstruktur und ihrer Regeln ist. Vielmehr ist Sprache beim Kind ebenso die innerpsychische und neurophysiologische Verankerung von Praxis; in dem Fall die Verklammerung von Bestimmten Interaktionsformen mit lautlicher Symbolisierung. In diese ›Symbolischen Interaktionsformen‹ sind folglich der gestische und sinnlich-mimetische Zusammenhang der ersten Praxisfiguren und das Triebgeschehen aufgehoben.
Besonders an der Spracherwerbung als bedeutenden Punkt der Ausbildung von Ich- und Nicht-Ich-Pol hebt Lorenzer hervor, dass bereits die primäre Sozialisation als stets konflikthafte, beschädigende Subjektwerdung unter den Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft zu begreifen ist. Bereits in der Ausbildung der ersten Bewusstseinsformen kommt es zu dem, was Lorenzer Sprachzerstörung nennt und Freud mit den Begriffen der Verdrängung und Fixierung bezeichnet hat. Es geht um die Konfrontation von bereits hergestellten Symbolischen Interaktionsformen mit neuen Praxisanforderungen in konflikthafter Konstellation. Unter der Dominanz und der Vehemenz der neue Anforderung zerreißt das bestehende Gefüge von Interaktionsform und Symbol; drängt die nun verpönte Praxisfigur ins Unbewusste, wo jedoch ihr energetischer, triebhafter Gehalt bestehen (Freud: fixiert) bleibt. Als konflikthafte Bestandteile des ES können diese „Klischees“ (Freud) durch bestimmte situative Reize in unmittelbarer und nicht realitätsgerechter Form nach ›oben‹ drängen. Sie sind die Quelle neurotischen oder gar psychotischen Leidens.

Materialistisch ist diese Theorie in dreifacher Weise. 1. Sie zeigt, wie Natur und Gesellschaft am Menschen in einem Widerspruchsverhältnis vermittelt sind. Natur bildet zwar den Möglichkeitenhorizont, entfaltet sich jedoch stets unter dem Eindruck gesellschaftlicher Praxis; bereits in der embryonalen Phase. Zugleich lässt sich Natur nicht aus dieser Praxis ableiten, geht in dieser nicht auf. 2. Darüberhinaus sind die ersten Objekt-Beziehungen des Kindes nicht auf eine familiäre Praxis eingeschränkt. Lorenzer erörtert, dass die ›mütterliche‹ Praxis stets schon gesellschaftliche, herrschaftsförmige Praxis qua gesellschaftlicher Subjekt- und Leibform und der primären wie sekundären Sozialisation der primären Bezugspersonen ist. 3. Zudem ist Sprache als wesentliches qualitativ veränderndes Moment der primären Sozialisation in die Dialektik von Natur und gesellschaftlicher Praxis eingespannt und geht dieser nicht einfach voraus. Sprache ist Praxisform zwischen Anlagen des Kindes, der bis dato hergestellten Triebstruktur und des objektiven Sprachsystems. Als Vermittlungsschritt von Interaktionsform und (Laut-)Symbol sind in den Sprachfiguren das sinnlich-gestische Arrangement der Erlebnisszene und das Triebgeschehen bewahrt. Erst die durchgesetzte Rationalität ›schleift‹ beim Kind die sinnlich-mimetischen und bildlichen Aspekte der Sprachsymbole ab, macht aus symbolvermittelten Erlebnisszenen ›entleerte‹ Allgemeinbegriffe und Zeichen. Dies ist zugleich potentialfördernd als Bedingung höherer Abstraktionsgrade und doch auch beschädigend im Sinne einer ›Entsinnlichung‹ von Sprache und Praxis. Genannte Aspekte bleiben im Kern der Sprache sowie als Teil des Unbewussten „als Stachel des Nichtidentischen gegen das allgemein Anerkannte lebendig“ (Lorenzer, Zu Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie, 1972, S. 119). Sie stellen, ob nun als Anteil lustbesetzter Erlebnisszenen, als Erinnerung und Phantasie oder aber als sinnlicher Gehalt von Reflexivität, widerständige Momente gegen die herrschende Rationalität dar.

Vor diesem Hintergrund begründet Lorenzer die psychoanalytische Praxis in ihrer Methodologie als materialistische Tiefenhermeneutik. Als ›szenisches Verstehen‹ muss der Analytiker die ›Erzählbilder‹ des Analysanden in dessen lebensgeschichtliche Genese einordnen, sich folglich auf den lebenspraktischen Zusammenhang einlassen.
In dem unmittelbaren Zusammenspiel beider Akteure nimmt der Analytiker keine bloße Beobachtersituation ein, vielmehr wird er selbst zum Teil der Konfliktszenen, die der Analysand in die Analysesituation überträgt. Er wird in der Analytiker-Analysand-Dyade selbst Teil des ›Spiels‹ des Patienten, der dem Analytiker eine Rolle in seinem ›Drama‹ zuweist. Dem Analytiker kann es gelingen, die verschütteten Konfliktsituation sinnlich-konkret (nach)zuerleben und im Verein mit dem szenisch-hermeneutischen Deuten als eigene Erlebnisschicht des Fremdpsychischen verbalisieren und so den unbewussten Gehalt der Konfliktszenerie ins Bewusstsein holen.
Die ›Resymbolisierung‹ verändert die Konfliktkonstellation zwischen bewussten und verdrängten Bestandteilen. Mitnichten ist damit das Leiden beendet oder sind gar die Zumutungen der Realität vom Patienten genommen. Das Leiden, begriffen als zugleich inneres wie soziales Leid, kann die Psychoanalyse nicht beenden, vielmehr ist sie „Hilfe gegen die ungeeigneten Selbstbeschränkungen, die der notwendigen Selbstbehauptung[!] entgegenstehen“ (Lorenzer, Kultur-Analysen, 1986, S. 23).
Dies deutet auf ein weiteres wichtiges Element in Lorenzers Ansatz. Die Analyse subjektiver Struktur, als Sozialisationstheorie wie als psychoanalytische Praxis, muss stets vermittelt werden mit der Analyse objektiver Struktur. Beide Perspektiven laufen gewissermaßen gegenläufig aufeinander zu. Dies bedingt sich dadurch, dass Individuum und gesellschaftliche Verkehrsformen jeweils nicht völlig auseinander ableitbar, also nichtidentisch sind. Lassen wir dazu zum Schluss Lorenzer zu Wort kommen:
„Gegenstand des psychoanalytischen Verfahrens sind die ››Produkte‹‹ des Sozialisationsprozesses. Der Durchblick auf Sozialisation darf ebensowenig mißverstanden werden wie die Rede davon, daß das erfaßbare Leiden letzten Endes auf eine verfehlte Synthesis von innerer Natur und vermittelter gesellschaftlicher Praxis zurückgeht. Beide Aussagen enthalten keinen kausalgenetischen Anspruch. Im Gegenteil. Psychoanalyse ist ausschließlich Strukturanalyse, ohne ››hinter‹‹ den subjektiven Strukturen objektive Bedingungen erfassen zu können. Um die Kausalgenese zu entfalten, muß die subjektive Strukturanalyse einer objektiven Analyse vermittelt werden, was allemal den theoretischen und gegenwärtig-praktischen Rahmen der Psychoanalyse überschreitet und nur innerhalb einer historisch-materialistischen Gesellschaftstheorie möglich wird. Psychoanalytische Erkenntnisse durchbrechen nicht den Bannkreis ideologischer Bornierung. ››Wahr‹‹ im Sinne einer an die geschichtlichen Prozesse gebundene Wahrheit ist jedoch die ››Richtung‹‹ der hermeneutischen Durchdringung: Die Richtung von unerträglichen lebenspraktischen Entwürfen zu erträglichen verweist auf Gewalt, die dem Produkt des Sozialisationsprozesses angetan wird. Sie verweist auf antagonistische Produktionsverhältnisse.“ (Lorenzer, Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis, 1976, S. 278).

