Täter Israel – Die Opferumkehr bei Moshe Zuckermann February 27, 2015 | 12:36 pm

Das eigentliche Rätsel von Moshe Zuckermanns Texten ist nicht, warum er sie schreibt, sondern warum renommierte Zeitungen sich befleißigt sehen, sie zu drucken.  Zuckermann insistiert in seinem jüngsten Beitrag “Kommt nach Israel?” in der taz auf einer Täter-Opferumkehr, die charakteristisch für den Antisemitismus nach und wegen Auschwitz ist.

Anlass ist das öffentliche Angebot Netanjahus an die Juden in Europa, nach Israel auszuwandern. Hinter diesem Angebot versteckt sich, diplomatisch geschickt, die Mahnung an die Europäer, die Konsequenz ihrer ideologischen Kollaboration mit dem Antisemitismus oder zumindest ihrer Agonie zu reflektieren: Ein Europa ohne Juden.

Unter dem Getrommel von antizionistischen Organisationen und den ganz normalen Europäern kam es in den letzten Jahren zu einem exorbitanten Anstieg an antisemitischen Angriffen. Juden aus Schweden ziehen schon seit Jahren die Konsequenz aus der Melange aus sozialdemokratischem, islamistischen und neonazistischem Antisemitismus, der ihnen ein Leben in Schweden beispielsweise verleidet. Nicht erst seit Netanjahus Rede stellen Juden aus Frankreich die größte Einwanderungsgruppe nach Israel dar, 4500 in 2014. 29% der europäischen Juden erwägen die Auswanderung, 76% sehen den Antisemitismus ansteigen, 1/3 fühlt sich nicht sicher. (Jerusalem Post)

Für Zuckermann sind das alles Wahlkampfparolen Netanjahus. Er sieht das Hauptproblem in der jüdischen Flucht in “ihr „Heim“”, er setzt die Anführungsstriche bewusst, und fügt hinzu, dass diese Flucht ” den Tod unzähliger palästinensischer Kinder und Frauen verursacht hat und […] auch 70 Israelis ums Leben kamen”

Er imaginiert “unzählige” Opfer des Gaza-Krieges, wo etwa 2100 Todesopfer auf palästinensischer Seite zu verzeichnen sind, davon ein Gutteil Djihadisten. Dass er diesen Krieg dann noch der Flucht von Juden nach Israel in die Schuhe schiebt, ist böswillig.

Die Projektion von Schuld und das manische Hochgefühl über diesen Ablass gehen häufig zusammen: Zuckermann freut sich vor allem, einen Widerspruch aufgefunden zu haben in Netanjahus Rede. Zum einen sei Israel sicherer als Europa – zum Anderen aber bedroht in seiner Existenz durch den islamischen Antisemitismus. Man darf Zuckermann gleichermaßen einen Widerspruch aufzuzeigen. Er behauptet:

Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.

Israel ist also gar nicht bedroht. Wie also kommt Zuckermann dann zu folgendem Befund?

Nicht zuletzt wegen der von Netanjahu und seinesgleichen betriebenen Politik ist das Leben von Juden schon seit Jahrzehnten gerade in Israel wie nirgendwo sonst gefährdet.”

Für Netanjahu und die Juden Europas ist dieser Widerspruch real existent und sie müssen eine Abwägung vollziehen: Wollen sie in einem Staat leben, den der Westen allem Anschein nach ohne zu Zögern dem Iran als Beute überlassen wird? Oder wollen sie in Europa in der ständigen Angst vor Übergriffen, Schmähbriefen, Hetzreden und Morddrohungen leben? Im ersten Fall können sie sich in Israel selbstbewusst organisieren, vorbereiten und wehren gegen Angriffe und ihren Alltag als Juden (religiös oder nicht) leben. In Europa ist ihre Sicherheit hingegen Spielball der Willkür der Lokalpolitik, auf den Willen der Polizei und auf die erfahrungsgemäß marginale Fachkompetenz von Judikative und Legislative ausgeliefert. Und so mancher, der eine Synagoge als Kulturgut beschützt, wird hinterher die Vernichtung Israels fordern oder zumindest den Vertretern jüdischer Organisationen abnötigen, sich von der Politik Israels zu distanzieren.

Für Zuckermann ist das alles nebensächlich, er ignoriert den realen Widerspruch aus einem anderen Grund: Ihm geht es um die Täter-Opfer-Umkehr. An allem soll Netanjahu schuld sein. Die Politiker Dänemarks und Frankreichs fantasiert er als “indigniert” in ihrer Reaktion auf “Benjamin Netanjahus fremdbestimmte Ideologisierung des Unglücks in ihrem Land”.

Zuckermanns ganze Sprache ist eine der Verharmlosung und Verschiebung. Der djihadistische Terrorangriff auf Juden, der größte der jüngeren Zeit, wird ihm im Zitat oben zum abstrakten “Unglück”. Die Opfer verschwimmen, es sind nicht einmal mehr Juden, sondern die europäischen Nationen:  “in ihrem [sic!] Land”. Kritik daran wird als “fremdbestimmt” bezeichnet, eine Vokabel, die gerade in diesem Zusammenhang dem Wörterbuch des Unmenschen entsprungen scheint.

Zuckermanns Hass auf den Zionismus reicht so tief, dass er das demagogische Bündnis mit den Antisemiten Europas nicht einmal im Geringsten zu vermeiden trachtet:

Israel strebt den für eine solche Lebensrealität unabdingbaren Frieden nicht an, weil es diesen Frieden nicht will.

Oder auch:

Die Möglichkeit, das Sicherheitsproblem mit einem realen Frieden zu lösen, ist von der israelischen Politik nie ernsthaft erwogen worden.

Israel erklärt Zuckermann zum Schuldigen für Djihadismus und Terror, die weit vor die Gründung des israelischen Staates zurückreichen. Mehr noch: den globalen Antisemitismus halte der Zionismus “am Leben“.

Und gerade weil er dies Ideologische immer wieder zum Faktor der Selbstvergewisserung erhob, mithin „Beweise“ zur Rechtfertigung des von ihm begangenen historischen Wegs suchte, musste er den Antisemitismus gleichsam als ideologischen Odem seiner Existenzberechtigung stets am Leben halten.” 

Und noch einmal, weil Zuckermann keinesfalls missverstanden werden will (und weil Wiederholung das Rezept des Demagogen ist):

Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade immer schon daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, dem Zionismus, aufwarten zu können.

Zuckermann wähnt den Antisemitismus mal nicht existent, mal ist er gleichsam nützlicher Idiot der Zionisten und wo er doch als “grassierend” sich aufdrängt, fragt er sich sofort, wie es um den “Kausalzusammenhang bestellt ist zwischen dem in der Welt grassierenden Antisemitismus und der von Israel praktizierten völkerrechtswidrigen Okkupationspolitik.

Dieses Oszillieren zwischen Verharmlosung und Schuldzuweisung macht Zuckermann systematisch, und darin folgt er im ganzen Duktus dem revisionistischen, antisemitischen Diskurs in Europa.

Zu diesem Zweck ist auch das Schoah-Andenken von Anbeginn ideologisch instrumentalisiert und die „Sicherheitsfrage“ – ungeachtet ihrer realen Dimension – zum nationalen Fetisch erhoben worden.

Der Demagoge Zuckermann weiß sich im Herzen seiner antisemitischen Leserschaft, wenn er ihnen die jüdische Stimme der Kritik anbietet, Kritik am Apostrophieren jeglicher Kritik an Israel, besonders wenn sie aus Europa kommt, als antisemitisch“.

Netanjahu wird ihm zum idealen Zerrbild eines Juden, mehr noch, “des Juden” als Personalisierung aller Juden, wie ihn der Antisemit imaginiert. “Fremdbestimmend” über die indignierten, (sprich: angeekelten) Nationen Europas, instrumentell, rational und kalt, rücksichtslos, mithin der Feind aller Völker:

Nun, dass der israelische Premier um des Machterhalts willen auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, ist bekannt. Selbst die bilateralen Beziehungen mit den USA ist er mit Affronts gegen deren Präsidenten aufs Spiel zu setzen bereit.

Weil der Leser stets rationale Motive hinter der blutgebadeten Dialektik der Geschichte vermutet, gilt als Surrogat der zumindest in westlichen Intellektuellenkreisen doch etwas altbackenen jüdischen Weltverschwörung immer irgendein Wahlkampf in Israel zur Erklärung. Kriege, Kritik und Krisen – was Netanjahu auch umtreibt, er inszeniert all das offenbar lediglich, weil er sich seinem Wähler verpflichtet fühlt. Dass Juden in Europa keine nennenswerte Wählerschicht bilden, der sich Politik auch widmen müsste, die sich durch Wahlen legitimieren muss, das kann über solcher Empörung vertuscht werden, in der sich zumal allzuoft noch ein zutiefst antisemitisches, dem 19. Jahrhundert entsprungenes Unbehagen über das Wahlrecht von emanzipierten Juden sedimentiert hat.

Noch einmal: Zuckermann hat mit solcher Propaganda vor allem die Täter-Opfer-Umkehr im Sinn. Israel, der Zionismus und als deren Personalisierung, Netanjahu werden zu Tätern und Profiteuren des Antisemitismus ernannt. Dass es dem Medium, der taz, durchaus ernst damit ist, beweist sie durch einen anderen jüdischen Antizionisten, Micha Brumlik, der sich zu einem Gesetz von Netanjahus Regierung äußert, nach dem der jüdische Staat auch offiziell als solcher definiert wird – unter expliziter Betonung der gleichen Rechte für alle Einwohner. Brumlik schließt seine Kritik an diesem Gesetz in “Was ist der Staat Israel” mit den hämischen Worten:

“Historisch Interessierte werden an das Römische Reich denken, an den vom Historiker Flavius Josephus geschilderten “Jüdischen Krieg”, der schließlich – der selbstmörderischen Politik der Zeloten wegen – in die Zerstörung des Tempels und das Ende jeder jüdischer Staatlichkeit mündete.

Auch hier erfolgt wieder die Täter-Opfer-Umkehr: Schuld an der Zerstörung der letzten Reste jüdischer Souveränität sind wiederum “selbstmörderische” Juden, jene zumal, die es wagten, im Angesicht der für die massenhaften Kreuzigungen von Juden gerodeten Wälder noch Widerstand gegen den genozidalen Furor der Römer leisteten.

Veranstaltungshinweis: “Der „Islamische Staat“, Syrien und der kurdische Widerstand.” February 26, 2015 | 08:09 pm

Podiumsdiskussion im Peter-Weiss-Haus, Rostock, am 05. März 2015, 19.00
Referenten: Thomas von der Osten-Sacken, Danyal und Felix Riedel, im Rahmen des PolDo.

Mehr Informationen:
https://freundeskreisdialektik.wordpress.com/2015/02/11/der-islamische-staat-syrien-und-der-kurdische-widerstand/

Europolitik: Ein Loch ins Boot, damit das Wasser ablaufen kann! February 26, 2015 | 08:06 am

Und: Enthüllt. Neoliberale Unternehmerfeindlichkeit. Eine kleine Segelyacht ist von einer gewaltigen Welle überspült worden. Die eher unbedarften Seefahrer strengen ihre grauen Zellen an, was zu tun sei, und geraten schnell an die Lösung: „Wir hauen einfach ein Loch in den Rumpf, damit das Wasser ablaufen kann“. Eine Fehleinschätzung, aber immerhin eine, auf die man gerechtfertigter […]

Offenes Gruppentreffen February 25, 2015 | 07:56 pm

Wir planen ein offenes Gruppentreffen. Herzlich eingeladen sind alle, die Interesse haben bei uns mitzuarbeiten. Wir werden ein bisschen über Vergangenheit und Zukunft der association [belle vie] reden, Sticker verteilen und uns gegenseitig kennenlernen. Die Veranstaltung wird am 09.03.2015 um 17:30 im UJZ Korn stattfinden. Wir freuen uns auf Euch!

