Deutsche Geschichtsvergessenheit July 7, 2015 | 10:16 am

Einer der hartnäckigsten politischen (und ökonomischen) Mythen in Deutschland ist zweifellos der vom »Wirtschaftswunder« nach dem Zweiten Weltkrieg. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wird der unerwartete ökonomische Aufschwung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts gerne damit (v)erklärt, dass die Bevölkerung sich nach dem erzwungenen Ende des »Dritten Reiches«, durch das ihr Land zu großen Teilen in Trümmer gelegt worden sei, brav und fleißig an die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten gemacht und so im Schweiße ihres Angesichts »die Wirtschaft« wieder in Schwung gebracht habe, was verdientermaßen in erklecklichen Wohlstand gemündet sei. Vergessen wird dabei vor allem eines: dass dieser Wohlstand nicht zuletzt »auf der kontinuierlichen Verwertung von Profiten aus dem Nationalsozialismus« beruhte, wie Jörg Rensmann im 2003 erschienenen Buch »The Final Insult« schrieb.* »Man halluzinierte sich«, so der Politikwissenschaftler weiter, »ein ›Wirtschaftswunder‹, dessen materielle Grundlage gleichzeitig verdrängt wurde, nämlich die Profite aus ›Arisierung‹ und Zwangsarbeit«. Hinzu kommt, dass 80 bis 85 Prozent der Produktionsanlagen intakt geblieben waren und die Gesamtkapazität jene der Vorkriegszeit weiterhin übertraf. Man kann also nicht sagen, dass Vernichtungskrieg und Holocaust sich gerächt hätten, schon gar nicht in puncto Prosperität.

Zumal da noch das Londoner Schuldenabkommen von 1953 war, mit dem 65 Staaten – darunter Griechenland – der Bundesrepublik einen Großteil ihrer Verbindlichkeiten erließen und so erheblich zum ökonomischen Aufstieg Westdeutschlands beitrugen. Es ging dabei um die Vorkriegslast – größtenteils nicht geleistete Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg – und um die Nachkriegsschulden, bei denen es sich vor allem um Zahlungen aus dem Marshall-Plan und um alliierte Kredite für Wirtschaftshilfe unmittelbar nach dem Krieg handelte. Trotz des Verzichts der Gläubigerstaaten auf entgangene Zinszahlungen ab 1934 ergab sich eine Gesamtschuld von rund 30 Milliarden Mark, bei einer westdeutschen Wirtschaftsleistung von 70 Milliarden Mark. »Unmöglich zu erfüllen«, befand der deutsche Verhandlungsleiter Hermann Josef Abs, der während des Nationalsozialismus im Vorstand der Deutschen Bank mit der »Arisierung« von Unternehmen und Geldinstituten, die Juden gehörten, beauftragt war. Die Gläubiger reduzierten die deutschen Auslandsverbindlichkeiten schließlich um über 50 Prozent, senkten die Zinsen massiv und streckten die Schulden bis zum Jahr 1988. Der Erlass wurde nicht von der Umsetzung von Austeritätsprogrammen abhängig gemacht, sondern sah wachstumsfördernde Maßnahmen vor. Deutschland sollte die Rückzahlungen aus seinen Exporteinnahmen decken können und nicht durch die Aufnahme neuer Schulden.

Kein Bestandteil des Londoner Abkommens waren die Reparationen für die von Deutschland besetzten Länder. Diese Zahlungen sollten nach einer deutschen Wiedervereinigung in einem Friedensvertrag geregelt werden, sie wurden also gestundet. Auch die millionenschweren Zwangskredite, die das Deutsche Reich dem besetzten Griechenland abgepresst hatte, um damit vor allem den Krieg im östlichen Mittelmeer zu finanzieren, standen nicht zur Debatte. Hagen Fleischer, Historiker an der Universität Athen, bezeichnet die deutsche Besatzung in Griechenland als »eindeutig die blutigste von allen nicht-slawischen Ländern«. In einem Beitrag des ARD-Magazins Kontraste bilanzierte er: »Weit über 30.000 exekutierte Zivilisten, darunter auch viele Frauen und Kinder. Systematisch zerstörte Infrastruktur und Wirtschaft. Plünderorgien, vom Raubbau in den Bergwerken, die für die deutsche Seite interessant war, bis hin zum Abtransport von Olivenöl und von Lebensmitteln. Und daraus resultierten die mindestens 100.000 Hungertoten vom ersten Besatzungswinter.«

Als die Mauer fiel, standen die deutschen Kriegsschulden wieder auf der Agenda. Doch die Bundesregierung wollte sich vor Reparationszahlungen unbedingt drücken. Außenminister Hans-Dietrich Genscher habe deshalb »sämtlichen Botschaften ein geheimes Rundschreiben zugeschickt, wie man die jetzt vermutlich aufkommenden Entschädigungsansprüche abwimmeln sollte«, sagt Historiker Fleischer. In diesem Schreiben hieß es unter anderem: »Kommt es nicht zu Verhandlungen über einen formellen Friedensvertrag, so könnten wir darlegen, dass sich […] keine Notwendigkeit ergibt, die Frage der Reparationen aufzugreifen.« Also gab es offiziell keinen Friedens-, sondern einen »Zwei-plus-Vier-Vertrag« zwischen der Bundesrepublik, der DDR und den großen Siegermächten, in dem kein Wort über Entschädigungen und Zwangskredite verloren wurde. Griechenland durfte nicht mitreden und war darüber begreiflicherweise alles andere als begeistert. In einer diplomatischen Note forderte die griechische Regierung deshalb im Jahr 1995 Verhandlungen über die Rückzahlung der Zwangsanleihe, wurde aber mit den Worten abgekanzelt, »nach Ablauf von 50 Jahren nach Kriegsende« habe »die Reparationsfrage ihre Berechtigung verloren«. Heute sagt Vizekanzler Sigmar Gabriel: »Wir haben eine klare rechtliche Antwort auf solche Forderungen, nämlich, dass die spätestens mit den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen und den Ergebnissen alle diese Themen rechtlich beendet worden sind.«

Jetzt, wo die »Wiedergutwerdung der Deutschen« (Eike Geisel) abgeschlossen und die Geschichte zur Strecke gebracht worden ist, tönt es wieder laut und gnadenlos in Richtung der Griechen. Faul, frech und fordernd seien sie, hört und liest man allenthalben, auf »unser« sauer verdientes Geld hätten diese Pleitiers es abgesehen, und die hierzulande qua Selbstläuterung vorbildlich bewältigte Vergangenheit wollten sie auch nicht ruhen lassen. Der Boulevard fordert die »Eiserne Kanzlerin«, während ARD und ZDF die Frage stellen, ob der Grieche überhaupt wusste, worüber er da beim Referendum am Sonntag abgestimmt hat. Die Großkotzigkeit und Überheblichkeit, der völlige Mangel an Empathie und das absichtsvolle Beschweigen derjenigen politischen und ökonomischen Krisengründe, die von Deutschland und der EU zu verantworten sind und nicht von Griechenland, stehen dabei hinsichtlich ihrer Widerwärtigkeit in harter Konkurrenz zu einer Geschichtsvergessenheit, die Ihresgleichen sucht. Nur allzu berechtigt ist es deshalb, dass sich die Griechen in aller Form gegen die nassforschen Töne aus einem Land verwahren, dessen Wiederaufstieg auch auf ungesühnten Verbrechen an der griechischen Bevölkerung, eiskalten Zahlungsverweigerungen gegenüber Griechenland und großzügigen Schuldenerlassen basiert. Und wer sich über Tsipras und Varoufakis ereifert, aber über Abs nicht (mehr) reden will, möge ohnehin am besten ganz schweigen.

* Jörg Rensmann: Anmerkungen zur Geschichte der deutschen Nichtentschädigung, in: gruppe offene rechnungen (Hg.): The Final Insult. Das Diktat gegen die Überlebenden. Deutsche Erinnerungsabwehr und Nichtentschädigung der NS-Sklavenarbeit, Münster 2003, S. 45-70 (S. 55).

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Wandsprüherei, Ort und Urheber unbekannt, via @Freddy2805 auf Twitter.


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sick sad world July 3, 2015 | 03:21 pm

Das viel beschworene Ende der Geschichte scheint mit der Depression weltweit sein adäquates und verbreitetes psychisches Echo im Subjekt gefunden zu haben. Die müden Augen, bp8der monotone Ausdruck und die Antriebslosigkeit, welche klassischerweise die Spiegel der inneren Leere waren, sind zwar einer allgegenwärtigen Aktivität gewichen, aber hinter der offensiven Beweglichkeit vieler Zeitgenossen verschanzt sich eine tiefgreifende Resignation. Mit dem Ende des gesellschaftlichen Experiments, das 1917 mit den Schüssen des Panzerkreuzers Aurora begann und dessen lang angelegter Niedergang in den 90ern vollzogen war, schwand die greifbare Option auf eine Welt, die – wenn sie schon keine Versöhnung zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur bot – zumindest im Groben das menschliche Glück als Maxime des Handelns betrachtete.