Michael Schüßler

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‘Kobane is free” January 27, 2015 | 12:13 pm

Good News:

Kurdish forces inside Kobane said today that the city is now under full control and Islamic State (ISIS) militants have been driven out of all neighborhoods.

Muslih Zebari, a Peshmerga commander in Kobane told Rudaw that ISIS militants remain only in a small village attached to the city “And the Peshmerga and YPG fighters are already on their way there,”

“Retaking that village is easy and today all of Kobane will be free,” he said.

A strong ISIS force invaded Kobane in mid-September last year but a coalition of YPG fighters, Peshmerga and US airstrikes halted the radical group’s advance until it was liberated today.

Iranische Frauen protestieren gegen Claudia Roth January 27, 2015 | 12:11 am

Beruehmt und bekannt ist inzwischen die iranische Kampagne “My Steathy Freedom“. Auf Facebook praesentieren sich dort trotz aller Repression Iranerinnen ohne Kopftuch und erklaeren, welche Freiheit es fuer sie bedeutet, ihre Haare frei zu tragen.

Und diese Kampagne nun protestiert gegen Claudia Roths Auftritte bei Holocaustleugnern und Botschaftsbesetzerinnen, immer brav mit Kopftuch, das sie so selbstverstaendlich traegt wie ihre Begleiterin von der CSU:

An Appeal to the female vice-president of the German Parliament and all female politicians:

These days Tehran has been hosting ?European politicians and parliamentarians. Here are some of the photos of the recent visit of Claudia Roth, the vice-president of the German Parliament, accompanied by the Foreign minister and First Deputy Prime Minister of Croatia, Vesna Pusi?.

As a community of women from this website [My Stealthy Freedoms], we would like to announce that we are happy that Iran maintains friendly relations with European nations. However, we are requesting the attention of every single one of those female politicians travelling to Iran: Please talk to our rulers with regards to the compulsory hijab that you yourselves had to wear as well during your recent visit. Is it really too much to ask of you to talk to our rulers with respect to this compulsory hijab that Iranian women have been forced to wear and then to report to us on the reactions of the government officials?

Dear Claudia Roth and dear Vesna Pusi?,

I’d like to address you and every single non-Iranian female politician visiting Iran – we have a simple request: When the officials of our country travel to your countries, they want you to respect their Islamic values. They conveniently avoid attending the receptions that you organise on the pretext that alcohol is being served. If that is the case, why don’t you ask them to respect our human values, which is the freedom to choice?

If you are assuming that compulsory hijab is the law in Iran, then do you know that the officials of our country are not even willing to comply with the compulsory rules of some of the Western embassies situated in Iran? One of these rules is the idea of submitting a photo without hijab for women when they apply for a visa. Although obligation has been made by the embassies of Western governments in Iran with a view to properly identifying female visa applicants, the Iranian government bans women from submitting photos without hijab to Western embassies.

Did you hear that recently there was a demonstration that took place in front of the French Embassy in Iran with regards to the French Government’s aforementioned policy of issuing visas to female visitors? The demonstrators were protesting against the fact that the French government had such a requirement from female Iranian visa applicants. Can you see that this kind of protest (i.e., when you protest in support of hijab) is free and not repressed by the government of Iran? Then, why don’t you protest against the law that obliges you to wear the hijab during your official visit?

Dear female politicians travelling to Iran:

For more than than thirty years our questions have been censored in Iran’s national media outlets. For more than thirty years it has been forbidden even for journalists and reporters to broach the questions with regards to hijab. However, you must have heard from the various media outlets of your own countries about the Facebook page called “My Stealthy Freedoms” and you must have found out that many women in Iran are overtly protesting against the compulsory hijab in Iran. Many women in Iran want their voices to be heard by the government officials of their own country. These are women who should be entitled to the freedom of choice when it comes to deciding what to wear and they do not want this right to remain stealthy for the rest of their lives.

We are pleading with you to bring up this subject during your conversations with the Iranian officials. Please ask them the following question: Can you hear the voices of dissent from Iranian women who do not want their freedom to be stealthy?

Please also ask them how long more Iranian women will be obliged to wear the compulsory hijab and how long more Iran will convince every single female politician like you travelling to this country to wear the hijab. Please also ask them, wouldn’t they [the Iranian officials] protest if in countries like Germany, France, Italy, Croatia, Spain, and many other countries where the rule of law reigns, women were stripped of the right to wear the hijab? Please do not respond by saying that one should not interfere in another country’s law, because if you came up with a law forbidding women to wear the hijab, Iran would be the first country to interfere with regards to this law. If we keep silent in the face of unfair laws, then slavery, which also used to be a law, would still be with us.

Please bring the voices of this web page to the attention of Iranian leaders and please talk about us. We will be very grateful.


mystealthyfreedom?

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Neue Sticker ab sofort bestellbar: “Auf dass Auschwitz nie wieder sei.” January 26, 2015 | 07:39 pm

Ab sofort könnt ihr den neuen Sticker des Bundesarbeitskreises (BAK) Shalom der Linksjugend ['solid] anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz bei der Bundesgeschäftsstelle der Linksjugend ['solid] unter versand[at]linksjugend-solid.de kostenlos bestellen.

Die „Unterwerfung“ der Fiktion unter die Wirklichkeit January 26, 2015 | 02:47 pm

Anmerkungen zu einem Artikel Bernhard Schmids

Bernhard Schmid rezensiert im „dschungel“ der „Jungle World“ vom 22. Januar 2015 „Unterwerfung“, den neuen Roman von Michel Houellebecq. Zumindest scheint sein Artikel durch die am Ende abgedruckten bibliographischen Informationen zum Roman als eine Rezension ausgewiesen zu sein. Auch die Untertitelung deutet darauf hin, dass der Artikel als eine Rezension zu verstehen sei und sich mit dem Roman Houellebecqs beschäftigt. Doch über den Roman erfährt der Leser im Laufe des Artikels dann so gut wie nichts.

