24-04-2017Über neue und alte Zombies: Das Nachleben… April 23, 2017 | 01:26 pm



24-04-2017

Über neue und alte Zombies: Das Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart und Die Autoritäre Revolte (Volker Weiß über die Neue Rechte)

Der Marsch und ein Mahnmal April 21, 2017 | 07:38 pm

 

In Kassel gibt es ein Mahnmal, das regelmäßig von der Friedensbewegung heimgesucht wird. Das ist kein Zufall, weil dieses Mahnmal in so bestimmt unbestimmter Art und Weise an „die Opfer des Faschismus“ erinnert, dass es geradezu prädestiniert dafür ist, als Wallfahrtsort der Ostermarschierer und anderer Frühstücksverleumder zu dienen.

Im Portal der Stadt werden „unsere“ – wie es geradezu anmaßend heißt – „Interpretationen“ des Mahnmals wie folgt formuliert. Der Zugang zum Mahnmal wird von zwei Figuren flankiert. Die linke Figur symbolisiere die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wenn man die Inschrift „Den Vernichteten“ liest, kann einem schon übel werden, dass den Interpreten der Begriff „Zukunft“ einfällt. Den Vernichteten wurde die Zukunft genommen und selbst die wenigen, die den Vernichtungsfuror überlebten, sahen alles andere als hoffnungsfroh in die Zukunft. Einen Neuanfang gab es in Deutschland, dank der Gnade der Sieger und der Unterwürfigkeit der Besiegten vor allem für diese.

Die Vernichteten, Hoffnung und Trauer

Die rechte Figur stehe für die Trauer um die Opfer und die Toten. Der Text auf dem Portal betont noch einmal ausdrücklich: „Also für alle Menschen: die Gefallenen im Krieg (Soldaten, Zivilbevölkerung in Deutschland und in den Kampfgebieten), die Zwangsarbeiter, die Widerstandskämpfer und die Verfolgten.“ Dass alle Opfer der NS-Zeit gemeint sind, würde dem Besucher durch die Inschrift „Den Vernichteten“ deutlich gemacht. Im Tode sind demnach alle gleich, diejenigen, die zur Vernichtung schritten und diejenigen, die Vernichtet wurden. Der industrielle Mord in Auschwitz, das massenhafte Abschlachten von wehrlosen Menschen im Osten, der geplante Hungermord in den Ghettos einerseits, der Tod der Volksgenossen in den Bombennächten, im Schützengraben und im Gefangenenlager, alles ist nach dieser Lesart Vernichtung. Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass die Trauer eines einzelnen über den gefallenen Bruder, den Vater oder den Sohn, über die bei den Bombardierungen ums Leben gekommenen Angehörigen berechtigt ist. Was denjenigen jedoch gut zu Gesicht stehen würde, die die Chance auf einen Neuanfang hatten, ist über die, die beim Verrichten ihrer Vernichtungsabsicht oder beim Bereiten der dafür notwendigen Voraussetzungen ums Leben kamen, öffentlich zu schweigen.

Dann, so das Portal der Stadt, gibt es eine Mahnung an die Lebenden. „Derartiges Unrecht (Unterdrückung, Morde und Ausbeutung) wie es sich in der NS-Zeit vollzog,“ soll sich nicht wiederholen. Solange man nicht diejenigen benennt, die ausnahmslos ermordet werden sollten und die dazu angewandte Praxis der industriellen Vernichtungslager beim Namen nennt, knüpft dieser Passus problemlos an den Konnex zur x-beliebigen Verwendung des Erinnerns in der Gegenwart an. Unterdrückung und Ausbeutung sind Merkmale kapitalistischer Vergesellschaftung, als Begriffe des auf den Nationalsozialismus bezogenen Gedenkens führen sie dazu, dem Protest gegen alles und jedes eine Absolution zu erteilen und sich auch jenen zuwenden zu können, die heute ganz besonders ausbeuten und unterdrücken, nämlich Israel, hilfsweise die USA oder der Westen. Und damit klar ist, dass man auch nie selbst gemeint ist und stets auf der Seite der Guten steht, wenn man gegen Unterdrückung, Morde und Ausbeutung mahnt und kämpft, wird es unten auf dem Portal dann noch mal betont, das „Vergiss nicht die Toten“ richte sich insbesondere an die „politisch rechts gesinnten Menschen“.

Aber die „Rechten“ sind bekanntlich die Anderen, nur wenige und sie gehören nicht zu den Guten. Das sind die Massen, das Volk, wir – und das waren die, die das nicht gewesen sein können was sie gewesen sind, eine auf den Gemeinnutz setzende Volksgemeinschaft. Also wurden sie mit Schein, Betrug und falschem Glanz verleitet und hinters Licht geführt und es war ihnen erst nach dem Krieg möglich, die Wahrheit zu erkennen. Es erstaunt, dass in einer Stadt, die so viel auf Erinnerung hält, diese heute längst überkommende Geschichtsinterpretation zum Besten gegeben wird.

Die Hypostasierung einer Opfergemeinschaft, auf das unschuldige Volk und die bösen Rechten bieten eben jene Schablone, die es den Friedensmarschierern erlaubt, mit Parolen, die vor 100 Jahren eine eingeschränkte Berechtigung gehabt haben, noch heute hausieren zu gehen, die es ihnen erlaubt sich immer auf der Seite der Guten zu wähnen und tatsächlich mit denen zu paktieren, die den jüdischen Staat vernichtet sehen wollen und die in der Verteidigung einer (durchaus unvollkommenen, widersprüchlichen) Welt, deren Grundlage die Freiheit, das Recht auf Leben und Eigentum ist gegen ihre erklärten Feinde Imperialismus und Kriegstreiberei sehen.

„Vielleicht könnte der Dornenkranz auch ein Zeichen sein, wie der Judenstern.“

Das zentrale Element des deutschen Nationalsozialismus war der Antisemitismus, dadurch unterscheidet sich der deutsche Nationalsozialismus von anderen Formen des Faschismus. Eine zentrale Rolle im Mahnmal nimmt jedoch ein Dornenkranz ein. Laut der Bibel wurde dieser Jesus vor der Kreuzigung ihm von spottenden römischen Soldaten aufgesetzt. Die Dornen stehen in der Bibel für den Fluch der Sünde. Jesus nahm gemäß der christlichen Theologie im Tod am Kreuz die Sünden der Welt auf sich, um diese zu erlösen, die Dornenkrone symbolisiert zusätzlich die Erlösung von dem Fluch der Sünde. Die Stadt meint nun, der Dornenkranz könnte entweder ein Symbol für die Nazis sein, die andere Menschen umbrachten, die anderen Glaubens waren (als wäre der deutsche Vernichtungskrieg ein Glaubenskrieg gewesen) oder anders dachten, oder es könnte auch ein Judenstern sein, denn man habe Jesus bekanntlich umbringen lassen, weil er einen anderen Glauben hatte und weil man Angst hatte, Jesus könnte die Mächtigen aus ihrer Position stürzen. Wer die Mächtigen zu Jesu Lebzeiten waren, ist in der volkstümlichen Rezeption des christlichen Glaubens durchaus nicht eindeutig, wer Jesus umgebracht hat auch nicht. In der Melange aus deplatzierter Symbolik und volkstümliche Interpretationen Jesus Tod eröffnen sich schnell Abgründe des christlichen Antijudaismus.

Die Friedensmarschierer und „Palästinabefreier“ haben in diesem sogenannten Ehrenmal einen Platz gefunden, den sie verdient haben.


Radikale Indifferenz April 20, 2017 | 09:48 pm

Eine Einladung zur Aufmischung der Leipziger Linken Szene. Vortrag mit Justus Wertmüller

Am 10. Mai 2017 um 19 Uhr im Felsenkeller Leipzig (Karl-Heine-Str. 32, 04229 Leipzig)

Derzeit finden selbsterklärte Diskurskorrektoren in Leipzig ein über viele langweilige Stunden geduldig lauschendes Publikum, wenn es darum geht, das alte antisemitische Narrativ vom perspektivlosen, zum Terror verdammten palästinensischen Attentäter aufzuwärmen oder die Kritik am Islam als unweigerlich rassistische Mobilmachung abzustrafen. Die entsprechende gleichgültige Ahnungslosigkeit der Leipziger Nachwuchslinken präsentierte exemplarisch ein Podium, zu dem der Antifaschistische Frauenblock Leipzig den faden Rest der organisierten Antifa unter dem markigen Titel „Wo wir stehen, wo wir kämpfen“ einlud: Man steht weiterhin links und bestärkt sich im Kampf gegen einen fälschlich als Rassismus subsumierten Antisemitismus, um nebenbei das einst gut begründete Verbot jeder Israelkritik langsam wieder aufzuweichen.
Die Sprachlosigkeit, mit der dieser Regression begegnet wird, scheint symptomatisch für einen political turn zu sein, der bisher kaum Wellen schlägt und einer Linken das Feld überlässt, die so gerne vergisst, dass die Zeiten Trumps zugleich die Zeiten Khameneis und diverser islamistischer Cliquen und Massenbewegungen sind; einer Linken, die sich lieber an der vermeintlichen Faschisierung der Vereinigten Staaten von Amerika abarbeitet und zum Frauenkampftag für ihre nicht anwesenden islamischen Geschlechtsgenossinnen gegen Rassismus, Faschismus und Trump im Zeichen von Empowerment auch unter dem Hijab marschiert wie weiland das linke New York unter Führung einer islamistischen Scharia-Apologetin und weiterer Antizionistinnen.

Justus Wertmüller wird über diese sogenannten radikalen Linken sprechen, die sich nun interessiert oder ratlos jedes Gewäsch anhören, das mutig eine Lanze für den palästinensischen Volkssturm, gegen die Vereinigten Staaten oder eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der friedlichsten Religion der Welt bricht. Was sind das für Leute, die sich in den Altbauquartieren großer Städte kreativ einnisten und zwischen Uniseminaren links, diskursoffen und undogmatisch Strategien zur Verhöhnung muslimischer Frauen erarbeiten? Und was haben die im Café auf ihren Apple-Maschinen herumhackenden Gestalten einer sich selbst ständig neu erfindenden Projektszene mit einer grenzenlosen Ökonomie angeblich jenseits der Arbeit zu tun, in der auch linke Jungakademiker die neueste Start-Up-Technik zur noch effektiveren Ausbeutung der Armen und Abgehängten entwickeln, und die abends im jeweiligen Conne Island ihren Beitrag zur widerspruchslosen Hinnahme der nächsten Zumutungen von Team Merkel leisten?

Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas und lebt in Berlin.

Flugschrift gegen das Bündnis für den Tod – Aufruf zur Solidarität mit den Bedrängten in der Türkei April 20, 2017 | 08:09 pm


Das YSK (Yüksek Seçim Kurulu) ist lt. Verfassung die höchste Institution der Wahlaufsicht, es besteht aus einigen jener opportunen Juristen, die bei den systematischen Amtsenthebungen der vergangenen Jahre im Justizapparat übergeblieben sind. Am Abend des 16. Aprils entschied es willkürlich und eindeutig gesetzeswidrig, die bis zu 2,5 Millionen ungestempelten Wahlzettelumschläge in die knappen 51,4 Prozent für ein „Evet“ zum Ermächtigungsgesetz Erdoğans einzurechnen. Wenig später traten der Staatspräsident in Istanbul und der Ministerpräsident Binali Yıldırım in Ankara auf, um zu ihrem „edlen Volk“ zu sprechen. Vorrang, so die beiden, habe vor allem die „Einheit der Nation“ und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Auch der Vorsitzende der völkisch-panturkistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP), Devlet Bahçeli, sprach zu „unserem edlen Volk“. Ende des vergangenes Jahres hatte Bahçeli den rivalisierenden Muslimbrüdern Erdoğans ein „Evet“ zum Ermächtigungsgesetz versprochen - unter der Zusage einer Wiedereinführung der Todesstrafe und der Hinrichtung jener Ausgeburt des Vaterlandsverrates, Abdullah Öcalan. Allein im Tod sind sie sich eins und sie drohen damit allen anderen.