Wo der bürgerliche Liberalismus der Französischen Revolution schon lange Neoliberalismus und Postfaschismus weichen musste, hatte das sowjetische Experiment, trotz aller ihm innewohnenden und von ihm reproduzierten Gewalt, doch einen Schimmer der Hoffnung für das Individuum übrig. Dieser Schimmer scheint nach Jahrzehnten des Ausharrens zeitgleich mit der Sowjetunion erloschen. Die ostdeutschen Wendeverlierer kauften sich mit ihren ersten Westmark keine leuchtende Zukunft, sondern die unmittelbare Befriedigung, die das Geld her gab. Aber die unmittelbare Befriedigung hielt nicht und konnte nicht halten, was sie versprach, sie war und ist vielmehr die unmittelbare Einheit von Hoffnung und Enttäuschung, d.h. das Ende der Hoffnung. Diese Hoffnungslosigkeit erfuhren in den 90ern nicht bloß die konsumfreudigen Ostdeutschen, sondern auch all jene, die noch auf eine diesseitige Utopie gehofft und daher ihr eigenes Leben hinter der Sache der Linken, die ihnen mit der Sowjetunion zum Auslaufmodell geriet, angestellt hatten. Als in den letzten zwei Jahrzehnten dann ein starker Anstieg von Depressionen festgestellt wurde, ging man zunächst davon aus, dass verbesserte diagnostische Methoden und Entstigmatisierungen von psychischen Erkrankungen einzig ein bereits bestehendes Verhältnis sichtbar gemacht hätten. Einige Langzeitstudien später kann man hingegen mit Sicherheit sagen, dass depressive Störungen nicht bloß unter Linken und in sogenannten Krisenländern auf dem Vormarsch sind.

Großartige Ichverarmung

Sigmund Freuds wesentlicher Beitrag zur Entstehung von depressiven Störungen ist der Text „Trauer und Melancholie“. Hier stellt Freud die These auf, dass ein Objektverlust, wie man ihn etwa schmerzlich in bzw. am Ende der Liebe erfahren kann, zur Trauer, hingegen in seiner pathogenen Form zur Melancholie führt, d.h. das „Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist als Liebesobjekt verlorengegangen.“ (S. 199) Das verlorene Objekt bleibt bei der Melancholie im Zentrum der Aufmerksamkeit, wird über die Maße beklagt und idealisiert. Aber der Verlust ist nun nicht der des geliebten Objekts, sondern „mehr ideeler Natur“ (ebd.). Trotz aller gegenteiligen Beteuerung wird nicht das offensichtlich betrauerte Objekt vermisst, sondern der eigentliche Objektverlust ist dem Bewusstsein entzogen.

Bei der Depression, wie man sie heute kennt und wie sie scheinbar nicht Folge eines Objektverlusts ist, stellt sich heraus, dass auch hier etwas Verloren ist. Es ist zwar kein greifbares Objekt, aber wird von den Depressiven zumeist klar als Sinn bzw. Lebenssinn benannt. Auch der Depressive trauert also um etwas verlorenes, etwas was einstmals mit ihm identisch gewesen sein muss, doch ihm dann abhanden kam. Nimmt man nun an, dass das, wessen sich der Depressive sicher sein kann und muss, der Sinn ist, der ihm von der Gesellschaft tagtäglich gesetzt wird, daher seine Funktion als Subjekt der Warengesellschaft, muss der Sinn, der ihm verlustig gegangen ist, jenseits davon liegen. Es wäre daher nicht zu weit gegriffen, zu behaupten, dass es eben der Moment der Hoffnung auf ein menschliches Leben, d.h. ein Leben als sich seiner bewusst gewordenes Individuum ist, der bei der Depression abhanden kommt bzw. dessen totale Unvereinbarkeit mit dem Bestehenden dem Depressiven vom Vorbewussten ins Bewusstsein drängt. Aber statt zu einer kritischen Reflexion bleibt die Erkenntnis über den Widerspruch von Individuum und Warengesellschaft blind und perpetuiert so, was sie zu erkennen vorgibt. Obschon es mitnichten so ist, dass das Subjekt Totengräber des Individuums sein muss, schaufelt der Depressive nahezu lustvoll das eigene Grab und verdrängt die eigenen Möglichkeiten durch die stetige Behauptung ihrer Unmöglichkeit. Genüsslich wird die „großartige Ichverarmung“ (S. 200) zelebriert, während man sich selbst ganz mit dem Subjekt identifiziert, das einzig den gesellschaftlichen Anforderungen genügen soll. So ergeht es dem Depressiven wie dem verschmähte Liebhaber, der sich mit seiner ehemaligen Geliebten identifiziert und sein Ich masochistisch hintenanstellt, um am Eigenen lustvoll zu exorzieren, was eigentlich an Sadismus gegen die ehemalige Geliebte gerichtet ist. Der Depressive hasst die Gesellschaft, der er sich als Subjekt verschreibt, aber er kanalisiert diesen Hass, indem er ihn in totaler Identifikation mit der vorgegebenen Rolle gegen sich richtet. Der eigentliche Verlust, d.h. der Verlust der Hoffnung darauf, eines Tages doch als Individuum nach den eigenen Bedürfnissen und Wünschen zu leben, wird dabei negiert und aus dem Bewusstsein getilgt.1

Es bleibt für den Depressiven das diffuse Gefühl, durch das eigene Handeln den Untergang des Ich erst besiegelt zu haben. Ein Gefühl, welches sich in Schuldgefühle wandelt, die, da der Verlust dem Bewusstsein versperrt ist, auf das Versagen gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen bezogen werden. Nicht die selbstauferlegte Versagung eines bewussten Lebens wird sich schamvoll eingestanden, sondern dass die eigene Optimierung für die Warengesellschaft nicht zur Genüge vollzogen werden kann, erscheint scham- und schuldbesetzt. Die Depression richtet sich so zweifach gegen den Menschen, einerseits indem sie ihm seine Hoffnungen verschütten, andererseits indem sie ihn unter den gegebenen Bedingungen zur Identifikation mit dem Bestehenden drängt.

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Freud, Sigmund. Trauer und Melancholie. Studienausgabe Band 3. S. Fischer. FFM. 1975

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  1. Dass es gerade das Sujet des individuellen und genussfreudigen Subjekt ist, das seit Jahren die Werbeindustrie dominiert und mittlerweile durch alle Klassen als Zielorientierung bei der Lebensplanung genannt wird, zeigt wie wenig die Hoffnung auf Individualität allgemein noch besteht und wie umfassend sie durch Phrasen abgelöst wurde. [back]


Exhibition Rudi Weissenstein July 3, 2015 | 10:31 am

Im Leipziger Hauptbahnhof ist noch bis diesen Sonntag (05. Juli 2015) in der mittleren Etage eine Fotoausstellung von Rudi Weissenstein zu sehen, der Zeit seines Lebens mit der Kamera unterwegs war und ein einzigartiges Fotoarchiv schuf. Auf den Bildern sind alltägliche Szenen – Arbeiter, Konzertaufführung, Stadtaufnahmen und Landschaften des jüdischen Palästina vor und nach der Gründung des Staates Israel zu sehen.
mosha_magdiel1946-rudi_weissenstein_“Jugendliche im Moshav Magdiel. In dem Moshav war ein Heim für junge Überlebende der Shoa untergebracht. 1946″ 

Seit letztem Wochenende gab und gibt es noch bis zum Sonntag einige weitere Veranstaltungen in Zusammenhang mit der jüdischen Woche in Leipzig. Mehrere Ausstellungen haben auch längere Laufzeiten.


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»Ihr sollt nie mehr heimatlos sein« July 1, 2015 | 10:15 pm

Die Einwanderung von Juden in den jüdischen Staat ist auf dem höchsten Stand seit 2002. Die meisten kommen dabei zurzeit aus Frankreich. Viel Arbeit für die Jewish Agency, die seit jeher die Immigration organisiert und den Neuankömmlingen bei der Integration hilft.