Das Wenige aber, das Schmid über den Roman zu berichten weiß, ist in einigen Punkten schlicht falsch. Sein dreiseitiger Artikel ist dabei voller Zitate, aus dem Roman selber aber kommt kein einziges vor. Stattdessen erfährt der Leser einiges von dem, was Houellebecq „in einem Fernsehgespräch“, „bei seinem Auftritt in den Abendnachrichten des Fernsehsenders France 2 am 6. Januar“, in seinen Ausführungen „im Wochenmagazin L’Obs“, „in einem Interview mit der Welt“ und „in seinem ausführlichen Interview für das konservativ-reaktionäre Wochenendmagazin Le Figaro Magazine“ gesagt hat. Es entsteht der Eindruck, als habe Schmid zur Kompensation seiner Nichtlektüre des Romans zahlreiche Interviews mit dem Autor gelesen und anschließend zu einem Artikel zusammengestellt.

Trotzdem beginnt Schmid seinen Artikel mit Überlegungen zu Realität und Fiktion: „Die Realität hat die Fiktion eingeholt“, heißt es. Doch was dann als die Fiktion, die von der Realität eingeholt worden sei, verkauft wird, ist nichts als Realität. Die vermeintliche Fiktion, die der Leser sich vorstellen soll, ist nämlich folgende:

„Nehmen wir an, diese Zeitung hätte in ihrer Weihnachtsausgabe einen Text veröffentlicht, in dem folgendes Szenario ausgemalt worden wäre: Am 7. Januar 2015 erscheint ein Buch von Michel Houellebecq. Es handelt, leicht vergröbert ausgedrückt, von einer muslimischen Machtübernahme in Frankreich durch eine islamistische Partei. Am Vormittag desselben Tages erscheint die Satirezeitung Charlie Hebdo mit einem Bild Houellebecqs auf dem Cover. Bei der Redaktionssitzung kurz vor Mittag greifen zwei mit Kalaschnikows bewaffnete radikal-islamistische ‘Gotteskämpfer’ an und ermorden die Redakteure, weil die Zeitung den Propheten beleidigt habe.“

Nun ist hier tatsächlich alles Wirklichkeit, abgesehen von der Tatsache, dass die Weihnachtsausgabe der „Jungle World“ natürlich noch nicht über die spätere Wirklichkeit berichtete. Was das nun aber mit der Fiktion des rezensierten Romans zu tun hat, bleibt schleierhaft. Und so bleibt Schmid dann auch bei der Wirklichkeit und betont abermals, was er schon erwähnt hatte, dass nämlich am 7. Januar der Roman Houellebecqs erschien.

Schmid versucht sich dann an einer Zusammenfassung der Romanhandlung. Da heißt es dann: „Der Roman beschreibt Frankreich im Jahr 2022.“ Während Schmid dem Leser also vorher die Wirklichkeit als Fiktion verkaufte, die dann von der Wirklichkeit eingeholt werde, verkauft er nun die Fiktion als Beschreibung einer zukünftigen Wirklichkeit. Der Roman „beschreibt“ eben nicht Frankreich im Jahr 2022. Der Roman entwirft ein fiktives Frankreich im Jahr 2022, sonst wäre er kein Roman, sondern die Aufzeichnung eines Zeitreisenden. Doch es geht weiter: Das „Frankreich im Jahr 2022“ ist, laut Schmid, „ein Land, das am Ende einer katastrophalen zweiten Amtszeit des derzeit wenig beliebten Staatspräsidenten François Hollande kurz vor dem Abgrund steht.“ Was soll das bedeuten? Ist Hollande im fiktiven Frankreich von 2022 „derzeit“ wenig beliebt? Ist der fiktive Hollande, die Figur, bei den Lesern „derzeit“ wenig beliebt? Nein, Schmid meint, dass der wirkliche Hollande „derzeit“, also jetzt, in der Wirklichkeit, wenig beliebt ist. Nur ist das natürlich nicht der Hollande der Fiktion des Romans, denn der ist eben fiktiv.

Wirkliche Zweifel daran, ob Schmid den Roman, den er hier zu rezensieren behauptet, überhaupt gelesen hat, regen sich dann etwas später: Der Ich-Erzähler des Romans, von Schmid als „Houellebecqs Protagonist“ bezeichnet, konvertiere, so behauptet Schmid, zum Islam, „um seinen Job zu behalten“. Nun ist es im Roman aber nicht nur so, dass der Ich-Erzähler seinen „Job“, eine Professur an der Sorbonne, schon zuvor – ausgestattet übrigens mit einer stattlichen Pension – verloren hat, sondern auch die von Schmid behauptete Konversion findet nicht statt. Sie wird am Ende des Romans im Konjunktiv geschildert, sie ist eine Möglichkeit. Es wird nicht gesagt, ob sie stattfindet. In Anbetracht dieser kurzen Ausführungen Schmids zum Roman selbst, muss man wahrscheinlich froh sein, dass sich der Rest des Artikels mit der – hauptsächlich politischen – Rezeption des Romans in Frankreich und zusammengestückelten Äußerungen Houellebecqs befasst.

Dabei wäre es sicherlich nicht abwegig, über das Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit in „Unterwerfung“ zu diskutieren, wobei man sicherlich mehr über Houellebecqs Humor als über den „derzeit wenig beliebten Staatspräsidenten François Hollande“ reden müsste.  Voraussetzung einer solchen Diskussion wäre aber ein Begriff von Fiktion, den Schmid offensichtlich nicht hat, was ihn wiederrum weder davon abhielt, einen Artikel über den Roman zu schreiben, noch ihn mit einem Satz zu Fiktion und Wirklichkeit zu beginnen. In seiner Ignoranz gegenüber der Literarizität des Romans macht Schmid dann nichts anderes als die Vertreter des „Bloc identitaire“, von denen er zu berichten weiß, dass sie Houellebecq vorwarfen, er „kenne die Gruppierung zu wenig“.

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25. Januar 2015 gab Houellebecq ein weiteres Interview – fraglich, ob es für Schriftsteller vorteilhaft ist, so viele Interviews zu geben, dazu aber hat Nils Minkmar ebenfalls in der FAZ das Nötige geschrieben –, das Schmid selbstverständlich noch nicht zitieren konnte. Hier zeigt sich nicht nur, dass Julia Encke, die das Interview führte, den Roman genauer gelesen hat, sondern auch, was die Besonderheit eines literarischen Textes bewirken kann, wegen der die Fiktion gegen die Schmids dieser Welt zu verteidigen ist:

„Ihr Erzähler stellt sich am Ende vor, wie einfach es für ihn wäre, wenn er zum Islam überträte. Es ist eine Art Kapitulation. Tut es Ihnen weh, wenn er im letzten Satz feststellt: „Ich hätte nichts zu bereuen“?