Selbst mit systematischer Manipulation verlor das „Evet“ in Istanbul, Ankara und Izmir sowie in nahezu allen weiteren Großstädten wie im südtürkischen Adana und Mersin. Gewonnen hat das „Evet“ unmissverständlich in der anatolischen Provinz, wo die türkisch-sunnitische Synthese als Staatsideologie die ländliche Idiotie beherrscht. Doch ist es hier weniger das Heilsversprechen einer „Islamischen Republik“, das die Zusage zur Verfassungsänderung in manchen Provinzen auf über 70 Prozent drückte, als die Staatsgläubigkeit der Untertänigen. Wer in Yozgat, Sivas und Elazığ ausharrt, der folgt jenem, der die Straße in die nächste Provinzhauptstadt asphaltiert und die Paranoia nährt, dass die „Zins-Lobby“, die „armenische Diaspora“, der exilierte Imam in Pennsylvania und die „Zoroastrier“ in Kandil keine Intrige scheuen, um zu sabotieren, dass die Prosperität, die längst einzig noch ein Gerücht ist, auch ihnen zukomme. Der Glaube an den Glanz einer imperialen Türkei ist dort am virulentesten, wo das tägliche Leben am kümmerlichsten ist und die noch gnadenlos direkten Zwänge – sei es in der Familie, der Kaserne oder Fabrik – jedes Lebensglück zu ersticken drohen.

„Als wir auf diesen Weg aufgebrochen sind“, so Recep Tayyip Erdoğan unlängst, „haben wir das Leichentuch angelegt“. Dieser Märtyrerkitisch ist die Propaganda, die gefällt – das Sterben als Ehre überlässt Recep Tayyip, bescheiden wie er ist, natürlich den Anderen. „Befehle es und wir töten, befehle es und wir sterben“, so die notorische Unterwerfungsgeste von Erdoğans Brüllvieh und die Drohung an jene, die den Staat missachten. Was nicht heißen muss, dass aus der Türkei mehr Todessüchtige in die syrische Hölle ausreisten als etwa aus Mönchengladbach oder Dinslaken. Die Verherrlichung des Todes und der Rache als kollektive Übung ist der Eid auf den Staat dieser kollektiven Bestie. Sie fungiert als kollektive Triebunterdrückung und Drohung mit der Enthemmung. Gegner der Muslimbrüder kontern diesen Todeskult – ganz anders als manches Relikt maoistischer „Volksbefreiung“ oder die faschistischen Märtyrerkommandos der „Freiheitsfalken Kurdistans“ - mit Rufen wie „Wider den Hass es lebe das Leben“ (Nefrete inat yaşasın hayat) oder – feministisch und zugleich auf kurdisch - „Frau – Leben – Freiheit“ (Jin Jiyan Azadî). Zwischen Lebensbejahung und Todeskult verläuft die Front der türkischen Katastrophe. „Kampf - Jihad - Märtyrertod“ (Cenk - cihat - şehadet), rief Erdoğans Brüllvieh am späten Abend des 16. Aprils. Sie feierten den Tod. 

Doch nicht die anatolische Provinz allein drückte das „Evet“ knapp über die 50 Prozent. Die allermeisten der ungestempelten Wahlzettelumschläge sind, so die oppositionelle Gazette Evrensel, aus jenen Distrikten, in denen die Opposition längst zum Freiwild gemacht worden ist und die Kollaborateure des Staates die grobschlächtigsten Reaktionäre sind: im kurdischen Südosten. In der Provinz Muş begleitet ein Muhtar, ein ausgewiesener Parteigänger der Muslimbrüder, seine Schäfchen in die Kabine, und posiert ein Dorfschützer mit MP drohend vor dem Urnengrab. In Mu Erdoğans, wo die oppositionelle Halkların Demokratik Partisi (HDP) am 7. Juni 2015 noch auf über 70 Prozent kam, gewinnt überraschend das „Evet“. In der Provinz Diyarbakır, wo Tage zuvor systematisch Wahlbeobachter der HDP in Polizeihaft genommen wurden, verhinderten auch Repression und Manipulation keine 67,6 Prozent und damit ein unmissverständliches „Hayır“.

Es war das aggressive Niederdrücken dieser Oppositionspartei, das die systematischen Manipulationen ermöglichte und schlussendlich das Ermächtigungsgesetz erzwang. Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren sind über 10.000 Parteimitglieder in Polizeihaft genommen worden, ein Drittel ist langfristig inhaftiert. Hinzu kommen unzählige weitere inhaftierte Oppositionelle aus dem politischen Dunstkreis der Partei. In den allermeisten Kommunen ist sie inzwischen durch Zwangsverwaltungen aus allen Ämtern verdrängt worden. In dem Distrikt Kayapınar, in der Provinz Diyarbakır liegend, präsentierte der Zwangsverwalter jüngst die in den mit der Partei assoziierten Kulturzentren konfiszierte Literatur: „Unsere Kinder“, so der Distrikt-Gouverneur, seien mit sexueller Aufklärung und zoroastrischem und kommunistischem Unglauben vergiftet worden. Doch auch die Denunziation der HDP als „unislamisch“ half in Kayapınar dem „Evet“ nicht über die 30 Prozent. Und doch lässt sich anderswo im Südosten an den steigenden Prozenten für die Muslimbrüder erahnen, wer in das Vakuum der kriminalisierten Opposition zu stoßen droht: die nackte Despotie eines mafiotischen Staats-Rackets aus Konterguerilla und feudaler Klientel. Ganze Distrikte im Osten und Südosten hängen am finanziellen Tropf des Dorfschützersystems.

Neben dem ländlichen Anatolien, grober Gewalt und systematischer Manipulationen im Südosten verhalf auch die türkische Diaspora Erdoğan noch zum knappen Sieg, den er selbst als einen in der Tradition von Pyrrhus stehenden fürchten wird. Unabhängig davon, dass auch hier Manipulationen naheliegend sind (ein Duisburger Parteifunktionär Erdoğans etwa posierte mit dem Wahlzettel noch bevor diese von der YSK herausgegeben worden sind) - ganz offensichtlich wirkt der Führerkult, die aggressive Denunziation von Kritik als „terroristisch“ und die nationalchauvinistische Inszenierung als imperiale Großmacht ungleich faszinierender auf deutsche oder österreichische Türkeistämmige als auf die Menschen in der Türkei selbst. Diese nationalchauvinistische Vormacht in der Diaspora wäre zuerst nicht als eine Reaktion auf einen Mangel an Identität zu denunzieren, viel mehr als das, was sie ganz konkret ist: die Verweigerung von Empathie mit den Bedrängten in der Türkei und die aggressive Identifikation mit deren Verfolgern. Selbst die Gegebenheit, dass im von allen geliebten Istanbul das „Evet“ verlor, provozierte bei vielen nicht ein kurzes Innehalten, einen Hauch von kritischer Reflexion des fatalistischen Führerkults. Mit dumpfen Gehupe und Fahnengeschwenke feierten in Berlin und anderswo die Freunde der faschistischen Diktatur das durch Manipulation erzwungene „Evet“, während in Istanbul und Ankara die Menschen, trotz der ständigen Drohung gröbster Repression, gegen das Ermächtigungsgesetz Erdoğans protestierten. Die Existenzlüge der laizistischen Republik, das der Feind außerhalb der Staatsgrenzen lauere, wendet sich mit Blick auf die eigene Diaspora ein wenig mehr der Wahrheit zu: Erdoğans Imame von DİTİB, die Karrieristen der UETD sowie die Grauen Wölfe der Türk Federasyon sind das ideologische Hinterland der Faschisierung der Türkei. Sie gilt es aus Solidarität mit den Bedrängten in der Türkei zu bekämpfen.

Alles andere hätte irritiert, wenn nicht auch diese Katastrophe unter den Launen deutscher Befindlichkeiten abgehandelt werden würde. Sind sich Stolzdeutsche und türkische Nationalchauvinisten noch einig bei der Inhaftierung Deniz Yücels (auf Twitter und anderswo wünschen sich beide, der „Deutschenhasser“ vulgo der „getarnte Terrorist“ Yücel solle in Haft verrotten), reizt das „Evet“ Erstere zu Phantasien über Bevölkerungsverschiebungen. Auch den Genossen, denen es zu mühselig erscheint, anders mit der Opposition solidarisch zu sein als mit der absurden Empfehlung, „Wer kann, solle die Türkei verlassen“, sei gesagt: Die Anerkennungsquote Geflüchteter aus der Türkei liegt im Moment bei 7,6 Prozent und vielen Oppositionellen wird die Ausreise so oder so verweigert. Ganz abgesehen davon, dass die türkischen Säkularen in manchen Teilen von Istanbul, Ankara und in Izmir sowieso weniger von Erdoğans Brüllvieh behelligt werden als etwa in Remscheid, wo mehr als hundert Freunde der faschistischen Diktatur sich drohend vor der alevitischen Gemeinde anrotteten und „Glücklich, derjenige, der sich Türke nennt“ (Ne mutlu Türküm diyene) brüllten. Die Vielzahl an „Antifaschistischen Aktionen“ in der Umgebung bleiben dabei genauso borniert und autistisch auf sich selbst bezogen wie ihre deutsch-nationalen Gegner. Wie bei der Hetzjagd von Freunden des Kalifats auf Eziden in Herford im Jahr 2014 bleiben sich auf sicherer Distanz, wenn türkische Faschisten türkischen Oppositionellen mit Pogrom drohen.

Wer die Bedrohung durch die Muslimbrüder dadurch relativiert, dass sie wenigstens noch Referenden abhalten und eine solche für eine Diktatur unrühmliche Knappheit zulassen, hat wenig von ihnen verstanden. Genauso wie die khomeinistische Despotie im Iran oder das syrische Regime der Hizb al-Ba‘ath drohen die Muslimbrüder mit der Vernichtung von Kritikern als Abtrünnige: „Der Staat (…) hat sie wie Ratten, die aus der Kanalisation gekrochen kommen, am Genick gepackt“, prahltNihat Zeybekçi, Muslimbruder in Ministerwürden, über die Verhaftungen der Co-Vorsitzenden der Halkların Demokratik Partisi, Figen Yüksekdağ und Selahattin Demirtaş. Während der Rudelführer der Grauen Wölfe, Devlet Bahçeli, den inhaftierten Abgeordneten droht: „Entweder sie beugen ihre Köpfe oder ihre Köpfe werden zermalmt“. Die Wiedereinführung der Todesstrafe ist auch eine ganz konkrete Drohung an alle Oppositionellen. Und um als „Terrorist“ zu gelten, bedarf es keiner Militanz mehr, es kann jeden Kritiker treffen.


Proteste in Istanbul, 19.04.2017  (Haydar Taştan, NarPhotos)

Der Unterschied zu Syrien und dem Iran ist der, dass in der Türkei noch eine organisierte Opposition existiert, die noch nicht auf klandestine Organisierung heruntergebracht wurde oder gänzlich exiliert ist. Vor allem die Cumhuriyet Halk Partisi – als Partei Mustafa Kemals noch mit einem durchaus staatstragenden Charakter – ermöglicht es jungen Laizisten, sich zu organisieren – auch ohne ihren parteiprogrammatischen Nationalstolz teilen zu müssen. Und auch die Halkların Demokratik Partisi ist noch nicht gänzlich zerschlagen, auch wenn die Verhaftungswellen nicht abebben. Die Parteiführung der CHP hatte noch ihr „Ja“ zur Immunitätsaufhebung der Abgeordneten gegeben, um in einer von Erdoğan angedrohten Volksbefragung nicht als „antinational“ denunziert zu werden.