Im koscheren Pariser Supermarkt »Hyper Cacher«, den der Islamist Amedy Coulibaly überfiel, um dort vier Juden zu ermorden, deutet rein äußerlich nicht mehr viel auf die Attentate vom 7. Januar dieses Jahres hin. Die Spuren des Terrors wurden beseitigt, die Schäden behoben, die Kunden tätigen wieder ihre Einkäufe, insbesondere am Freitag, vor dem Schabbat. Doch die Normalität ist nur scheinbar zurückgekehrt. Der Betreiber des Geschäfts, Patrice Oualid, hatte schon kurz nach dem Anschlag gesagt: »Ich habe nur knapp überlebt, so viele meiner Angestellten und Kunden sind getötet worden. Ich kann nicht länger in Paris bleiben, sondern werde nach Israel gehen.« Bereits vor den Morden hatte der Besitzer und Gründe der Supermarktkette, Michel Emsalem, seine Anteile verkauft, weil die Kundschaft rückläufig war und die Umsätze einbrachen. Das war nicht zuletzt eine Folge der immer stärker zunehmenden Auswanderung französischer Juden. Auch Emsalems Frau und seine beiden Töchter leben nicht mehr in Frankreich, sie sind im vergangenen Jahr nach New York gezogen.

Denn der Antisemitismus in Frankreich, vor allem der islamistisch motivierte, nimmt seit Jahren dramatisch zu. Nach Angaben des französischen Innenministeriums ist mittlerweile von allen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet. Manche davon enden sogar tödlich. »Wir befinden uns in einer Kriegssituation«, erklärte Roger Cukierman, der Vorsitzende des Repräsentativen Rats der Jüdischen Institutionen Frankreichs (Crif), nach dem Anschlag in Paris. Er respektiere daher alle, die sich nicht länger Anfeindungen und Gewalt aussetzen wollten und nach Israel auswanderten. Der Polizeischutz für jüdische Einrichtungen in Frankreich wurde zwar inzwischen deutlich intensiviert. Doch es ist fraglich, ob sich der Wegzug französischer Juden noch stoppen lässt. Nach Angaben der Jewish Agency for Israel und des Integrationsministeriums in Jerusalem wanderten allein im vergangenen Jahr 6.658 von ihnen in den jüdischen Staat aus – dreimal so viele wie 2013 und mehr als aus jedem anderen Land. Gar mit über 10.000 wird in diesem Jahr gerechnet.


Wie die Alija organisiert wird

Ihre Übersiedlung organisiert die Jewish Agency, die offizielle Einwanderungsorganisation des Staates Israel. Am 11. August 1929 gegründet, war sie ursprünglich die Vertretung der Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina und regelte die internen Angelegenheiten des Jischuw, etwa die Immigration, den Bau von Städten, Dörfern und Kibbuzim, das Erziehungs- und das Gesundheitswesen. Seit der israelischen Staatsgründung ist die Jewish Agency zuvorderst für die Einwanderung verantwortlich. Konkret heißt das: Sie motiviert Juden zur Immigration nach Israel, ermöglicht die Einreise, bezahlt das Flugticket und hilft den Neubürgern bei der Job- und Wohnungssuche. Der Hauptsitz der Jewish Agency, die sich seit jeher aus Spenden finanziert, ist in Jerusalem, außerdem unterhält die Organisation mehrere Aufnahmezentren, in denen Neuankömmlinge für eine Weile unterkommen können. In über 80 Ländern ist sie mit Büros vertreten, um schon vor Ort Auswanderungswilligen helfen und deren Immigration nach Israel vorbereiten zu können. Ihr Leiter ist seit 2009 Natan Scharanski, ein früherer sowjetischer Dissident, der neun Jahre im Gulag verbringen musste und 1986 nach Israel emigrierte.

»Alija« wird die Einwanderung im Hebräischen genannt, wörtlich übersetzt heißt das »Aufstieg« ins Heilige Land. Mehr als drei Millionen Juden hat die Jewish Agency seit der Gründung des Staates im Jahr 1948 nach Israel gebracht, darunter 90.000 aus Äthiopien – die letzten 450 in diesem Land verbliebenen Juden kamen im August 2013 – und sogar über eine Million aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Nach dem Rückkehrgesetz von 1950 – dem ersten Gesetz, das vom israelischen Parlament, der Knesset, nach der Staatsgründung verabschiedet wurde – haben weltweit alle, deren Mutter, Vater, Großmutter oder Großvater Jude ist beziehungsweise war, das Recht, mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner und den Kindern »Alija zu machen«, also nach Israel einzuwandern. »Die Nazis haben jeden verfolgt, der eine jüdische Oma und einen jüdischen Opa hatte«, sagt Natan Scharanski, »also lädt Israel jeden ein, auf den das zutrifft«. Für Einwanderungswillige hat die Jewish Agency ein Callcenter eingerichtet, das telefonisch kostenlos in neun Sprachen Fragen beantwortet, berät und Tipps gibt.


Zusätzliche Hilfsprogramme

In das noch junge Israel brachte die Einwanderungsorganisation vor allem Überlebende der Shoa und jüdische Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Dreieinhalb Jahre nach der Proklamation waren 700.000 Immigranten aufgenommen worden, das waren mehr Menschen, als der jüdische Staat bei seiner Gründung Einwohner hatte. Zwischen 1984 und 1992 wurden in drei großen Operationen Tausende äthiopische Juden nach Israel ausgeflogen, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die Leistung bei der Organisation der Einwanderung und der Integration der Immigranten noch größer. In den 1990er Jahren hatte der jüdische Staat, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, die höchste Einwanderungsquote weltweit. Das Rückkehrgesetz wird in Israel nur von ganz wenigen in Frage gestellt, in vergleichsweise ruhigen Zeiten werden allerdings schon einmal Stimmen laut, die die Auflösung der Jewish Agency fordern, weil das Land keinen Zuzug mehr benötige, um seine Existenz zu sichern. »Die Tore sollten weiter offen bleiben für alle Juden, doch mit den Bemühungen, Menschen zur Einwanderung zu überreden, sollte man aufhören«, war beispielsweise im Frühjahr 2008 in der Tageszeitung Haaretz zu lesen. Es gebe auf der Welt schließlich kaum noch Juden, die in echter Gefahr leben.

Eine Einschätzung, die sich als Trugschluss erweisen sollte. Im Jahr 2014 wanderten mehr als 26.500 Juden nach Israel ein, 32 Prozent mehr als im Jahr zuvor und so viele wie seit 2002 nicht. Die meisten Immigranten kamen aus Frankreich und der Ukraine. Das israelische Kabinett legte nach den Attentaten in Frankreich und dem Mordanschlag auf den Wachmann einer Synagoge in Kopenhagen ein zusätzliches Hilfsprogramm für Neueinwanderer in Höhe von 40 Millionen Euro auf. Premierminister Benjamin Netanjahu wiederholte seinen Appell an die in Europa lebenden Juden, nach Israel zu kommen. Ursprünglich war der zusätzliche finanzielle Bedarf vom zuständigen Ministerium sogar auf rund 200 Millionen Euro taxiert worden. Das neue Programm sieht vor, den Hebräischunterricht bereits in den Herkunftsländern auszubauen und die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen, vor allem in den technischen Berufen, zu beschleunigen. Die Jewish Agency und die Regierung geben den Einwanderern für die Anfangszeit in Israel traditionell einen »Aufnahmekorb« an die Hand, der beispielsweise Mietzuschüsse und einen kostenlosen sechsmonatigen Intensivkurs in Hebräisch beinhaltet. Die Immigranten bekommen außerdem Unterstützung bei der Arbeitssuche und günstige Darlehen für den Wohnungskauf.


Probleme und Fortschritte

Dass die Eingliederung der Zuwanderer nicht immer reibungslos vonstattengeht, liegt angesichts ihrer Vielzahl und Verschiedenheit auf der Hand. Auch deshalb wurde das Zusatzprogramm beschlossen. Die Nachfrage wohlhabender französischer Immigranten nach Wohnraum etwa sorgt vor allem in den Städten und an der Mittelmeerküste für einen Anstieg der Immobilienpreise, während sich in anderen Teilen des Landes die Wohnungsnot verschärft. Die aus Frankreich eingewanderten Juden stehen zudem vor einer Sprachbarriere: Französisch wird in Israel kaum gesprochen, und längst nicht alle können sich so lange auf Englisch verständigen, bis sie die hebräische Sprache gut genug beherrschen. Die Anerkennung ihrer Schul- und Berufsabschlüsse ist eine zähe Angelegenheit, trotzdem tun sie sich auf dem Arbeitsmarkt angesichts ihrer zumeist guten Qualifikation begreiflicherweise leichter als beispielsweise die Immigranten aus Äthiopien.