Ich hätte auch das Gegenteil schreiben können.

Ich hab’ automatisch an Edith Piaf gedacht, „je ne regrette rien“, und mich gefragt, ob es der ironischste Satz des ganzen Romans ist?

Es ist der doppeldeutigste Satz. Bei Piaf ist es anders. Wenn sie singt, dass sie nichts bereut, glaubt sie daran. Mein Erzähler weiß nicht, ob er es glaubt oder nicht.“

Hätte man nämlich einen Begriff von Fiktion, müsste man nicht, wie Schmid am Ende seines Artikels, schreiben, die „Vorstellung Michel Houellebecqs“ sei nicht beruhigend – warum sollte sie auch? –, sondern könnte erkennen, dass der Roman gerade durch die fehlende Festlegung am Ende eine Frage stellt, die nicht beantwortet wird. Eine solche Offenheit, die dem Leser eigenes Denken zumutet, indem sie ihm nicht fertige Gewissheiten vorsetzt, aber scheint Schmid nicht zulassen zu wollen, wirft er Houellebecq doch vor, er lege „sich in Interviews ungern auf eine bestimmte gesellschaftliche Position fest, sondern redet sich auf Nachfragen gern heraus, ein Schriftsteller zu sein“.

flattr this!

26-01-15Verlautbarungen der Polizei beim Freien Radio – Über… January 25, 2015 | 04:47 pm



26-01-15
Verlautbarungen der Polizei beim Freien Radio - Über eine bemerkenswerte Spitzelattacke beim FSK Hamburg.

Sorry, Herr Grass January 25, 2015 | 08:16 am

Die Currywurst, oder “Schlimmer geht immer”. Von allen Entschuldungspamphleten, die die deutschsprachige Vergangenheitsbewältigungsliteratur hervorgebracht hat, ist Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst womöglich das erbärmlichste. Der Text kommt literarisch wie geschichtsphilosophisch dermaßen unbedarft daher, dass man sich bemüßigt fühlt SS-Günni Grass, Keulenmartin Walser, Böll und all den anderen förmliche Entschuldigungen für früherer Kritiken zukommen zu […]

Deutschland und das syrische Giftgas January 24, 2015 | 10:45 am

Vermutungen, dass deutsche weit stärker in das syrische Giftgasprogramm involviert waren, als bisher zugegeben wurde, gab es schon länger, nicht zuletzt auch angesichts der deutschen Hilfe, die es  Saddam Hussein und Ghaddafi erst ermöglichten, Giftgas in größerem Maßstab zu produzieren und im Falle des Irak auch systematisch zum Einsatz zu bringen.

Nun berichtet der Spiegel:

For more than 16 months, Chancellor Angela Merkel’s government has been in possession of a list containing the names of German companies thought to have helped Syrian dictator Bashar Assad and his father Hafis build up Syria’s chemical weapons arsenal over the course of several decades. Ultimately, it became one of the largest such arsenals in the world.

The German government, a coalition between Merkel’s conservatives and Vice Chancellor Sigmar Gabriel’s center-left Social Democrats (SPD), received the list from the Organization for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW). The OPCW was awarded the Nobel Peace Prize in 2013 for its “extensive efforts to eliminate chemical weapons.” Together with experts from the United Nations, the OPCW organized and carried out the destruction of Syrian chemical weapons last year.

Berlin immediately classified the list and has since kept it under lock and key. The government says that releasing the names would “significantly impair foreign policy interests and thus the welfare of the Federal Republic of Germany.” It also argues that doing so would be akin to releasing “trade secrets” and as such would violate the German constitution.

A losing war January 24, 2015 | 12:54 am

Erdogan and his comrades have always won. But they are always tense. Often, they look pensive and unhappy. They are angry, always ready to pick a fight. Full command over nearly one half of Turkey will not satisfy them. They want to win the other half, the half they privately envy, the same half that smartly teases them and laughs at their childish [Islamic] cause. That half—the human half—enjoys living life, defends the right to sin, and does not want to create a fake country, ostensibly dry and sin-free, but really a half-wet and sinful land. The AKP’s leaders secretly know that theirs is a losing war, despite impressive victories at every political battle fought.

Quelle

je suis nico January 23, 2015 | 06:14 pm

nun hat sich nico sarkozy doch wieder in das spiel der französchen öffentlichkeit gebracht. anlass war der trauermarsch für die opfer des charlie hebdo attentats in paris. dort ging es ja um vieles: die pressefreiheit, die dokumentierte gegnerschaft der pariser strasse gegen das mordgesindel, für nationalen zusammenhalt, etc..

in den vip-block dieser manifestation der regierungschefs hat sich nico als abgehalfterter ex-präsi hineingemogelt wie fler an das rapmikrofon. was der royal-bunker für fler war, das ist twitter nun für sarkozy, mein lieblingsfoto aus den tweets habe ich hier mit abgelegt. sarko war also auch mit dem dude beim bowling. soso…..


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Zwei Berichte von der Akademie January 23, 2015 | 11:55 am

Hier seien noch einmal zwei Beiträge hervorgehoben, die im letzten Jahr leider etwas in der Seitenspalte untergegangen sind. Beide Beiträge haben sich mit dem Ungeist der Universität auseinandergesetzt.

1. Philosophieren im Stande allgemeiner Unmündigkeit und Bedingungen philosophischen Denkens anlässlich eines Ausflugs in den geisteswissenschaftlichen, akademischen Betrieb

Bettina Fellmann (AK Zweifel und Diskurs) hat am 29.06.2014 im Laidak einen philosophisch-essayistischen Bericht über einen Ausflug an die Akademie vorgetragen. Anhand einiger Erlebnisse in den Fachbereichen der ersten Philosophie-Semester, „Philosophisches Argumentieren“, „Theoretische Philosophie“ und „Praktische Philosophie“ sowie in der Kunstgeschichte, arbeitet sie die Überflüssigkeit, Überlebtheit und zugleich die Funktion der gegenwärtigen akademischen Philosophie heraus, der ein Bezug zur materiellen Wirklichkeit immer mehr abhanden kommt. Davon ausgehend macht sie einige Anmerkungen darüber, was es überhaupt bedeutet, im Angesicht der nicht endenden Katastrophe zu denken. Auf magazinredaktion.tk war der Vortrag folgendermaßen angekündigt:

Was es bedeutet, wenn Geistesmenschen sich zusammenfinden, um von Geistigem zu sprechen, warum nichts Wahres dran sein darf und wie die Wirklichkeit dem Denken nur zur Illustration dient, beleuchtet dieser Vortrag.