  Haydar Taştan, NarPhotos

In den Wochen vor dem Referendum schien bei einigen die Resignation durchbrochen zu sein. Nach eineinhalb Jahren zwangsverordneter Grabesruhe eroberten am 8. März Tausende von Frauen die Istanbuler İstiklâl Caddesi nahe Taksim. Die häufigsten Slogans waren „Frau – Leben – Freiheit“ und „Frauen sagen Nein“. Die Resignation und Desillusionierung sind nach dem 16. April noch nicht ganz wieder einkehrt. Noch am späten Abend des 16. Aprils kamen vor allem junge Menschen in Istanbul, Ankara, Izmir und anderswo auf die Straße. Nunmehr den fünften Abend in Folge protestieren sie nicht allein gegen die systematischen Manipulationen, viel mehr gegen das ganze Regime der Muslimbrüder. Ihre Rufe erinnern an die rebellischen Tage des Jahres 2013: Boyun eğme, „Beugt euch nicht“. Am stärksten sind die Proteste in Istanbul-Beşiktaş, wo über 80 Prozent sich dem Ermächtigungsgesetz Erdoğans mit einem „Hayır“ verweigert haben. Was augenfällig ist, sind die nicht ganz so vielen türkischen Nationalflaggen und das Ausbleiben nationalistischer Rufe wie „Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“. Diese Laizität aus der Kaserne haben bereits die Protestierenden von Gezi Park mit „Wir sind die Soldaten von niemanden“ oder „Wir sind die Soldaten von Freddie Mercury“ gekontert.


Haydar Taştan, NarPhotos

Es hängt nun auch an uns, dass aus Europa noch etwas anderes kommt als Prozente für das Ermächtigungsgesetz Erdoğans, die Einfühlung in die Diktatur und die Verächtlichmachung der Bedrängten. Yeni Şafak, eine der Propagandaschleudern der Muslimbrüder, droht indessen, dass vom Staat die Proteste, die denen um den Gezi Park im Jahr 2013 ähneln, wie der gescheiterte Militärcoup am 15. Juli als Intrige von außen verstanden werden. Mit einer ähnlichen Begründung wurden soeben die ersten Protestierenden der vergangenen Tage in Polizeihaft genommen. Sie sind wahrlich alleingelassen. Belassen wir es nicht dabei.


Hayır bitmedi, yeni başlıyor - „NEIN ist nicht zu Ende, es ist erst der Beginn“ 

Vortrag „ Frauen* im antifaschistischen Widerstand in Neukölln 1933-1945“ und Feier zum Jahrestag der Befreiung 2017 April 19, 2017 | 07:49 pm

28.04. | 19.30 Uhr | B-Lage Neukölln, Mareschstraße 1 (Nähe S-Bhf. Sonnenallee)

Am 24. April 1945 überschritten die ersten Einheiten der Roten Armee die Südgrenze Neuköllns. In den folgenden Tagen gelang es den sowjetischen Truppen gegen den erbitterten deutschen Widerstand vorzurücken. Die letzte Gegenwehr von deutschen Verbänden in Neukölln konnte am 28. April 1945 gebrochen werden. Die Rote Armee hatte Neukölln befreit. Der Sieg der Alliierten bedeutete das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Neukölln und die Befreiung für Zwangsarbeiter_innen und Jüdinnen_Juden. Viele der Zwangsarbeiter_innen sowie die absolute Mehrzahl der Neuköllner Jüdinnen_Juden erlebten die Befreiung jedoch nicht mehr. Nur wenigen war es vorher gelungen, unterzutauchen und zu überleben. Schließlich bedeutete der Sieg der Roten Armee auch die Befreiung für die Widerstandskämpfer_innen der verschiedenen sozialdemokratischen, kommunistischen und liberalen Gruppen. 

Die Veranstaltung zum 72. Jahrestag der Befreiung Neuköllns wollen wir den Frauen* im antifaschistischen Widerstand in Neukölln 1933-1945 widmen. Obwohl die meisten Neuköllner_innen ebenfalls Teil der NS-Gesellschaft waren, gab es in dem Bezirk einen besonders lebendigen antifaschistischen Widerstand, der maßgeblich von Frauen* bestimmt wurde. Wehrkraftzersetzung, Arbeitsvertragsbruch, Hilfe für Verfolgte sind nur einige Beispiele, über die in dem Vortrag berichtet werden soll. Weiterhin wird es um die lokalen Besonderheiten, ihre Motive, Netzwerke und die Verfolgung gehen. Aus heutiger Sicht ist es dabei besonders interessant, der Frage nachzugehen, was Menschen bewegt, sich nicht anzupassen, sondern sich widerständig zu verhalten. Antworten darauf werden am Beispiel von vergessenen und unbekannten Widerstandsgeschichten gesucht. Gefragt wird nach Formen und Erfolgen des Widerstandes und Unterschieden zu männlichen* Widerstandsakten.

Als Referentin freuen wir uns dabei auf die Historikerin Claudia von Gélieu, aktiv bei den Frauentouren und in der Galerie Olga Benario. Im Februar dieses Jahres wurde ihr Auto in der Reihe rechter Angriffe in Neukölln von Neonazis angezündet.

Im Anschluss an den Vortrag gibt es Tanz, Trunk und Feierei mit Musik von bonny techno (katzenjammer kids).

Den 28. April nehmen wir zum Anlass, um an die Befreiung Neuköllns durch die Rote Armee zu erinnern und dabei nicht zu vergessen, dass Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus Teil des bundesdeutschen Alltags sind.

Unser Dank gilt den alliierten Armeen, den Partisan_innen und allen anderen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens für die Zerschlagung Deutschlands kämpften. Der Sieg über die Deutschen bedeutete nicht weniger als die Befreiung der Menschen vom Nationalsozialismus.

Unser Dank heißt Krieg den deutschen Zuständen! 

28.04. | 19.30 Uhr | Vortrag „ Frauen* im antifaschistischen Widerstand in Neukölln 1933-1945“ und Feier zum Jahrestag der Befreiung | B-Lage Neukölln, Mareschstraße 1 (Nähe S-Bhf. Sonnenallee)

Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 April 19, 2017 | 10:39 am

1.) Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921

Ende März 1921 riefen KPD und KAPD zu einem Generalstreik im Industriezentrum Halle/Merseburg und Leuna auf. Von Mitteldeutschland aus sollte diese Streikaktion an Masse gewinnen und Initialzündung für weitergehende revolutionäre Bestrebungen sein. Doch vergeblich – die besetzten Betriebe wurden von Schutzpolizei und Reichswehr niedergeschossen und tausende radikale Arbeiter wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese Ereignisse sind nicht nur wegen ihrer Folgen interessant – um die Gefangenen der Märzaktion freizukriegen, wurde erst die Rote Hilfe gegründet – sondern auch wegen ihres Vorlaufes: Die Neuordnung der linken Parteienlandschaft, das Verhältnis zur KomIntern und die Debatten um einen offensiven oder einen gemäßigten Kurs. Nicht zuletzt sind die mitteldeutschen Märzkämpfe interessant wegen der beteiligten Gruppierungen und Personen – etwa der rätekommunistischen KAPD und dem berühmten Max Hoelz.

Auf Radio Corax ist im März 2017 ein ausführliches Feature erschienen, das die Ereignisse der mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 rekonstruiert. Zu Wort kommen hier Karsten Rudolph (Historiker, Institut für Soziale Bewegungen an der Ruhr Uni), Stefan Weber (Historiker), Norbert Marohn (Autor) und Seb Bronsky (Kommunist).

    Download: via Mediafire (mp3; 1:26:33 h; 138 MB)

2.) Zum Leben und Wirken des Max Hoelz

Ergänzend zum Feature ist in der April-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein ausführliches Interview mit Norbert Marohn über Max Hoelz gesendet worden. Norbert Marohn hat eine Hoelz-Biographie geschrieben: Hoelz. Biographie einer Zukunft, erschienen im Lychatz-Verlag. Das Interview behandelt die Kindheit von Max Hoelz, dessen Politisierung durch den Ersten Weltkrieg, seine revolutionären Betätigungen und schließlich seinen Aufenthalt in der Sowjetunion, der mit dem Tod in der Oka endete. Zu hören sind außerdem O-Töne aus den Filmen Max Hölz, der Revolutionär und Wolz. Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten.

    Download: via Mediafire (mp3; 1:05 h; 104 MB)
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Tarantinos Rachephantasien für die Opfer April 17, 2017 | 02:08 pm

2009 schrieb Peter Ehlent unter dem Titel „Bowling for Hitler“ in Prodomo #12 eine Rezension des Tarantino-Films „Inglorious Basterds“. Da Missverständnisse nicht altern, erfolgt hier nach einer verspäteten Erstlektüre des Films ein Widerspruch.

Ehlent konnte dem Film wenig abgewinnen:
„Verpackt in ein wenig Western-Nostalgie – neben dem Skalpieren erinnert auch die Formation der Basterds in diesem Setting an einen Indianer-Hinterhalt im Wilden Westen – wird hier in wenigen Bildern ein Counter-Holocaust inszeniert. Die jüdischen Soldaten der USA führen einen Vernichtungskrieg gegen die Deutschen und werden diesen damit gleich gemacht. Während dabei mit den Assoziationen der Zuschauer gerechnet und deshalb auf eine Einblendung von KZ-Bildern zum Vergleich verzichtet werden kann, wird die barbarische Gleichheit in der Schlussszene im brennenden Kino noch einmal bildlich expliziert. […] Die Botschaft des Films ist, dass es Nazis braucht, um Nazis zu besiegen, bzw. der Gegner der Nazis notwendig selbst zu einem wird.“

Für die Filmanalyse eines Autorenfilms ist die Einordnung in das Gesamtwerk erforderlich. 2009 war Tarantinos Arbeit am Thema der Rache schon sichtbar. In „Kill Bill“ (2004) lässt er eine komatöse Frau just beim Erscheinen ihres Vergewaltigers aufwachen und ihren Rachefeldzug beginnen. „Death Proof“ (2007)  zeigte die empörte Rache freier Frauen an einem sadistischen, fetischistischen Verfolger. Mit „Django Unchained“ (2012) und dem durchweg pessimistischen „The Hateful 8“ (2015) wurde Rache unmissverständlich zum Hauptthema seines Schaffens. Tarantino gibt in seinen Rachephantasien Opfern von Diskriminierung ihre Würde zurück. Die fiktive Gewalt stört das von den Tätern in Gang gesetzte und von tatsachentreuen Dokumentationen fortgeschriebene Spektakel der Angst, versucht den Terror einmal auf jene zurückzuwerfen, die ihn verursachen. Dass solche Therapie erlittene Beschädigungen nicht zurücknimmt, unterstreicht Tarantino mit seinen ambivalenten Helden. Sie sind keine Heroen, aber sie werden gerade nicht „wie Nazis“, sondern sie werfen die Aggression der Verfolger auf diese zurück. Nazis verbrannten Frauen und Kinder, Greise und Behinderte, wehrlose Männer und auch einige wenige bewaffnete Männer. Die „Basterds“ hingegen verfolgen, skalpieren und quälen ausschließlich überzeugte Nazis und Soldaten. Kurioserweise sieht Ehlent dennoch die Möglichkeit einer revisionistischen Lesart: Deutsche könnten die vermeintliche Gleichsetzung im Film als wohltuende Erleichterung erfahren und ihre „Version“ herauslesen.