Ein besonderer Bürgermeister February 24, 2015 | 07:29 pm

Der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat (Mitte) mit seinem Fahrer und seinem Leibwächter

Es ist eine Szene wie in einem Actionfilm: An einer belebten Straßenkreuzung schleicht sich ein Mann an einen anderen heran und sticht auf einmal unvermittelt mit einem Messer auf ihn ein. Dem Angegriffenen gelingt es gerade so, den Angreifer von einer Fortführung seiner Attacke abzuhalten und ihn ein wenig auf Distanz zu bringen, doch der Täter will nachsetzen. Einige der Passanten, die sich in der Nähe aufhalten, ergreifen die Flucht. Plötzlich springen drei Männer aus einem Auto und steuern gemessenen Schrittes auf den Messerstecher zu, der inzwischen auf einem Zebrastreifen steht. Einer der drei zieht eine Pistole und richtet sie auf den Angreifer, der daraufhin sein Messer fallen lässt. Ein zweiter ringt ihn erst zu Boden und kümmert sich anschließend sofort um das Opfer, während die anderen beiden den Täter an den Straßenrand bringen und ihn dort kampfunfähig machen.

All dies spielte sich am Sonntagabend ab, allerdings nicht auf der Leinwand, sondern in der Wirklichkeit, genauer gesagt: in der Realität der israelischen Hauptstadt Jerusalem. Der Täter: ein 18-jähriger Palästinenser. Das Opfer: ein 27-jähriger ultraorthodoxer Jude. Die Retter: der säkulare Bürgermeister der Stadt, Nir Barkat, höchstpersönlich sowie sein Leibwächter und sein Chauffeur. »Ich war auf dem Weg in mein Büro zu einem Treffen, als mein Fahrer und mein Bodyguard an der Kreuzung in der Nähe des Rathauses plötzlich bemerkten, dass irgendetwas los ist«, sagte Barkat auf einer Pressekonferenz. »Wir sind dann aus dem Auto gestiegen, haben uns der Szenerie genähert und gesehen, dass dort ein Terrorist mit einem Messer in der Hand steht.« Ohne nachzudenken habe sein Leibwächter seine Waffe gezogen und den Mann aufgefordert, sein Stichwerkzeug niederzulegen. Der Bürgermeister selbst war es dann, der den jungen Palästinenser mit einem gezielten, geübt wirkenden Griff auf den Asphalt beförderte, »damit er seinen Terrorangriff nicht fortsetzen kann«. Auch nach dem angegriffenen Mann, Avraham Goldshmidt, haben man umgehend gesehen. Er habe »glücklicherweise nur leichte Verletzungen erlitten«.

Nir Barkat kam bei seiner Rettungstat zweifellos seine Nahkampferfahrung zugute, die er bei der israelischen Armee gesammelt hatte. Sechs Jahre lang diente er dort, unter anderem als Kompaniechef und als Mitglied einer Fallschirmjägereinheit. In einem Gastbeitrag für die Zeitung »Israel Hayom« schrieb der Bürgermeister nun, er sei elf Jahre zuvor schon einmal Opfern eines Terrorangriffs zu Hilfe geeilt. Damals habe er sich nach einem Selbstmordanschlag auf einen Bus in Jerusalem unter anderem um eine schwerverletzte junge Frau gekümmert. Deren Mutter habe sich jetzt daran erinnert und ihn deshalb angerufen. Barkat rief die Bevölkerung auf, wachsam zu sein und in Situationen wie der am Sonntagabend ähnlich zu handeln wie er selbst. »In Momenten, in denen man einem Terroristen gegenübersteht, handelt man vor allem instinktiv«, schrieb er weiter, »und man tut, was jeder von uns tun sollte: den Terroristen unschädlich machen«.

Der Messerangriff auf Goldshmidt war nicht der erste seiner Art in Jerusalem. Bereits in den vergangenen Monaten war es in der israelischen Hauptstadt mehrmals zu solchen Attacken gekommen, die überdies weit weniger glimpflich verliefen. Im Dezember beispielsweise stach ein Palästinenser in der Altstadt auf zwei israelische Polizisten ein, im Januar verletzte ein anderer Palästinenser in einem Bus gleich zwölf Menschen durch Messerstiche. Bereits im November hatten zwei palästinensische Männer in der Kehilat-Bnei-Torah-Synagoge vier betende Juden mit Messern und Äxten regelrecht abgeschlachtet. Für die israelischen Sicherheitskräfte sind solche Angriffe nur schwer vorherzusehen und abzuwehren, da die Tatwerkzeuge im Unterschied zu Sprengstoff oder Schusswaffen frei erhältlich und somit kaum zu kontrollieren sind. Es ist eine neue Form von antisemitischem Terror – ein Terror, bei dem völlig unklar ist, wann und wo er zuschlägt, wer ihn ausübt und wen er trifft. Auch die Attacke auf Avraham Goldshmidt kam nachgerade aus dem Nichts. Umso bewundernswerter ist es, wie Nir Barkat im Verbund mit seinem Leibwächter und seinem Fahrer agiert hat.

Quellen: The Times of Israel, The Jerusalem Post, n-tv.de, Jüdische Allgemeine, Wikipedia. Ein Video der eingangs geschilderten Szene findet sich unter anderem hier.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat (Mitte) mit seinem Fahrer und seinem Leibwächter.


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Sex als Lohnarbeit February 24, 2015 | 04:32 pm

Kaum eine Debatte ist so moralisch aufgeladen wie die um Prostitution. Die Frage, ob Prostitution per se als Unterdrückung von Frauen verurteilt werden soll oder ob nicht vielmehr die Selbstorganisierung von SexarbeiterInnen ein sinnvoller Ansatz ist, zieht einen Graben auch durch feministische Zusammenhänge. Wir dokumentieren im Folgenden mehrere Beiträge, die für letztere Position argumentieren und die eine Kritik an der moralischen Verurteilung von Prostitution formulieren.

1.) 17 Grad – Prostitution ist …

In einer Themensendung von 17 Grad wurde im letzten Jahr die Prostitution behandelt. Vor allem werden Argumente von Prostitutionsgegnern unter die Lupe genommen und kritisiert. Davon ausgehend wird eine ökonomische und klassen-analytische Betrachtung der Sexarbeit entwickelt. Immer wieder wird dabei auf den Text „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ von Friedrich Engels zurückgegriffen. Die Sendung basiert auf Texten von Nichtidentisches und von Helen Ward.

„Prostitution ist nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Prostitution des Arbeiters”. Dieses Zitat von Marx könnte suggerieren, dass Prostitution für unsere Hörerinnen und Hörer eine recht klare Sache ist. Stattdessen hat sie sich als wahre Herausforderung erwiesen – und die Positionen Linker erstrecken sich von der Befürwortung von Repression und Abschaffung auf der einen Seite zur Entkriminalisierung und gewerkschaftlichen Organisierung auf der anderen Seite. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 92.3 MB; 59:59 min)

2.) Melissa Grant – Hure spielen

Im Rahmen der Reihe „Die Untüchtigen“ war im letzten Jahr die Autorin Melissa Grant im Hamburger Golem zu Gast. Im Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal hat sie ihr Buch „Hure Spielen“ vorgestellt, das im letzten Jahr bei Edition Nautilus erschienen ist. Es geht Melissa Grant in diesem Buch darum, die Perspektive umzudrehen: nicht über SexarbeiterInnen und deren Schicksal zu sprechen, sondern über jene, die sich anmaßen, für Prostituierte zu sprechen. So lässt sich herausfinden, dass es in diesen Debatten meist nicht in erster Linie um die SexarbeiterInnen selbst geht, sondern um eine moralische Legitimation einer Reihe von Berufen: PolizistInnen, JorunalistInnen, SozialarbeiterInnen, etc. – von Melissa Grant zusammengefasst als „Mitleidsindustrie“. Auf der Veranstaltung wurde zunächst Melissa Grant vorgestellt und ein Auszug aus ihrem Buch vorgelesen. Dann beantwortet sie einige Fragen, wobei es viel um einen Vergleich der amerikanischen und europäischen Verhältnisse geht.

Buchvorstellung, Gespräch »HURE SPIELEN – DIE ARBEIT DER SEXARBEIT« mit: Melissa Grant & Mithu M. Sanyal

Während die Bundesregierung an Änderungen zum Prostitutionsgesetz arbeitet, die bis Jahresende vorgenommen werden sollen, ist es in der öffentlichen Debatte zur Prostitution stiller geworden. Doch nun meldet sich in Deutschland eine junge amerikanische Stimme zu Wort: Melissa Gira Grant – ehemals Sexarbeiterin, heute Journalistin – stellt mit ihrem Buch »Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit« die Debatte vom Kopf auf die Füße und attackiert all jene, die Prostitution zum Wohle der Frauen verbieten wollen. Sie lässt Sexarbeiterinnen (und Sexarbeiter) selbst zu Wort kommen und zeigt auf, dass nicht die Arbeit der Sexarbeit eine Zumutung ist, sondern deren Kriminalisierung: entwürdigende Polizeieinsätze, Illegalität, gewalttätige Übergriffe und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Außerdem stellt Grant eine Verknüpfung her zwischen dem Umgang mit dem Thema Sexarbeit zu einer Reproduktion klassischer Geschlechterrollen und entlarvt die Position von Alice Schwarzer & Co. als paternalistischen Willen zur Kontrolle. Grants kluge Analyse liefert eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung mit einem hochaufgeladenen Thema. Im Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal stellt Grant ihr Buch vor und diskutiert über die Situation von Sexarbeitern in Deutschland. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 229.3 MB; 1:40:08 h)

Ein Interview mit Melissa Grant im Spiegel findet sich hier.

3.) Carolin Küppers – Diskurs über Sexarbeit und Menschenhandel während der WM in Südafrika

Interessanterweise gibt es immer wieder dann Wellen von moral panic über Prostitution, wenn internationale Sport-Events stattfinden – oft werden dabei Sexarbeit und Menschenhandel unzulässigerweise miteinander vermengt und nicht selten wird dabei rassistisch argumentiert. Im Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat die Wüste Welle Tübingen ein Interview mit der Soziologin Carolin Küppers geführt, die über den Diskurs über Prostitution und Menschenhandel geforscht hat und dabei auch mit südafrikanischen SexarbeiterInnen gesprochen hat. Im Interview geht es dabei auch sehr grundlegend um den Charakter und die gesellschaftliche Bewertung von Sexarbeit sowie über unterschiedliche feministische Positionen zu diesem Thema. [Teil 1 | Teil 2]

Teil 1

    Download: via FRN (mp3; ; 15:27 min)

Teil 2

    Download: via FRN (mp3; 10 MB; 13:29 min)

Radio Dreieckland hat anlässlich ähnlicher Debatten im Vorfeld der WM in Brasilien ein hörenswertes Interview mit Friedrike Strack geführt, die lange Zeit bei Davida, einer brasilianischen Prosituiertenorganisation, gearbeitet hat. Dieses Interview kann hier gehört werden.

4.) Welche Prostitution wollen wir? Prostitutionsverbot – Problemlöser oder Populismus?

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Welt am Donnerstag“ (ein Projekt der WOZ und der Autonomen Schule Zürich) fand am 05.02.2015 eine Gesprächsrunde mit Rebecca Angelini (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration) und Brigitte Obrist (ehemalige Prostituierte und ehemalige Projektleiterin bei der Aidshilfe Schweiz) statt. Anlass der Diskussion sind zunehmende rechtliche Reglementierungen für SexarbeiterInnen in der Schweiz und zunehmende Stimmen, die eine Bestrafung von Freiern fordern. Beide berichten aus den Erfahrungen von SexarbeiterInnen, plädieren für eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel, fordern eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse von SexarbeiterInnen und kritisieren jegliche Verbotsforderungen und z.B. das Schwedische Modell. Rebecca Angelini macht in der Diskussion eine Sache klar, die m.E. sehr wichtig ist: Wer es für problematisch hält, dass Frauen mehr oder weniger unfreiwillig im Bereich der Sexarbeit ihr Geld verdienen, der sollte anstatt ein Verbot der Sexarbeit zu fordern, vor allem die Ursachen dafür bekämpfen, dass zahlreiche Frauen eine äußerst beschränkte Berufswahl haben – nämlich die europäische Flüchtlingspolitik.

WELCHE PROSTITUTION WOLLEN WIR? Prostitutionsverbot – Problemlöser oder Populismus?