Im allgemeinen wird an der Akademie bereits der Gedanke vom richtigen Denken formal erstickt; nicht zu schweigen davon, dass der richtige Gedanke oder das Denken vom Wirklichen keine Erwiderung findet, sondern im Gegenteil rigoros ausgeschlossen wird. Unter diesen Bedingungen erscheint nicht nur der Versuch, das Besondere zur Sprache zu bringen, als zweifelhaft, sondern Sprache überhaupt. An dem Umstand, dass er längst gedacht wurde, erweist sich nicht der Gedanke als falsch, sondern die allgemeinen Mechanismen, die sich durch die Epochen hindurch grundlegend ähneln — im Gewand der jeweiligen Zeit, deren Besonderheit es vor den Allgemeinheiten zu erfassen gilt, die ihren Grund bilden.

Ansatzweise wird eingegangen auf die Unfähigkeit, Zusammengehöriges und Grundverschiedenes im richtigen Verhältnis zueinander wahrzunehmen und adäquat zu beurteilen, auf die Virtualisierung menschlicher Verkehrs-​ und Ausdrucksformen und nicht zuletzt auf die verheerende Sehnsucht, sowohl durch das Aufgehen im Denken ans Bestehende anschließen, als auch umgekehrt durch den Anschluss ans Bestehende im Denken aufgehen zu können. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 108.7 MB; 1:35:01 h) | via hightaile

Der zugrundeliegende Text kann auf magazinredaktion.tk nachgelesen werden.

2. Die alternativlose Universität

Auf Radio Corax war im letzten Jahr ein Feature zu hören, das vom Zustand der hiesigen Universitäten berichtete und eine Kritik des Studierens formulierte. Das Feature basiert auf einem Text des Leipziger AK Gesellschaftskritik und macht dem Akademismus die wissenschaftliche Veredelung des gesellschaftlichen Unglücks zum Vorwurf.

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 19:59 min)

Der AK Gesellschaftskritik verweist außerdem auf den Text „Business as usual. Szenen vom Schauplatz der Entsorgung der Wahrheit durch die pluralistische Geisteswissenschaft“ von Carl G. Bronetto, der hier als PDF gelesen werden kann.

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Indianer, Teil 5: Der heutige Status January 23, 2015 | 10:54 am

Mitte Dezember tat das US-Justizministerium etwas sehr Sonderbares. Ohne erkennbaren Anlass veröffentlichte es eine dreiseitige Notiz [PDF] in der sie faktisch erklärte, dass es den Indianernationen frei stehe, unter Beachtung gewisser Regeln — Schutz von Minderjährigen, etc — auf ihren Reservaten Marihuana anzubauen und zu konsumieren. Dies gelte auch ausdrücklich für tribal lands in den Bundesstaaten, wo so etwas weiter streng verboten ist.

Der Vorgang wurde allgemein mit Verwunderung aufgenommen:

“We actually have no idea what’s going on here,” said Troy Eid, a Denver attorney and chairman of the Indian Law and Order Commission.

Da das Ministerium keine Rücksprache mit den Vertretern der Stämme gehalten hatte — an sich schon ein ungewöhnlicher Vorgang — wurden diese kalt erwischt. Die Mohegan in Connecticut prüften sofort, ob die Zusicherung wirtschaftlich genutzt werden könnte. Die Stämme müssen nicht die Landes- und Kommunalsteuern erheben und könnten daher Gras vermutlich deutlich billiger verkaufen als die Händler den umliegenden Bundesstaaten.

Die Mehrheit der anderen Nationen war dagegen gar nicht begeistert:

Still recovering from a long, embattled history with alcohol, the vast majority of tribes seem wary to move forward with the opportunity — calling into question why it was offered in the first place.

Für uns ist das Beispiel nicht nur interessant, weil es nochmal das Chaos zeigt, das die verschiedenen Rechtsräume in den USA verursachen können, mit Gesetzen des Bundes (wo Marihuana weiter verboten bleibt), der Bundesstaaten (teilweise legalisiert, teilweise nicht) und anderer Einheiten, die sich zum Teil direkt widersprechen. Es zeigt auch die komplizierte Beziehung zwischen dem Bund und den Indianern.

Wir haben uns bislang den Bund und die Bundesstaaten sowie die Besonderheiten der Kommunen angeschaut. Heute kümmern wir uns (endlich) um die 566 vom Bund anerkannten Indianernationen.

Juristisch werden diese als domestic dependent nations eingestuft — “inländische abhängige Nationen”, grob übersetzt. Einfacher formuliert, sie haben eine beschränkte Souveränität. An sich ist das keine schrecklich geniale Einsicht, denn die USA als Ganzes bestehen aus Gebilden mit eingeschränkter Souveränität, wie wir besprochen haben. Auch der Bund darf nicht alles, obwohl man gelegentlich den Eindruck bekommen mag, dass man das in Washington vergessen hat.

Historisch gesehen waren die Indianer-Nationen natürlich komplett unabhängig (wir überspringen hier die ganze Diskussion, ob der europäische Begriff der “Nation” überhaupt so angewandt werden konnte). Entsprechend der Hinweis in der US-Verfassung Artikel I, Sektion 8:

The Congress shall have power (…) to regulate commerce with foreign nations, and among the several states, and with the Indian tribes

(Hervorhebung hinzugefügt) Damit wurde von Anfang an das bis heute geltende Prinzip des government-to-government festgelegt, nämlich dass die Beziehungen zu den Indianer-Nationen vom Bund geregelt werden. Die Bundesstaaten haben nichts zu melden, auch wenn die Reservate in innerhalb ihrer Grenzen liegen. Ihre Gesetze greifen dort erstmal nicht (mit Ausnehmen, zu denen wir gleich kommen).

Daher die “Stanzkarte” der US-Bundesstaaten [GIF] bei der Wikipedia, in der die Reservate ausgeschnitten wurden. Der ziemlich durchlöcherte Staat unten links ist übrigens Arizona und das größte Loch dort ist die Nation der Navajo.

Entsprechend schloss die US-Regierung am Anfang mit den Stämmen treaties – Verträge zwischen Staaten — führte Kriege gegen sie und tat all die wunderbaren und liebevollen Dinge, die auch die europäische Nationen sich gegenseitig bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einander antaten.

Allerdings wurde diese Interpretation der Situation im Laufe der Zeit zunehmend alberner, denn die Gebiete lagen irgendwann innerhalb des US-Staatsgebiets.

It would be unacceptable for an Indian nation located within the United States to enter into treaties with other countries, or to cede Indian land to foreign countries (to have a French or German enclave in the middle of Montana, for example.)

Wenn man also die Deutschen nicht in Montana haben wollte, musste eine andere Beziehungsform her.

Anfang des 19. Jahrhundert legte der Supreme Court in der Marshall Trilogy die Grundlage für einen neuen Umgang: Privatpersonen durften nicht von den Indianern Land kaufen, sondern nur der Bund; der Status als domestic dependent nations wurde festgelegt wie auch die grundsätzliche Verantwortung des Bundes für die Indianer – die trust responsibility — mit dem berühmten Satz

Their relation to the United States resembles that of a ward to his guardian

und schließlich dass die Bundesstaaten salopp gesagt das Maul zu halten haben, wenn es um Indianer geht. Mit dem Indian Appropriation Act von 1871 gehörten die Verträge mit den Stämmen der Vergangenheit an. Ab jetzt galten Gesetze des Kongresses und Exekutivanweisungen des Präsidenten, wie üblich also.