„Bei Inglourious Basterds kommt ein solcher Bruch innerhalb des filmischen Rahmens höchstens ansatzweise durch die bereits erwähnten Einblendungen vor, so dass das postmoderne Prinzip, nach dem sich jeder seine eigene Wahrheit bastelt, voll durchschlagen kann.“

Tarantino macht keinen politischen Praxisvorschlag, er hat kein Lesartenkabinett, sondern arbeitet im Symbolischen, in dem solche Phantasien ausgesprochen werden – während jedem klar ist, dass sie Phantasien sind. In der filmischen Realität ist die Aggression der jüdischen „Basterds“ ausschließlich Reaktion, ihr Ziel der Verursacher. Ihre Aggression wird nicht verschoben auf Schwächere – Sadismus verbleibt in seiner ambivalenten, rationalen Form, die ihn in einer dem Ich feindseligen Welt zu einem für das Überleben unverzichtbaren Medium macht.

Den Anspruch bürgerlicher Therapie, die Arbeitsfähigkeit als Maß der Dinge zu setzen, und mittels der Auslöschung von sadistischen, antisozialen Impulsen eine „Reparatur“ zu suggerieren, die das Fortleben von Gesellschaft als Primat hat, widerruft Tarantino in seinen Rupturen. Sein Therapievorschlag fordert nicht die Reproduktion von Gesellschaft, sondern die Rehabilitierung der Idee des Individuums durch den rettenden Sadismus. Die Blutfeste geben einer verdrängten Aggression Symbole, reißt sie aus dem Status der passiven (Auto-)Aggression und feiern die Imagination von Rache als letzte Krücke der beschädigten Individualität.

Inmitten der Ohnmacht von ödipalen Ängsten, sexuellen Zurichtungen, Sklaverei und Faschismus wird Störung nur durch Zer-Störung möglich. Wie der Patient in der Psychoanalyse den Augenblick als heilsam erfährt, in dem er seiner tödlichen Wut auf den vorher idealisierten oder als unantastbar gefürchteten Vater oder Mutter Worte verleiht, so will Tarantino Opfergruppen (Frauen, Schwarze,  Juden) Symbole geben, die mit Bildern aussprechen, was vorher tabuiert war. Die Vergewaltiger zu vergewaltigen, die Nazis in Räume einzusperren und zu verbrennen, die Verfolger verfolgen. Den Tabuierungsdruck setzt Ehlents plumpe Gleichsetzung von Rachephantasie und Realität nur fort.

Das aber unterscheidet diesen Sadismus der Rache von dem der Täter: er ist Aufstand gegen erlittene Herrschaft, nicht Treten nach unten. Dafür, dass diesen Aufstand intrapsychisch jeder vollziehen kann, bedarf Tarantino regelrecht der ironisch gebrochenen Helden. Die Rachephantasie zuzulassen bedeutet, den unrealistischen Ich-Idealen eine Absage zu erteilen. Auch hier missversteht Ehlent Tarantino gründlich:

„Man kann Tarantino jedoch nicht nachsagen, dass die unterschiedliche Zielsetzung von Amerikanern und Deutschen den antiamerikanischen Charakter seines Films in Frage stellen würde, schaffen es doch am Ende nicht die durchweg als Volltrottel dargestellten Amerikaner, die Nazis zu besiegen, sondern der deutsche Überläufer, der nach dem Scheitern der Basterds ihren Plan doch noch vollendet. […] Die Basterds hingegen, die als primitive Wilde anfangs noch erfolgreich ihren Auftrag erledigen, geben im Finale die Lachnummern ab“

Das Finale ist ebensowenig eine Lachnummer wie die realen Attentate Georg Elsers oder Claus Stauffenbergs gescheiterte drei Versuche, Hitler zu töten. Wie oft Widerstand zu Improvisation greifen musste, wie oft die wenigen gelungenen Akte eine Kette von Glücksfällen und absurden, mitunter wenig genialen Einfällen waren, wie oft Aktionen scheiterten an nicht minder „lächerlichen“ Fehlern entspricht der Realität. Lächerlich wäre, sämtliche Helden als intakte Ich-Ideale mit einigen Kratzern siegreich aus dem Flammenmeer steigen zu lassen. Widerstand war unprofessionell, unorganisiert und mitunter lächerlich.

Gänzlich absurd ist die Gleichsetzung Ehlents des jüdischen Selbstmordattentates im Film mit dem palästinensischen:
„Aber spätestens mit der Einblendung der Sprengstoffgürtel, mit denen die Basterds als Selbstmordattentäter den Anschlag auf das Kino ausführen wollen, ist der Verweis auf Israel im Film gegeben.“

Hier wird wie in der Kritik des Selbstmordattentates häufig der Fall nicht mehr differenziert zwischen dem Selbstopfer für die Freiheit Anderer und dem Selbstopfer für die Etablierung eines Todeskultes. Das Selbstmordattentat hat Vorläufer in der antiken jüdischen Mythologie als Mittel des Freiheitskampfes und es setzt sich durch die Jahrtausende als militärische Option fort. Im Überlebenskrieg Israels von 1948 gab es jüdische Selbstmordeinheiten, die bewusst in aussichtslosen Situationen kämpften und sich lieber mit Granaten in die Luft sprengten, als sich zu ergeben. Wenn Tarantino ein fiktives Selbstmordkommando auf die gesamte NS-Elite einschließlich Adolf Hitlers ansetzt, so ist das gewiss keine Gleichsetzung mit den arabischen Terroristen, die sich in einem israelischen Bus voller Schulkinder in die Luft sprengen.

Der Beitrag Tarantinos Rachephantasien für die Opfer erschien zuerst auf Nichtidentisches.

Ohne Courage gegenüber Antisemitismus April 17, 2017 | 10:00 am

In Berlin wird ein 14-jähriger jüdischer Junge monatelang von muslimischen Mitschülern antisemitisch angegriffen. Trotz eindringlicher Hinweise seiner Eltern zieht die Schulleitung keine Konsequenzen, weshalb der Jugendliche die Schule schließlich verlässt. Die Eltern gehen an die Öffentlichkeit, was andere Mütter und Väter in Rage versetzt – weil sie um das Image der Bildungseinrichtung fürchten, die sich als antirassistisch versteht. Das Opfer interessiert sie dabei weniger.

Das Problem fängt im Grunde genommen schon bei der Begrifflichkeit an. »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« heißt ein staatlich gefördertes Projekt, dem in Deutschland über 2.300 Schulen angehören, die sich »gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt wenden«. So steht es jedenfalls auf der Internetseite des Netzwerks. Bekämpft werden soll auch der Antisemitismus. Was die Initiative und die an ihr beteiligten Schulen darunter verstehen, wird allerdings nicht so richtig klar. Im Wesentlichen subsummiert man ihn einfach unter den Rassismus und sieht in ihm lediglich eine Diskriminierungsform von vielen – so, als handelte es sich nicht um eine eigenständige, irrationale, mörderische Ideologie, die aus den Juden das »Anti-Volk« macht, das sich die Welt unterwerfen und die Völker gegeneinander in den Krieg hetzen will und deshalb zur Rettung der Menschheit vernichtet werden muss. Antisemitismus scheint für »Schule ohne Rassismus« zudem etwas zu sein, das eigentlich nur bei Neonazis in nennenswertem Ausmaß anzutreffen ist und dessen moderne Formen wie der Hass auf Israel überdies gar nicht als antisemitisch wahrgenommen werden.

Wenn dann eine Schule, die sich an diesem Projekt beteiligt, wegen antijüdischer Vorfälle in die Schlagzeilen gerät und damit nicht vernünftig umgehen kann, zeigt sich die politische Beschränktheit dieser Initiative. So wie unlängst in Berlin-Schöneberg, wo ein 14-jähriger jüdischer Schüler die Friedenauer Gemeinschaftsschule verließ, nachdem er dort monatelang beschimpft, beleidigt, bedroht, getreten, geschlagen und gedemütigt worden war – weil er Jude ist. Die Täter waren Mitschüler, die allerdings keine Verbindungen zu deutschen Rechtsradikalen pflegten, sondern aus türkischen und arabischen Familien stammen. Die Eltern des Jungen hatten bei der Schulleitung interveniert und, nachdem diese keine nennenswerten Konsequenzen zog, ihren Sohn schließlich von der Schule genommen. Als der Fall daraufhin in die Medien kam, empörten sich zehn Mütter und Väter in einem Leserbrief an den Tagesspiegel – allerdings nicht über das antisemitische Mobbing gegen den jüdischen Schüler, sondern über die angeblich rufschädigende Berichterstattung der Zeitung über die Schule.

Schließlich sei diese Einrichtung – an der drei Viertel der Schüler einen Migrationshintergrund haben – »äußerst engagiert«, überzeuge mit einem »innovativen Schulkonzept« und verfüge über Pädagogen, die »fantastische Arbeit« leisteten. Angesichts dessen, so muss man diese Eloge wohl verstehen, hat antisemitisch motivierte Gewalt gegen einen 14-Jährigen lediglich eine Randnotiz zu sein. Noch befremdlicher wird es, wenn man liest, wie die Eltern sich diese Gewalt erklären. »Seit Jahrzehnten existiert im Nahen Osten ein nicht enden wollender Konflikt zwischen Arabern und Juden«, schreiben sie, und »eine Stadt wie Berlin, in der Menschen beider Religionen und Kulturen« lebten, könne »vor den Auswüchsen internationaler Konflikte, wie des Nahostkonflikts, nicht verschont bleiben«. Eine Schule mit einer Schülerschaft, die sich aus vielen Nationen zusammensetze, könne schlechterdings nicht »davor gefeit sein, dass es zu religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen Schülerinnen und Schülern kommt«.

Wie der Elternbrief den Antisemitismus reproduziert

Zunächst einmal stellt sich die Frage, was ein pubertierender jüdischer Jugendlicher aus einem deutsch-britischen Elternhaus überhaupt mit dem »Nahostkonflikt« zu tun haben soll. Die Antwort lautet schlicht und ergreifend: nichts. Juden überall auf der Welt mit der israelischen Politik zu identifizieren und sie dafür verbal und körperlich anzugreifen, folgt einer antisemitischen Logik. Und diese wird bereits geteilt, wenn man sie nicht als solche begreift, sondern bloß für einen »Auswuchs des Nahostkonflikts« hält und damit rationalisiert. Darüber hinaus ist schon die Verwendung des Wortes »Konflikt« eine Banalisierung der Wirklichkeit, schließlich geht es der arabischen Seite um nicht weniger als die Vernichtung Israels und seiner jüdischen Bewohner, was mal ganz offen auch so benannt und mal als »Befreiung Palästinas« – von den Juden nämlich – verbrämt wird.

Eine weitere Verharmlosung des Antisemitismus steckt in der Behauptung, bei den Attacken auf den Schüler handle es sich um »religiös motivierte Auseinandersetzungen«. Zum einen führt das Wort »Auseinandersetzung«, ähnlich wie der Begriff »Nahostkonflikt«, völlig in die Irre, weil es nicht zwischen den Angreifern und dem Angegriffenen, zwischen den Tätern und dem Opfer unterscheidet, sondern sie auf die gleiche Stufe stellt. Das einzige »Vergehen« des gemobbten Schülers bestand aber darin, jüdisch zu sein, was einer seiner Peiniger auch sehr deutlich machte, als er sagte: »Du bist Jude, und ich bin Muslim. Wir können nicht befreundet sein.« Denn alle Juden seien Mörder und außerdem geldgierig. Zum anderen liegt keine religiöse Motivation vor: Der jüdische Schüler hatte sich nicht abfällig über den Islam geäußert, und die Angriffe gegen ihn zielten nicht auf seine Religion, sondern hatten einen klaren politischen Hintergrund.