Die Frage, ob Prostitution verboten oder legalisiert werden soll, entzweit Europas Feminist_innen. Wenn es nach Alice Schwarzer geht, ist der Fall klar: Prostitution fördert den Menschenhandel und gehört verboten, die Freier müssen bestraft werden. In der Schweiz kommt ein Expertenbericht des Bundesrats zu einem anderen Befund: Prostituierte sollen rechtlich gestärkt werden. Politische Vorstösse von links bis rechts, die von Besserstellung bis zum Verbot des Gewerbes reichen sowie der vorliegende Expertenbericht: 2015 wird das Jahr sein, in dem in der Schweiz politisch die Weichen gestellt werden, welcher Weg eingeschlagen wird. [via]

    Download: via FRN (mp3; 54 MB; 59:28 min)

Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland werden Debatten darüber geführt, Sexarbeit zu reglementieren und wichtige Errungenschaften zurückzunehmen. Hierüber hat im letzten Jahr Sonja Dolinsek ein Interview bei Radio Corax gegeben, welches hier nachgehört werden kann.

Das Ex-Magazin hat im letzten Jahr einen offenen Antwortbrief von Sascha Bergthal an Tanja Rahm veröffentlicht, die zuvor in der Welt ihrerseits einen Offenen Brief geschrieben hatte. Beiträge zum Thema im Audioarchiv findet ihr hier: Leib ohne Trieb – Von der Prostitution zur Sexarbeit | Femen und der Feminismus.

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Aufstieg und Fall des Individuums – Stapelfeldts Kritik der… February 23, 2015 | 06:54 pm



Aufstieg und Fall des Individuums - Stapelfeldts Kritik der bürgerlichen Anthropologie

Der kalte ökonomische Blick auf Pinochet & Hayek February 22, 2015 | 09:00 am

Worüber bezüglich Chile keiner spricht. „Hayeks Ablehnung von Beschäftigungspolitik, Wohlfahrtsstaat und progressiven Steuern sowie seine Verherrlichung der Marktergebnisse sind das eine. Mit diesen wirtschaftspolitischen Positionen ist eine intellektuelle Auseinandersetzung möglich. Die Unterstützung für den Militärputsch des Diktators Augusto Pinochet und damit für die Ermordung und Folterung zigtausender Menschen hat eine andere Qualität. Sie würde es unmöglich machen, diesem Menschen […]

There’s no Business like NGO Business February 21, 2015 | 12:51 pm

Antiisraelische Demonstration während der »Weltkonferenz gegen Rassismus« in Durban, September 2001

Obwohl es weitaus schlimmere Krisenregionen auf der Welt gibt, ist die Dichte an Nichtregierungsorganisationen nirgendwo so hoch wie in den palästinensischen Gebieten und in Israel. Die angeblich so uneigennützigen und hilfsbereiten NGOs folgen dort allerdings ganz anderen Motiven als purer Menschenfreundlichkeit. Und sie werden dabei von europäischen Regierungen und Parteistiftungen kräftig unterstützt – politisch wie finanziell.

Als die zuständigen israelischen Behörden die Fracht der aufgebrachten Schiffe, die zur »Free Gaza«-Flottille gehörten, gelöscht hatten, zogen sie nüchtern Bilanz. »Die Güter stellen keine humanitäre Hilfe im eigentlichen Sinne dar (Grundnahrungsmittel, neue und funktionstüchtige Gerätschaften, frische Medikamente)«, hieß es in einem vom israelischen Außenministerium veröffentlichten Bericht vom 7. Juni 2010. Die Ladung sei »nicht sachgemäß verpackt«, sondern »im Laderaum der Schiffe verstreut und dadurch teilweise beschädigt« worden, ein »großer Teil des Transportgutes, insbesondere Schuhe und Kleidung«, sei »gebraucht und abgetragen« gewesen, und ein Teil der Medikamente habe das Verfallsdatum bereits überschritten oder werde es in Kürze überschreiten.

Mit anderen Worten: Das, was die vermeintlich pro-palästinensischen Aktivisten da an Bord hatten, war zu einem nicht geringen Teil wertloser bis gesundheitsgefährdender Schrott. Doch das schien ihnen nicht einmal peinlich zu sein, schließlich war es ohnehin nicht ihr Ziel, notleidenden Palästinensern im Gazastreifen zu helfen, wie Greta Berlin, die Sprecherin des »Free Gaza Movements«, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP freimütig bekannte: »Bei dieser Mission geht es nicht darum, humanitäre Güter zu liefern, es geht darum, Israels Blockade zu brechen.«

Das Ergebnis des Unterfangens ist bekannt: Israelische Spezialeinheiten stoppten die Flottille in den Gewässern vor der Küste von Gaza und wurden auf dem größten Schiff, der türkischen »Mavi Marmara«, von mehreren Dutzend Islamisten mit Messern, Eisenstangen und Äxten attackiert. Die Auseinandersetzungen endeten mit neun Toten und zahlreichen Verletzten. Die Initiatoren und Organisatoren der »Freiheitsflotte« durften sich trotzdem über einen propagandistischen Erfolg freuen, schließlich hatte der Hamas-Führer Ismail Haniya bereits vor der großen Fahrt frohlockt: »Wenn die Schiffe Gaza erreichen, ist das ein Sieg – und wenn sie von den Zionisten terrorisiert werden, ist das ebenfalls ein Sieg.«

Mit den deutschen Sektionen der »Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung« (IPPNW) und »Pax Christi« hatten sich auch zwei hierzulande tätige Nichtregierungsorganisationen an der Flottille beteiligt. Matthias Jochheim, stellvertretender Vorsitzender der IPPNW und Passagier auf der »Mavi Marmara«, behauptete hernach in einem Interview des »Kölner Stadt-Anzeigers« wider alle Evidenz, alle Aktivisten an Bord habe »das Prinzip der Gewaltfreiheit und das Ziel, humanitäre Hilfe für Gaza zu leisten«, geeint.

Er musste nicht befürchten, dass man ihm auf die Schliche kommt, schließlich konnte er davon ausgehen, dass zwei Dinge in Deutschland unverrückbar feststehen: erstens, dass die Israelis zu jedem Gewaltverbrechen willens und fähig sind; zweitens, dass NGOs stets das Wohl der Mühseligen und Beladenen im Sinn haben. Wer wollte da schon in Zweifel ziehen, dass es sich bei der »Free Gaza«-Flotte um eine von uneigennütziger Hilfsbereitschaft geprägte Mission handelte, die von der israelischen Marine brutalstmöglich niedergemetzelt wurde? Ja, wer wollte überhaupt in Frage stellen, dass NGOs edle, hilfreiche und gute Vereinigungen sind, die nichts als pure Menschenfreundlichkeit im Sinn haben?


Die palästinensischen Gebiete, das Eldorado für NGOs

Dabei lohnt sich vor allem ein Blick auf deren Tun in den palästinensischen Gebieten, dort also, wo die NGO-Dichte weltweit am höchsten ist. Mehr als tausend Nichtregierungsorganisationen – palästinensische wie europäische, amerikanische wie israelische – tummeln sich nach Angaben der in Jerusalem ansässigen Organisation »NGO Monitor« allein im Westjordanland. Dass diese massive Präsenz damit zusammenhängt, dass das Elend in den Autonomiegebieten besonders groß ist und sich sonst niemand um die dort Lebenden kümmert, lässt sich dabei nicht seriös behaupten. Die Lebenserwartung der Bewohner des Gazastreifens etwa beläuft sich auf 74 Jahre und ist damit höher als in Ägypten, der Türkei und über hundert weiteren Staaten. Die Kindersterblichkeit hat ungefähr das Niveau von Bulgarien und liegt niedriger als in den meisten süd- und mittelamerikanischen Ländern. Die Bevölkerungsdichte ist erheblich geringer als beispielsweise jene von Mexiko-Stadt.

Zudem empfängt pro Kopf weltweit niemand mehr ausländische Finanzhilfen als die Palästinenser, wie die Analysen des jährlich erscheinenden »Global Humanitarian Assistance Report« zeigen. Dieser Bericht ist das Werk international tätiger Entwicklungsorganisationen, die unter anderem auswerten, welche Zuwendungen an wen geleistet werden – von Regierungen, von den Vereinten Nationen, von NGOs, von internationalen Organisationen, von privaten Initiativen. Und die Vereinten Nationen haben den Palästinensern sogar ein eigenes Flüchtlingshilfswerk eingerichtet, nämlich die »United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East« (UNRWA), während für alle anderen Flüchtlinge auf der Welt der UNHCR zuständig ist. Die UNRWA ist die größte Einzelorganisation der Uno und mit 29.000 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Region nach dem öffentlichen Dienst; sie verfügt über ein jährliches Budget von rund 1,2 Milliarden Euro.

An Geld und Ressourcen fehlt es in den palästinensischen Gebieten also nicht gerade – und etliche NGOs leisten dort dann auch gar nicht in erster Linie das, was gemeinhin humanitäre Hilfe genannt wird, sondern verfolgen vielmehr eine dezidiert politische Agenda. Eine Agenda, die letztlich auf die berüchtigte »Weltkonferenz gegen Rassismus« zurückgeht, die von der Uno im August und September 2001 im südafrikanischen Durban veranstaltet wurde. Eine erdrückende Mehrheit der Teilnehmerstaaten verwandelte diese Konferenz in ein regelrechtes Tribunal gegen Israel, das als Ausgeburt des Rassismus und des Kolonialismus an den Pranger gestellt wurde. Noch schlimmer ging es im parallel tagenden NGO-Forum zu, an dem mehr als 1.500 Nichtregierungsorganisationen teilnahmen, darunter auch große und prominente wie »Amnesty International« und »Human Rights Watch«.


Koordinierte Kampagnen gegen Israel: die »Durban-Strategie«

In der Schlusserklärung wurde der jüdische Staat bezichtigt, ein »Apartheidregime« zu sein und »ethnische Säuberungen« zum Nachteil der Palästinenser zu verüben; zudem wurden die Wiedereinsetzung einer (später zurückgenommenen) UN-Resolution aus dem Jahr 1975, in der Zionismus als eine Form des Rassismus bezeichnet wurde, sowie Boykotte, Sanktionen und eine diplomatische Isolierung Israels gefordert. Auf dem Konferenzgelände verteilten palästinensische NGOs Kopien der »Protokolle der Weisen von Zion« und andere antisemitische Pamphlete. Mehrfach wurden jüdische Teilnehmer des NGO-Forums verbal und körperlich angegriffen.

Das Abschlussdokument des Forums wurde in den folgenden Jahren mehr und mehr zu einem Aktionsplan für NGOs, die sich als pro-palästinensisch verstehen. Es war die Grundlage »für koordinierte NGO-Kampagnen, in denen Israel als das neue Südafrika dargestellt wurde«, wie »NGO-Monitor« resümiert. Die »Durban-Strategie« war geboren: Mit Hilfe einer menschenrechtlich verbrämten Rhetorik, unter Berufung auf dubiose »Zeugenaussagen« angeblicher Opfer und unter nahezu vollständiger Ausblendung des palästinensischen Terrors sollte der jüdische Staat künftig dämonisiert und delegitimiert werden. Beispiele für solche Kampagnen sind der Versuch, den Antiterroreinsatz der israelischen Armee in Jenin im Jahr 2002 zum »Massaker« umzulügen, der konzertierte Aufruf zu einem akademischen Boykott Israels an britischen Universitäten im Jahr 2005 und die zahllosen Erklärungen, in denen während des Libanonkrieges im Sommer 2006 der israelischen Armee Kriegsverbrechen sowie Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen wurden, bei gleichzeitiger Verharmlosung der Terrorangriffe der Hisbollah.

Auch die enge Zusammenarbeit mit der »Goldstone-Kommission« des notorischen UN-Menschenrechtsrats wäre hier zu nennen: Der Bericht dieses Gremiums, in dem Israel schwerster Menschenrechtsverletzungen während der Militärschläge gegen die Hamas Ende 2008, Anfang 2009 bezichtigt wurde, stützte sich in wesentlichen Teilen auf höchst zweifelhafte, nicht überprüfte »Expertisen« antiisraelischer NGOs. Richard Goldstone, Namensgeber und Vorsitzender des Gremiums, nahm ihn später faktisch zurück. Die »Free Gaza«-Flottille wiederum wurde nicht nur von der IPPNW und »Pax Christi«, sondern auch von zahlreichen weiteren Nichtregierungsorganisationen unterstützt oder verteidigt, darunter »Amnesty International«, »Human Rights Watch« und »Oxfam«.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ist es beispielsweise nur ein dummer Zufall, dass ein langjähriger Mitarbeiter der »Ärzte ohne Grenzen« wie Mazab Bashir im Mai 2007 verhaftet wurde, weil er unter anderem ein Attentat auf den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert geplant haben soll? (Ein Plan, der von seinem Vorgesetzten bei den Ärzten ohne Grenzen übrigens lapidar mit den Worten kommentiert wurde: »Wir möchten klarstellen, dass wir unterscheiden zwischen seiner Arbeit und dem, was er in seiner Freizeit tut.«) Ist es lediglich eine Minderheitenmeinung, wenn, wie im November 2012 geschehen, eine Koalition von 22 NGOs – darunter solch bekannte wie »Medico International«, »Pax Christi« und die Diakonie – zu einem Boykott israelischer Waren aufruft? Wie kommt es, dass »Human Rights Watch« nicht einmal vor einer Sammlung von Spendengeldern in Saudi-Arabien zurückschreckt, wenn es um den Kampf gegen Israel geht? Und was soll man davon halten, wenn »Breaking the Silence« der israelischen Armee vorwirft, palästinensische Zivilisten als »menschliche Schutzschilde« missbraucht oder gar ohne Vorwarnung erschossen zu haben, als Zeugen jedoch nur israelische Soldaten aufbieten kann, die anonym bleiben und die Verbrechen, die sie beklagen, zudem nur vom Hörensagen kennen?