Diese kämpfen zudem mit einem weiteren Problem, nämlich der Diskriminierung in Beruf und Alltag. Unter ihnen rumorte es deshalb schon länger, Anfang Mai eskalierte die Situation schließlich. Auslöser war ein Video, das zeigt, wie Polizisten den äthiopischstämmigen israelischen Soldaten Damas Pakedeh misshandeln. Es kam zu massiven Protesten und im Zuge dessen zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei, zahlreiche Verletzte und Festnahmen waren die Folge. »Wir haben Fehler gemacht«, sagte Staatspräsident Reuven Rivlin, »wir haben nicht genau genug hingesehen und nicht genau genug zugehört«. Die Proteste hätten gezeigt, dass es »im Herzen der israelischen Gesellschaft« eine »offene Wunde« gebe. Premierminister Netanjahu lud Pakedeh persönlich in sein Büro ein und versicherte ihm, von dem Video »absolut erschüttert« zu sein. »Wir akzeptieren so etwas nicht. Die Polizei kümmert sich darum, und wir arbeiten daran, die Lage zu ändern«, sagte er laut Medienberichten zu dem Soldaten.

Verbessert hat der israelische Staat dagegen die Situation einer anderen Bevölkerungsgruppe, nämlich durch eine weitere Liberalisierung des Einwanderungsrechts: Seit August des vergangenen Jahres können auch nichtjüdische Ehepartner homosexueller Einwanderer nach Israel übersiedeln und die Staatsangehörigkeit erhalten. »Israels Türen werden für jeden Juden und seine Familie offenstehen, ohne jede Diskriminierung seines Lebensstils«, sagte der damalige Innenminister Gideon Saar. Natan Scharanski schloss sich an: »Israel ist auf der Alija aufgebaut. Dieser Staat hat den Juden ein unumstößliches Versprechen gegeben: Ihr sollt nie mehr heimatlos sein.«


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Vortrag mit Marius Mocker am 3. Juli in Berlin: „Antisemiten aller Länder…“ – der Hass auf Israel als Schnittpunkt von linkem und gesamtgesellschaftlichem Antisemitismus in Europa July 1, 2015 | 09:24 am

Am 10.07.2015 marschiert wie in jedem Jahr ein buntes Häufchen aus Islamisten, Verschwörungsideologen, der sog. „Israelkritik“ verpflichteten Marxisten-Leninisten und anderer Antisemiten in Berlin unter dem Banner des 1979 vom iranischen Ayatollah Khomeini ausgerufenen „Al Quds-Tags“ auf, um gemeinsam die „Befreiung“ von Al Quds (arab.: Jerusalem) zu fordern. Man kann die Aktivitäten um diese Demonstration getrost als einen jährlichen Treffpunkt des harten Kerns jener Querfront bezeichnen, die an der Organisation und Durchführung der antisemitischen Aufmärsche im Sommer letzten Jahres federführend beteiligt war. Mit der Mobilisierung gegen angebliche israelische Kriegsverbrechen erreichte die zumindest operative Zusammenarbeit zwischen linken und islamistischen Antisemiten hierzulande einen ihrer Höhepunkte in den letzten Jahren.

Vortrag mit Alex Feuerherdt am 3. Juli in Düsseldorf: Das unheilbar gute Gewissen – Vom Antisemitismus in der Linken July 1, 2015 | 09:09 am

Der »Antizionismus«, der in früheren Jahren vor allem »antiimperialistische« Gruppierungen kennzeichnete (und mit dem selbst Taten wie der versuchte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969 oder die Selektion der jüdischen Passagiere von den nichtjüdischen im Rahmen einer Flugzeugentführung 1976 gerechtfertigt wurden) ist längst zum gesellschaftlichen Mainstream geworden – im Zuge jener »Vergangenheitsbewältigung«, mit der die Deutschen sich selbst bescheinigen, geläutert zu sein. Um die von den Nazis ermordeten Juden trauert man – gegenüber den lebenden jedoch, die Israel, das Refugium vor dem weltweiten Judenhass, in Wort und Tat verteidigen, empfindet man keine Empathie, ganz im Gegenteil. Woher aber kommt der linke Antisemitismus, historisch wie aktuell? Wie erklärt sich die Verve der linken »Israelkritik«? Und welche Bedürfnisse kommen in der traditionellen linken Packelei mit den übelsten Feinden des jüdischen Staates zum Ausdruck?

Gegen den Kampftag der antisemitischen Internationale! – Mobilisierungsveranstaltung June 30, 2015 | 09:24 pm

Am 11. Juli 2015 werden sich in Berlin wieder tausende Antisemiten einfinden, um ihre Vernichtungsgebärden gegenüber Israel beim al-Quds-Tag auf die Straße zu tragen. Veranstalter der Demonstration ist die „Quds AG“ um Hauptredner und Verschwörungsideologen Jürgen Grassmann, der auch schon für die Occupy-Bewegung sprach. Der alljährlich stattfindende antisemitische Aufmarsch wurde erstmals vom islamischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini zur Rückeroberung Jerusalems und Vernichtung Israels ausgerufen. Die Berliner Demonstration ist somit Teil dieses reaktionären Kampftags und fungiert als verbindender Kitt zwischen den unterschiedlichsten politischen Strömungen. Grund genug also, nicht in Passivität zu verharren, sondern dem antisemitischen Wahn aktiv etwas entgegen zusetzen. Die Mobilisierungsveranstaltung wird sich inhaltlich mit dem al-Quds-Tag beschäftigen. Zudem werden die geplanten Gegenaktivitäten vorgestellt und über die Anreisemöglichkeiten informiert.

Mittwoch, 30. Juni 2015, 20 Uhr, UJZ Korn

Sich fügen, heißt Lügen.. June 30, 2015 | 08:09 pm

Unserer mehrteiligen Reihe über den Anarchisten, Schriftsteller, Bohemien, Revolutionär, Initiator und Mitglied der Münchner Räterepublik Erich Mühsam kann eine weitere Sendung hinzugefügt werden: Das Hamburger Duo „Sokugayu“ hat Mühsam vertont und wurde (2007) von Sylvia Necker (FSK Hamburg) interviewt. Hier der Link zur Sendung.

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Och, mal wieder auflegen (aka endlich zur Lieblingsmusik laut… June 30, 2015 | 06:01 pm



Och, mal wieder auflegen (aka endlich zur Lieblingsmusik laut aufgedreht tnazen) wäre auch nice. Call me maybe, ich bin für alles zu haben, quasi. Outch.

Wadi-Newsletter Juli 2015 June 30, 2015 | 03:03 pm

Liebe Freunde und Freundinnen von WADI,

seit fast 10 Jahren engagiert sich WADI gegen weibliche Genitalverstümmelung in Irakisch-Kurdistan. Seit drei Jahren haben wir mit unserer Kampagne Stop FGM Middle East gemeinsam mit Hivos den Kampf gegen diese Menschrechtsverletzung in anderen asiatischen Ländern aufgenommen.

Im Nachbarland Iran laufen inzwischen zahlreiche Aktivitäten. Laut einer aktuellen Studie sind in den Provinzen West Azerbaijan, Kurdistan, Kermanshah and Hormozgan 40-60% der Frauen genital verstümmelt.

Wir haben die Veröffentlichung der Studie zum Anlass genommen, die UN aufzufordern, endlich Iran auf die Karte der von Genitalverstümmelung betroffenen Länder zu setzen.

Presseerklärung: FGM in Iran needs to be put on international agenda

Unsere Erklärung wurde von mehreren internationalen Medien aufgegriffen, die auch über einige einzigartige Projekte im Iran berichteten, etwa vom Weekly Standard: Confronting FGM in Iran and Iraqi Kurdistan

 

 

Im Irak konnten wir im vergangenen Jahr dank der Unterstützung von UNICEF Mitarbeiterinnen für sechs weitere Mobile Teams schulen.Diese Teams klären nun in allen Gebieten der autonomen Region Kurdistan über die Gefahren von weiblicher Genitalverstümmelung auf.

Eine Mitarbeiterin der Teams hat einen erschreckenden Bericht über ihre Arbeit verfasst. Wenn sie mit den Dorfbewohnerinnen über Genitalverstümmelung redet, erfährt sie von prügelnden Ehemännern,   gedemütigten Frauen und jungen Mädchen, die gegen ihren Willen mit alten Männern verheiratet werden, weil sie es wagten sich zu verlieben. Lesen Sie den Bericht „We need a great revolution for women“ von unserer Mitarbeiterin Kurdistan Rasul.

Kurdistan Rasul hat kürzlich auch einen Mullah besucht, der zuvor die Vorzüge der weiblichen Genitalverstümmelung gepriesen hatte.
Sie konnte ihn überzeugen, sich künftig an die Gesetze in der Autonomen Region Kurdistan zu halten und seine Ansichten darüber in Zukunft für sich zu behalten.
Lesen Sie den Bericht über ihren Besuch hier.