Die Eltern, die den Leserbrief verantworten, haben einen antisemitischen Angriff also zu einem simplen Streit verniedlicht, an dem beide Seiten gleichermaßen schuld gewesen sein sollen. Sie sorgen sich nicht so sehr um das Wohlbefinden des attackierten Jugendlichen, sondern fürchten vor allem, »dass die Schule in ein völlig falsches Licht gerückt und der Ruf, den sie sich gerade hart erkämpft, zunichte gemacht wird«. Eine bemerkenswerte Prioritätensetzung. Dem Tagesspiegel unterstellen die Mütter und Väter, »dem bildungsbürgerlichen Trend der Abschottung vor dem vermeintlich Anderen, dem Fremden« Vorschub zu leisten und »Wasser auf die Mühlen« derjenigen zu gießen, »die den Islam fürchten oder gar islamfeindliche Tendenzen verfolgen«. Wer den Antisemitismus muslimischer Schüler als solchen benennt, schürt also Rassismus und beabsichtigt die Zerstörung eines vorbildlichen multikulturellen Projekts. So viel Verkehrung der Realität ist schon beachtlich.

Ideologisch motivierte Irrtümer

Dass das Kleinreden des islamisch grundierten Hasses auf Juden mit dem Konzept »Schule ohne Rassismus« jedoch durchaus zusammengeht, zeigt auch ein Interview, das die FAZ mit der Leiterin des Netzwerks, Sanem Kleff, geführt hat. Kleff sagt darin, man müsse nach Vorfällen wie in Berlin stets fragen: »Wer sind die Kinder, die sich antisemitisch äußern? Kommen sie aus einer Region im Nahen Osten oder sind emotional mit einer solchen Region verbunden? Oder gibt es ganz andere Gründe für ihr Verhalten?« Das legt nahe, dass die Herkunft aus dem Nahen Osten oder eine emotionale Verbundenheit mit ihm den Antisemitismus der Betreffenden harmloser oder verständlicher erscheinen lassen soll. Solche Haltungen fügen sich allerdings in die linke, antirassistische Sicht auf den jüdischen Staat ein, die sich durch den ideologisch motivierten Irrglauben auszeichnet, dass es sich bei Israel um ein rassistisches und kolonialistisches Land handelt, das die Araber knechtet und deshalb selbst am weltweiten Antisemitismus schuld ist.

Alan Posener hat Recht, wenn er in der Welt feststellt: »Die Schüler und Schülerinnen, die anhand von Schulungsheften lernen, sich ein Opfernarrativ zuzulegen, das unangenehme Wahrheiten wie den arabischen Sklavenhandel, die Pogrome gegen Juden in Palästina und den Völkermord an den Armeniern ausblendet; die den Holocaust als Ereignis der fernen Geschichte und den Rassismus allein als Problem des Gastlands kennenlernen, spüren das schlechte Gewissen ihrer Lehrer und nutzen es aus. Sie spüren auch, dass sie in Sachen Israel oft auf ein klammheimliches Einverständnis setzen können. Hier liegt der Kern des Problems.« In eine ähnliche Richtung geht die Stellungnahme des grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der sowohl den zögerlichen Umgang der Friedenauer Schulleitung mit den antisemitischen Angriffen als auch den Leserbrief der Eltern kritisierte, in dem der Antisemitismus nicht nur nicht erkannt, sondern sogar reproduziert worden sei. Beck forderte demgegenüber, sämtliche Formen von Feindschaft gegen Juden zu bekämpfen – und damit auch die von Muslimen und Linken.

Das aber scheint in »Schulen ohne Rassismus« nicht vorgesehen zu sein. Der unter Muslimen geradezu endemische Antisemitismus ist bestenfalls ein Randthema, oft wird er geleugnet, wegdefiniert oder mit Verständnis bedacht – selbst wenn, wie an der Gemeinschaftsschule Friedenau, ein Schüler derart unter ihm zu leiden hat, dass seine Eltern keine andere Wahl sehen, als ihr Kind von der Schule zu holen, weil die Schulleitung nicht genügend unternimmt. Wenn sich andere Väter und Mütter dann auch noch mehr um das Image der Schule sorgen als um die seelische und körperliche Unversehrtheit eines gemobbten jüdischen Jugendlichen, ist das Elend perfekt. So viel übrigens auch zum Thema »Schule mit Courage«, das als programmatischer Anspruch ja ebenfalls ein Bestandteil des Projektes ist.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.


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Audio: Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht. April 12, 2017 | 02:42 pm

Sama Maani liest ein Kapitel aus seinem gleichnamigen Buch:

„Warum wir über den Islam nicht reden können“

am 28. März 2017 in Stuttgart

Heute scheint auch der Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer ‚anderen Kultur‘ auszukommen. Mehr noch: Als Mensch mit Migrationshintergrund wird der Fremde seine Zugehörigkeit zu einer ‚fremden Kultur‘ auch in den Folgegenerationen nicht los. Welches Konzept von Gesellschaft steckt hinter der Inflation des Begriffs ‚Kultur‘ in der aktuellen Debatte
(‚fremde Kultur‘, ‚unsere Kultur‘, ‚Leitkultur‘, ‚Multikulturalität‘ etc.)? Welche Art Unterschiede sollen ‚kulturelle‘ Unterschiede denn sein? Gelten für Angehörige ‚anderer
Kulturen‘ andere Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Freiheit und Recht?
Der Referent plädiert eindrücklich dafür, derartigen ‚Kultur’zuschreibungen den Respekt zu verweigern. Sama Maani ist mit mit (psycho-)analytisch geschultem Blick und treffenden Formulierungen um klärende Zuspitzung bemüht.

Sama Maani ist Schriftsteller und Psychoanalytiker. Er wurde in Graz geboren und wuchs in Österreich, Deutschland und im Iran auf.

Antideutsche Abweichler April 10, 2017 | 06:17 pm

Lange galt Leipzig als Hochburg von Antideutschen, dass selbst ein Mohamed Amjahid in seinem bezeichnenden Artikel für das ZEIT Magazin erkannt zu haben meint: „Der Leipziger Stadtteil Connewitz [ist] im Grunde die Hauptstadt von Antideutschland.“ [1]

Was sich vor sieben Jahren mit der Verbannung Justus Wertmüllers aus dem Conne Island unter dem Verweis auf seinen vermeintlichen Sexismus und Rassismus bereits ankündigte, scheint sich mittlerweile jedoch weitgehend vollzogen zu haben: Die vollkommene Marginalisierung antideutscher Kritik, die dabei teils selbst nicht über eine eingeschliffene Identifikation with all things US-American and Israeli hinausging und deren Vertreter das Argument hinter der scharfen Wendung gegen jeden Antizionismus und Antiamerikanismus nicht mehr nachvollziehen konnten. [2] Wer damals also schon nichts von Ideologiekritik wissen wollte, wendet sich nun umso bereitwilliger der nächsten distinktiven Politposition zu, entledigt sich nebenbei alter Selbstverständlichkeiten, reduziert seinen Begriff von Antifaschismus auf den kleinstmöglichen Nenner, um die eigene Bündnisfähigkeit nicht zu untergraben, und übt sich in den Aufgaben staatlicher Elendsverwaltung ebenso wie im konstruktiven Verständnis für die Denkfehler des Antirassismus, Queerfeminismus und all den anderen Angeboten der Bewegungslinken.

Mittlerweile wissen selbst linksradikale Grüppchen wie die Antifa Klein-Paris um den schweigenden Rückhalt des Lokalkonsenses, wenn es darum geht, die nun ungeliebte antideutsche Minoritärposition abzukanzeln. Stellvertretend für andere erklärt sie ihr Programm als solches, „feinfühliger, was heißt: differenzierter, sich den Konflikten zuzuwenden, als es Teile antideutscher Kritik tun“, was heißt: etwa vermittels der eigenen differenzierten Kategorien zu erkennen, dass man „es im Fall Trump tatsächlich mit einer besonders schrecklichen Person zu tun“ habe. [3] Gleichzeitig öffnet man in Leipzig etwa der Israelkritik neue Hintertüren, indem man einen Hannes Bode im Conne Island darüber referieren lässt, wie grau die Realität in Bezug auf Israel letztendlich doch sei, und stört sich entsprechend nicht mehr an der Einladung eines prominenten Antisemiten [4] durch eine staatlich geförderte Institution vor der eigenen Haustür, während eine Gruppe wie Prisma ein Lippenbekenntnis zur Israelsolidarität in derselben Manier sophistischer Ausgewogenheit ohnehin nur herausbekommt, wenn sie im selben Satz die Buzzwords der „Besatzungs- und Siedlungspolitik“ fallen lassen darf. [5]

Angesichts solcher Zustände ist es an der Zeit, ihren Akteuren einen Spiegel vorzuhalten und den gegenwärtigen Konsens nicht länger unwidersprochen hinzunehmen. Das bedeutet nicht nur, Antifaschismus auch über die Denunziation ostdeutscher Nazis hinaus denken zu können, sondern derzeit vor allem, eine wahrnehmbare Kritik an der Regression der Linken in dieser Stadt zu formulieren, welche sich abseits der eigenen antirassistischen Nabelschau nicht für viel mehr zu interessieren scheint.

Antideutsche Aktion Leipzig im April 2017.

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[1] ZEIT Magazin #12 (2017), http://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/12/antideutsche-israel-linke-deutschland/seite-4.

[2] Wir halten es mit Paulette Gensler, nach der sich solche Jungantideutschen „schlicht als spezialisierte Antiimps [outen], die nicht an Marx, Freud, Adorno et al. gereift, sondern mit Slime in ihrer pubertären Krise hängen geblieben sind. Am deutlichsten zutage tritt dass Ressentimentbehaftete der Jungantideutschen in ihrer notwendigen Bahamas-Feindschaft. Der Name der Zeitschrift taucht ja fast nur noch in Umschreibungen auf, die an ein primitives Tabu erinnert. ‚Sie, deren Name nicht genannt werden darf‘, die meist aber auch nie gelesen wurde, dient den jungen Antideutschen als Bauernopfer, um ihre eigene Isolation zu überwinden sowie als Sündenbock der eigenen Erfahrungslosigkeit und des omnipräsenten Schwachsinns.“, in der Jungle World #28 (2015), http://jungle-world.com/artikel/2015/28/52288.html.

[3] „Wo wir stehen, wo wir kämpfen“, Februar 2017, https://antifakleinparis.noblogs.org/archiv/2017-2/wo-wir-stehen-wo-wir-kaempfen.

[4] Israelhass ist keine Diskussionsgrundlage. Kein Forum für Finkelstein!, Januar 2017, http://nokrauts.org/2017/01/protest-finkelstein-mpi/.

[5] In der Phase 2 #50 (2015), http://prisma.blogsport.de/2015/04/28/gesellschaftstheorie-statt-reality-tv-phase-2/.

Unter dem Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit April 10, 2017 | 12:51 pm

Norman Finkelstein im März 2012, © swarthmorephoenix1881 mit CC-BY-NC-2.0-Lizenz via Flickr

Das Max-Planck-Institut (MPI) für ethnologische Forschung in Halle an der Saale hat zwei Veranstaltungen mit dem amerikanischen Politologen Norman Finkelstein ausgerichtet – und dessen antisemitischen Tiraden so ein Forum geboten. Als es deshalb Kritik gab, machte das Krisenmanagement des MPI alles nur noch schlimmer. Schließlich befasste sich sogar der Deutsche Bundestag damit.