Wie Initiativen gegen den jüdischen Staat finanziert werden

Finanzielle Unterstützung erhalten etliche Nichtregierungsorganisationen nicht zuletzt von diversen Regierungen oder staatlichen Einrichtungen, vor allem aus Europa. Besonderer Zuneigung erfreuen sich in diesem Zusammenhang israelische NGOs – genauer gesagt: diejenigen unter ihnen, deren Arbeit vor allem in Boykottaktivitäten gegen den jüdischen Staat sowie in Kampagnen zu dessen Dämonisierung und Delegitimierung besteht. 24 Gruppierungen dieses politischen Zuschnitts haben zwischen 2012 und 2014 rund 23,7 Millionen Euro erhalten. Zu diesem Ergebnis kommt »NGO Monitor« in einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht. Berücksichtigt wurden bei der Berechnung sowohl direkte finanzielle Zahlungen durch ausländische Regierungen als auch Mittel, die über staatlich geförderte Stiftungen und NGOs geflossen sind. Der größte Geldgeber war im untersuchten Zeitraum demnach die Europäische Union mit 4,2 Millionen Euro, gefolgt von Norwegen (3 Millionen Euro), den Niederlanden (2,5 Millionen Euro) und Deutschland (2,2 Millionen Euro).

»NGO Monitor« stützt sich dabei auf die Zahlen, die von den israelischen NGOs selbst an die staatliche Registrierungsstelle für Non-Profit-Organisationen gemeldet wurden. Diese Meldungen sind obligatorisch, nachdem im Februar 2011 ein Gesetz in Kraft trat, das NGOs verpflichtet, direkte und indirekte Zuwendungen durch ausländische Regierungen sowie den vorgesehenen Verwendungszweck dieser Mittel offenzulegen. Dazu müssen die Vereinigungen vierteljährlich eine entsprechende Übersicht an die Registrierungsstelle schicken, die diese Informationen anschließend publiziert.

Die Auswertung von »NGO Monitor« konzentriert sich auf diejenigen Vereinigungen, die eine gegen den jüdischen Staat gerichtete, fundamentaloppositionelle politische Agenda haben, also nicht als humanitäre Hilfsorganisationen fungieren und nicht auf eine Kooperation und Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern setzen. Zu den Aktivitäten dieser Gruppierungen gehören beispielsweise die Beteiligung an der sogenannten BDS-Bewegung – die einen Boykott israelischer Waren und Einrichtungen, Sanktionen gegen den jüdischen Staat sowie einen Kapitalabzug aus Israel befürwortet –, eine Kriminalisierung sämtlicher Handlungen der israelischen Armee als »Kriegsverbrechen« und eine Verharmlosung palästinensischer Terrorgruppen. Die Zuwendungen ausländischer Regierungen, Stiftungen und NGOs an diese Organisationen machen rund 60 Prozent der Gelder aus, die an all jene 75 israelischen Vereinigungen geflossen sind, die in den vergangenen drei Jahren ihre Einnahmen an die Registrierungsstelle gemeldet haben.


Kirchliche Einrichtungen und Parteistiftungen als willige Helfer

Zu den größten und bekanntesten Geldempfängern gehört mit drei Millionen Euro »B’Tselem«, eine israelische NGO, die Israel als »Apartheidstaat« verunglimpft und ihm in der Vergangenheit auch vorgeworfen hat, Nazimethoden anzuwenden. Unlängst geriet die Vereinigung in die Kritik, weil einer ihrer Aktivisten dem israelisch-amerikanischen Publizisten Tuvia Tenenbom vor laufender Kamera sagte, der Holocaust sei »eine Lüge« und »eine Erfindung der Juden«. »B’Tselem« dementierte die Äußerung zunächst, dann erfolgte eine halbherzige Distanzierung und schließlich die Ankündigung, sich von dem Mitarbeiter zu trennen.

»Brot für die Welt/Evangelischer Entwicklungsdienst« unterstützte die NGO zwischen 2012 und 2014 mit Zuschüssen von insgesamt rund 480.000 Euro. Damit ist diese nicht zuletzt aus staatlichen Zuschüssen finanzierte kirchliche Einrichtung einer der Hauptförderer von B’Tselem. Nach Ansicht von »Brot für die Welt« handelt es sich bei der israelischen Vereinigung um eine Menschenrechtsorganisation, die »über Menschenrechtsverletzungen beider Seiten« berichtet, »der israelischen wie der palästinensischen«. Allerdings zeigt ein Blick auf die Aktivitäten und Stellungnahmen von »B’Tselem«, dass der Terror gegen Israel und andere Verbrechen, die von palästinensischer Seite begangen werden, für sie lediglich eine völlig marginale Rolle spielen.

Bereits im Juni 2014 hatte »NGO Monitor« einen Bericht vorgelegt, der sich mit der Finanzierung und der politischen Unterstützung fundamental antiisraelischer Vereinigungen aus Israel und den palästinensischen Gebieten durch staatliche und staatlich geförderte deutsche Einrichtungen und Organisationen befasst. Er kam zu dem Ergebnis, dass nicht zuletzt die deutschen Parteistiftungen eine gewichtige Rolle spielen. So kooperiere etwa die Rosa-Luxemburg-Stiftung eng mit der israelischen NGO »Zochrot«, der es ein Anliegen sei, den palästinensischen Mythos von der sogenannten »Nakba« zu pflegen. Mit diesem Begriff, der übersetzt »Katastrophe« bedeutet, wird im arabischen Raum die israelische Staatsgründung bezeichnet, die man bekanntlich für illegitim hält. Außerdem schließe sich »Zochrot« der Forderung nach einem »Rückkehrrecht« für die palästinensischen »Flüchtlinge« an, was das Ende Israels als jüdischer Staat bedeuten würde, und bezichtige die israelische Armee »ethnischer Säuberungen«.

Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt, wie auch die Konrad-Adenauer-Stiftung, nach Angaben von »NGO Monitor« unter anderem die palästinensische NGO »Miftah«, die Israel »Massaker«, einen »kulturellen Genozid«, »Kriegsverbrechen« und »Apartheid« vorwerfe und auf ihrer Website auch schon mal antisemitische Verschwörungstheorien verbreite. Die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeite mit der »Palestinian Academic Society for the Study of International Affairs« (PASSIA) zusammen, die sich an antiisraelischen Boykottaktivitäten beteilige und Israel vorhalte, ein Apartheidstaat zu sein.


Wie redlich sind NGOs?

Längst hat sich also ein regelrechtes Hilfsbusiness entwickelt, das sich vom sogenannten Nahostkonflikt buchstäblich nährt. Viele Mitarbeiter von NGOs wären arbeitslos, wenn es ihn nicht mehr gäbe, denn ein Ende von Krieg und Krise im Nahen Osten würde ihre Tätigkeit schlichtweg überflüssig machen. Insofern liegt es nahe, dass sie neben dem ideologischen auch ein handfestes materielles Interesse daran haben, die Zustände, die sie vordergründig kritisieren, zu perpetuieren und sich dabei scheinbar auf der Seite der Entrechteten und Unterdrückten zu positionieren. Zupass kommt den NGOs – die faktisch kaum einer Kontrolle unterliegen – dabei, dass in einer ohnehin mehrheitlich antiisraelisch gesinnten Öffentlichkeit kaum jemand die Redlichkeit ihrer Motivation anzweifelt und nur wenige ihre Aktivitäten und Stellungnahmen infrage stellen.

Eine Ausnahme bildet diesbezüglich Tuvia Tenenbom. In seinem neuen Buch »Allein unter Juden« kritisiert er die Arbeit der politischen NGOs in Israel und ihre Unterstützung aus Europa scharf. Er sei bei seinen Recherchen auf viele Vereinigungen gestoßen, »die angeblich die Durchsetzung der Menschenrechte und den Frieden zum Ziel haben«. Sie widmeten sich »in Wahrheit aber der Zerstörung des Staates Israel und der Delegitimierung seiner jüdischen Bürger«. Die europäischen NGO-Aktivisten, so Tenenbom, reisten dabei »tausende von Kilometern, um den Juden zu erwischen – wo immer sie ihn finden«. Sie verstünden sich »als rechtschaffene Leute«, seien aber »in Wirklichkeit Menschen, die an einem Überlegenheitsgefühl kranken, und ihr Judenhass ist unerträglich«.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Antiisraelische Demonstration während der »Weltkonferenz gegen Rassismus« in Durban, September 2001


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Einführung in den Marxismus – Teil I und II February 21, 2015 | 10:46 am

Im „Radiokolleg“ auf FSK hat kürzlich eine Sendereihe begonnen, die sich in je einstündigen Sendungen und im Gespräch mit Georg Fülberth einer Einführung in die marxistische Theorie widmet. Für Leute, die sich einen Überblick über Aspekte marxistischer Gesellschaftskritik verschaffen möchten, seien diese hörenswerten und einfach verständlichen Sendungen empfohlen.

Sendung I

Die erste Sendung beginnt mit der Frage, wer Marx gewesen ist und zeichnet die Entwicklung des historischen Materialismus nach. Ausgehend von Hegel, über Feuerbach, bis zum Studium der Nationalökonomie werden die Etappen des theoretischen Werdegangs Marxens nachgezeichnet. Dann gibt Fülberth kurze Inhaltsangaben der drei Bände des Kapitals und geht zuletzt auf den Revolutionszyklus seit 1789 und die damit verbundenen Revolutionserwartungen ein, die auch Marx und Engels teilten und die ihre politische Betätigung prägten.

    Download: via AArchiv | via FRN (mp3; 48.4 MB; 52:49 min)

Sendung II

In der zweiten Sendung unternimmt Fülberth noch einmal den Versuch einer Kurzdarstellung der Marx’schen Herangehensweise an die begriffliche Durchdringung der kapitalistischen Produktionsweise. Dafür wirft er einen ausführlicheren Blick in die drei Bände des „Kapitals“. Im Zentrum steht die Frage „Woher kommt der Profit?“ und gestreift werden die Kategorien der Ware, des Lohns, der Arbeitskraft und es geht um den Kampf um die Länge des Arbeitstags bzw. der Arbeitswoche. Außerdem geht es um den Begriff der Akkumulation und um die ursprüngliche Akkumulation. Zuletzt widmet sich Fülberth dem Verhältnis von Produktionsmittelsektor und Konsumgütersektor und dem damit verbundenen Krisenpotential und stellt zuletzt einige Überlegungen zu Entwicklungstendenzen des Kapitalismus an.

    Download: via AArchiv | via FRN (mp3; 48.7 MB; 53:12 min)

In beiden Sendungen gibt Fülberth am Schluss einführende Literaturhinweise. So empfiehlt er das Einführungsbändchen von Michael Heinrich sowie seine eigene Einführung, »Das Kapital« kompakt. Als Einstieg empfiehlt er außerdem Marxens Broschüre „Lohn, Preis und Profit“.

Die Sendereihe wird nach Angabe der Sendungsmacher bis Mitte 2015 fortgesetzt. Dabei soll es dann auch um Rosa Luxemburg, Lenin und die Geschichte der Sowjetunion gehen. Wir werden diese Folgen zu gegebener Zeit an dieser Stelle dokumentieren.