Damit wir uns jetzt nicht missverstehen: Die “Treuhand”-Beziehung zwischen dem Bund und den Indianern entstand nicht zuletzt aus dem festen Glauben der damaligen amerikanischen Regierung heraus, dass die Ureinwohner zu doof waren, um auf sich selbst aufzupassen — jemand musste sie an die Hand nehmen, wie man das halt mit Mündeln macht. Bis heute verwaltet der Bund etwa 230.000 Quadratkilometer Land für diverse Indianernationen und Einzelpersonen. Das ist etwas weniger als zwei Drittel der Fläche der Bundesrepublik.

(Mehr als 150 Jahre später stellte es sich als blöd für den Bund heraus, dass die Treuhand-Beziehung juristisch einklagbar ist: In Cobell vs Salazar verklagten Vertreter der Indianer 1996 die US-Regierung wegen chronischem Missmanagements. Im Dezember 2009 schloss die Obama-Regierung einen Vergleich über 3,4 Milliarden Dollar.)

Diese Grundsätze — eine Beziehung von Regierung zu Regierung, die Aufsichtspflicht des Bundes und die Teilsouveränität — bleiben bis heute die Grundlage des juristischen Status’ der Indianer in den USA. Wir überspringen daher einige zum Teil sehr deprimierende Jahrzehnte und schauen uns die Situation heute an. Am Beispiel der Navajo können wir sehen, dass die großen Indianernationen —

Der letzte Punkt ist — soweit dieser Autor es feststellen konnte — weltweit einzigartig wenn es um Ureinwohner geht und erfahrungsgemäß auch der, der Deutschen am wenigsten geläufig ist.

Das heißt nicht, dass die Indianer nicht von der Bundesregierung gerne Mal über den Tisch gezogen wurden — nicht umsonst verweist der Link oben auf eine Klage über eine halbe Milliarde Dollar. Allein die Geschichte der Uran-Minen auf dem Navajo-Gebiet wäre ein ganzer Eintrag wert — schon allein weil sie noch weitergeht.

In Filmen und TV-Serien finden man am ehesten Anspielungen auf ein Recht, das die Bundesstaaten ungeheuer nervt: Die Indianernation können selbst bestimmen, ob auf ihrem Gebiet Glücksspiel betrieben wird. Daher die ständigen Hinweise auf Casinos in den Reservaten, inzwischen ein wichtiger Industriezweig dort.

Wer dagegen eher Kriminalromane liest, wird die Arbeit der Navajo-Polizei durch Tony Hillerman kennengelernt haben und wissen: Wenn die örtliche Polizei überfordert ist, kommt nicht die aus dem Bundesstaat, sondern der Bund greift ein.

Nun sind die Navajo die größte Indianernation – ihr Territorium hat mit 71.000 Quadratkilometern etwa die Fläche Bayerns – und daher sind dort die Strukturen am deutlichsten ausgeprägt und mitunter am weitesten entwickelt. Wo dies nicht der Fall ist, nimmt wieder der Bund seine Treuhandpflicht wahr, mit historisch gesehen gemischten Ergebnissen. Zuständig ist dabei nicht das Außenministerium, sondern seit 1824 das Bureau of Indian Affaris (BIA) im Innenministerium.

An diesem Punkt mag der interessierte Leser ein flaues Gefühl im Magen verspüren. Das klang bislang alles irgendwie schlüssig, nachvollziehbar und folgte streckenweise sogar einer gewissen inneren Logik. Kann es wirklich so einfach sein?

Natürlich nicht, denn wir sind in den USA und reden von juristischen Fragen, die zum Teil mehr als 200 Jahre alt sind. (Mehr noch, wir lesen eine Beschreibung bei USA Erklärt, wo Dinge immer vereinfacht werden.) In Wirklichkeit ist die juristische Situation der Indianer-Nationen unfassbar kompliziert, um nicht zu sagen, es herrscht streckenweise juristisches Chaos. Das obige sind sehr grobe Leitlinien, selbst für unsere Verhältnisse.

Nehmen wir als Beispiel das Prinzip, dass die Bundesstaaten im Umgang mit den Indianernationen nichts zu melden haben. Grundsätzlich ist das völlig richtig.

Allerdings erließ der Kongress 1953 das berüchtigte Public Law 280, das in einigen Bundesstaaten die Justiz und Polizei einiger Stämme in einigen Punkten doch mit denen des jeweiligen Bundesstaates verschmolz. In sechs (mandatory) Bundesstaaten war das Pflicht, in anderen konnte das gemacht werden, zum Teil mit Zustimmung der Stämme selbst. Genauer gesagt:

The “mandatory” states, required by Public Law 280 to assume jurisdiction, are Alaska, California, Minnesota (except Red Lake), Nebraska, Oregon (except Warm Springs) and Wisconsin. The “optional” states, which elected to assume full or partial state jurisdiction, are Arizona (1967), Florida (I961), Idaho (1963, subject to tribal consent), Iowa (1967), Montana (1963), Nevada (1955), North Dakota (1963, subject to tribal consent), South Dakota (1957-61), Utah (1971), and Washington (1957-63).

Wohlgemerkt geht es dabei nur um Polizeiarbeit und Zivilrecht, nicht aber um Dinge wie Steuern, Verwaltung, Bodenschätze oder Glücksspiel. Der Supreme Court interpretiert das Gesetz als Möglichkeit, den Indianern Zugang zu den Gerichten und der Polizei der Staaten zu gewähren, nicht als Schritt, um die Indianernationen den Bundesstaaten zu unterstellen.

Diese waren allerdings schon allein wegen der zusätzlichen Kosten nicht wirklich glücklich (der Bund ließ in den entsprechenden Gebieten erstmal alles stehen und liegen, selbst bei so Dingen wie Bildung, die eigentlich nicht unter das Gesetz fielen) und die Indianer schon gar nicht. Entsprechend ist das Gesetz zum Teil wieder aufgehoben oder angepasst worden. Das macht es natürlich nur noch komplizierter. So quält man Jurastudenten.

Und schon deswegen ist klar: So einfach wird das mit dem Marihuana nie im Leben werden.