Würde eine seriöse und angesehene wissenschaftliche Einrichtung, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt, jemanden einladen, der »Rassentheorien« verteidigt, Juden dämonisiert und womöglich sogar die Existenz der Vernichtungslager infrage stellt – und das damit begründen, dass Kontroversen im wissenschaftlichen Diskurs schließlich unverzichtbar seien und Nachwuchswissenschaftler lernen sollten, sich mit Argumenten in respektvoller und professioneller Weise auseinanderzusetzen? Würde sie mit einer solchen Rechtfertigung Verschwörungstheoretiker zum Vortrag bitten, die an der Mondlandung zweifeln, an Chemtrails glauben oder die »Protokolle der Weisen von Zion« für den Beweis jüdischer Weltherrschaftspläne halten? Wohl kaum, denn kein ernstzunehmender Mensch hielte einen solchen Irrsinn für Wissenschaft. Und jede wissenschaftliche Institution, die Proponenten dieses Irrsinns einlüde, würde damit unweigerlich ihre Reputation aufs Spiel setzen.

Doch wenn es um Israel geht, werden unter Berufung auf die Freiheit der Wissenschaft bisweilen die größten Absurditäten für diskutabel und diskussionswürdig gehalten. Zumindest ist jemand, der den jüdischen Staat für ein »räuberisches, rassistisches, arrogantes Monster« hält, der Terrororganisation Hisbollah seine Solidarität versichert und behauptet, das amerikanische Judentum habe eine »Holocaustindustrie« geschaffen, um sich am Shoa-Gedenken zu bereichern und Unterstützung für Israel zu erpressen, nach Ansicht des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle an der Saale offenbar hinreichend qualifiziert, um einen »Workshop« über das – selbstverständlich von Israel verursachte – »Martyrium von Gaza« zu leiten. Dieser Jemand ist der amerikanische Politologe Norman Finkelstein, der seine antisemitischen Tiraden Ende Januar am MPI verbreiten durfte. Das blieb allerdings nicht unwidersprochen, und am Ende beschäftigte sich sogar der Deutsche Bundestag damit.

Doch der Reihe nach. Das MPI in Halle hatte Finkelstein als Gastwissenschaftler zu zwei Auftritten eingeladen: Zum einen sollte er einen öffentlichen Vortrag über die »Meinungsfreiheit in der Wissenschaft« halten, zum anderen den besagten »Workshop« geben, der einer Stellungnahme des Instituts zufolge die »Rechtfertigung des Einsatzes von staatlicher Gewalt« zum Thema hatte. Gleichzeitig warb das Institut mit einem Plakat für diese Veranstaltung – und auf dem lautete der Titel gänzlich anders, nämlich so wie Finkelsteins neues, noch nicht veröffentlichtes Buch: »Gaza: an inquest to its martyrdom«. Im Plakattext wurde unter anderem wahrheitswidrig behauptet, die Hamas habe während des Gazakrieges im Sommer 2014 weder Raketen auf Israel abgefeuert noch Terrortunnel gebaut, um die israelische Zivilbevölkerung anzugreifen. Die gesamte Ankündigung des »Workshops« unter dem Logo des MPI in Halle las sich nicht wie eine Einladung zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung, sondern vielmehr wie das Pamphlet eines durch und durch israelfeindlichen Aktivisten.

Höchst fragwürdiges Krisenmanagement

Das war allerdings kein Wunder, denn der Text stammte aus der Feder von Norman Finkelstein selbst. Das überwiegend aus Mitteln des Bundes und der Länder finanzierte MPI hatte ihn einfach übernommen – ungeprüft, wie seine Direktorin Marie-Claire Foblets einräumte. Gegenüber dem grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der Finkelsteins Einladung vehement kritisiert hatte, erklärte sie überdies, bei dem Plakat habe es sich »lediglich um die interne Ankündigung des Workshops« gehandelt. Dazu benutze man grundsätzlich »ein festes Template mit Header und Footer vom MPI, der Text zur jeweiligen Veranstaltung kommt vom Referenten«. Dass das zumindest in diesem Fall keine gute Idee war, machte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, deutlich: »Offen gesagt weiß ich nicht, wie wir mit diesem Flyer in einen öffentlichen Disput gehen können«, schrieb er an Beck. »Musste das sein? Ist das vom Institut autorisiert oder von Herrn Finkelstein lanciert?«

Das MPI in Halle ergänzte die Stellungnahme auf seiner Homepage schließlich um ein »Addendum«, in dem es hieß, bei dem »Workshop« handle es sich um eine »interne Veranstaltung« und nicht um eine öffentliche. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage von Volker Beck und der Bundestagsfraktion der Grünen hervorgeht (die Mena-Watch vorliegt), konnten sich zunächst jedoch sehr wohl auch Externe anmelden; auf dem Plakat waren keine spezifischen Anmeldekriterien genannt worden. Erst 16 Stunden vor dem Beginn des »Workshops« wurden nicht zum MPI gehörende Interessenten per E-Mail ausgeladen. Da war die Kritik an der Veranstaltung – sowohl von Volker Beck als auch beispielsweise vom Bündnis Halle gegen Rechts – bereits öffentlich. An Beck schrieb Marie-Claire Foblets, der »Workshop« sei nur »Teil einer Reihe« von Seminaren, »in der die unterschiedlichsten Positionen zu diesem sicher sehr schwierigen Thema beleuchtet werden sollen«. Welche weiteren Veranstaltungen geplant sind und welche Positionen dabei vertreten werden sollen, gab die Direktorin des MPI in Halle nicht an. Öffentlich bekannt waren jedenfalls keine.

Um die Einladung zu rechtfertigen und den Ruf des Referenten zu retten, holte das MPI diverse Gutachten zu Finkelsteins wissenschaftlichem Werk ein – und zwar ausschließlich bei Leuten, die dem Politologen äußerst wohlgesinnt sind. Alan Posener schrieb dazu in der Welt: »Sie heißen John J. Mearsheimer, der bislang nicht als Experte für Gaza in Erscheinung getreten ist, wohl aber als Co-Autor eines Buches über den üblen Einfluss der ›Israel-Lobby‹ auf die Politik der USA; Avi Shlaim, der zu einem Boykott Israels aufgerufen hat; William Quandt, der in Mearsheimers Buch zustimmend zitiert wird als Kritiker des ›Pro-Israel-Chors‹; Talal Asad, der als Kritiker des Säkularismus hervorgetreten ist; und John Dugard, der Israels Politik in der Westbank als ›ähnlich der Apartheid‹ bezeichnet hat. Sagen wir es so: Glaubt irgendjemand ernsthaft, diese Leute fänden Finkelsteins Buch gut, weil es wissenschaftlich ist? Ist es nicht klar, dass sich hier eine akademische Schar von Israelkritikern gegenseitig ›Wissenschaftlichkeit‹ bescheinigt? Eine Schar, in die sich nun auch das Institut in Halle eingereiht hat.«

Ziel: Hetze gegen Israel akademisch akzeptabel machen

Man darf wohl gefahrlos behaupten, dass das Krisenmanagement des MPI angesichts der Kritik wenig überzeugend und noch weniger glaubwürdig war. Für die inhaltliche Begründung, warum man Finkelstein eingeladen hat, gilt das nicht minder. Man wolle keine Wissenschaftler »aufgrund ihrer politischen oder ideologischen Positionen ausschließen«, tat Marie-Claire Foblets kund, man müsse zukünftige Wissenschaftler schulen und auf Kontroversen vorbereiten, außerdem sei sich die »Scientific Community« bewusst, dass Finkelstein »seine Thesen durchaus provokant formuliert«. Provokant – so kann man den antizionistischen Antisemitismus von Norman Finkelstein, seine Dämonisierung und Delegitimierung Israels, seine Faktenverdrehungen und -verfälschungen natürlich auch nennen, verharmlosen und wissenschaftlich aufwerten. Letzteres wäre übrigens auch der Fall, wenn tatsächlich ein Gegenreferent gesucht und gefunden würde. Denn Finkelsteins indiskutable Äußerungen blieben dann eine wissenschaftlich diskussionswürdige Meinung unter mehreren.

Die Bundesregierung schreibt nun in ihrer Antwort auf die Anfrage von Beck und den Grünen, sie bewerte »die öffentliche Darstellung« der Veranstaltungen des MPI mit Finkelstein »kritisch«. Der Vortrag und der »Workshop« hätten »von einer deutlichen forschungspolitischen Einordnung durch das Institut begleitet werden müssen«. Über den Begriff des »Martyriums«, den der Politologe im Zusammenhang mit der Situation im Gazastreifen verwendet, heißt es, er werde »häufig im Kontext islamistischer Propaganda verwendet«. Volker Beck zieht daraus den Schluss: »Eine ziemliche Blamage für die renommierte Max-Planck-Gesellschaft.« Finkelsteins Philippika sei »eine antiisraelische Propagandaveranstaltung« gewesen, für die das MPI sich habe instrumentalisieren lassen. Die wissenschaftliche Eignung von Finkelstein stellt die Regierung allerdings nicht in Abrede, ihre Kritik beschränkt sich im Wesentlichen auf die Vorgehensweise des Instituts in Halle.

In diesem Punkt deutlicher wurde Alan Posener, als er schrieb: »Die Freiheit der Wissenschaft muss sakrosankt bleiben. Sie deckt aber nicht die Freiheit unwissenschaftlicher und von Hass getriebener Propaganda. Auch sie muss erlaubt werden: Dafür gibt es die Redefreiheit und genügend Säle im Land. Im akademischen Lehrplan aber hat sie nichts zu suchen.« Wissenschaftlich zu arbeiten lerne man von Wissenschaftlern und indem man selbst wissenschaftlich arbeite, ergänzte er in einem anderen Beitrag. »Man lernt es nicht von Demagogen.« Das wisse man auch am MPI – weshalb dessen Argument, doch nur »die unterschiedlichsten Positionen« zu Wort kommen lassen und dadurch den wissenschaftlichen Diskurs fördern zu wollen, nicht greife. Schließlich würde es, so Posener, gewiss nicht verwendet, »um etwa einen Workshop mit Björn Höcke über deutsche Gedächtniskultur zu rechtfertigen«. In Bezug auf Finkelstein sei es nur benutzt worden, »um das Ziel zu kaschieren: die Hetze gegen Israel akademisch akzeptabel zu machen«. Das stimmt – und deshalb hat sich das MPI auch nicht bloß von Finkelstein einspannen lassen. Es hat vielmehr gewusst und gewollt, was es tat. Und das ist noch weit ärger.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.

Zum Foto: Norman Finkelstein im März 2012, © swarthmorephoenix1881 mit CC-BY-NC-2.0-Lizenz via Flickr.


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shut your mouth April 9, 2017 | 04:51 pm


10-04-2017Stay at home and read books: Etwa das Lexikon der… April 7, 2017 | 07:24 pm



10-04-2017

Stay at home and read books: Etwa das Lexikon der Leistungsgesellschaft, ein Buch über die Kranke Arbeitswelt und eines zur Repression gegen Arbeitsunwillige (Faul! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft).