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FGM becoming more popular in Malaysia February 21, 2015 | 10:35 am

VICE reports how FGM is spreading in Malaysia due to to current Islamization of the the country:

“I’m circumcised because it is required by Islam,” she says. The Malay word she uses is wajib, meaning any religious duty commanded by Allah. Syahiera is aware of how female circumcision is perceived in the West, but rejects any notion that it’s inhumane. “I don’t think the way we do it here is harmful,” she says. “It protects young girls from premarital sex as it is supposed to lower their sex drive. But I am not sure it always works.”(…)

Regardless of how cruel FGM is, the majority of Muslim women in Malaysia are, like Syahiera, circumcised. A 2012 study conducted by Dr. Maznah Dahlui, an associate professor at the University of Malaya’s Department of Social and Preventive Medicine, found that 93 percent of Muslim women surveyed had been circumcised. Dahlui also discovered that the procedure is increasingly performed by trained medical professionals in private clinics, instead of by traditional circumcision practitioners called Ma Bidans.(…)

Malaysian medical practitioners also defend the practice by passing judgment onto other countries. “We are very much against what is going on in other countries like Sudan,” said Dr. Ariza Mohamed, an obstetrician and gynecologist at KPJ Ampang Puteri Specialist Hospital in Kuala Lumpur. “That is very different from what we practice in Malaysia,” she added. “And there is a big difference between circumcision and female genital mutilation.”

Die guten Bösen? Mit der Islamischen Republik gegen den Islamischen Staat February 20, 2015 | 01:06 pm

Ein Beitrag von Thomas von der Osten-Sacken auf dem Sicherheitspolitikblog:

Obamas außenpolitische Strategie, die, wie erst kürzlich Michael Doran im Mosaic Magazine ausführte, seit 2009 konsequent auf eine Annäherung an den Iran setzt und dafür auch bereit ist, traditionelle Alliierte wie Israel, die Türkei, Ägypten und Saudi Arabien zu düpieren, wird deshalb keine Erfolge zeitigen, sondern im Gegenteil eher der nächsten Katastrophe den Weg bereiten helfen. Zugeständnisse, etwa im Atomprogramm, werden in Teheran nur als Schwäche verstanden. Und wenn schiitische Houthi-Milizionäre im Yemen, ihre Kampfbrüder der Hizbollah im Libanon und Irak oder Revolutionsführer Khamenei „Tod Israel, Tod den USA“ rufen, dann meinen sie das auch weiterhin so.

So treibt der Iran seine regionale Expansion in rasantem Tempo voran – trotz niedriger Ölpreise und hoher finanzieller und militärischer Verluste unter iranischen Offizieren und Soldaten. Dabei handelt die Islamische Republik keineswegs aus einer Position der Stärke, sondern profitiert lediglich von der Uneinigkeit und Schwäche ihrer Gegner. Das macht die aktuelle Lage umso gefährlicher.

Der Islamische Staat wird nachhaltig nur zu besiegen sein, wenn endlich auch im Westen die einfache Botschaft verstanden wird, dass es eben keine guten und schlechten Radikalen gibt. Die Region hat nur dann eine Zukunft jenseits von Mord, Totschlag, Vertreibung und Krieg, wenn man endlich aufhört zu glauben, es gäbe doch irgendwo den guten Bösen, der in dieser Region für Stabilität und Ruhe sorgen könne.

Den ganzen Artikel lesen

Machtübernahme February 19, 2015 | 11:25 pm


Klassenkampf im Dunkeln February 19, 2015 | 02:22 pm

Dietmar Dath im Gespräch mit Thomas Ebermann

Dath und Ebermann haben sich offensichtlich seit längerer Zeit einmal vorgenommen, miteinander öffentlich zu diskutieren – kürzlich wurde der Mitschnitt dieser Diskussionsveranstaltung, die am 14.12.14 im Hamburger Golem stattfand, bei Soundcloud veröffentlicht. Dietmar Dath nimmt die Behauptung von Wolfgang Pohrt, die Verwissenschaftlichung der Revolution sei ein großer Quatsch (siehe auch hier), zum Ausgangspunkt, um zu begründen, warum er und Barbara Kirchner (u.a. in „Implex“ und „Klassenkampf im Dunkeln“) am Anspruch wissenschaftlichen Denkens festhalten und sich dabei explizit auf Wissen und Denkmodelle aus den Naturwissenschaften bedienen. Ebermann kritisiert dann einige Sachen, die er an Dath schon immer mal kritisieren wollte und dann kommen sie ins Gespräch über das Verhältnis von Kritik und Spekulation, die Stellung zum Staat, Produktivkraftentwicklung und Fortschritt.

Talkin’ bout a Revolution

Der Sozialismus ist kein schwer verständliches und lückenhaftes Traumgebilde. Er ist die erreichbare Konsequenz geschichtlicher Erfahrungen – die praktische Aufhebung des bestehenden Unrechts. Das Ziel mag weit entfernt, und die Kräfte zur Erzwingung eines besseren gesellschaftlichen Zustands mögen schwach sein. Dennoch gilt es zu kämpfen, zu streiten, zu organisieren, zu propagieren, zu erfinden und auszuprobieren und es kommt darauf an, sich nicht dumm machen zu lassen von dem ganzen Mitmachgewürge, das mit der bestehenden Scheiße einverstanden ist.

Dietmar Dath stellte an diesem Abend sein Buch Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen vor, erklärt wie all das gehen könnte und was auf dem Weg zu einem neuen Sozialismus zu tun wäre. Mit ihm diskutiert Thomas Ebermann. Gemeinsam werden sie einige sozialistische Übungen probieren und dem Publikum kein revolutionäres Geheimnis vorenthalten. Es wird gefachsimpelt, debattiert und gestritten, bis das Stuhlbein regiert. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 124.9 MB; 2:15:44 h)
    Hören: bei Soundcloud
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Der Entwarner February 18, 2015 | 06:08 pm

Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins für Stolpersteine in München, zerstreute heute in der Süddeutschen Zeitung und im Münchner Merkur viele Sorgen. Nirgends seien Jüdinnen und Juden so gut „integriert“ wie in Deutschland. Antisemitismus sei hierzulande keine große Gefahr mehr. Stimmt das?

In der heutigen Ausgabe des Münchner Merkurs gibt Swartzberg zu verstehen: „Es gibt kein Land auf der Welt, in dem Juden so gut integriert leben können wie in Deutschland.“ Jeder, der eine Kippa oder einen Davidstern trage, könne das bestätigen, so Swartzberg. Dabei ist es gar nicht lange her, dass ein Mann aufgrund seines Davidsterns in Berlin zusammengeschlagen wurde. Auch in Bayern ist dies schon mehrfach vorgekommen. Immer wieder gibt es Übergriffe auf Juden, die eine Kippa tragen. Wie begründet Swartzberg seine Thesen?

Swartzberg hat seine Erfahrungen offenbar in einem Selbstversuch gesammelt. Zwei Jahre war er mit Kippa unter anderem in München, der Sächsischen Schweiz oder Neukölln unterwegs und habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Jetzt sei er laut Süddeutscher Zeitung unzufrieden, weil die Münchner Juden seinem Beispiel nicht folgen würden. „Alle wollen an diesem Grundbild festhalten, dass Deutschland antisemitisch ist“, beklagt er gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Dass „alle“ Jüdinnen und Juden das so sehen würden, kann bezweifelt werden. Ebenso seine Behauptung, dass das allen unterstellte „Grundbild“ völlig falsch sei. In Deutschland gibt es weit verbreiteten Antisemitismus; das beweisen die Umfragen beispielsweise der Friedrich-Ebert-Stiftung und anderer Institute jedes Jahr aufs Neue.

Vorsicht nicht vorgeschrieben, aber nachvollziehbar
Mit 25 antisemitisch motivierten Gewaltdelikten im Jahre 2014 mag in Deutschland zwar weniger konkrete Gewalt angezeigt sein als in manchen anderen Ländern. Das bedeutet aber nicht, dass hierzulande nicht eine ähnlich große Schwungmasse wie in Frankreich in Bewegung geraten könnte. Das Potenzial haben nicht zuletzt die antisemitischen Aufmärsche in 2014 deutlich gezeigt.

Antisemitismus gäbe es hier zwar schon, betont Swartzberg gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Wenn etwa über die Politik Israels diskutiert werde, sei der Weg zu Ressentiments gegen Juden nicht weit. „Aber muss man deshalb in Angst leben?“, fragt er. Die Frage Swartzbergs ist deshalb sonderbar, da die Morde in Frankreich und Kopenhagen überdeutlich zeigen, wie kurz der Weg vom Israelhass zum antisemitischen Übergriff ist. Im Übrigen wurden auch in Deutschland Angriffe auf Synagogen und jüdische Friedhöfe häufig mit der Politik Israels begründet. Eine gewisse Vorsicht erscheint vor diesem Hintergrund zumindest nachvollziehbar.

Eine Kippa für Deutschland
Nun wolle Swartzberg Kippot mit Aufdrucken wie „Ich liebe Deutschland“ kostenlos verteilen. Wer eine haben wolle, müsse sie aber auch öffentlich tragen, sagt er. Hierzu gäbe es viel anzumerken. Mindestens aber, dass die Vermischung von religiösen mit politischen Symbolen nur in sehr wenigen Fällen sinnvoll ist, in der Hauptsache aber eher beängstigend. Selbst Vertreter der ausgesprochen staatstragenden Evangelischen Kirche zeigten sich beispielsweise sichtlich angewidert, als letzthin christliche Kreuze in Deutschlandfarben auf „Pegida“-Demonstrationen zu sehen waren. „Wenn ich sehe, dass da schwarz-rot-gold angestrichene Kreuze hochgereckt werden, gruselt es mich“, sagte der frühere Präsident des Lutherischen Weltbunds.

Swartzbergs Aussagen in der heutigen Süddeutschen Zeitung sowie im Münchner Merkur sind deshalb ärgerlich, da die Artikel Kritikerinnen und Kritikern des Antisemitismus in der nächsten Zeit häufiger entgegengehalten werden dürften. Sie sind sicherlich Balsam für Anhänger des Alles-Wieder-Gut-Deutschland, genauso wie das Stolpersteinprojekt, zu dem übrigens kürzlich ein lesenswerter Artikel im Mitgliedermagazin der grünen Jugend erschienen ist. Stimmen, die vor dem in Europa und Deutschland erstarkenden Antisemitismus warnen, ist mit dem SZ-Artikel allerdings wenig geholfen. Dessen mag sich Swartzberg nicht bewusst sein – und damit ist er auch nicht alleine. Dennoch ist es ärgerlich.

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Dschihad February 18, 2015 | 12:30 pm

Letztes Jahr wurde viel über den ersten Weltkrieg geredet. Dieses Jahr wird aufgrund der jüngsten Ereignisse heftig über den Dschihad diskutiert. Dass letzterer historisch in einer Verbindung mit dem Deutschen Kaiserreich und dem ersten Weltkrieg steht ist hingegen kaum bekannt. Die GenossInnen von 17 Grad haben diesen Zusammenhang in einer Doppelsendung herausgearbeitet, die wir hier dokumentieren. Zunächst beleuchten Sie, wie der Terminus des „heiligen Krieges“ in der Tradition deutscher Außenpolitik verwendet wurde. Dann rekonstruieren sie, wie die außenpolitischen Beziehungen des Deutschen Reiches zu einer Neubewertung des Islams führten und wie das Deutsche Reich versuchte, dschihadistische Aufstände in britischen und französischen Kolonien zu entfachen. Es werden einzelne Protagonisten der „Operation Dschihad“ vorgestellt, insbesondere Max von Oppenheim. Während in der ersten Sendung die Beziehungen des Deutschen Reiches zur Türkei im Vordergrund stehen, werden in der zweiten Sendung die Beziehungen zu Marokko, Algerien, Lybien und anderen arabischen Staaten beleuchtet.