In der kurdischen Region des Iran hat gerade ein Pilot-Projekt begonnen, wo auch Ehemänner in die Arbeit einbezogen werden. Osman Mahmoudi und seine Frau Elham Huseini bieten in ihrem Familienberatungszentrum in Javanrod Paartherapie für Opfer von Genitalverstümmelung an. Osman erläutert: “Viele Männer wollen heute eine partnerschaftliche Beziehung. Es zehrt an ihnen, wenn sie sehen, dass ihre Partnerin beim Sex unglücklich ist.” Dieses Projekt adressiert in besonderer Weise Fragen von Gleichberechtigung und Partnerschaft in einer Gesellschaft im Umbruch.

Für dieses Projekt brauchen wir dringend Unterstützung durch private Spender. Denn viele der großen Geldgeber unterstützen im Iran keine Projekte, egal um was es geht. Wenn Sie Osmans und Elhams Beratungszentrum unterstützen wollen, spenden Sie bitte hier.

Auch die Medien im Iran haben angefangen über weibliche Genitalverstümmelung zu berichten. Einen entscheidenden Beitrag zur Eröffnung der Debatte leistete Radio Farda (Persisches Programm von Radio Free Europe/ Radio Liberty). Die Journalistin Roya Karimi erhielt für die Sendung “Tradition der Klinge” vergangene Woche die Gold Trophäe bei den New York Festival International Radio Program Awards in der Kategorie “Best Magazine Format”.

Wir gratulieren Roya Karimi und danken ihr für ihre großartige Arbeit!

Langfristige Entwicklung und Verbesserung der Verhältnisse erfordert Ausdauer und gute Kenntnisse der Situation vor Ort. WADI arbeitet seit 1992 in Irakisch-Kurdistan und anderen Ländern im Nahen Osten gemeinsam mit Partnern, die sich eigenverantwortlich für ihre Rechte und eine bessere Zukunft einsetzen.

Bitte helfen Sie uns dabei.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihre Hannah Wettig

WADI ist seit 1992 im Nahen Osten aktiv. Wir arbeiten mit minimalem organisatorischem Aufwand und mit Hilfe ehrenamtlicher Helfer. WADI ist ein anerkannt gemeinnütziger Verein und berechtigt steuerlich relevante Zuwendungsbescheinigungen auszustellen.

Spendenkonto WADI e.V.
IBAN: DE43500100600612305602? | BIC: PBNKDEFF | Postbank Frankfurt
Konto: 612 305 602 ? | ? BLZ: 500 100 60

Der Despotismus der Freiheit June 30, 2015 | 08:33 am

Über revolutionäre Moral und das Glück des Einzelnen in Georg Büchners „Dantons Tod“

Vortrag und Diskussion mit Sebastian Tränkle

Freitag, 10. Juli 2015, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                                      auf dem Contain‘t-Gelände, Güterstr. 10, 70372 Stuttgart-Bad Cannstatt

In Georg Büchners Dantons Tod (1835) wird ein zentrales Problem aller revolutionären Politik dramatisiert: Der Konflikt zwischen Moralprinzipien, die zur Legitimation ihrer Maßnahmen dienen und dem Glücksstreben der einzelnen Individuen. Büchners Drama – in der Sprache so unerhört modern, dass man bisweilen meinen möchte, es nehme Brecht vorweg – seziert in geradezu ideologiekritischer Manier die jakobinischen Moralvorstellungen und ihre blutigen Konsequenzen. Aus der historischen Rückschau lässt das zur terroristischen Endzeit der Französischen Revolution situierte Stück gar Fluchtlinien hin zum Großen Terror des Stalinismus erkennen. Vor dem Hintergrund der beiden historischen Erfahrungen wird die Fragwürdigkeit politischer Moral deutlich. Mit einem Seitenblick auf Oscar Wilde soll ihr schließlich eine materialistische Absage erteilt werden: Dort wo nur für »die Sache« gekämpft wird, statt für das eigene Glück, ist die Revolution schon an den Revolutionären gescheitert; oder: wo der Glücksanspruch des Einzelnen umstandslos der Durchsetzung allgemeiner Prinzipien geopfert wird, führt sich jeder Versuch zur Befreiung selbst ad absurdum. Von Sebastian Tränkle ist ein Aufsatz zum Thema erschienen: »Polizeisoldat des Himmels. Über revolutionäre Moral und die Negation des individuellen Glücksanspruchs«, in: Hendrik Wallat (Hg.), Gewalt und Moral. Eine Diskussion der Dialektik der Befreiung, Münster: Unrast 2014. Der Vortrag möchte mit dem Essay auch das Buch vorstellen.

Sebastian Tränkle ist u. a. als freier Autor tätig und lebt in Berlin.

Eine Veranstaltung von Contain’t und Emanzipation und Frieden

 

Saddams Erbe June 29, 2015 | 01:19 pm

Iraqi forensic teams in the southern province of Basra have found a mass grave containing 377 corpses apparently killed during the 1991 Shiite uprisings against Saddam Hussein’s dictatorship, said Iraqi human rights officials Sunday.

A statement released by Mehdi Tamimi, an Iraqi government human rights officer, said that the mass grave was found in the east of Basra province. According to Tamimi, the grave is the second biggest mass grave ever found in southern Iraq.

“The first stage of exhuming bodies has been initiated. Bodies are mainly believed to be women and children,” Tamimi said, adding that the forensic teams need larger budgets for further excavations.

According to Tamimi, there are more than 40 mass graves in Basra province. He emphasized the importance of preserving graves in order for them to be documented properly.

Quelle

Ziel erreicht June 28, 2015 | 03:25 pm

Ein IS- Anhänger spricht:

Was will der Islamische Staat mit so einem Anschlag in Tunesien bezwecken?
Sie wollen die tunesische Wirtschaft kaputt machen, die auf Tourismus basiert. Dann wird der Staat destabilisiert und sie können das Volk gewinnen.

Und sie haben Erfolg:

Nach dem verheerenden Anschlag auf Touristen in Port El Kantaoui verlassen Tausende Urlauber das Land. Bis Sonntag wollten britische Reiseveranstalter 2500 Touristen heimbringen, der belgische Anbieter Jetair sprach von 2000 Urlaubern. Der Reiseveranstalter Tui rechnet damit, dass insgesamt 250 deutsche Urlauber ihre Ferien dort abbrechen werden. „Bis zum Sonntagabend werden wir rund 200 Gäste ausgeflogen haben“, sagte ein Sprecher des Unternehmens an diesem Sonntag in Port el Kantaoui.

Bei den Einheimischen ist das Entsetzen groß. Viele Tunesier können es nicht fassen: Erst im März kamen bei einem Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis 21 Touristen ums Leben. Am Freitag dann wurden 38 Menschen bei dem Hotel-Attentat in Port el Kantaoui getötet – die meisten davon Urlauber aus Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Auch ein Deutscher zählt zu den Opfern. Dass nun zahlreiche Touristen das Land erst einmal meiden, verstehen viele Tunesier. Zugleich bangen Hotelangestellte, Händler und andere Abhängige um ihre Zukunft. „Das ist ein tödlicher Schlag für den Tourismus“, sagt Ali Soltani, Händler in der Altstadt von Sousse. „Das ist mehr als eine Katastrophe, es gibt nun für mehrere Jahre keine Hoffnung“, sagt er. Auch der Kupferschmied Kamel Ben Sadok zeigt sich pessimistisch. „Ich habe gar keine Lust mehr zu arbeiten“, sagt er. „Seit gestern fühlen wir uns wie Dummköpfe, die nichts tun können.“

Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen June 28, 2015 | 08:37 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 3. Juli 2015, 19 Uhr, Ludwigsburg
Hotel und Restaurant Kronenstuben
Kronenstrasse 2, 71634 Ludwigsburg

Eine Veranstaltung des fds – Forum Demokratischer Sozialismus
Baden-Württemberg

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres
stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida. June 28, 2015 | 08:36 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 6. Juli 2015, 20 Uhr, Bielefeld

Extra-Blues-Bar, Siekerstr. 25, 33602 Bielefeld

Dienstag, 7. Juli 2015, 19 Uhr, Osnabrück

SubstAnZ, Frankenstr. 25a, 49082 Osnabrück

Eine Kooperation von: Assoziation gegen Antisemitismus, Jugendantifa Kreis Osnabrück und der Hochschulinitiative Antifaschismus

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und  Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergmann schreibt u.a. in Jungle World, Konkret und auf www.emafrie.de

Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte von Nachhaltigkeit schweigen June 28, 2015 | 08:34 am