Radiosplitter #1 – Gesellschaftskritisches April 4, 2017 | 09:52 pm

Seit anderthalb Jahren führe ich immer wieder Interviews im Rahmen des tagesaktuellen Programms von Radio Corax. Da diese Beiträge auf der Austauschplattform der freien Radios einigermaßen unsystematisch verstreut sind, möchte ich an dieser Stelle einige ausgewählte Interviews zusammenstellen. Die Interviews stelle ich in mehreren Beiträgen thematisch geordnet zusammen: Kultur und Gegenkultur, Kritische Theorie, Geschichte der Arbeiterbewegung, Antifaschismus, Geschichte der Hausbesetzerbewegung, Radiogeschichte, Psychologie und Geschlechterverhältnis – das sollen einige grobe Ordnungskategorien sein. Im Sinne einer umfassenden Gesellschaftskritik sollen alle diese Beiträge verstanden sein – in der ersten Folge finden sich Interviews, die in keine der obigen Ordnungskategorien so recht hineingepasst haben und daher unter dem groben Stichwort „Gesellschaftskritisches“ versammelt werden. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Interviews, die sich um Sozialpolitik als soziale Kontrolle drehten – zuletzt mit einem Exkurs zur postmodernen Bildungstheorie. Die einzelnen Beiträge sind jeweils mit weiterführenden Links versehen. Mit der untenstehenden Übersicht könnt ihr zu den einzelnen Audiobeiträgen springen:

Zur Kritik des Sozialstaats
Zur Geschichte der Überwachung von Erwerbslosen
Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Der ›Trainingsraum‹ als neoliberales Strafarrangement

Zur Kritik des Sozialstaats

Wenn von Armut die Rede ist, dann wird der Sozialstaat beschworen. Der Staat müsse sich seiner sozialen Funktion gewahr werden und Verarmungstendenzen abmildern oder die Mittelschicht stärken. Demgegenüber weist Christian Frings darauf hin, dass der Sozialstaat immer eine disziplinierende Funktion hatte, gegen die Autonomie von Arbeiterorganisierung gerichtet ist und Armut als Voraussetzung des Arbeitszwangs verewigt. Eine linke Kritik des Sozialstaats ist seit den 80′er Jahren weitgehend aus den Debatten verschwunden. Der Sozialstaat wird als eine erkämpfte Errungeschaft gesehen, die es gegen neoliberale Bestrebungen zu verteidigen gelte. Ich habe Christian Frings zunächst gefragt, ob der Sozialstaat tatsächlich eine Errungeschaft darstellt. Am Ende des Gesprächs sind wir auch darauf eingegangen, welche Rolle eine Kritik des Sozialstaats in der Flüchtlingsdebatte spielen könnte oder sollte. Text von Christian Frings zur Kritik des Sozialstaats | Text von Ingo Stützle zu Sozialstaat und Flüchtlingsdebatte | Text der Wildcat zur Kritik des Sozialstaats | Paul Lapinski: Der ‚Sozialstaat‘. Etappen und Tendenzen seiner Entwicklung | Interview mit Silke van Dyk über Sozialpolitik im flexiblen Kapitalismus | Vortrag zur Kritik des Sozialstaats (mp3) | Rodenstein/Rödel/Stille/Guldimann: Starnberger Studien 2 – Sozialpolitik als soziale Kontrolle (Suhrkamp, 1978).

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Zur Geschichte der Überwachung von Erwerbslosen

Kontrolle, drakonische Disziplinierungsmaßnahmen und Verfolgung von Erwerbslosen gibt es schon seit den Anfängen des Kapitalismus im 12. Jahrhundert. Einer, der die Stigmatisierung von Erwerbslosen zum Programm erhoben hat war übrigens Martin Luther, der den Satz bekannt gemacht hat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Im Gespräch mit Radio Corax hat Anne Allex berichtet, welche Repressionsmaßnahmen gegen Arbeitslose es in dieser Zeit gegeben hat. Anne Allex ist an verschiedenen Erwerbsloseninitiativen beteiligt und hat sich sozialhistorisch mit der Stigmatisierung von Erwerbslosen auseinandergesetzt. Aus dem Interview mit Anne Allex habe ich außerdem eine längere Radiosendung produziert, die hier (via Mediafire) heruntergeladen werden kann. Zur Homepage von Anne Allex.

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Faul! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft

Mit der Repression gegen Arbeitsunwillige hat sich auch ein Interview beschäftigt, das ich mit Hans-Albert Wulf geführt habe. Der hat zur Geschichte des Ressentiments gegen Faulheit geforscht und dazu 2016 ein Buch veröffentlicht – über dieses Buch habe ich mit ihm gesprochen. Das Interview ist nach meinem Geschmack etwas kurz ausgefallen und die wichtigen Punkte werden jeweils nur kurz angerissen – das Interview macht aber vielleicht neugierig auf das Buch von Wulf.

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Der ›Trainingsraum‹ als neoliberales Strafarrangement

Überwachung, Bestrafung, Kontrolle, Disziplinierung – das findet auch in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts statt. Allerdings in veränderten Formen. Das lässt sich beispielsweise an der gegenwärtigen Ausrichtung der Bildungswissenschaft ablesen. Mit Ludwig Pongratz – einem maßgeblichen Autor der kritischen Bildungstheorie – habe ich über aktuelle Paradigmen der Pädagogik und Bildungswissenschaft gesprochen. Es geht um einen Begriff der Bildung zwischen Emanzipation und Zurichtung. Das Interview fand im Vorfeld eines Vortrags von Pongratz statt, der im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des [KriLe] stattfand – mit den VeranstalterInnen der Reihe habe ich ebenfalls ein Interview geführt, das hier nachgehört werden kann.

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Kunst, Spektakel & Revolution N°5 April 4, 2017 | 05:13 pm

Beiträge zur Kritik der Gewalt

Wir haben immer wieder die Vortragsmitschnitte aus der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution dokumentiert. Seit einiger Zeit haben im Rahmen dieses Formats keine Vorträge stattgefunden – trotzdem ist im letzten Jahr eine weitere Ausgabe des gleichnamigen Magazins erschienen, die sich schwerpunktmäßig um einen kritischen Begriff von Gewalt bemüht hat. Um diese Ausgabe herum sind einige Radiobeiträge entstanden, die wir im Folgenden dokumentieren.

1.) Nachrichten aus dem beschädigten Leben

Das Sendungsformat „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ bei Radio Corax hat die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorgestellt, wobei einer der Mitherausgeber zu Wort kommt. Es wird allgemein über das Thema Gewalt gesprochen.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:24 min; 21,4 MB)

2.) Dem Schmerz ein Menschenopfer

Im Rahmen einer Gemeinschaftssendung von FSK und Radio Corax hat die KSR-Autorin Susann Offenmüller ein Interview zu ihrem Text »Dem Schmerz ein Menschenopfer – Die Gewalt im Begriff der Postmoderne« gegeben. Sie geht dabei insbesondere mit einem psychoanalytischen Blick auf die Gewalt im Subjektivierungsprozess ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:30 min; 18,5 MB)

3.) Missverständnisse über Kulturindustrie

In der gleichen Radiosendung hat auch Jakob Hayner ein Interview gegeben. Er hat in der KSR N°5 über „Missverständnisse über Kulturindustrie“ gesprochen. Er kontextualisiert den Begriff der Kulturindustrie innerhalb der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer und grenzt ihn von anderen Begriffen ab, etwa von dem der Massenkultur.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:05 min; 17,9 MB)

4.) Wutpilger-Streifzüge: Zur Kritik der Gewalt

In einer Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge im Dezember 2016 wurde ein längeres Feature gesendet, das auf der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution basiert. Es kommen darin Roger Behrens, Jakob Hayner, Susann Offenmüller und Lukas Holfeld zu Wort. Unter anderem enthält es Auszüge aus einem Mitschnitt einer Heftvorstellung in Hamburg. Das zugrundeliegende Interview mit Jakob Hayner bezog sich auf eine weitere Publikation zu einem ähnlichen Thema: „Grenzsteine – Beiträge zur Kritik der Gewalt“ (Edition Text und Kritik). Es enthält außerdem Passagen aus der Ausgabe 63/2015 der wertkritischen Zeitschrift „Streifzüge“, die sich ebenfalls dem Thema Gewalt gewidmet hat.

    Download: via Mediafire (mp3; 1 h; 96,1 MB)

5.) Wutpilger-Streifzüge: Destruction of RSG-6

Die JanNovemberuar/2016-Ausgabe von Wutpilger-Streifzüge hat sich ebenfalls der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution gewidmet. Sie enthält einen Vortrag von Lukas Holfeld über die Ausstellung „Destruction of RSG-6″, die im Jahr 1963 von der Situationistischen Internationale in Odense (DK) organisiert wurde. Der Vortrag ist eine Einführung in die Theorie der Situationisten (mit einem Fokus auf deren Verhältnis zur Kunst), schildert Aspekte des kalten Krieges und beschreibt die genannte Ausstellung.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 1:30 h; 144 MB)

6.) KSR-Heftvorstellung in Berlin

Am 24.07.2016 wurde die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Berlin im Laidak vorgestellt. Im Vortrag sprechen Julian Kuppe und ein Redaktionsmitglied, das den im Heft enthaltenen Beitrag von Olga Montseny vorstellt. Julian Kuppe umkreist in seinem Vortrag, wie im Spätkapitalismus bzw. in der Postmoderne Identität und Subjektivität prekär werden und was dies für Gesellschaftskritik und Psychoanalyse für Folgen hat. Der andere Vortrag geht ausgehend von den Hamburger Gefahrengebieten darauf ein, wie der Ausnahmezustand zunehmend ein normaler Bestandteil von Ordnungspolitik wird.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 1:04:47 h; 88,9 MB)

Wer darüber hinaus weiter hören möchte – die Homepage von Kunst, Spektakel & Revolution enthält auch ein ausführliches Archiv mit Audiodateien, die im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe und dem Magazin stehen.

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Antisemitismus in feministischen Kontexten April 2, 2017 | 01:52 pm

Vortrag und Diskussion mit Merle Stöver

Donnerstag, 27. April 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                             AWO-Ost, Ostendstraße 83, 70188 Stuttgart

Feminismus stellt eine gesellschaftliche Notwendigkeit dar und muss immer Teil von Gesellschaftsanalyse und -kritik sein. Doch mit Blick auf gesellschaftliche Missstände sehen wir das Fortleben antisemitischer Ideologie, die weder vor linken Kontexten noch vor feministischen Gruppierungen und ihren Gesellschaftstheorien Halt macht. Daher gilt es zu untersuchen, ob es unter Feminist*innen bzw. im Feminismus Antisemitismus gibt und auf welche Art und Weise sich dieser äußert. Dafür soll ein historischer Abriss der deutschen Frauen*bewegungen bzw. der feministischen Debatten gegeben werden. Es wird der Blick auf aktuelle feministische „Ikonen“ und neue feministische Bündnisse und Theorien gelenkt, um anschließend die Frage zu besprechen, ob es Parallelen und strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen antisemitischer Ideologie und feministischen Theorien gibt.
Gerade mit Hinblick auf die „Albertus-Magnus-Professur“ Judith Butlers ist es an der Zeit, Antisemitismus auch als solchen zu bezeichnen, ihn zu enttarnen und ihn nicht länger als „Pauschalangebot“ an die globale Linke hinzunehmen.

Merle Stöver ist Feministin, Bloggerin und Aktivistin. Sie äußert sich regelmäßig zu Debatten über Feminismus und Antisemitismus.

 

Selbstkritischer Rückzug eines Sportverbands April 2, 2017 | 11:00 am

Jibril Rajoub (Bildmitte), Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport (© RevealJibril)

Mit einer bemerkenswert selbstkritischen Erklärung seines Präsidenten Alfons Hörmann hat der Deutsche Olympische Sportbund, einer der weltweit größten Sportverbände, die erst im Februar beschlossene Kooperation mit dem Palästinensischen Fußballverband und dessen Vorsitzenden Jibril Rajoub aufgekündigt. Im Gegensatz dazu wollen drei Dutzend Schweizer Nationalräte Schützenhilfe für Rajoub leisten.