Sendung 1

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Sendung 2

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Der tragische Held von Kopenhagen February 17, 2015 | 01:53 am

Dan Uzan

Es ist Sonntag, kurz nach Mitternacht, als vor der Großen Synagoge in der Kopenhagener Krystalgade plötzlich Schüsse fallen. Dan Uzan (Foto), der Sicherheitsmann im jüdischen Gotteshaus, zögert keinen Moment. Nachdem wenige Stunden zuvor in einem Kulturcafé in der dänischen Hauptstadt ein Mann während einer Veranstaltung zum Thema Meinungsfreiheit ermordet worden ist, ahnt er sofort, dass ernste Gefahr im Verzug ist. Der 37-Jährige eilt in die Synagoge, wo 80 Menschen die Bat Mitzwa eines zwölfjährigen Mädchens feiern, und hält die Feiergesellschaft energisch dazu an, die Musik auszustellen und sich unverzüglich in den Keller zu begeben. Zwei Stunden lang verstecken sich die Gäste dort anschließend, dann werden sie von der Polizei durch einen Notausgang zu Bussen geleitet und zu einer Polizeistation gefahren, wo sie bis zum frühen Morgen bleiben. So schildert es später jedenfalls die Mutter des Mädchens gegenüber einem israelischen Fernsehsender, und sie fügt hinzu: »Dan Uzan ist ein Held, er hat uns gerettet.«

Der so Gerühmte kann selbst nichts dazu sagen, denn er lebt nicht mehr. Er wurde kaltblütig umgebracht, aus nächster Nähe erschossen, als er nach seiner Rettungstat mit einigen vor der Synagoge postierten Polizeibeamten sprach. Wenn nicht alles täuscht, dann handelt es sich bei seinem Mörder um den 22-jährigen Omar Abdel Hamid el-Hussein, der nach allem, was man weiß, bereits den Mord im Kulturcafé begangen hatte (und in einem Feuergefecht mit der Polizei schließlich selbst ums Leben gekommen ist). »Wütend auf Israel« sei el-Hussein gewesen, schreibt die FAZ, »Groll auf Israel« habe er gehegt, meint die Zeit. Wenn man die manchmal unfasslichen Euphemismen deutscher Medien kennt und übersetzt, weiß man: Der Mann war ein glühender Antisemit. Ihn dürstete es nach seinem tödlichen Anschlag auf die Veranstaltung für die freie Rede auch – und erst recht – nach toten Juden.

Dass es ihm nicht gelang, auf der Bat-Mitzwa-Feier ein Massaker anzurichten, war das Verdienst von Dan Uzan, der dafür auf tragische Weise mit seinem Leben bezahlte. Die jüdische Gemeinde in Kopenhagen, zu der 5.000 der 7.000 in Dänemark lebenden Juden gehören, ist zutiefst schockiert von dem Terroranschlag. Und dies umso mehr, als Uzan eines ihrer bekanntesten Mitglieder war. Er stammte aus einer Familie, die seit vielen Jahren in der jüdischen Gemeinde der Hauptstadt aktiv ist. Die Mutter ist Dänin, der Vater Israeli. Dan selbst sprach fließend Hebräisch, lebte eine Weile im jüdischen Staat, hatte einen Uni-Abschluss in Politikwissenschaft und trat schon früh dem Sicherheitsdienst zum Schutz jüdischer Einrichtungen bei. »Jeder kannte ihn«, berichtet Dan Rosenberg Asmussen, ein Gemeindesprecher. »Er war immer bereit zu helfen. Ein toller Kerl.«

Der über zwei Meter große Dan Uzan stand außerdem beim jüdischen Fußballverein Hakoah Kopenhagen eine Weile im Tor und spielte Basketball für den dänischen Erstligaklub Hørsholm 79’ers. Dieser würdigte ihn auf seiner Website als »großartigen Spieler und großartige Persönlichkeit«. Dan sei nicht nur wegen seiner Vorurteilslosigkeit beliebt gewesen, »sondern vor allem wegen seiner Fürsorge und seinem aufrichtigen Interesse an allen, die an seinem Leben teilhatten«. Sein Tod habe eine große Lücke hinterlassen: »Er wird immer fehlen.« Ein Vorstandsmitglied des Vereins sagte, Uzan habe stets selbstverständlich auch mit Muslimen und Arabern gespielt, deshalb sei seine Ermordung so unwirklich. Freunde beschreiben ihn als warmherzig, engagiert, zuverlässig und extrem beliebt.

In der jüdischen Gemeinde Kopenhagens ist man nach dem Mordanschlag zwar entsetzt, aber nicht sonderlich überrascht. »Viele haben damit gerechnet, dass so etwas auch in Dänemark passieren kann – und sogar in unserer Synagoge«, sagt beispielsweise Adam Melchior, ein Cousin des Rabbiners. Schon vor der Attacke sei von der Gemeinde eine Art Kriseninterventionsteam eingesetzt worden. Nach dem Angriff dächten einige allerdings verstärkt über eine Auswanderung nach Israel nach. Gemeindesprecher Asmussen verglich die Anschläge in Kopenhagen mit denen in Paris Anfang des Jahres und betonte, man habe die Polizei schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass Jihadisten auch in Dänemark aktiv sind und Terrorakte gegen jüdische Einrichtungen planen könnten. Doch es sei nur wenig zum Schutz dieser Einrichtungen unternommen worden.

Während der deutschen Besetzung Dänemarks zur Zeit des Nationalsozialismus waren die Thorarollen der Großen Synagoge in Kopenhagen auf Initiative des Oberbürgermeisters in der Krypta der Dreifaltigkeitskirche versteckt worden. 1985 explodierte vor dem Gotteshaus eine Bombe, die eine islamistische Organisation gelegt hatte. Nun ermordete ein dänischer Islamist einen Sicherheitsmann der Synagoge und verletzte zudem zwei Polizisten. Dass jüdisches Leben in Europa einfach kein Teil der Normalität wird, liegt daran, dass Antisemiten unterschiedlicher Couleur genau dies zu verhindern trachten – und dabei nicht entschieden und effektiv bekämpft werden. Darin besteht, bei Lichte betrachtet, der größte Skandal.

Quellen: The Algemeiner, Yedioth Ahronoth, The Times of Israel, Blick, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit, Wikipedia.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Nachträgliche Anmerkung: Tjark Kunstreich wendet mit Blick auf die Überschrift dieses Beitrags zu Recht ein: »Dan Uzan, ein ›tragischer Held‹? ›Der tragische Held erleidet nach Aristoteles sein Unglück aus Gründen, die in ihm selbst zu finden sind‹, steht auf Wikipedia zu lesen. Dan Uzan ist alles, nur kein »tragischer Held« – es sei denn, man betrachtet sein Jüdischsein als innere Sache seines ›Unglücks‹.« Letzteres tue ich selbstverständlich nicht, die Überschrift resultierte aus schlichter Unkenntnis über Aristoteles und damit aus einem anderen Verständnis dessen, was die Tragik dieses Helden ausmacht. Für diese Bildungslücke und die dadurch entstandene falsche Verwendung des Terminus »tragischer Held« möchte ich um Verzeihung bitten.


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Save the Date! February 16, 2015 | 08:03 am

Ihr habt euch vielleicht schon gefragt, ob von uns nochmal was kommt. Die gute Nachricht ist: das tut es. Die noch bessere Nachricht: wir veranstalten, gemeinsam mit dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien und Kooperation mit dem Chaos Computer Club, einen Kongress.

Kongress der Möglichkeiten

30. April bis 10. Mai 2015

Versuchslabore zu Kritik und Praxis in Zeiten des Internets, Workshops, Diskussionen, Performances, Computer-Lab, Ausstellungen, Filme & Magazin-Liveproduktion

Ein Projekt des HATE MAGAZIN in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. In Kooperation mit dem Chaos Computer Club

Offizielle Ankündigung:

Das Berliner HATE Magazin veranstaltet vom 30. April – 10. Mai 2015 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin einen Kongress, der sich auf theoretischer und praktischer Ebene mit Interventionsmöglichkeiten im Internetzeitalter beschäftigt. Seit den 1990er Jahren ist vom Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) und vom Ende der großen Erzählungen (Jean-François Lyotard) die Rede. In den letzten zwanzig Jahren wurde der Prozess sogar noch beschleunigt. Jede noch so kleine Utopie, jede noch so partikulare Subkultur wurde von den Marketingmaschinerien einverleibt, so dass wir heute die von Toni Negri und Michael Hardt in „Empire“ diagnostizierte „Welt ohne Außen“ als alternativlosen, klaustrophoben körperlichen Dauerzustand spüren können. Mitverantwortlich dafür ist unter anderem die technische Innovation Internet, die nach und nach zum massenhaft genutzten Werkzeug geworden ist und das soziale, geistige und kulturelle Leben nachhaltig verändert hat. Informationen über jedes Ereignis und jede Neuigkeit sind umgehend in Form von Videos, Bildern, Tweets, Statusmeldungen oder Artikeln im Netz verfügbar. Das ist der Punkt an dem der Kongress der Möglichkeiten im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ansetzt: Die veränderten technischen Voraussetzungen und das konstatierte Ende der großen Erzählungen sind der Beginn einer neuen Form von Lebensentwürfen und ihrer Beschreibungen. Der Kongress versucht Fragen zu stellen und zu beantworten: Wie können wir gestalten? Welche Rückschlüsse lassen sich aus Erfahrungen mit den veränderten Bedingungen machen? Wie sieht eine konkrete Interventionspraxis in der digitalen Zukunft aus? Während des Kongresses wird HATE#10 als digitale Ausgabe produziert. Das Heft wird zudem in Druck gehen und soll im Idealfall ein Denkanstoß und Ausgangspunkt für die kritische Gestaltung der Zukunft sein.

Nach und nach veröffentlichen wir an dieser Stelle (aber auch hier und hier) weitere Infos!

Schamlose Trittbrettfahrerei zum Start von Germany’s Next Topmodel! February 15, 2015 | 09:00 am

Mode und Kunst am Beispiel von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Kompletter Beitrag hier. “Dieses anachronistische Moment, dass die Begeisterung für die Kunst sich zu kleiden von einem konkreten Ort und einer konkreten Gesellschaftsschicht löst könnte aber gerade analog zur Autonomisierung der Künste mit dem Aufstieg des Bürgertums auch als eine […]

Die Arbeit von Wadi in Medienberichten über die Lage yezidischer Mädchen February 14, 2015 | 11:42 pm

Inzwischen betreuen die Mobilen Team von Wadi und Alind 163 Rückkehrerinnen.

In den vergangenen Tagen haben wir es einigen Journalisten ermöglicht, sich mit ein paar dieser Mädchen zu treffen und sie zu interviewen.

Der amerikanische Sender NBC berichtete am 13.2 und erwähnt auch die Arbeit unserer Kolleginnen in Dohuk:

Both Farida and Hweida are now being helped by a German funded charity called Wadi .They have found an anchor and guardian in one of group’s aid workers named Ciman Rashid. She said the girls have been making progress despite their ordeal.

“When Hweida first came out of ISIS captivity she was speaking incoherently, talking constantly without making sense for two days. Then she stopped talking entirely for two months. Now she’s getting better and speaks a little. She’s starting to have more trust,” Rashid.

Am Tag darauf beschäftigte sich das ZDF Magazin Mona Lisa mit dem selben Thema und interviewte den Geschäftsführer von Wadi, Thomas von der Osten-Sacken.

Regieren im Namen Gottes? February 14, 2015 | 10:12 am

Vor wenigen Tagen hat sich die iranische Revolution von 1979 zum 36. mal gejährt. Ein guter Grund, sich mit der jüngeren Geschichte des Irans und seiner gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur auseinanderzusetzen. Wir dokumentieren drei Vorträge, die Solale Schirasi bereits 2012 in Konstanz gehalten hat (Teil 1, Teil 2, Teil 3). Die jüngsten Entwicklungen unter Präsident Hassan Rohani konnten dementsprechend noch nicht thematisiert werden – ansonsten haben die Vorträge kaum an Aktualität verloren.

Ein Beispiel für einen Gottesstaat in der heutigen Zeit ist die 1979 gegründete Islamische Republik Iran, die den Anspruch erhebt, eine Theokratie zu sein. Seit der islamischen Revolution von 1979 und der Ablösung der Monarchie geht nach der herrschenden iranischen Staatsdoktrin die Staatsgewalt nicht vom Volk aus, sondern wird allein religiös legitimiert. Solale Schirasi informiert anhand verschiedener Themenkomplexe über das Modell einer islamischen Regierung, die Geschichte und das Leben

Von Februar bis Mai findet in Konstanz die Vortragsreihe mit Solale Schirasi zum Themenkomplex „Regieren im Namen Gottes? 33 Jahre islamische Herrschaft im Iran“ statt.

Solale Schirasi, die 1951 in Teheran geboren wurde und dort selber dem massiven Druck der Mullahs floh 1987 mit ihrem Mann nach Deutschland. Seitdem lebt und arbeitet sie in Konstanz. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Frauenrechte und soziale Bewegungen im Iran.