Verrohung am Beispiel der Achse des Guten January 22, 2015 | 10:49 am

Oder: Für die Nachwelt aufzubewahren. Empirisches Anschauungsmaterial zur Dialektik der Aufklärung. Dass der klassische aufklärerische Liberalismus, da ihm längst jede gesellschaftliche/ökonomische Grundlage fehlt, eine heute allerhöchstens immer mal wieder aufflackernde fragile Haltung sein kann, wurde hier schon dargelegt. Ebenso, dass der real existierende Liberalismus im Großen und Ganzen eine Tendenz aufweisen muss sich zum Erhalt […]

Abendbrotland gerettet! January 21, 2015 | 08:33 pm


life is… January 21, 2015 | 06:09 pm

vida_festa!A vida e uma festa! (seen in south-Portugal)


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FGM in Iran January 21, 2015 | 10:04 am

Irfan al-Alawi and Stephen Schwartz about FGM in Iran:

Last year, Thomas von der Osten-Sacken, director in Iraq of a German-based charity, WADI—the Association for Crisis Assistance and Development Cooperation—said in an interview that FGM in Iraqi Kurdistan had declined dramatically, and that measurable success in stopping FGM there could be credited to the political change that began in 1991. “Saddam Hussein lost power here back in 1991. There is a relative degree of freedom,” von der Osten-Sacken said. That freedom—and other achievements by the Iraqi Kurds—were made possible, as should be recognized, by the decision of President George H.W. Bush to impose a “no-fly zone” over Iraqi Kurdistan.
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By contrast, “the existence of FGM in Iran is a well-kept secret,” according to the organization Stop FGM Middle East. On November 25, 2014, Radio Farda, the U.S.-backed Farsi-language broadcast directed to Iran, aired a 30-minute documentary on FGM under the rule of the Islamic Republic. Translated by Stop FGM Middle East, the transcript revealed yet another cruel feature of Iranian life, reinforced by the hypocrisy of the ruling clerics.

Radio Farda noted that in 2014 Iran was added, for the first time, to the global list of countries in which FGM is present. The media agency interviewed Iranian researcher Rayeyeh Mozafarian, of the University of Shiraz, who accumulated interviews on FGM between 2007 and 2009. She stated, “FGM is carried out in private houses by midwives and not by surgeons in hospitals.” FGM goes unmentioned in Iranian law, which does criminalize mutilation of the body. But Mozafarian determined, “Despite the practice being liable to prosecution, practically nobody is charged. . . . No victim files charges against her own parents.”

Democracy is the answer January 21, 2015 | 12:38 am

Von Amir Taheri:

The long-term and most effective antidote to terrorism is democratization. This is borne out not only by the European experience but also by the success of Latin American nations in defeating their homegrown terrorists. The more democratic they became, the more successful they became in fighting terror.

Terrorists see democracies as soft targets. Provided you are not suicidal, like the Kouachi brothers, the worst that could happen to you is a prison sentence, which, in time, is cut by half for good behavior. What terrorists do not understand is that a democracy does not think like them. A democracy does not want to kill the individual terrorist but to defeat terrorism.

Quelle

Demokratie und Postnazismus January 20, 2015 | 01:35 pm

„Dieser Bonaparte, der sich als Chef des Lumpenproletariats konstituiert, der hier allein in massenhafter Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in diesem Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche Bonaparte, der Bonaparte sans phrase.“ (Marx, S.161)

Ende 2014 hat sich in Dresden das ostzonale Lumpenproletariat zu einem diffusen Bündnis formiert. 1 sUnter dem Kürzel PEGIDA1 appelliert dieser Auswurf aller Klassen mit seinen Demonstrationen an den Staat, dem er sich, um der eigenen Überflüssigkeit Herr zu werden, als (post-)faschistischer Abwehrmechanismus anzudienen sucht. Diese konformistische Mobilisierung hält bei aller Ablehnung des politischen Establishments Staat wie Demokratie die Treue und trifft auf eine zivilgesellschaftliche Gegenmobilisierung, die ihr darin in nichts nachsteht. Einmal mehr zeigt sich, dass demokratischer Meinungspluralismus und nationalsozialistisches Erbe nicht im Widerspruch zueinander stehen.

Die Bourgeoisie des 19. und anbrechenden 20. Jahrhundert baute auf (prä-)faschistische Bewegungen, um die eigenen Klassen- und Eigentumsinteressen gegen eine mögliche revolutionäre Erhebung zu verteidigen. Sie setzte dabei auf das Lumpenproletariat, welches auf Grund der ihm eigenen Passivität stets gewillter war, „sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen“ (Marx u. Engels, S.472) als sich an revolutionären Erhebungen zu beteiligen. Im Gegensatz dazu eignen sich die ostdeutschen Lumpenproletarier dieser Tage, ganz der deutschen Traditionslinie seit 1933 folgend, „den konterrevolutionären Abwehrmechanismus selbst als ihre originäre Hervorbringung, ihren natürlichen Ausdruck“ (Enderwitz, S.195) an. Die PEGIDA-Aktivisten suchen mit diesem vorauseilenden Gehorsam ihr Liebesobjekt in einem Phantasma, in einem fiktiven Staat, welcher akut einer faschistischen Bewegung bedarf, um sein Bestehen zu sichern. Jene postmodernen Charaktermasken, die von der Bourgeoisie noch übrig sind, benötigen aber in Ermangelung eines revolutionären Widerparts zum Erhalt ihrer ökonomischen Macht keine „Delegation der politischen Herrschaft an den ins Vexierbild des Klassengegners verwandelten konterrevolutionären Staat“ (ebd. S.194). 2sSie fürchten vielmehr den faschistischen Abwehrmechanismus, nicht nur, weil er ihre eigene Stellung im Staat schmäleren könnte, sondern da sie wissen, wozu der eigene Staat fähig ist, wenn er sich in seinem Überleben bedroht wähnt. Daher mobilisiert die deutsche Zivilgesellschaft zum wiederholten mal2 zum „Aufstand der Anständigen“. In München – dort wo sich 1925 einer der Zukunft zuwandte und kundtat: „Es spricht aus dem deutschen Volke in seiner Zerrissenheit nur sein zerrissenes Blut heraus.“ (Hitler, S.8) – versammelten sich zur Adventszeit erstmals Tausende, um darauf hinzuweisen, dass nicht die offene faschistische Manifestation, sondern der demokratische Meinungspluralismus die deutsche Lehre aus der Niederlage von 1945 sei. Aber, wie es bereits im permanenten Vergessen der demokratisch legitimierten Machtübernahme der NSDAP nachhallt, das ostzonale Eintreten für den Staat ist genauso wenig antidemokratisch, wie die FPÖ oder die europäische Flüchtlingspolitik. Es ist vielmehr Zeichen demokratischer Massenloyalität und unterscheidet sich darin nicht von der antifaschistischen wie postnazistischen Gegenmobilisierung.