Warum wir mit „unserer Wirtschaft“ nie eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Gesellschaft erreichen werden

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 8. Juli 2015, 18.30 Uhr, Berlin
Humboldt-Universität, Hauptgebäude, Unter den Linden 6 Raum 1070

Eine Veranstaltung des Referats für Ökologie und Umweltschutz im Refrent_innenrat der Humboldt-Universität zu Berlin

Alle sind für Umweltschutz, aber die Müllberge werden immer größer. Alle sind für  soziale Gerechtigkeit, aber Kinder- und Altersarmut nehmen zu. Alle wünschen sich mehr freie Zeit zum Leben, aber müssen immer mehr und länger arbeiten. Niemand will die Krise, aber keiner kriegt sie in den Griff. Es mangelt nicht an gutem Willen, dieser verhängnisvollen Dynamik etwas entgegen zu setzen. Doch immer wieder stoßen entsprechende Initiativen an unüberwindlich scheinende Grenzen. Wunsch und Wirklichkeit in dieser Gesellschaft gehen oft so weit auseinander, dass sich die Frage nach ihren grundsätzlichen Konstruktionsfehlern aufdrängt. Diese liegen in einem Wirtschaftssystem, das nur funktionieren kann, wenn es buchstäblich die ganze Welt seinen Zielen Wachstum, Arbeit und Profit unterwirft. Gegen den Kapitalismus sind viele. Aber haben sie auch etwas von dem verstanden, das diesem -Ismus den Namen gibt – vom Kapital? Der Referent beleuchtet grundlegende Funktionsweisen des Kapital-ismus und wirft dabei auch einen kritischen Blick auf oberflächliche Formen eines nur vermeintlichen „Antikapitalismus“ sowie auf gut gemeinte  „Alternativvorschläge“, die regelmäßig an der Funktionsweise „unserer Wirtschaft“ scheitern. Will man eine bessere Welt schaffen, muss man erst einmal verstehen, wie die jetzige tickt.

Lothar Galow-Bergemann war langjähriger Personalrat in zwei Großkliniken und schreibt u.a. in Jungle World, konkret und auf www.emafrie.de

Nochmal: Die Große Fuge von Ludwig van Beethoven June 28, 2015 | 06:47 am

Die Große Fuge in B-Dur (op133) ist das Werk Beethovens, das mich beim ersten Hören spontan am heftigsten in sich hineingerissen hat. Und bis heute bleibt sie mir das faszinierendste und vielleicht auch bedeutendste Werk des Komponisten. Vielleicht, weil mir als modernem Menschen in einer chaotisch zersplitterten Welt die wuchtige Fuge näher steht, als die […]

Wahre Demokraten und andere Nazis June 27, 2015 | 03:03 pm

„Dass einer ein guter Nazi gewesen war, bedeutet trotzdem immer noch, dass mit ‚guter Nazi’ das rührige Mitglied einer hochgradig kriminellen Vereinigung gemeint war.“ (Eike Geisel)

Das Bedürfnis in Kassel nach Vergangenheiten und die Vergangenheit

„Vergangenheiten“ heißt ein Band, der kürzlich veröffentlicht wurde, um der Frage nachzugehen, inwieweit die ersten drei Kasseler Bürgermeister nach 1945 in das nationalsozialistische Regime „verstrickt“ waren. Der Titel ist Programm und Anspruch, geht es doch darum, in Sachen deutsche Vergangenheit zu differenzieren. So wie das Verb „verstrickt“ erheischt die, der Knoppschen Nebelwerferkompanie entstammende Phrase vom Differenzieren allgemeine Beliebtheit, wenn es um die deutsche Geschichte geht. Es besteht das große Bedürfnis, sich trotz Wissen um den Nationalsozialismus, positiv auf die Nation oder eben auf Kassel zu beziehen, beziehungsweise im konkreten Fall, positiv auf eine (sozial)demokratische Tradition, die es in Kassel zumindest nach 1945 gegeben haben soll.

2013 veröffentlichten die Wissenschaftler Jens Fleming und Dietfrid Krause-Vilmar den Band „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte.“ Der Band will, so die Herausgeber, Tiefenbohrungen an „entscheidenden historischen Ereignissen und Konstellationen“ vornehmen, um die Stadtgeschichtsforschung unter neuen Aspekten wieder zu eröffnen. Man annonciert, sich vom Jubelband zur Tausendjahrfeier abzugrenzen, der 1913 erschien und Vergangenheit inszenierte.

Die beiden Wissenschaftlerinnen Anne Belke-Herwig und Barbara Orth schreiben in ihrem dort platzierten Beitrag „Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945“: „Es ist auffallend, dass nicht nur der erste Bürgermeister der Stadt Willi Seidel, sondern zugleich auch einige Dezernenten … bereits lange Jahre für das nationalsozialistische Kassel tätig gewesen waren … Obwohl sie weder an Verbrechen beteiligt waren noch justiziable Schuld auf sich geladen hatten, begründeten sie mit ihren persönlichen Vernetzungen Kontinuitäten, die einem grundlegenden Neuanfang nicht förderlich waren.“ In der Fußnote erwähnen sie, dass nicht nur Seidel, sondern auch die folgenden Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen und Karl Branner im NS-Regime in unterschiedlicher Weise integriert waren.

In Seidel beschreiben die beiden Autorinnen einen Bürokraten der Verwaltung einer Provinzstadt im Nationalsozialismus und in Branner einen Ideologen, der seine Doktorarbeit der Umsetzung völkischer Ideologie in der Wirtschaft- und Steuerpolitik des NS-Staates widmet und es sich dabei nicht nehmen ließ, jüdische Autoren mit einem Stern zu markieren. Dass ihre Tätigkeit, einer verbrecherischen Gemeinschaft dienlich zu sein, nicht justiziabel war, sagt weniger etwas über ihre Tätigkeit aus, als vielmehr etwas über die deutsche Justiz und Rechtsprechung sowie dem Rechtsverständnis in der postnazistischen Gesellschaft.

Über die Wünsche des Kasseler Oberbürgermeisters und wie es in ihm denkt

Obwohl im Jargon deutscher Geschichtsaufarbeitung nur als Mitläufer oder eben als “Belastete” der Nazigesellschaft ohne Verbrechen begangen zu haben, klassifiziert, führte die Feststellung der beiden Wissenschaftlerinnen dann dazu, dass der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen in einem Interview mit der HNA am 12.10.2013 erklärte, „die Fairness gebietet es, mit Besonnenheit und Sorgfalt offene Fragen zu beantworten“ und suggerierte damit, die beiden Autorinnen wären ohne Besonnenheit und Sorgfalt zu Werke gegangen. Weiter forderte er, „renommierte Historiker“ sollten beauftragt werden, einen „Blick von außen“ auf die Angelegenheit zu richten, denn dies verspreche „unbefangen zu bleiben.“

Diese, den Forscherinnen gegenüber despektierlichen und abwertenden, Bemerkungen begründen sich in dem von ihm geforderten Ziel, „das Leben von Branner – auch das vor 1945 – nachzuvollziehen und seine Doktorarbeit im historischen Zusammenhang einzuordnen.“ In den historischen Zusammenhang zu stellen heißt, anders als suggeriert wird, im Zusammenhang des Nationalsozialismus dazu beizutragen, den Nationalsozialismus als einen von der deutschen Geschichte historisch abzutrennenden Kosmos mit eigenen Regeln zu betrachten, der 1933 begonnen und 1945 beendet wurde. In historistischer Manier wird somit der mit Beginn der deutschen Geschichte (1813/1815) gewachsene Zusammenhang von Volksgemeinschaft, Obrigkeitsdenken, konformistischer Revolte und Antisemitismus eliminiert, einem ideologischen Konglomerat das in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Revolution 1933 staatsgewordene Erfüllung fand. Zur Geschichte Kassels gehört in diesem Zusammenhang, dass Nordhessen (neben Oberhessen) eine Hochburg des Antisemitismus im 19. Jahrhundert war, in Kassel die NSDAP vergleichsweise gute Wahlergebnisse erzielte und im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Deutschland, das Novemberpogrom 1938 gegen die Juden in Kassel zwei Tage vorher stattfand.

Das durchaus sehr unterschiedliche Tun und Lassen der Volksgenossen von 1933 bis 1945 wird nicht als konstituierender Bestandteil eben dieser Gesellschaftsform, sondern als Mimikry angesichts eines 1933 über die deutsche Gesellschaft hereingebrochen Unrechtssystems beurteilt. Als solches läßt sich das Agieren der Volksgenossen im Gesamtzusammenhang der NS-Gesellschaft vom Tatvorwurf verbrecherischen Mittuns freisprechen und anstatt dessen davon abstrahierend von Mitläufertum und Belasteten (unterschiedlichen Grades) reden. Nur so können dann die Volksgenossen nach 1945 als “wahre Demokraten” wie Phönixe aus der Asche aufsteigen.