Zusammen mit ihrem Mann, Ali Schirasi betreibt sie ein deutschsprachiges Blog, http://alischirasi.blogsport.de/, das zu den wichtigsten exiliranischen Blogs im deutschsprachigen Raum gehört. [via]

1. Im ersten Vortrag geht Schirasi erst auf die allgemeinere Geschichte des Iran und dann auf die Vorgeschichte und den Verlauf der Iranischen Revolution von 1979 ein. Sie thematisiert die Islamisierung der iranischen Revolution, beschreibt dann die ideologische und militärische Machtsicherung Chomenis und geht zuletzt auf den Iranisch-Irakischen Krieg ein.

    Download: via FRN (mp3; 41 MB; 44:44 min)

2. Im zweiten Vortrag analysiert Schirasi den inneren Aufbau des iranischen Regimes: Sie beschreibt das Rechtssystem und den Vorgang der Gesetzgebung, skizziert die iranische Wirtschaftsstruktur und geht auf die Rolle der Pasdaran in der Wirtschaft ein.

    Download: via FRN (mp3; 50 MB; 55:03 min)

3. Im dritten Vortrag beschreibt Schirasi das Bildungssystem des Irans. Schirasi, die im Iran selbst als Lehrerin gearbeitet hat, beschreibt den Aufbau der Schulbildung und gibt Beispiele aus der Gestaltung von Schulbüchern. Sie geht auch auf das Leben an der Universität ein und thematisiert die Rolle von Neuen Medien und Internet.

    Download: via FRN (mp3; 53 MB; 57:32 min)

Im ersten Vortrag erwähnt Schirasi, dass die Vortragsreihe ursprünglich auf sechs Termine angelegt war. Ob die letzten drei Vorträge aufgenommen wurden oder ob sie überhaupt stattgefunden haben, konnten wir nicht herausfinden – über Hinweise sind wir dankbar.

Zum Abschluss sei auf eine interessante Dokumentation von Abbas Kiarostami aus dem Jahr 1979 verwiesen. Auf einer Ebene handelt der Film von einem recht zeitlosen moralischen Problem – in einer Schulklasse stört ein Schüler den Unterricht, eine Gruppe von Schülern wird dafür kollektiv verantwortlich gemacht, sie werden vom Unterricht ausgeschlossen, solange sie den Störer nicht denunzieren. Dieses Szenario wird in der Dokumentation einer Reihe von Leuten vorgespielt, die an der Iranischen Revolution beteiligt waren – religiöse und politische Funktionsträger sowie linke und bürgerliche Intellektuelle gleichermaßen. Diese bewerten das zugrundeliegende Dilemma und deuten es politisch aus. Auf dieser Ebene ist der Film eine Abbildung der damaligen iranischen Gesellschaft, zu einem Zeitpunkt, als die größten Konflikte noch bevorstanden.

First Case, Second Case / قضیه شکل اول، شکل دوم / Abbas Kiarostami / English subtitles from Tazhib Fe on Vimeo.

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Normale Absurdität, absurde Normalität February 14, 2015 | 01:22 am

Kein Antisemitismus, nur Israelkritik. Essen, 18. Juli 2014.

Von Woody Allen stammt der berühmte Witz über die beiden New Yorker Intellektuellen, die sich auf einer Party unterhalten, als plötzlich der eine zum anderen sagt: »Du, ich habe einen Essay geschrieben, gegen den Antisemitismus.« Darauf der andere zum einen: »So? Wie schön! Ich bevorzuge Baseballschläger.« Der Witz ist deshalb so gut, weil er radikal wahr ist. Über den Hass auf die Juden ist bereits unendlich viel zu Papier gebracht worden, ohne dass er dadurch verschwunden wäre oder auch nur signifikant nachgelassen hätte – weshalb es zuvorderst darum gehen müsste, die Antisemiten daran zu hindern, das zu tun, was sie tun, wenn man sie nicht daran hindert. Doch das ist die Sache der Politik nicht, wo man Handlungsdruck gerne in Absichtserklärungen verpuffen lässt und ansonsten getreu dem Motto verfährt: »Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis«. So setzte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière dann auch jenen »Expertenkreis Antisemitismus« ein, dessen Gründung der Deutsche Bundestag kürzlich befürwortet hatte, um »Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen und jüdisches Leben in Deutschland weiterhin nachhaltig zu fördern«. Es ist der zweite Versuch dieser Art, der erste vor drei Jahren geriet vollkommen zu Recht schnell in Vergessenheit.

Juden wurden übrigens nicht in das Gremium berufen, was man ein bisschen eigenartig finden könnte, schließlich käme wohl auch niemand »auf den Gedanken, eine Konferenz zum Islamhass ohne muslimische Vertreter oder einen Runden Tisch zur Diskriminierung von Frauen ohne Frauen anzusetzen«, wie Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung bemerkte. Es hätten ausschließlich »fachliche Erwägungen« bei der Besetzung der Expertenrunde eine Rolle gespielt, verteidigte der Innenminister daraufhin seine Auswahl. Das heißt also: Jüdische Experten, die womöglich einen besseren Überblick darüber haben, welche Verheerungen der Antisemitismus in den jüdischen Gemeinden und Gemeinschaften anrichtet, und deren Perspektive mit Blick auf die beabsichtigte Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland nicht ganz unerheblich sein könnte, genügen den vorzüglichen Ansprüchen des Ministeriums nicht. Aber wo kämen wir auch hin, wenn die Juden in Deutschland jetzt schon über die Frage mitreden dürften, was Antisemitismus ist und wie man ihm beikommen könnte?

Zumal sie befangen sind und außerdem schamlos übertreiben. So sieht man es jedenfalls beim Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), der in Deutschland führenden Einrichtung zur Erforschung des Hasses gegen die Juden. Diese hat jüngst im Auftrag des Berliner Senats eine Studie vorgelegt, die den Titel »Antisemitismus als Problem und Symbol – Phänomene und Interventionen in Berlin« trägt. Ihr Tenor: Jüdische und andere Initiativen gegen Antisemitismus dramatisierten antisemitische Vorfälle und instrumentalisierten sie für ihre Zwecke. Das Problem sei weniger der Hass auf Juden als vielmehr dessen »Dämonisierung«. Der Kampf gegen Antisemitismus, die Erinnerung an die Shoa und die Beziehungen zu Israel würden für politische Machtstrategien missbraucht. Antiisraelische Äußerungen und Demonstrationen von in Deutschland lebenden Muslimen wie im vergangenen Sommer seien kein Antisemitismus, sondern das Resultat einer rassistischen Diskriminierung in Deutschland und schlechter Erfahrungen der Vorfahren mit Israel.

Nicht nur in der deutschen Dependance des American Jewish Committee schüttelte man über diese bizarren Einschätzungen den Kopf (»Statt die Erscheinungsformen des Judenhasses gründlich zu untersuchen, greift die Studie richtungsgebende Handlungskonzepte gegen Antisemitismus an«). Auch Matthias Küntzel war befremdet: Die Autoren der Studie schränkten, so der Politikwissenschaftler und Publizist in der Welt, »die Bedeutung des Wortes Antisemitismus derart ein, dass selbst ein Mahmud Ahmadinedschad aufatmen kann«. Der Begriff Antisemitismus gelte für sie nämlich nur bei einer »Ablehnung von Juden als Juden«. Damit seien, so Küntzel weiter, »Ahmadinedschad und seine Freunde, die ›nur‹ den jüdischen Staat, nicht aber die ›Juden als Juden‹ auslöschen wollen, vom Stigma des Antisemitismus befreit«. Überdies vermittle »der Bericht nicht selten den Eindruck, als würden Opfer und Täter vertauscht«. In der Tat ist die 140 Seiten umfassende Studie vor allem eines, nämlich eine Kampfschrift gegen die Kritik des Antisemitismus. Der wissenschaftliche Duktus vermag das nicht zu ändern, er ist bloß Camouflage.

Wenn das nur ein Ausrutscher wäre, nur eine Ausnahme von der Regel, man könnte halbwegs entspannt darüber hinwegsehen. Aber es ist keine Ausnahme. Das ZfA hat von seinem Forschungsgegenstand einen Begriff, den fragwürdig zu nennen noch geschmeichelt wäre. Für den früheren, langjährigen Chef des Zentrums, Wolfgang Benz, ist nicht einmal Heinrich von Treitschke (»Die Juden sind unser Unglück«) ein Antisemit – und der Islamist, der vor drei Jahren in Toulouse in einer jüdischen Schule drei jüdische Kinder und einen Rabbiner ermordete, ist es ebenfalls nicht. Nimmt man Benz beim Wort, dann haben wir es mit dem Phänomen eines Antisemitismus ohne Antisemiten zu tun. Das ist zwar kein ernst zu nehmendes, aber immerhin ein originelles Forschungsresultat. Im Übrigen ist das ZfA wegen zweifelhafter Veranstaltungen bereits in der Vergangenheit in die Kritik geraten. Und dass es sich zur vordringlichen Aufgabe gemacht hat, »Vorurteilsforschung« zu betreiben – so, als handelte es sich beim Antisemitismus nicht um ein geschlossenes, auf antijüdischen Ressentiments basierendes Weltbild, sondern lediglich um eine vorgefertigte Meinung unter vielen –, hat seine internationale Bedeutungslosigkeit verdientermaßen noch einmal verstärkt.

Man kann das alles absurd finden. Aber wenn man bedenkt, dass unlängst ein deutsches Gericht befand, selbst ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge müsse nicht zwangsläufig antisemitisch, sondern könne auch »israelkritisch« sein, dann ist diese Absurdität offenbar normal und die Normalität entsprechend absurd. In Deutschland, so hat Henryk M. Broder diese Denklogik einmal auf den Punkt gebracht, fange der Antisemitismus bei sechs Millionen Toten an. Alles unterhalb dieser Marke sei kein Verbrechen, sondern allenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Und nicht einmal die wird geahndet.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Foto: Kein Antisemitismus, nur Israelkritik. Essen, 18. Juli 2014.


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Denunziation, Unvermögen und nordhessischer Journalismus February 13, 2015 | 09:38 pm

Das Kürzel HNA stand in vergangenen Zeiten mal für Hässlich Niederträchtig fürn Arsch. Nach dem Eigentümerwechsel sank das Niveau einer nordhessischen Zeitung mit dem gleichen Kürzel merklich. Einer Zeitung die vorher brav, bieder aber im Vergleich zu vielen anderen Provinzblättchen doch recht seriös daher kam. Nunmehr von einem, vom schon fast pathologisch zu nennenden „Sozenhass“ getriebenen Chefredakteur angeführt, wurde der Lokalteil als wichtigster Teil der Zeitung erkoren und der Nachrichtenteil über das Weltgeschehen wanderte nach hinten in die Zeitung. Wichtiger als die nationale und internationale Politik, so schien es den Zeitungsmachern sei in Nordhessen die Berichterstattung über das allwöchentliche Schnittchenvertilgen der Provinzprominenz, über das allseitige Vereinsleben, über den Start und die Landung jedes einzelnen Fliegers auf einer, Flughafen genannten, Investitionsruine, gelegentlich in Guido Knopps Manier die Landsergeschichten der Kasseler Volksgemeinschaft u.v.m. Darüber hinaus tat sich die Zeitung häufig dadurch hervor, den einen oder anderen Parteigänger der SPD oder der Partei “Die Grünen” wie die bekannte Sau durchs Dorf zu treiben, wenn dem seidenfadigen Chef dieser Zeitung wieder einmal ein Furz quer saß. Die in Sachen Kampagne völlig unbedarfte SPD duckte sich in der Regel weg, bis sie eines Tages einen Bürgermeister an die Macht wählen ließ, der sich auf das Tümliche und das Volk verstand und für Fehler seiner Politik stets ein Bauernopfer zu präsentieren wusste und sich im Glanze seiner bürgermeisterlichen Würde zu sonnen gefiel – Hofberichterstattung inklusive.

Die Kasseler gewöhnen sich an alles – so ist es in den letzten Jahren recht still um das einmal auch in besseren Kreisen en vogue gewesene HNA-Bashing geworden, man liebt das einigende Moment, die Gemeinsamkeiten im Nordhessischen angesichts immer unübersichtlicher Verhältnisse in der weiten Welt und also auch die dazu passende Zeitung.