Demokratie

Die beiden gern kolportierten Missverständnisse über das Wesen der Demokratie sind, dass diese zum einen keine Herrschaft sei und zum anderen unmittelbar vom Individuum ausginge. Demokratie beruht aber darauf, dass sich der Wille der Allgemeinheit durchsetzt. „Er hat sich zuerst aus dem Willen der Einzelnen zu konstituieren als allgemeiner, so daß jener das Prinzip und das Element zu sein scheint, aber umgekehrt ist er das Erste und das Wesen; und die Einzelnen haben sich durch Negation ihrer, durch Entäußerung und Bildung zum Allgemeinen zu machen“ (Hegel, S.263f). Die Einzelnen können sich zwar dem Willen der Allgemeinheit widersetzen, „[a]ber es ist zugleich vorausgesetzt, daß sie an sich allgemeiner Wille seien. Dies Ansich ist ein Anderes als ihr wirklicher und sie haben ihren noch nicht entäußert, anerkennen den allgemeinen nicht, sondern es gilt nur ihre Einzelheit in ihm. Aber er ist Ansich; er ist da. 3sEr ist ihr Ansich, d. h. er ist ihre äußre Gewalt, welche sie zwingt.“ (ebd.) Vermittelt durch den eigenen Willen wird so unbewusst der Wille der Allgemeinheit getragen. Die so bestehende „negative Freiheit, die durch die Freiheit aller anderen begrenzt wird, kann nur von einem Souverän gesetzt werden, der, als praktisch gewordener und handgreiflich agierender Inbegriff des Menschen an und für sich, d. h. als Realabstraktion, gegen die empirischen Individuen sich wendet.“ (Bruhn, S.121) Der Wille der Allgemeinheit ist diese Realabstraktion, aus welcher sich der demokratische Staat konstituiert. Der Einzelne steht – obwohl unbewusster Träger dieser – der Realabstraktion ohnmächtig gegenüber und sieht Herrschaft einzig in einzelnen Protagonisten wie Antagonisten des demokratischen Staats, nicht aber in diesem oder in sich selbst begründet. Herrschaft wird als etwas fremdes begriffen, nicht als etwas, das man selbst erst hervorbringt. Unbewusst wird sie so verinnerlicht und die eigene Atomisierung durch den demokratischen Staat mitgetragen. „Die immanente Utopie der Demokratie ist das Grausigste, das sich denken läßt: die Zurücknahme und virtuelle Abschaffung äußerer Zwangsgewalt dadurch, daß die Individuen sie in sich zurücknehmen und sich selbst aus freiem Willen auferlegen.“ (Nachtmann, S.40)

Postnazistische Demokratie

„Der Nationalsozialismus hingegen – und das macht seine Modernität aus – erhebt das Individuum – zum Zwecke seiner totalen Funktionalisierung; er fordert es zur Eigenverantwortung auf – als Verantwortung, jederzeit für den Erhalt des Ganzen rückhaltlos einzustehen; er setzt auf seine Freiheit – als frei gewählte Entscheidung, selbst Partikel von Herrschaft zu werden und den individuellen Charakter [in] der Charaktermaske des Volksgenossen aufgehen zu lassen.“ (ebd.) Die postnazistische Gesellschaft setzt an der eingeforderten Eigenverantwortung des Nationalsozialismus an, indem der Einzelne nicht mehr bloß unbewusster Träger demokratischer Herrschaft ist, sondern durch allgegenwärtige Partizipation identisch mit ihr wird. Das Staatssubjekt benötigt seit dem Massenmord an den europäischen Juden keinen Führerbefehl mehr und somit muss auch der demokratische Staat nicht explizieren, was im Willen der Allgemeinheit getan werden muss. Der gesellschaftliche Pluralismus, sei es in der Parteienlandschaft oder im Vereinswesen geht ebenso mit dem Willen der Allgemeinheit d’accord, da durch ihn die Interessen der Einzelnen zu vermittelten Interessen werden, die einzig durch die Instanz des Staates artikuliert werden können. Nicht bloß der Einzelne ordnet sich so der demokratischen Herrschaft unter, sondern auch die einzelnen Interessengruppen richten ihr Handeln nach dem Willen der Allgemeinheit aus und überführen durch diese etatistische Fixierung den nationalsozialistischen Sozialpakt in die Gegenwart.
Die postnazistische Demokratie knüpft nahtlos an die permanente Mobilmachungen des nationalsozialistischen Staates an und befindet sich in einem „permanenten Alarmzustand, 4sd. h. in eine[m] Zustand nicht sowohl der Abwehr wirklicher revolutionärer Gefahren, sondern der Vermeidung möglicher revolutionärer Versuchungen.“ (Enderwitz, S.200) Der eingangs erwähnte Konflikt zwischen der postmodernen Bourgeoisie und dem ostdeutschen Lumpenproletariat ist nur ein demokratischer Scheinkonflikt, da sich beide Seiten affirmativ auf den demokratischen Staat beziehen und ihn so perpetuieren. Die Reibung ist einzig eine zwischen zwei Gruppen, die je versuchen, die eigenen Interessen durch Zeugnisse der Massenloyalität an den Staat heranzutragen. Das spontane aber beständige Auftreten von derlei – inhaltlich nahezu beliebiger – Kampagnen ist das unbewusste Bemühen der willigen Staatssubjekte eine revolutionäre Versuchung wider den demokratischen Staat gar nicht erst aufkommen zu lassen. Der Konflikt ist somit nicht konträr zum Bestehenden, sondern in totaler Identifikation mit ihm und kann vom postnazistischen Staat problemlos integriert werden. Die bisher vorgenommene Trennung von Lumpenproletariat und postmoderner Bourgeoisie scheint somit kaum mehr aufrechtzuerhalten. Vielmehr zeigt sich im Rückblick auf den Nationalsozialismus, dass der Souverän sich nicht mehr einzig auf das klassische Lumpenproletariat stützen kann, sondern dass „diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“ (Marx u. Engels, S.472) mit allen Schichten des demokratischen Staates identisch geworden ist.

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Bruhn, Joachim. Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg: ca ira 1994

Enderwitz, Ulrich. Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung. Freiburg: ca ira 1998

Hegel, G.W.F.. Jenaer Rechtsphilosophie. Frühe politische Schriften. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1974 (Hervorhebungen im Original, zitiert nach Nachtmann, Über die Entnazifizierung des Faschismus)

Hitler, Adolf. Die Rede Adolf Hitlers in der ersten großen Massenversammlung bei Wiederaufrichtung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei. München: Eher Verlag 1925

Krug, Uli. Krieg der Generationen: Deregulation vs. Nationaler Sozialismus. Bahamas 33, 2000

Marx, Karl. Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. MEW 8. Berlin: Dietz Verlag 1960 (Hervorhebung im Original)

Marx, Karl & Engels, Friedrich. Manifest der kommunistischen Partei. MEW 4. Berlin: Dietz Verlag 1972

Nachtmann, Clemens. Über die Entnazifizierung des Faschismus. Bahamas 33, 2000

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  1. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands [back]

  2. Der erste „Aufstand der Anständigen“ geht auf den Sozialdemokraten Gerhard Schröder zurück, der im Oktober 2000 zur Kampagne gegen neonazistische Jugendbanden rief und so eine der größten Massenmobilisierungen seit 1945 auslöste. (vgl. Krug) [back]