Damit man nicht allzu plump daher kommt, sich von der heute gern kritisch betrachteten Persilscheinpraxis der Nachkriegszeit und von dem Geschichtsrevisionismus rechter Provenienz zu unterscheiden, differenziert man zwischen bösen und nicht so bösen und guten und nicht so guten Volksgenossen, zwischen Widerstandskämpfern, Mitläufern, Belasteten und Tätern, erkennt lauter Verstrickungen und Nöte der Handelnden. Die Täter sind immer die anderen, sie sind Nazis, sozusagen Spezies aus dem Weltraum, die Deutschland um Ehre und Ansehen gebracht haben, die die Juden verfolgten und ausgerottet haben und damit Deutschland um wichtige Bestandteile der Wissenschaft, Kultur und Vielfalt beraubt hätten.

„Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer, sonst hätte es das System nicht gegeben“ redet es aus dem Oberbürgermeister und bringt damit genau das zur Sprache, was das NS-Regime ausmachte. Der NS war eine Konsensdiktatur und Menschen wie Branner und Co. waren der personale Ausdruck dafür. Allein das „nicht alle“ im daher gesagten Satz des Oberbürgermeisters suggeriert, es hätte sie gegeben, die Widerstandskämpfer, das andere Deutschland, die Unentschiedenen, die die still hielten und insgeheim den Alliierten die Daumen drückten. Sie hat es auch gegeben, sicher, aber in Spurenelementen, in der Emigration, in den KZs und in den Gefängnissen – sie waren die Ausgestoßenen, die Verräter (und das bis weit in die Gegenwart hinein), sie waren wenige, sie waren nicht Bestandteil der Volksgemeinschaft.

Sekundiert wird des Oberbürgermeisters Rettungsversuch schließlich von einem Heinz Körner (SPD), der nun als “Kassel-Chronist” meint, den Historikern einen verengten Blick vorwerfen zu müssen. Sie hätten nicht berücksichtigt, dass die NSDAP über allem stand und angesichts dieses misslichen Umstands habe sich das menschenfreundliche und demokratische Potential eines Seidel nicht entfalten können. Leider ganz umsonst, so führt dann Körner ein Beispiel an, habe Seidel bei den Kasseler Nazigrößen Lahmeyer und Weinrich um Nachsicht für einige seiner geprügelten Genossen gebeten.

Kramer führt jedoch nur ein Paradebeispiel an, wie das NS-Regime als Unstaat funktionierte. Die Versuche Seidels, etwas für seine Freunde und Bekannten zu tun ist typisch für eine Gesellschaft, in der Seilschaften und Banden, verschiedene, sich gegenseitig belauernden Cliquen, die um ihre Klientel besorgt waren und stets suchten, für sie etwas zu tun, um Einfluß ringen. Statt öffentliche Debatte, Vermittlung und Repräsentation, statt politische Auseinandersetzung, öffentlicher Protest und Aufstand das Kungeln, das Unmittelbare, das Fürsprechen bei den Mächtigen, von deren Willkür es dann abhing, ob der Fürsprache Erfolg beschieden war oder nicht.

Noch nach 1945 präsentierte sich Seidel als gelehriger Schüler der NS-Ideologie. Zum einen versuchte er sich nun als Fürsprecher des Nazibürgermeisters Gustav Lahmeyer und setzte den Nazi Albert Voßhage als Stadtkämmerer durch, auch kannte er nach 1945 weder Täter noch Opfer, sondern nur noch Kasseler und die, ihn selbst eingeschlossen, hatten dann eben für das Gemeinwohl die Schippe in die Hand zu nehmen um für die Umsetzung der Pläne, der von Seidel in Amt und Würde belassenen Nazistadtplanern den Schutt wegzuräumen. Selbstredend galt dies auch für die Überlebenden der KZs und für die vom Naziterror befreiten Sklavenarbeiter. Darin sieht Körner natürlich nicht eine besonders perfide Praxis der fortexistierenden Volksgemeinschaft, sondern denunziert die Kritik an diesem Gebaren des ersten Bürgermeisters als einen nicht zu duldenden Seitenhieb.

Über Forschungen und ihre Ergebnisse

Nachdem nun also der Oberbürgermeister befand, dass sich dem Thema besonnen und sorgfältig zu widmen sei, beauftragte die Stadt Kassel die Historikerin Sabine Schneider, das Thema der Nazi-Kollaboration der Nachkriegsbürgermeister erneut zu erforschen. Im nun erschienen Band wird festgestellt, dass Seidel, Lauritzen und Branner „keine NS-Verbrecher“ waren. „Aber sie haben, wie Millionen andere Deutsche … auf unterschiedliche Weisen den Nationalsozialismus unterstützt, zum Funktionieren des NS-Systems beigetragen.“ Im folgenden explizieren die Autoren noch was sie gemeint haben und eiern um die Erkenntnis herum, dass der Nationalsozialismus weder ideologisch und noch politisch homogen war und trotzdem als Einheit zu Begreifen ist, und es daher auch unmöglich ist, die Gruppe derjenigen, die wie im aktuellen Fall, euphemistisch als NS-belastet bezeichnet werden von den anderen, die nur allzu gern als belastet bezeichnet werden, zu unterscheiden. So lassen sich die einzelnen Volksgenossen immer als etwas besonderes darstellen und nicht als allgemeiner Ausdruck der Nazigesellschaft.

Prof. Jörg Kammler, einst Forscher in der von ihm mitbegründeten Forschungsgruppe „Nationalsozialismus in Nordhessen“, beschäftigte sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kassel und Umgebung. In dem von ihm mit herausgegebenen Band „Volksgemeinschaft Volksfeinde“ führt er über das Thema Widerstand, Widerspruch, Mitläufertum und aktivem Mittun aus: „Verbunden waren ‚Kern’ und ‚Peripherie’ des Widerstandes durch die Qualität und Problematik individuellen Widerstehens.” Hier versucht er noch eine Einheit von Widerstand und nörgelnden Volksgenossen herzustellen um darzustellen, dass der Widerstand nicht die Sache von ganz Wenigen war. Diese Sichtweise wird von ihm selbst im Laufe seines Aufsatzes revidiert. “Auch für den auf eine Gruppe bezogenen und politisch bewussten Gegner war es im persönlichen Handeln nicht mit der einmal getroffenen grundsätzlichen Entscheidung getan. Die Entscheidung musste immer erneut bekräftigt werden, und sie stand auch immer wieder in Frage. … Daß der Schritt von der bloßen oppositionellen Stimmung hin zum Handeln auch in aussichtslosen Situationen immer wieder getan wurde, hing im Ernstfall … vor allem von moralischer Sensibilität, dem Bewusstsein von einer zu verteidigenden Identität und schließlich von dem Willen, diese Identität auch um den Preis persönlicher Gefährdung zu bewahren.“

Obwohl es um Kassel herum einige rote Dörfer gab, in denen die KPD und/oder die SPD bis 1933 die beherrschenden politischen Kräfte waren und in denen die NS-Herrschaft mit terroristischen Methoden durchgesetzt werden mußte, insgesamt nahm der Widerstand gegen die NS-Herrschaft in und um Kassel herum wie in Deutschland insgesamt eine gesellschaftlich  unbedeutende Rolle ein. Nur wenige entschieden sich 1933ff trotz offensichtlichen Charakters des NS-Regimes richtig, nämlich in antifaschistischer Weise. Auch für die nach 1945 in Kasseler führenden Politiker gab es immer wieder Punkte, an denen sie aktiv handelten und Entscheidungen trafen. Der eine promovierte bei einem bekannten NS-Ideologen, der andere entschied sich für eine Karriere in der kommunalen Bürokratie des NS-Staates und alle drei traten irgendeiner der vielen Organisationen des NS-Apparates bei, entschieden sich also in wichtigen Situationen für die Option, mit dem NS zu paktieren. Körner bringt es auf den Punkt, Widerstand hätte Seidel den Posten gekostet, also entschied er sich dafür, beim NS-Staat mitzumachen. Sie handelten wie die meisten anderen, was ihr Handeln und ihre Entscheidung aber nicht exkulpiert, wie es der „Kassel-Chronist“ einem weismachen will, sondern symptomatisch für die gesellschaftliche Situation im NS-Staat steht. Ihre immer mal wieder zum Ausdruck gebrachten Nichteinverständnisse mit der einen oder anderen politischen Entscheidungen des NS-Staates machte sie weder zu heimlichen Opponenten oder gar zu Widerstehenden, sondern zu typischen Vertretern der NS-Gesellschaft.