Außer über die Dokumenta, die alle fünf Jahre Kassel aus dem Dornröschenschlaf weckt, gibt es selten etwas spektakuläres von Kassels Straßen zu berichten. Das allzweijährliche öffentliche Besäufnis kann somit als bedeutsamste Manifestation der Gemeinsamkeit aller Kasseler in der lokalen Presse entsprechend gebührend gefeiert werden. Versöhnen statt spalten, so das Motto, ordentlich schuften, ein durch kurfürstlichen Menschenhandel finanziertes Kulturerbe bejubeln, zwei märchensammelnde Volkstümler, die in Nordhessen den einen oder anderen Stoff für ihre biedermeierlichen Geschichtchen fanden, als Literatur- und Kulturgut zu bestaunen und allseitigen Namenspaten verwendend, dass konnte vergessen machen, dass Kassel Reichskriegerhauptstadt, Pogromvorreiterstadt, Roland Freisler-, Tiger- und Fieseler-Storch-Stadt war, die vollkommen zu Recht von der RAF nachhaltigen Besuch bekam und nun auch nicht mehr von dem Charme der am westlichsten gelegenen Stadt der DDR geplagt ist, sondern sich zu alledem als Stadt Mitten in Deutschland zu rühmen weiß.

Doch mit Ausklang des letzten Jahres begann in Kassel ein Provinzableger der Pegida, eine Truppe namens Kagida, die Straßen unsicher zu machen und drohte den mühselig gewonnenen guten Ruf der Stadt in den Schmutz zu ziehen. Sofort lockte dieses Treiben von nationalchauvinistischen, männerbündischen und rassistischen Dumpfbacken sowie manifesten Nazis, die auf die Straße, die reflexartig die Volksfront ausrufen, oder die besorgt um Standort und Ruf der Stadt und Deutschland sind und den Lichterkettenantifaschismus bemühen, wenn es merklich nach Nazi riecht. Allmontäglich kam es so schließlich zu einem Stelldichein am Philipp-Scheidemann-Platz.

Das nordhessische Blatt tat sich angesichts dessen in der Berichterstattung darüber vor allem dadurch hervor, dass sie die Kagidaaufmärsche und die Gegenveranstaltungen als Verkehrsproblem beschrieb, dass sie dem Anführer der nordhessischen Kagida, ein übler Antisemit und rechtsextremer Haudrauf, Platz gab, davon zu schwadronieren, mit Nazis nun gar nichts am Hut zu haben. Man müsse die Sorgen derjenigen ernst nehmen, die behaupten “Muslime” würden im europäischen Abendland so wie weiland die Türken vor Wien, kurz vor der Eroberung desselbigen stehen, so häufig der Tenor in der Zeitung. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kagida, eine ernsthaft Recherche, wer sich denn da so alles versammelt (die FR zeigt, dass wenn man will, die Analyse des lokalen Ablegers der Pegida möglich ist: Rechtsextreme Ordner bei Kagida-Demo), oder auch mit den Positionen der Gegendemonstranten fand in dieser Zeitung kaum statt.

Den Tatbestand, dass die Staatsmacht die Gegendemonstranten jedes Mal hinter einen Käfig sperrten, dass mehrmals junge Gegendemonstranten von der Straße entfernt wurden, als sie sich den marschierenden Nationalchauvinisten und Nazis in den Weg setzten, dass mindestens einmal dazu massive Gewalt von der Polizei ausgeübt wurde, dass Nazis und Hools während und nach der Kundgebung immer wieder die Innenstadt unsicher machten und Passanten nicht nur bedrohten, das fand keine Erwähnung in der lokalen Journaille.

In Kassel taten sich dann einige junge Leute zusammen, denen es nicht um den Ruf der Stadt bestellt war, sondern denen es darum ging, der Kagida den Platz streitig zu machen. Ihre Protestformen begannen den Lichterkettenantifaschismus aufzumischen. Sie nennen sich „Arbeitskreis Casseler Autonomer Berufsdemonstrant_innen“, abgekürzt ACAB. Mit einem Überraschungscoup gelang es ihnen am 2. Februar die Kagida-Deppen von ihrem angestammten Platz zu verdrängen. Doch anstatt dies als gelungene und phantasievolle Aktion gegen die Zusammenrottung gemeingefährlicher Nazis und rassistischer Hetzer zu loben, kritisierte der Reporter Claas Michaelis dies als Zusammenspiel von Extremisten, das den guten Ruf der Stadt und das allseitige Streben nach Toleranz gefährde.

Es war des Guten zu viel. Die Reporter der HNA Ulrike Pflüger Scherb und jener Michaelis sahen im Protest nicht mehr nur noch eine Verkehrsbehinderungen und ein lästiges Beschwernis für die KVG-Kundschaft, nein jetzt tummelten sich Extremisten auf allen Seiten. Die vollkommen auf Toleranz gebürsteten Reporter der HNA warfen dann den Streitern der ACAB vor, dass sie die Kagida attackieren wollten und, was natürlich völlig unerhört ist, dass „Nie wieder Deutschland!“ gerufen, nein “gegrölt“ wurde. Dies Teufelszeug abzuwehren nahmen die Reporter das Instrument der Denunziation zur Hand.

Die zwei Journalisten fanden heraus, dass auch Nazis Kassel mit C schreiben. Dies durfte reichen, um die Antifaschisten in die Nähe der Totschlägernazis zu stellen, schlimmer noch, die Abkürzung der Antifagruppe könne gar auch etwas anderes bedeuten, nämlich “all cops are basterds”. Im Gestus des investigativen Journalisten machten sie sich auf den Weg, um die Übeltäter zu enttarnen. Sie fanden über verschlungene Wege die Handynummer einer Person heraus, die die Kundgebungen der ACAB angemeldet hatte. Die Mutmaßung, dass hier zudem ein erheblicher Verstoß gegen den Datenschutz seitens der zuständigen Behörde vorliegt, liegt nahe. In der Hoffnung einen Führer dieser Gruppe identifiziert zu haben, wurde diese Person angerufen und zur ACAB befragt. Der Angerufene verweigerte aber jede Auskunft und zitierte in abgewandelter Form Götz von Berlichingen. Sogar der Verfassungsschutz wurde von den Reportern bemüht und weil dieser nicht zeitnah antwortete, wurden auch das „Bündnis gegen Rechts“ und das Mobile Beratungs Team befragt, ob sie nicht sagen könnten, wer denn hinter diesem Kürzel stehen würde. Diese hielten sich bedeckt. Wäre es der HNA darum gegangen herauszufinden, was die ACAB will, hätte ein Blick auf den Facebookacount genügt, da stehen die 19 Punkte, für die diese Gruppe auf die Straße geht. Aber der HNA ging es mal wieder nicht um Inhalte, sondern um Personen.

Doch damit nicht genug, die HNA benennt den, den sie als Ansprechpartner der ACAB mutmaßen, mit vollem Namen in der Zeitung, auch ein Foto, dass einige MitstreiterInnen des Bündnisses zeigt, wird ohne Verfremdung abgebildet. Und auch wenn die HNA sonst nichts weiß, dass die in Kassel wesenden und nach Kassel pilgernden Nazis, diejenigen, die dort auf den Bildern zu identifizieren sind oder der mit vollem Namen genannt wird, an Leib und Leben bedrohen können, das hätte sie wissen müssen. Es sieht schon fast nach Absicht aus, vor allem dann, wenn man weiß, dass der Nazi, Totschläger und Mädchenschinder Bernd Tödter in der Berichterstattung der HNA immer mit Bernd T. abgekürzt und Bilder von ihm und seinen Satrapen nur verpixelt abgedruckt werden. Im Gegensatz zum Anmelder der ACAB-Aktionen, der als gemutmaßter Anführer zum Abschuss frei gegeben wird, legt das nordhessische Blatt offensichtlich Wert darauf, den Nazi-Politgangster und seine Kumpanen zu schützen.

Einzelne im “Bündnis gegen Rechts”, oder aus dem Umfeld desselben üben sich schon mal in Distanzierung. Der bekennende Antizionist und Provinzpolitiker der Partei „Die Linke“ Axel Selbert kritisiert, die Abkürzung ACAB sei eine „unglückliche und unangebrachte Provokation“. Thomas Flügge, ein Vertreter der Partei „Die Grünen“, die ebenfalls im “Bündnis gegen Rechts” vertreten sind, distanziert sich von dem Personenkreis so, wie er sich von der Kagida zu distanzieren vorgibt, „mit denen setze ich mich nicht an den Tisch“.

Im Dezember gab es eine Auseinandersetzung im „Bündnis gegen Rechts“ um den Begriff „Bullen“. Ein wichtiger Vertreter der Kasseler Gewerkschaften gab damals zu bedenken, dass dies von den Polizisten als Beleidigung empfunden würde. Polizisten aber, die er als Gewerkschafter ebenso zu vertreten habe, wie andere Gewerkschaftsmitglieder, wolle er so nicht bezeichnet wissen. Auch wenn sich der schon zitierte Vertreter der Kasseler Gewerkschaften über den Umstand empörte, dass innerhalb des „Bündnis gegen Rechts“ stramme Antizionisten und Antisemiten vertreten sind, so hat dieser Umstand im Gegensatz zur Debatte, ob ziviler Ungehorsam ein legitimes Mittel sei, den Nazis wirkungsvoll entgegen zu treten und ob es legitim sei, die Polizisten Bullen nennen zu dürfen, nie zur notwendigen Spaltung dieses Bündnisses geführt. Diejenigen aus dem Umfeld des “Bündnis gegen Rechts”, die sich nun über das Akronym ACAB mokieren, fanden nichts dabei, im Sommer letzten Jahres mit Islamfaschisten, türkischen, arabischen und palästinensischen Nationalisten gemeinsam durch Kassels Straßen zu marschieren um bei der größten antisemitischen Zusammenrottung nach 1945 mitzumischen.

Ronald M. Schernikau im RBB February 11, 2015 | 07:53 pm

Mit 6 Jahren aus der DDR von Mutti in die BRD nach Hannover  verbracht, mit 26 Jahren die Rückkehr nach Leipzig als Literaturstudent in den ausklingenden Realsozialismus, mit 31 Jahren an AIDS gestorben. Claudia Müller hat eine Doku über Ronald M. Schernikau abgeliefert. Freunde und WeggefährtInnen kommen zu Wort. Wer in den 80ern und den frühen wendeneunziger Jahren im Berliner Kulturuntergrund unterwegs war,konnte den überzeugten Kommunisten treffen. Den Pressekonsumenten wurde der schwule Literat in Zeitungen und öffentlich-rechtlichen TV-Beiträgen bekannt gemacht. Es bleiben seine Literatur und seine Einlassungen auf  diversen Veranstaltungen.

Drei interessante  Phrasen von damals für heute:

  • Können Kommunisten einen Sozialismus aufbauen,vor dem die Leute nicht weglaufen?
  • Die Dummheit der Kommunisten ist kein Argument gegen den Kommunismus!
  • Wie kommt die Scheisse in die Köpfe der Leute?

Alles was ich weiss,ich habe einen DDR-Ausweis

http://www.missetaeter.info/wp-content/uploads/2010/10/21-Schernikaus-DDRAusweis_605.jpg

Die Doku: Verliebt in die DDR
Mi 11.02.15 00:15 | 44:09 min | verfügbar bis 18.02.15

Apropos Berlin: Westberlin geht auch den Bach hinunter


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Oury Jalloh Feature February 11, 2015 | 06:41 pm

Im Januar 2015 jährte sich der Tod des Asylbewerbers in einer Polizeizelle in Dessau zum zehnten Mal. Die Journalistin Margot Overath hat die Ereignisse und Fakten sowie den Umgang und die Diskussion in einem Beitrag für den MDR noch einmal zusammen gefasst. Mehrfach ist von verschiedenen Menschen im Beitrag zu hören: ich verstehe das nicht.

Die Ungeheuerlichkeiten und Widersprüche werden im Beitrag noch einmal ausgesprochen:

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Der Kern des ganzen ist das Feuerzeug. Und das Feuerzeug war nicht in der Zelle. […] Erst sieben Jahre danach wurde es nach Spuren untersucht.

Bleibt die Frage inwieweit die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Dessau (oder eine andere Ermittlungsbehörde) den Todesfall trotz der vernichteten und verschwundenen Unterlagen, schweigenden und vergesslichen Beamten, fehlerhaftem Obduktionsbericht und einseitiger Ermittlung der staatlichen Behörden zukünftig unparteiisch – nämlich im Sinn einer Wahrheitssuche – ermitteln wird. Dazu gehört auch die Möglichkeit Mord.


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