Im Februar hatte das deutsche Auswärtige Amt noch erklärt, mit dem Präsidenten des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport, Jibril Rajoub, eine »gemeinsame Absichtserklärung über die Entsendung eines deutschen Fußballexperten an den Palästinensischen Fußballverband« (PFA) vereinbart zu haben. Zwei Jahre lang sollte dieser Experte, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bestimmt hatte, den Palästinensern bei der Professionalisierung ihrer Strukturen im Fußball unter die Arme greifen, vor allem im Jugend- und im Frauenfußball sowie im Schiedsrichterwesen. Die deutsche Seite bezeichnete das geplante Projekt von DOSB und PFA als »wichtigen Fortschritt in den bilateralen Sportbeziehungen zwischen Deutschland und den Palästinensischen Gebieten«. Für Jibril Rajoub – der auch dem Palästinensischen Fußballverband und dem Nationalen Olympischen Komitee vorsteht – war die Vereinbarung gar »eine der wichtigsten Kooperationserklärungen, die der Hohe Rat bislang unterschrieben hat«.

Doch zu dieser Zusammenarbeit wird es nicht kommen, denn der DOSB hat Abstand von ihr genommen, bevor sie begonnen hat. Auf die 400.000 Euro, die das Auswärtige Amt aus den Mitteln für die internationale Sportförderung für das Projekt bewilligt hatte, verzichtet der Verband von sich aus. In einer schriftlichen Erklärung gegenüber Audiatur-Online respektive Lizas Welt führt der DOSB-Präsident Alfons Hörmann persönlich aus, welche Gründe zum Rücktritt vom Abkommen mit der PFA geführt haben. »Zu Recht fordert die Öffentlichkeit vermehrt ein hohes Maß an Integrität von großen Organisationen – im Sport gleichermaßen wie in den Bereichen Politik und Wirtschaft«, heißt es darin. Der DOSB als einer der weltweit größten Sportverbände arbeite »konsequent daran, die universellen Werte des Sports im Sinne der Olympischen Idee gerade auch zur Völkerverständigung umzusetzen«.

Dazu gehöre auch und vor allem, so Hörmann weiter, »unsere ganz individuelle und besondere Verpflichtung aufgrund der deutschen Geschichte. Gerade der Missbrauch der Olympischen Spiele 1936 durch Hitler und die Nationalsozialisten und das schreckliche Attentat seitens palästinensischer Terroristen auf israelische Sportler anlässlich der Olympischen Spiele in München im Jahr 1972 sind eben leider auch ein wichtiger Bestandteil unserer Olympischen Geschichte in Deutschland.« Daraus folge, »dass wir in aller Konsequenz die Rahmenbedingungen jeweils für jedes nationale und internationale Projekt kritisch prüfen müssen. Beim vorliegenden wurde uns nun leider erst jetzt bewusst, dass sich nicht alle Partner zu den hohen Werten des Sports bekennen.«

DOSB-Präsident: »Schlichtweg nicht akzeptabel«

Was damit konkret gemeint ist, beschreibt Hörmann so: »Dass das Projekt eventuell sogar zum Teil in Sportstätten stattfindet, die nach Terroristen benannt sind, ist für uns im DOSB und für mich als Präsident schlichtweg nicht akzeptabel. Deshalb wollen wir hier weder in irgendeiner Form beteiligt oder gar federführend sein.« Der DOSB werde aber »gemäß unserer Verantwortung weiterhin auch in dieser Region in enger Zusammenarbeit mit weiteren Partnern wertvolle Projekte initiieren, sofern sichergestellt ist, dass unsere hohen Wertmaßstäbe konsequent eingehalten werden«.

Eine bemerkenswerte Stellungnahme zu einem beachtlichen Schritt. Hörmann und sein Verband haben begriffen, dass Jibril Rajoub kein Kooperationspartner sein kann und darf. Denn unter dessen Federführung werden immer wieder Klubs, Mannschaften, Wettbewerbe und Stadien nach Terroristen benannt, die Juden und Israelis getötet haben. Rajoub, der wegen terroristischer Aktivitäten 17 Jahre lang in israelischen Gefängnissen gesessen hat, lehnt zudem nicht nur im Sport, sondern ganz grundsätzlich jegliche Kooperation mit Israelis ab; diese sind für ihn allesamt »Rassisten, Faschisten, Expansionisten, Imperialisten«. Gemeinsame sportliche Aktivitäten mit dem »zionistischen Feind«, wie er die Israelis nennt, hält er dementsprechend für ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Rajoub bedauert, dass die Palästinenser keine Atomwaffen besitzen, weil er sie am liebsten sofort gegen den jüdischen Staat einsetzen würde. »Ganz Palästina – vom Jordan bis zum Meer – alles ist besetzt«, glaubt er – Israel hat für ihn also keinerlei Existenzrecht.

Auch das Simon Wiesenthal Center (SWC) hatte das geplante Sportprojekt von DOSB und PFA scharf kritisiert. Shimon Samuels, der beim SWC als Direktor für internationale Beziehungen tätig ist, sagte, die »unverhohlene Glorifizierung von Judenmördern« durch die palästinensische Seite rufe Erinnerungen »an die Olympischen Spiele der Nazis 1936 und an die Grausamkeiten während Olympia 1972 in München« wach. Eine Argumentation, die sich Alfons Hörmann nun in seiner Erklärung zu eigen macht. Das SWC hatte außerdem gefordert, »diese unvorstellbare Vereinbarung auszusetzen, bis die palästinensischen Behörden die Namen aller Terroristen aus allen Bereichen des palästinensischen Sports entfernt und die Taten dieser Terroristen öffentlich verurteilt hat«. Diese Konsequenz hat der DOSB jetzt gezogen.

Unterstützung für Rajoub von Schweizer Nationalräten

Im Gegensatz zum deutschen Olympiaverband hat Jibril Rajoub mit Selbstkritik nichts am Hut – im Gegenteil: Er verfolgt weiter seinen Plan, Israel aus dem Weltfußballverband FIFA ausschließen oder doch zumindest mit harten Sanktionen belegen zu lassen. Aufhänger ist für ihn derzeit vor allem die Teilnahme von sechs unterklassigen israelischen Fußballvereinen aus Siedlungen im Westjordanland am israelischen Spielbetrieb. Das ist nach Ansicht von Rajoub und der PFA nicht zulässig, denn laut FIFA-Statuten dürfe ein Klub nicht auf dem Territorium eines anderen Verbandes spielen, wenn dieser das ablehnt. Die FIFA beschäftigt sich schon länger mit dieser Angelegenheit, ist bislang aber noch zu keinem Entschluss gekommen. Erst auf dem nächsten Kongress des Weltverbandes im Mai in Bahrain soll ein Bericht vorgelegt werden. Ob der in Rajoubs Sinne ausfallen wird, ist ungewiss.

Und während der DOSB auf Distanz zu diesem antisemitischen palästinensischen Multifunktionär gegangen ist, erhält Rajoub Unterstützung von rund drei Dutzend Schweizer Nationalräten. Die nämlich haben sich der Tageszeitung Blick zufolge, einem Brief des SP-Nationalrates Cédric Wermuth an den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino angeschlossen, in dem der Ausschluss der Vereine aus den Siedlungen gefordert wird. Das wiederum hat Erich von Siebenthal, SVP-Nationalrat und Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel, zu einer Kritik veranlasst. Er sagte, es dürfe nicht sein, »dass Kinder und Jugendliche den Preis dafür zahlen müssen, dass die Politiker in vielen Staaten dermaßen israelfeindlich eingestellt sind«. Es sei »widerwärtig«, dass Schweizer Politiker »selbst durch den Sport versuchen, Israel zu bedrängen«.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

Zum Foto: Jibril Rajoub (Bildmitte), Präsident des palästinensischen Hohen Rats für Jugend und Sport (© RevealJibril).


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Luther auf das Maul schauen April 1, 2017 | 09:27 am

Vortrag „LUTHER AUF DAS MAUL schauen – Revolution & Reformation in Mitteleuropa“ mit Daniel Kulla 28. Mai 2017 16:00 Uhr Lutherstadt Wittenberg (Der Veranstaltungsort wird an dieser Stelle einige Tage vor der Veranstaltung bekannt gegeben.) Eine Kooperation von AK Zweifel&Diskurs und Junge Linke Wittenberg, gefördert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt. Wo stand Luther, als vor 500 Jahren in weiten Teilen Europas die [...]

Gefährliche Welterklärung: Personalisierender Antikapitalismus und seine Nähe zum Antisemitismus March 31, 2017 | 01:24 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 22. April 2017, 19.00 Uhr Mannheim                                                            Jugendkulturzentrum FORUM, Neckarpromenade 46, 68167 Mannheim

Ein Workshop im Rahmen der Anarchistischen Buchwoche Mannheim

(Beginn ist 19 Uhr und nicht 10 Uhr, wie es momentan noch im Programm der Buchwoche steht)

Je länger die weltweite ökonomische Krise dauert, desto beliebter sind einfache Erklärungen. Nicht nur unter Rechten, auch unter Linken, Gewerkschaftsmitgliedern und Leuten, die sich der „guten Mitte“ zurechnen. Die Empörung darüber, dass an Bildung, Gesundheit, Umwelt und Sozialem gespart wird, während gleichzeitig Billionen Euro in den Finanzmärkten zirkulieren, mischt sich oft mit der Vorstellung, „die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen“ seien an der Krise Schuld. Ein ebenso verbreiteter wie unreflektierter Bauch-Antikapitalismus verwechselt Gesellschaftskritik mit Wut auf „die da oben“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten macht anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres. Ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Die Nationalsozialisten setzten „die Gierigen“ mit „den Juden“ gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein.
Der Vortrag beleuchtet oberflächlichen und personalisierenden Antikapitalismus anhand von Beispielen aus linkem und gewerkschaftlichen Kontext. Er wirft einen Blick auf den Antikapitalismus alter und neuer Nazis und untersucht dessen Anschlussfähigkeit an den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Und er behandelt Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritik, die der Referent für dringend notwendig hält und die sich wesentlich von oberflächlichem und personalisierendem Antikapitalismus unterscheidet.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat im Klinikum Mannheim und im Klinikum Stuttgart. Heute schreibt er u.a. für Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

Professor Werner Ruf klagt gegen das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel March 30, 2017 | 07:10 pm

Professor (emer.) Dr. Werner Ruf hat Klage gegen das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel erhoben. Streitgegenstand ist seine Bemerkung:

„In nur anderthalb Jahrzehnten ist es gelungen, nicht nur den Islam zu einem neuen und affektiv hoch besetzten Feindbild zu machen, es ist auch gelungen, ihn mit dem Begriff des Terrorismus zu assoziieren, ja oftmals gleichzusetzen. Damit wird nicht nur Angst erzeugt, es wird auch eine Gefahr ausgemalt, die absolut irreal ist: Sicher ist es den Attentätern des 11. September gelungen, das Symbol des globalisierten Kapitalismus, die Zwillingstürme des World Trade Centre zu zerstören. Doch Terror dieser Art kann weder die Dominanz der USA oder „des Westens“ noch das herrschende System existenziell gefährden. Gegenüber der aus diesem System resultierenden ökologischen Bedrohung des Planeten ist er vergleichsweise geradezu irrelevant.“ (Werner Ruf, Islamische Bedrohung, in: Standpunkte 8 / 2007, S. 8)

Diese Einschätzung hatte uns zu einer zuspitzenden Bemerkung im Zusammenhang der Bildungsreferenten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) veranlasst. Wir sind verklagt worden, weil diese Bemerkung nach Ansicht des Klägers sein Persönlichkeitsrecht verletzt. Klageführender Rechtsanwalt ist Eberhard Reinecke (Köln).

Diese rechtliche Auseinandersetzung kostet uns ziemlich viel Geld. Spenden nehmen wir gerne unter dem Stichwort „Prozesskosten BgA-Kassel“ entgegen. (Angaben zur Kontoverbindung) Ein zusätzlich beigefügtes R und wir zahlen in dem Fall das Geld zurück, wenn wir die Auseinandersetzung gewinnen. Das Geld, was nicht zurückgezahlt werden soll, wird dem Vereinszweck (Veranstaltungen, Publikationen) zugeführt.