Nur ganz Wenige entschieden sich für eine andere Option. Kammler beschreibt deren Lage als eine Situation, in der sie isolierte, gehetzte und ohnmächtige Individuen waren, „deren Handlungsspielraum sehr gering war.“ Ihnen gegenüber standen die Vielen, die zwar nicht mit allem einverstanden waren, Ablehnung zum Ausdruck brachten und vielleicht sogar gelegentlich dem Willen des NS-Staates zuwiderhandelten, doch tragender Bestandteil des Regimes waren. Ihr „persönliches Handeln bestimmte sich … überwiegend nach den Kategorien des Regimes“ resümierte Kammler und beantwortet damit die von ihm zu Beginn zur Diskussion gestellte Frage, wie eng der Begriff von Widerstand zu setzten ist.

Diese weit verbreiteten Haltung der nörgelnden Volksgenossen präsentierte nach Kriegsende der entsetzten Weltöffentlichkeit die Mär, nicht für das NS-Regime gestanden zu haben, sondern sogar Teil des Widerstands gewesen zu sein. Die, die Truppen der Alliierten begleitenden Offiziere der jeweiligen Aufklärungseinheiten wunderten sich daher, dass ihnen im niedergeworfenen Deutschland keine Nazis mehr begegneten. Kammler beschließt seine Betrachtung mit der Bemerkung „Die Akten der Verfolger lassen erkennen, dass Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“

Das Nachleben eines Kasseler Eichmanns und eines Kasseler Rosenbergs

Branner und Seidel sind typische Repräsentanten für das NS-Regime. Während Seidel als Bürokrat im Kasseler Rathaus wichtige Arbeit für das Funktionieren des NS-Regimes in der Provinz leistete und auch mit dem Raub jüdischen Eigentums befasst war, also ein kleiner Dutzend-Eichmann war, steht Branner für den Volksgemeinschaftsideologen, der seine wissenschaftliche Beschäftigung der Anpassung der Wirtschaftswissenschaft an die Volksgemeinschaftsideologie widmete, wirkte also wie etwa Alfred Rosenberg an der für den Nationalsozialismus zentralen Ideologie mit. Dass er nicht den Bekanntheitsgrad eines Rosenbergs erreichte, lag weniger an der Festigkeit seiner Gesinnung, als vielmehr daran, dass er nicht das Zeug dazu hatte zum Volkstribun zu werden und auch sein Thema nicht dazu taugte, ihn zum großen Ideologen zu werden zu lassen. Im Gegensatz zu den beiden hier genannten und allgemein als Nazis bekannten Eichmann und Rosenberg, wurden der Kasseler Westentaschenrosenberg und Dutzendeichmann nicht bestraft, sondern machten Karriere als „wahre Demokraten“ im Nachkriegsdeutschland, ein Weg, den die Bestraften, hätte man ihnen Bewährung gewährt, als ordentliche Deutsche auch gegangen wären.

Doch heute schauen sich auch Seidel, Branner und Lauritzen die Radieschen von unten an und da nur für Günter Grass schon zu Lebzeiten ein Museum und ein Denkmal errichtet wurde, warum nicht diese als Namenspatrone für Straßen, Brücken und Häuser auserwählen. Es gibt in Kassel ja auch eine Waldemar-Petersen-Straße, einen Fieseler-Storch-Kult, es gibt das Ehrenmal in der Aue, auf dem bis heute die Vernichtungskrieger und ihre Einheiten geehrt werden, usw., warum soll es dann keine Branner-Brücke, keine Willi-Seidelhaus etc. geben.

Alle sind „differenziert“ zu betrachten! Der Fieseler-Storch eine geniale Flugzeugkonstruktion eines “entjudeten” Kasseler Betriebes, ein Waldemar Petersen ein genialer Ingenieur der auch in Kassel wichtigen AEG-Werke und die vielen Soldaten, die an allen Fronten für Vaterland und Führer das Leben ließen, waren doch auch Söhne dieser Stadt. Das geht nur dann, wenn Roland Freisler und der Gestapo-Chef Franz Marmon, die auch Söhne der Stadt waren, dafür herhalten müssen zu beweisen, dass die postnazistische Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und den Nazifaschismus als unbenamte und undeutsche Gewaltherrschaft verurteilt. Hitler wie in Helsa die Ehrenbürgerschaft abzusprechen, Freisler und Marmon keine Straßennamen zu widmen ist Ausdruck dafür, sie aus der Identifikation stiftenden Geschichte zu extrahieren und dem Bösen zuzuordnen. Ob man jetzt wie die CDU und die Kasseler Linke versucht, Branner & Co zu “entehren”, oder wie die SPD in ihnen “wahre Demokraten” zu sehen, beides ist der Versuch die deutsche, die Kasseler oder, im speziellem Kasseler Fall, die Geschichte der SPD zu retten. Deutschland ist heute ein anderer Staat und Kassel eine andere Stadt, so einfach ist das.

Sicher haben die Autoren von „Vergangenheiten“ Recht, wenn sie behaupten, dass die Integration der Nazis in die demokratische Gesellschaft wesentlich zur Befriedung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft beigetragen hat. Doch dies machte gerade das Unheimliche dieser Gesellschaft aus. Nicht die Nazis, sondern das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, erkannte Theodor W. Adorno als potentiell bedrohlich an. So kam es in Deutschland, anders als beispielsweise in Jugoslawien, nicht zur Tabula Rasa, und dass die gerade von den Alliierten abgesetzten Nazis, außer vereinzelt vor den gerade freigelassenen KZ-Häftlingen, nirgends wo beschützt werden mussten ist bezeichnend. Weil der antifaschistische Widerstand eben keine Basis in der deutschen Volksgemeinschaft hatte, wandten sich die Besiegten eben auch nicht der Rache gegen die Nazis, sondern beflissen dem Wiederaufbau ihrer in Trümmern liegenden Städte zu. So auch in Kassel.

Branner wurde dann doch von seiner Vergangenheit eingeholt. Nicht aber die als Nazi, sondern die als gewendeter Antifaschist fiel ihm auf die Füße. Branner geriet in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft und betätigte sich dort im Gefangenenlager als führende Kraft im antifaschistischen Komitee. Er beurteilte verschiedene Mitgefangene, was der jugoslawischen Lagerverwaltung als Anhaltspunkt für die mögliche Entlassung der Insassen diente. Nicht die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Soldaten als Teil der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu Recht in einem Lager saßen und als solche von Branner eben als bockig und verstockt klassifiziert wurden, sondern dass Branner durch diese Tätigkeit als Kameradenschwein angesehen wurde, einen Vorwurf, den er nur mit Mühe von sich weisen konnte, steht für die Logik des Postnazismus, der in der despektierlichen Bemerkung der HNA über diese einzig zu begrüßende Tätigkeit Branners bis heute fortwirkt.

Literatur:

Anne Belke-Herwig, Barbara Orth, Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg.) J. Flemming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 2013

Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2., (Hg) W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Kassel 1987

Erwin Knauß, Der politische Antisemitismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs unter besonderer Berücksichtigung des nord- und mittelhessischen Raumes, in: Juden in Kassel 1808 – 1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1987.

Herbert Pinno, Ochshausen – 5. März 1933, eine rote Bastion wird geschleift, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2 (ob. zit.)

Sabine Schneider, Eckart Conze, Jens Fleming, Dietfrid Krause-Vilmar, Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Marburg 2015.

Mitschnitt der Veranstaltung mit Olaf Kistenmacher in Esslingen am Neckar: „Israel ist an allem schuld“ – Warum der Judenstaat so gehasst wird June 27, 2015 | 01:18 pm

Laut einer EU-Umfrage sahen 2010 65 Prozent der Deutschen in Israel eine »Gefahr für den Weltfrieden«. Zwei Jahre später schrieb Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, die »Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, und bekam dafür Beifall von ganz links bis rechtsextrem. Der Hass auf Israel wird gern mit der Politik der jeweiligen Regierung des jüdischen Staats erklärt. Doch warum richtet sich die Feindschaft aktuell nicht gegen das Nachbarland Syrien und gegen den „Islamischen Staat“ oder gegen die EU, an deren Außengrenzen so viele Menschen sterben? Der Vortrag wird die verschiedenen Wurzeln der Israel-Feindschaft in Deutschland ausloten: als Folge unbewusster Schuldgefühle wegen der Shoah und als Konsequenz von seit über hundert Jahren bestehenden judenfeindlichen Vorstellungen.

“deutsche interessen” in freital, 26.06.15 June 27, 2015 | 12:59 pm

(via “jungle world“)